Alfons Deissler, Wie wir als Christen die Psalmen beten: „Selbstverständlich gehört zum Sinne des Psalmenbetens ihre ‚Übersetzung‘ in unsere Zeit, unsern Horizont und unsere Situation. ‚Übersetzen‘ aber ist sachgemäß nicht möglich, ohne dass man vorher übersetzt an das Ufer des zu Übersetzenden und damit hinüber- und hinuntergeht in die Glaubens- und Lebenswelt Israels. Die Ur-Sprünge einer Sache dürfen nicht übersprungen werden, wenn man ihres Wesens habhaft werden will. Die Psalmen sind sich zu gut dafür, dass man sie als bloße Worthülsen ge­brauchen dürfte, in die man seine subjektiven Empfin­dungen und Befindlichkeiten hineingibt.“

Wie wir als Christen die Psalmen beten

Von Alfons Deissler

Die Menschen von heute wurden von den Meinungspro­pagandisten fleißig dazu angehalten, alles und jedes mit den Wertungs-Etiketten „konservativ“ oder „progressiv“, „gestrig“ oder „modern“ zu versehen. Viele, die sich „In­tellektuelle“ nennen, ließen und lassen aber gerade darin den Intellekt vermissen, daß sie alles auf simple Nenner zu bringen versuchen. Zahlreiche Christen wollen als „moderne Menschen“ hier kaum hintanstehen, und so ge­rät „Gestriges“ für sie immer wieder neu ins Zwielicht. Und was sind die Psalmen anderes als Gestriges, ja Vor­gestriges? Sind sie doch zweifellos Gebete Israels. Stam­men sie aber deswegen aus einem prinzipiell „vorchrist­lichen Raum“? Das Alte Testament ist ja nicht nur die Bibel Israels, sondern auch die Bibel Jesu und der jungen Kirche, und eben diese Kirche hat sich von früh her klar geweigert, das Alte Testament einfachhin als durch das Neue Testament abgelöst zu betrachten. Dar­um hat sie, die sich als das „Israel Gottes“ von Galater 6,16 verstanden hat, auch den Psalter als Antwort dieses „Is­rael“ auf die Worte und Taten Gottes zu ihrem offiziel­len Lieder- und Gebetbuch gemacht. Wer gläubig davon überzeugt ist, daß Gottes Geist auch im Gebetsleben der Kirche waltet, wird kaum damit rechnen, daß die theore­tische Möglichkeit, sich nicht mehr auf den Psalter fest­zulegen, einmal Realität würde. Ein anderes Problem ist der Umfang des zu rezipierenden Psalters. Hier hat neuerdings die Kirche — m. E. mit Recht! — auf krude Strafwunschtexte (oft „Flüche“ genannt) verzichtet. Da­mit kommt sie in pastoraler Fürsorge jenen vielen Chri­sten und nichtchristlichen Kirchenkritikern entgegen, welche Matthäus 5,44 („Liebet eure Feinde und betet für die, welche euch verfolgen!“) und das Beispiel Jesu am Kreu­ze (Lk 23,34, aufgenommen von Stephanus, Apg 7,60) nicht vereinbaren können mit „Fluchtexten“. Gewiß hat man in der kirchlichen Unterweisung seit jeher darauf Wert gelegt, die konkreten „Feinde“ in den Psalmen auf den Satan und die Sündenmächtigkeit hin umzudeuten, aber solche Umdeutung ist für viele Beter schwierig, ganz abgesehen von der allgemeinen Problematik, daß dann Gesagtes und Gemeintes sehr weit auseinandertre­ten. Dies ist leicht zu illustrieren am Schluß von Psalm 137: „Tochter Babel, du Zerstörerin! Selig, wer dir heimzahlt, was du uns angetan! Selig, wer deine Kindlein packt und an den Felsen schmettert!“ Hier kann man nur hinzufü­gen: „Selig, die Kirche, die es nicht nötig hat, dieses drastische konkrete Fluchwort aufzugreifen, mit dem Zwang, es sofort wieder ins Abstrakte zu verflüchtigen!“ Wer mit dem Psalter, mit seiner Geschichte, mit seinen Gattungen und seinen Themen einigermaßen vertraut ist, wird die Kirche überhaupt nicht verpflichten wollen, alle 150 Psalmen in ihr offizielles Gebetbuch aufzuneh­men, da manche miteinander verwandt sind, andere so stark zeitgeschichtlich eingefärbt sind, daß man nur mit einigen Schwierigkeiten sie unmittelbar „aktualisieren“ kann. Damit sind wir aber bereits mitten in unsere The­matik gelangt: „Wie beten wir als Christen die Psal­men?“ Hier können nur einige fundamentale „Hinsich­ten“ für eine Antwort entwickelt werden.

