Von Christoph Blumhardt
Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst. Ich will dich mit meinen Augen leiten. (Psalm 32,8)
Was uns immer am peinlichsten ist auf Erden, ist das, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen. Im irdischen Leben wissen wir zwar etwas, doch auch nicht sehr viel, nämlich wenn die Wege durch geschichtliche Traditionen geordnet sind. Das hilft vielen Menschen, vielen Völkern, ganzen Geschlechtern; Einrichtungen, Sitten, Gebräuche leben sich ein, und mau hat Angst, diese Wege zu verlieren, denn es ist fast unmöglich, einen anderen Weg zu finden. Daher erklärt es sich, dass Völker, wenn sie einmal eine Sitte haben, eine Einrichtung haben, absolut nicht davon weichen wollen; und man muss sich hüten, ehe man solche gegebenen Wege zerstört, wenn man nicht neue Wege hat, auf denen die Menschen wieder gehen können. Man muss froh sein, wenn gewisse Ordnungen da sind, so schmerzlich es einem oft ist; dass sie nicht richtig sind, das weiß man wohl, und doch kann man sie nicht ohne weiteres den Menschen nehmen. Es ist auch mit den Wegen, die wir auf Erden wandeln, eine sehr fragliche Sache, vollends wenn wir uns ein wenig tiefer besinnen: wie leben wir auf Erden, dass wir nicht versinken in den vielen schwierigen und peinlichen Vorkommnissen, dass der Strom unseres Lebens (wenn) auch nur irdisch ruhig bleibt. Man glaubt gar nicht, wie schwierig es ist, für das Leben Wege [zu] finden, denn dabei hat jeder Mensch seine eigenen Wünsche, seinen eigenen Willen und Empfindungen und kann es gar nicht verstehen, wenn es gegen seinen Willen geht.
Aber noch viel schwieriger ist es, Wege zu finden, auf denen wir zum Reich Gottes kommen können. Was ist da recht? oder ganz einfach gefragt, was gefällt Gott? was ist Gottes Wille? das ist noch viel schwieriger. Wir wünschen, dass Gott regiert, wir wünschen, dass Jesus Christus der König ist und der Heiland; wir wissen es und glauben es, und nicht nur so, dass wir es in Gedanken haben, sondern dass es sich auch praktisch ausweist, dass wir an Gott glauben, – wo sind nun da die Wege? Das ist das allerschwierigste, denn da können wir gar nichts wissen und müssen sein wie die Kinder und einfach sagen: Lieber Vater im Himmel, mache Du es! mir ist es einerlei, wie es geht, aber mache Du es gewiss durch Deinen Geist, ich kann es nicht machen.
Ich finde viele Menschen, die sind immer im Jammer, sie machen es falsch. Da muss ich immer denken: Du machst es gewiss viel richtiger als viele anderen Leute. Die ängstlichen Menschen sind jedenfalls nicht sicher auf ihren Wegen, sondern wie Kinder, die nicht recht wissen, was sie tun sollen; das kann dem lieben Gott gar nicht übel gefallen. Wenn Kinder unbeachtet sind und sie stoßen sich, weil sie nicht wissen, was tun, und verlassen sind, so kann das ihrem Vater nicht übel gefallen, denn er sieht, dass seine Kinder den Vater brauchen. Die Kinder können sich nicht selber hüten, und wir können es ebensowenig wie die Kinder, wir müssen den Vater im Himmel haben, der uns leitet. Er will uns ja leiten, das ist Seine Verheißung, und der Heiland hat es uns ausdrücklich versprochen, Er will den Geist Gottes uns senden, Er will den Vater bitten, dass er uns Seinen Geist gebe, dass wir getröstet seien und behütet. So dürfen wir also Kinder sein, Gott Lob und Dank, und ich möchte in jedem ordentlichen Menschen diese Zuversicht gepflanzt sehen, namentlich zaghaften Menschen, dass sie von Gott sicher geleitet werden. Auch wenn sie sich einmal stoßen, sollen sie sich nicht ängstigen, das tut ihnen ganz gewiss nichts; wir dürfen geradezu denken: Ich kann nichts dafür. Wir können uns vollständig auf Gott verlassen und sagen: Da stehe ich, ich weiß nicht, was ich tun soll.
