Der spätere württembergische Landesbischof Martin Haug (1895-1983) hatte 1931 eine theologisch beachtenswerte Vortragsreihe zur Kirche des Neuen Testaments gehalten, die erklärt, warum dieser als Landesbischof (1949-1962) sich so vehement gegen die Einführung der staatlich eingezogenen Kirchensteuer gewandt hatte.
Die Kirche des Neuen Testaments. Drei Vorträge
Von Dr. Martin Haug
Stuttgart: Quell Verlag, 1932
Vorwort
Das Wesen der Kirche des Neuen Testaments
Der Beruf der Kirche des Neuen Testaments
Die Verfassung der Kirche des Neuen Testaments
Vorwort
Die folgenden Vorträge sind im September 1931 auf einer Freizeit der »Evang. Kirchlichen Vereinigung in Württemberg« in Bad Boll gehalten worden. Auf Wunsch der Teilnehmer an jener Freizeit und dank dem freundlichen Entgegenkommen des Quell Verlags der Evang. Gesellschaft in Stuttgart, werden sie nunmehr — z.T. etwas gekürzt, im wesentlichen aber unverändert — einem weiteren Kreis zugänglich gemacht. Auch jetzt wollen diese Vorträge keine neuen theologischen Forschungsergebnisse darbieten, vielmehr Erkenntnisse, die jedem aufmerksamen Leser des Neuen Testaments geschenkt werden, für die Gegenwart neu heraus- und zusammenstellen und so fruchtbar machen für das Leben unserer evangelischen Kirche und für unser aller Dienst in ihr. Sie möchten in ihrem bescheidenen Teile dazu mithelfen, daß wir bei allem Fragen nach der Kirche, bei aller Kritik an unseren Kirchen und bei unserer Arbeit an derjenigen Kirche, an der wir mitzubauen berufen sind, nicht vorbeisehen und vorbeigehen an dem guten Grund, der uns im Neuen Testament gezeigt und in der Kirche des Neuen Testaments auch für uns gelegt ist.
Urach, Pfingsten 1932 Der Verfasser
Das Wesen der Kirche des Neuen Testaments
Die Kirche begegnet uns im Neuen Testament nicht als Idee, sondern als Wirklichkeit. Sie wird in ihm nicht nur gedacht oder erstrebt; sie ist in ihm schon da, sie lebt und wirkt. Darum haben wir zu fragen: wo und wie zeigt sich das Wirklich- und Wirksamsein der Kirche in den Schriften des Neuen Testaments? Wir fragen nicht, wo das Neue Testament von der Kirche rede, beginnen also nicht wie viele Abhandlungen von der Kirche im Neuen Testament damit, daß wir die Stellen zusammentragen und besprechen, in denen das Wort für Kirche »ecclesia« vorkommt und von der Kirche und ihrem Werden ausdrücklich die Rede ist. Solche Stellen gibt es in den Evangelien nur zwei, Matth. 16,18 und 18,17, auch im übrigen Neuen Testament merkwürdig wenige, so daß schon die Behauptung aufgestellt werden konnte, das Neue Testament wisse von der Kirche eigentlich noch nichts. Allerdings ist im Neuen Testament verhältnismäßig selten von der Kirche die Rede, ja sogar nie so von ihr die Rede, wie manche Historiker und Kirchenrechtler es von ihm erwarteten. Aber nicht deshalb wird im Neuen Testament so wenig von der Kirche geredet, weil es von der Kirche noch nichts wüßte; vielmehr deshalb, weil in seinen Schriften alles vom ersten bis zum letzten Wort aus und in und zu der Kirche geredet ist. Darum wird hier so wenig von der Kirche gehandelt, weil hier die Kirche selbst im lebendigen Handeln, im Sein und Werden steht.
Worin zeigt sich diese Wirklichkeit der Kirche? Schon darin, daß die Schriften des Neuen Testaments — abgesehen von den Pastoralbriefen, die aber erst recht »kirchliche« Schreiben sind — nicht an eine Einzelperson für sich allein gerichtet sind, sondern offen oder versteckt, unmittelbar oder mittelbar, immer an einen Personenkreis, an eine Gemeinschaft von Menschen, welche die Schreiber voneinander ebenso streng scheiden als die, »die drinnen sind«, von »denen draußen« z.B 1. Kor. 5,12 f., wie sie dieselben zugleich eng untereinander zusammenschließen durch das kurze, vielsagende »Ihr«, mit dem die Leser angeredet werden. Beobachten wir daraufhin einmal beispielsweise einige Briefanschriften des Apostels Paulus! Röm. 1,1 ff.: »Paulus… allen, die zu Rom sind, den Liebsten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch...« Oder 1. Kor. 1,1 ff.: »Paulus… und Bruder Sosthenes, der Gemeinde Gottes zu Korinth, den Geheiligten in Christo Jesu, den berufenen Heiligen samt allen denen, die anrufen den Namen unseres Herrn Jesu Christi an allen ihren und unseren Orten: Gnade sei mit euch...« Oder eine ganze »Landeskirche« zusammenschließend. Gal. 1,1 ff.: »Paulus… und alle Brüder, die bei mir sind, den Gemeinden in Galatien: Gnade sei mit euch…« Oder, eine Ortsgemeinde zusammenfassend und zugleich gliedernd, Phil. 1,1 ff.: »Paulus und Timotheus, Knechte Jesu Christi, allen Heiligen in Christo Jesu zu Philippi samt den Bischöfen und Dienern: Gnade sei mit euch…« Was setzen alle diese Anreden voraus? Daß es in der Weltstadt Rom, in der Hafenstadt Korinth und in der Provinz Achaja. in der kleinasiatischen Landschaft (oder Provinz?) Galatien wie in dem mazedonischen Städtchen Philippi eine Schar von Menschen gibt, die irgendwie aus den Gesamtbürgerschaften Roms, Korinths, Philippis usw. herausgetreten und jeweils unter sich zusammengetreten sind, die nicht nur an einem Ort zu einer Zeit ab und zu »zusammenkommen«, 1. Kor. 14,23, so daß die Briefe des Apostels allen zusammen vorgelesen werden konnten, sondern die nun allezeit und in allem so eng zusammengehören, daß Paulus sie mit seiner Anrede »Ihr« zusammennehmen kann, ungeachtet aller Unterschiede und Gegensätze des Alters, des Geschlechts, der Bildung, der sozialen, nationalen und religiösen Herkunft. In diesem einzigartigen heraus- und zusammenrufenden »Ihr« haben wir die Wirklichkeit der ecclesia, der Kirche im Neuen Testament, vor Augen. Es setzt in seiner ganzen Art, zu reden, das Dasein einer aus der Menschheit (Kosmos, »Welt«) ausgesonderten und unter sich zusammengeschlossenen Schar voraus. Hier wird ein Wesensmerkmal der Kirche des Neuen Testaments sichtbar daß sie eine aus der Menschheit oder »Welt« irgendwie heraus- und ganz zusammengerufene Schar, also eine besondere Gemeinschaft ist.
Fragen wir nun weiter: Wie weit erstreckt sich die Zusammengehörigkeit einer solchen, von Paulus mit »Ihr« heraus- und zusammengerufenen Lesergemeinde? Worauf kann der Apostel z.B. die Empfänger des Briefs nach Rom gemeinsam ansprechen? Zur Beantwortung dieser Frage greifen wir— wiederum nur beispielsweise — eine Stelle heraus, an der der »Anspruch« an die Lesergemeinde besonders deutlich werden mag, nämlich die große Mahnung im letzten Teil des Briefs Röm. 12 ff. Worin setzt Paulus hier von der römischen Gemeinde Gehör und Gehorsam aller ohne weiteres voraus? Die Antwort kann nur heißen: in allem und jedem. Seine Mahnung geht auf das ganze Sein und Leben dieser Gemeinde. Nicht etwa nur auf das, was wir gemeinhin »christliches und kirchliches Leben«, »Gemeindeleben« heißen, auf dies freilich auch: »Haltet an am Gebet!« »Hat jemand ein Amt, so warte er des Amts!« usw. Aber sie geht ebenso auf das natürliche, leibliche Leben: »Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer…« oder: »Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht…« Sie bezieht sich weiter auf die innere, seelische Haltung der Gemeindeglieder: »Seid fröhlich m Hoffnung, geduldig in Trübsal«, weiter auf ihren Verkehr untereinander bis zum Gruß, bis zur Tischordnung und zur Verwendung des Geldes und des Gastbetts: »Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.« »Nehmet euch der Notdurft der Heiligen an. Herberget gerne.« Auch das politische Denken und Handeln nimmt sie nicht aus: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat… Derhalben müßt ihr auch Schoß geben…« Kurzum, in dieser Gemeinde sind alle Lebensgebiete mit Beschlag belegt und auf jedem dieser Gebiete der ganze Mensch mit dem totalen und radikalen Anspruch, der zu Beginn der ganzen Mahnung die Leser ausdrücklich noch einmal aussondert und zusammennimmt: »Stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes…«
Woher ergeht nun dieser unerhörte Anspruch an das ganze Leben der Gemeinde? Paulus ist es, der so mahnt »Ich ermahne euch nun, hebe Bruder« Röm. 12,1, aber »Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel« Röm. 1,1. Letzten Endes ist es Jesus der Herr, welcher den Apostel und die Heiligen zu Rom berufen hat, der hier durch die Mahnung seines Apostels Gehör und Gehorsam fordert. Wohl stellt sich der Apostel in seinem Brief autoritativ der Gemeinde zu Rom gegenüber, aber eben nur als der »Abgesandte« (apostólos) des Herrn, und darum stellt er sich ebenso mit seinen Lesern hinunter unter den gemeinsamen Herrn und mitten hinein in die Gemeinde. So gibt es schließlich im Neuen Testament nur ein wirkliches Gegenüber: »der Herr« und »wir«, seine Gemeinde. Röm. 14,7 f.: »Unser keiner lebt ihm selber, und keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.« In diesen vier Worten des Römerbriefs, oder in dem anderen kurzen Pauluswort 1. Kor. 3,23: »Ihr seid Christi, Christus aber ist Gottes«, haben wir die Selbstdarstellung der Kirche im Neuen Testament, auch ohne das Wort »Kirche«. Hier bezeugt sich die Kirche selbst als die dem Herrn Christus und durch ihn Gott gehörige Gemeinde, als der Herrschaftsbereich des Christus mitten in der »Welt«. Erst damit haben wir das Grundmerkmal der Kirche des Neuen Testaments gewonnen: Die Kirche ist das Eigentum des Herrn Jesus Christus, vgl. Eph. 1,14; 2. Thess. 2,14; Tit. 2,14: 1. Petr. 2,9. Aus diesem Grundmerkmal folgt erst das andere, früher schon gewonnene, wonach die Kirche des Neuen Testaments ganz und gar zusammengehörige Gemeinschaft ist. Weil hier der Mittelpunkt da ist, darum bildet sich um ihn der Kreis. Weil hier der Eine Herr ist, der die Vielen sich zu eigen macht, darum sind die Vielen das Volk des Eigentums. Weil hier ein lebendiges Haupt ist, darum sind die Glieder zusammengefügt zu einem lebendigen Leib. Weil hier ein Hirte ist, der sein Amt recht ausübt, darum sind die Schafe nicht zerstreut, sondern eine Herde. Theologisch geredet: der neutestamentliche Kirchenbegriff ist soziologisch, weil er primär christologisch und damit theologisch ist. Man sollte freilich von einem neutestamentlichen »Kirchen begriff« nicht reden. Wie wir gesehen haben, tritt uns die Kirche im Neuen Testament nicht als Gedanke und Begriff entgegen, sondern als eine gottgeschenkte Wirklichkeit, die von der ersten Christenheit im Glauben ergriffen worden ist. Mit Rücksicht darauf könnten wir eher, wie von der Heilsgewißheit, so auch von der »Kirchengewißheit« oder vom »Kirchenbewußtsein« des Neuen Testaments reden.
