Als am 8. Juli 1776 in Philadelphia zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde, läutete die Liberty Bell, also die „Freiheitsglocke“. Ihr Name geht zurück auf deren Inschrift, nämlich Worte aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 25,10): „Proclaim LIBERTY Throughout all the Land unto all the Inhabitants Thereof – Ihr sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen.“ Im Kontext der Tora bezieht sich diese Freilassungssausrufung auf das 50. Jahr, das sogenannte Jobeljahr („Jubiläum“), in dem im alten Israel Menschen aus der Schuldknecht zu entlassen und die ursprünglichen Landbesitzverhältnisse wiederherzustellen sind.
Als wäre es ein Omen für die gesellschaftliche Entwicklung in den USA, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Liberty Bell ein tiefer Riss, der sich sukzessive vergrößerte, so dass die Glocke klanglich am Ende war. Fortan blieb sie stumm und wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit zum ikonischen Symbol der amerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte stilisiert.
Auf der jüngsten Jahrestagung des Theologischen Arbeitskreises Prackenfels hat Hans G. Ulrich uns noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass der Riss – bevor er am Hals verlötet wurde – ausgerechnet durch die zweite Hälfte des Wortes „Liberty“ geht. Damit lässt sich auch ein zweites Problem ansprechen: Das hebräische Wort דְּר֛וֹר steht für den sozialen Vorgang der Freilassung (Buber spricht von „Freilauf“), nicht aber für einen selbstbewussten Zustand autogener Freiheit. Im Gefolge der King James Version haben sich die englischsprachigen Bibelübersetzungen auf „liberty“ festgelegt und damit einer eigentumsbezogenen Freiheitsideologie Vorschub geleistet.
Lieber Jochen,
immer mehr kommt Dein liebes NAMENSgedächtnis mit diesem Irrsinns
buchstabenhaufen an. Was tun?
Herzliche Grüße
Rolf W.