I. Keine unvermittelte Akkommodation!

Selbstverständlich gehört zum Sinne des Psalmenbetens ihre „Übersetzung“ in unsere Zeit, unsern Horizont und unsere Situation. „Übersetzen“ aber ist sachgemäß nicht möglich, ohne daß man vorher übersetzt an das Ufer des zu Übersetzenden und damit hinüber- und hinuntergeht in die Glaubens- und Lebenswelt Israels. Die Ur-Sprünge einer Sache dürfen nicht übersprungen werden, wenn man ihres Wesens habhaft werden will. Die Psalmen sind sich zu gut dafür, daß man sie als bloße Worthülsen ge­brauchen dürfte, in die man seine subjektiven Empfin­dungen und Befindlichkeiten hineingibt. Für letzteres ist das persönlich-individuelle Beten da, nicht das formulier­te Gebet Israels, das als solches das offizielle Gebet der Kirche geworden ist. Darum kennt diese Kirche auch kei­nen anderen legitimen Zu weg zum Nachvollzug dieses Betens als den, sich eine „gründliche biblische Bildung anzueignen, zumal was die Psalmen betrifft“ (Vaticanum II, Liturgiekonstitution, Art. 90). Ein Minimum wenigstens an Studium der Psalmen ist unentbehrlich, weil man sich angesichts ihres biblischen Charakters nicht mit einer bil­ligen subjektiven Akkommodation zufriedengeben darf.

II. „Schulter an Schulter“ mit Israel die Psalmen singen und beten!

Abraham ist nach Paulus nicht nur der „Vater Israels“, sondern auch der „Vater der Christusgläubigen“ (vgl. Röm 4,9—12; 9,6; 8. Gal 3,6—29). In Abrahams „physi­scher“ Nachkommenschaft, in Israel, ist durch Gottes Heilshandeln in einer vielhundertjährigen Geschichte der Psalter entstanden als Antwort des Gottesvolkes auf die Worte und das Walten seines Gottes. Darum hat das altbundliche Gottesvolk uns Christen gewissermaßen einzu­weisen in die gottgestiftete Psalmodie. Dieses „Lehrlings­verhältnis“ ist indispensabel, auch wenn wir an seinem Ende unseren eigenen Weg weitergehen. Was ist von Is­rael nun zu lernen?

1. Der Mensch — ein „Wort-Wesen“

Der Mensch ist mehr als ein „Vernunft-Wesen“, er ist ein „Wort-Wesen“. Denken ist „Sprechen im Herzen, bzw. zu seinem Herzen“, Meditieren ist „murmeln“ bzw. „in sich hineinsprechen“. Im inneren und äußeren Wort wird der Mensch erst voll Mensch. Im Reden erschließt er sich sowohl dem „Du“ und „Wir“ der Mitmenschen wie dem dieses „Du“ ermöglichenden und alle „Du-heit“ umfas­senden „DU“ Gottes. Dabei liegt eine Wechselbeziehung von Person und Wort vor: die Person „macht“ nicht nur das Wort, das Wort wirkt auch, entfaltend auf die Per­son zurück. Letzteres vergißt oder verkennt der „moder­ne Mensch“ allzuleicht, wenn er dem Reden nur die Funk­tion zuerteilt, „redlich“ die jeweilige individuelle Befind­lichkeit auszudrücken. Wer sich nicht mehr ein vorge­prägtes Dichter- oder Weisheitswort zu eigen macht und damit in ihnen sich gleichsam wiederfindet, muß dies mit einer geistig-personalen Schrumpfung bezahlen. Selbstverständlich bleibt im Bereich des Betens das selbstgeformte Sprechen zu Gott hin unverzichtbar, aber ein aus tiefer Gottes- und Welterfahrung formuliertes Gebet eines wortkundigen Erfahrenen schafft die Mög­lichkeit, die individuelle Enge und Seichtheit in eine grö­ßere Weite und Tiefe hin zu öffnen. Die Psalmisten sind solche „Erfahrene“, die uns mit ihrem gedichteten und damit „verdichteten“ Wort keine fremden Worthülsen überstülpen, sondern unsere Beterqualität entfalten hel­fen. Ihre Außen- und Innenwelt hat zwar andere Kulis­sen als die unsere, aber der Bühnenboden ist ein währen­der: das Stehen und Reden des Gottesvolkes und seiner Glieder vor ihrem Gott.

