Von Albrecht Goes
Wer lange und immer von neuem unter großen, alten Bäumen seines Weges zu gehen hat, wird um einige Erfahrungen reicher, die er einzeln wohl auch da und dort machen könnte, in ihrem Zusammenklang aber am ehesten auf solchem Gang.
Er wird das Wort ›Ehrfurcht‹ ganz unmittelbar in sich hören. Die Lebensgewalt, die dieses Wort meint, wird ihm begegnen: diese Bäume waren – und fast als die nämlichen schon – lange, ehe du warst, und sie werden sein, wenn du nicht mehr hier sein wirst.
Schwere, dunkle Kronen sind hoch über dir. Sprich leise und sieh ein, daß diese strenge Stille viel Geheimnis in sich birgt und viel Wahrheit im Geheimnis.
Ein eigenes Vertrauen umgibt dich. Meer, Gebirg, Talsenke und weite Ebene werden es dir nicht so zutragen, wie diese Bäume es tun. Lehn dich getrost an den breiten Stamm! Viele Jahresringe haben ihn gebildet. Und fürchte dich nicht!
Aber freilich: auch eine herbe Einsamkeit gehört zu den Bäumen, und du wirst sie mit ihnen teilen müssen. Nicht zu jeder Art von Lebensnähe magst du dich hinfort entschließen, und vieler Frage verweigerst du, von den großen Bäumen ins Menschenwesen zurückkehrend, die Antwort: die tiefen Wurzeln, die keiner sieht und aus denen doch das hohe Leben sich nährt, machen dich schweigsam.
Und: dieser Gang wird dir – dies zuerst und zuletzt und für immer – den Begriff der Größe geben, und einem, den einmal reine Größe angerührt hat, ist es nicht mehr möglich, das Geputzte schön zu heißen, das Bequeme gut und das Nurebenkluge für wesentlich zu halten.
Der Weg durch das Buch Genesis gleicht einem solchen Weg unter großen, alten Bäumen. Alle diese Erfahrungen warten hier auf den, der irgend erfahren kann.
***
Terebinthe, Feigenbaum, Ölbaum und Palme – aber nein: es verlangt uns, die Genesis lesend, nicht nach Einzelkenntnissen über jene ferne Landschaft. Lesen wir im Homer, so wollen wir nicht nur Ithaka im Geiste sehen, wir wollen Bescheid wissen über Meer und Strand und Gartenpracht. So fragen wir über der Edda nach dem nordischen Land, und nicht anders bei Salomo und Elia, ja schon bei Israels Zug durch die Wüste wollen wir Kunde, wie sie aus Lehr- und Bilderbüchern uns zukommen kann: Wasserläufe und Orte, Berge und Heiligtümer, Gesteinsart und Pflanze wollen wir mit Namen nennen. Nur diese Urkunde, die Genesis – sie dünkt uns gleichzeitig mit aller Zeit, und jeder Ferne nah: alle Sternennacht heißt, wenn die Stunde es will, Nacht über Hebron, und an jedem Brunnen wartet Rebekka.
Freilich: wir haben es nicht ganz leicht, diese Zeichen der lauteren Größe hier unversehrt zu empfangen. Die Kindheitserfahrungen sind es, die uns seltsamerweise im Wege stehen. Adam und Eva, die Geschichte vom Turmbau zu Babel, Josephs bunten Rock – das kennen wir wohl, wie wir die Märchen der Brüder Grimm kennen, und anders noch: in jener Mixtur aus Fabel, Traktat und Nutzanwendung, Religionskunde und Wissenschaft. So drang es zuerst in unser Bewußtsein, so mag es noch heute dort leben: deutlich wohl, doch ohne die Erkenntnis des angemessenen Maßes. Die Genesis ist kein Kinderbuch.