Sei ein Kind und sage zum Vater im Himmel: Ich kann mir nicht helfen, wenn Du meine Wege nicht in der Hand hast, ich weiß nicht, was ich machen soll; ich will aufpassen, ich will die Winke merken, aber es muss in mein Herz kommen mit Freudigkeit: das tust Du. Es muss in mein Herz kommen: Du musst es machen, und wenn es verkehrt läuft, mir ist es ganz gleichgültig, ich bin bloß ein Kind, wenn nur Du es machst. Anders kann man im Reich Gottes nicht durchkommen; für das Reich Gottes, auf dem Weg zur Herrschaft Gottes, zur Pflanzung des Willens Gottes auf Erden können wir nicht anders durchkommen. Aber auch auf dem Weg zur inneren Beseligung, zum Frieden, wie wir sagen, müssen wir und dürfen wir uns ganz dem lieben Gott überlassen, auch da können wir nicht viel machen. Das einzige, was wir eigentlich in der Hand haben, ist: der Vater im Himmel verlässt uns nie, weil wir Menschen sind, zu denen der Heiland gekommen ist. Das ist das einzige, was wir haben, und wenn es einer ganz fest im Herzen hat gegen alle Zweifel, alle Beschuldigung und Selbstanklage, gegen alle Trübsal und alle Angst: der Vater im Himmel bleibt unser Vater, – wenn das jemand fest im Herzen hat, dann wird er geleitet und es kann nicht fehlen; und wenn er scheinbar nicht geleitet wird, was tut es? Ich habe schon Zeilen gehabt, wo ich gedacht habe: es ist mir ganz gleichgültig, es gehe, wie es will; auf Gott habe ich mich verlassen, also lass(t) es gehen, wie es geht. Ich kann nicht in schwierigen Lagen meinen Weg selber ausdenken und mich mit Hangen und Bangen auf dies und jenes besinnen. Das ist mir rein unmöglich, und ich glaube, dass es vielen auch so geht, und ich glaube, dass zu den Leuten der Heiland gesagt hat: Ich will euch den Tröster senden; die dürfen am allerfestesten sein: Mein Gott ist mein Vater, Er wird mich mit Seinen Augen leiten. Diese Zuversicht, dass wir Kinder Gottes sind und deswegen geleitet sind, – denn ein Kind Gottes sein ohne geleitet zu werden ist ein Unsinn, – diese Zuversicht ist das, was eigentlich der Heiland in unsere Herzen pflanzen wollte. Das sollte als Evangelium gepredigt werden: Jesus ist da, also bist du Mensch ein Kind Gottes, weil Jesus zu dir gekommen ist, zu den Menschen gekommen ist, zu jedem Menschen gekommen ist, denn Er ist ins Fleisch gekommen. Das ist, ganz abgesehen von dem, was ein Mensch sonst ist, ob er ein Sünder ist oder ein Gerechter, ob er hoch steht oder niedrig, ob er in Trübsal steht oder in Freude ist, – das ist das Evangelium, alles andere ist Nebensache. Du hast einen Besuch bekommen von Gott, also kann dich der liebe Gott nicht fortwerfen. So dürfen wir sagen und so soll es verkündigt werden: Höret ihr Völker, ihr Geschlechter, ihr Sprachen, ihr Zungen, ihr Menschen, ihr habt Besuch bekommen, also glaubet es: ihr seid Geliebte Gottes: es ist nur eine Frage der Zeit, dann seid ihr aus allem euren Elend; helfet mit, glaubet es, ihr seid Geliebte Gottes; – das ist das Evangelium.
