Oto Mádrs Predigt ‚Das christliche Nein und das christliche Ja der politischen Gefangenen‘ im Prager St.-Veits-Dom (1992): „Wir wollen nicht übersehen, dass wir alle durch Eigenliebe zur Herzenshärte versucht sind. Deshalb hat die christliche Botschaft vom barmherzigen Gott für das menschliche Zu­sammenleben eine unermessliche Bedeutung. Wir sollen die­sem barmherzigen Gott ähnlich werden. Wir stehen kurz vor dem Karfreitag, an dem wir wiederum mit angehaltenem Atem das Gebet des Gekreuzigten für die Feinde vernehmen werden. Lassen wir es für immer in unsere Herzen eingehen. Die Pose der absoluten Fehlerlosigkeit steht uns nicht an, wenn wir uns nicht selbst belügen wollen.“

Das christliche Nein und das christliche Ja der politischen Gefangenen. Predigt im Prager St.-Veits-Dom am 7. März 19921

Von Oto Mádr

Brüder und Schwestern, Freunde, der Blutzoll ist das höchste Opfer für etwas, was wir für kostbarer erachten als das eigene Leben. „Wehe dem Volk, das keine Helden hat“, sagt ein geflügeltes Wort. Ein solches Volk – oder eine solche Gesellschaft, oder eine solche Kirche – begibt sich ihres Existenzrechtes, wenn sich in einer Zeit extremer Bedrohung niemand findet, der den Willen zum Leben artikuliert und mit äußerstem Einsatz seiner selbst erhärtet. Davon spricht die heutige Lesung aus dem 1. Makkabäerbuch. Ohne Mattatias und seine Söhne hätten das auserwählte Volk und die ihm von Gott anvertraute Botschaft an die Menschheit kaum überlebt. Auch die Kirche hat von Anfang an die Erfahrung, daß „das Blut der Märtyrer Samen der Christen“ ist (Tertullian).

Auf ähnliche Weise haben auch wir damals gegen die ängstigende Übermacht unseren Glauben und unsere Frei­heit gestellt. In den ersten Jahren des harten Stalinismus ging es wirklich um Sein oder Nichtsein. Vor dem tödlichen Haß des totalitären Systems gab es keine Rettung. Dennoch blieb kein anderer Weg, als nach dem Gebot des Gewissens in den ungleichen Kampf zu gehen. Vorzügliche Dankbarkeit und Hochachtung gebührt denen, die dabei ihr Leben gelassen haben. Sie sind zu Symbolen geworden. Viele Tausende verloren ihr Leben im Grunde deshalb, weil den damaligen Herrschern der Mensch nur als Baustein für einen utopi­schen Himmel auf Erden diente. Zur Illustration eine kleine Begebenheit, die mir in lebendiger Erinnerung ist. Bis heute überkommt mich Trauer, das Gefühl eines großen Verlustes, wenn ich daran denke, was vor 35 Jahren in der Haftanstalt Mirov geschehen ist. Vor meinen Augen verstarb im Laufe weniger Minuten ein junger hoffnungsvoller Mitbruder, der heute hier unter uns hätte sein können. Sein krankes Herz hatte einer der brutalen Aktionen der Kerkermeister nicht Stand gehalten.

Hunderttausende wurden in Gefängnissen, Arbeitslagern, Strafregimentern usw. der Freiheit beraubt. Schwer betrof­fen wurden viele ihrer nächsten Angehörigen. Aufrichtigen Dank den treuen Ehefrauen und den Kindern für den lie­bevollen Rückhalt, den sie boten. Hunderttausenden Exu­lanten wurde die Heimat genommen. Diejenigen, die im Ausland für unsere Freiheit arbeiteten, keineswegs ohne Risiko, gehören als Mitkämpfer zu uns. Und auch die Millio­nen auf diese oder jene Weise samt ihren Kindern betroffe­nen Mitbürger sollen hier genannt sein.

