Der letzte Sieger. Predigt über Daniel 8 (1936)
Von Walter Lüthi
Der Eingang dieses Kapitels hat eine Jugenderinnerung wachgerufen, deren Preisgabe hier dienlich scheint. Anlässlich einer Schülerwanderung im Jura waren wir gegen Abend in die Nähe einer Sennhütte gekommen. Hier wurden unsere Blicke bald durch ein seltsames Schauspiel gefesselt. Durch ein aus Versehen oder aus Mutwillen offen gelassenes Gatter war von der benachbarten Weide ein fremder Widder eingebrochen, was ein zweiter Widder, ein ebenso mächtiges Tier, rechtmäßiger Herr dieser Herde, als unerlaubten Einbruch und Übergriff auffaßte und anfing, sich zur Wehr zu setzen. Zuerst entspann sich ein scheinbar harmloses Geplänkel zwischen den beiden Rivalen. Halb belustigt und halb neugierig schauten wir zu. Aber zusehends wurden ihre Bewegungen rascher und steigerten sich zu einer solchen Hitze, daß wir es mit der Sorge zu tun bekamen. Einige liefen nach dem Sennen, die anderen versuchten, die beiden auseinander zu treiben. Aber schon war es zu spät. Immer gewaltiger wurden ihre Anläufe, gelber Schaum quoll aus den Mäulern, mit verdrehten Augen und gesenkten Köpfen folgten sich mit unglaublicher Schnelle die Runden. Und nun ein letztes, grauenvolles Ausholen, ein dumpfes Brechen, und eines der beiden Tiere sank mit eingeschlagenem Schädel und herabhängendem Horn ins Gras, während das andere stöhnend zur Seite hinkte. Der Senn konnte nur mehr den Tod feststellen und auf dem Mistkarren das verendete Tier zur Hütte schleppen. Wir aber, die wir als Bauernkinder vom Viehweiden her allerlei gewohnt waren, wurden an jenem Abend merkwürdig früh still. Kein fröhlicher Lagerbetrieb wollte aufkommen. Solch ein Grad entfesselter Todesentschlossenheit und wilder Tierheit hatte uns im Innersten getroffen und erschreckt.
Einen derartigen Tierkampf schaut nun der Prophet Daniel in seiner Vision. Aber seltsamerweise spielt sich dieser Kampf nicht auf dem Lande ab, wie man erwarten sollte, sondern in der Stadt, nicht bei einem Bauernhaus, sondern beim königlichen Schloß zu Susa im Lande Elam, am Wasser Ulai. Nicht um Tiere handelt es sich eben hier, sondern um Menschen. Der Widder und der Ziegenbock bedeuten menschliche Königreiche. Der Widder ist das medopersische Weltreich, und der Ziegenbock mit dem einen großen Horn, das in vier Teile zerbricht, ist das griechische Weltreich Alexanders des Großen. Aber, was füllen uns heute diese Namen aus dem Staube längstverschollener Jahrtausende? Was haben wir mit ihnen und sie mit uns noch zu tun? Oh, Gemeinde, wäre dem doch so! Lägen doch diese Königreiche, vom Wüstensand überweht, tausend Klafter tief unter der Erde! Aber nur zu klar ist uns im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte geworden, daß Widder und Ziegenbock nicht verweht sind im Wüstensand, sondern daß sie heute leben genau wie Daniel sie schauen mußte in seinem Gesicht. Wir brauchen nur die alten Namen wegzustreichen und an ihre Stelle Namen zu setzen, die wir jeden Tag in der Zeitung lesen, und alles übrige bleibt sich gleich. Gott hat hier dem Propheten einen Blick gegeben, der die Schranke der Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende durchbricht, einen Blick, der nicht gehemmt ist durch Raum und Zeit. Vor den Visionen Daniels sind „tausend Jahre wie der Tag, der gestern vergangen ist und wie eine Nachtwache“. Ja, der Widder und der Ziegenbock, die in hemmungsloser Selbstvernichtung jeden Augenblick aufeinander losstürzen können, stehen in der heutigen Völkerwelt zu unser aller hellem Entsetzen vor uns: „Ich sah, daß der Widder mit seinen Hörnern stieß gegen Abend, gegen Mitternacht und gegen Mittag. Und er tat was er wollte, und ward groß.“ In diesem einzigen Satz „er tat was er wollte, und ward groß“ ist die Denkungsart und das Verhalten der Einzelnen und der Völker unserer Tage beschrieben. „Er tat was er wollte, und ward groß“, das ist Weltgeschichte neuesten Datums. Aber schon steht neben dem Widder auch der Ziegenbock da, der Angreifer. Von ihm heißt es, er komme mit solcher Windeseile daher, „daß er die Erde nicht berührte“. So, genau so, sagen die Sachverständigen, werde der Angreifer aussehen in einem künftigen Krieg.
