Ein alter Pfarrer meditiert sein Leben. Eine Predigt
Von Karl Rahner SJ
Liebe Gemeinde,
diese Gemeinde feiert heute und auch in dieser Feier des Abendmahls Jesu den 70. Geburtstag ihres Pfarrers. Das ist gut so. Als Christen sind wir Menschen und sollen dieses Menschsein möglichst voll und rein leben. Dazu aber gehört dann auch, daß wir Anteil nehmen an den menschlichen Schicksalen derer, die uns nahestehen oder stehen sollen, daß wir in solcher Anteilnahme immer wieder den trägen Egoismus unserer müden Herzen durchbrechen und dem anderen nahekommen, wenn er einen Tag seines Lebens begeht, der für ihn bedeutsam ist. Und weil Christsein und Menschsein eine innere unlösliche Einheit bilden, ist es auch recht, daß wir diesen heutigen Festtag, der zunächst eher profan zu sein scheint, auch innerhalb der Feier der Eucharistie begehen, in der die letzte Einheit der Christen in Jesus und seinem Geist im Zeichen erscheint und in unseren Herzen neue Wirklichkeit wird.
Was soll nun aber der Prediger in solch einer Stunde sagen? Er soll sicher zur Sache, d. h. zum Leben eines Priesters und Pfarrers sprechen. Er kann und will aber nicht zu dieser konkreten Person sprechen, deren 70. Geburtstag wir alle mitfeiern. Denn dazu fehlen mir, dem Prediger, die nötigen Voraussetzungen, und solch eine Rede im Stil einer Laudatio wie bei profanen Ehrungen wäre wohl auch der Feier des Todes Jesu nicht angemessen. Ich möchte darum unter den auch so noch vielen Möglichkeiten eine, vielleicht etwas ungewöhnliche, auswählen und Ihnen eine kleine Meditation vortragen, wie sie ein Pfarrer, irgendeiner, sich selber vielleicht an einem solchen Tage halten könnte. Nochmals: Hören Sie keine persönlichen Anspielungen auf Ihren eigenen Pfarrer, weder lobende noch tadelnde, aus dieser Meditation des unbekannten Pfarrers an seinem 70. Geburtstag heraus.
Ich bin, so betet dieser Pfarrer, ein alter Mann. Ich vollende ja heute, mein Gott, mein 70. Lebensjahr. Das meiste dieses Lebens war Dienst für die Menschen im Priestertum der Kirche Jesu. Du, mein Gott, hast mich zu diesem Dienst berufen und erwählt durch alle Zufälligkeiten meines jungen Lebens und durch alle menschlichen und vielleicht auch zu menschlichen Motivationen hindurch. Wenn ich Dir durch ein langes Leben hindurch in dieser Berufung treu geblieben bin, dann ist diese meine Treue Dein Geschenk und sonst nichts. Und wenn idi am Abend dieses Lebens noch mehr als je die Hoffnung haben darf, daß Du meiner Treue treu bleibst, dann ist diese selige Hoffnung meines Herzens nochmals Deine Gabe, für die ich nur in Demut und Freude danken kann.
Du hast mich durch das Priestertum zum Verkünder der Frohen Botschaft Jesu, zum Prediger Deines Wortes bestellt. Auf der Kanzel, in der Schule, in Vereinen, im Beichtstuhl, in persönlichen Unterredungen und sogar an Sterbebetten habe ich Dein Wort, das Wort des ewigen Lebens, der Hoffnung und der Vergebung auszurichten gehabt. Wie schlecht habe ich das oft getan. Wie oft verdeckte gescheites und billiges Menschengerede wie Asche das Feuer Deiner eigenen Worte. Wie oft habe ich sie routinemäßig gesagt, Deine Worte, die doch aus der innersten Mitte meines Herzens kommen müßten und bezeugt werden sollten durch ein Leben, das ganz von Deinem Geiste der Zuversicht, der Hoffnung, des Mutes im Leben und im Tode durchdrungen sein müßte. Wie oft habe ich Menschenworte statt Gottes Wort gesagt. Vergib mir! Aber ich würde vergessen, die Kraft Deines Wortes zu preisen, wenn ich Dir nicht auch bekennen würde, daß auch immer wieder das Wunder geschah, meist unerwartet, daß sich meine routinemäßigen, angelernten, voreiligen, zu schnell gesagten Worte durch Deinen Geist verwandelt in den Herzen der Menschen als Dein Wort ankamen, Licht und Kraft, Freude und Frieden, Sehnsucht des ewigen Lebens und die stille Heiterkeit der Ewigkeit wurden. Vielleicht war Dein Wort in meinem armen Munde oft nicht das zweischneidige Schwert, das richtend in die Herzen dringt; vielleicht war es oft nicht das Wort evangelischer Befreiung, sondern zwischen beiden gelegen eine moralisierende Belehrung. Dann vergib mir, Deinem armen Prediger, der es nicht besser vermochte. Und laß mir die Hoffnung, daß Du meine kläglichen Menschenworte doch immer wieder in Dein Wort verwandeln wirst.
