Ruth Lödel, Predigt zu Jesaja 60,1-6: „Die Finsternis verbreitet Furcht. Und Furcht macht stumm. Wer sich davon nicht beirren lassen will, sondern sich die Freiheit nimmt, laut die Herrlichkeit des Herrn zu verkündigen, der muss ganz schön Arsch in der Hose haben. […] Und so werdet auch ihr, Könige und Königinnen der ELKB, weiterhin das Lob des Herrn verkündigen, dass es eine Lust ist, und unsere Herzen werden erbeben und weit werden, denn was ist der Reichtum der Königin von Saba gegen das Gold der guten Worte, die wir uns sagen lassen dürfen: Steh auf! Die Nacht ist vorüber. Steh auf und lobe Gott!“

Predigt zu Jesaja 60,1-6 (Epiphaniaszeit)

Von Ruth Lödel

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.
Steh auf! Die Nacht ist vorüber! Es wird hell! Hebe deine Augen auf und sieh umher!
(Jesaja 60,1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

steh auf! Steh auf, sagt der Herr zum Töchterlein des Jairus, steh auf, Kind und iss! Und das Mädchen steht auf und geht umher. Steh auf, sagt der Herr, Jüngling, ich sage dir, steh auf. Und der Jüngling zu Nain, der auf der Totenbahre liegt, richtet sich auf und fängt an zu reden. Steh auf, sagt der Herr zum Gichtbrüchigen, steh auf, nimm dein Bett und wandle. Und alsbald steht er auf, nimmt sein Bett und geht hinaus vor allen, also dass sie sich alle entsetzen und preisen Gott und sprechen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Steh auf, sagt der Engel des Herrn zum lebensmüden Elia, steh auf, iss und trink, denn du hast einen großen Weg vor dir. Und Elia streckt die alten müden Glieder und isst und trinkt und geht kraft der himmlischen Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Horeb, wo ihm der Herr erscheint.

Steh auf, mache dich auf, sagt der Herr zu seinem Volk Israel, der Herr geht auf über dir und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und sieh, die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

Steh auf, mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Steh auf, die Nacht ist vorüber und es wird hell, sagte der Herr durch den Mund seiner Magd Renate Zingler zu mir – und so streckte ich die müden Glieder, erhob mich von meinem Lager und bestieg das Arndthaus in der Südstadt Nürnbergs bis in den vierten Stock, um zu sehen, wie die Herrlichkeit des Herrn erscheint über uns, und wir zu seinem Licht ziehen, wie wir, die Heiden, uns zur Verheißung Israels kehren, damit sie allen Völkern der Erde zuteilwerde. Und so versammeln wir uns, Söhne und Töchter des Höchsten wie jedes Jahr, Könige und Königinnen der ELKB, und die Menge der Jacken und Mäntel bedeckt im Vorhof die Garderobe wie eine Herde Kamele aus Midian und Efa. Und wir werden das Lob des Herrn verkündigen, dass es eine Lust ist, und wir werden vor Freude strahlen. Und unsere Herzen werden erbeben und weit werden, denn was ist der Reichtum der Königin von Saba gegen das Gold der guten Worte, die uns geschenkt sind. Sie werden uns aufrichten und stärken, dass alle Last und alle Sorgen leicht werden und wie der Duft des Weihrauchs zum Himmel steigen.

Das ist schon der erste Schritt zu dem leichten Herzen, das uns da verheißen wird, liebe Schwestern und Brüder: Dass wir gehorcht haben, uns aufgemacht haben, uns seinem Volk zugesellt und gekommen sind, um uns aufrichten zu lassen von dem Glanz seiner Herrlichkeit, um zu erfahren, was wir gesungen haben: Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.

Und so lassen wir uns das sagen und noch einmal neu sagen und immer wieder sagen, was der Prophet seinem Volk verheißen und der Engel des Herrn neu verkündigt hat, so wie Friedrich Mildenberger es so gerne gesungen hat: „Der Morgenstern ist aufgedrungen, / er leucht daher zu dieser Stunde / hoch über Berg und tiefe Tal, / vor Freud singt uns der lieben Engel Schar.“ [EG 69,1]

Seht ihr dieses Licht?

Nun, es muss uns ja nun, liebe Erleuchtete, nicht gerade vom Hocker reißen, dass wir rumspringen wie die Mondkälber, wie Ellwood und Jake.

Aber – hoffentlich, hoffentlich, meine Lieben, hält uns die Dunkelheit nicht so fest, dass uns das Licht nur als ein trübes Flämmlein erscheint, dem wir bestenfalls verschämt ein kleines Fleckchen in unserem Herzen einräumen, von dessen Strahlkraft wir jedoch gar nicht so sehr überzeugt sind.