Wie denken wir uns den Leser, auf den dieses Erste Buch Mose in seiner ganzen Mächtigkeit zukommen könnte? Es müßte einer sein, der – in wachsamer Beschränkung – nicht gar zu vieles liest und dem es für lange Zeit genug war, den Begriff des Menschlich-Höchsten sich durch die Betrachtung einiger weniger Gestalten – sei’s der geschehenen, sei’s der geformten Geschichte – zu bilden: Sokrates etwa und den Augenblick, da er den Giftreiber empfing, oder Lear, über die Heide irrend … Und einem solchen Leser begegnet nun dies:
Kain, der Mörder, wie er vom Leichnam seines Bruders weggetrieben wird, jenes dunkle Zeichen auf der Stirn, daß niemand sich an ihm vergreife –
ein alter Mann, der nicht den Tod fürchtet, aber das große Umsonst über seinem Leben: nun muß er in die Sternennacht hinaustreten, und eine Stimme sagt ihm: ›Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen? Also soll dein Same werden‹ – eine Magd in der Wüste, die einen Segen empfängt für das Kind in ihrem Schoß, einen Segen freilich, daß einem das Blut darüber stocken könnte: ›seine Hand wider jedermann, und jedermanns Hand wider ihn‹ – sie aber erwidert in einer Demut, für die es kein Beiwort gibt, erglühenden Angesichts: ›Du, Gott, siehest mich‹ –
und dies: wie einer seinem alten Vater den Segen abgelistet hat, der dem anderen Bruder gehört nach den Ordnungen, ihm aber kraft der Verheißung; es ist ein erschlichener Segen, ein teuer erkaufter denn auch, und ist der Segen doch, der wahre, der unteilbare –
und: wie Brüder da sind, die Böses getan haben an einem unter ihnen, und eben dieser eine steigt nun zu hoher Würde auf, und sie fürchten sich, und fürchten sich nicht ohne Grund, er würde nur eben den Tod des alten Vaters abwarten und dann seine Rache nehmen; er aber sagt: ›Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott‹, nur eben dies: ›unter Gott‹ …
Dies also liest unser Leser, und sieht um sich versammelt: Erzväter, Frauen und Knaben, Urbilder von Anbeginn, Gebärden der Wahrheit und der Verstellung, Träume und Erweckungen, er wagt es, die Summe zu ziehen, er sucht nach einem Wort, er findet keines, oder dieses eine: groß.
***
Man weiß: dieses Erste Buch Mose ist nicht das Werk eines einzigen Verfassers, mehr als ein Erzähler hat dazu beigetragen, und eine redigierende Hand ist über dem Ganzen, und keiner weiß, wieviel Quellen hier zusammenströmen. Auch die Vermutung, daß ein kluger, vorwitziger Spiel- und Fragegeist beteiligt sei, ist nicht abzuweisen. Er könnte gefragt haben, wie ein Kind fragt: warum trägt man Kleider? Warum wird am siebenten Tage nicht gearbeitet? Was ist’s mit dem ›bösen Blick‹? Was hat es auf sich mit dem Salzstein am Weg, der aussieht wie eine Frau? Wer nun freilich sich die Geschichten der Genesis so ›erklären‹ wollte, der gliche dem Unverständigen, der jegliches Strandgut sammelt ohne Unterschied: auch die Qualle ist rosenfarbig, aber nur in der Muschel tönt das Meer.
***
Wir fragen: wie – oder genauer: als was ist dieses Buch zu lesen? Es ist – dies zuerst – zu lesen als das erste Buch des Alten Testaments, als älteste Urkunde über Israels Weg. Wir finden elf Kapitel Urgeschichte und jene neununddreißig Kapitel, die dann folgen, die die Stammesgeschichte der Patriarchen, der Erzväter Israels, erzählen: Geschichte Abrahams, Isaaks, Jakobs und Josephs. Die Urgeschichte wird, einem großen Wandteppich gleich, zu Häupten aufgerichtet für alle, die da kommen: die Urbilder von Erschaffung und Fluch, Brudermord, Sintflut und Errettung; vom zweiten Menschheitsbeginn unter Noah, von der Zusammenrottung der geretteten Welt und von ihrer Zerstreuung in Völker und Sprachen. Dann, mit dem Abraham angehenden ›Gehe!‹ beginnt: die Geschichte. Geschichte von einem, der, aus den Völkern kommend, ein einzelner wird, nicht um dieser einzelne zu bleiben, sondern um hernach – in der Freiheit Gottes – ein Stammvater zu werden, ein Erster und Ältester in der Geschichte des Volkes, das sich aus den Stämmen bildet.
Unlöslich verflochten ineinander sind beide: das Geheimnis der Schöpfung und das Geheimnis des Bundes. Der Ewige durchbricht die Welteinsamkeit und schafft das Du, das Ebenbild. Hochaufgerichtet über allem Menschenweg bleibt die Vollmacht der göttlichen Freiheit, der es – in Ja und Nein – um diesen Menschen zu tun ist. Auch das ›Nein‹ ist allezeit bei Gott: als ein Nein zu seiner Schöpfung – in der Sintfluterzählung; als ein Nein zu einer einzelnen Stadt – so in der Geschichte von Sodoms Untergang; als das Nein zum Aufrührer und Widersacher,· aber dem Nein zur Seite – und hoch über ihm! – steht das Ja: alle Lebensnot und alle Angst, Verwirrung, Unruhe und Wanderschaft, ja alle Bosheit und auch die Sünden – ›etiam peccata‹ – sollen dies nicht aufhalten können, daß Israel dem heiligen Gedanken des Sinai entgegengeht, dem großen Gottkönigtum des ›Ihr sollt mein Volk sein, so will ich euer Gott sein‹.
