Die Liebe, die des Gesetzes Erfüllung ist, schafft und erhält das rechte Verhältnis zum Bruder
Von Hans Joachim Iwand
Luther sagt einmal in einer seiner Thesen: Die Liebe Gottes findet das, was sie liebt, nicht vor, sondern schafft, was sie liebt. Er meint damit, die Liebe Gottes sei nicht bezogen auf einen Wert, sondern die Liebe Gottes macht dadurch, daß sie einem Menschen zuteil wird, diesen Menschen für Gott liebenswert. Er will damit den Unterschied der rechten und der falschen Liebe zeigen. Die falsche Liebe, die ja eben auch Begierde genannt wird, bezieht sich auf einen vorhandenen Wert. Die wahre Liebe aber schafft, indem sie liebt. Das heißt, die wahre Liebe trägt die Wirklichkeit dessen, was sie liebt, in sich und sucht sie nicht außer sich. Sie liebt nicht einen Menschen, weil er schön und gut und wahr ist, sondern indem sie diesen Menschen liebt, bringt sie ihm Wahrheit, Güte, reines Herz. So liebt Gott den Menschen. Darum ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung, weil sie bringt und schafft und uns zueignet, was das Gesetz verlangt.
Ich könnte auch so sagen: Die Liebe Gottes in Jesus Christus und die Tatsache, daß Gott der Schöpfer ist, ist ein und dasselbe. «Wer in Jesus Christus ist, ist eine neue Kreatur.» Das heißt, der ist von Gott geliebt; und umgekehrt, wer von Gott geliebt ist in Jesus Christus, den verwandelt diese Liebe in ein neues Bild. So ist es also so mit dem Menschen, daß er nicht nur ein Bild hat, das Bild, das er von sich selber hat in seinem Gewissen, sondern daß neben diesem Bild noch ein anderes da ist, ein Bild, das Gott von uns hat und das wir anschauen in Jesus Christus. Jesus Christus ist für uns alle das eine Bild, das Gott von uns hat. So denkt er über uns alle. Der Verschiedenheit der Bilder, die wir alle von uns haben in unserem eigenen Gewissen, steht dieses eine Bild, dies eikon tou theou, gegenüber. Darum kann auch Paulus sagen, daß wir alle einer sind in Jesus Christus. In dieses eine Bild will uns die Liebe Gottes verwandeln, und es ist nun die Frage, welchem Bild wir mehr glauben, dem Bild, das wir von uns selber haben und machen, gezeichnet und entworfen an unseren Taten und Gedanken, den guten und bösen, an unserer Lebensgeschichte, oder dem Bild, das Gott vor uns hingestellt hat in der Geschichte seines Sohnes Jesus Christus. Und das ist die Anfechtung unseres Lebens, daß sich vor dieses Bild der Liebe Gottes in Jesus Christus immer wieder das Bild unseres eigenen Lebens schiebt und stellt, daß wir nicht an jenem Bild lesen, wer wir sind, sondern dies versuchen abzulesen und herauszubekommen an den Bildern, die wir uns von uns selber machen. Denn dieses Bild, das Gott uns da entgegenhält in Jesus Christus — und zwar meine ich nun in der Tat, daß Jesus Christus selbst das Bild ist, das Gott von uns hat in seiner Liebe, so, wie es bei Johannes heißt, daß unser Leben verborgen ist in Christo, und daß, wenn Christus offenbar wird, auch unser Leben offenbar werden wird —, ich meine in der Tat, daß das Bild, das Gott von uns hat, das Bild seines Sohnes ist, daß er nicht dich sieht und mich, sondern nur seinen Sohn, aber in seinem Sohn dich und mich und uns alle.
Von da aus, glaube ich, müssen wir das sehen, daß so rein, so wahr, so gut, so heilig, wie Gott seinen Sohn sieht, er uns sieht in Christus. Nicht wahr, wenn uns gesagt würde: Das bist du, dann gerade wollen wir es nicht glauben. Wir können alle glauben, daß das Bild, das wir von uns selber haben, wieder besser werden könnte, etwas retuschiert werden könnte, daß einige Flecken wegkommen können, aber wir können nicht glauben, daß, wenn Jesus Christus vor uns hingestellt wird, gesagt wird, das bist du, so bist du. Und es ist ja auch gar nicht wahr, daß wir das je schon sind oder je so sind, und dennoch, wir sind es in Gott.
