Erfolg und Misserfolg im theologischen Studium (1931)
Von Adolf Schlatter
Kommilitonen! Ich darf wohl mit der Andeutung beginnen, dass diese Anrede eine starke, dankbare Freude verbirgt. Obwohl ich vor 60 Jahren im Frühling 1871 Student der Theologie geworden bin, ist eine Anrede, die mich in eure zur theologischen Arbeit berufene Schar hineinstellt, auch heute noch für mich nicht eine Phrase, nicht nur eine Erinnerung an Vergangenes. Das ist Grund zur Freude. Wenn aber theologische Arbeit nicht anders als froh und dankbar betrieben werden kann, woher rührt dann die Spaltung unseres Themas, das nicht nur den Erfolg, sondern auch den Misserfolg des Studiums erwägt? Will ich euch eine ängstliche, großväterliche Pädagogik aufnötigen, die für die Bewegungen des jugendlichen Intellekts ein Schema bereithält, in das sie ihn hineinzwingen möchte? Freilich, das sage ich aus schmerzlicher Erfahrung: Ein weiser Berater ist jedem Jungen zu wünschen, ebenso auch jedem Alten, der Hand an die theologische Arbeit legt. Oft kommt es zu vergeblicher Arbeit und zu zwecklos bedrucktem Papier, weil sich der Denker in seine Einsamkeit einkapselt. Also, Studenten, seid nicht zu stolz, um euch raten zu lassen. Der Mut zur Frage schändet niemand; nur ein degenerierter Ehrgeiz schämt sich zu fragen. Dass aber Sprünge die geistige Bewegung manches Studenten kennzeichnen, ist nicht nur ein Unglück. Denn negative Erkenntnisse sind auch Erkenntnisse.
Oder steckt hinter der Spaltung des Themas eine Klage über unsere theologische Lage, die sie als schwierig, verworren und gefährlich beklagt? Ernst ist die Lage offenkundig, spannend, ein Aufruf zur Sammlung unserer ganzen Kraft. Wenn die Russen gegenwärtig versuchen, einen völlig religionslosen Staat zu konstruieren, in dem es für Theologen keinen Raum mehr gibt, so ist das nicht nur ein lokaler Vorgang. Sie sprechen in Moskau nur nach, was zuerst bei uns in Deutschland gesagt worden ist. War aber die Theologie jemals eine Tändelei? War sie je nur Spiel? Wann entstand die Theologie als Wissenschaft? Im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., als Israel mit dem überlegenen Griechentum rang. Wo ist die Heimat unserer Theologie, der reformatorischen, der paulinischen? Ihre Heimat ist Golgatha. Wir wären nicht mehr Theologen, wenn wir über unsere Lage jammerten. Alles liegt daran, dass wir sie klar erfassen, alles aber auch daran, dass wir mit unerschütterlicher Ruhe bei unserer Arbeit ausharren. Wenn wir in Angst versinken und zu jammern beginnen, taugen wir nichts mehr. Denn der Theologe widerlegt sich selbst, wenn er über die geistige Lage jammert, in die er hineingesetzt ist. Solches Klagen ist ihm verboten, weil es sich unvermeidlich in einen murrenden Widerspruch gegen den verwandelt, der uns unsere geistige Lage bereitet hat. Sofort entsteht daraus eine Anklage gegen den angeblich „verborgenen Gott“. Denn Offenbarung und Theologie sind Parallelen und gehen Hand in Hand. Wer in die theologische Werkstatt tritt, betrete sie nicht als ein kleiner Prometheus, der Gott ein neues, deutlicheres Wort abtrotzen will, nicht als Sturmtrupp im Kostüm eines jungen Luthers oder jungen Melanchthons, sondern froh und dankbar mit dem entschlossenen Willen, sich anzueignen, was uns gegeben ist. Dieser Entschluss darf sich mit starkem Verlangen des Worts bemächtigen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Aber dieser Griff nach den himmlischen Mächten wird verfälscht, wenn er etwas anderes begehrt, als zu sehen, was uns gezeigt worden ist, und zu empfangen, was uns gegeben ist.
Das zeigt uns aber jeder Blick auf die Lage, dass wir beides erwägen müssen: Erfolg und Misserfolg. Wir alle verspüren im Rückblick auf unsere Studien mancherlei Regungen des Bedauerns, und über diesen kleinen, persönlichen Erlebnissen steht der Spruch der Geschichte, der mit unbestreitbarer Deutlichkeit feststellt, dass die Kirche und damit die Völker durch ihre Theologie nicht nur gestärkt, sondern auch schwer belastet worden sind.
Muss ich nun Bußprediger werden? Werde ich meinem Thema nur dann gerecht, wenn ich von der Trägheit, Dummheit, Sündlichkeit und Gottverlassenheit der Theologen rede? Wenn wir beginnen, das menschliche Elend zu studieren, das an den theologischen Fakultäten ebenso sichtbar ist wie an unserer Wirtschaft und an unserem Staat, dann findet dieses Studium kein Ende. So erfassen wir aber niemals den primären, den grundlegenden Vorgang. Es ist nicht das wesentliche und wirksame Merkmal der theologischen Fakultäten, dass sie faul, dumm und gottlos sind. Sie sind das auch, wie alle Menschen; aber sie sind nicht einzig dies, sondern sie sind zuerst das, was aus dem Reichtum Gottes zu ihrem Besitz geworden ist.