Was dem Propheten an den beiden Tieren, die er in seiner Vision schaut, ganz besonders auffällt, das ist ihre Waffe, das Horn. Es ist unheimlich viel von Hörnern die Rede in diesem Kapitel. Das Horn ist Zeichen und Sinnbild der erdgebundenen Bockskraft. Die Völkerwelt aber steht heute, so weit unser Auge schaut, im Zeichen des Hornes. Was sich die Völker heute zeigen, das sind die Hörner. Horn steht gegen Horn, Waffe starrt gegen Waffe. Die Menschheit ist ein einziger Hörnerwald geworden, und jedermann zittert vor dem Moment, da die geringste Bewegung in diese Hörner fahren wird. Und doch legen die Völker ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit auf die Hörner. Auch unser liebes helvetisches Alpenkitzlein meint, es sei jetzt dringendste Notwendigkeit, sich in die Reihen derer zu stellen, die Hörner haben, meint, mithornen zu müssen, weil ringsum alles hornt.
Aber, Gemeinde, laß dich nicht täuschen, von keinem noch so einleuchtenden Trug dieser Hörnerwelt! Daniels Vision zeigt uns so klar und so deutlich wie nur etwas, wohin eine Welt, wohin ein Volk oder Völklein, wohin ein Einzelner fährt im Zeichen des Hornes!
Schaut ihn an, diesen Widder! Wie breitbeinig steht er da mit seinen Hörnern, die „gegen Abend, gegen Mitternacht und gegen Mittag“ stoßen! Im tollkühnen Dreifrontenkrieg hat er es mit Dreivierteln der Welt aufgenommen, und, heißt es von ihm: „kein Tier konnte vor ihm bestehen noch von seiner Hand errettet werden“. Des Widders Macht steht da, gegründet wie für die Ewigkeit.