2. Ein gemeinschaftsbezogenes Gebet

Psalmengebet ist primär gemeinschaftsbezogen. Viele Psalmen sind Gesänge der Kultgemeinde. Aber auch in den zahlreichen Fällen, in denen ein einzelner redet, ist er kein „Vereinzelter“. Im Dankversprechen der „indi­viduellen Klagelieder“ z. B. wird häufig der Gruppe oder der Gemeinde gedacht, vor der man vom Rettungswalten Gottes Zeugnis ablegen will. Zudem artikulieren die Psalmenautoren ihre Erfahrungen in einen Typus-Rah­men hinein, der dem Psalm Formularcharakter für ähn­lich gelagerte „Fälle“ verleiht (vgl. die Überschrift zu Ps 102). Die alttestamentlichen Prämissen des paulinischen „Corpus Christi mysticum“ liegen jedenfalls in der Psalmodie Israels offen zutage, so daß die nachexilische Gemeinde die Individualpsalmen auch zu ihren eigenen (im Sinne eines Kollektiv- bzw. Repräsentanz-Ichs) ma­chen konnte. Diese „Einweisung“ (Beten in Stellvertre­tung!) ist fundamental für uns Christen. In den Psalmen müssen wir nicht immer unsere eigene Situation und Be­findlichkeit als Hintergrund wiederfinden; der Psalter eröffnet vielmehr die große Möglichkeit, unsere seinshafte ekklesiale Verbundenheit solidarisch ins Wort zu brin­gen und damit zu „realisieren“. Gerade die „Horizontalisten“ unter uns sollten dies bedenken! Psalmengebet lebt nicht einfachhin in der Dimension „Seele-Gott“, die mitmenschliche Dimension ist ihm auf vielfältige Weise zu­innerst inhärent. Darum ist es kein Zufall, daß gerade zwei Psalmen (15 und 24) jene Befragungsliturgie am Tempeltor bewahrt haben, in welcher dem Kultteilneh­mer in Erinnerung gerufen und ins Gewissen geschrie­ben wird: „Rein für den Kult ist nur, wer im reinen ist mit dem Mitmenschen!“ Es ist auch nicht von ungefähr, daß Psalm 1 als Eröffnung des Psalters die Wegweisung JHWHs zum Thema macht — für diese Wegweisung („To­rah“) ist nicht nur die Vertikale, sondern ebenso die Horizontale konstitutiv! — und daß der Psalter in einer Reihe „didaktischer Lieder“ diese Thematik aufgreift.

3. Ein gesungenes Gebet

Die Psalmen — der Name sagt es schon — sind von Hause aus gesungene und von Musik begleitete Gebete. Gesang, Musik, Spiel und Reigentanz (vgl. Ps 150) gehörten kon­stitutiv zum altbiblischen Kult, worin die Psalmen ihren Wurzelboden haben. Musik, Gesang und Tanz zählen zu­gleich zu den Wesensäußerungen des Menschen als Men­schen, sind also keineswegs nur Ornament in seinem Le­ben. Nietzsches lyrisches Sehnsuchtsbekenntnis: „Meine Seele ist das Lied eines Liebenden“ und Rilkes Wort vom Menschen als „großem Gesang“ decken die Tiefendimen­sion von Singen und Musizieren auf, wie sie auch der von E. Bloch auf seine Weise interpretierte lateinische Spruch bezeugt: „Musica est praeludium vitae aeternae“. Dies alles war Israel so tief bewußt, daß noch seine Bittpsal­men Lieder mit Musikbegleitung sind, wenn auch mit klagendem Klang. Ein rein sprechendes Rezitieren der Psalmen kann also nur ein Notbehelf sein, der freilich in vielen Fällen unumgänglich ist. Der Dürre leisen und lesenden Rezitierens ist leider nur wenig abzuhelfen. Die­ses Wenige sollte aber unbedingt geleistet werden, und wäre es nur eine innere lebendige Vergegenwärtigung des musikalischen „Sitzes im Leben“ der ursprünglichen Psalmodie. Die jahrhundertelang in der Kirche geübte Quantifizierung des Psalmenbetens hat leider kaum auf die notwendige Resonanz des emotionalen „Seelenbo­dens“ Rücksicht genommen. Ein Beten aber ohne Beteili­gung oder Mitschwingen des Gemütes ist weder voll human noch gut christlich.