Woran messen wir den Erfolg? Das theologische Studium hat, wie jeder wissenschaftliche Vorgang, seinen Zweck in sich selbst und bekommt ihn nicht erst durch seine spätere Brauchbarkeit. An seinem eigenen Ziel entscheidet sich, ob das Studium gelingt oder misslingt. Zwar hat die Brauchbarkeit unserer Vorstellungen zur Bildung unseres Willens und zur Ordnung unseres Handelns auch für die Bewegung unseres Denkens ernsthafte Wichtigkeit, und der Theologe kann am wenigsten unter allen wissenschaftlichen Arbeiten darauf verzichten, den Erfolg seines Studiums durch die Brauchbarkeit seines Wissens zu erweisen. Das lenkt den Blick auf jene Ziele, an die wir mit heißem Verlangen denken, sowie wir aus unserer Werkstatt hinaus auf die Arbeit sehen, die die Kirche im völkischen Leben auszurichten hat, auf ein gelingendes Amt, eine weit ausgreifende Wirksamkeit, sieghafte Macht gegenüber den antichristlichen Unternehmungen, Einfluss auf die philosophische Bewegung, auf die Gestaltung des Staats usw. Es entsteht aber eine für das Studium gefährliche Verschiebung des Zwecks, wenn sein Erfolg nur in diese Vorgänge hinübergelegt wird. Vor der Verpflichtung zum Handeln steht für den Theologen die Verpflichtung zum Denken, die Wertung der Erkenntnis als eines unbedingt zu begehrenden Zwecks. Wir Theologen sind die letzten, die vor der Skepsis weichen dürfen. So lange wir Theologen sind, sehen wir im Erkennen einen Vorgang, der göttlichen Grund und göttliche Verheißung und darum unbedingte Notwendigkeit hat. Deshalb ist auch das Verhältnis der Studien zum Amt jetzt nicht mein Thema. Die einander folgenden Generationen zeigen an dieser Stelle große Verschiedenheit. Für die Generation, zu der ich gehöre, begleitete der Gedanke an das kommende Amt die Studienzeit nur wie ein dunkler Schatten. Nach praktischer Theologie begehrten wir nicht; wir vermuteten, sie heiße so, weil sie unpraktisch sei. Heute begehrt die Jugend eifrig nach Schulung für die Pflichten des Amts. Die Studienjahre bleiben ein Misserfolg, wenn sich der Kandidat beim Eintritt in das Amt in ein Vakuum versetzt sieht, in dem er sich nicht zu helfen weiß. Aber auch dann ist der Erfolg der Studien gefährdet, wenn sich der Student schon wie ein halber Kleriker aufführt. Das evangelische Amt verkündet unserem Volk die Vergebung der Sünden im Namen des Christus. Das erinnert den Studenten beständig daran, dass der Weg, den er betreten hat, ihn auf eine erhabene Höhe führt. Das bleibt aber für ihn noch der morgige Tag, den er dadurch gewinnen muss, dass er ganz im heutigen Tage lebt, und dieser verlangt von ihm das Studium. In beiden Fällen geht uns der kommende Tag verloren, sowohl wenn wir den heutigen Tag verachten, weil er noch nicht der kommende ist, als auch wenn wir so im Heute leben, als käme nicht mit eilendem Schritt der morgige Tag aus ihm heraus.
Theologie! Kann denn, wenn wir die Größe des Berufs, mit dem jeder theologische Arbeiter, sei er Anfänger oder Veteran, begnadet ist, bedenken, darüber ein Zweifel entstehen, dass uns Erfolg und Misserfolg beschieden sind? An jeder hochragenden Felswand kann man stürzen. Jedes große Ziel erweist seine Größe auch dadurch, dass man es verfehlen kann. „Erkenne an deinem Misslingen die Größe deines Ziels“, das ist mein Trost im Rückblick auf meine theologischen Unglücksfälle, mein Trost für die, die stöhnend durch die Semester wandern und die Hochschule bedrückt verlassen, meine Antwort an die, die uns vorhalten: Wie oft ward ihr nicht zur Stelle, wenn nationale Gefahren euch riefen! Augustin schrieb am Schluss seiner Arbeit Retraktationen. Jeder Theologe kann solche schreiben, und die Beobachtung, dass Verkehrtes öfter zitiert wird als das Richtige, kann den Wunsch stärken: Rotte die Irrtümer, die du ausgesät hast, aus. Es verbindet sich aber damit leicht eine Überhebung, die unseren Beruf überschätzt. Dass Augustin so handelte, ergab sich aus seiner hierarchischen Lehre von der Kirche und ihrem Amt. Dem evangelischen Theologen ist dagegen vom Anfang seiner Arbeit an bis zu ihrem Ende die Bereitschaft zum Misserfolg gegeben. Er hat den Verzicht auf Unfehlbarkeit ehrlich und beharrlich vollzogen.
Nun erschallt freilich die Einrede: „Dieser Verzicht ist Verrat am Volk und an der Kirche. Wer ist Führer? Nur der, der den Mut hat, unbedingte Autorität zu sein; ihr verzichtet auf die Führerschaft.“ Man wird aber nicht dadurch Führer, dass man sich an Gottes Stelle setzt und den Raub an Gott begeht, dem einen Unfehlbaren. Ich mahne jeden Studenten, dass er am evangelischen Verzicht auf Unfehlbarkeit in jeder Lage festhalte, sich selbst gegenüber und gegenüber jedem Lehrer, jedem Buch, jeder Schule, jeder Partei. Den Unfehlbaren findet nur der, der das unermesslich Große, das uns anvertraut ist, mit dem Minimum identifiziert, das in unser Sehfeld hineingelangt ist. Dieser Verzicht hat eine höchst heilsame Wirkung. Weil die Theologie immer unfertig bleibt, kann das Studium nicht enden, wenn es einmal begonnen hat. Einen breiten Raum im Leben kann es nur selten bekommen; aber bei allen, die es erfolgreich begannen, setzt es sich durch ihre ganze Lebensarbeit hindurch fort und verbindet sich völlig mit ihr. Wird eingewandt: „Dann studieren nur sehr wenige erfolgreich“, so ist zu sagen: Seien es viele, seien es wenige, was gehen uns die anderen an, wir laufen nach dem Ziel.