Aber sieh! Über Nacht, wie aus dem Boden gestampft! wie gerufen von einem unhörbaren Ruf, wie von unsichtbarer Hand herbeigeführt, steht bereits der Stärkere da. Und diesem Stärkeren gegenüber heißt es vom Widder: „Der Widder hatte keine Kraft, daß er vor ihm hätte können bestehen, sondern er (der Ziegenbock) warf ihn zu Boden und zertrat ihn, und niemand konnte den Widder von seiner Hand retten.“ So steht es um die Zuverlässigkeit der Hörner. So steht es um die Stärke der Starken. „Einem König hilft nicht seine große Macht, ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft. Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht.“
Der Ziegenbock aber hat gesiegt. Und es heißt von ihm: „Der Ziegenbock ward sehr groß.“ Aber im nächsten Atemzug schon heißt es weiter: „Und da er am stärksten geworden war, zerbrach das große Horn.“
Das, Gemeinde, ist Weltgeschichte, wie sie Gott uns lesen lehrt. Weltgeschichte ganz anderer Art, als wir sie zu sehen und zu deuten pflegen. Wir pflegen die Weltgeschichte von unten nach oben zu betrachten und erbauen uns jeweilen daran, wie Einzelne und Völker von unten emporsteigen, aus kleinen Anfängen heraus höher und höher, dank ihrer Tüchtigkeit und Stärke. Gott aber lehrt uns, die Weltgeschichte umgekehrt deuten, von oben nach unten. Er zeigt uns, daß einer, sei er nun ein Einzelner oder ein Volk, einer, der hinaufsteigt, immer auch wieder hinuntersteigt. Es gibt, von Gott aus gesehen, keinen einzigen Hinaufgestiegenen, der schließlich nicht wieder hinunter müßte. Ja, der höchste Gipfel aller Menschenmacht ist das Zeichen und Signal dafür, daß nun der Niedergang begonnen hat. Wohl zeigt uns Daniel die machtvoll aufgerichteten Hörner. Aber Daniel zeigt uns erst recht die zerbrochenen Hörner. Sieger gibt’s in Gottes Weltgeschichte keine; denn vom Sieger über alle Sieger heißt es schließlich: „Da er am stärksten geworden war, zerbrach das große Horn.“ Zuletzt haben alle Tiere zerbrochene Hörner. Wer ein Horn aufrichtet, wird durch ein anderes Horn zerbrochen werden. „Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.“ Nichts von Siegern und Besiegten! Nur von Zerbrochenen! Das Horn in Gottes Weltgeschichte ist keine Lösung und keine Rettung und kein Ausweg. Denn Herr der Erde ist kein noch so grimmiger Hornträger, Herr der Erde ist der Gott, „der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt“.
Von hier aus begreifen wir nun auch, daß Gott über die Größen dieser Welt in einem Ton redet, der, wenn er von Menschen käme, müßte respektlos genannt werden. Man stelle sich vor: Es handelt sich hier um das Riesenreich eines Mannes, der in den Geschichtsbüchern der Menschen „der Große“ heißt — Alexander der Große —, Gott aber läßt seinen Propheten einen Ziegenbock schauen. In diesem Gesicht liegt fast etwas wie göttlicher Humor. Wenn Gott sieht, wie wir Menschen mit wichtigtuerischem Stirnrunzeln uns großtönende Namen geben und Titel verleihen, dann ist er der Gott, von dem geschrieben steht: „Der im Himmel wohnet, lachet ihrer.“
Wir Menschen pflegen die großen Taten der Vergangenheit größer zu sehen, als sie in Wirklichkeit waren. Sie wachsen in unserer großmannssüchtigen Phantasie. Wir pflegen sie in Heldenliedern zu besingen. Denken wir nur an jenen Helden gesang, der, vom Geist unserer heidnischen Vorfahren durchdrungen, auf uns späte Kinder und Enkel gekommen ist, ans Nibelungenlied, den Urtypus eines Heldenliedes, das mit den bezeichnenden Worten beginnt:
„Uns ist in alten maeren Wunders viel geseit,
von heleden lobebaeren, von grözer arebeit,
von freuden, hochgeziten, von weinen und von klagen,
von küener recken striten, muget ir nu wunder hoeren sagen.“
Wunder! Wunder der Menschenkraft. So breitspurig und so feierlich gehen wir vor, wenn wir Menschentaten besingen. Wir reden von „küener recken striten“ und von „grözer arebeit“. Gott aber redet von einem Streit zwischen einem Widder und zwischen einem Ziegenbock. Einer schlägt dem andern die Hörner ab und zerstampft ihn in den Boden. So unheldisch, so fast geschmacklos unheldisch und unfeierlich redet Gott in seinem Buch. —
Aber nun, liebe Gemeinde, steht noch etwas da von einem anfänglich kleinen Hörnchen, das schließlich auswächst zu unheimlicher Länge. Ein Hörnchen, das nicht gegen Abend, Mitternacht und Mittag stößt, sondern senkrecht in die Höhe. Ein Hörnchen, das gegen die Sterne des Himmels stößt und einige von ihnen herunterholt. Ein kleines Horn, das nicht den Kampf gegen seinesgleichen kämpft, sondern den Kampf gegen Gott.