Die alle Formeln sprengende Lebendigkeit der im Neuen Testament lebenden Kirche können wir uns vielleicht am besten dadurch zum Bewußtsein bringen, daß wir einmal versuchen, die hier gegebene Wirklichkeit der Kirche in das Licht oder vielmehr in den Schatten einiger Zunft- wie Laientheologen gleich geläufigen Kirchengedanken zu stellen.
a) Die Kirche wird unter uns weithin aufgefaßt als Organisation, als Anstalt, als ein Mittel zu einem höheren Zweck, zum Bau des Reiches Gottes — etwa so wie das Kirchengebäude, das wir ja auch »Kirche« heißen, ein notwendiges, aber untergeordnetes Mittel zu einem ganz anderen, höheren Zweck ist. Mit diesem organisatorischen Kirchenbegriff läßt sich die Wirklichkeit der Kirche des Neuen Testaments offenkundig nicht erfassen. Denn hier ist die Kirche wohl auch organisiert, wie im dritten Vortrag noch gezeigt werden soll, aber sie ist ihrem ganzen Wesen nach nie nur irdisches Mittel für einen höheren Zweck, nie nur menschliches Werkzeug für Gottes Werk; auch ist sie überhaupt nicht etwas Sächliches, sondern etwas ganz Persönliches. Die Kirche ist im Neuen Testament eine lebendige Gemeinschaft von Personen, die mit der Ehe verglichen werden kann, Eph. 5,31 f., und ist als solche nicht nur Werkzeug, sondern das Werk selbst. Eph. 2,10: »Wir sind Gottes Werk.«
b) Der bloß organisatorischen Auffassung der Kirche und dem mehr und mehr überwundenen Vereinsgedanken, der in der Kirche den »contrat social religieux« sieht, setzt man heute mit dem neu erwachenden Sinn für das Wesen der Gemeinschaft die organische entgegen. Danach ist die Kirche mehr als ein Mittel, das erst in der Hand eines von außen her kommenden Willens wirksam wird, nämlich eine »Lebensform«, ein Organismus, der wie der menschliche Leib sein Leben in sich trägt und sich aus sich selbst entfaltet. Nun wird ja gerade das Bild des Leibes im Neuen Testament immer wieder zur Umschreibung des Geheimnisses der Kirche verwendet, aber mit einer besonderen Wendung, die über das Bild des Leibes und über die organische oder soziologische Auffassung der Kirche in einem wesentlichen Punkt hinausführt, sofern hier gesagt wird, daß dieser Leib sein Leben allein vom Haupte her empfange. Hier heißt es: Jedes Glied stirbt ab, »das sich nicht hält an dem Haupt, aus welchem der ganze Leib durch Gelenke und Fugen Handreichung empfängt und zusammengehalten wird und also wächst zur göttlichen Größe«, Kol. 2,19. Hier ist von einem Leib die Rede, der allein vom Haupte aus geschaffen und erhalten wird.
c) Anderen wieder, wie z.B. dem Berneuchener Kreis, ist die Kirche in ihrer empirischen Gestalt ein »Symbol«, nicht Verwirklichung des Reiches Gottes und der ewigen Gemeinde, sondern ein gleichnishafter »Hinweis« auf dieselbe. Darum ist es das dringende Anliegen dieser kirchlichen Erneuerungsbewegung, daß die Kirche ihren eigentlichen Beruf wieder erfasse und erfülle; ihre Aufgabe sei, mit ihrem Dasein und Wirken als evangelische Gemeinde ein jedermann verständlicher Hinweis auf die ewige Gemeinde zu sein, mit ihrem Kultus in gleichnishaftem Handeln wieder hinauszuweisen über diese auf die ewige Welt und so von ihrem zentralen Ort aus alles in der Welt wieder zu einem Hinweis auf die Welt Gottes zu machen. In der Tat weist auch die Kirche des Neuen Testaments in ihrem ganzen Sein und Wirken »hin« oder, besser, »hinaus« auf das kommende Reich Gottes und die vollendete Gemeinde; aber die Kirche des Neuen Testaments ist schon jetzt verbunden mit dem Herrn der vollendeten Gemeinde und hat in seinem Geist nicht nur einen Hinweis, sondern eine »Anzahlung«, einen Anfang des wirklichen ewigen Lebens und der Herrschaft Gottes.
d) Die dialektische Theologie unserer Tage will die Kirche als eine menschliche, geschichtliche Größe vor der ihr ständig drohenden Versuchung warnen, Gottes Wort an ihr Wort, Gottes Werk an ihr Handeln, Gottes Volk an das Kirchenvolk zu binden. Die sichtbare Kirche steht ihr als eine menschlich-geschichtliche Größe diesseits der Grenze, die allem Menschlichen gesetzt ist. Gottes Reich und die sichtbare Kirche sind hier voneinander streng geschieden. Sie sind auch im Neuen Testament nicht verwechselt und nicht vereinerleit, aber in einzigartiger Weise verbunden miteinander durch den Christus Jesus, der sich in einer Geschichte Gottes mit den Menschen in die Mitte zwischen Gott und die Menschen gestellt hat. So kann der Apostel Paulus zu einer menschlich-geschichtlichen Gemeinde sagen: »Ihr seid Christi, Christus aber ist Gottes«, 1. Kor. 3,23. Das Neue Testament zeigt uns eine Kirche, die auf Erden ist und doch nicht mehr nur diesseits der unaufhebbaren Grenze zwischen Himmel und Erde steht, weil Gott in seinem Wort und Geist »unter uns wohnt«, Joh. 1,14; Kol. 3,16 u.a. In dieser Kirche ist das alttestamentliche Wort erfüllt: »Gott ist bei ihr drinnen«, Ps. 46,6. Hier ist als Anfang da, was dereinst vollendet sein wird: »die Hütte Gottes bei den Menschen«, Offb. 21,3.
So läßt sich die im Neuen Testament lebende und redende Kirche in keinen der genannten Kirchenbegriffe fassen: hier begegnet uns in der Geschichte eine Kirche, die gewiß ist, »die Gemeinde Christi«, »das Volk Gottes« zu sein und damit alle unsere Kirchenbegriffe übersteigt.
Damit stehen wir nun vor der weiteren Frage: Worauf gründet die Kirche des Neuen Testaments in all ihrer Geschichtlichkeit die Gewißheit: »Wir sind des Herrn«, wir sind »das Volk Gottes«? Wodurch weisen sich Gemeinden wie die in Jerusalem oder in Korinth oder in Rom darüber aus, Kirche in diesem einzigartigen Sinn zu sein? Die Antwort ist nicht zweifelhaft: jedenfalls nicht durch den Hinweis auf irgend etwas, was sie von sich aus haben, sind und tun im Unterschied von »denen, die draußen sind«, weder durch den Hinweis auf irgendeine Einrichtung, noch auf ihr Bekenntnis, noch auf ihr gottesdienstliches Leben, noch auf ihre innige Gemeinschaft, sondern immer einzig und allein auf etwas, was ohne ihr Zutun, ja gegen ihr Erwarten (para doxan) und gegen ihr Tun an ihnen geschehen ist, geschieht und noch geschehen wird. Sie haben dafür, daß sie »nun« die Kirche Gottes sind, kein Aktivum, sondern nur ein Passivum aufzuweisen. Sie zeigen dieses Passivum an mit dem einen Wort, das als das Kennwort der Kirche durch die ganze Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments hindurchgeht und nicht zufällig auch in dem Wort für Kirche ec-clesia selbst enthalten ist. Es heißt: »berufen« (kletos). Wenn Paulus im Eingang des Römerbriefs schreibt: »Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes… allen, die zu Rom sind, den Liebsten Gottes und berufenen Heiligen«, Röm. 1,1 und 7, so spricht er in einem und demselben Satze beides aus, daß und warum in Rom die Kirche als das Volk Gottes Wirklichkeit zu werden angefangen hat. Vergegenwärtigen wir uns einmal an einem Beispiel die Kette von Geschehnissen, die Himmel und Erde, Gott und sein Volk auf Erden miteinander verbunden hat, in der ganzen Konkretheit und Anschaulichkeit der Schrift. Paulus bezeichnet die Urgemeinde in Jerusalem als »die Gemeinde Gottes«, Gal. 1,13, die Christen in Philippi, also auch einen ganz bestimmten »fragwürdigen« Mann wie den Kei ker- meister dort oder eine Frau wie die Purpurhändlerin Lydia als »die Heiligen in Christo Jesu«, Phil. 1,1 u.a. Woher nimmt er das Recht zu diesen unerhörten Auszeichnungen? Die Antwort des Neuen Testaments heißt: Die Lydia und den Kerkermeister hat ein Paulus, die Männer und Frauen in Jerusalem hat ein Petrus eben dazu berufen, die Gemeinde Gottes zu sein. Wir fragen weiter: Was gab jenen Aposteln das Recht zu solchem Tun? Das Neue Testament antwortet: Den Petrus und den Paulus hat Jesus dazu berufen, als seine Gesandten das Volk Gottes auf Erden zu sammeln, aus Israel zuerst und dann auch aus den Völkern. Was gab Jesus das Recht, seine Apostel mit diesem Beruf auszusenden in die Welt? Wiederum antwortet das Neue Testament: Daß Gott Jesus zum Christuswerk berufen hat und daß Jesus diesem Beruf gehorsam war bis zum Tod am Kreuz. Und wenn wir noch weiter fragen wollten, worauf sich die Berufung Jesu zum Christus Gottes gründe, so antworten uns Neues und Altes Testament vielstimmig, aber wie aus einem Munde: Auf die göttliche Berufung Israels zum Volke Gottes und auf die Verheißung, daß durch den Samen Abrahams — »welcher ist Christus«, Gal. 3,16 — sollen alle Völker gesegnet werden, 1. Mose 22,18 u.a. Diese Berufung und Verheißung aber sieht die ganze Schrift letzten Endes »begründet« in dem grundlosen Erbarmen der ewigen Erwählung Gottes.
Darin also sieht die Kirche des Neuen Testaments den unerschütterlichen Grund ihres Daseins und Soseins: in der ewigen Erwählung und in der — in der Zeit, in der Geschichte ergehenden —Berufung der Kirche als des gottgehörigen Volkes durch Gott selbst, in einer Berufung, die mit dem verborgenen Christus des Alten Testaments in der Verborgenheit beginnt und nun mit der ersten Offenbarung des ins Fleisch gekommenen Christus ihren offenbaren Anfang nimmt. In diesem Sinne sind die Evangelien und das ihnen notwendig vorausgehende Alte Testament nichts anderes als die Geschichte von der Berufung der Kirche, ähnlich wie Jer. 1 die Geschichte von der Berufung des Propheten ist. Ohne die Geschichte, die Jer. 1 bezeugt ist, hätte Jeremia kein Recht, als der Prophet Gottes aufzutreten und von seiner Verkündigung zu sagen: »So spricht der Herr«; ohne die große zusammenhängende Heilsgeschichte, die die Schriften des Alten Testaments und die Evangelien bezeugen, hätten die Gemeinden der Apostelgeschichte und der apostolischen Briefe kein Recht, sich als die Kirche Gottes, als »das Volk Gottes« zu wissen. Nun aber sind sie dank der ergangenen Berufung »das Israel Gottes«, Gal. 6,16, »das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums«, 1. Petr. 2,9.