Größe hat unser Beruf; was ist mit dieser aus dem Raum geschöpften Vorstellung gemeint, wenn sie auf den geistigen Vorgang übertragen wird? Der Stoff, der auf unsere Arbeit wartet, ist eine unzählbare Vielheit, eine unerschöpfliche Fülle, und diese Vielheit ruft uns zu: Einige mich; ich bin das Werk des Einen; du hast mich erkannt, wenn ich ein Ganzes geworden bin. Was geschah, als im fernen Ägypten die mathematische Phantasie erwachte und den Raum zu beherrschen lernte, als in Jerusalem die Weisen den heiligen Kanon schrieben, als Jesus Gott zu Lob und Ehren das Kreuz trug, als Augustin der Kirche sagte: „Du bist Gottes Stadt!“, als Luther alles menschliche Wollen als sündlich richtete und aus der Hand Jesu die Vergebung der Sünden empfing, als Spinoza im Anblick der Natur Willen und Tat verlor und sich entschloss, eine Denkmaschine zu sein usw. usw., das ist alles eine Geschichte, unsere Geschichte. Darum, weil sich uns Unzählbares und Unerschöpfliches dazu zeigt, damit wir darin die Einheit und Ganzheit erkennen, naht sich uns der Misserfolg in doppelter Gestalt. Geht uns die Einheit verloren, so entsteht ein zersplittertes Trümmerfeld, ein Haufen von Notizen. Geht uns die Fülle verloren, so entsteht die ausgeleerte Abstraktion, die klappernde Formel, der inhaltlose Begriff. Was bieten wir unserem Volk an? Was sollen unsere Studenten mit sich nehmen? Ein theologisches Konversationslexikon? Das wäre nicht der gewünschte Erfolg. Ein vielleicht fein gewobenes Geflecht von Formeln? Auch damit wäre das Ziel nicht erreicht. Nun fährt aber unser Ziel in eine entlegene Höhe hinauf. Wie werden wir den verwirrenden Reichtum meistern, der uns sichtbar wird, sowie wir die Türe zur theologischen Werkstatt öffnen?
Ich forme drei Synthesen: durch Historie zur Theologie, folgerichtig durch Gelehrsamkeit zur Erkenntnis, folgerichtig durch das Dichten hindurch zur Wahrheit. Wer eint diese Synthesen? Mich dünkt, der wäre ein Meister, der sie eint. Von Luther und Calvin her hatte unsere Kirche eine ernsthafte Theologie, aber weder in der Auslegung der Schrift noch in der Betrachtung der Kirche Geschichte. Der Misserfolg war deutlich. Die Predigt verarmte, und die Kirche blieb unsichtbar und stand abseits neben dem völkischen Leben. Paris wurde stärker als Wittenberg und Genf, Voltaire mächtiger als die Theologen. Jetzt haben wir eine reich ausgebildete Geschichtswissenschaft, oft aber ohne Theologie, eine Geschichte, die mit Skepsis endet. Der Misserfolg ist wieder sichtbar. Die geschichtlich gedeutete Bibel verliert die Autorität und die Leser, und die geschichtlich verstandene Kirche sieht wie eine Ruine aus, ein Tummelplatz für Kinder und ein Wallfahrtsort für Greise. Durch Geschichte Theologie, durch Theologie Geschichte, hier winkt der Erfolg.
Geschichte, das bedeutet Sprachkunde. Manchen Jungen, den ein christlicher Besitz und religiöser Wille zum Eintritt in unsere Fakultät bewog, überfiel, wenn er darin war, ein quälendes Erstaunen: „Ich suchte Theologie und fand sie nicht. Jeder Hörsaal war von der Geschichtswissenschaft belegt, und vor ihm stand als strenge Hüterin der Pforte mit rasselndem Schlüsselbund die Philologie, beladen mit drei oder vier Grammatiken und ebensovielen Lexika, und ihr Geschenk waren drei Sprachexamina. Theologie, wo bist du?“ Derselbe Eindruck, dass die Theologie nur mit großen Schwierigkeiten aufzufinden sei, beherrscht unser ganzes Volk, auch seinen christlichen Teil. Jedermann hält sie für eine geheime Wissenschaft, vor der man sich hüten muss. Warum? Man kann sie nicht verstehen. Warum nicht? Sie spricht mit fremden Zungen. Wer die heilige Sprache nicht kann, bleibe bescheiden ein „Laie“. So befahlen es schon die Weisen Jerusalems. Wir stehen immer noch vor der Not, die schon Jerusalem lähmte; sie muss überwunden werden. Wir dürfen nicht mehr wie einst unsere Ahnen dazu Griechisch und Hebräisch lernen, um das Deutsche zu verlernen. Wir müssen Deutsch zu unserem Volke sprechen, und alles liegt daran, dass das kommende Geschlecht der Theologen noch deutlicher Deutsch reden könne als wir Alten. Aber durch die Frage nach der Fruchtbarkeit der Theologie für das Volkstum wird ihre Verbundenheit mit der Philologie nicht berührt, und das philologische Können ist heute wie immer eine unersetzbare Bedingung des theologischen Erfolgs. Warum? Wie hat Gott den Menschen mit dem Menschen verbunden? Durch das Wort kommt der Mensch zum Menschen; durch das Wort werden die Fernen die Nahen und die Abgerufenen die Gegenwärtigen. Verschwinden muss jener Riss durch die Kirche, den die Kenntnis der alten Sprachen deshalb schuf, weil sie einen vornehmen Klerus über ein unmündiges „Volk“ (Laien) stellte, und von der Kinderei der Humanisten, die auf ihre lateinischen Perioden und ihre Hexameter stolz waren, ist nicht die Rede, wenn die Philologie an unserer Fakultät Heimatrecht besitzt. Aber davon ist die Rede, dass wir in der Christenheit in Gemeinschaft mit Israel stehen und darum Hebräisch lernen, und davon, dass unser Glaube, unsere Buße, unser Gottesdienst im Anschluss an Jesus bestehen, weshalb wir Griechisch lernen, und davon, dass wir mit der ganzen Kirche, auch mit der anderer Zeiten und Völker, im Austausch des Gebens und Empfangens stehen, weshalb wir Englisch, Lateinisch, Italienisch lernen. Indem wir hören, lesen, sprechen lernen, treten wir in die menschliche Gemeinschaft hinein, und dorthin gehört jeder, der Theologe sein will. Wo wollten wir Gott finden, wenn er uns nicht innerhalb der menschlichen Gemeinschaft sein Wirken zeigt? Es gibt aber keinen anderen Schlüssel zur Gemeinschaft und zur Geschichte als das Wort. Ohne das Wort ist auch unsere eigene Geschichte, das, was sich in uns selber regt und formt, nicht für uns vorhanden. Denn Erlebnis wird dies alles dadurch, dass es das Wort erzeugt. Ebenso entsteht gemeinsame Geschichte, Volksgeschichte, Kirchengeschichte, gemeinsames Denken, Handeln, Leiden, in dem Maß, als uns ein gemeinsames Wort umfasst. Also jeder, einerlei, was für eine Schule ihn in seiner Kindheit gebildet haben mag, erwerbe sich den Zugang zur Theologie auf dem legitimen Weg aus der Hand der Türhüterin, der Philologie, samt ihren Grammatiken und Lexika, damit er Meister werde im Wort. Es gab nie einen wirksamen Theologen, der nicht auch Philologe war. Nehmt Jesaja sein blitzendes Hebräisch, Jesus sein leuchtendes Griechisch, Origenes seinen griechischen Rhythmus, Augustin sein tönendes Latein, Luther sein Deutsch, was sind sie noch? Entfremdung von unserem Volk kann durch unser philologisches Können nur dann entstehen, wenn wir selbst uns von ihm entfernen. Jedes Glied der Kirche kann begreifen, dass die, die in ihr das Amt haben, fähig sein müssen, auch mit anderen als mit den Dorfgenossen zu verkehren.
