Das Lob der Werke (Kirchliche Dogmatik IV/2)
Von Karl Barth
Werke – das sind (zunächst) die Taten und Früchte menschlichen Wirkens: im Unterschied zu dem Hervorbringen und den Hervorbringungen in der organischen Naturwelt. Der Begriff zeigt also auf Geschichte im eigentlichen Sinn dieses Begriffs. Indem der Mensch als solcher existiert, wirkt er. Es ist sein Leben eine Folge von – bewußten oder unbewußten, größeren oder kleineren, wichtigen oder weniger wichtigen, beachtlichen oder unscheinbaren – Werken. Und wo wären auch nur die durch solche Unterscheidungen angedeuteten Grenzen sicher und allgemein zu bestimmen? Geschweige denn, daß die Folge seiner Werke je unterbrochen würde! «Ach, laß die Seel im Schlaf auch Gutes schaffen!» Und zu des Menschen Werken gehören selbstverständlich auch seine Unterlassungen [661] mit allem, was sie nach sich ziehen. Die Folge der Werke, in der des Menschen Leben besteht, kann und wird erst, indem er stirbt, abbrechen. – Wir reden hier vom Leben und also von den Werken der Christen, nach unseren bisherigen Feststellungen: der in dem einen Heiligen Geheiligten, der in seine Nachfolge Gerufenen, der durch ihn zur Umkehr Erweckten.
Es gibt – und das soll das besondere Thema dieses fünften, kürzeren Abschnittes sein – ein Lob ihrer Werke. «Lob» – das heißt allgemein: Bejahung, Anerkennung, Gutheißung, Beifall. Geht es um die Werke der Christen, so wird sich deren Lob irgendwie auf ihr besonderes Verhältnis zu Gott, konkret: zu Jesus Christus beziehen müssen, der als der wahre Gottes- und Menschensohn ihr Herr und Haupt ist, dem sie angehören, an dem sie mit ihren Werken gemessen sind. Und nun kann «Lob der Werke» in diesem Zusammenhang zweierlei bedeuten, nämlich (1), daß Gott sie lobt, bejaht, anerkennt, gutheißt, und (2) daß ihre Werke ihrerseits Gott loben, eine Bejahung, Anerkennung, Gutheißung Gottes darstellen.
Man mag als neutestamentliches Beispiel für den ersten Sinn von «Lob» an den Schluß des Verses 1. Kor. 4, 5 denken, wo Paulus im Blick auf das auch von ihm persönlich zu erwartende Gericht Gottes sagt: τότε ὁ ἔπαινος γενήσεται ἑκάστῳ ἀπὸ τοῦ θεοῦ, es werde dann einem Jeden von Gott Lob zukommen – und als Beispiel für den zweiten Sinn an Eph. 1, 12, wo es von den Christen heißt, sie seien von Gott erwählt, berufen und bestimmt εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς εἰς ἔπαινον δόξης αὐτοῦ dazu, ein Lob seiner Herrlichkeit zu sein. Beide Stellen fassen etwas Anderes, als daß der Christ mit seinem Tun und dessen Früchten von Gott Lob empfangen werde, bzw. daß er Gott mit seinen Werken seinerseits loben werde, überhaupt nicht ins Auge. Das ist 1. Kor. 4, 5 eben darum umso auffälliger, weil dort vom künftigen Gericht die Rede ist. Man sollte erwarten, es müsse heißen: dann wird einem Jeden Lob oder Tadel widerfahren. Es ist aber, als ob sich das von selbst verstünde, nur von dem von einem Jeden zu erwartenden Lob die Rede! Und auch Eph. 1, 12 ist die Möglichkeit, daß die Werke der Christen vielleicht faktisch auch zu etwas Anderem als zum Lob Gottes dienen könnten, überhaupt nicht in Betracht gezogen.
Wir werden, wenn nun vom «Lob der Werke» die Rede sein soll, diesen Doppelsinn des Begriffs durchgehend im Auge behalten müssen. Darin treffen die beiden Bedeutungen zusammen, daß die in Rede stehenden Werke offenbar gute Werke sind. Wären sie nicht gut – in welchem Sinn sie auch so zu nennen seien – so würde Gott sie nicht loben, und so würden sie auch ihrerseits Gott nicht loben können. Lobt er sie, dann schließt das in sich, daß sie als gute Werke sein Wohlgefallen haben. Und loben sie ihn, so schließt das in sich, daß sie als gute Werke dazu tauglich und brauchbar sind. Wir hätten also diesen Abschnitt wohl auch mit dem bekannteren, so viel umstrittenen Begriff «Die guten Werke» überschreiben können. Wir ziehen «Das Lob der Werke» darum vor, weil damit (in jenem doppelten Sinn) sofort etwas Bestimmtes, das Entscheidende darüber gesagt wird, was die Güte der guten Werke der Christen ausmacht: sie besteht darin, daß Gott sie loben kann und will und [662] tatsächlich lobt – und darin, daß sie ihrerseits Gott loben können und dürfen, ihn tatsächlich loben.
Stellen wir, zunächst ganz allgemein und ungeklärt, fest: solche guten – in jenem doppelten Sinn guten – Werke der Christen muß es geben. Sie können ja nicht umsonst Christen sein und also zu Jesus Christus als ihrem Herrn und Haupt gehören. Sind sie die in ihm Geheiligten, die von ihm in seine Nachfolge Gerufenen, die von ihm zur Umkehr Erweckten und unter seiner mächtigen Regierung in der Umkehr Begriffenen – und sind sie das in ihrem Leben und also in der Folge ihrer Werke – wie könnte es dann sein, daß ihre Werke des Lobes Gottes (in jenem doppelten Sinn) und also der Güte einfach und gänzlich entbehren sollten? Müßte man nicht sagen: das ganze Versöhnungsgeschehen, sofern es doch auch in der Umwendung des Menschen zu Gott hin und also in seiner Heiligung besteht, wäre und würde dann umsonst Ereignis? Der wahre Sohn Gottes wäre dann umsonst der wahre, der königliche Mensch inmitten aller Anderen geworden, umsonst ihr lebendiger Herr. Und müßte man nicht fortfahren: auch als Gottes gnädige Zuwendung zum Menschen, auch als des Menschen Rechtfertigung vor ihm wäre dann die Versöhnung umsonst geschehen, auch als wahrer Gott wäre Jesus Christus dann umsonst an unsere Stelle getreten, für uns zur Vergebung unserer Sünden dahingegeben worden? Gäbe es keine von Gott gelobten und Gott wieder lobenden und also guten menschlichen Werke, in welchem Sinn würde man dann von einer im Tode Jesu Christi geschehenen und in der Kraft seiner Auferstehung durch den Heiligen Geist offenbarten wirklichen Veränderung der menschlichen Situation reden dürfen? Inwiefern wäre dann deren Bezeugung nicht gegenstandslos und also leer?
Aber wir brauchen hier nicht postulierend weiterzureden. Das Zeugnis der Heiligen Schrift von Gottes großen Taten umfaßt ja auch das Zeugnis von dem, was den Menschen in und mit diesen Taten Gottes widerfahren ist, widerfährt und widerfahren wird. Und zu diesem klar bezeugten Widerfahrnis gehört zweifellos auch die Existenz von Menschen, die tatsächlich – wie immer das zu verstehen sei – gute Werke, solche Werke tun, die Gottes Wohlgefallen für sich haben und also seines Lobes teilhaftig sind, die aber auch ihrerseits dem Lobe Gottes dienen. Es ist nach dem Alten und nach dem Neuen Testament so, daß von bestimmten Menschen Worte nicht nur gefordert, sondern gesprochen werden, Taten nicht nur verlangt, sondern vollbracht, Haltungen nicht nur erwartet, sondern eingenommen werden, zu denen Gott Ja sagt und die dann auch ihrerseits ein menschliches Ja zu Gott bedeuten, in denen also des Menschen Umwendung zu Gott hin ebenso Ereignis wird wie Gottes Zuwendung zu ihnen: gute Werke, die als solche von anderen Werken, Taten und Verhaltungsweisen als von bösen Werken scharf und bestimmt unterschieden werden. [663] Es ist wieder nach dem Alten und dem Neuen Testament so, daß diesen guten Werken sogar Lohn verheißen wird. Der Begriff gehört in die Eschatologie und kann uns hier noch nicht beschäftigen. Wir erwähnen ihn jetzt nur, um zu unterstreichen, in welcher Bestimmtheit in der Heiligen Schrift mit dem Geschehen guter Werke gerechnet wird.