Weil die Kirche des Neuen Testaments ihr Dasein und ihr Sosein von ihrem Berufensein im Christus Jesus hat, darum findet man die Wesensmerkmale dieser Kirche nur im Blick auf den Christus und sein Werk. Hier und nirgends anders ist der Grundriß, der alle Maße des Baus, der die ganze Gestalt der Kirche durchgehend bestimmt. Nur einige besonders wichtige Wesensmerkmale der Kirche, die sich daraus ergeben, sollen im folgenden noch kurz herausgestellt werden.
1. Es gibt nur den einen Gott und nur den einen Christus; deshalb gibt es auch nur die eine Kirche. »Kirche« ist also im Sinne des Neuen Testaments nicht wie Staat oder Verein etwas, was es mehrfach und in verschiedener Weise, hier oder dort, so oder so geben kann; die Kirche ist vielmehr so einmalig wie Gott und sein Christus. Die Einheit der Kirche von Jerusalem bis Rom ist nach dem Neuen Testament nicht das Ergebnis eines nachträglichen Zusammenschlusses der verschiedenen Einzelgemeinden und Provinzialkirchen auf Grund einer Einigung in »Life and Work« oder in »Faith and Order« nach Stockholmer bzw. Lausanner Art, sondern sie war vor aller Vereinigung von unten her gegeben durch die von oben kommende einigende Berufung aller zu dem Volke in dem einen Christus Jesus. Sie konnte von den Aposteln und von den Gemeinden nicht geschaffen, sondern nur erhalten und organisatorisch ausgebaut oder aber — verloren und zerstört werden. Sie zu erhalten und auszubauen, und zwar unter Überwindung aller Trennungen durch Raum und Zeit und aller Gegensätze der Rassen, Nationen, Kulturen und der Religionen ist einem Paulus offensichtlich ein stetes und großes Anliegen gewesen. Er wußte dabei nur ein Mittel, das nach seiner Überzeugung die jüdische und die griechische Christenheit trotz allen Verschiedenheiten und Gegensätzen auch ihres christlichen Lebens nicht in zwei oder viele Kirchen auseinanderfallen ließ, sondern in der einen Kirche erhielt: das war der Hinweis auf den einen Herrn. »Es ist hier (nämlich: im Glauben an den Christus. D. Verf) kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein Herr, reich über alle, die ihn anrufen«, Röm. 10,12. Genügte dieser Hinweis? Zeigt nicht die ganze Geschichte der christlichen Kirche bis in die Gegenwart herein, wie auch aus der Predigt des einen Christus und dem Glauben an ihn die entgegengesetzten christlichen Kirchen und Bekenntnisse entstehen können9 Aber sind nicht da, wo die Einheit der Kirche im Smne der Einzigkeit ganz preisgegeben wird, immer auch die Kirche und der Christus selber preisgegeben9 Christus bekennen heißt doch »glauben«, sich selbst verlassen und sich auf ihn werfen, sich abkehren von allem, was Menschen und Völker sonst verbinden oder voneinander trennen kann, und sich hinkehren zu dem, was der Eine allen schenkt! Das Versöhnungswerk des Einen schafft die eine Kirche. Die Einheit = Einzigkeit der Kirche ist dem Neuen Testament wie der Christus und die Kirche selbst eine gottgeschenkte Wirklichkeit, die preiszugeben Sünde ist. »Seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist (eigentlich. die Einzigkeit der Geister) durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen«, Eph. 4,3 ff.
2. Durch einen Herrn in Menschen- und in »Knechtsgestalt«, Phil. 2,7, erging die Berufung der Kirche; durch Knechte, die nicht über dem Herrn sind, Matth. 10,24, durch das Wort aus menschlicher Zeugen Mund ergeht sie fort und fort. Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit die Knechtsgestalt der Kirche. Die Gottgehörigkeit des Volkes Gottes ist verborgen in einer ganz menschlichen Charakter tragenden Gemeinschaft, die einzigartige Hoheit und Herrlichkeit der Kirche ist verborgen in einer peinlichen Niedrigkeit, der Reichtum und die Kraft Gottes sind versteckt hinter der Armut und der Schwachheit von Menschenworten. Die Kirche des Neuen Testaments strebt noch nicht nach der Macht Roms und nach der Kultur Griechenlands, um herrlich dazustehen vor der Welt; wo solches Streben sich in ihr regt, da sieht das Neue Testament eine der Versuchungen des Satans, die der Christus von seinem ganzen Werk sieghaft abgewehrt hat (Matth. 4). Freilich ist die Knechtsgestalt des Christus nur eine angenommene und nur eine vorübergehende; seine Herrlichkeit wird noch offenbar werden. In dieser großen Hoffnung kann die Kirche sein und ihr Inkognito »jetzt« tragen. Sie lebt in der Gewißheit: »welche er berufen hat…, die hat er auch herrlich gemacht«, Röm. 8,30.
3. In dem gekreuzigten, um unsrer Sünde willen dahingegebenen Christus weiß sich die Kirche des Neuen Testaments berufen. In dem Gekreuzigten erkennt sie aber die Verurteilung und die Begnadigung der »Welt«. Daraus ergibt sich ein eigenartiges Verhältnis von Kirche und Welt. Die Kirche ist nichts anderes als ein Teil der Welt, die Gott in Christus geliebt und mit sich versöhnt hat; durch das Wort vom Kreuz ganz und gar zusammengeschlossen mit der Welt, kann sich die Kirche von ihr nur scheiden durch die Buße, mit der sie sich dem Gericht Gottes über alle unterstellt, und durch den Glauben, mit dem sie Gottes allen angebotene Gnade empfängt Die Kirche ist derjenige Teil der Welt, welchem das Wort vom Kreuz, das Wort von der Versöhnung nicht umsonst gesagt ist Um es mit einem von Luther viel gebrauchten Bild zu sagen: Die Kirche ist mit der Welt zusammen ein großes Spital, in dem kein Gesunder hegt außer dem Einen, dem Arzt, der gekommen ist, die Kranken gesund zu machen; aber die Kirche ist der eine Krankensaal, der den Arzt hereinläßt, damit er sein Heilandswerk erfüllen kann, die Welt der übrige Teil des Krankenhauses, der in törichter Verblendung dem Arzt als einem Feind die Türen mit Gewalt verschließt und darum verloren bleibt.
4. Der Gekreuzigte ist nicht im Tod geblieben; er ist auferstanden und erhöht, er lebt und regiert seine Gemeinde durch »den Geist«, den er ihr sendet. In ihm ist er selbst den Seinen gegenwärtig, »mitten unter ihnen«, Matth 18,20. Die Kirche des Neuen Testaments hat damit nicht nur die Erinnerung an das, was Christus getan hat, in ihrem Wort von ihm; sie hat mehr: die Gegenwart ihres erhöhten Herrn— im Geist. Sie ist die Kirche des geisterfüllten Wortes, des aus dem Geiste kommenden Gebets und des vom Geist getriebenen Wirkens. Der Geist, den Christus der Gemeinde sendet, macht ihr ohnmächtiges Zeugnis von ihm zu einer machtvollen Selbstbezeugung Christi, ihr Flehen im Gebet zu einem der Erhörung schon gewissen Kindesruf zum »lieben Vater«, ihr Handeln und Leiden zu einem hoffnungsvollen Kampf gegen die Macht der Finsternis. Auch insofern ist die Kirche des Neuen Testaments nicht nur ein vergänglicher Hinweis auf die ewige Gemeinde, sondern der Ort der schon jetzt wirksamen Gegenwart Gottes in seinem Volk, auch nicht ein Mittel nur für das Reich Gottes, sondern dieses selbst in seinem Anfang. Aber eben das, was der Kirche jetzt schon gegeben ist, weist hinaus auf das, was werden soll und auch sein wird. Der Geist ist ja nur der »Erstling« der Gaben Gottes, der die Kirche warten heißt auf die letzten Dinge, nur die »Anzahlung« auf den vollen Betrag, den Gott seinem Volk verheißen hat.
5. Der Christus, der gekreuzigt und auferstanden ist, ist noch nicht an dem Ziele seiner Sendung. Mit seiner Auferstehung von den Toten und seinem Kommen im Geist hat eine Zeitwende begonnen, eine Bewegung, die so verheißungsvoll ist wie der Aufgang des Morgensterns am nächtlichen Himmel. »Der Tag« wird kommen, da der Christus seine verborgene Herrlichkeit allen offenbaren und sein Christuswerk vollenden wird. Von dieser neuen Offenbarung des Christus erwartet die Kirche auch ihre eigene Vollendung. Die Kirche des Neuen Testaments ist eine noch nicht vollendete Kirche, sie ist unvollendet an Haupt und Gliedern; aber sie ist gewiß, mit ihrem Haupt dereinst vollendet zu werden. Sie ist jetzt notwendig »Stückwerk« in ihrem äußeren und inneren Bestand; aber sie wird vollkommen werden, was sie werden soll. »Wir sind nun Gottes Kinder; und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden«, 1. Joh. 3,2. »Der Tag Jesu Christi« wird diese Vollendung bringen. Er wird das Weltgericht des Christus bringen; das berufene Gottesvolk geht diesem Tag »mit Furcht und Zittern« entgegen, Phil. 2,12, denn es weiß, daß das Gericht anfängt an dem Hause Gottes, 1. Petr. 4,17. Wird damit nicht alles hinfällig, was wir bisher gesagt haben über das Bewußtsein der Kirche, das Volk Gottes zu sein? Kann also der Christ sich doch nicht auf seine Zugehörigkeit zu dieser Kirche verlassen? Das kann er nie und nimmer. Die Kirche des Neuen Testaments ist keine Kirche, die an sich selber glauben könnte, keine Kirche, in der man nicht fallen kann. Im ersten Jüngerkreis fällt Judas, in der ersten Christengemeinde in Jerusalem fallen Ananias und Saphira. in der korinthischen Gemeinde essen manche das Herrenmahl sieb zum Gericht. Die Kirche gleicht dem Acker vor der Ernte, auf dem Weizen und Unkraut nebeneinander wachsen müssen. Darum ist diese Kirche frei von jedem Glauben an sich selbst, frei von dem Versuch, sich selbst an die Stelle ihres Herrn zu setzen: sie lebt allein vom Glauben an den Herrn, durch dessen Gnade sie berufen ist, und hat, wenn sie in dieser Gnade steht, stets darauf zu achten, daß sie nicht durch vergeblichen, unfruchtbaren Empfang der Gnade aus ihr falle. In diesem Christus- glauben aber ist die Kirche des Neuen Testaments gewiß, daß auch das Endgericht im Dienst der Gnade stehen und das in ihr angefangene gute Werk vollenden werde Die Kirche, die ihren Grund nicht verläßt, kommt auch ans Ziel. »Welche er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht«, Röm. 8,30.
Es ist ein eigenartiges Bild, das wir so von der Kirche des Neuen Testaments gewonnen haben Das Bild könnte auch dann, wenn es von einem schärferen Auge ‚ gesehen und von tüchtigerer Hand gezeichnet wäre, seinen Gegenstand nicht getreu wiedergeben. Die Schwierigkeit der Darstellung liegt auch im Gegenstände selbst, der eben kein »Gegenstand« ist, welcher von außen beobachtet und in einem Stehbild oder in einem Begriff festgehalten werden könnte. Die Kirche des Neuen Testaments ist vielmehr ein geheimnisvolles Geschehen zwischen Gott und Welt, eine wunderbare Bewegung, welche in der Sendung des Christus von oben nach unten beginnt, der Welt der Sünder die Berufung zum Volke Gottes bringt und dann die dem Rufe folgende Schar hineinzieht in die unerhörte Bewegung des Christus von unten nach oben, in eine Bewegung, die nicht enden wird, bis das Ziel erreicht ist: daß Gott alles sei in allen, 1. Kor. 15, 28.