Es ist möglich, das große Erzählungswerk der Genesis zu lesen als die kühne Schrift der Rechtfertigung, als Botschaft des Stolzes in Israel; aber die eigentliche Herrlichkeit dieser Texte erschließt sich doch nur dem, der das Wort ›Segen‹ gehört und angenommen hat als Gottes Wort: ›Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein‹, und der so denn nicht die nationalen Triumphe zuerst feiert, sondern das unerschöpfliche und unauslöschliche Geschenk des Ewigen, gültig für die Zeiten: von Abraham bis zu Salomo in seinem Glanz, und weiter zu Jeremia, zur babylonischen Gefangenschaft; neu aufleuchtend in Judas Makkabäus, und überdauernd auch die dürren Tage der Synagoge von Hannas und Kaiphas und die Jahrhunderte dann: segnend Jehuda Halevi, den Dichter Israels, und den erneuerten Ursprung in der Geschichte der Chassidim, ein Wander- und Leidvolk begleitend ins Getto von Warschau und in die Todeslager von Auschwitz und Maidanek, und weiter bis ›Erez Israel‹, Vertraute und Fremde gleichermaßen erinnernd an ihre wirklichste Wirklichkeit: daß sie – um dieses Segens willen – bleiben, was sie sind: Abrahams Kinder.
***
Und weiter: dieses Buch ist zu lesen als das erste Buch der Heiligen Schrift, das heißt als die Geschichte, die Christus entgegengeht. ›Hier in Mose haben wir die rechte güldene Fundgrube, daraus genommen ist alles, was im Neuen Testament von der Gottheit geschrieben ist. Es liegt das Erz noch halb in der Gruben.‹ So Luther. Es ist nicht die Meinung, daß dieser Text zuerst das bedeute, was nicht ausdrücklich dasteht. Genug, wenn uns zum Bewußtsein kommt, wie durchsichtig die Vorhänge hier allerwege sind, wie sehr zu dem Wort des sterbenden Jakob: ›Herr, ich warte auf dein Heil!‹ der Lobgesang des Simeon gehört, das große ›Nunc dimittis‹, und wie die verborgene Gegenwart vom ›Sohn des Vaters‹ diesen ältesten Zeugnissen eine geheime Helligkeit, ja eine in der Liebe gegründete Heiterkeit zumittelt, jene verborgene Gegenwart, von der das Wort des Johannesevangeliums spricht: ›Ehe denn Abraham war, war ich.‹
Endlich aber: es ließe sich die Genesis lesen als Menschheitsurkunde schlechthin. Nicht nach der Weise, wie man stoische Philosophie lesen würde als Einübung in die Lebenskunst, wohl aber so: daß die Erkenntnisse über Gut und Böse, über Wagnis und Vertrauen, Wahl und Willensfreiheit allen zugute kommen können.
Der Widerstreit zwischen Glauben und Wissen wird keinem erspart, dem Frömmsten so wenig wie dem Fremdesten, dem Fernsten. Aber offen zugänglich ist auch der Beistand aus einem Wort des Kardinals Newman: ›Es bereitet uns gar keine Not, wenn man uns sagt, die Lehre von den Engelheeren stamme aus Babylon, solange wir wissen, daß sie bei der Geburt Christi gesungen haben.‹ In unsrem Zusammenhang nun wäre fortzufahren: wir sind einverstanden mit dem Gedanken, daß dieses Buch, das zuerst als Urkunde von Israel und hernach als ein Grundbuch der Gemeinde Jesu Christi gelesen werden will, in seiner Wirkungsmöglichkeit über alle Ufer tritt, also daß jeder, dem nur irgend das Organ für des Menschen ewige Berufung nicht völlig verkümmert ist, sich in Adam und Abraham gesegnet wissen darf.
***
Zum Anfang zurückzukehren: ›So einsam, sage ich, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele öffnen will.‹ So hat Goethe im Anblick der nackten Granitfelsen gesprochen, und es ist eine ernst-erhabene Stille in diesem Wort.
Aber die ›älteste, erste und tiefste Wahrheit‹ – in einer anderen, einer anders bewegten Weise noch wird sie hier unser Teil. Im Anblick des Granits wird man in sich verharren. Unter den großen, alten Bäumen aber, deren wir zu Beginn im Blick auf die Genesis gedachten, wird man jenes ›Gehe!‹ hören, das in schwerer Stunde zu Adam, in verheißungsvoller dann zu Abraham gesprochen worden ist, nicht unvertraut auch der Christenheit, die sich dem Stande der Wanderer zugehörig weiß, und das: nicht, um unterwegs zu sein, sondern um anzukommen.
Quelle: Albrecht Goes, Aber im Winde das Wort. Prosa und Verse aus zwanzig Jahren, Frankfurt am Main: G. B. Fischer und Co., 1963, S. 7-12.