Du hast mich zum Verwalter der Geheimnisse der Kirche, zum Ausspender ihrer Sakramente gemacht. Ich weiß, mein Gott, daß ich auch dieses sakramentale Handeln begleiten und tragen müßte mit der innersten Anteilnahme meines Herzens, das aber in Wirklichkeit oft so träge, müde und gleichgültig ist. Darf es mir ein Trost sein, daß alle meine Feiern des Abendmahles Jesu, alle meine Taufen und meine Krankensalbungen, meine Vergebungsworte im Sakrament der Buße trotz der Kümmerlichkeit meines eigenen Herzens Worte der in ihren verborgenen Heiligen immer heiligen Kirche in der Kraft ihres Geistes waren, in denen sich Gott selbst in seiner Freiheit und in seiner Herrlichkeit den Menschen und ihrer Freiheit anbietet? Ich habe viele Kinder getauft und in die Gemeinde Jesu aufgenommen. Heute gibt es viele Kinder, die nicht mehr getauft werden. Ich hoffe, daß auch sie dennoch von Deiner Gnade für Zeit und Ewigkeit umfangen sind. Aber ich bin froh und sage Dir Dank, daß durch die Taufen, die ich spenden durfte, an vielen auch greifbar in der Gemeinde Jesu offenbar wurde, was ich für alle erhoffe. Ich habe fast jeden Tag Jesu Abendmahl unter Menschen gegenwärtig gemacht. Oft ist wohl solche Feier, wenn auch gut gemeint, und darum vielleicht sogar von Dir belohnt, fast nur ein geduldig vollzogenes Ritual geblieben. Aber Du bist eben doch der, der in der Macht seiner Gnade auch durch die verschlossenen Türen unseres Ritualismus und Legalismus hindurchgeht und unsere Herzen mit Deiner Gegenwart erfüllt. Ich danke Dir, daß ich schon fast 50 Jahre an Deinen Altären stehen darf, um den Tod und die Auferstehung Jesu zu verkünden, bis er kommt. Du mußt, Herr, in der siegreichen Allmacht Deiner Gnade den meisten Menschen auf dieser Erde ihre Schuld vergeben in der innersten Mitte ihres Gewissens, mußt allein ihnen geben, daß sie sich vergeben lassen von Dir, der allein die Ausweglosigkeit vergangener Schuld überwinden kann. Aber ich danke Dir, daß ich im menschlichen Wort dieses Dein Vergebungswort sagen durfte, damit es deutlicher gehört und beglückter angenommen werden könne. Du hast mich stehen lassen an Betten der Kranken und Sterbenden. Da also, wo die Weisheit dieser Erde zuschanden wird, wo die Frage allein noch gilt, ob die – unsagbare – Hoffnung siegt oder die verhohlene Verzweiflung in sich selber erstickt. An diesen Betten zeigst Du mir meine Ohnmacht und die Macht Deines Wortes. Hoffentlich geht, was ich da lernen konnte, in meine eigene Sterbestunde ein.
Wie vielen Menschen bin ich als Priester begegnet! Idi bin ja als Verkünder des Wortes und als Spender der Geheimnisse Gottes ein Diener der Menschen. Das Priestertum ist ein seltsamer Beruf. Bei jedem anderen Beruf weiß man eindeutiger, welches seine Funktion in der Gesellschaft und was die Leistung ist, die die anderen Menschen von diesem Beruf erwarten. Der Priester soll dem Menschen in seinem Menschsein als solchem dienen und dieses Menschsein geht nun einmal nicht auf in dem, was die partikulären Berufe besonders in einer Leistungsgesellschaft leisten können. Aber weil der Priester dem Menschsein als solchem und zwar in seiner letzten Unbegreiflichkeit, die wir Gott nennen, dienen soll, darum ist er bei keinem bestimmten Menschen allein zu Hause und hat es mit allen zu tun. Wie viele Menschen sind durch mein Leben gezogen, haben meinen angebotenen Dienst angenommen oder sind an mir vorbeigegangen, gleichgültig, wie an einem Händler, der Waren verkauft, die aus der Mode gekommen sind. Wieviele: Kinder, Heranwachsende, reife Männer und Frauen inmitten des Lebens, Alte, wie ich jetzt einer geworden bin, Arme und Kranke, dann die merkwürdigen Landstreicher Gottes, die „Asozialen“, wie man sie zu nennen pflegt, die nirgends daheim sind und doch einer ewigen Heimat entgegenpilgern, die ernsthaft Suchenden, die kritisch an der Kirche