Denn, siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Das sehen wir ja auch und das sehen wir ja mehr denn je. Die Schrecken der Welt lassen sich vor unseren Augen nicht verbergen, drängen sich vor und nehmen unsere Herzen in ihren eisernen Griff. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Der Leviathan stellt frech seine Schwanzflosse auf, peitscht ins Unrat-verseuchte dreckige Wasser und macht die Aussicht trübe: Menschen- und Völkerrecht mit Füßen getreten. Der Traum von einer globalen Ordnung endgültig ausgeträumt. Sozialhilfe ade, es lebe die Rheinmetall. Ein Tyrann frisst den anderen, um nur wieder neue zu zeugen, Herodes ist tot, aber das Kindermorden geht weiter. Wie lange wird es dauern, bis es unsere Kinder und Enkelkinder trifft? Und spüren wir Alten nicht täglich am eigenen Leib die Schwäche, dieses Wissen darum, dass wir nicht unsterblich sind? Woher kommt Hilfe? Von der Kirche? Nun, die ist abgelenkt, befragt verzweifelt ihr Lieblingsorakel Statistik, das ihr sagt: Du hast kein Geld. Du hast keine Macht. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Die Schatten des Todes drängen sich überall ins Leben und verdunkeln uns den Blick.

Gegen das Dunkel der Welt, liebe Schwestern und Brüder, hilft kein Strohfeuer. Und deshalb ist es ja auch ganz gut, wenn wir von der Verheißung nicht hochgerissen werden, sondern schön auf dem Teppich bleiben. Wir wollen keine Fantasten sein, ja noch sind uns keine Flügel gewachsen.

Aber wir können uns an den halten, über dem sich der Himmel öffnet, als er nach seiner Taufe aus den Wassern steigt. Auf Ihn sind auch wir getauft, sind mit allen Wassern gewaschen, auch mit den dunklen Wassern des Todes. Und gerade so sind wir das schon geworden, schon in dieser dunklen Welt geworden, was wir nach der Verheißung Jesaias werden sollen: rein und licht.

Da mag die dunkle Welt des Todes spotten. Sie hat keine Chance. Denn auch ihre finstersten Ecken sind von dem Licht dessen durchdrungen, der alles Leben zu sich zieht, weil es schon von Urzeit an auf ihn bezogen ist. Noch mag der Leviathan sein dreckiges Wasser verspritzen. In einer alten jüdischen Erzählung heißt es, der Schöpfer des Himmels und der Erde habe das Scheusal kastriert und werde es dereinst an seinem Tisch den Heiligen kredenzen. An diesen Tisch zieht es die Heiligen, so wie es im Wochenspruch heißt: Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.  Es mag ein komischer Zug sein, von dem da die Rede ist. Hirten, Magier, Fischer, Totgesagte, Lahme, Müde, Alte usw., also eigentlich niemand, dem man gerne in dieser Welt das Steuer in die Hand gibt. Eine merkwürdige Gesellschaft. Und noch ein denkwürdiges Merkmal prägt diesen Zug. Da heißt es bei Lukas im unmittelbaren Kontext: Siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein. Diesen Spruch kann ich nie lesen, ohne an eine kleine Geschichte zu denken, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Als mein Enkel Emil vier Jahre alt war, ging er mit seiner Mutter vom Kindergarten heim. Emil war klein und schmächtig, und so rutschte ihm ständig die Hose und er musste sie immer wieder hochziehen. „Ach Emil“, meinte da seine Mutter, als der liebe Gott die Popos verteilt hat, da bist du halt ganz hinten gestanden und hast dann nur noch einen ganz kleinen Popo gekriegt.“ Emil überlegt ein wenig und sagt dann: „Aber Mama, dann bist du ganz vorne gestanden.“

Nun, Kindermund tut Wahrheit kund. Aber alle Dinge haben eben zwei Seiten. Und diese andere Seite müssen wir uns auch immer wieder klar machen. Die Finsternis verbreitet Furcht. Und Furcht macht stumm. Wer sich davon nicht beirren lassen will, sondern sich die Freiheit nimmt, laut die Herrlichkeit des Herrn zu verkündigen, der muss ganz schön Arsch in der Hose haben. Und das wirft doch ein anderes, ein göttliches Licht auf die tapferen Hirten von Bethlehem, auf Caspar, Melchior und Balthasar, auf Petrus, Johannes, Jakobus und ihre Freunde, auf die Tochter des Jairus, den Jüngling von Nain, den Gichtbrüchigen, den alten müden und lebenssatten Propheten Elia und all die anderen, von denen da geschrieben steht: Und sie sahen seine Herrlichkeit und standen auf und lobten Gott. Und so werdet auch ihr, Könige und Königinnen der ELKB, weiterhin das Lob des Herrn verkündigen, dass es eine Lust ist, und unsere Herzen werden erbeben und weit werden, denn was ist der Reichtum der Königin von Saba gegen das Gold der guten Worte, die wir uns sagen lassen dürfen: Steh auf! Die Nacht ist vorüber. Steh auf und lobe Gott!

Amen.

„O heilger Morgenstern, wir preisen / dich heute hoch mit frohen Weisen; / du leuchtest vielen nah und fern, / so leucht auch uns, Herr Christ, du Morgenstern.“ [EG 69,4]

Amen.

Gehalten auf der Studientagung des Theologischen Arbeitskreises Prackenfels am 24. Januar 2026 in Nürnberg.

Hier der Text als pdf.

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