Die Wucht dieses Gesichts macht den Propheten hilflos und ratlos, solange, bis daß Gott ihm seinen Boten Gabriel schickt und ihm sagen läßt: „Merke auf, du Menschenkind! Denn dieses Gesicht gehört in die Zeit des Endes. Siehe, ich will dir zeigen, wie es gehen wird zur Zeit des letzten Zornes.“ In jener Zeit werden „die Übertreter überhand nehmen“. Ein „frecher und tückischer König“ wird auf den Plan treten, der „mitten im Frieden viele verderben wird“. Er wird eine greuliche Verwüstung anrichten unter den Mächten der Erde, aber auch am Volk Gottes und bis hinein ins Gotteshaus. „Durch seine Klugheit wird ihm der Betrug gelingen“, und er wird sich erheben „gegen den Fürsten aller Fürsten“. Gelingen und Erfolg werden mit ihm sein „2300 Abende und Morgen“.
Hier geht einem eine Ahnung davon auf, warum im christlichen Volksmund die antichristliche, widergöttliche Macht, die Macht des Bösen, der Teufel, oft in Gestalt eines Gehörnten auftritt. Es handelt sich dabei kaum um eine aus der leeren Luft gegriffene Phantasie, sondern um eine sehr reale Erinnerung an dieses achte Kapitel des Danielbuches, das uns so eindrücklich die Hörner als Ausdruck des Abgrundes schildert. Man begreift jetzt auch, warum Daniel, nachdem er in diesen Abgrund hat schauen müssen, von sich bemerkt: „Und ich, Daniel, ward schwach und lag etliche Tage krank.“ Das ist schon zum Krankwerden!
Aber, liebe Gemeinde, dieses abgründige Kapitel ist nun doch nicht aller Hoffnung bar. Und es ist nicht nur zum Krankwerden, es sei denn die Krankheit der Buße und der Umkehr und der Hinwendung zu Gott, jene Krankheit, die nicht zum Tode führt, sondern zum Leben. Im Verlaufe dieses Kapitels taucht immer wieder so etwas wie eine helle Hand auf. Es ist das dieselbe Hand, die beim Gastmahl Belsazars an die getünchte Wand gegenüber dem Leuchter schreibt. Eine helle Hand, in der alle Fäden geheimnisvoll zusammenlaufen. Der freche und tückische König der Endzeit „wird mächtig sein, doch nicht durch seine Kraft“. Die Kraft ist ihm nur geliehen. Da ist sie, jene Hand! Diese „Zeit des letzten Zornes“ ist nicht das Letzte, das uns dieses Kapitel zeigt, sondern, so dunkel sie auch sein mag, letztlich doch ein Durchgangspunkt auf dem Weg zu einem großen und geheimnisvoll-herrlichen Ziel, zum Ziel aller Zeiten. Das letzte, was Daniel vom frechen König der Endzeit hört, lautet ja doch: „Aber er wird ohne Hand zerbrochen werden.“ Ohne Hand. Das will offenbar sagen, ohne Menschen-Hand. Eine Hand ist schon da, die ihn zerbrechen wird, aber eben, das ist Gottes Hand.