Der Beruf der Kirche des Neuen Testaments
Die Berufung zum Volke Gottes gibt der Kirche des Neuen Testaments ihren Beruf Worin besteht dieser Beruf? Welche Aufgaben sieht sich diese Kirche als Kirche gegeben?
Wir fragen erstens: In welcher Weise redet die Kirche im Neuen Testament von ihren Aufgaben?
Zweitens: Auf welchem Wege kommt sie zu der Erkenntnis ihrer Aufgaben?
Und endlich drittens: Welches sind im einzelnen die Aufgaben, die sie sich gestellt sieht und in Angriff nimmt?
I.
Wie redet das Neue Testament von den Aufgaben der Kirche?
Wir antworten In seiner ganz besonderen Weise. Diese werden wir uns am einfachsten dadurch zum Bewußtsein bringen, daß wir sie vergleichen mit der Art und Weise, wie heute vielfach unter uns von den Aufgaben der Kirche die Rede ist. Dabei zeigt sich in dreifacher Beziehung ein wesentlicher Unterschied
1. Wer redet von den Aufgaben der Kirche hier und dort? Für unsere Zeit ist es vielleicht besonders kennzeichnend, daß alle Welt von den Aufgaben der Kirche redet oder schreibt. Von allen Seiten her wird heute der Kirche gesagt, was sie zu tun und zu lassen habe, was sie etwa im Kriege hatte tun oder lassen sollen oder was »man« jetzt von der Kirche erwarte und was nicht. Vom Staat und von der Wirtschaft, von der Völkischen Bewegung und von der Internationale, vom Kapitalismus und vom Sozialismus, von der Pädagogik und von der Medizin her ruft man bald vertrauensvoll, bald vorwurfsvoll nach einem Wort und noch mehr nach einer Tat der Kirche. Neben aller leidenschaftlichen Ablehnung der Kirche in unseren Tagen der organisierten Gottlosenbewegung scheint man auf der anderen Seite doch auch wieder merkwürdig viel von ihrer Arbeit und Zugkraft zu erwarten, daß man sie bald vor den und bald vor jenen Wagen spannen will. Womit antworten wir in unsrer Kirche nun auf dieses vielstimmige, verwirrende Rufen von allen Seiten? Haben wir eine klare eigene Auffassung von unserer Aufgabe als Kirche oder ist es nicht vielfach so, daß Pfarrer und Gemeinden führungslos hin und her gezogen werden und dabei immer in einer doppelten Gefahr sind, entweder willig überallhin zu folgen und bei allem viel oder wenig mitzutun oder aber unwillig sich allen diesen Anrufen zu versagen und dann — nichts zu tun? Beides ist gleich gefährlich für die Arbeit einer Kirche, ob sie nun ohne weiteres Ja oder Nein sag! bzw. tut zu diesen Ansprüchen von allen Seiten Denn m beiden Fällen verliert die Kirche ihren »Beruf«, d.h. das Berufensein zu all ihrem Fun, das sie niemals nur von außenher empfangen kann.
Anders die Kirche des Neuen Testaments. Die urchristlichen Gemeinden empfangen ihre Arbeit weder vom Kaisei und seinen Statthaltern noch von den Magistraten ihrer Städte noch von den religiösen, politischen, sozialen und kulturellen Bewegungen ihrer Umwelt, überhaupt nicht irgendwie von außen her, sondern von innen, aus der Mitte der Kirche, also etwa von einem der Apostel, durch ihn aber vom Herrn, »von dem, der sie berufen hat«. Wohl weiß sich auch die Kirche des Neuen Testaments durch die Liebe nach allen Seiten hin verpflichtet, aber sie ist davor bewahrt, sich nach allen Seiten zu verlieren. Denn sie weiß sich in Pflicht genommen nur von Einem. Der eine Herr, der sie »zu allem guten Werk« berufen hat, macht die vielerlei Werke der Kirche zu einem großen Werk, die mannigfaltigsten Aufgaben zu einem nach außen unabhängigen, in sich zusammenhängenden »Beruf«.
2. Unsere Kirche redet heute freilich auch selbst viel von der Arbeit, die ihr aufgetragen ist. Sie ist ja in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr eine große Arbeitgeberin und Arbeiterschaft zugleich geworden. Unsre Pfarrer sind mehr als je Vielbeschäftigte Arbeiter und »Betriebsleiter« zugleich, unsre »lebendigen Gemeinden« werden mehr und mehr Arbeitsgemeinschaften, die in allerlei Glaubens- und Liebeswerken stehen, unsre ganze Landeskirche mit all ihren Organisationen und Vereinen steht heute vor uns als ein großes »Unternehmen«. Unsre kirchlichen Konferenzen sind Arbeitsbesprechungen geworden. Wenn heute der Kirche von außen her das Daseinsrecht bestritten wird, dann verteidigt sie sich mit dem Hinweis auf ihre mannigfaltigen und unentbehrlichen Liebeswerke. Die Männer und die Jugend sucht die Kirche heute dadurch wieder für sich zu gewinnen, daß sie sie zur Tat aufruft und an irgendeines ihrer vielen Werke stellt. Die Bibel wird unseren Jugendbünden und -vereinen heute besonders dadurch lebendig gemacht, daß sie ihnen vorgestellt wird als das große Reform- und Arbeitsprogramm der Christenheit angesichts der großen Nöte unsres Volkes und der ganzen Welt. Ein aussichtsreicher Weg; da und dort bekennt sich die Jugend neu zur Kirche mit der Tat, durch Übernahme eines kleinen oder großen kirchlichen Dienstes. Wer von uns wollte sich dieser neu erwachten Aktivität, dieser »evangelischen Aktion« nicht von Herzen freuen! Sie kann ein großer Fortschritt sein gegenüber den Zeiten, da unsere lutherischen Kirchen die Kirchen des Wortes ohne die nachfolgende Tat, des bloßen Predigens und Predigthörens und des unfruchtbaren Theologisierens zu sein schienen und manchmal wohl auch waren, da man in den frommen Kreisen sich zu bloßer »Betrachtung« um die Bibel sammelte. Die Arbeitsamkeit der evangelischen Kirchen der Gegenwart kann ein Fortschritt sein in der Richtung auf die Lebendigkeit der Kirche des Neuen Testaments. Denn das war eine Kirche des »Glaubens, der durch die Liebe tätig ist«, Gal. 5,6. Die Evangelien zeigen uns Jesus als den großen Arbeitgeber; der erste Jüngerkreis wird von ihm einberufen zur Ausrichtung eines großen Werks: Die große Ernte, die Gott in Israel hat, sollen sie einbringen. Und wenn die Apostelgeschichte von der Apostelzusammenkunft in Jerusalem berichtet oder wenn die Apostel an ihre Gemeinden schreiben, so ist immer mit starkem Nachdruck auch von den Aufgaben und Arbeiten der Kirche die Rede. Aber dies doch immer in einer ganz besonderen Weise, nämlich nie zuerst und nie allein davon, nie so, als ob die Kirche durch ihre Arbeit eine lebendige Kirche würde oder werden könnte. Keinen seiner Apostel hat Jesus unmittelbar an sein Werk gestellt; kein Apostel hat seine Gemeinden zuerst zu einem christlichen Werke aufgerufen, als ob er sie dadurch zu lebendigen Gemeinden machen könnte, daß sie allerlei christliche Aufgaben mit Eifer in Angriff nähmen und bewältigten. Es ist kein Zufall, daß die großen Mahnungen durchweg den Schluß der apostolischen Briefe bilden. Darm kommt zum Ausdruck, daß die ganze und, wie wir noch sehen werden, umfassende Arbeit der werdenden Kirche ausgerichtet ist durch das Wort des Herrn, das an eine eifrige Dienerin gerichtet ist: »Martha. Martha, du hast viel Sorge und Mühe; eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll mehr von ihr genommen werden«, Luk. 10,41 f. Vor allem Wirken der Kirche steht im Neuen Testament der gespannte Blick und das gesammelte Hören der Kirche auf das, was der Herr getan hat. was er jetzt tut und was er dereinst tun wird, der Blick auf ein Werk, das kein anderer tun kann als der Einzige, der allein dazu berufen war, der Blick auf das Versöhnungswerk des Christus, durch das die Arbeit der Kirche — der Gottesdienst der Sünder — erst möglich und wirklich wird. »Ohne mich könnt ihr nichts tun«, Joh. 15.5, spricht der Herr der Kirche, nichts, was Frucht bringt für Gott, nichts, was »kirchliche Arbeit« geheißen werden könnte. Deshalb wird im Neuen Testament die Kirche nie anders zur Tat aufgerufen als nach der Weise des Johannes-Worts: »Lasset uns ihn lieben; denn er hat uns zuerst geliebt«, 1. Joh. 4,19. Immer steht der Imperativ, die Forderung, die sagt, was geschehen soll, auf dem Perfektum, auf dem Grund der Botschaft von dem, was von Gott in Christus schon geschehen ist. Hier wird keine Gemeinde lebendig gemacht durch den Aufruf zur Betriebsamkeit; denn hier gilt ja: »ihr seid gestorben«, Kol. 3.3 Hier wird auch keine Gemeinde für ein Liebeswerk gewonnen allein durch den Hinweis auf die Not, die nach Hilfe schreit, oder durch den Appell an ihre Menschlichkeit; hier wird vielmehr zu allem, was die Gemeinde zu tun hat, ermahnt »durch die Barmherzigkeit Gottes«, Röm. 12,1. Wir sehen: Die Kirche des Neuen Testaments redet von ihren Aufgaben stets im Blick auf die zuerst empfangene Gabe, von ihrem Wirken nur als von einer Folgerung aus Christi Werk. Sie ist die Kirche der Tat, weil sie die Kirche des Wortes von Christus ist und bleibt.
3. Noch eine letzte Eigentümlichkeit des neutestamentlichen Redens von den Aufgaben der Kirche sei hier herausgestellt. Wir reden von den Aufgaben der Kirche und Gemeinden gerne als von etwas Besonderem neben dem und über das hinaus, was jedem einzelnen mit seinem persönlichen christlichen Leben gegeben und aufgegeben ist. Wir waren und sind noch weithin christliche Individualisten, die für Gemeindeangelegenheiten und für kirchliche Aufgaben immer noch besonders gewonnen werden müssen. Wie konnte es denn sonst in der Geschichte unsrer evangelischen Kirche zu der immer noch schwer auf uns lastenden Passivität der Gemeinde kommen, warum ist sie auch heute noch so schwer zu überwinden? Wir konnten und können noch die Wortverkündigung und die Seelsorge in einer ganzen Gemeinde dem Pfarrer »überlassen«, als ob dies allein seine und nicht unser aller Sache wäre, wir überlassen die christliche Jugendunterweisung den Pfarrern und den Lehrern, die Ordnung des Gemeindelebens und die Sorge für das Gemeindevermögen dem Kirchengemeinderat, die Leitung und die Sorge für die Einheit der Landeskirche der Kirchenregierung, die Pflege der Gemeinschaft besonderen Gemeinschaften und Vereinen, die Jugendpflege und -führung einigen dafür besonders interessierten Männern und Frauen, sofern solche vorhanden, die Krankenpflege den Diakonissenhäusern, die Fürsorge für die Armen, Gefährdeten u.a. den Verbänden für Innere Mission, die Heidenpredigt den paar Gesellschaften für Äußere Mission, die Sorge für die Diaspora dem Gustav-Adolf- Verein und so weiter und so mehr, um ganz zu schweigen von all den Arbeiten, die wir ganz privater Initiative oder dem Staat bzw. der bürgerlichen Gemeinde oder den Parteien überließen und noch überlassen, wie die Sorge für eine wirkliche Jugend- und Volksbildung, für eine gesunde Wirtschaft und für eine sachliche Politik. Alle jene Aufgaben unterscheiden wir bewußt oder unbewußt von denen, für die wir uns durch unseren Christenstand persönlich und voll verantwortlich fühlen, also von unsrer persönlichen Lebensführung und von unsrem Familienleben; vielleicht besinnen wir uns dann noch, wofür wir uns darüber hinaus noch »interessieren«, ob wir Freunde der Äußeren oder Inneren Mission, Mitglieder und Mitarbeiter dieses oder jenes christlichen Vereins werden sollen. Und umgekehrt, wenn wir selbst irgendein kirchliches Amt haben, so liegt es uns nicht immer fern, unsere Arbeit als die unsere in einem die Gemeinde irgendwie ausschließenden Sinn anzusehen und zu treiben.