Wenn wir nun aber dahin gelangt sind, wohin die Sprache uns den Weg bahnt und die Rüstung zu geschichtlichen Studien erworben ist, tritt uns schreckhaft der Zweifel entgegen, der manchen Studenten so erschüttert, dass er vor der Frage stehen bleibt: „Kann ich überhaupt anfangen? Wie fängt man auch nur an?“ Jeder geschichtliche Vorgang ist unergründlich tief. Wissen wir denn, was mosaisch war? Wissen wir, was apostolisch war? Ist es möglich, dass uns irgendeine der typischen Gestalten der alten Kirche wirklich verständlich werde? Bleibt uns nicht auch Luther rätselhaft? Rücken uns etwa die Modernen näher? Verliert nicht gerade ihre Geschichte alle Übersichtlichkeit? Gibt es denn gelingende geschichtliche Arbeit? Strebt sie nicht an jeder Stelle nach einem unerreichbaren Ziel? Diese Nöte drücken nicht nur deshalb auf uns, weil alles Geschehen mit seinem weit überwiegenden Teil spurlos versunken ist. Das verkleinert freilich unser Arbeitsfeld. Was uns an die Geschichte bindet, war von Anfang an in der Tiefe verborgen und wurde für die Späteren vollends unsichtbar. Zwar haben die dunklen Stellen im Geschichtsbild eine seltsam anziehende Kraft, auch wenn uns nicht eine angeblich reine Vernunft mit der Verheißung absoluter Wissenschaft betäubt. Doch kann sich jeder sagen, dass er nicht das zu ergründen habe, was man nicht wissen kann, als könnten wir Tote erwecken. Unsere wissenschaftliche Unzulänglichkeit entsteht aber nicht durch das, was wir nicht sehen, sondern durch das, was wir sehen, durch den Teil des Geschehens, der in das Wort gefasst worden ist und uns dadurch erreichbar ist. Immer stehen wir vor Vorgängen, die sich ins Grenzenlose erweitern, vor einem Geschehen, in das eine unübersehbare Vielheit hineingebunden ist. Deshalb gibt es für kein geschichtliches Wissen ein Fertiggewordensein. Hier ist jedes Urteil nur provisorisch, jeder Abschluss ein gewaltsamer Akt, der nur dadurch entsteht, dass der Forscher müde geworden ist und sich niedersetzt. Darum entsteht an jeder Stelle die Gefahr, dass wir in sie versinken. Kein Wunder, dass sich mancher besinnt, ob er den Mut zum Beginn des Studiums aufbringe. Jeder Anfang nähme ihn ganz in Beschlag und keiner fände ein Ende.
„Will ich anfangen oder nicht anfangen?“ Diese Frage ist uns nicht gestellt. Da wir mitten in die Geschichte hineingesetzt sind, nimmt sie uns entweder blind mit sich, oder wir nehmen sehend an ihr teil. Ist der Student Theologe, dann weiß er, dass er Inspirationen, die aus der Schwäche, Mutlosigkeit und eigensüchtigen Weichlichkeit stammen, nicht zu gehorchen hat. Mit jedem Blick auf Gott haben wir begriffen, dass es unsere Sache ist, das zu sehen, was uns gezeigt wird, das zu nehmen, was uns gegeben ist, und uns in die menschliche Gemeinschaft hineinzugeben, so weit als sie uns offen steht. Würden wir der Geschichte antworten: „Du gibst mir nicht alles, darum will ich nichts“, so spielten wir wieder den kleinen Prometheus, der sich die Welt erobern will und verdrossen ist, weil ihm das nicht gelingt. Der Beginn der Arbeit geschah freilich durch eine Wahl, und diese ist immer zugleich ein großer Verzicht. Indem wir an der einen Stelle Eigentum gewinnen, wird alles andere für uns fremdes Land. Die Herren der Welt werden wir so nicht. Das ist aber kein Misserfolg. Wohl aber werden wir Besitzer eines redlich erworbenen Eigentums, und das ist Erfolg. Leicht haftet an einer solchen Wahl folgenreicher Ernst, da sie den ganzen Verlauf unseres inwendigen Lebens bestimmen kann. Als Schutz gegen notwendig misslingende Griffe steht uns aber der geordnete Unterricht der Fakultät zur Seite mit seinen reichen Übersichten in allen Arbeitsfeldern. Diese verhüten ein arm machendes Spezialistentum.
Aber die bang von der Arbeit sich abwendende Frage: Lohnt es sich? hat noch einen tieferen Grund. Was kann uns die Geschichte zeigen? Nur einst Gewesenes, nun aber Gestorbenes, nur anderen Gegebenes, für uns aber fremd Bleibendes, immer wieder Menschen, freilich Menschen mit ihrem Gottesbewusstsein und ihrer Sendungsgewissheit, doch nur Menschen, deren Menschlichkeit um so deutlicher wird, je mehr die geschichtliche Forschung sich ihnen nähert. Um so deutlicher sehen wir die Zusammenhänge, aus denen sie wuchsen; um so sichtbarer wird es, dass sie in Windeln gewickelt ihr Leben begannen, in die Windeln, mit denen ihre Mutter sie umwand. Laut wird uns zugerufen: Und das ist eure Theologie? Ist nicht Theologie, die nichts als Menschen zu studieren weiß, ein Misserfolg?