Hier kommt es nun darauf an, daß wir recht verstehen, was Liebe ist, daß wir glauben, daß die Liebe wirklich die Kraft hat, den Menschen zu verwandeln in das, was er nicht ist. Hier kommt es nun in der Tat darauf an, ob wir glauben, daß Gott durch seine Liebe aus dem Menschen machen kann, was dieser Mensch nicht ist, ob also der Liebe ein Sein entspricht in Jesus Christus. Den Menschen, den Gott aus dir schafft durch seine Liebe, den wirst du in ihm finden: Amor dei, Gott schafft, was er liebt. Niemand von uns kann diesen Menschen kennen; denn der Mensch, den wir kennen, der gewinnt ja immer mehr Gestalt dadurch, daß wir ihn hassen. Darum sagt auch Paulus: «Ich kenne niemand mehr nach dem Fleisch.» Das Bild, das wir in uns selbst tragen, nimmt immer mehr die Züge des alten Menschen an, und das Bild des neuen Menschen kennen wir nicht, wir kennen es nur in Jesus Christus. Aber eben darum, weil Gottes Liebe schöpferisch ist, darum gibt es nicht nur den Menschen, der wir sind und sein werden, sondern den Menschen, der wir nicht sind, und dessen Bild. Jesus Christus ist darin der Erstgeborene, der prototokos.
Nun aber ist es nicht nur so, daß wir dieses glauben müssen im Verhältnis zu Gott, sondern daß wir auch in diesem Glauben unserm Nächsten helfen müssen im Verhältnis zueinander. Wenn das Verhältnis von Ich und Du … lediglich bestimmt (wäre) durch das Verhältnis, das ich zum Nächsten habe, dann hätte Gogarten recht. Wenn es aber dadurch kompliziert ist, daß ich nicht nur ein Verhältnis zum Nächsten, sondern auch zu mir selbst habe, dann hat sich Gogarten die Sache zu einfach gemacht. Und in Wahrheit habe ich damit, weil ich nicht nur soziologisch lebe aus dem Verhältnis zum Nächsten, sondern weil ich aus dem Verhältnis zu Gott lebe, gleichsam ein doppeltes Verhältnis, das zu mir selbst und das zu meinem Nächsten. Und das Verhältnis zu mir selbst stört das Verhältnis zu meinem Nächsten. Ein Mensch, ganz einfach gesagt, der an sich selbst verzweifelt ist, kann seinem Nächsten nicht dienen. Weil er dauernd befangen ist von dem Bild, das er von sich selber hat, tritt das Bild des anderen und seine Not nie vor seine Seele. Es ist gar nicht wahr, daß das unmittelbare Verhältnis das Verhältnis zum Du ist, sondern das unmittelbare Verhältnis ist das Verhältnis zum Ich und nur in diesem Verhältnis des Ich zu sich selbst erscheint das Du und umgekehrt. Es gibt nicht nur das Verhältnis zum Du etwa in der Weise, daß ich nun als der andere, als das Du lebe, sondern hier begegnet mir der andere auch wieder in der Weise, daß er ein bestimmtes Bild von mir selber hat. Der Mensch, der mich liebt, sieht mich nicht als den, der ich bin, sondern er sieht mich ja gerade als den, der ich nicht bin, und er kann und er darf mich nicht anders sehen als den, der ich nicht bin, wenn er mich liebt. Ich könnte auch so sagen: Der andere begegnet mir ja eigentlich gar nicht als das Du, sondern in dem Bild, das er von mir hat und das sich nicht mit dem Bild deckt, das ich von mir habe. So wie Jesus Christus das Bild ist, das Gott von mir hat und sich nicht mit dem Bild deckt des Adam, des Bildes, das ich von mir und in mir habe, so begegnet die Liebe Gottes im Verhältnis von Mensch zu Mensch dem anderen immer in einer fremden Gestalt.