Leidenden, die Mitarbeiter in meiner Aufgabe, Kapläne, Religionslehrer, Pfarrhelferinnen, Schwestern, mein Organist und Chorleiter und viele, viele andere. Ach, ich bin immer ihrer aller Schuldner geblieben, ich habe zu wenig Liebe, Hilfsbereitschaft, Anteilnahme, Geduld aufgebracht, das Herz war zu oft träge, müde, gleichgültig, voreilig, selbstgerecht, feige. Aber es ist doch, so hoffe ich, manchmal in meinem Leben durch Deine Gnade allein das Wunder geschehen, daß ich nicht nur mühsam unter dem Druck der kirchlichen und bürgerlichen Gesellschaft meine „Pflicht“ erfüllt habe, sondern sich die Türe im Kerker meines Egoismus leise aufgetan hat und ich in die Freiheit der einen Liebe zu Gott und den Menschen hinausgetreten bin und – so hoffe ich – das Eigentlichste an mir nicht mehr aus dieser Unbegreiflichkeit der Freiheit und Liebe zurückgefunden hat. Aber es bleibt doch: ich bin der Schuldner so vieler Menschen geblieben, die mir in meinem Leben begegneten, wieder aus meinem Lebenskreis wegzogen, und die ich meist schon vergessen habe. Ich kann ihnen nicht mehr geben, was ich früher ihnen versagte. Gib Du ihnen, was ich zu geben versäumte, und schenke mir Deine Vergebung und Dein Erbarmen, das uns Sünder noch einmal umfängt, wenn wir noch nicht zueinander gefunden haben.
Ich bin ein Pfarrer, kein Theologe, kein Bischof, kein Politiker in Kirche und Gesellschaft. Ich danke Dir, mein Gott, dafür, daß Du mir diese Lasten nicht auferlegt hast und mich so bewahrt hast vor den Gefahren dieser Berufe: vor dem Hochmut und der Streitsucht der Theologen, vor der Gefahr der hohen Ämter in der Kirche, die Institutionen wichtiger zu nehmen als die Menschen, vor der Gefahr der Politiker, zu vergessen, daß in und über allem gesellschaftlichen Engagement Glaube, Hoffnung und Liebe, das Trachten nach dem ewigen Gott und seinem Leben walten müssen, soll der Mensch heil sein und das Heil finden. Daß ich solchem Heil unmittelbar dienen durfte, das ist meine Freude, die Freude des armen kleinen Pfarrers, der, weil er dies begreift, sich in seinem Beruf nicht verunsichert und frustriert empfindet.
Dieses mein Priesterleben, o Gott, war natürlich begleitet, durchdrungen von persönlichem Lebensschicksal, Großem und Kleinem, Hellem und Dunklem, von Schuld und von Gnade Erfülltem. Nur zu oft – durch meine Schuld oder durch Deine weise Fügung – war der Himmel meines Lebens verhangen durch die Wolken und grauen Schleier der Alltäglichkeit, des bloßen Weitermachens. Aber es war auch schon Gnade, in Deinem Licht zu wandeln, auch wenn es nur mühsam durch diese Wolken und Schleier hindurch meine Pfade erhellte. Und nicht selten warst Du mir doch deutlicher nahe. Im stillen Gebet und auch dort, wo der priesterliche Dienst mich mir selber nahm. An große und kleine Schuld in meinem Leben will ich nicht mehr denken. Denn meine Hoffnung weiß, daß Du sie vergeben hast. Was aber in meinem privaten Leben an verborgener Gnade der Freiheit, der Freude, der Hoffnung und Zuversicht war, das bewahre und laß es einst zum ewigen Lobpreis Deiner Güte werden.
Ich bin alt geworden. Das ist auch eine Gnade, weil im Alter die Hoffnung des ewigen Lebens wächst, weil Du zunimmst, wenn wir abnehmen. Wie lange dauert es noch, bis es für immer Abend ist? Ich weiß es nicht. So mache ich weiter, so lange noch Tag ist. Am Ende gehe ich mit leeren Händen fort, ich weiß es. Aber so ist es gut. Dann will ich auf den Gekreuzigten schauen. Und gehen. Was kommt, ist die selige Unbegreiflichkeit Gottes.
Also, liebe Gemeinde, meditierte Herr Pfarrer Jedermann an seinem 70. Geburtstag. Ihr alle, liebe Gemeinde, sollt euch heute mit eurem Pfarrer freuen, mit ihm Gott danken und für ihn Gottes Gnade und Segen erbitten. Amen.
Diese Predigt wurde gehalten am 11. August 1974 in der Münchner Ludwigskirche.
Quelle: Geist und Leben 47 (1974), S. 392-395.