4. Gebete des Glückens und des Scheiterns

In der Psalmodie Israels gibt es zwei Grundsituationen der Beter und damit zwei Grundgattungen der Gebete: a) die Erfahrung des Glückens und daraus die „Preisung JHWHs“, b) die Erfahrung des Scheiterns und daraus das „Klagelied“. Innerhalb dieses Großrahmens gibt es dann „Untergattungen“ und dazu Psalmen mit ausgesprochen prophetischem oder ausgesprochen weisheitlichem Kolo­rit. Die Information darüber muß aller Rezitation vor­ausgehen, weil vom ganzen her die „Details“ erst ihren Stellenwert bekommen. Ohne solche „Wegweiser“ — zu­meist in den Überschriften kurz (oft zu kurz!) vermerkt — sollte man sich nicht „betend“ auf den Weg machen.

5. Vielfältiges Preisen JHWHs

Für das Preisen JHWHs als des Rettergottes oder des Schöpfergottes (Hymnen!) hat Israel viele Ausdrücke. Der bezeichnendste ist „hallel“ (vgl. hallelu-Jah = preiset JHWH!). Volksetymologisch bedeutet dieses Wort zu­gleich: aufleuchten lassen. Im preisenden Wort läßt man JHWH also vor den Mitmenschen und vor sich selbst „aufleuchten“ — ein überaus fruchtbarer Impuls auch für das christliche Psalmenbeten. Ein häufiger Ausdruck für die Preisung ist auch das Wort „segnen“ (früher mit „benedeien“ übersetzt). Der Mensch kann zwar Gott nicht in gleicher Weise segnen wie Gott ihn, aber er vermag etwas Analoges: er denkt ihm alle innere und äußere Lebensfülle zu und spricht sie ihm „gönnend“ zu. Ist diese Möglichkeit unter Christen nicht häufig geradezu vergessen?

6. Mehr Klagelieder im Buch der Preisungen

Die „Klagelieder“ (weniger gut oft „Bittpsalmen“ ge­nannt) sind entsprechend der Häufigkeit menschlicher Not zahlreicher im Psalter vertreten als die Hymnen. Dennoch wird das Psalmenbuch „tehillim“ (= Preisun­gen) genannt. Das ist für uns Christen ein wichtiger Hin­weis: diese aus Klage, Vertrauensäußerung, Bitte und Dankversprechen bestehenden Lieder bedeuten im letz­ten auch eine Preisung des Bundesgottes und dürfen dar­um nicht, wie es häufig bei „elitären“ Christen geschieht, als „Gebete zweiter Klasse“ abgewertet werden. Im „Kla­gelied“ kann sich der Mensch, ganz wie er ist, vor dem Gott des Bundes „zur Sprache bringen“. In Israel weiß man sehr wohl, was Ehrfurcht vor Gott ist, und dennoch richtet man auch Fragen an den waltenden Gott, die manchmal bis zur Anklage gehen (z. B. Ps 44, 10 ff, 24 f), wie sie später für das Buch Ijob kennzeichnend ist. Das geht für unser Empfinden in einigen Fällen bis an die Grenze des Tolerablen. Doch sollten wir bei Israel ler­nen, wie lebensnah und lebendig hier die von Gott ge­währte Bundespartnerschaft realisiert wird. Solches Kla­gen rennt nicht von Haus zu Haus, um sich bei selbst auf vielerlei Weise geplagten Mitmenschen abzureagieren oder wichtig zu machen, sondern es wagt, das Vertrauen auf den Gott der Zuwendung voll auszuschöpfen und dem wirklich „Einzigen“, der zu helfen vermag, Leid und Seelennot zu klagen. Freilich ist dabei der Glaube Vor­aussetzung, daß Gott trotz aller von ihm selbst geschaf­fenen Naturgesetzlichkeiten auf seine, eben göttliche Wei­se ein allmächtig Allwaltender ist. Ist solcher Glaube dem „modernen Menschen“ noch zuzumuten? Keine noch so weit vorangetriebene Naturerkenntnis kann den aus anderen Dimensionen waltenden Gott aus seiner Schöp­fung vertreiben. Die These, daß die Welt ein absolut geschlossenes und absolut determiniertes System sei, ist ein purer Glaubenssatz, dessen naturwissenschaftliche Plausibilität immer mehr im Schwinden begriffen ist.