Auch in dieser Beziehung bietet uns die Kirche des Neuen Testaments ein anderes Bild. Selbstverständlich gibt es auch hier schon Arbeitsteilung, sobald die Gemeinde und ihre Arbeit größer wird. Schon die Urgemeinde in Jerusalem vollzieht sehr bald die Teilung in den Dienst am Wort und in den Dienst an den Tischen und hat für jeden ein besonderes Amt. Auch mehren sich die Ämter sehr rasch in der Kirche. Aber was die Kirche des Neuen Testaments nicht kennt, das ist das Auseinandertreten von persönlichem Christenleben und von Gemeindeleben und Gemeindearbeit, das ist die Zuweisung der Verpflichtungen der Kirche an einige wenige Gemeindeglieder und besonderen Vereine und vollends die Gliederung oder—besser gesagt — die Auflösung der Kirche in aktive Ämter und in passive Gemeinden. Wenn Paulus im Schlußteil seiner Briefe die Gemeinden an ihre mannigfachen »kirchlichen« Aufgaben erinnert, so meint er damit nie nur die Bischöfe und Diakone, die er im Eingang des Philipperbriefs besonders nennt, nie nur die »Vorsteher« oder die »Ältesten« oder die »Lehrer« der Gemeinden, sondern immer »alle, die in Christus Jesus sind«. Im Neuen Testament sind alle Aufgaben der Kirche, das Gebet und der ganze Gottesdienst, die Mission und die Armenpflege, die Kirchenzucht und die Verantwortung für die reine Lehre der Gemeinde, d.h. aber jedem einzelnen in vollem Sinne übertragen. Hier ist die allgemeine Dienstpflicht in der Kirche klar verkündigt; persönliches Christentum und Kirchendienst, Eigen- und Gemeindeleben sind hier unlöslich verbunden; das eine gibt es gar nicht ohne das andere. Dafür nur einige Beispiele: Wer betet hier? Jeder einzelne, aber keiner für sich Das »Unser Vater« ist das Gebet der Kirche und schließt beides zugleich aus, sowohl ein Kirchengebet ohne die persönliche Beteiligung jedes einzelnen wie ein Privatgebet eines religiösen Individualisten. Wen macht Paulus verantwortlich für die Gottesdienstordnung, für die würdige Feier des Herrnmahls in Korinth? Die Gemeinde Wen für die Kirchenzucht? Die »Versammlung«. Von welcher Missionsgesellschaft lassen sich Barnabas und Paulus zu den Heiden aussenden? Von der Gemeinde in Antiochien. Welcher Verein für Innere Mission bestimmt die Diakone für die Urgemeinde in Jerusalem? »Die ganze Menge«. Das gab der Arbeit der Kirche des Neuen Testaments ihre erstaunliche Kraft und Weite, daß sie, geleitet von verschiedenen Ämtern, aber getragen von allen, wirklich die Arbeit der Kirche war.
In der Tat, es ist eine besondere Art und Weise, in der das Neue Testament von den Aufgaben der Kirche redet. Hier redet die Kirche selbst von ihren Werken als von dem Beruf, zu dem sie der Herr durch sein Werk berufen hat, und zwar so, daß an dem Werk der Kirche alle durch ihren Christenstand mit voller Kraft beteiligt sind.
II.
Auf welchem Wege kommt die Kirche des Neuen Testaments zur Erkenntnis ihrer Aufgaben?
Auch diese weitere Frage liegt uns besonders nahe, da wir in unseren Kirchen und in unserer Zeit vielfach so uneins und so ungewiß sind über den Beruf der Kirche. Sicherlich ist auch den ersten christlichen Gemeinden die Erkenntnis ihrer Aufgaben nicht einfach in den Schoß gefallen. Sie besaßen keine christliche Tradition, ihre Ämter keine von Jesus dekretierte Geschäftsordnung, die ganze Kirche kein durch ein Gesetz festgelegtes Arbeitsprogramm. Im Gegenteil: Die Arbeit der Apostel und der ersten christlichen Gemeinden überrascht, ja befremdet uns grundsätzliche und programmatische Leute immer wieder durch den Eindruck einer merkwürdigen Grundsatz- und Programmlosigkeit, die von Fall zu Fall zu entscheiden scheint, was jetzt zu tun sei. Ganz gelegentlich kommt es in der Urgemeinde in Jerusalem zur Errichtung des Amts der »Armenpfleger« neben dem Amte der Apostel, was doch nicht weniger als eine grundlegende Änderung der seitherigen »Gemeindeverfassung« war. Gelegentlich kann ein Paulus auch einmal abgehen von seinem Grundsatz, allein von seiner Hände Arbeit zu leben und sich nicht von seinen Gemeinden versorgen zu lassen. Gelegentlich ändert er auch sein Missionsprogramm und seine Reisepläne, wofür er dann von seinen Gegnern allerlei Vorwürfe zu hören bekommt. Es scheint demnach nur einen Grundsatz für das Handeln der Kirche zu geben, nämlich den der Gelegentlichkeit, der ständigen Anpassung ihrer Arbeit an die jeweilige Lage. Paulus sagt dies einmal ausdrücklich in der Mahnung an die römische Gemeinde. Röm. 12,11, wo unmittelbar auf das scheinbar (!) schwärmerische Wort »Seid brünstig im Geiste« das ganz nüchterne Wort folgt »Schicket euch in die Zeit«, wie Luther übersetzt hat oder — wie wir noch genauer übersetzen müßten —: »Schicket euch in den Augenblick! Stellt euch dem Gebote der Stunde und der Lage völlig zur Verfügung!« Danach wäre also das Handeln des Christen und der Kirche nur dann richtig, wenn es nicht nur aus dem brennenden Geiste kommt, sondern zugleich ganz zeitgemäß ist, angemessen dem. was das »hier« und »jetzt« erfordert, also nicht dann, wenn man eine noch so ehrwürdige Tradition der Kirche konserviert oder auch ein ohne Rücksicht auf die gegenwärtige Lage ausgedachtes Zukunftsprogramm auszuführen sucht. Die erste Christenheit sah sich verpflichtet, in jedem Augenblick und an jedem Ort neu darauf zu achten, was jetzt und hier die Lage und die Stunde war, in die der Herr sie hineinstellte, und danach ihr vom Geist getriebenes Handeln einzurichten. Die Kirche des Neuen Testaments scheint für diese Aufgabe sogar ein besonderes Ami gehabt zu haben, die sogenannten »Lehrer«, die an die lüdischen »Schriftgelehrten« erinnern! Sie waren sozusagen die theologische Fakultät der Kirche, die den ganz aktuellen und ganz praktischen Lehrauftrag hatte, der Kirche zu sagen, was jetzt in Jerusalem oder in Korinth oder in Ephesus von ihr zu tun sei. Wie dringend nötig hat die Kirche auch heute wieder solche wegweisende, richtunggebende theologische Lehrer angesichts ihrer schwierigen Lage und der großen Forderungen der Zeit! Diese »Lehrer« haben aber so wenig wie die heutigen Theologen eine Geheimwissenschaft getrieben, die der Gemeinde hätte verschlossen bleiben müssen. Sie besaßen — wohl im Unterschied von den Propheten, die Apg. 13,1 neben ihnen besonders genannt sind — nichts, was nicht der christlichen Gemeinde überhaupt geschenkt war, weshalb die Gemeinde ihre Weisungen auch nicht blind und gezwungen, sondern mit eigener Einsicht und aus freiem Willen befolgte. Was besaßen denn Lehrer und Gemeinden zur Erkenntnis der jeweiligen Aufgaben der Kirche? Zweierlei: das natürliche Auge, den natürlichen Verstand für das, was die Lage fordert, und »den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist«, 1. Kor. 2,12, den heiligen Geist, der auch die Lage, die eigene wie die des Nächsten, erst vollends im rechten Lichte zeigt, im Licht des Schöpfers und Erlösers. Daher kommt die merkwürdige Gewißheit im Wissen dieser Kirche um ihren Beruf: sie erkennt nicht nur mit dem getrübten Blick des natürlichen, an sich selbst gebundenen Menschen ihre natürliche und geschichtliche Lage und was diese mit ihren Nöten fordert, sondern sie erkennt zugleich mit dem Wunderauge des »Geistes«, was Gott in Christus ihr geschenkt hat, dazu geschenkt hat, damit sie mit dem Reichtum ihrer Gaben in ihre jeweilige Lage hinein dem jeweilig Nächsten freudig diene »als dem Herrn«. Die Gaben Gottes, die sie in Christus empfangen hat, nicht vergeblich zu empfangen, sondern sie in jedem Augenblick und in jeder Lage durch alle ihre Glieder in gemeinsamem Dienst treu zu verwenden Gott zur Ehre und dem Nächsten zu gut — das ist der Beruf der Kirche So einfach ist er, aber eben darum auch so vielfach und so grenzenlos. Denn in dem unermeßlichen Reichtum der göttlichen Gaben und in der Schrankenlosigkeit der Liebt Gottes, die »die Welt« umspannt, liegt eine unerschöpfliche Fülle von Aufgaben beschlossen für sein Volk, für die Kirche. Auch in diesem Sinne gilt das Wort: »Die Liebe höret nimmer auf«, 1. Kor. 13,8.
III.
Wir kommen damit nun zu unserer letzten Frage: Welches waren die Hauptaufgaben, welche die Kirche des Neuen Testaments sich im Blick auf Gottes Gabe und auf ihre Lage gestellt sah und in Angriff nahm? Die Antwort auf diese umfassende Frage kann hier nur in einer skizzenhaften Übersicht gegeben werden unter Verzicht auf jede Vollständigkeit, auch auf alle Einzelfragen. Nur eines soll damit gezeigt werden: wie groß die werdende Kirche ihren Beruf gesehen hat und wie reich ihre Arbeit war.