Hier scheiden sich die Wege. Der Platoniker geht mit Plato in seine berühmte Höhle, kehrt der Welt, der Welt Gottes, den Rücken zu, empfängt dafür den Besuch von Ideen und konstruiert sich aus ihnen seine eigene Welt. Aus der christlichen Theologie scheidet er aus. Der Mystiker geht zum Hierophanten, damit er ihn in die Dunkelkammer des Okkultismus führe. Er scheidet damit aus der theologischen Wissenschaft aus. Für uns dagegen bedeutet das theologische Studium nicht eine Entdeckungsfahrt in unerforschte Weiten. Wir sind auf einen bestimmten Standort gesetzt, der uns ohne unser Zutun gegeben worden ist, weil wir Glieder einer geformten, bestimmten religiösen Gemeinschaft sind. Wir leben in der Kirche, von der Kirche und für die Kirche. In der Kirche, durch die Kirche und für die Kirche studieren wir Theologie, und ihre Botschaft an uns lautet, dass Gott sich dadurch offenbart, dass er Menschen zu sich beruft. Darum sind in der Tat Menschen mit Gottesbewusstsein, mit Pflichtbewusstsein, mit Sendungsbewusstsein, Menschen, die mit eigenem, zum Dienst bereitem Willen begnadet waren, das Objekt der christlichen Theologie. Weil es solche Menschen gab und damit es solche Menschen gebe, deshalb und dazu ist der Christus da. Diese Theologie bleibt auch für den, der die Frage offen lässt, ob sie wirklich Theologie sei, ein spannendes Studium, an das er einen tüchtigen Fleiß wenden darf. Wenn wir unsere Beobachtungen dorthin richten, wo aus einer Gottesgewissheit heraus gedacht und gehandelt wird, beschäftigen wir uns mit dem, was in der Geschichte wirksam ist, mit dem Menschlichsten in ihr. Der, der auch an dieser Stelle der Geschichte nur Nichtigkeiten und Larven sieht, der gliedere sich in einen dem Tierstaat nachgebildeten Staat ein und werde Kommunist.
Wenn wir ernsthaft Geschichte studieren, werden wir gelehrt. Stürmisch wendet sich dagegen die Einrede: „Ihr verkennt die Lage gründlich; Gelehrsamkeit ist nicht das, was unser Volk bedarf, nicht das, was ein Student als ein Ziel erfassen soll.“ Ist Gelehrsamkeit schon Erkenntnis? In den Jahren, als ich anfing, hat mich diese Einrede oft gequält. Du gleichst, sagte ich, dem, der eine Freske an die Hauswand malt, während das Haus brennt. Ich male aber heute noch an dieser Freske und freue mich, dass noch manche andere Hand den Pinsel führt. Warum? Mancherlei Wissen ohne Gewissheit, das wäre ein Misserfolg, zersplitterte Vielheit ohne Einheit. Das gibt keinen Theologen, keinen, der den Einen kennt. Eine kräftig wärmende Gewissheit ohne Wissen, das wäre ein in sich selbst hinabgesunkener Mensch; auch dies wäre kein Erfolg. Auch so entstände kein Theologe. Wenn für uns die Welt versinkt, versinkt auch Gott. Wenn aber aus Gelehrsamkeit Erkenntnis entsteht und Erkenntnis zu Gelehrsamkeit führt, dann sind wir über das Bruchstück hinaus zum Ganzen gelangt.
Geschichte studieren heißt lernen, horchen, unermüdlich lernen, immer wieder hören. So entsteht zunächst jene Theologie, die wir Scholastik heißen, und es wäre verkehrt, wollten wir sie gering schätzen. Wir nennen den mittelalterlichen Naturforscher einen Scholastiker, weil er ein ernsthaftes Wissen besaß, denn er lernte, was Aristoteles über die Natur sagte; er wagte aber keine eigene Beobachtung der Natur, und darum war er nur Scholastiker. Ebenso sind beträchtliche Perioden der theologischen Arbeit Scholastik, die mittelalterliche, die nachreformatorische und nicht geringe Teile der modernen, weil hier die Theologie im Wissen um das Wissen der Autoritäten bestand. Das ist eine notwendige Leistung der Theologie, weil sie die gemeinsame Arbeit der Kirche ist. Wir schicken nicht einzelne, weder Studenten noch Professoren, auf Entdeckungsreisen aus, damit sie Theologie als ihren individuellen Erwerb herstellen. Unsere Theologie ist unser gemeinsamer Besitz und wird dadurch angeeignet, dass wir lernen, was die anderen wissen. Darum besteht die Theologie aus historischen Arbeiten. Wie kann aber daraus mehr entstehen als jene Gelehrsamkeit, die weiß, soweit wir dies wissen können, was Jesaja von seinem Gott sagte und was Jesus von seinem Vater sagte und was Paulus von seinem Herrn sagte und was die in Nikäa Versammelten über den Gott der Christenheit sagten usw.? Und wir selbst? Mag das Bewusstsein innerer Leere uns noch so brennen, der Widerwille gegen das Lernen ist unser Feind.
Von jeher hat sich die akademische Jugend nur schwer zum Lernen entschlossen. Ist nicht Bildung ein höheres Ziel als Gelehrsamkeit? Bildung, das ist nicht mehr die Haltung dessen, der sein Auge klar und frei zur Beobachtung des Geschehenen hergibt. Stärkung und Füllung des eigenen Lebens ist nun das Ziel. Dieses Ziel ergibt sich mit Notwendigkeit aus dem, was die Universitätsjahre der Jugend bringen; sie sind ja die Jahre, in denen der Knabe verschwindet und der Mann erscheint. Darum bietet die Universität auch reichlich, was zur Bildung hilft, Sport und Kunst und Freundschaft. Auch das wichtigste Bildungsmittel, die Teilnahme am Gottesdienst, ist wenigstens für die theologische Fachschaft vorhanden, da sie sich nicht, wie andere Fakultäten, einbilden kann, dass sie im kirchlichen Urlaub lebe. Die Bemühungen, die nach dem Erwerb der Mannhaftigkeit streben, würden aber nicht so oft mit dem Ziel der Fakultät in eine harte Spannung geraten, wenn nicht unser Bildungsideal noch aus der Antike stammte. Von dort holten wir das Wort „Bildung“, und von dorther haftet am Gedanken „Bildung“ eine Wertung des einzelnen, die ihn isoliert und ihm zumutet, darin, dass sich in ihm Kraft ansammelt, sein Ziel zu finden. Dieser aus sich selbst wachsende und sich für sich selbst bereichernde Mensch mag nichts lernen; er ist aber eine phantastisch entstellte Gestalt. Der Mensch trägt den Quell seines Lebens nicht in sich selbst. Er wird ernährt, und das ihm Gewährte wird seiner Bestimmung entfremdet, wenn es nicht aus ihm herausströmt und für die anderen fruchtbar wird. Freilich ist Gelehrsamkeit ein Unglück, wenn der Mensch dabei verkümmert; aber ebenso ist Bildung ein Unglück, wenn sie den kräftig entwickelten und reich ausgerüsteten Egoisten macht. Hält sich der Student auf dem Standort, der ihm als Theologen zusteht, steht er also innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, nicht in wahnsinnigem Bildungsstolz über ihr, nicht eingekerkert in selbstherrliche Einsamkeit, sondern vor Gott, dann empfängt er mit der Vergünstigung, lernen zu dürfen, auch die Pflicht: Werde kein Krüppel, werde ein Mann, und mit dem Erwerb von Bildung erhält er die Pflicht: Nun lerne; drehe dich nicht nur um dich selbst; denn deine Bildung hat ihr Ziel nicht in dir, sondern im Dienst.