Wie scharf auch das Urteil Gottes über alle Menschen: daß sie Übertreter sind – auch über seine Heiligen und über diese zuerst – in der Bibel formuliert, wie unbedingt da ihrer Aller schlechthinige Abhängigkeit von Gottes freier Gnade in Erinnerung gerufen wird – davon kann keine Rede sein, daß das Tun und Lassen der Menschen als eine Nacht beschrieben würde, in der alle Katzen grau sind. Weder von der Erkenntnis der allgemeinen Sündhaftigkeit, noch von der der Allen gegenüber souveränen Barmherzigkeit Gottes her! Sondern gerade weil da Gott – aber nicht in irgend einer Höhe und Ferne, sondern in seinen Taten unter und an den Menschen – allein gerecht und heilig ist, gibt es da Gerechte und Ungerechte, Heilige und Unheilige, gibt es im Leben jedes Menschen (auch in dem der Gerechten und Heiligen) Gutes und Böses, gute und böse Werke. Was es mit der Menschen bösen Werken auf sich hat, hat uns zuletzt im vorangehenden Paragraphen beschäftigt. Wir reden jetzt von des Menschen Heiligung. Uns interessiert jetzt also dies, daß es da auch gute Werke gibt: gut, weil von Gott gelobt und zum Lobe Gottes getan. Daß es das gibt, darf, wenn man auf das Zeugnis der Schrift hören will, nicht verschwiegen, geschweige denn geleugnet werden. Die Schrift traut es dem Gott des Bundes, sie traut es Jesus Christus und dem Heiligen Geist nicht nur zu, daß das möglich ist. Sie bezeugt das vielmehr, inbegriffen in ihrem Zeugnis von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist und seinen Taten, als Wirklichkeit. Davon haben wir hier auszugehen.
Wir setzen bei dem, was nun weiter zu sagen ist (nach dem Vorbild des Jakobusbriefes!), voraus: die paulinische und reformatorische Lehre von des Menschen Rechtfertigung, ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben, wie sie KD IV, 1 § 61 verstanden und entwickelt worden ist. Von daher ergeben sich einige Abgrenzungen, deren wir hier ausdrücklich zu gedenken haben:
Keine Werke, auch keine guten – und wären es die besten – Werke haben die Kraft, den Menschen, der sie tut, vor Gott zu rechtfertigen, ihn in das Recht, vor ihm zu existieren, das er als Sünder verwirkt hat und täglich neu verwirkt, wieder einzusetzen, ihn zum Kind Gottes zu machen, ihm die Verheißung des ewigen Lebens zu erwerben. Werke, die der Mensch in dieser Absicht und mit diesem Anspruch tun wollte, wären als solche Werke seines ungebrochenen Hochmuts und also keine guten, sondern böse Werke. Gerecht vor Gott, Gottes Kind und Erbe des ewigen Lebens wird der Mensch ganz allein durch das in keinem Werk, sondern allein durch den im Glauben zu ergreifenden Freispruch der Gnade des in Jesus Christus handelnden und offenbaren Gottes, die in der unverdienten Vergebung seiner Sünden besteht.
Daraus folgt: Kein Mensch – und wäre er der Täter guter, der besten Werke, und wäre er der heiligste Heilige – der der Vergebung seiner Sünden und also jenes Freispruchs nicht bis zu seinem Lebensende bedürftig wäre und also ganz und gar auf den jenen Freispruch ergreifenden Glauben angewiesen bliebe. «Wir sind Bettler, das ist wahr» (Luther). [664] Daraus folgt weiter: Weil der Mensch in jener Folge seiner Werke existiert, darum ist mit ihm selbst auch jedes seiner Werke im Besonderen – als das Werk eines sündigen Menschen – der Rechtfertigung und also der Vergebung und so der auf alle Fälle unverdienten Anerkennung Gottes bedürftig. Es ist sein Ruhm – wie der des Menschen, der es tut – allein in der ihm zugewendeten freien Gnade Gottes begründet, die der Mensch nie anders als eben im Glauben auf sich, auf seine Werke, seine Taten und deren Früchte beziehen kann. Jeder andere Ruhm, den er sich und den er seinen Werken zuschreiben wollte, würde diese – und wenn sie seine besten wären – disqualifizieren als böse Werke.
Und endlich: Da wir unsere eigene Gerechtigkeit und die unserer Werke (als Vergebung unserer Sünden, auch derer, die wir in unseren Werken – und wären sie die besten – begehen) nur im Glauben ergreifen, nie schauen, nie direkt wahrnehmen können, bleibt das letzte Wort über unser Recht und Unrecht und über das unserer Werke dem universalen und endgültigen Offenbarwerden des Gerichtes Gottes vorbehalten, einem Offenbarwerden, dessen wir jetzt warten, aber noch nicht teilhaftig sind. «Wir müssen aber alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit einem Jeden das zuteil werde, was seinem guten oder üblen Tun in seinem Leibesleben entspricht» (2. Kor. 5, 10). Unser alleiniger Trost und unsere ganze Ruhe bei diesem Vorbehalt: «daß ich eben des Richters gewärtig bin, der sich für mich zuvor dem Gerichte Gottes dargestellt und alle Vermaledeiung von mir hinweggenommen hat» (Heid. Kat. Fr. 52). Wir wandeln aber im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7) – auch hinsichtlich unseres (gewissen!) Wissens um das freisprechende Urteil dieses Richters.
Das Alles haben wir bei dem, was nun von den guten Werken zu sagen ist, gleichsam im Rücken. Nicht als erledigt und vergessen, sondern als die Grenze, über die wir mit keinem Wort wieder zurückgehen dürfen, als den Boden, den wir unter allen Umständen unter den Füßen behalten müssen, um sichere Tritte zu tun – aber als die Grenze, von der wir nun herkommen, durch die wir uns nun also nicht jeden Augenblick wieder hemmen und verwirren zu lassen haben, als den Boden, auf dem wir nun eben sichere Tritte nach vorwärts zu tun haben. Unsere Frage ist nicht die nach guten menschlichen Werken im Allgemeinen, sondern die nach denen der Christen und also nach den unter Voraussetzung der Rechtfertigung allein durch den Glauben ernstlich gut zu nennenden Werken. Eben diese Frage muß – als besondere Gestalt der Frage nach des Menschen Heiligung – angesichts dessen, daß die heilige Schrift notorisch mit «guten Werken» rechnet, in ihrem ganzen Eigenrecht anerkannt, gestellt und beantwortet werden.
Wir kommen vorwärts, wenn wir darauf achten, daß der Begriff des Werkes und der Werke in der Bibel in erster Linie – und entscheidend für Alles, was sonst dazu zu sagen ist – auf die Taten Gottes und ihre Ergebnisse angewendet wird. Zuerst und vor allem Gott ist am Werk. Von da aus ergibt sich, was es bedeutet, daß auch der Mensch am Werk ist. Und Gottes Werke sind gut: Zuerst und eigentlich von ihm heißt es ja (Gen. 1, 31), daß er ansah Alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und zuerst und eigentlich seine Werke loben ihrerseits ihren Meister. Gibt es menschliche Werke, von denen das auch zu sagen ist, dann wird man sie im Zusammenhang mit dem Werk und den Werken Gottes zu suchen haben.