Man hat viel daneben und drum herum gelegt, man hat viel Wissenschaft daraus gemacht, aus diesem einfachen Pünktchen, und so verstehen es die Leute nicht mehr. Man hat auch Angst, wenn man ihnen dieses einfache Evangelium predigt, dann werden sie leichtsinnig. Aber das Gegenteil wäre wahr, wenn man es predigen wollte. So sollten wir z. B. den Heiden bloß dieses Evangelium bringen: du bist ein Geliebter Gottes; Gott hat dich besucht, du brauchst nichts zu tun als freudig zu sagen: Ich bin ein Geliebter Gottes. Dann wird sich von selber ein Strick um den anderen lösen bei diesen Heiden, wenn sie das von Gott aus ins Herz bekommen, und sie werden von sich selber aus die Formen des Lebens bekommen, die dann besser sind als alle früheren. Es müsste auch nicht überall gleich sein, wenn nur die Leute wirklich glauben wollten: Wir sind Geliebte Gottes, und das wichtig nehmen, so müsste sich in jeder Lage das richtige Verhältnis schließlich finden. Wenn sie auch noch Fehler machen, das ist gar nicht so wichtig, wenn auch diese oder jene noch Anstoß geben, das hat gar keine Bedeutung, sie sind die Geliebten Gottes wider Sünde, Tod, Hölle und alles, was ist. … Aber wie weit sind wir von diesem Evangelium fort! Viele glauben es nicht, dass wir Kinder Gottes sind, und reißen es den anderen aus dem Herzen, und da gibt es viele Leute, die sind immerfort verzagt und meinen, sie gehören gar nicht dazu. So laufen sie herum, wie wenn sie gottlos wären und im Grund genommen gehören sie ja zu Gott und sind längst von Gott angenommen; sie meinen, sie müssen Wunder was tun, um zu Gott zu kommen, während Gott längst bei ihnen ist. So ist es bis heute noch nicht zu dem gekommen, was eigentlich hätte durch den Heiland kommen sollen. Das wäre auch die Nächstenliebe, von der die Christen so viel reden, wenn jeder vom andern sagen wollte: Das ist auch ein Kind Gottes; und wenn man auch von Sündern sagen wollte: das ist auch ein Geliebter Gottes, aber natürlich er versteht es noch nicht recht; wir sind es, er ist es; und wenn man sich dann im Geist des Gebets und des Glaubens Gott anbefehlen wollte, dann würde mehr erreicht werden, als wir es heute haben. Es muss ja auch noch mehr erreicht werden, namentlich das muss dann aus dem heraus kommen, dass jemand aus dem Gefühl heraus: Jetzt bin ich Gottes, – auch sich verantwortlich fühlt wenigsten aufzumerken. Es verliert sich natürlich, wenn ich weiß, dass Gott mich liebt, und mir an seiner Liebe etwas gelegen ist, jeglicher Leichtsinn; es ist sozusagen die Spannung, die aus dieser Stellung entspringt, die uns von selber aufmerksam macht, dass wir törichte Dinge zu vermeiden wissen und nicht in jeden Tod hinein gehen wie die dummen Leute; denn die Liebe Gottes ist geradeso Licht und Verstand, als sie Wärme des Herzens ist. Es ist nichts Unvernünftiges, sondern etwas Vernünftiges und etwas zum höchsten Verstand Führendes, so dass es sich von selber verliert, was etwa Torheit und Leichtsinn heißt. Wenn ich weiß, dass ich ein Geliebter Gottes bin, so ist es ganz von selber in meinem Leben ausgedrückt, und es beweist sich ganz automatisch so, dass es keine Anstrengung ist. Sobald wir uns erst besinnen müssen und suchen: wie mache ich es? – dann wird es schon wieder plump; es muss ganz von selber kommen, wie es bei den Kindern kommt; wenn sie ihre Eltern ehren und in der Liebe ihrer Eltern stehen, dann kommt es ihnen ganz von selber, was recht ist. So werden wir es Gott gegenüber erleben und wollen uns freuen, dass es so ist, und auch in schweren Tagen nie und nimmer verzagen.
Gehalten am 20. April 1899.
Quelle: Gerhard Sauter, Die Theologie des Reiches Gottes beim älteren und jüngeren Blumhardt, Zürich-Stuttgart: Zwingli-Verlag, 1962, S. 334-337.