Hier scheidet nur noch eine dünne Wand den Propheten von jener hellen Nacht über Bethlehems Stall. Hier will es mit Macht Weihnachten werden. Einige Strahlen jenes Lichtes aus der Höhe haben sich bereits herübergefunden ins Dunkel dieses Kapitels. Gott schickt die siegreiche Hand in diese Zeit und Welt, die den frechen König der Endzeit zerbrechen wird. Es ist ja wohl nicht von ungefähr und kein bloßer Zufall, daß der Bote Gottes, der Engel Gabriel, außer hier in Daniel in der ganzen Heiligen Schrift nur noch an einer einzigen Stelle vorkommt, nämlich in Lukas Kapitel 1, dort, wo derselbe Bote aus der Ewigkeit den Auftrag bekommt, der Jungfrau Maria in den judäischen Bergen einen anderen König anzukündigen, von dem er sagt: „Und seines Königreiches wird kein Ende sein.“ In Jesus Christus hat Gott seinem Volk ein anderes Horn aufgerichtet, nicht das Horn aus dem Abgrund, nicht das Horn des Verderbens, sondern ein Horn aus der Höhe, „ein Horn des Heils“, das allen Völkern zur Rettung dient. Gott sendet den Überwinder aller Überwinder, den Sieger aller Sieger.
Aber nun, Gemeinde, beachte wohl, wie eigentümlich, wie über die Maßen eigentümlich und unbegreiflich Gott dabei vorgeht. Gott zeigt der Welt den König, der sie beherrschen wird, als wehrloses Kind, nackt und bloß in einer Krippe liegend. Das ist derselbe Gott, der einem Goliath den Hirtenknaben David ohne Saulsrüstung entgegenschickt, derselbe Gott, von dem es heißt: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du dir eine Macht zugerichtet, daß du tötest den Feind und den Rachgierigen.“ Mitten hinein unter die Hufe der Widder und Ziegenböcke dieser Welt sendet Gott das Lamm. Ein Lamm, das keine Hörner trägt. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde hinwegträgt.“ Diesem Lamm wird keiner gewachsen sein. Sie werden es mit ihren Hörnern stoßen und verwunden und töten. Aber beseitigen können sie es nicht. Dem Lamm gegenüber, das der Welt Sünde trägt, sind die Tiere dieser Welt ohnmächtig und ratlos. An ihm stoßen sie alle ihre Hörner ab.
Der letzte Kampf wird sein zwischen Christus und Antichrist. Dieser Kampf steht noch bevor. Seinen Beginn können wir beobachten. Es ist uns der Blick in sein Geheimnis geschenkt. In Matthäus Kapitel 4 wird uns der Beginn des Kampfes zwischen dem Lamm und dem Gehörnten offenbart:
„Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf daß er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. — Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir, Satan; denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen.“ Da verließ ihn der Teufel, und siehe, da traten die Engel zu ihm und dienten ihm.“
Das ist der Beginn des Kampfes zwischen dem Horn des Verderbens und zwischen dem „Horn des Heils“. Dieser Anfang schon ist so verheißungsvoll, daß der endgültige Sieg des Christus, dem Gott alle Feinde unter die Füße tun wird, außer allen Zweifeln steht.
Zuletzt heißt es von Daniel: „Darnach stand ich auf und verrichtete des Königs Geschäfte.“ Es kommt Daniel nicht in den Sinn, sich vom Hof des Königs zurückzuziehen. Wissend bleibt er und tut seine Pflicht. Wir sollen achten auf die Zeichen der Zeit. Es ist heute Sünde, nicht darauf zu achten. Wir sollen Ausschau halten nach dem letzten Ziel, aber darüber die nahe Pflicht nicht übersehen. „Darnach stand ich auf und verrichtete des Königs Geschäfte.“ Das ist für uns ein Ruf zur nahen Pflicht des Tages. Aber es ist Sünde, an diese Pflicht zu gehen als Unwissender, weil Gott uns nicht unwissend ließ. „Darnach stand ich auf und verrichtete des Königs Geschäfte.“ Das ist zugleich der Ruf, in einem noch tieferen Sinn unseres höchsten Königs Geschäfte zu verrichten im Liebesdienst am Nächsten und im Zeugendienst des Herrn der Gemeinde. Jetzt heißt es die Zeit auskaufen und wirken, solange es Tag ist.
Noch ist es Tag.
Gehalten zu Oekolampad in Basel, am 12. Juli 1936.
Quelle: Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus 30 (1936), Heft 9, S. 385-390.