Daß das keine bloße Vermutung ist, geht daraus hervor, daß eben das Wirken Gottes nach dem Zeugnis der Schrift von Anfang an und von Grund aus im Zusammenhang mit dem Menschen steht. Es ist freilich [665] sein die ganze Schöpfung, Himmel und Erde und was darinnen ist, umfassendes, aber auch zusammenfassendes, sein in diesem ganzen Bereich auf ein besonderes Ziel, nämlich auf seinen Bund mit dem Menschen, auf seine Ehre in diesem Bund und also zugleich auf des Menschen Heil ausgerichtetes Wirken. Es ist sein Wirken in der Geschichte dieses Bundes, an der die Geschichte des ganzen Kosmos teilnimmt, die also ihrerseits den Sinn, den eigentlichen Inhalt der Geschichte des ganzen Kosmos ausmacht. Indem die Schöpfung nach Gen. 1 der äußere Grund dieses Bundes, und indem dieser Bund nach Gen. 2 der innere Grund der Schöpfung ist, beginnt in und mit der Schöpfung sofort auch die Geschichte dieses Bundes und also das eigentliche Werk Gottes, dem alle seine anderen Werke zugeordnet sind. Eben diese Geschichte und also das eigentliche Werk Gottes tritt ans Licht in der Erwählung, Berufung, Erhaltung und Regierung des Volkes Israel, in der sich die Verwirklichung der Ehre Gottes und des Heils des Menschen nach dem Zeugnis des Alten Testamentes einst, damals, ankündigt. Sie kommt darin zu ihrem Ziel, daß Gott selbst Mensch wird und als solcher jenes Verheißene tut, miteinander seine eigene Ehre und des Menschen Heil verwirklicht. Daß das in Jesus Christus geschehen ist, daß alle menschliche Geschichte, aber mit ihr auch die des ganzen Kosmos nur noch der direkten, universalen, endgültigen Offenbarung dieses vollendeten Werkes Gottes entgegeneilen kann, das ist es, was die in ihrem Herrn und Haupt aus Israel hervorgegangene Gemeinde jetzt, danach, – in der ihr und der Welt noch gelassenen letzten Zeit – nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes zu verkündigen hat. Dieses Geschehen in seiner Totalität – von der Schöpfung über die in Jesus Christus beschlossene und vollbrachte Versöhnung hin zu der in deren Offenbarung zu erwartenden Erlösung – diese Geschichte des Bundes ist das Werk Gottes, dem alle seine anderen Werke dienen und zugeordnet sind. Das gute Werk Gottes! Darin erweist er sich als der in seinem Wesen Gute und als der Ursprung und das Maß alles Guten, daß das sein Werk und also sein Wille ist. Es ist der Wille seiner Güte, der da am Werk ist, in welchem Gott sich selbst dazu bestimmt, in seiner ganzen Heiligkeit, Gerechtigkeit und Weisheit, in seiner Allgegenwart, Allmacht und Herrlichkeit gerade in diesem auf den Menschen zielenden Werk tätig zu sein. Er bedürfte dessen nicht. Er tut das nicht für sich. Er gibt sich selbst her dazu. Er ist in diesem Werk nur eben in der Weise in sich selber gut, daß er es dem Menschen ist: daß er seine eigene Ehre nur zusammen mit dem Heil des Menschen verwirklicht. Mit ihm hat er es in diesem seinem Werk zu tun; ihm ist er darin ganz zugewendet, ja hingegeben: unter rücksichtsloser Kompromittierung seiner eigenen, ganz seiner, des Menschen Sache!
Man muß das zunächst einmal ganz für sich ins Auge fassen: das Werk, die Tat, die Taten Gottes als des Herrn seines Bundes mit dem Menschen – Jesus Christus als den [666] Vollender dieses seines Werkes. «Gehet hin und schauet die Werke des Herrn, der Erstaunliches geschaffen auf Erden!» (Ps. 46, 9). Oder Ps. 66, 5 als Aufruf an den ganzen Erdkreis gerichtet: «Kommt und schauet die Taten Gottes, der mächtig waltet über den Menschenkindern!» Das ist die Jes. 5, 12 gegen die Unbesonnenen zu Jerusalem gerichtete Anklage: daß sie auf das Werk Jahwes nicht achten und das Tun seiner Hände nicht sehen. Es in seiner Gesamtheit, im Blick auf Alles, was unter der Sonne bei Tag und Nacht geschieht, zu ergründen, zu verstehen, zu erklären, das kommt freilich nach Koh. 8, 16-17 für den Menschen jetzt und hier nicht in Frage. In seiner Mitte aber, als Geschichte des Gnadenbundes, ist es – macht es sich selbst sehr wohl erkennbar. «Die Werke seiner Hände sind Treue und Recht; verläßlich sind alle seine Gebote. Sie stehen fest auf immer und ewig, erfüllt in Treue und Redlichkeit. Er hat seinem Volk Erlösung gesandt, hat seinen Bund auf ewig bestellt; heilig und furchtbar ist sein Name» (Ps. 111, 7 f.). Von dieser Mitte des göttlichen Wortes – in diesem Sinn: von Gottes «eigentlichem» Werk – redet das johanneische Jesuswort (Joh. 5, 17): «Mein Vater wirkt bis jetzt und auch Ich wirke» – ich das Werk meines Vaters (Joh. 10, 37), der Vater selbst, indem er bleibend in mir ist (Joh. 14, 10), sein Werk. Es ist Jesu Speise, er lebt davon und dazu, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat, sein Werk zu vollenden (Joh. 4, 34). Er hat es nach Joh. 17, 4 schon vollendet und damit den, der ihn gesandt hat, auf Erden verherrlicht. Das in Rede stehende Gotteswerk ist die in Israel angekündigte, von der Gemeinde verkündigte Verwirklichung des Bundes zwischen Gott und Mensch, das Geschehen der Versöhnung. Von ihr als dem vollendeten guten Werk Gottes muß man ausgehen, um zu sehen, was es mit der Möglichkeit und Wirklichkeit menschlicher guter Werke auf sich hat.
Gibt es gute Werke des Menschen – und nach der Bibel gibt es solche – dann ist (zunächst noch ohne nähere Bestimmung) zu sagen: jedenfalls nur in Beziehung zu diesem guten Werk Gottes. Das Tun und Vollbringen des Menschen ist dann in irgend einem Sinn hell im Lichte, kräftig in der Kraft dessen, was Gott tut und vollbringt. Ein menschliches Werk ist dann irgendwie dadurch unter und vor anderen ausgezeichnet, daß es das Geschehen des guten Werkes Gottes bekundet. Menschliches Werk kann das tun: eben darum, weil es Gott in seinem Werk ja um den Menschen zu tun ist und weil es sich keineswegs in irgend einer Ferne von den Menschen, sondern mitten unter ihnen ereignet. Es ist ja von Anfang bis zu Ende Gottes Geschichte mit den Menschen und unter ihnen. Wie sollte es da kein menschliches Werk geben, das Gottes Werk bekunden, gewissermaßen widerspiegeln könnte? Die Werke des Menschen Jesus zeigen, daß menschliche Werke dessen fähig sind. Was es mit des Menschen innerer Qualität – nicht nur nach menschlichem Urteil, sondern auch im Urteil Gottes – auf sich hat, ist eine Frage für sich, deren Beantwortung für die der anderen Frage: ob es als Bekundung des guten Werkes Gottes ein gutes menschliches Werk sein kann? nicht entscheidend ist. Indem er an unserer, der Sünder Stelle, im Fleisch, in unserem Charakter lebte und starb, hat ja der Mensch Jesus die guten Werke seines Vaters getan. Wir schließen: Es kann auch ein sündiger Mensch mit einem sündigen Werk – und Sünder sind ja alle Menschen, sündig alle ihre Werke! – das gute Werk Gottes bekunden und also als Sünder und sündigend ein gutes Werk tun. [667]
«Ich werde nicht sterben, ich werde leben und die Taten des Herrn verkündigen. Gezüchtigt hat mich der Herr, aber dem Tod mich nicht übergeben» (Ps. 118, 17 f.). Da sind Gezüchtigte – das um seiner Sünden willen gezüchtigte Volk Israel scheint das Subjekt dieser Aussage zu sein – aber diese Gezüchtigten sind dazu dem verdienten Tod entrissen, dürfen dazu leben, daß gerade sie die Taten des Herrn verkündigen sollen! Der Herr ist ihre Stärke und ihr Loblied, er wurde ihr Heil, wie es vorher (v 14) hieß. Und so sind ja auch die, die nach Ps. 107, 31 dem Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder an den Menschenkindern – die nämlich auf großen Wassern die Werke des Herrn geschaut haben und seine Wunder in der Tiefe (v 24) – solche, deren Seele in Not verzagte: «sie tanzten und wankten wie Trunkene, mit all ihrer Weisheit war es zu Ende» (v 26 f.). Und so könnte man sich wohl wundern – und soll sich doch gerade nicht wundern – darüber, daß Paulus den Korinthern, denen er doch so viel Schlimmes warnend und strafend vorzuhalten fand, endlich und zuletzt (1. Kor. 15, 58) doch ganz selbstverständlich zurufen kann: «Darum, meine lieben Brüder, werdet fest, unerschütterlich, immer reicher im Werk des Herrn!» und 16, 13: «Wachet, stehet fest im Glauben, seid mannhaft, seid stark!» Der Boden des «Werkes des Herrn» und des ihm zugewendeten Glaubens ist offenbar auch im Blick auf die Korinther als stark genug vorausgesetzt, um auch dieses wunderliche Volk zu tragen, so daß Paulus es nur aufzurufen braucht, fest auf ihm zu stehen, um eben so ein mannhaftes, starkes Volk zu sein, ja «immer reicher» zu werden. Von einer ihnen eigenen Möglichkeit dazu ist nicht die Rede, wohl aber von dem, was das ἔργον τοῦ κυρίου auch über sie vermag: von ihrer von jenem her ihnen verliehenen Fähigkeit dazu. Tit. 2, 14 mag hier wohl zur Erläuterung herangezogen werden, wo es von Jesus Christus heißt, daß er sich für uns dahin gegeben habe, um sich selbst ein Volk seines Eigentums, eifrig zu guten Werken, zu reinigen. Was das auch im übrigen für ein Volk sein mag, das in Jesus Christus vollendete Werk des Herrn vermag es, es eben dazu zu reinigen: es zu einem seiner Sünde zum Trotz zu seinem Dienst brauchbaren Volk zu machen.
Es ist von da aus klar, daß von einer Verdienstlichkeit der guten Werke, von einem von ihrem menschlichen Täter zu beanspruchenden und ihm zufallenden Ruhm seiner Leistung keine Rede sein kann. Auch dann nicht, wenn es etwa das weniger sündige und insofern bessere Werk eines kleineren Sünders sein sollte. Gut kann es gerade nur insofern sein, als es das gute Tun und Vollbringen Gottes bekundet: jene Güte, in der Er sich dem Menschen zuwendet und dahingibt. Daß es dieser Bekundung fähig ist, daran vermag aber auch das nichts zu ändern, daß es das sündige Werk eines großen oder kleinen Sünders ist. Eben mit lauter solchen Menschen und ihren Werken hat es ja Gott in seinem guten Werk zu tun. Ist er ihnen gut, warum sollten sie seine Güte nicht als eben die, die sie sind, bekunden können? Aber eben: nicht in einem von ihnen mitgebrachten Können, sondern nur daraufhin, daß es da etwas zu bekunden gibt, d. h. aber, daß das gute Werk Gottes geschieht, daß er dem Menschen – diesem unguten Menschen mit seinem ihm nur zu entsprechenden Werk – gut ist, daß er sich ihm zuwendet, sich selbst für ihn einsetzt und dahingibt. In irgend einer anderen Beziehung kann es gute menschliche Werke nicht geben und gibt es sie nicht. Die in der Bibel gut genannten und als gut beschriebenen menschlichen Werke geschehen alle in dieser Beziehung. Ihre Güte kommt von oben in die menschliche Tiefe, wird ihnen von oben [668] zuteil und kann in der menschlichen Tiefe nur die Höhe Gottes rühmen, dem sie ursprünglich zu eigen ist.
Was «von oben», von dem Gotteswerk des erfüllten Bundes, der vollbrachten Versöhnung, in des Menschen Tiefe kommt, das ist (Jak. 1, 17) «gute Gabe, vollkommenes Geschenk», aber eben: das und nur das! Anders als auf Grund dieses Gotteswerkes und von ihm her gibt es kein gutes Menschenwerk. Böse, nach Eph. 5, 11 «unfruchtbare», nach Hebr. 6, 1 und 9, 14 «tote» Werke (unter denen es nach Jak. 2, 17 f. sogar einen «toten» Glauben geben kann!) sind schlechthin alle nicht auf Grund dieses Gotteswerkes, nicht von ihm her getanen Menschenwerke. Indem sie nämlich blinde Spiegel sind, das Werk Gottes nicht widerspiegeln, nicht bekunden, indem sie faktisch – obwohl sie es könnten – nicht in dieser Beziehung geschehen! Und es ist umgekehrt das von Gottes Gesetz geforderte gute menschliche Tun – das Tun auf dem Israel besonders im Deuteronomium immer wieder zur Wahl nahegelegten rechten Weg – schlicht das in Beziehung auf das Werk Jahwes vollbrachte, das der Gnade des Jahwebundes entsprechende Tun. Ohne sie und ohne sie zu erkennen, könnte Israel dieses Tun nicht einmal wählen, geschweige denn verwirklichen. Wählt und vollbringt es dieses Tun, tut es die von Gottes Gesetz als gut bezeichneten und von ihm geforderten Werke, so tut es mit ihnen nichts Sonderliches, bekundet es vielmehr mit seinem eigenen Wirken nur das Wirken des ihm gnädigen Gottes, bekennt es sich schlicht als dessen Werk und Eigentum: «Er hat uns gemacht und sein sind wir, sein Volk und die Schafe seiner Weide» (Ps. 100, 3). Verdienstlichkeit solchen Tuns? Was sollte dieses Volk sich erst verdienen müssen, das ihm als Werk der Hände Gottes nicht schon gegeben wäre? Ruhm solchen Tuns? Doch kein Eigenruhm derer, die das von ihnen schlechthin zu erwartende Gute tun, mit dem sie nur eben bekunden, was sie durch Gottes Güte sind! «Wenn ihr alles euch Aufgetragene getan habt, dann sprecht: Wir sind unbrauchbare Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan» (Luk. 17, 10). Warum ist das Gesetz Gottes so herrlich, wie es etwa Ps. 119 beschrieben wird? Doch nicht deshalb, weil es das Mittel anzeigte und Israel in die Hand gäbe, durch dessen Gebrauch es sich einen gnädigen Gott erst verschaffen, seiner Treue und Durchhilfe sich erst durch entsprechende Leistungen versichern müßte! Sondern das ist die Glorie des Gesetzes, daß es ihm die Weisung gibt, die es gerne hört und der es gerne gehorsam ist, weil es, indem sie ihm immer neu gegeben wird, dessen immer neu gewahr wird, daß Gottes Macht und Barmherzigkeit ihm schon gegenwärtig, daß es seiner Treue und Durchhilfe schon und fort und fort teilhaftig ist! Aber eben: wo Gottes Wille und Gebot nicht als Erweis seiner freien, dem Menschen schon zugewendeten Güte und Wohltat, sondern als eine Forderung verstanden wird, deren Erfüllung durch den Menschen die Bedingung wäre, unter der ihm Gottes Güte und Wohltat allenfalls zugewendet werden, durch die er sie sich selbst zuwenden könnte – wo der Mensch sich im Verhältnis zu Gott Verdienste erwerben zu müssen und Ruhm verschaffen zu können meint – wie soll es da Gehorsam und also gute Werke geben? Schon tut er da bestimmt nicht seine Schuldigkeit. Schon ist da notwendig Alles, was er tun wird, von Grund aus verkehrt! Und eben das war Israels Übertretung nach dem Zeugnis des ganzen Alten Testamentes: daß es die Gnade seines Gottes verkannte und in deren Verkennung nur eben des Ungehorsams, nur eben böser, unfruchtbarer, toter Werke fähig war, wie sie die aller anderen Völker auch waren. Nicht umsonst, daß es sich denn auch immer wieder den Göttern dieser anderen Völker zuwendete! Es geschah immer nur auf kürzeste Zeiten, daß Israel seinem Gott dankbar und eben damit dann auch selbstverständlich treu und sofort gehorsam war. Es waren in der Regel nur eben einzelne, die prophetischen Menschen jenes «Restes», in deren Existenz, Reden und Tun der Zusammenhang zwischen göttlicher und menschlicher Güte lebendig und als Zeugnis gegenüber dem immer aufs neue übertretenden Volk erhalten blieb. Sie haben mit ihrem Protest gegen Israels Übertretung doch nur die Vollendung des guten Werkes Gottes und damit die [669] Verwirklichung guter menschlicher Werke angekündigt, auf die der Bund Jahwes mit Israel von Anfang an gezielt hatte. Des guten Werkes Gottes Vollendung und der guten menschlichen Werke Verwirklichung verkündigt das Zeugnis des Neuen Testamentes als Botschaft von Jesus Christus, als Aufruf zum Glauben an ihn. Ihn selbst und den Glauben an ihn preist es als den für uns Menschen schon gewählten rechten Weg – den Weg, auf dem wir uns in ihm schon befinden: «In Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben. Und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es – so daß Keiner sich rühmen können wird. Denn wir sind sein Gebilde (ποίημα), geschaffen (κτισθέντες) in Jesus Christus zu guten Werken, zu welchen uns Gott (in Ihm) zum voraus bereitet hat, daß wir in ihnen wandeln sollten» (Eph. 2, 8 f.).
Aber nun haben wir erst davon geredet, daß es das gute Werk Gottes ist, das menschlich gute Werke möglich macht. Das gute Werk Gottes hat aber überall da eine ganz besondere Gestalt, wo menschlich gutes Werk wirklich wird, wo es also faktisch geschieht, daß menschliches Werk das gute Werk Gottes bekundet. Was heißt denn «bekunden» Anderes, als daß es an der alttestamentlichen Ankündigung oder an der neutestamentlichen Verkündigung der Geschichte des Bundes, und also, weil diese das Werk Gottes ist, an dessen Bezeugung teilnimmt? Nimmt es aber auch nur an seiner Bezeugung teil, so nimmt es, so wie es das als menschliches Werk tun kann, an diesem selbst teil. Es geschieht also in seinem Dienst. Und als in seinem Dienst getan, geschieht es wirklich als gutes Werk. Das versteht sich aber nicht von selbst, daß irgend ein Mensch wirklich im Dienste des guten Werkes Gottes steht und daß irgend ein menschliches Werk wirklich in diesem Dienst getan wird. An dem ist es ja nicht, daß alle Werke aller Menschen das Werk Gottes einfach darum, weil es in ihrer Mitte geschieht, auch bekunden und also in seinem Dienst geschehen und also gute Werke sind. Was sollte, da alle Menschen Sünder und alle ihre Werke sündig sind, Anderes zu erwarten sein, als daß es zu jener Bekundung des Werkes Gottes durch menschliche Werke faktisch niemals und nirgends kommen, daß von keinem Werk irgend eines Menschen das zu sagen sein möchte: daß es im Dienste des Werkes Gottes und also als gutes Werk geschehe? Es braucht durchaus keinen besonderen Pessimismus zu dieser betrüblichen Erwartung. Man wird vielmehr sagen müssen, daß sie sich auf die Regel richtet, die, wo gute Werke faktisch geschehen, durchbrochen wird. Es sind aber nicht irgendwelche besseren Sünder und ihre etwas gemildert sündigen Werke, die diese Regel nun doch von unten her durchbrechen würden. Auch der beste Mensch stellt sich und sein Werk nicht selbst in den Dienst des Werkes Gottes, macht sein eigenes Werk nicht von sich aus zu dessen Bekundung und also zum guten Werk. Sondern es hat offenbar das Werk Gottes seinerseits da eine ganz besondere Gestalt, wo das wirklich wird. Es geschieht dann dieses Werk selbst – und davon redet das Alte und das Neue Testament, wenn sie von guten menschlichen Werken reden – in höchst besonderer Weise an bestimmten Menschen: in der Weise [670] nämlich, daß es selbst sich ihnen bekundet, anzeigt, bezeugt, bekannt macht und sie eben damit heranholt und befähigt zu seinem Dienst, sie dazu, es auch ihrerseits zu bekunden, willig und bereit macht. Man kann es einmal so sagen: das für sie wie für alle Menschen geschehene Werk Gottes geschieht in Gestalt jener Erleuchtung auch in ihnen: mit der Wirkung, daß sie als die, die sie sind, an ihm beteiligt – nur als seine Zeugen, aber als seine Zeugen wirklich an ihm beteiligt werden. Die Geschichte des Bundes, deren handelndes Subjekt Gott ist, geschieht jetzt in ihrer Beziehung zu ihnen in der besonderen Weise, daß ihre persönliche Geschichte, deren Subjekt sie selber sind, jener nicht mehr einfach fremd bleiben, im Verhältnis zu ihr nicht mehr neutral verlaufen kann, sondern faktisch in einer Entsprechung zu ihr verlaufen muß. Sofern das geschieht, werden und sind ihre Werke Bekundungen des Werkes Gottes, nehmen sie nach dem Alten Testament teil an der Ankündigung und nach dem Neuen an der Verkündigung Jesu Christi – werden und sind sie also gute Werke. Man merke: die Menschen, in Beziehung zu denen das gute Werk Gottes diese besondere Gestalt hat, sind vielleicht kleinere, vielleicht aber auch größere Sünder als die anderen, jedenfalls Sünder wie sie. Das unterscheidet sie nicht von jenen, daß nicht auch sie im Urteil Gottes Übertreter und daß nicht auch ihre guten Werke voll Übertretung wären. Nur eben das unterscheidet sie von jenen – das aber wirklich! – daß sie (wir nehmen jetzt die beherrschenden Begriffe unserer vorangehenden Abschnitte nochmals auf) die in dem einen Heiligen und durch ihn Geheiligten, die in seine Nachfolge Gerufenen, die durch seinen Heiligen Geist zur Umkehr Erweckten und in der Umkehr Begriffenen sind. Sofern sie das sind, sofern sie als solche existieren, sind ihre Werke von Gott in Dienst genommene und so gute Werke: ohne Rücksicht darauf, was sie an sich, von jener Beziehung abgesehen, im Auge der Menschen und vor allem im Auge Gottes selbst auch noch sein mögen, ohne Rücksicht darauf, daß sie auch als gute Werke bestimmt voll Übertretung sind. Was diese Menschen als die, die sie in Jesus Christus sind, was sie in der Liebe zu ihm, was sie in Entsprechung zum Werke Gottes tun, das ist wohlgetan.
Es ist nach dem Alten und nach dem Neuen Testament eine schlechthin neue, erstaunliche Sache, wenn Einer inmitten aller anderen Menschen (1. Kor. 3, 9) ein «Mitarbeiter (συνεργός) Gottes» wird, dessen Werke als Bezeugung der «Arbeit» Gottes unter der Verheißung stehen, wohlgetan, gute Werke zu sein. Keiner ist von Haus aus ein solcher. Keiner nimmt es sich von sich aus, ein solcher zu sein. Die es sind, sind es alle auf Grund eines im Rahmen des Bundes zwischen Gott und dem Menschen als solchem noch einmal besonderen Verhaltens Gottes gerade zu ihm. Er ist es als von Gott für seinen Dienst, ohne nach seiner Eignung und Würdigkeit zu fragen, Erwählter, aus der Mitte der Anderen Heraus- und an Gottes Seite Herangerufener. Von ihm als einem solchen sind gute Werke erwartet. Er als solcher soll und kann, darf und wird sie tun. Er selbst! Denn zum Gehorsam, zu eigenem freien Tun als die, die sie sind, sind diese Menschen gerufen: ihre guten Werke sollen und können, dürfen und werden [671] wirklich ihre eigenen sein. Darum Matth. 5, 16 f. Jesu Wort an seine Jünger: «Euer Licht leuchte im Angesicht der Menschen – (dazu) daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen». Aber daß sie dieses Licht haben, ja sind – Ihr seid das Licht der Welt, die Stadt, die auf dem Berge liegt, der nicht unter den Scheffel, sondern auf ihn gestellte Leuchter (Matth. 5, 14 f.) – dazu haben sie sich nicht aufgerafft, ermannt, entschlossen, das sind sie damit geworden, daß Er sie gerufen hat. In der Kraft seines Rufens werden ihre eigenen Werke wirklich als ihre guten Werke. Indem Jahwe seine Hand ausstreckt, eines Menschen Mund berührt, seine Worte in dessen Mund legt, ihn heute, jetzt, über die Völker und über die Königreiche setzt, wird ja (Jer. 1, 9 f.) schon der alttestamentliche Prophet zu dem, was er ist, nämlich zu dem, wozu Jahwe ihn (Jer. 1, 5) schon erwählt hat, noch ehe er ihn bildete im Mutterleibe. Und genau so hat nach Gal. 1, 15 auch der Apostel des Neuen Testamentes seine Existenz und seine Freiheit zum Reden und Wirken als solcher verstanden. In einem bestimmten Wollen und Vollbringen setzt das Volk Gottes seine Errettung ins Werk: es tut es aber daraufhin, daß Gott der Beweger (ὁ ἐνεργῶν) dieses seines eigenen Wollens und Vollbringens ist (Phil. 2, 12 f.). Paulus redet, er wagt aber (Röm. 15, 18) gerade nur das zu reden, was Christus durch ihn ins Werk setzt, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk. Er eilt (Phil. 3, 12) strackten Laufes dahin, um zu ergreifen: daraufhin nämlich, daß er selber von Christus ergriffen ist. Er arbeitet und kämpft nach Kol. 1, 29 gemäß der Wirksamkeit (ἐνέργεια) Christi, die sich in ihm als wirksam erweist. Es gilt aber nach 1. Thess. 2, 13 auch von jedem anderen Glaubenden, daß das zu ihm gesagte Wort Gottes das in ihm Wirksame ist. «Was hast du, das du nicht empfangen hast?» (1. Kor. 4, 7). Wo Menschen in der Gemeinde als vom Geist Erweckte und Begabte so oder so tätig sind, da ist es Gott, der in ihnen Allen und Alles wirkt (1. Kor. 12, 6). Gott! – und nicht trotzdem, sondern offenbar gerade darum sind da Alle in voller, mannigfacher Tätigkeit, die doch wiederum nur ihn preisen, nur insofern eine gute Sache sein kann, als sie sein Werk bekundet. Gott ist (Eph. 3, 20) da der δυνάμενος , der Vermögende. Er ist es in seinem in uns wirkenden Vermögen (in seiner δύναμις ἐνεργουμένη ἐν ἡμῖν), von dem bewegt also wir selbst tätig sind. Es geht dieses sein in uns wirksames Vermögen über alles unser Bitten und Verstehen weit hinaus. Wie dürften wir uns da in unserem Tun nichts oder zu wenig zutrauen? Wobei wir dann doch nur bestätigen können: «Ihm sei die Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus!» Was sich, als von Ihm in Bewegung gesetzt, in dieser Bewegung befindet und als in ihr begriffen versteht und erweist, das ist im Sinn der heiligen Schrift gutes menschliches Werk.
Das vorhin Gesagte ist von da aus mit doppeltem Nachdruck zu wiederholen: es ist die besondere Güte des Werkes Gottes, an der der Mensch mit seinem guten Werk teilnehmen darf. Es ist sein freies Geschenk, wenn er sich mit seiner Lebensgeschichte in jenen besonderen Zusammenhang mit der Geschichte des Bundes versetzt, zum Dienst am Werke Gottes, zu dessen Bekundung herangeholt, eingesetzt, gebraucht finden darf. Und es ist in jedem einzelnen Fall seines Wirkens wieder Gottes freies Geschenk, wenn nun des Menschen Werk tatsächlich eine Bekundung seines Werkes darstellen, wenn der Mensch, indem er das und das tut, an der Ankündigung oder an der Verkündigung Jesu Christi sich beteiligen darf. Wie er sich nicht selbst zu einem jener besonderen Menschen machen kann, so kann er es sich auch als solcher nie nehmen, daß dieses oder jenes seiner Werke nun wirklich in jener Entsprechung, im Licht und in der Kraft des göttlichen Werkes geschieht und also [672] wohlgetan ist. Er kann gerade nur glauben an Gottes ihm begegnende und offenbare Gnade. Er kann – und wenn er aufs höchste von ihr erleuchtet, erfüllt und getrieben wäre – gerade nur dankbar sein dafür, daß sie ihm – indem sie ihm nicht verborgen, sondern offenbar ist – in so besonderer Weise zugewendet ist. Er kann nur beten darum, daß Gott sein Angesicht nicht vor ihm verberge, ihn nicht fallen lassen möchte, wie er es jeden Augenblick als hundertmal verdient anerkennen müßte. Er kann es gerade nur wagen, von der ihm geschenkten Freiheit Gebrauch zu machen: sich bei allem, was er tut, vor Augen zu halten, daß er in der Gesamtheit und nun auch in diesem und diesem seiner Werke einfach dankbar sein dürfte und müßte. Er wird es dann ruhig, entschlossen und rüstig tun – aber in keiner anderen Meinung als der, sich selbst mit seinem Wollen, Tun und Vollbringen ganz in die Hand des ihn so gnädig zur Teilnahme an seinem Werk erwählenden und berufenden Gottes zu legen. Er wird es ihm anbefehlen und anheimstellen, daß er wie ihn selbst, so auch dieses sein Werk in Vergebung dessen, worin bestimmt auch es Sünde ist, annehme und nun eben, daß er es heilige, d. h. daß er ihm, indem er es braucht, in die Reihe stellt und lenkt, den Charakter eines ihm geleisteten, ihm wohlgefälligen Dienstes gebe, den sein menschlicher Täter ihm nicht geben kann. Daß er mit irgend einem seiner Werke in dem Sinn etwas Besonderes tue, daß er sich Gott damit verpflichten, seine Gnade und sein Wohlgefallen sich damit verschaffen könne, das sollte keiner der wirklichen Heiligen Gottes jemals meinen können. Wird es ihm gelingen, sich dieses törichten Meinens wenigstens für einmal zu enthalten – oder gar: es sich ein bißchen abzugewöhnen, immer wieder in dieses törichte Meinen zu verfallen? Das mag ihm dann – zwar keine Gewähr, wohl aber ein gewisses Kriterium dafür sein, daß, was er tut, wohlgetan sein dürfte. Die Gewähr dafür kann er sich nämlich auch mit keiner noch so demütigen Gesinnung, in der er es tut, verschaffen: die kann ihm nur der ihn erwählende und berufende Gott geben und die kann er gerade nur im Glauben ergreifen. Aber eben im Glauben kann und darf und wird er sie ergreifen. Und eben aus dem Glauben, in welchem er das tut, eben aus der im Glauben ergriffenen Gewährleistung Gottes wird er dann nicht nur die gründliche Anspruchslosigkeit, sondern auch die Ruhe, die Entschlossenheit, die Rüstigkeit, den freien Humor schöpfen, die das wohlgetane, das gute Werk – gewiß nicht unzweideutig, aber auch nicht unmerklich – von anderen unterscheiden. Er wird es dann nicht ungetröstet, sondern getröstet tun. Es wird ihm dann sogar erlaubt und möglich sein, sich selbst schlicht damit zu trösten, seiner Freiheit und also seiner Heiligkeit sich damit zu vergewissern, daß er frischweg als solcher lebt, als von Gott mit Freiheit Beschenkter munter zur Tat schreitet.
Er tut es, indem er (nach dem im Neuen Testament so gern gebrauchten Bild) als guter Baum gute Früchte hervorbringt und trägt. Er tut es als Werk (Act. 26, 20) oder [673] eben als Frucht (Matth 3, 8) seiner Umkehr, ihrem Geschehen entsprechend. Er tut es als das Werk der Liebe (Hebr. 6, 10) oder des Glaubens (1. Thess 1, 3, 2. Thess. 1, 11). Man liest Joh. 6, 28 f. die äußerst kontrakte Antwort Jesu auf die an ihn gerichtete Frage: «Was sollen wir tun, daß wir die Werke Gottes ins Werk setzen?» (ἐργαζώμεθα τὰ ἔργα τοῦ θεοῦ)? «Das ist das Werk Gottes, daß ihr glaubt an den, den er gesandt hat». Wie sollte darin nicht in der Tat alles menschliche Wirken in seiner Beziehung zum Werke Gottes beschlossen sein? So hat man der bekannten negativen Formel Röm. 14, 23: «Was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde» wohl von jeher mit Recht auch das Positive entnommen, daß, was aus dem Glauben kommt und Werk des Glaubens ist, wohlgetan ist. Aber ist es das Werk des Glaubens? Eben, daß es beim Tun guter Werke um die Werke der Umkehr, der Liebe, des Glaubens geht, macht es deutlich, daß es auch im Einzelnen nicht in der Willkür und im Verfügen des Menschen (auch nicht des in der Heiligung stehenden Menschen) steht, gute Werke zu tun: daß die Freiheit dazu ihm auch im Einzelnen immer wieder geschenkt werden muß. Es steht also auch mit ihm nicht so, daß Gott mit und in ihm etwas angefangen hätte, das nun er selber fortzuführen und zu vollenden die Autorität und die Macht hätte, sondern «der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch zum Ziel führen (ἐπιτελέσει) bis auf den Tag Jesu Christi» (Phil. 1, 6). Gott ist (2. Kor. 9, 8) mächtig genug, die Fülle seiner Gnade über die Seinen zu ergießen: «damit ihr in Allem allezeit ganzes Genügen (eigentlich Autarkie) habt und zu jedem guten Werk überreich seid». Aber eben: Gott (und er allein) ist mächtig, ihnen die Freiheit zu geben, solche Werke von sich aus zu tun. Indem sie ihnen von Ihm gegeben ist, will sie eben von Ihm immer aufs neue erwartet, erhofft, erbeten sein. Daß in der Gemeinde mit dem Geschehen des ἔργον πιστεως und darum, wie es vorher heißt, mit einer εὐδοκία ἀγαθωσύνης (mit dem göttlichen Wohlgefallen an dem Guten, das da Ereignis wird) zu rechnen ist, setzt Paulus 2. Thess. 1, 11 voraus, was ihn aber nicht hindert, vielmehr erst recht dazu zu veranlassen scheint, eben um die Erfüllung dieser ἀγαθωσύνη und dieses ἔργον – als wäre es doch wieder so etwas wie ein erst zu füllendes Gefäß – und darum daß es in der Gemeinde zur Verherrlichung des Namens Jesu Christi komme, zu beten. Die Gemeinde bedarf nach 2. Thess. 2, 17 der «Bestärkung» zu jedem guten Werk und Wort. Darum, daß sie Frucht trage in jedem guten Werk, wird auch Kol. 1, 10, um ihr Zugerüstetwerden dazu auch Hebr. 13, 21, gebetet. Eben zu dieser auch den Heiligen unentbehrlichen Zurüstung, hat Christus nach Eph. 4, 11 f. Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer eingesetzt. Und darin ist nach 2. Tim. 3, 16 f. die heilsame Kraft der von Gottes Geist eingegebenen Schrift zu erblicken: daß sie «den Menschen Gottes» in die richtige Verfassung setze (ἴνα ἄρτιος ἦ), in der er zu jedem guten Werk voll ausgerüstet sei.
Geht es nun in allen guten menschlichen Werken um deren Teilnahme am guten Werk Gottes, zu der bestimmte Menschen durch Gott selbst erwählt und herangeholt, zu der sie wiederum durch ihn selbst in diesem und diesem bestimmten Tun ermächtigt werden – dann folgt von selbst, daß sie sich von allen anderen menschlichen Werken dadurch unterscheiden, daß sie auf Gottes Anordnung, Gebot und Befehl hin getan werden. Wir sagen dasselbe, wenn wir sagen: in der dem Menschen von Gott gegebenen Freiheit. Ihre Werke haben im Zusammenhang mit Gottes eigenem Werk, im Dienst von dessen Bekundung je eine ganz besondere Funktion. In Ausübung dieser Funktion kann und soll, darf und wird der dazu bestimmte Mensch je bei dieser bestimmten Gelegenheit je dies sagen, je jenes tun, je so sich verhalten. Erkennt und erfüllt er sie, dann ist sein Werk ein gutes Werk. Er redet, handelt, verhält sich dann also nicht [674] nach eigener Neigung, Lust, Planung oder Willkür, sondern nach der ihm gegebenen und von ihm vernommenen Weisung. Er hört sie. Und er gehorcht ihr dann: nicht mechanisch von außen bewegt, sondern in der ihm selbst gegebenen Freiheit, aber in dieser, nicht in einer anderen Freiheit. In jeder andern Freiheit würde er ja in Wahrheit ein Gefangener sein. Er dient dann: nicht zu seiner Erniedrigung und Beschämung, sondern zu seiner Erhöhung und Ehrung, aber in der Hoheit und Ehre, zu der er als Teilnehmer am Werke Gottes bestimmt ist: nicht also in der, die er sich (in Wahrheit zu seiner Erniedrigung und Beschämung) erwerben möchte, wenn er sich selbst oder den Meinungen und Bestrebungen der Menschen oder den dunklen Mächten des Kosmos und der Geschichte dienen würde. Und er fügt sich dann ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Er geht dann an bestimmter Stelle, mit bestimmtem Auftrag mit auf dem Weg des Volkes Gottes, der Gemeinde: an seinem Ort und zu seiner Zeit gerade er schlechthin unentbehrlich und schlechthin verantwortlich für das Ganze ihrer Geschichte, aber als Bruder unter Brüdern, um gerade so wahrhaftig zu sich selbst zu kommen und seines eigenen Glaubens zu leben. Eben an diesem seinem Sicheinfügen wird zu erkennen sein – und eben indem er sich im Tun seines besonderen Werkes einfügt, wird er sich dessen immer wieder vergewissern, daß es mit seinem Gehorchen und Dienen und also auch mit seiner Freiheit seine Richtigkeit hat, daß die Weisung, auf die er dabei hört, nicht etwa heimlich doch wieder die Stimme seiner eigenen Neigung, Lust, Planung und Willkür ist. Er wird darauf achten, wie das Gesetz, das Gebot, die Weisung Gottes von Anderen, zu anderer Zeit und an anderem Ort vernommen wurde, auf die Mannigfaltigkeit, in der sie in der Geschichte des Volkes Gottes in ihrer Gesamtheit ergangen und vernommen worden ist. Er wird also, um die heute und jetzt gerade ihn angehende Weisung – nicht die einer menschlichen Übereinkunft und Tradition, aber auch nicht die seines eigenen Herzens und Kopfes, sondern die Weisung Gottes! – zu hören und um dann wirklich ihr und nicht der Weisung eines kollektiven oder individuellen Dämons zu gehorchen und zu dienen, auch auf diese Anderen, die Brüder, er wird, wo es immer geht, mit ihnen Allen oder doch mit Vielen von ihnen zusammen zu hören und dann und von da aus ihr zu gehorchen bemüht sein. Nicht weil er der gerade ihm gewährten Teilnahme am Werke Gottes nicht traute, wohl aber, weil er weiß, daß sie nicht nur ihm, sondern daß sie ihm in ihrer ganzen Besonderheit doch nur zusammen mit Jenen, als einem Heiligen in der Gemeinschaft der Heiligen gewährt ist. Seines eigenen Auftrags umso gewisser und in seiner eigenen Freiheit umso entschlossener, wird er dann seinen eigenen Weg gehen!
