Über die Gottebenbildlichkeit und das Menschsein nach Psalm 8
Vom antiken Philosophen und Sophisten Protagoras ist der Homo-Mensura-Satz überliefert: Er lautet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge (anthrōpos metron hapantōn), der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“ Mit diesem Satz lässt sich auch das Anliegen des Renaissancehumanismus charakterisieren. Man könnte dazu auch in der biblischen Schöpfungsgeschichte auf Genesis 1,26-28 verweisen:
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
Der Mensch bildet in seinem Menschsein Gott ab, ohne jedoch von sich aus göttlich zu sein. Diese Gottebenbildlichkeit des Menschen begründet dessen besondere Würde als Geschöpf. Zugleich begründet sie die Gleichheit der Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Ethnie. Nicht ein König ist Gottes Ebenbild mit einem Herrschaftsanspruch. Vielmehr sind alle Menschen einander gleichgestellt. Entgegen der Evolutionstheorie werden in der biblischen Schöpfungsgeschichte alle Menschen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeführt (Monogenismus). Mit der Gottebenbildlichkeit wird keine Herrschaft von Menschen über Menschen begründet, sondern die menschliche Herrschaft über die Schöpfung und insbesondere die Tierwelt (dominium terrae).
Ihr eigenes, irdisches Menschsein haben sie in einem unverfügbaren Geburtsgeschehen empfangen, womit sie es für sich selbst eben nicht definieren können. Stattdessen haben sie sich in der biblisch bezeugten Gottesgeschichte wiederzufinden, wo sie mit den Worten aus Psalm 8 nicht über das Gottesgedächtnis hinwegkommen:
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
(Psalm 8,4-6)
Psalm 8 ist für die Rede vom Menschen in der christlichen Lehre wie auch im christlichen Leben maßgeblich, wird doch explizit darin die Frage nach dem Menschsein gestellt. Allerdings liefert der Psalm selbst keine Definition des Zustandes „Menschsein“, sondern findet den Menschen im staunenden Gotteslob. Gerahmt ist der Psalm vom göttlichen NAMENslob: „HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“
Was göttlich mit uns geschehen ist, zeichnet das eigene Menschsein aus – als Gedächtnis, als Annahme und als Ermächtigung: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (VV 5-6) So verdankt sich Menschsein weder eigener Definition noch eigener Vernunftfähigkeit aus, sondern ist göttlich zugesprochen. So ist in Psalm 8 von einem Gotteslob von Kindern und Säuglingen als „Bollwerk“ gegen Gottesfeinde die Rede (V 3). Nicht die eigene Vernunftfähigkeit macht vor dem Gott das Menschsein aus, sondern die göttliche Wahrnehmung seiner Geschöpfe. Auch in Psalm 8 zeigt sich ein egalitäres, also gleichrangiges Menschsein. Nicht der König, sondern der Mensch ist mit göttlicher Würde ausgestattet: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (V 6) Aber damit ist klargestellt, dass diese Würde nicht im Menschsein begründet, sondern von Gott verliehen ist.