War für den Studenten der Entschluss zum Lernen nie leicht, heute ist er doppelt schwer. Denn unsere Zeit lärmt und füllt mit Heilrufen und Unheilrufen die Luft, mit den Zeichen unserer inneren Unruhe, die sich in den Lebensbedingungen angegriffen fühlt. Lernen kann man aber nur in der Stille, nur wenn uns die inwendige Ruhe gegeben ist, die sich vom eigenen Zustand und seinen Bedürfnissen und Nöten und Sehnsüchten abzuwenden vermag und imstande ist, das beobachtende Auge und das auffassende Ohr an den zu verschenken, der zu uns spricht. Die allgemeine Unruhe und Verwirrung raubt unseren Fakultäten einen beträchtlichen Teil ihres Lehrwerts. Dass unsere Fakultäten verschiedene theologische Typen umfassen, hat für unsere Jugend und für unser gesamtes Volk großen Lehrwert, aber nur dann, wenn die Jugend die innere Ruhe besitzt, die es ihr möglich macht, deutlich aufzufassen und aus seinen Gründen zu begreifen, was vor ihr steht. Wenn sie sofort ihr eigenes Urteil einmengt und Partei nimmt, weil sie an ihren eigenen aufgewühlten Interessen klebt, gibt sie ihre Freiheit bald dem, bald jenem Meister preis und pendelt von einer Schule in die andere. Der Lärm der Zeit will uns diese Ruhe nehmen; aber gerade dadurch, dass sie lärmt, ruft sie uns zu: Die Stunde verlangt, dass ihr tapfer seid, und wir alle, Junge und Alte, bewähren unsere Tapferkeit dadurch, dass der Lärm der Zeit unseren zähen Willen zu lernen nicht beugen kann. Das aber bleibt bei all dem gewiss: Der Gelehrte ist noch eine unfertige Figur; er wartet noch auf das, was ihm die Ganzheit gibt.
Damit, dass wir uns der Kunst des Lernens bemächtigen und sie tapfer verteidigen, ist der Erfolg des Studiums noch nicht in unserer Hand. Theologie ist niemals nur Gelehrsamkeit. Sie trägt uns eine Verheißung zu, die jedem persönlich die Befreiung, Stärkung und Erfüllung des eigenen Lebens verspricht, und mit der Verheißung ist ein Anspruch verbunden, der ebenso persönlich unser eigenes Urteil, eigenes Wissen, eigenes Glauben und Handeln erfasst. Das ist die Eigenart des Gottesgedankens, dass er uns in der Einheit und Ganzheit unseres Ichs erfasst und alles in uns bewegt. Darum ist das theologische Studium ganz anders als jedes andere Studium unser eigenstes Anliegen und unmittelbar ein Teil unserer Lebensgeschichte. Wie wird aber das, was uns fremd als Stoff für unsere Arbeit gegenübersteht, ein Bestandteil unseres eigenen Lebens, die Wurzel unseres Denkens, der Impuls unseres Wollens? Wie wird aus der geschauten, studierten und begriffenen Geschichte die Macht, die uns unsere eigene Lebensgeschichte gibt, und dies so, dass sie sich in Gottes Wirken einfügt und sich auf Gottes Bahn bewegt? Das ist dann geschehen, wenn uns an diesem mannigfachen Geschehen mit seiner nie endenden Fülle der Eine wahrnehmbar geworden ist, von dem alle diese Menschen reden und für den sie alle leben. Was ist nun aber dies für ein Vorgang?
Gerade dann, wenn wir uns mit reinlicher, erfolgreicher Entsagung als hörendes Ohr und sehendes Auge ohne irgendwelche eigensüchtige Ansprüche vor die Geschichte stellen, ist es völlig unmöglich, dass wir die Vorgänge nur passiv wie ein Spiegel wiederholen. Wir werden in der Aneignung unseres Gegenstandes, z. B. in der Lektüre des Neuen Testaments, selbsttätig, gewinnen am Vorgang, den wir studieren, Überzeugungen und schöpfen aus dem Wort, das zu uns spricht, unser eigenes Wort. Der Vorgang ist zunächst psychologisch völlig durchsichtig und gesetzmäßig. Wir können ihn den poetischen Vorgang nennen und das, was durch ihn entsteht, einen Mythus heißen. An den Vorstellungen, die uns zufließen, erwacht unser Begehren; wir heben dieses, indem wir unsere Vorstellungen formen, in unser Bewusstsein hinauf, und indem wir uns mit unserem Begehren einigen, verlegen wir das Begehrte aus uns heraus in die Zukunft hinüber oder in die Überwelt hinauf. Damit taucht aber das tiefste Problem in uns auf. Ist auch das noch Wissenschaft, auch das erfasste Wirklichkeit? Wo landet die theologische Fahrt, bei der Dichtung oder bei der Wahrheit? Gebieterisch, ja gewalttätig misst unsere Zeit an dieser Frage alles, was in den theologischen Werkstätten entsteht. Im Verkehr mit der Natur ist sie realistisch geworden; sie ist es auch in der Beurteilung der theologischen Leistungen. Mythus oder Wahrheit, daran misst sie ihr Verhältnis zur Kirche; daran bemisst sich auch für uns alle der Ertrag unserer Studien.