Hier konnte nur fragmentarisch anskizziert werden, was alles die psalmodierenden Christen in der Schule Israels — und dies ist auch die Schule des Psalmenbeters Jesus! — lernen können. Jetzt wird die Frage fällig, ob es dar­über hinaus nicht auch ein spezifisch christliches Beten der Psalmen gibt, ja geben muß. Allerdings darf diese Frage nicht von der festen Vorerwartung aus gestellt werden, der Christus müßte in einem christlichen Gebet direkt aufscheinen und thematisiert werden. Denn die meisten liturgischen Gebete der christlichen Tradition entsprechen ja auch dieser Erwartung nicht; sie sind an den Vater gerichtet und bringen erst im Schluß („durch Jesus Christus, unsern Herrn“) die Evokation des Chri­stus. Beim Vater-unser ist das Christusthema ebenfalls nicht ausdrücklich artikuliert, und dennoch ist es das christliche Gebet par excellence.

III. Die Psalmen beten im christlichen Glaubenshorizont!

Als Christen glauben wir Gott, daß er seinem erwählten Israel in Jesus dem Christus seinen endgültigen Reprä­sentanten gegeben hat. In ihm und durch ihn ist das Ideal der menschlichen Bundespartnerschaft von Micha 6, 8 („Gerechtigkeit üben, den Brudersinn lieben, in Dienmut seinen Weg gehen mit seinem Gott“) radikal und total realisiert worden. Zugleich ist in ihm die bundes­willige Zuwendung Gottes selbst, die Israel im Evange­lium des Namens „JHWH“ offenbart wurde, in einer unerwartbaren Weise in ihre letztmögliche Erfüllung ge­kommen: der ewige Sohn des Vaters ist in ihm „Fleisch“ d. h. ganzer Mensch geworden, was schon in seinem gott­bestimmten Namen Jeschua (= JHWH ist Heil! vgl. Mt 1,21; Lk 1,31; Phil 2,9) zum großen — in der Kirche leider häufig vergessenen! — Zeugnis kommt. Von hier aus ist es prinzipiell möglich, die Psalmen auch „ad Jesum Chri­stum“ zu beten. Jedoch hat die heilsgeschichtliche Per­spektive der Bibel mit Recht im Christentum den Vor­rang behalten, d. h. man betet „per Jesum Christum“ im Hl. Geist zum Vater.

1. Vereint mit Jesus beten

Das bedeutet zum ersten, daß wir als Christen uns mit Jesus als dem Haupt und Repräsentanten der Kirche be­tend „vereinigen“. Wir beten die Psalmen so mit dem großen Psalmenbeter Jesus zusammen, dem „Menschen der Menschen“, der mit allem Menschlichen vertraut war, der als „Bundgetreuer“ lebte, litt und starb, vom Vater aber auferweckt und erhöht wurde zu seiner Rechten, wo er immerfort als unser Fürbitter schlechthin lebt und waltet (Joh 14,16; 1 Joh 2,1; Röm 8,34; Hebr 7,25). So wie Israel, wie viele Psalmüberschriften bezeugen, beim Be­ten Davids und der Wechselfälle seines Lebens gedachte, können wir Christen je und je dessen eingedenk sein, den wir als den „neuen David“ (vgl. Jer 30,9; Ez 34, 23 ff; 37, 24 ff) glauben, und uns „Schulter an Schulter“ neben ihn und in seine Lebenssituation stellen. So wird uns Jesus gerade beim Psalmenbeten in besonderer Weise un­ser „erstgeborener Bruder“ (vgl. Röm 8,29), und wir kom­men in einen geistigen Kontakt mit ihm, wie ihn keine „Reliquie“ von ihm (vgl. Turiner Grabtuch) gewähren könnte.