Und nun fragt es sich dabei, welches Bild ich fahren lasse, vor allen Dingen dann, wenn ich dem anderen Trost, Hilfe zusprechen soll, ob ich dann an dem Bild festhalte, das ich in Jesus Christus von ihm habe und das gestaltet ist durch die Vergebung der Schuld, oder ob ich dies Bild fahren lasse und dafür auch das Bild übernehme, das der andere in sich selber hat. Denn in dem Moment, wo ich dem anderen glaube in dem, was er von sich selber sagt, gebe ich Jesus Christus preis, gebe ich die Liebe Gottes preis. In dem Moment herrscht nicht mehr in dem Verhältnis von Ich und Du der Glaube an die Vergebung der Sünde in Jesus Christus, sondern das, was ich bin und was du bist, abgesehen von Jesus Christus: Das, was ich aus dir machen wollte, und das, was du aus dir machen möchtest abgesehen von Jesus Christus. In dem Moment herrscht im besten Falle die Pädagogik und im schlechtesten Fall das Recht, aber es herrscht nicht mehr Jesus Christus.
Es kann in solcher Situation dahin kommen, daß ich stellvertretend für den anderen das Bild festhalte, das ich in Jesus Christus von ihm habe, und der andere sich überhaupt nicht mehr halten kann wie ein Ertrinkender, der vom Strom des Lebens fortgetrieben wird. Und dennoch, indem ich dies Bild festhalte, halte ich ihn. So erst schafft die Liebe Gottes Bruderschaft. In solcher Anfechtung wird das echte Wissen um den Bruder geboren: Du hast mich gehalten, als ich mich selbst nicht halten konnte. Du bist mir wie ein Engel von Gott zur Seite gestellt. Du hast in Jesus Christus widersprochen dem Bild, das ich von mir selber hatte. Und darin bist du mein Bruder geworden, darin und dadurch.
Wir können von hier aus noch ganz kurz und abschließend zwei Dinge sagen: Von hier aus wird das Wort getragen in brüderlichem Zuspruch, das seelsorgerliche Wort, die Paraklese. Denn dies Wort ist immer dadurch bestimmt, daß es ein Wort ist, das den anderen erreicht in dem, was er ist, und das doch nicht verstanden werden kann aus dem, was er ist. Denn dies Wort ist immer dadurch bestimmt, daß es ein fremdes Wort ist, ein Wort, das lediglich geglaubt wird, weil es als Wort haftet und anhakt, das keine Unterlage hat in irgend einer Wirklichkeit, es sei denn in der Wirklichkeit dessen, daß es zu mir gesagt ist, daß es für mich bestimmt ist. Du bist gemeint, wenn du es auch nicht glaubst. Du bist der Adressat. Das ist die alleinige Autorität, weswegen dies Wort haftet. Und nur wenn ein Wort so in mir haftet, daß ich allein aus diesem Worte Gottes lebe und aus sonst nichts, wider alle Wirklichkeit, wider alles Sehen, Fühlen und Empfinden, nur dann kann mir geholfen werden.
Das ist die eigentliche Aufgabe, die uns das Evangelium stellt im Verhältnis zu unserem Bruder. Bis das Evangelium kam und wir daran glauben lernten, kannten wir diese Aufgabe nicht. In dieser Aufgabe erfüllt sich der christliche Dienst. Ein solches Wort sagen können, das ist die Kunst eines Christen. Ich meine also, ein Wort sagen können, das lediglich dadurch, daß es gesagt wird, dadurch, daß es da ist, mich hält, ein Wort gesagt bekommen von einem Menschen, in einer solchen Weise, daß ich es verstehe, daß ich es höre, daß ich mein ganzes Leben, meine Existenz, mein Tun und Lassen auf dies Wort gründe, daß es neben diesem Wort nichts anderes gibt, sondern daß dies Wort die Unterlage wird, das Fundament, die Grundlage. Das heißt wirklich die Botschaft betätigen, die durch die Vergebung der Sünde geschaffen wird.