1. Von der ersten Christengemeinde in Jerusalem berichtet Lukas Apg. 2,42: »Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre.« In diesem schlichten Sätzchen ist uns die erste und wichtigste Arbeit der Kirche klar bezeichnet. Es ist das beständige Verkündigen und Sich- verkündigen-Lassen des apostolischen Zeugnisses von Jesus Christus, von dem Herrn, dem die Gemeinde durch die Predigt der Apostel und durch die Taufe zu eigen geworden war. Wohlgemerkt: das beständige Lehren der Zeugen Jesu in der christlichen Gemeinde Es liegt nahe, zu fragen, warum denn das apostolische Wort von Christus auch in der Kirche beständig gepredigt und gehört werden sollte. Genügte es denn nicht, dieses Wort ein Mal recht gehört zu haben? In der ersten Gemeinde zu Jerusalem, in der fast alle die gewaltige Pfingstpredigt des Petrus gehört haben mochten, war doch nicht einer als unverständiges Kind getauft worden, so daß er noch nachträglich darüber hätte unterrichtet werden müssen, auf wessen Namen er getauft und was mit der Taufe ihm geschenkt war. Und doch war diese Gemeinde nach ihrem eigenen Urteil weder äußerlich so erwachsen noch geistig so gebildet noch geistlich so gereift in ihrer christlichen Erkenntnis und in ihrem christlichen Bekenntnis, daß sie sich das Wort nicht immer wieder neu in der Gemeinde sagen ließ von den Aposteln. Die beständige Predigt des Evangeliums in der Gemeinde hatte damals und hat noch heute einen tiefen sachlichen Grund. Das Wort von Christus war und ist keines von den Worten, die man eben ein Mal gehört haben muß, um sie von nun an als Eigentum in sich zu haben und sich fortan selber sagen zu können. Nein, das Wort vom Kreuz war und blieb ein fremdes, unerhörtes Wort, das auch in der Kirche beständig bezeugt und beständig gehört werden mußte, um von trotzigen und verzagten Menschenherzen geglaubt und im Glauben festgehalten werden zu können Aus der Größe und Unerhörtheit des Evangeliums von Jesus Christus ergab sich für die Kirche die Pflicht der beständigen Predigt und des beständigen Hörens auf das Wort von Christus. Das Lutherwort vom Christenmenschen gilt auch von der Kirche; auch sie ist »nicht im Wordensein, sondern im Werden«. Die Kirche besteht nur durch das beständig gepredigte und geglaubte Wort. Auch in den paulinischen Briefen hören wir die Mahnung: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen«, Kol. 3,16. Das Kernstück des Evangeliums, den Tod des Herrn, hat die Kirche übrigens von Anfang an nicht nur durchs Wort, sondern auch durch eine Handlung, durch ein Sakrament verkündigt: durch die Feier des Herrenmahls.
2. »Sie blieben beständig… in der Gemeinschaft und im Brotbrechen«, sagt Lukas weiter.
Das Wort und Werk des Christus hat zum Ziel das Volk Gottes, die Bruderschaft, die Gemeinschaft der Gläubigen, nicht den Christenstand des Einzelnen für sich. »So wir im Lichte wandeln, wie Er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander«, 1. Joh. 1,7. Das ist die andere große Gabe des Christus, aber eben darum auch die zweite große Aufgabe der Kirche: beständig in der Gemeinschaft, in der Bruderschaft zu bleiben. So wie die Kirche mit Wort und Handlung den Menschen beständig zu Gott führte und in der Gemeinschaft mit Gott erhielt über alles Gott und die Menschen Trennende hinweg, so verband sie in Christus auch den Menschen mit dem Menschen, auch hier alle Gegensätze überwindend in dem Einen. Und zwar verband die Kirche ihre Glieder nicht nur innerlich und geistig, sondern nach Seele und Leib, also ganz. Daß die ersten christlichen Gemeinden nicht nur »Herz und Herz vereint zusammen« auf das Wort des Christus hörten, sondern leiblich zusammenkamen, um miteinander das Brot zu brechen, wie eine Familie miteinander zu essen und zu trinken und so eins am andern sich zu freuen, war für sie ein wesentliches Stück ihres Gottesdienstes. Auch dieses gewöhnliche Liebesmahl war für die Urkirche ein heiliges Mahl; bei diesen Liebesmahlen scheint sie dann immer wieder auch »das Herrenmahl« gefeiert zu haben. Mit ihm erfüllte sie zugleich die Pflicht der beständigen »Danksagung« für den Tod des Herrn. Wie lebendig war hier Wort Gottes und Antwort der Gemeinde, geistliches und natürliches Leben verbunden!
Die Tischgemeinschaft bei diesen gottesdienstlichen Zusammenkünften war nur der Ausdruck dafür, daß auch das ganze natürliche Leben in die große Aufgabe der Bruderliebe in der Kirche einbezogen war. Wer in der Kirche stand, nahm auch das tägliche Brot aus des Vaters Hand und konnte darum nicht mehr bitten: »Mein Brot gib mir«, sondern bat: »Unser täglich Brot gib uns heute.« Aus freier Bruderliebe heraus verkaufen einzelne Glieder der Urgemeinde ihre Güter und machen es zum »Kirchengut«, mit dem die Bedürftigen versorgt werden sollen. Und die Apostel Jesu stellen zusammen mit der ersten christlichen Gemeinde neben die Diener am Wort die Diener an den Tischen, neben die Seelsorger die Leibsorger; beide tun nach ihrer Meinung einen unentbehrlichen Kirchendienst. Die Ordnung der Kirche ließ schon in den Anfängen in Jerusalem wie später in den paulinischen Gemeinden jedem sein Eigentum, stellte aber jeden mit allem, was er hatte, in den Dienst der Brüder. Auch Paulus ruft seine Gemeinden auf zu einer freiwilligen und doch alle verpflichtenden Kirchensteuer für die Armen in Jerusalem. »So diene euer Überfluß ihrem Mangel diese Zeit lang, auf daß auch ihr Überfluß hernach diene eurem Mangel und ein Ausgleich geschehe«, 2. Kor. 8.14. Die Bruderliebe in der Kirche schafft also einen Ausgleich auch im Haushalt der Gemeinden.
3. »Sie blieben beständig… im Gebet«, berichtet Lukas zuletzt von der Urgemeinde und bezeichnet damit die dritte Aufgabe der Kirche. »Haltet an am Gebet!« Röm. 12,12, »Betet ohne Unterlaß, seid dankbar in allen Dingen«, 1. Thess. 5,17, mahnt Paulus seine Gemeinden. Auch das Gebet ist hier nicht nur dem einzelnen, sondern der Gemeinde aufgegeben. Die Kirche, der im Wort immer neu die große Gabe Gottes gezeigt wird, die in dem Verkehr der Bruder untereinander und mit der Welt immer neue Aufgaben erkennt, hat das Recht und die Pflicht zu beständiger gemeinsamer Danksagung und Bitte.
Im beständigen Hören auf das Wort von Christus, in brüderlicher Tischgemeinschaft und im gemeinsamen Beten hat die Kirche ihren Gottesdienst vollzogen, einen Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit, gefeiert im Glauben an die Gegenwart des Herrn von einer in ihm auch sichtbar verbundenen Gemeinde.
4. In ihren Gottesdiensten hört die Kirche immer neu die frohe Botschaft, die ihr darum gilt, weil sie die frohe Botschaft ist für alle, für »die Welt«. Die Kirche des Neuen Testaments bekennt von ihrem Herrn: »Derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt«, 1. Joh. 2,2. Damit wird die Kirche beständig über ihren eigenen Bereich hinausgewiesen, über jede bloße Selbsterbauung und alle selbstgenügsame Kirchlichkeit und Sektenhaftigkeit hinausgedrängt und zur Verkündigung des Evangeliums an die Welt, zur Weltmission verpflichtet. Der Ruf Gottes in Christus, dem die Kirche ihre Existenz verdankt, gilt allen Völkern, zuerst freilich dem Israel Gottes nach dem Fleisch. Deshalb »läuft« das Wort von Anfang an über die Grenzen des ersten Jüngerkreises hinaus zu Israel zuerst und dann zu den Völkern, und zwar nicht nur durch die Arbeit der dazu besonders berufenen Apostel und ihrer Mitarbeiter, sondern durch das Christsein und durch das Wirken aller.
Die Kirche des Neuen Testaments ist notwendig Missionskirche; sie kennt keinen Kirchengott, sondern nur den Einen, der »will, daß allen Menschen geholfen werde und daß alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß solches zu seiner Zeit gepredigt würde«, 1. Tim. 2,4-6.
5. Schon die Missionspflicht verband die Kirche mit der Welt; aber sie war nicht das einzige Band. Die erste Christenheit blieb der Welt auch da verbunden, wo diese Christus noch nicht kannte, auch da, wo sie sich seinem Ruf verschloß. Die Kirche schied im allgemeinen weder in der Ehe den gläubigen Gatten von dem ungläubigen Teil, noch in der Familie die getauften Kinder von den heidnischen Eltern, noch im sozialen Leben die christlichen Sklaven von den heidnischen Herren, noch im politischen Verband die »Kirchengemeinden« von den städtischen Bürgerschaften, noch die Gemeinden des Römischen Reiches insgesamt vom heidnischen Staat. So entschieden christlich die ersten christlichen Gemeinden waren, so wenig sahen sie sich völlig von der »Welt« geschieden. Was verband sie noch mit ihr? Was glaubte die Kirche auch der ungläubigen Welt schuldig zu sein und zu bleiben? Fürs erste: ihr Gebet, das die ganze Welt umfaßt, weil Gott in seinem Sohn die Welt geliebt hat. »So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit…«, 1. Tim. 2,1 f. Zum andern: die Bereitschaft »zu allem guten Werk«, zu dem sie durch die Ordnungen der Welt berufen wird. Die natürlichen und geschichtlichen Verbände wie die Ehe, die Familie, das Volk, der Staat haben eine »Vollmacht« von Gott zum Dienst an Gottes Schöpfung, die von der christlichen Gemeinde anerkannt wird, weil sie »von Gott« ist und solange diese Vollmacht den Christen nicht zum Ungehorsam gegen Gott und seinen Christus verpflichten will. Darum soll die christliche Gemeinde auch der heidnischen Obrigkeit willigen Gehorsam leisten, auch dem römischen Cäsarenstaat die Steuer geben, damit er seinen Ordnungsdienst in dieser sonst der Bosheit und der Auflösung ganz verfallenen Welt recht tun kann. »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat… Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut!« Röm. 13,1 ff. »Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen… Denn das ist der Wille Gottes, daß ihr mit Wohltun verstopfet die Unwissenheit der törichten Menschen … Tut Ehre jedermann!« 1. Petr. 2,13 ff. »Erinnere sie, daß sie den Fürsten und der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit seien, niemand lästern, nicht hadern, gelinde seien, alle Sanftmütigkeit beweisen gegen alle Menschen!« Tit. 3,1 f. »So lasset uns nun Gutes tun an jedermann«, Gal. 6,10. So weiß sich die von der Welt freigemachte Kirche der Welt bleibend verpflichtet nicht nur mit dem Worte Gottes, sondern auch mit ihrer Fürbitte und mit ihrer tätigen Liebe. Diese Pflicht bleibt bestehen, auch dann, wenn die Welt die Gemeinde Jesu haßt und in ihrem Haß verfolgt.
6. Die Welt haßt die Gemeinde Jesu, wie sie ihren Herrn gehaßt hat und noch haßt. Daraus erwächst der Kirche eine weitere große Aufgabe: nicht wieder zu hassen, nicht wieder zu schlagen, sondern, wo es sein muß, Christus, ihren Herrn, zu bekennen durch standhaftes Leiden. Christus bekennen und um Christi willen, wenn es sein muß leiden »treu bis in den Tod«, gehört im Neuen Testament zusammen Hier wird der Kirche kein Aufstieg zur Macht und Ehre in der Welt verheißen, sondern immer wieder klar gezeigt, »daß wir durch viel Trübsale müssen in das Reich Gottes gehen«, Apg. 14,22 Es ist dasselbe »Muß«, das die Kirche aus der Leidensgeschichte ihres Meisters kennt, nicht ein fatales Müssen, sondern das willig zu bejahende Müssen des gottgegebenen Berufs. »Euch ist gegeben, um Christi willen zu tun, daß ihr nicht allein an ihn glaubet, sondern um seinetwillen leidet«, schreibt Paulus der Gemeinde in Philippi und fährt fort »und habet denselben Kampf, welchen ihr an mir gesehen habt und nun von mir höret«, Phil. 1,29 f. Die Kirche ist demnach in dieser Welt in einen großen Kampf gestellt; sie kämpft ihn recht und nicht umsonst, wenn sie um Christi willen, mit ihm und in brüderlicher Gemeinschaft miteinander leidet.