Warum sprechen wir von diesen Dingen? Wäre es nicht besser, sie zu vergessen? Es ist nicht besser und es ist auch nicht möglich. Schon, damit wir nicht aufhören, Gott für die Freiheit zu danken und auch für die anspruchsvolle geistli­che Schule, die wir durchlaufen haben. Jedoch haben wir einen noch dringlicheren Grund. Nicht wieder gutgemach­tes Unrecht und eigene und fremde Schuld, eigenes und fremdes Versagen ohne Vergebung „irren im Leib einer Gesellschaft weiter als Infektion umher und werden an dieser oder jener Stelle wieder ausbrechen“, schrieb vor einiger Zeit unser Erzbischof. Die nicht geheilte Vergan­genheit meldet sich in Gefühlen des Verletztseins, der Enttäuschung, des Mißtrauens, der Resignation. Aus die­sem Wurzelgeflecht sprießen harte Verurteilungen, radi­kale Losungen und andere das gesellschaftliche Gewebe zersetzende Elemente. In diesem unruhigen Wasser finden Demagogen ihren Anhang. Im eigenen Interesse fachen sie in solchen Situationen zerstörerische Emotionen an. Wie soll dann eine normale und nötige Kooperation im Interesse des Gemeinwohls vonstatten gehen? – Diese Bedenken sind keine unangebrachte „Politik“, sondern das Gebot des christ­lichen und bürgerlichen Gewissens. Auch das Volk und der Staat gehören zu unseren Nächsten.

Nur scheinbar bietet ein Heilmittel für diesen ungesunden Zustand die allgemeine und bedingungslose Vergebung. Die Barmherzigkeit kann die Gerechtigkeit nicht ersetzen. „Das Blut deines Bruders schreit von der Erde her zu mir“, spricht der Herr zum Brudermörder Kain (Gen 4,10). Es ist wahr, daß die Rache Gott allein gehört, d. h. der endgültige und vollständige Ausgleich aller Ungerechtigkeiten und aller Schuld. Eine triebhafte Rachsucht ist unsittlich. Aber die Gerechtigkeit zu erneuern, sofern es in unseren Kräften steht, ist unsere Pflicht. Häufig ist es jedoch unmöglich, alles Unrecht wieder gutzumachen und jeden Schaden zu erset­zen. Und auch, wenn dies möglich ist, bleibt doch die Schuld. Ein ernstes Schuldigwerden stört die gute Beziehung zwi­schen den Menschen, schafft einen Abgrund. Dieser wird allein durch beiderseitige Versöhnung, durch Buße und Vergebung überbrückt. Dazu ist es nötig, die eigene Schuld – manchmal die beiderseitige – ehrlich anzuerkennen, unge­heuchelt um Vergebung zu bitten und sich vor allem um Wiedergutmachung zu mühen. In diesem Fall fordert Chri­stus von uns ganz kompromißlos Vergebung. Aber bereits zuvor müssen wir im Herzen verzeihen, das bedeutet bereit sein, uns zu versöhnen. Und noch etwas: Wir haben nicht das Recht, im Namen anderer Vergebung auszusprechen. Der dicke Strich unter die Vergangenheit darf nicht den grund­sätzlichen Unterschied zwischen Gut und Böse verwischen.

Wir wollen nicht übersehen, daß wir alle durch Eigenliebe zur Herzenshärte versucht sind. Deshalb hat die christliche Botschaft vom barmherzigen Gott für das menschliche Zu­sammenleben eine unermeßliche Bedeutung. Wir sollen die­sem barmherzigen Gott ähnlich werden. Wir stehen kurz vor dem Karfreitag, an dem wir wiederum mit angehaltenem Atem das Gebet des Gekreuzigten für die Feinde vernehmen werden. Lassen wir es für immer in unsere Herzen eingehen. Die Pose der absoluten Fehlerlosigkeit steht uns nicht an, wenn wir uns nicht selbst belügen wollen.

Christi Jünger, der Apostel Paulus, legt uns noch etwas ans Herz: „Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse durch das Gute!“ (Röm 12, 21) Die echte Liebe bemüht sich von sich aus, dem Schuldigen entge­genzukommen, und manchmal – schade, daß es nicht immer so ist – vermag sie die Schranken der Herzen wirksamer zu überwinden als die streng fordernde Gerechtigkeit. Man muß freilich anerkennen, daß Menschen, die für das Ganze verantwortlich sind, sich nicht sorglos auf Erfahrungen aus persönlichen Kontakten verlassen dürfen, anstatt die Bürger durch Mittel zu schützen, die aus der Psychologie großer Gruppen abgeleitet sind. Vergessen wir dennoch nicht, daß Haß, Unversöhnlichkeit und Ehrfurchtslosigkeit destrukti­ve Elemente sind, während die Liebe – eine aufrichtig posi­tive Beziehung – die Person und die Menschheit kultiviert, Wunden heilt und ein Glück anbietet, das durch nichts zu ersetzen ist. Deshalb ist das Evangelium immer noch leben­dig und Christus, der einst brutal Liquidierte, gewinnt schon zweitausend Jahre lang sein Spiel.