Wir können das nicht beweisen, wir können nicht sagen: Hier oder da ist es geschehen. Hier sind wir so in die letzte Tiefe des persönlichen Verhältnisses von Mensch zu Mensch hineingekommen, daß wir es nicht mehr ergründen können mit menschlicher Vernunft. So wird das Wort von der Vergebung der Sünde gesagt zu allen, die hungrig und durstig sind, so soll es gesagt werden in der Anfechtung. Können wir es nicht sagen, dann können wir dem Nächsten nicht helfen. Und, nicht wahr, das ist nun in der Tat eine wunderbare Sache, daß in dieser Weise des Wortes ein Mensch dem anderen nahekommen kann, daß dies Wort eine Weise ist, daß ein Mensch zum anderen in ein Verhältnis tritt, ich könnte auch sagen, die göttliche Weise. Es gibt viele Weisen, wie wir zueinander in Beziehung stehen, als Mensch zu Mensch, Bruder zu Bruder, aber es gibt nur eine Weise, die göttlich ist, diese Weise ist gegeben in seinem Wort. Wenn ich der Mund werde, durch den ein solches Wort einem anderen ins Herz gesagt werden kann, dann bin ich in der Weise Gottes sein Bruder geworden.
Und dann das Zweite: Die Tat. Die Tat wird nun von hier aus geboten und dirigiert vom Nächsten. Tat heißt: Der Nächste braucht mich. Tat heißt: Wenn es niemand gäbe, der mich braucht, dann wäre ich der elendeste von allen Menschen. Tat heißt nicht: Ich muß etwas tun, um Gott wohlzugefallen und so einen Menschen zu suchen, den ich zum Objekt meiner christlichen Werke mache, sondern Tat heißt geradezu: Die Not meines Nächsten erlöst mich aus meiner Tatenlosigkeit, sie ist der Sinn meines irdischen Daseins. Von da sieht Luther, daß die Liebe unzählige, große, gewaltige, unablässige Werke tut. Das heißt einfach, daß durch die Liebe der Mensch so ausgeliefert wird an die Not des Nächsten, daß diese Not Hände und Arme, Geist und Gemüt bis ins Letzte und Innerste bewegt, daß die Taten nichts anderes sind als die Zeichen unseres Bewegtwerdens von der Not des Nächsten. Die Not des Nächsten regiert uns. Wir haben nicht mehr ein steinernes Herz, sondern ein fleischernes Herz, wir fühlen die Not mit, wir leiden unter ihr, zerbrechen unter ihr, und sie schafft durch uns Werke, die dem Nächsten helfen.
Es ist ganz wunderbar: Dadurch, daß die Not ein Herz findet, das sie bewegt, schafft die Not gute Werke, durch die sie sich begrenzt. Dadurch, daß die Not vom Nächsten her uns anrührt und anfaßt und keine Ruhe läßt, setzt sie Hände und Füße in Bewegung, der Not zu steuern. Es ist eigentlich ganz erklärlich: Dadurch, daß die Not einbricht in einen Lebensbezirk, wo Menschen leben, deren Herz davon betroffen wird, hebt sie sich selber auf. Niemals werden wir mit äußeren Machenschaften, mit Werken des Gesetzes die Not aufheben können. Wir können die Not feststellen und können demgegenüber Abhilfswerke für die Not organisieren, es wird vieles gelingen, aber an anderen Stellen wird die Not neu aufbrechen, denn das Gesetz richtet Zorn an. Aber wenn es so kommt, daß die Not Herzen in Bewegung setzt und von da aus nun Taten entstehen, so zahlreich, daß niemand sie nennen und organisieren kann, so treffend, so echt, so wirklich der Not entgegengesetzt, daß sie unmittelbar der Not wehren, dann hebt sich die Not selber auf.
So daß in einer christlichen Gemeinschaft Not sein muß und Not sein wird, damit die Taten entstehen, durch die die Not selber überwunden wird, und immer neu Not kommen wird und immer neu Taten entstehen werden, Werke der Liebe. — Das sollte andeutungsweise gesagt werden über die Bedeutung, die die Lehre von Gesetz und Evangelium für die Kirche, ihre Gründung, das Gesetz ihrer Gemeinschaft und das Wissen von Ich und Du in dieser Gemeinschaft hat und bedeutet.
Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 4: Gesetz und Evangelium, hrsg. v. Walter Kreck, München: Chr. Kaiser, 1964, S. 210-216.