2. Dem Reich Gottes entgegen

Da der Psalter das Gebet des durch die Dimension der Geschichte dem endgültigen Gottesreiche zuwandernden Gottesvolkes ist, ist sein Glaubenshorizont ein offener, d. h. aber: wir dürfen als Christen legitimerweise die neubundlichen eschatologischen Verheißungen in die alt- bundliche Grundverheißung vom „kommenden Gott“ als absoluter Zukunft von Welt und Geschichte eintragen, ohne diese göttliche Grundzusage zu verfälschen oder auch nur zu verdunkeln. Dies wird am deutlichsten of­fenbar an den Psalmen vom Königtum Gottes (Ps 47, 93, 96, 97, 99) und dessen Echo in andern Psalmen (vgl. z. B. Ps 24,7 ff, 29,10). Aber auch die „Königspsalmen“ (Ps 2, 45, 72, 89, 110), welche die „nachkönigliche“ Ge­meinde im Horizont ihrer endzeitlichen Messiaserwartung gebetet hat, werden in unserer Glaubenssicht „Vor­ausfeier“ der zweiten Ankunft Jesu Christi. Unschwer sind die Zionslieder (Ps 46—48, 76, 84, 87, 125) in eine eschatologische Perspektive bis hin zum „himmlischen Jerusalem“ (vgl. Gal 4,26; Phil 3,20; Hebr 11, 10,16 u. a.; Offb 21,2 ff) einzustellen.

3. Schöpfung und kosmischer Christus

Wo die Schöpfung und ihre Güter im Psalter auf schei­nen — hier immer als Gaben des bundeswilligen „Gottes für Welt und Mensch“ („Natur“ und „Übernatur“ wer­den also nicht auseinandergerissen!) — wird der voll­gläubige Christ diese Texte nicht singen und sprechen oh­ne Bezug auch auf den „präexistenten Logos“ (vgl. Joh 1,1 ff) und den „kosmischen Christus“ (vgl. Kol 1,15 ff; vgl. auch die Sicht Teilhard de Chardins!).

4. Das Gloria Patri — kein Fremdkörper

Die Kirche schließt seit alters her die einzelnen Psalmen mit dem „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“. Dies ist in der Sicht der biblischen Gesamtoffenbarung (vgl. die Taufformel Mt 28,19!) kein angestückter Fremdkör­per. Da der Psalter auf hebräisch den Titel „tehillim“ (= Preisungen) trägt, liegt es in der Linie dieses „hallel“ (= „aufleuchten lassen“) und des korrespondierenden „barek“ (= „segnen“), daß man als Christ solch prei­sendes „Benedeien“ (vgl. den Vaterunser-Schluß!) noch einmal ausdrücklich artikuliert und dabei den „kabod“ (= glo­ria, vgl. Ps 24,7 ff, 29,9 u. o.) als „Glorie, Glanz und Glück“ („Ehre“ ist eine unzulängliche Übersetzung!) der trinitarischen Lebensfülle des alleinzigen Gottes zu­denkt und zuspricht.

Die hier versuchte Antwort auf die Frage, wie wir als Christen die Psalmen beten, ist „Grif­fen“ zu vergleichen, welche zwar greifen, aber keinen letzten „Umgriff“ be­deuten d. h. noch vieles offen lassen. Auch wenn wir Christen unter dem „Israel Gottes“ von Gal 6,16 gewöhn­lich das neubundliche Gottesvolk verstehen, gehört das „Lernen“ zu allen Wegstrecken unserer Geschichte. Ler­nen müssen wir vor allem vom Israel des Alten Testa­mentes, lernen können wir auch immer wieder vom gläu­bigen Judentum, wiewohl Alt-Israel und das Judentum nicht einfachhin identisch sind. Im Psalmenbeten sind wir uns in besonderer Weise nahe.

Literatur in Auswahl:

Kommentare: H.-J. Kraus, BKAT (Neukirchen) XV, 1/2, 5. Aufl. 1978; A. Weiser, ATD 14/15, 7. Aufl. 1966; C. Westermann, Der Psal­ter, 3. Aufl. 1974; A. Deissler, Die Psalmen, Patmos 1977 (1. Band); H. Gross/H. Reinelt, Das Buch der Psalmen T. I (1—72) = Geist­liche Schriftlesung 9/1, Patmos 1978.

Spezielle Publikationen: J. Becker, Israel deutet seine Psalmen, Stuttgart 1966; ders., Wege der Psalmenexegese, Stuttgart 1975; A. Deissler, Das Israel der Psalmen als Gottesvolk der Hoffenden. Festschrift H. Schlier, Freiburg 1970, 15—37. M. Limbeck, Bitt- und Klagegebet aus biblischer Sicht. Ein Testfall des Glaubens, in: „Be­ten in unserer Zeit“, Verlag Herder, Freiburg 1979, 105—126; Beten mit der Kirche. Hilfen zum Neuen Stundengebet, Pustet 1978; W. Strolz (Hrsg.), Aus den Psalmen leben, Verlag Herder, Freiburg 1979.

Quelle: Diakonia 11, Heft 2, 1980, S. 81-89.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar