Als Eitelhans Langenmantel am 24. April 1528 von einer Streifschar des Schwäbischen Bundes gefangengenommen und mit zwei anderen Wiedertäufern nach Weißenhorn ins Gefängnis verbracht wurde, hatte er folgendes Trostschreiben bei sich:
Trostschreiben des Pfarrers Johann Schneid an Eitelhans Langenmantel vom 3. Januar 1528
Möge die Gnade und Stärke Christi mit dir sein. Möge er dein Schild sein. Streite kecklich gegen alle Verfolgung und Bedrängnis. Geliebter Bruder! Ich erkenne die überwältigende Wirkung der väterlichen Barmherzigkeit. Sie ist voller Sehnsucht nach seinen lieben Kindern. Er beugt sich über das Gefängnis, die Verfolgung und die Jagd. Denn diese Bewährenden und Machenden sind rechte Christen. Sie werden in wahrhaftigem Glauben und starker Zuversicht zu Gott erfahren. Sie werden von ihrem Vater ganz geliebt. Das Kind Gottes erkennt wahrhaftig, dass alles in der Macht Gottes liegt. Es liegt in seiner Gewalt und Stärke. Tyrannen und Verfolger sind das eilende, blinde Volk. Sie sind allein Knechte des himmlischen Vaters. Sie sind seine Instrumente. Von Anfang der Welt prüft er solche, die gläubig sind. Dadurch versucht, treibt und reizt der allgütigste Vater seine äußerlichen Kinder. Man soll sie erkennen als beständige und wahre Christen. Durch Drangsal, Verfolgung, Leiden, Angst und Not werden die gläubigen Väter geprüft. So sagt Salomon im Buch der Sprüche, Kapitel 17. Auch Judith sagt es im Kapitel 8. Dabei wird die Freundschaft göttlicher Liebe erkannt. Paulus schreibt dazu im Hebräerbrief, Kapitel 12. Auch Salomon in der 3. Anweisung. In solch einem Fall erlernt der Glaubende, zu Gott zu fliehen. Er ruft mit ganzem Herzen ihn an. Er setzt allen Trost und alle Hoffnung in aller Widerwärtigkeit in Gott. Er setzt sie in keinen Menschen. Der fromme Jeremia lehrt uns das durch seinen Geist im 17. Kapitel. Er sagt: „Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt. Er hält Fleisch für seinen Arm. Sein Herz weicht von dem Herrn ab.“ Auch David sagt im 146. Psalm: „Verlasst euch nicht auf Fürsten. Verlasst euch nicht auf Menschenkinder. Denn sie können doch nicht helfen“.
Darum, geliebter Bruder im Herrn, wenn sie etwas gegen die Freunde Gottes erheben, sollen sie kraftvoll glauben. Es komme von Gott. Es komme durch Gott und in Gott. Je mehr der allgütigste Vater seine Kinder liebt, desto mehr sendet er ihnen Drangsal. Er sendet ihnen Angst und Not. Er sendet ihnen Verfolgung. Denn all dies muss im Dienst zu seinem Preis geschehen. Es dient seiner Macht und Herrlichkeit. Es geschieht den Kindern zu Nutzen und Seligkeit. Das lesen wir kräftig im anderen Buch Mose, Kapitel 14. Ich glaube fest, geliebter Bruder im Herrn. Der gütige Vater wird sich bald für die Unschuldigen einsetzen. David sagt im 7. Psalm: „Sein Schwert hat er geschliffen. Seinen Bogen hat er gespannt. Er wird das unschuldige Blutvergießen strafen.“
David sagt im 145. Psalm: „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen. Er tut wohl denen, die ihn fürchten. Er hört ihr Schreien und hilft ihnen. Er wird alle Gottlosen vertilgen.“ Er hat seine Gewalt beim israelitischen Volk gezeigt. Da befreite er sie vom plündernden Pharao. Es wird die Zeit der Ammoniter bald erfüllt sein, herzlieber Bruder. Bis dahin sei getrost im Herrn. Du sollst wahrhaftig durch all dies erkennen, dass der Vater dich liebt. Er hat dich unter seine Flügel genommen. Dir kann weder hoch noch niedrig schaden. Weder Teufel noch Welt können dir schaden. Allein was der Vater zur Prüfung deines Glaubens über dich verhängt hat, das bleibt. Denn er hat all dies überwunden. Alle gläubigen Kinder sind in ihm. Denn wenn Gott mit dir ist, wer kann gegen dich sein?
Obwohl der gütige Vater uns eine Zeit lang in Verfolgung lässt, so ist er stets gegenwärtig bei den Seinen. Er scheint nicht zu helfen, aber er ist da. David spricht im 91. Psalm: „Ich bin bei ihm in der Not. Ich werde ihn erretten und erhöhen.“
Ohne Zweifel hat der himmlische Vater ein Wohlgefallen an dir. Die Hand Gottes ist nicht kurz, dass sie nicht helfen kann. So spricht Jesaja im 59. Kapitel. Darum, herzlieber Bruder, hoffe auf den Herrn. Er wird es wohl machen. Befehle dem Herrn deine Wege. Denn der Herr ist die Kraft deines Lebens. Vor wem solltest du dann grauen? Sprich, lieber Bruder, im Geist mit David. Sprich den 23. Psalm: „Und ob ich schon wandere in Verfolgung und Drangsal, fürchte ich kein Unglück. Denn, Herr Vater, du bist bei mir.“ Sprich den 3. Vers: „Ich fürchte mich nicht vor hunderttausend Volk, die sich um mich legen.“ Sprich auch den 56. Vers: „Denn auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht. Was will mir ein Mensch tun?“
Wie auch immer, mein herzlieber Bruder, die adamische Natur besteht täglich in ihrem Prunk. Sie besteht in ihrer natürlichen Wirkung. Sie jagt uns Traurigkeit nach. Sie hält uns für die Welt, für Freundschaft, für zeitliche Güter. So bedenke, dass all dies der Sterblichkeit unterworfen ist. All dies nimmt ein Ende. Der weise Salomon sagt im Buch der Prediger: „Ich habe nichts unter der Sonne Beständiges gefunden.“ Darum nimmt Hiob im 7. Kapitel das Menschenleben als einen Streit auf. Er sagt: „Ach, herzlieber Bruder, so kämpfe und streite als ein freier Knecht deines Herrn. Streite mit der rechten Lanze des Glaubens. Denn der Glaube ist es, der die Welt überwindet.“ Du weißt, wie Hiob im 4. Kapitel sagt. Unser Leben wird voller Leid und Schmerzen verzerrt. So sollen wir hier keine bleibende Stadt suchen, sondern eine zukünftige. Auch Johannes spricht im 16. Kapitel: „Sie werden euch in Bann tun. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meint, er tue Gott einen Dienst daran. Solches werden sie euch darum tun. Sie tun es, weil sie weder meinen Vater noch mich erkannt haben. Wahrlich, wahrlich, sage ich euch: Ihr werdet weinen und heulen. Aber die Welt wird sich freuen. Ihr aber werdet traurig sein. Doch eure Traurigkeit wird zu Freude werden.“
Legt nochmals eine Wehe für den gütigen Vater: So sie ist gepeinigt, hat sie Schmerzen. So hoffe ich auch, dass du jetzt im Schmerz bist. Aber der Satan hindert solche Geburten, wo er kann. Wie in der Offenbarung, Kapitel 12, angedeutet, so tut er. Darum, herzlieber Bruder, will ich Gott, den Vater, treu bitten. Meine Kirche wird mit mir bitten. Wir bitten für dich und alle christlichen Brüder. Wir bitten für alle Kinder Gottes. Er möge seine göttliche Stärke und Gnade ausgießen. Damit ihr eine fruchtbare Frucht seid. Eine rechtgeschaffene und wohlgefällige Frucht für den Vater.
Ich will mich auch eurem Gebet befehlen. Damit der Vater durch seinen Geist mein Herz in alle Wahrheit einführe. Möget ihr dieses einfache Schreiben von mir annehmen. Ich bin ein armer Diener in christlicher einprägsamer Liebe. Diese Liebe trage ich zu dir und allen Kindern Gottes. Erkennet es im besten.
In Eile, Augsburg, am 3. Tag Januar anno 1528
Untertänigster Johann Schneid,
Diener des Evangeliums zum Kreuz in Augsburg.
Dem ritterlichen Christen Eitelhans Langenmantel, seinem lieben Bruder im Herrn.
Die gnad und stercke Cristi sei mit dir, welle sein dein sig, kecklich zu streiften wider alle Verfolgung und durchechtung. Geliebter bruder! Ich erkenn, wie die uberschwenckliche reichtung der vatterliche barmhertzigkait fulfeltig haimsucht sein liebe Kinder, so er verbeugt über die gefencknus, Verfolgung und veijagung, dann dise bewerend und machend ain rechten Cristen, das sie gantz erfaren und geiebt werden in warhafftigem glauben und starcker Zuversicht zu got, irem vatter; dann da erkendt das kind gottes warhafftigklich, wie alles allain an gottes macht, gewalt und stercke leit, auch wie tyrannen und Verfolger, das eilend, blind volck, allain knecht und Instrument send des himlischen vatter, der von anfang der weit solliche praucht hat gegen den glaubhafftigen, dardurch der allergnedigest vatter versucht, treibt und raitzt seine usserwelte kinder, damit man sie mege erkennen [als] bestendige und wäre Cristen, dann durch triebsal, Verfolgung, leiden, angst und not sind die gläubigen vätter versucht, wie Salomon im buch der sprich im 17. sagt, auch Judit im 8; darbei die fraindschafft göttlicher liebe wirt erkendt, wie Paulus zu Heb. im 12., auch Salomon im 3. Anzaigung thund. in sollichem die glaubhaftige erlernent zu got fliehen, in uss gantzem hertzen anrieffend und in in setzen alle tröst und hoffnung in aller widerwertigkait und in kainen menschen, wie der from Jheremias uns durch sein gaist lernet im 17.: „verflucht ist der man, der sich uff menschen verlest und flaisch für seinen arm helt und mit seinem hertzen von dem herren abweicht“; auch der David im 146: „verlassend euch nit uff fürsten, uff menschenkind, er kan doch nit helfen“, darumbe, geliebter bruder im herren, wa sie etwas erhept wider die freund und kinder gottes, sollen sie krefftigklich glauben, es kome von got, durch got und in got, und je lieber der allergiettigest vatter seine kind hat, je mer und mer er ine triebsal, angst und not, Verfolgung zuschickt; dann sollichs alles muss im dienen zu seinem preiss seiner macht und herlichait den kinder zu nutz und seligkait, als mir krefftigklich lesen im andern buch Maysi im 14. ich glaub vestigklich, geliebter bruder im herren, der guettig vatter werde in kurz sich zu ainem rach setzen der bludthund, wie David im 7. psalmen sagt, sein schwerdt hab er geschliffen und sein bogen gespannt, werde straffen das unschuldig blutvergiessen;t) . . . wie David sagt in 145: „der herr ist nache allen, die in anrieffen; er tut das wolgefallen deren, die in fürchten, und heret ir schreien und hilft inen und wird vertilgen alle gotlosen“, wie dan er ertzaigt hat seinen gewalt bei dem israhelischen volck, da er sie von dem plutgierigen Pharaoni erledigt, es wirt die zeit der Amoniter bald erfulledt, herzlieber bruder; bis also getrost im herren, du solt warhafftiglich durch dises alles erkennen, das der vatter dich liebet und under seine fligel dich genomen hat, das dir weder hoch noch nider, teufel und weit schaden wirf, allain was der vatter zu prob deines glauben über dich verhengen ist, dann er sollichs alles überwunden und alle gläubigen kinder in im. dann wann got mit dir ist, wer will wider dich sein ? obschon der giettig vatter ain zeitlang uns in vervolgung last und nit zu helfen erscheindt, so ist er stet gegen- wiertig bei den seinen, wie dann David spricht im 91: „Ich bin bei im in der not, ich wierdt in erlesen und erhechen.