Fassen wir die bisherigen Überlegungen zu kurzen For­meln zusammen: Dankbarkeit für die, die uns vorausgegan­gen sind, Gerechtigkeit den Verfolgten und Geschädigten und Vergebung den Schuldigen, denen sie ein ehrliches Anliegen ist. Es bleibt noch eins: die Verpflichtung, das Werk zu vollenden, das wir gemeinsam mit unseren Verstorbenen begonnen haben.

Wir verstehen alle, daß es jetzt nötig ist, die Freiheit zu festigen und die Demokratie ihrer Reifung zuzuführen. Ge­genüber den Jüngeren haben wir, die wir damals direkt betroffen waren, den Vorsprung historischer Erfahrungen. Zum Teil haben wir die Erste Republik erlebt und alle haben wir die harte Schule der Konspiration und des Lebens hinter Gittern durchlaufen. Wir mußten uns eine ständige Wach­samkeit aneignen und durften dabei nicht alles Vertrauen in die Menschen verlieren. Es ist uns klar, wie schädlich es ist, sich von Gefühlen leiten zu lassen anstelle von aufmerksa­men Unterscheidungen der Menschen, ihrer Absichten, Ta­ten, Interessen und Programme. Wir haben z. B. auch in den Uniformen der Aufseher Menschen mit menschlichem Füh­len entdeckt, manchmal sogar Verbündete. Und mancher von ihnen mußte dies teuer bezahlen.

Wir sind noch nicht überflüssig. Wir haben unsere Verant­wortung für die Zukunft, für das Leben und für die Seelen unserer Kinder. Zurecht beunruhigt uns ein ernster Mangel an objektivem, vorurteilsfreiem Denken. Eine gereizte At­mosphäre, Schwarzweiß-Sehen, der Wettlauf der Phrasen und der Vorrang des eigenen Interesses vor allem anderen – das läßt keine gute Hoffnung für die Lösung der schweren Probleme aufkommen. Ich muß letztere nicht weiter aufzäh­len – nur eines will ich dennoch benennen: Es ist das schmerzliche und schädliche Mißverständnis zwischen dem tschechischen und dem slowakischen Volk. Vorgestern habe ich in Bratislava von guten Freunden den Seufzer gehört, daß unsere Beziehungen aus der Gefängniszeit zwar fortbestün­den, aber wir sollten sie auf beiden Seiten auch deutlicher zur Geltung bringen. Die Menschen, die unfähig scheinen, sich einseitiger, vorwurfsvoller, verächtlicher und haßerfüllter Haltungen und Äußerungen zu enthalten, sollten wir ge­meinsam [Tschechen und Slowaken / Anm. d. Übers.] zur Vernunft bringen.

Seinerzeit haben wir unser entschiedenes Nein gegen das Böse gesetzt. Sprechen wir jetzt unser nicht weniger deutli­ches Ja zu unseren Hoffnungen und Aufgaben. Und unter­stützen wir das Vertrauen in die Verantwortlichen, die sich durch ihr selbstloses Interesse an der Gerechtigkeit und an einem Glück für alle empfehlen.

Im Evangelium haben wir heute eine Ermutigung zur Ausdauer in den schweren Prüfungen des Lebens gehört. Gott ist mit uns und erwartet uns am Ende der Tage mit allen, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen und die nicht zö­gern, aus Liebe Opfer zu bringen. An das Ende stelle ich noch ein Wort, ebenfalls aus dem Munde Christi. Es spricht zu uns vom Sinn des freiwillig übernommenen Opfers: „Ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht“ (Joh 12,21). Diese Wahrheit hat nicht nur eine geistliche, sondern auch eine geschichtliche Dimension. Nicht nur da­mals, sondern auch heute.

Oto Mádr (1917-2011) war ein römisch-katholischer Priester und Theologe sowie langjähriger politischer Häftling in der ČSSR.

Quelle: Oto Mádr, Wie Kirche nicht stirbt. Zeugnis aus bedrängten Zeiten der tschechischen Kirche, aus dem Tschechischen übersetzt von Gerhart Streiche, Leipzig: St. Benno, 1993, S. 105-109.

1 Die Predigt wurde im Rahmen einer Gedenkfeier für die Opfer des Kommunismus gehalten.

Hier der Text als pdf.

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