7. Gegen die Bosheit der Welt sieht sich die Kirche des Neuen Testaments zum tapferen Leiden berufen, gegen das Böse in ihrer eigenen Mitte aber zur entschlossenen Gegenwehr in der Kraft des Geistes Gottes. Da, wo der Sünder und die Sünde in ihrer Mitte offenbar wird, hat die Kirche Zucht zu üben. Aber gibt es denn noch offenbare Sünde und offenbare Sünder in der Kirche des Neuen Testaments? Die Antwort des Neuen Testaments ist ein unzweideutiges Ja. »Sündigt dein Bruder an dir«, sagt Jesus da, wo er von seiner Gemeinde spricht, Matth. 18,15. Auch die Apostelgeschichte und die übrigen Schriften des Neuen Testaments reden mit unvergleichlicher Offenheit von der Sünde und den Sündern in der Kirche. Was hat die Kirche dagegen zu tun? Ems ist ihr streng verwehrt: die Gemeinde selbst von allen unechten Gliedern reinigen zu wollen. Weizen und Unkraut, echte und unechte Jünger stehen nebeneinander; die Scheidung wird hier erst die Ernte bringen, Matth. 13,24 ff. Auch die Kirche des Neuen Testaments behält ihren gemischten Charakter nach dem Willen des Herrn bis zum Tag der Ernte. Aber ein anderes ist dieser Kirche klar geboten: jedem offenbaren Sünder entgegenzutreten mit dem Bußwort zunächst des nächsten Bruders oder je nachdem auch der Gemeinde und über dem Bußfertigen die schrankenlose Vergebung im Namen Jesu auszusprechen, den Unbußfertigen aber aus der Gemeinde zu entfernen, Matth. 18,15 ff., 1. Kor. 5,1 ff. Hier ist der Kirche die Vollmacht und die Pflicht zum gemeinsamen Kampf wider jede offenbare Sünde und jeden offenbaren Sünder in ihrer Mitte gegeben, zu einer Kirchenzucht, die wirksam werden konnte, weil hier das Strafwort im Dienste der Vergebung stand, weil hier der Sünder nicht nur gebeugt, sondern wieder aufgerichtet werden sollte, und weil hier, wo es not tat, eine ganze Gemeinde — selbst bußfertig, selbst begnadigt— mit dem Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht um die Befreiung ihres Gliedes vom Verderben rang. Auch mit ihrer Zucht übt die Kirche Bruderliebe und verkündet die Gnade ihres Herrn. Damit schließt sich der Ring der Aufgaben der Kirche und kehrt zu seinem Ausgangspunkt zurück.
Es ist eine Fülle von Aufgaben, zu denen die Kirche des Neuen Testaments sich in Christus berufen wußte, eine Fülle von Arbeit, die die kleine Herde im Glauben wirklich angefangen hat.
Sie konnte bei aller Größe ihres Wirkens nicht hochmütig werden. Ihr größter Arbeiter rühmt seinen hohen Beruf mit dem Wort: »Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin.« Was rühmenswert ist an dem Werk der Kirche, ist wie ihr ganzes Dasein das Werk ihres Herrn.
Eben darum konnte sie auch nicht verzagen trotz allem, was die Knechte des Herrn im Blick auf ihre Arbeit verzagt machen wollte in der langen Zeit des Arbeitens und Wartens. Denn sie wußte: Der Herr kommt und wird sein Werk selbst vollenden. Das Volk des Herrn arbeitet und wartet »nicht vergeblich« — »in dem Herrn«, 1. Kor. 15,58,
Die Verfassung der Kirche des Neuen Testaments
Wie kann man nach der Verfassung der neutestamentlichen Kirche fragen? Ist nicht schon mit dem Gedanken an organisierte, verfaßte Kirchen der Boden des Neuen Testaments verlassen? In der Tat hat ein Rudolf Sohm mit großem Scharfsinn den Satz verfochten, das Kirchenrecht widerspreche dem Wesen der Kirche, die Organisation der Kirche ihrer Geistbegabung, und hat uns gelehrt, die Entwicklung vom Urchristentum zum Katholizismus als die verhängnisvolle Fehlentwicklung von der Geistkirche zur Rechtsund Amtskirche zu betrachten. Von ihm und vielen anderen vor ihm haben wir gelernt, streng zu scheiden zwischen der einen Kirche des dritten Artikels, die wir glauben, und den vielen national, territorial und konfessionell verschiedenen sichtbaren Kirchen, zwischen der vom Geist geleiteten Kirche Gottes und den von Ämtern geleiteten, organisierten Kirchen auf Erden, und endlich zwischen der freien Gemeinschaft der Heiligen und den verfaßten Kirchen mit ihren Rechtsordnungen und Gesetzen.
Was zeigt uns nun das Neue Testament? Etwas sehr Merkwürdiges, eine Wirklichkeit, in der in lebendiger Spannung verbunden ist, was wir theoretisch und auch praktisch trennen. Nämlich
I. eine Vielheit von sehr verschiedenen Kirchen, die doch — auch sichtbar — in der Einheit bleiben;
II. freie, geistgeleitete Gemeinden und doch Ämter;
III. freie Liebesordnung und doch Anfänge eines Kirchenrechts.
Auch hier wird sich zeigen, daß die Wirklichkeit der Kirche des Neuen Testaments unsere Kirchenbegriffe sprengt.
I.
Wie steht es mit der Einheit der Kirche im Neuen Testament?
Bemerkenswert ist schon der Sprachgebrauch. Das Neue Testament hat nicht wie wir zwei Worte, um die Gesamtkirche von einer Einzelgemeinde wie das größere Ganze von dem kleineren Teil zu unterscheiden, sondern nur eines (ecclesia), das sowohl die Kirche als die Gemeinde bezeichnen kann. Es redet unbefangen von der Kirche wie von Kirchen, und zwar so. als ob die verschiedenen Kirchen jeweils an ihrem Ort die Kirche wären, als ob die Teile nur die Besonderungen des Ganzen darstellten. Die Kirche kann schon da sein in der gewiß kleinen Hausgemeinde im Hause der Priscilla und des Aquila, vgl. Röm. 16,5; sie ist da in einer Ortsgemeinde wie in Jerusalem, welche Paulus betont »die Kirche Gottes« nennt, Gal. 1,13, oder in Antiochien oder in Philippi. Eine Ortsgemeinde wie die in Philippi kann Paulus auch zusammennehmen mit benachbarten Gemeinden und von »den Gemeinden in Mazedonien« reden, 2. Kor. 8,1, wie von einer Art Provinzial- oder Landeskirche, die gemeinsam die Geldsammlung für Jerusalem organisiert. Besonders bemerkenswert ist hier z.B. die Bestimmung der Sendschreiben der Offenbarung Johannis an »die sieben Gemeinden in Asien«, Offb. Joh. 1,4 Diese sieben Gemeinden werden hier zusammengenommen als die Kirche der Asia etwa im Unterschied von den galatischen oder mazedonischen Kirchen; innerhalb dieser geographischen bzw. politischen Einheit wird aber dann jede Gemeinde ganz besonders »für sich« genommen. Jede Gemeinde hat ihr eigenes Leben, ihr eigenes Schicksal, ihre eigene Verantwortung. Demnach tritt die Kirche im Neuen Testament in Erscheinung in vielen einzelnen selbständigen Ortsgemeinden, die unter sich vielleicht landschaftlich bzw. politisch (provinzial) besonders nahe in Verbindung stehen. Zu dieser örtlichen Vielheit und Verschiedenheit der Kirchen im Neuen Testament tritt nun aber noch die nationale bzw. religiöse Spaltung der Kirche in einen jüdischen und einen griechischen Teil, eine Spaltung, die mitten durch eine Ortskirche wie die von Antiochien hindurchgehen und große Schwierigkeiten machen konnte, wie wir sowohl von Lukas als von Paulus wissen. So kann auch von der inneren Einheitlichkeit der Kirche im Sinne der Gleichheit oder Uniformität nicht einmal bei der einzelnen Ortskirche die Rede sein. Wenn da an einem Ort die eine Gruppe der Gemeinde nichts weiß von einem religiösen Kalender, von einem Unterschied der Tage, die andere Gruppe den Sabbat und andere Feiertage bewußt und betont hält, wenn die eine Gruppe die Neuherzukommenden ohne Beschneidung, die andere dagegen nur nach vorangegangener Beschneidung tauft, so sind dies »konfessionelle« Verschiedenheiten nicht nur in der Lehre, sondern, was praktisch weit schwerer wiegt, in der ganzen Lebensordnung.
Wir beobachten also im Neuen Testament zunächst eine Vielheit von Kirchen, die nicht nur äußerlich, sondern bis ins innere Leben, bis in Lehre und Kultus hinein untereinander und sogar in sich verschieden, ja gegensätzlich sein können.
Dennoch ist die Einheit der Kirche im Neuen Testament nicht verloren. Sie ist fest gehalten im Geist, im Glauben an den Einen, der die Kirche an allen Orten gründet und aus vielerlei Steinen baut. Alle die verschiedenen Gemeinden von Jerusalem bis Rom dürfen sich wissen als das eine Gottesvolk an allen Orten: »ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen«, Eph. 4,4 ff. Auch den tiefen Gegensatz der jüdischen und der griechischen Konfession weiß der Glaube aufgehoben in dem, der der Friede ist, »der aus beiden eines hat gemacht, und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war«, Eph. 2,14. Das alles ist uns sehr geläufig. Aber übersehen wir dabei nicht etwas Wesentliches, was dazu gehört! Die Einheit der Kirche wird von den Kirchen des Neuen Testaments nicht nur geglaubt, sondern, weil sie geglaubt wird, auch betätigt und verwirklicht; sie bleibt nicht nur unsichtbar im Himmel, sondern wird schon in etwas sichtbar auch auf Erden, so wie ja auch der eine Herr der Kirche, der Christus Jesus, auf Erden gekommen ist und Menschengestalt, Sichtbarkeit angenommen hat, so wie das ewige Wort Gottes selbst Fleisch geworden ist und mitten unter uns gewohnt hat. Die Kirchen des Neuen Testaments haben, soweit wir es beobachten können, die Einheit der Kirche auch leiblich sichtbar erhalten und gepflegt, und zwar auf doppelte Weise, zuerst, indem sie sich nicht trennten von »der Gemeinde Gottes« zu Jerusalem, wo die Kirche zuerst sichtbar geworden ist, und dann, indem sie sich alle der einen menschlichen Leitung unterordneten, durch die der Herr seine Kirche auf Erden leiten will, der Leitung des Petrus und der anderen Apostel. Die werdende Kirche blieb zunächst auch sichtbar eins, weil sie von allen Seiten her auch auf einen Ort auf Erden blickte, auf Jerusalem, und auf eine autoritative menschliche Person bzw. auf einen Autoritäts-Personenkreis, auf Simon Petrus und die anderen Urzeugen Jesu.