“ bis on Zweifel, der himlisch vatter hat ain wolgefallen in dir, die hand gottes ist nit abkurtzt, das sie nit helfen kund, wie Esaias spricht am 59. darumbe, hertzlieber bruder, hoff uff den herren, er wierts wol machen, bevilch dem herren deine wege, dann der herre ist deines lebens ain krafft. vor wem soldt dir dann grauen ? sprich, lieber bruder, im gaist mit dem David im 23 : „und ob ich schon wander in Verfolgung und triebsal, furcht ich kain Unglück, dann, herre vatter, du bist bei mir“; im 3.: „ich furcht mich nit vor hundert tausend volck, die sich umbher umb mich legen“; auch im 56.: „dann uff got hoff ich und furcht mich nit, was will mir ain mensch thon ?“ wiewol, mein hertzlieber bruder, die adamitisch natur, so täglich in irem prauch und natürlicher wirckung stat, uns traurigckait ainzujagen, helt für die weldt, fraindtschafft, zeitliche gutter, so gedenck, das alles der sterblichait ist under- wirflich und ain ennd nimpt, wie dann der weis Salomon im buch brediger spricht: „Ich hab nicht under der sonnen bestendig fanden,“ darumbe nemet der Jobus im 7. des menschen leben ain streit, auff das, hertzlieber bruder, so ficht und streit als ain freier knecht deines herren mit der rechten sper des glauben, dann der glaub ist, der die weit überwindt. du waist, wie Jobus sagt im 4., wie unser leben miesse in laid und schmertzen vertzert werden, umb das wir hie kain beleihende statt suchen sonder ain zukünftige; auch wie Johannes spricht im 16.: „sie werden euch in ban thun; es kompt aber die Zeit, das, wer euch fettet, wirt mainen, er thie got ainen dienst daran, und sollichs werdens euch darumben thun, das sie weder meinen vatter noch mich erkandt haben, warlich, warlich, sage ich euch, ir werden wainen und heilen, aber die weit wiert sich freuen; ir aber werdet traurig sein, doch euer traurig- kait sol zu freud werden.“ legt nachmal ain weib für der güttig vatter: so sie ist geperen, hat sie schmertzen. also hoff ich auch, du seiest jetzt im geperen. aber der sathan, wo er kan verhinderen solliche gepurt, wie ist in der Offenbarung anzaigt im 12., so thuts er. darumbe, hertzlieber bruder, will ich got, den vatter, mit meiner kirchen treulich pitten, dir und alle cristeliche bruder und kinder gottes, das er eingiess sein gettliche stercke und gnad, damit ir ain freliche, rechtgeschaffene und wolgefellige frucht dem vatter seien geperen, will mich auch euerm gepet bevelhen, damit der vatter durch sein gaist mein hertz einfier in alle warhait. wollest dises einfeltigs schreiben von mir armen diener in cristenlicher einpreinstiger liebe, so ich zu dir und alle kinder gottes tragen, uffnemen und im besten erkennen, in eil Augspurg am 3. tag janarii anno 28
undertheniger Johan Schneid,
diener des Evangeliums zum Creutz zu Augspurg.
Dem riterlichen Cristen Eitel Hannsen Langenmantl, seinem lieben bruder im herrn.
Quelle: Friedrich Roth, Zur Lebensgeschichte Eitelhans Langenmantels von Augsburg, Zeitschrift d. hist. Ver. für Schwaben, Bd. 27, Augsburg 1900, S. 35-38.