Verheißung. Hermeneutische Überlegungen
Von Gerhard M. Saß
Verheißung ist nicht nur in biblisch-, sondern auch in systematisch- und praktisch-theologischen Zshg. ein zentraler Begriff — ein Wort, das allerdings mehr der theol. Reflexion dient, als die Sprache der Frömmigkeit prägt.
Im Deutschen wird seit Luthers Bibelübersetzung ein Versprechen als Verheißung bezeichnet (da versprechen in Luthers Zeit im Niederdeutschen häufig im negativen Sinn gebraucht wurde). Daraus entstand mit der Zeit in der theol. Reflexion die Tendenz, zwischen verheißen als göttlichem und versprechen als menschlichem Tun zu unterscheiden. Die meisten übrigen Sprachen unterscheiden nicht zwischen Verheißung und Versprechen (z.B. promissio, promise, promesse). So bleibt Relevanz menschlicher Erfahrung für unser notwendig analogisches Reden von Gott auch sprachlich festgehalten. Das gilt im Deutschen aber wohl auch für die Sprache der Frömmigkeit, die die Unterscheidung von Verheißen und Versprechen keineswegs streng durchhält (so findet sich im Stammteil des Ev. Gesangbuchs der Stamm verhei* 17mal und der Stamm verspr* 16mal — an allen Stellen für Gottes Zusagen).
Vor allem das Schema Verheißung-Erfüllung ist durch die Jahrhunderte sehr verbreitet gewesen. Mit seiner Hilfe wird häufig das Verhältnis von AT und NT bestimmt. Ein richtiger Kern daran ist, daß Gott seine Verheißungen an sein Wort gebunden hat, das uns in der Schrift überliefert ist. Wo von Verheißung die Rede ist, geht es darum immer auch um Kontinuität zum Zeugnis der Schrift und zugleich auch um die Kontinuität, Verläßlichkeit und Selbigkeit des Redens und Handelns Gottes. Insbesondere bei Paulus geht es deshalb im Zusammenhang der Verheißung immer auch um die Einübung, auf die Schrift zu hören, und um deren rechte Auslegung. Mehr beachtet werden sollte deshalb, daß das Schema Verheißung – Erfüllung sprachlich und sachlich im NT allenfalls an Röm 1,2 und Apg 1,32f Anhalt hat (die »Erfüllungszitate« bei Mt und Joh zählen nicht eigentlich zur Verheißung – sie beziehen sich nicht auf direkte Heilszusagen). Und sachlich vermag dieses [1750] Schema nicht dem für das ntl. Verständnis von Verheißung charakteristischen Ineinander von gegenwärtiger Heilserfahrung und -zusage und lebendiger Hoffnung auf noch zukünftiges Heil angemessen gerecht zu werden. Die Schwierigkeit besteht offensichtlich darin, zugleich die Endgültigkeit des Heilshandelns Gottes in Christus zu benennen und festzuhalten und auf der anderen Seite sowohl Gottes im AT bezeugtes Verheißen und Handeln als auch die noch ausstehende Parusie Christi wirklich ernst zu nehmen.
Eine mögliche Lösung verantwortlicher theol. Rede heute könnte darin bestehen, in einer Art übertragenem Gebrauch auch das Geschehen der Auferweckung Jesu Christi selbst wiederum als Verheißung zu verstehen. Eine andere Möglichkeit bietet der Wechsel in bildliche Rede. H.J. Iwand hat das Ineinander, um das es hier geht, mehrfach in das Bild der Morgendämmerung gefaßt, in dem »die Gewißheit vom Sieg des Lichtes« zusammengeht »mit der noch verbliebenen Nacht. Es ist die Stunde der verheißenen Erfüllung, noch nicht die Stunde der erfüllten Verheißung«1. In diesem Bild ist das Licht Signum des kommenden Tages, das Perf. und Fut. unauflöslich verbindet. Es nimmt damit im Bild den Platz ein, den bei Paulus der Geist als Angeld des künftigen Heils innehat.
Für die Rede von Gottes Verheißung ergibt sich immer wieder die Aufgabe, angesichts neu aufbrechenden Widerspruchs zwischen Verheißung und Wirklichkeit in geeigneter Weise »Verheißung und Wirklichkeit miteinander zu ver-sprechen, so daß verständlich wird, wie die Verheißung auch und gerade die den Hörer jetzt bedrängende Wirklichkeit betrifft«2 – sei das in der Sündenvergebung (vgl. EG 232,2; 366,4), in der Gemeinschaft des Sakraments (vgl. EG 225,2) oder im Wirken des Geistes in Kirche und Welt. In älteren Gesangbuchliedern bezeichnet das Verheißene dabei zumeist zukünftiges, jenseitiges Heil (EG 19,3; 108,2; 254,2; 318,5; 519,1). In Liedern der letzten Jahrzehnte tritt dagegen viel stärker Gottes gegenwärtiger Beistand in Segen, Mitsein und Bewahrung und der Eröffnung von Zukunft sowie in der Gegenwart des Geistes in den Vordergrund (vgl. EG 168,4; 171,4; 182,9; 374,5; 378,1; 452,5). Schon immer sind allerdings einzelne Verheißungsinhalte durch die Zeiten hindurch unterschiedlich bedeutsam gewesen (die Landverheißung z.B. wurde schon im Frühjudentum häufig nicht mehr auf das reale Land, sondern auf das Erbe einer zukünftigen Welt bezogen; heute sind die Rückbeziehung auf sie und die politischen Folgerungen daraus im Blick auf den Staat Israel umstritten).
Von Gott geschenktes und verheißenes Leben drängt auf unsere Antwort hin. Die erste und wichtigste Antwort des Menschen ist der Glaube (pístis) als hoffendes Vertrauen auf Gott als den treuen (pistós) Geber der Verheißung. Sich auf Gottes Treue zu seinen Verheißungen zu verlassen (vgl. EG 115,2; 363,7; 374,5; 473,3) bedeutet heute (im Angesicht der Shoa) auch ernstzunehmen, daß unser Gott, der Vater Jesu Christi; zugleich der Gott Israels ist, der treu zu seinem Bund mit seinem Volk steht. So gelte die Verheißungen seinem Volk bis heute (vgl. Röm 9,4), und wir sind allein »in Christus« Mit-Erben und Mit-Teilhaber der Verheißungen geworden (vgl. Eph 3,6). Und es bleibt, wo immer wir als Christen von Gottes Verheißung reden und auf sie vertrauen; die Aufgabe, dieses »mit« und seine Konsequenzen für das Verhältnis von Israel und Kirche theol. durchzubuchstabieren.
Quelle: Lothar Coenen/Klaus Haacker (Hrsg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal: R. Brockhaus Verlag-Neukirchener Verlag, 1997, 1749f.
1 H. Tacke, »Verheißung« in den Predigtmeditationen H.J. Iwands, in: »Wenn nicht jetzt, wann dann?«, FS H.-J. Kraus, 1983, 395-404. 396; vgl. auch EG 151,4.
2 E. Lange, Predigen als Beruf, 1976, 67.