Kein Religiöser, auch wir nicht, die Wissenschaftlichen, stellen jemals das Dichten ein. Schon als Historiker werden wir beständig zu Poeten; nur so runden sich die geschichtlichen Bilder zur Einheit und Ganzheit ab. Wollen wir als Systematiker unser Verhältnis zu Gott und zu Christus durch Begriffe ausdrücken, so entstehen Gleichnisse, d. h. ein aus Begriffen bestehendes Gedicht. Zeigt der Ethiker der Kirche ihr Ziel, nach dem sie ihre Arbeit ordnen soll, oder beschreibt er dem einzelnen das auf Gott bezogene Leben, damit er daran seinen Willen forme, dann dichtet er. Das ist nicht Wahrgenommenes, sondern Ausdruck unseres Begehrens, ein Gebilde unserer über das Wirkliche sich erhebenden Phantasie. Wir können das Dichten nicht lassen; denn die Ordnung unseres inneren Lebens verlangt es von uns. Unsere Seele kann nicht mit dem auskommen, was sie sieht und ist, sondern verlangt nach dem, was kommt. Wir verlangen nach dem Anblick Gottes im Christus. Daher formen wir ein Gottes- und Christusbild, obwohl wir ohne Schwanken dabei beharren: „Niemand hat Gott je gesehen.“ Wir verlangen nach dem mit Gottes Willen geeinten Willen. Darum erscheint in uns ein Idealbild des frommen Lebens, mag es auch nirgends zu finden sein. Wir verlangen nach der in Gott geeinten Menschheit und erzeugen darum ein Bild der Kirche nach der Formel: „Die eine, heilige, allgemeine Kirche“, obwohl die Wirklichkeit sie uns nirgends zeigt. Ist das aber der ganze und letzte Ertrag der theologischen Arbeit? Stellt sie eine eigenartige, besondere Ideologie neben die, die sich aus der Natur gewinnen lässt und in der der religionslose Staat sein Fundament hat? Ist uns der Erfolg noch versagt geblieben, so lange wir bloß dichten, wünschen, ahnen können? Ist er uns erst dann zuteil geworden, wenn uns über dem Mythus und im Mythus die Wahrheit erschienen ist?
Wenn wir der heute stürmisch vertretenen Forderung nachgäben, auf die Wahrheitsfrage verzichteten und unseren Beruf darin sähen, der Seele bei ihrem seltsamen Drang, religiöse Dichtungen zu produzieren, als Berater beizustehen, damit sich ihr Dichten nicht zu weit von der beobachtbaren Wirklichkeit entferne und für unser Zusammenleben unschädlich, vielleicht sogar fruchtbar bleibe, so könnte uns nicht vorgeworfen werden, dass wir unnütze Arbeit tun. Der Mythus bekommt ein verschiedenes Gesicht, wenn die Phantasie ihn ungehemmt produzieren darf oder wenn eine nach Wahrheit verlangende Theologie ihn meistert. Wenn ein Inder den Himmel mit Göttergestalten bevölkert, entsteht ein anderes Ergebnis, als wenn Kant seine reine Vernunft mit einer Gottesidee beschenkt. Einen verschiedenen Wert erhielt der Mythus, wenn ein Babylonier seine Phantasie spornte, damit sie ihm den Weltanfang vorstellbar mache, oder wenn ein Israelit Adam und Eva beschrieb, wenn Jesus in weissagenden Worten seinen Messianismus aussprach und den allmächtigen Christus verkündete, oder wenn ein Rabbi das verklärte Jerusalem mit Perlentoren und wunderbaren Weinstöcken versah, wenn ein Gnostiker das Leben Gottes zu einer Äonenreihe entfaltete oder Athanasius die trinitarische Formel schuf. Das freilich kann kein Theologe verhüten, dass der Mythus, wenn er als Mythus erkannt ist, stirbt. Das ist aber nicht die Schuld der Theologie. Das geschieht in Kraft einer Gesetzmäßigkeit, die unser ganzes inwendiges Leben beherrscht. Ist Gott wirklich tot, dann kann die Kirche und der Theologe nicht mehr begehren, dass sie weiter leben.
Gibt es jemand, der einen Maßstab hat, der Dichtung und Wahrheit trennt? Offenbar hat unsere Zeit, die Zeit der Technik, einen solchen. Warum heißt der Naturforscher seine Vorstellungen wahr, Enthüllung der Natur, erkannte Wirklichkeit? Er hat doch nichts anderes als seine eigenen Vorstellungen, und das Raumbild, aus dem er sie deutet, ist nirgends vorhanden als in ihm selbst. Aber diese Vorstellungen werden ihm gegeben. Sie entstehen nicht unabhängig von den natürlichen Vorgängen aus ihm selbst, sondern werden durch die natürlichen Vorgänge in ihn hineingelegt. Weil er mit dem arbeitet, was er empfangen hat, nennt er seine Vorstellungen wahr. Derselbe Maßstab scheidet in unserem inwendigen Leben die Wahrheit von der Einbildung. Wir sind mit unseren eigenen Augen die Beobachtenden und formen mit unserer eigenen Urteilskraft unsere Begriffe und pflanzen sie mit eigener Wahl in unser Begehren hinein, das unserem Leben die Richtung gibt. Wo sitzt aber der Erreger der Bewegung? Von wo geht die theologische Produktion aus? Geht sie vom Empfangen aus oder von einem aus uns stammenden Begehren? Beginnt die Bewegung mit dem Urteil: „Ich will“ oder mit dem Urteil: „Ich muss“? Wenn der auf Gott bezogene Vorgang mit dem Bewusstsein verbunden ist: „Das ist das dir Gegebene“, dann kann, dann soll jene unbedingte Bejahung stattfinden, die ihren sprachlichen Ausdruck in der Formel „Wahrheit“ hat, und dann ist uns der letzte, zum großen Staunen und tiefen Dank verpflichtende Erfolg der theologischen Arbeit geschenkt, nämlich das Glauben. In der evangelischen Kirche hat alle Arbeit, die sie tut, ihr Ziel im Entstehen des Glaubens. Die Arbeit, die wir als Theologen tun, erweist sich dann als kirchlich, als in der Kirche, nicht gegen sie geschehend, wenn der Erfolg, der sie krönt, Glaube ist. Damit tritt auch in unser Dichten, in unsere Begriffe, in unsere Normen, Wahrheit hinein. Auch diese haben in ihrem Maß am Gegensatz von „wahr“ und „falsch“ teil. Unsere Dichtungen sind so weit wahr, als sie das, was sie in das Jenseits verlegen und zum Ideal erweitern, aus dem Empfangenen schöpfen.