In diesem Sinn und unter allen diesen Voraussetzungen ist von des Menschen Heiligung zu sagen, daß sie schon jetzt und hier in wirklich [675] guten menschlichen Werken – in solchen Werken, die Gott lobt und die ihrerseits Gott loben – Ereignis wird. Wir hatten uns im Blick auf das, was die Schrift dazu sagt, genau darüber zu verständigen, wie das geschieht und nicht geschieht. Daß es geschieht, könnte nur unter Infragestellung der ganzen Versöhnungs- und Offenbarungstat Gottes geleugnet werden, und nur indem man eine ganze Seite des biblischen Zeugnisses – nicht ohne damit auch alle anderen in Mitleidenschaft zu ziehen – abblenden würde.
Ein einziger Verweis soll in dieser Hinsicht genügen. Kann man sich der Aussage des großen Zusammenhangs von Hebr. 11 entziehen? Wir entfalten ihn jetzt nicht, sondern begnügen uns, festzustellen: Um den Glauben als Zuversicht, auf das, was man hofft, und als Gewißheit der Dinge, die man nicht sieht, geht es in diesem Kapitel. Und nun gerade in dieser Darstellung dieses Glaubens um lauter menschliche Taten und Verhaltungsweisen – Abels, Henochs, Noahs, Abrahams, Isaaks, Jakobs, Moses, der Dirne Rahab und all der Anderen – sie alle (v 13) gekennzeichnet als solche, die «starben, ohne die Verheißungen erlangt zu haben, sondern schauten sie von ferne und begrüßten sie und bekannten, daß sie Gäste und Fremdlinge seien auf Erden», sie Alle aber auch gekennzeichnet durch das, was sie, ein Jeder in seiner besonderen Beziehung zu den großen Taten Gottes und eben durch diese gemeinsame Beziehung zu einem großen Volk vereinigt, im Gehorsam tätig und leidend gewirkt haben. Es sind lauter Taten von größter Konsequenz im Zusammenhang jener Geschichte und ihre Schilderung hat darum weithin etwas Überdimensioniertes: daß sie Königreiche niederkämpften, Gerechtigkeit übten, Verheißungen erlangten, Löwen den Rachen verstopften, die Gewalt des Feuers auslöschten, der Schärfe des Schwertes entrannen, von Schwachheit zur Kraft kamen, in Kriegen stark wurden, die Heere der Feinde zum Weichen brachten, wird da den Einen in der Zusammenfassung v 33 f. mitten im Neuen Testament sehr alttestamentlich nachgerühmt, dann (v 35 f.) allerdings auch Anderen ihr Erleiden und ihre Beharrlichkeit in gewaltigster, schlimmster Verfolgung. Daß «die Welt ihrer nicht wert war», wird v 38 von diesen Menschen – Alles im Blick auf ihren Glauben, aber eben: die Werke ihres Glaubens – gesagt. Was der Hebräerbrief mit dieser Schilderung will, wird 12, 1 f. klar: Die neutestamentliche Gemeinde sieht sich gewissermaßen von allen Seiten umgeben und – wie durch eine einzige mächtige Aussage und Ansage – verpflichtet und in Anspruch genommen durch die Existenz dieser Glaubenden des alten Gottesvolkes und ihrer Taten. Ihr kann sie sich doch nicht entziehen! Nein: «Darum wollen auch wir, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, alle hemmende Last, nämlich die uns nur zu leicht bedrängende Sünde abwerfen und in Ausdauer laufen in dem uns bevorstehenden Wettlauf, indem wir hinblicken auf den Anfänger und Vollender des Glaubens, Jesus». Er ist offenbar dervonjener Wolke von Zeugen Bezeugte. Ihn, der (Röm. 10, 4), weil das Ziel (τέλος) des Werkes, darum auch das Ziel des Gesetzes Gottes ist – ihn haben alle jene Menschen mit ihren Taten bezeugt und ihn können und sollen, dürfen und werden die Christen mit ihrem Tun – mit ihren guten Werken – auch und erst recht bezeugen.
Wir schließen: Es gibt außer viel bösen auch gute menschliche Gedanken, Worte und Werke. Genauer gesagt: Gott im Tun seines Werkes gibt es, daß es solche gibt! Keiner von denen, denen Gottes Werk offenbar ist, kein Christ wird das bezweifeln oder gar bestreiten, kein Christ wird sich je für entschuldigt halten, wenn sein Werk kein gutes Werk ist, keiner wird verkennen wollen, daß auch er und gerade er gute Werke zu [676] tun erwählt, berufen und fähig ist. Seiner Erwählung, Berufung und Befähigung entsprechend, als Werke des Glaubens, der Umkehr, der Liebe wird er sie tun: sich selbst oder den Christen als ihren Täter werden sie gewiß nicht loben. Sie werden aber das Lob Gottes für sich haben und Gott wiederum loben. Gott gibt es den Seinen, daß sie in ihrer ganzen Trägheit, Verkehrtheit und Zerstreutheit auch solche Werke tun dürfen tun werden.
Er gibt es, daß es in seinem Volk (er allein kennt es!) als Taten von dessen Gliedern um ein paar konkrete Beispiele (tief unter dem Niveau derer von Hebr. 11, aber dafür aus unserer eigenen Anschauung) zu nennen – auch gute Hilfe gibt, die Einer dem Anderen leisten darf, auch gutes Zusammenhalten Einiger und Vieler, auch gutes Sichbegegnen und gutes Auseinandergehen, auch gutes Wagen im Großen und gute Erfüllung kleiner unscheinbarer Pflichten, auch gute Haltung in schwieriger und versuchlicher Lage, je und dann auch ein Stück guten Familienlebens und guter Nachbarschaft, gutes Festhalten an alter Ordnung und gute Aufrichtung einer neuen, gutes Reden und gutes Schweigen, gutes Lachen und gutes Weinen, gute Arbeit und gutes Ausruhen, gutes Suchen und gutes Finden – auch gute politische Entschließung und Entscheidung, auch gutes christliches Bekenntnis, auch ein gutes Beten, auch ein gutes Hören, Lesen, Studieren, auch einmal eine gute Predigt – und was da noch konkret und ganz konkret zu nennen wäre. Wobei es in dem allem (Röm. 9, 16) nicht an Jemandes Wollen und Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen! Es hätte aber keinen Sinn, es könnte nur im Unglauben geschehen, wenn man damit nicht rechnen wollte, daß es das gibt, weil Gott es gibt und eben in seinem Erbarmen immer neu geben will. Es dürfte im Leben des Christen kein Augenblick sein, in welchem er nicht allen Ernstes damit rechnete: Gott gibt das Alles, in jenem Überfluß sogar, von dem die Apostelbriefe so gerne reden. Des Menschen Heiligung besteht dezidiert auch darin, daß Gott ihm Solches gibt – nicht nur im Allgemeinen, sondern gerade ihm, und ihm gewiß nicht magisch oder mechanisch oder im Schlafe, sondern ihm zu tun gibt! Die Heiligen Gottes nehmen Solches in Empfang und tun es.
Wir setzen zwei hier bedeutsame Fragen und Antworten aus dem Heidelberger Katechismus an das Ende dieser Überlegung:
Frage 86: Dieweil wir denn aus unserem Elend ohne alle unsere Verdienste aus Gnade durch Christus erlöst sind, warum sollen wir gute Werke tun? Antwort: Darum, daß Christus, nachdem er uns mit seinem Blut erkauft hat, uns auch durch seinen Heiligen Geist erneuert zu seinem Ebenbild, daß wir mit unserem ganzen Leben uns dankbar gegen Gott für seine Wohltat erzeigen und er durch uns gepriesen werde. Danach auch, daß wir bei uns selbst unseres Glaubens aus seinen Früchten gewiß seien und mit unserem gottseligen Wandel unsere Nächsten auch Christo gewinnen.
Und Frage 91: Welches sind aber gute Werke? Antwort: Allein die aus wahrem Glauben nach dem Gesetz Gottes ihm zu Ehren geschehen und nicht auf unser Gutdünken oder Menschensatzung gegründet sind.
Quelle: Kirchliche Dogmatik IV/2, § 66, S. 660-676.