Martin Niemöller, Brief an den Rektor der Universität Erlangen Theodor Süß bezüglich den studentischen Störungen bei seinem Vortrag in der Neustädter Kirche im Januar 1946: „Die Folgerungen, die in den Zeitungsartikeln aus den Vorgängen gezogen werden, kann ich nicht ziehen, wonach die Dissentierenden gewissermaßen als verkappte Nazisten oder unverbesserliche Militaristen hin­gestellt werden, während sie in Wahrheit wahrscheinlich zum größten Teil eben Studenten sind, die in der Konfrontierung mit der Schuldfrage ihre letzte idealistische Widerstandsfront angegriffen sehen und deshalb leidenschaftlich Protest erheben, wenn sie meinen, aus ihren letzten moralischen Positionen, die eine Selbstrechtfertigung er­möglichen sollen, auch noch herausgeworfen werden sollen.“

Martin Niemöller an den Rektor der Universität Erlangen

Büdingen/Hessen, Schloss, 7.2.1946

Se. Magnifizenz
dem Herrn Rektor der Universität [Prof. Dr. jur. Theodor Süß (1892–1961)]
Erlangen

Hochzuverehrender Herr Rektor!

Es ist mir ein dringendes Bedürfnis, Ihnen nach den Presseäußerungen über meinen Vortrag für die Erlanger Studentengemeinde und nach den durch das Staatsministerium in diesem Zusammenhang ergriffenen Maß­nahmen ein Wort über meine Auffassung von den Vorfällen zu schreiben, ehe ich für einige Wochen Deutschland verlasse, um in der Schweiz an der Tagung des Weltrates der Kirchen teilzunehmen.

Für mich ist die Stellungnahme der Presse zu­nächst eine große Überraschung gewesen; ich selber habe das studentische Scharren in der Kirche als eine unpassende Haltung emp­funden, weil es in einem kirchlichen Raum geschah und das Scharren und Trampeln zu meiner Studentenzeit auf den Hörsaal, die Kneipe und öffentliche Versammlungsräu­me beschränkt zu bleiben pflegte. Ich habe indessen diese Äußerung der Stellungnahme zu meinen Ausführungen eigentlich keinen Augenblick tragisch genommen, da ich für meinen Vortrag ursprünglich auf einen Saal als Vortragsraum gerechnet hatte und infolgedessen auch darauf gefaßt gewesen war, Äußerungen des Beifalls oder des Mißfallens zu hören zu bekommen. Und mehr ist doch eigentlich auch nicht passiert: Bei der Er­wähnung der Stuttgarter Erklärung fing ein Scharren an, das nicht eben sehr umfang­reich war und dann von Trampeln des Bei­falls übertönt wurde. Und einige Minuten später kam es noch einmal zu einer solchen Äußerung der verschiedenen Stellungnah­men der Hörer, worauf der Studentenpfarrer an die Würde der gottesdienstlichen Stätte erinnerte und um Disziplin der Haltung bat. Von da an lief alles Weitere völlig ruhig und normal ab, und nach Beendigung meines Vortrags wurden Fragen gestellt und von mir beantwortet. Kein Wort meines Vortrages, das ich hätte sagen wollen, ist nicht gesagt und nicht verstanden worden. Was geschah, war meines Erachtens lediglich eine Kundge­bung der Ablehnung bzw. Zustimmung, wie sie sonst in anderen Räumen bei gleicher Art der Stoffbehandlung für Akademiker und besonders für Studenten üblich ist.

Die Zeitungen haben auch berichtet, daß Studenten die Kirche während meiner Rede in großen Scharen verlassen hätten und ihr Mißfallen durch lautes Türenschlagen zum Ausdruck gebracht hätten. – Ich habe sehr gute Augen, wenigstens für größere Entfer­nungen, und ich habe in der Tat etwa ein Dutzend Menschen die Kirche vor Ende mei­nes Vortrags verlassen sehen. Ich habe das nicht als Demonstration aufgefaßt, sondern als ein Zeichen, daß ich mit Rücksicht auf die nicht mehr allzu ferne Polizeistunde zum Ende kommen müßte. Vom Türenschlagen ha­be ich meinerseits nichts bemerkt, ebensowenig meine Frau, die ich als einzigen Oh­ren- und Augenzeugen seit den Erlanger Ta­gen habe sprechen und fragen können.

Naturgemäß habe ich damit gerechnet, daß meine Ausführungen keine allgemeine Zu­stim­mung finden würden; ich habe das auch gar nicht gewollt, weil es sich hier um Ein­sichten handelt, die einfach nicht a priori er­wartet werden können. Ich wollte aber das Nachdenken und das Gespräch über die be­handelten und angeregten Fragen in Gang bringen, und habe dabei gemeint, daß ein Anstoß zum Denken in der von mir aufge­zeigten Linie nur zum Segen werden könnte, auch wenn vielleicht zunächst allerlei Widerspruch lebendig werden könnte. Das ist zwei­fellos geschehen, aber mehr auch nicht. –

Ich habe den starken Eindruck, daß es falsch ist, wenn die Zeitungen hieraus Folgerungen ziehen, die unsere akademische »Jugend« als in einer bestimmten politischen Einstellung befangen hinstellen. Es handelt sich um Din­ge, über die jeder sich erst klar werden muß und wobei jedem zunächst auch einmal das Recht einer abweichenden Meinung und der Kritik freistehen sollte. Wenn solche Kritik nicht erlaubt sein soll, dann ist es besser, Vorträge dieser Art überhaupt polizeilich zu verbieten, denn es ist schlechterdings unvor­stellbar, daß bei der Erklärung der Schuld­frage ehrliche und suchende deutsche Men­schen einer vorgetragenen Meinung insge­samt zustimmen sollten. Das ist einfach eine Tatsache, die schon in jedem Privatgespräch in engem Kreise und unter älteren Leuten re­gelmäßig in die Erscheinung tritt, und die den Studenten erst recht zugebilligt werden muß. Jedenfalls tue ich das und habe mit der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit solcher Differenzen und daraus sich ergebender Äu­ßerungen des Mißfallens durchaus gerech­net.

Die Folgerungen, die in den Zeitungsartikeln aus den Vorgängen gezogen werden, kann ich nicht ziehen, wonach die Dissentierenden gewissermaßen als verkappte Nazisten oder unverbesserliche Militaristen hin­gestellt werden, während sie in Wahrheit wahrscheinlich zum größten Teil eben Studenten sind, die in der Konfrontierung mit der Schuldfrage ihre letzte idealistische Widerstandsfront angegriffen sehen und deshalb leidenschaftlich Protest erheben, wenn sie meinen, aus ihren letzten moralischen Positionen, die eine Selbstrechtfertigung er­möglichen sollen, auch noch herausgeworfen werden sollen.

Ich darf Eurer Magnifizenz diese meine Auffassung von dem »Geschehenen« zur Kennt­nis bringen und zugleich anheimstellen, diese meine Auffassung auch der Staatsregierung weiterzuleiten, wenn Ihnen das geraten und nutzbringend erscheint. – Ich darf meiner­seits die Studentengemeinde, die mich zu dem Vortrag aufgefordert hatte, von diesem meinem Schreiben unterrichten.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich Euer Magnifizenz sehr ergebener
gez. Martin Niemöller DD.

(Zeitgenössische Vervielfältigung)

Quelle: Martin Greschat (Hrsg.), Die Schuld der Kirche. Dokumente und Reflexionen zur Stuttgarter Schulderklärung vom 18./19. Oktober 1945, München: Chr. Kaiser, 1982, S. 193f.

Hier der Text als pdf.

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