Können wir eine Technik erfinden, die bewirkte, dass aus der Gelehrsamkeit Erkenntnis, aus dem Studium Gewissheit, aus der Historie Theologie entstehe? Wer an eine solche Technik dächte, wäre Naturalist, Atheist, nicht mehr Theologe. Aus dem Wesen der Natur folgt, dass sie der Technik gehorchen muss. Im Verhältnis des Menschen zu Gott hat dagegen Technik keinen Raum, eben weil Gott Gott, Schöpfer und Herr, ist. Das ist die nie zu verwischende Verschiedenheit, die die theologische Arbeit von der des Naturforschers trennt. Dem Naturforscher spendet die Natur zwingende Methoden. In die Hand des Theologen ist kein Zwang gelegt. Unser Gebiet ist der Ort, an dem die Freiheit wohnt; denn es ist der Ort, an dem der Geist sein Werk vollbringt. Das ist die Ohnmacht der Theologie gegenüber der Zeit, die sie nie verleugnen oder verhüllen darf.
Sind wir damit der Ratlosigkeit und dem Zweifel im Blick auf den Erfolg unseres Studiums überantwortet? Wir sind es, bis wir Theologen sind. Sind wir es, so sind wir vor Gott gestellt, nicht vor den abwesenden, der einst gnädig war, sondern vor den gegenwärtigen, dessen Wort die Macht in sich trägt, uns zu ihm zu rufen, indem es Glauben schafft. Das legt in die theologische Arbeit die Ruhe hinein, die ihre Erträge nicht mit eilfertigem Griff erhaschen will, sondern sie reifen lässt und sie dann, wenn sie reifen, und so, wie sie reifen, dankbar empfängt.
Wartet ihr noch auf irgendein mystisches Erlebnis? Öffnet die Augen: Gottes reiche Gaben liegen vor euch. Das Semester ist im Gang. Greift zu, ihr könnt studieren. Es gibt auch jenseits des Studiums Vorgänge, durch die uns göttliche Gnade widerfährt. Ich spreche jetzt aber von derjenigen Begnadigung, die uns als Theologen geschenkt ist.
Es gibt auch Vorgänge, die die theologische Arbeit stören. Das weiß jeder Student. Folglich weiß er, dass er tapfer sein muss. Der Vorgang, auf den wir zu achten haben, wenn wir bis dahin durchstoßen wollen, wo uns Wahrheit, Wirklichkeit Gottes, sichtbar wird, vollzieht sich in der Tiefe des inwendigen Lebens. Der theologische Erfolg setzt das wache Ohr voraus, das die Stimmen unterscheiden kann, die Stimme des eigenen Begehrens und die von oben uns erreichende Stimme, das eigene von unserer Seele gesprochene Wort und das zu uns gesprochene Wort, die uns gewährte Gabe und den von unserem Begehren geschaffenen Wert. Lebten wir vereinsamt, so würde uns dieses Kriterium schwerlich vor dem Zweifel schützen. Wir leben aber vereint, und das Urteil des einen befestigt sich durch das der anderen. Ebenso arbeitet der Naturforscher deshalb mit Zuversicht, weil er in der Gemeinschaft steht.
Kurz nach dem Erscheinen meiner Abhandlung über den Glauben, meines ersten Buchs, schrieb mir ein Leipziger Kollege eine Postkarte: ich habe noch wenig darin gelesen, sage Ihnen aber: ex ungue leonem. Wenn ich mich besinne, was aus diesem Löwen geworden ist, der damals zum erstenmal seine Klaue zeigte, wandern meine Gedanken zu der Felswand in Luzern, an der in einer Höhlung der sterbende Löwe liegt. Noch lebt er; aber der Pfeil sitzt tief. Das mächtige Tier stirbt. Ist das das Bild der evangelischen Theologie? Der sterbende Löwe war das Denkmal der Soldaten, die in Paris bei der Verteidigung eines gekrönten Hauptes, Ludwig XVI., starben. Wäre das Diadem, das das Haupt krönt, nach dessen Namen wir uns nennen und dessen Wort uns leitet, vom selben Stoff wie das, das in Paris seine Getreuen vergeblich zu schützen suchten, so wäre der sterbende Löwe auch unser Bild. Das Pariser Diadem war Import aus Rom, eine glänzende Erfindung des begehrlichen Machtwillens. Die Krönung Jesu geschah an seinem Kreuz. Dort entstand die christliche Theologie. Das Kreuz entstand nicht aus dem, was Fleisch und Blut denkt und begehrt, nicht aus dem, was Natur hervorbringt. Diese Krone war empfangen, nicht gemacht; darum rollt sie nicht in den Staub. Darum ist auch nicht der sterbende Löwe das Bild unserer Theologie.
Mit unseren theologischen Fakultäten ist uns etwas Großes geschenkt. Wir haben allen Grund, für die Arbeit, die sie leisten, dankbar zu sein. Die Schulung, die diese uns verschafft, ist eine wirksame Anleitung zur Wachsamkeit gegenüber unserer begehrlich dichtenden Phantasie und unseren aus ihren Erzeugnissen gewobenen Schlüssen. Unter allem, was uns zur Verfügung steht, sind verständig gebrauchte theologische Semester das heilsamste Mittel, das uns zum Erwerb der Fähigkeit hilft, die unterscheiden kann, was uns gegeben ist und deshalb feststeht und den Theologen überdauert und was Theorie, Postulat und Wunschbild ist und deshalb mit dem Theologen vergeht. Mit dem zur Wirklichkeit hingewandten und für sie geschärften Blick empfängt unsere Jugend auch die begründete Hoffnung auf ein gelingendes Lebenswerk, auf ein fruchtbares Amt mitten in der strudelnden Gegenwart.
Quelle: Adolf Schlatter, Erfolg und Mißerfolg im theologischen Studium. Eine Rede an die evangelisch-theologische Fachschaft in Tübingen, Tübingen: Osiander’sche Buchhandlung, 1931, S. 3—23.