So umstritten manches im einzelnen hier sein und vielleicht auch bleiben mag, eines ist ganz deutlich: In Jerusalem und der Gemeinde Gottes, die dort entstanden war, sah die erste Christenheil den Mutterort und den Vorort der ganzen werdenden Kirche, mit dem selbst ein Paulus für seine Person wie für seine Gemeinden trotz allem die Verbindung nicht abreißen ließ, sondern immer wieder suchte. Er hat den Zusammenhang mit dem Vorort der Kirche gepflegt durch seine wiederholten Reisen nach Jerusalem wie durch die Sammlung für die Armen von Jerusalem in allen seinen Gemeinden. Vielleicht stoßen wir uns an dieser eigenartigen irdischen Lokalisierung des Ausgangs- und Eingangspunktes der Kirche im Neuen Testament; aber es ist dies nur eine besondere Form des Ärgernisses der Offenbarung Gottes, der Fleischwerdung des Wortes überhaupt. Die ersten Christengemeinden sehen in dieser Auszeichnung Jerusalems und der Urgemeinde nicht eine zufällige Geschichtstatsache, sondern den freien Gnadenwillen Gottes, dem es gefallen hat, dorthin seinen Sohn zu seinem auserwählten Volk zu senden, dort in den Tod zu geben, dort als den Auferstandenen den Seinen zu zeigen und dort durch die Sendung seines Geistes den Bau der Kirche zu beginnen. So war es auch nicht Willkür, sondern das gehorsame Achten auf die Wunderwege Gottes, wenn die Urgemeinde eine besondere Bedeutung für die ganze werdende Kirche sich gegeben sah und die anderen Gemeinden den Zusammenhang mit Jerusalem wahrten und dadurch die Einheit der Kirche Gottes solange als möglich auch sichtbar erhielten.
In der Urgemeinde zu Jerusalem hat die Kirche des Neuen Testaments noch eine Zeitlang ihren irdischen Einheitspunkt gehabt, in dem Urapostel Petrus ihre vom Herrn gegebene irdische Autorität. »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde«, Matth. 16,18: mit dieser besonderen Berufung war einem ganz bestimmten Menschen, dem Fischer Simon Petrus, eine grundlegende Bedeutung für die ganze Kirche, dieser eine einheitliche Leitung auf Erden gegeben. Aber, so wird hier eingewendet werden, sind wir damit nicht in der Papstkirche angekommen? Keineswegs. Der Abfall der Papstkirche vom Neuen Testament besteht nicht, wie auch Luther in der Polemik gegen Rom zu Unrecht behauptet hat, darin, daß sie den Primat des Petrus in der Kirche selbst erdichtet hätte; dieser ist vielmehr nach dem Neuen Testament der Wille des Herrn, kommt in dem ganzen Auftreten des Petrus immer wieder deutlich zum Ausdruck und ist von den Aposteln wie von den Gemeinden anerkannt. Der Abfall der römischen Kirche besteht vielmehr zunächst einmal darin, daß sie diesen von Jesus in der Vollmacht des Christus dem Petrus verliehenen Primat dem Petrus nicht gelassen, sondern eigenmächtig auf »Nachfolger« des Petrus übertragen hat. Eine Nachfolge in dem Amt des Petrus gibt es aber für das Neue Testament so wenig wie eine solche in dem Amt des Christus. Auf »den Felsen« wird nicht ein zweiter und ein dritter Fels gebaut, sondern das Haus Gottes, die Kirche Christi. Die Würde des Petrus ist also nicht erblich, seine einzigartige Stellung in der Kirche ist nach den Worten des Herrn wie nach der Überzeugung des ganzen Neuen Testaments unwiederholbar und unübertragbar. Es gibt also nach dem Zeugnis des Neuen Testaments in der Kirche außer Christus, dem einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, einen Boten des Christus, der ebenfalls eine einzigartige, wenn auch völlig andersartige Bedeutung für den ganzen Bau der Kirche hat. Einem Apostel hat der Herr selbst das Weiden seiner Herde übergeben. Damit, daß Simon Petrus dieses Amt übernommen hat und die ganze werdende Kirche seine Sonderstellung anerkannt, sich seinem Amte unterstellt hat — wie selbstverständlich hat Petrus z.B. auf dem sog. Apostelkonzil in Jerusalem das erste Wort! Apg. 15 — bleibt die Kirche des Neuen Testaments über Raum und Zeit, über alle lokalen, nationalen und religiösen Verschiedenheiten und Gegensätze hinweg auch sichtbar die eine. Ein Hausherr Christus im Himmel, ein Hausverwalter Petrus auf Erden, ein Haus mit vielen und sehr verschiedenen Räumen: das ist das Bild der werdenden Kirche im Neuen Testament.
Doch müssen wir sogleich hinzufügen: Petrus ist wohl der Erste, aber nicht der Einzige in der besonderen, einzigartigen Reihe der Männer, denen der Herr die Leitung seiner Kirche übertragen hat. Er ist der primus inter pares, der Erste unter Ebenbürtigen, mit diesen zusammen völlig unter Christus gestellt, aber über die Gemeinde. Zu Petrus als dem Ersten werden die anderen Elf in den Kreis »der Zwölf« berufen. Auch nach dem Bericht des Paulus, 1. Kor 15, ist der auferstandene Herr zuerst dem Petrus, dann den »Zwölf«, also dem ganzen Apostelkreis erschienen. In den Kreis der Urapostel sind nach der Erzählung der Apostelgeschickte noch andere neue Männer »berufen« worden, auch werden von Paulus neben Petrus noch der Herrnbruder Jakobus und Johannes besonders herausgehoben als solche, »die für Säulen angesehen waren«, Gal. 1,9. Immer aber scheint es sich um solche Männer zu handeln, die den Herrn in seinem irdischen Wirken wie in seiner Auferstehung gesehen haben (vgl. Apg 1.21 f.), also um Urzeugen von Jesus Christus, die gesehen haben und dann glaubten und nun von dem Herrn der Kirche berufen sind zur Führung derer, die »nicht sehen und doch glauben«, weil sie das Zeugnis jener hören. Jenen Urzeugen, dem Apostelkreis oder -kollegium mit dem Petrus an der Spitze, ist zusammen die Verwaltung der Botschaft von Christus und eben damit die Regierung der Kirche Christi übertragen. An dieser nicht rein »monarchischen«, sondern »kollegialen« Leitung hätte die Einheit der werdenden Kirche sehr leicht bald zerbrechen können, Sie ist aber, soweit wir dies im Neuen Testament beobachten können, wunderbarerweise nicht zerbrochen, nicht auseinandergefallen in eine Petruskirche und in eine Jakobuskirche und so weiter. Der Grund für dieses Wunder ist unschwer zu erkennen: alle diese führenden Männer standen unter der Leitung des Einen Herrn und trugen durch ihn in sich die Liebe, die sie zum Zusammenwirken in gemeinsamem Dienst verpflichtete und trieb. Die Einheit des Apostelkreises hat auch die schwerste Probe bestanden. Sie blieb gewahrt, auch als der Herr etwas völlig Unerwartetes und Unerhones tat, indem er zu dem vermeintlich schon abgeschlossenen Kreis der Urapostel hinzu noch einen, den Letzten, den Verfolger der Gemeinde Gottes, zum Urzeugen seiner Auferstehung, zum Nachfolger und Apostel machte und diesen Letzten an ein Werk berief, das größer und ganz anders war als das der anderen Apostel. Es ist vielleicht der schönste Erweis für die Geistesleitung der Kirche in der apostolischen Zeit, daß Paulus und die Urapostel, daß Paulus, der Letzte und zu so Großem Berufene, und Petrus, der Erste, durch alle Spannungen und Kämpfe hindurch, die das Neue Testament wahrlich nicht verschweigt (Gal. 2,11 ff.), die Gemeinschaft untereinander bewahrt und dadurch die Einheit der Kirche auch sichtbar erhalten haben. Der Apostelkreis und sein einmütiges Zeugnis von Jesus Christus haben ihre Aufgabe erfüllt: Das Neue Testament zeigt uns das Werden der Kirche Gottes auf Erden nicht als das einer nur im Geist verbundenen, äußerlich in eine judenchristliche oder heidenchristliche, in eine petrinische und paulinische und johanneische Kirche zerfallenden Vielheit von Kirchen, sondern als das Werden der einen apostolischen Kirche Jesu Christi, die ein Geist ist und ein Leib. Wie wenig diese Einheit Einerleiheit, vielmehr spannungsvolle Verbindung reichster Mannigfaltigkeit gewesen ist, das haben wir vor unseren Augen in demjenigen Werk der werdenden Kirche, in dem wir noch heute die apostolische Leitung und den sichtbaren Einheitspunkt aller christlichen Kirchen und aller Richtungen in ihr haben bzw. wieder gewinnen können, in unserem Neuen Testament. Es ist demnach auch nicht eine künstliche Abstraktion, sondern das Wort für eine lebendige Wirklichkeit, wenn wir in diesen Vorträgen von der Kirche des Neuen Testaments reden. Die Kirche Jesu Christi wird auf Erden gebaut auf den einen Grund der Apostel; sie empfängt ihre Leitung von oben durch das einmütige apostolische Werk von Christus. Das ist der Grundartikel der Verfassung der Kirche des Neuen Testaments, in dem die Einheit der Kirche geglaubt und auch »stückweise« sichtbar gemacht wird.
War mit dieser Aufrichtung der apostolischen Autorität und des apostolischen Amtes nicht die alleinige Autorität des Herrn und die Leitung des Geistes in der Kirche gefährdet oder aufgehoben? Geist und Amt: schließt hier nicht eins das andere aus? Im Sinne des Neuen Testaments durchaus nicht! Denn das Amt der Apostel ist Dienst im Auftrag des Herrn, und das Wort, das die Apostel in besonderer Weise und mit besonderer Autorität verwalten, bringt der glaubenden Gemeinde den Geist und mit dem Geiste die Freiheit. Gerade der Apostel, der seine Autorität in der Kirche besonders nachdrücklich verfochten hat, Paulus, läßt keinen Zweifel darüber, wie er seine apostolische Autorität selbst versteht und verstanden haben will: »Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener«, schreibt er im 1. Korintherbrief, 1. Kor. 4,1. »Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel«, heißt es im Eingang des Römerbriefes, Röm. 1,1. Deutlicher kann es nicht mehr gesagt werden, daß und wie die Autorität Christi und die seiner Apostel zusammengehen in der Kirche. Der Herr regiert die Kirche im Geist, aber eben durch das Amt seiner Apostel. Wenn die Kirche sich dem Amt der Apostel unterstellt, so unterstellt sie sich eben damit ihrem einzigen Herrn und nicht dem Petrus, nicht dem Paulus — gleichwie wir dem Herrn gehorsam werden, wenn wir auf die Schrift hören, die von ihm zeugt. So beobachten wir bei Paulus ja geradezu eine heilige Angst davor, daß seine apostolische Vollmacht, die Macht, die Christus ihm zu seinem Dienste gab, als seine eigene persönliche Herrschaft über die Gemeinde verstanden werde; ein Mißverständnis, zu dem Paulus wohl selbst zuweilen durch sein Auftreten den Anlaß gegeben haben mochte. Wo in der Kirche einmal so etwas wie eine Pauluspartei oder wie eine »Personalgemeinde« sich an Christus vorbei unter seine Leitung und gegen andere stellen will, wie z.B. in der Gemeinde zu Korinth, da ruft er ganz erschrocken: »Wer ist Paulus? Wer ist Apollos? Diener sind sie, durch welche ihr seid gläubig geworden, und das, wie der Herr einem jeglichen gegeben hat«, 1. Kor. 3,5. Und wie Paulus die Gemeinde von einer falschen Autorität seiner eigenen Person frei macht, so auch von allen anderen menschlichen Autoritäten, die sich zwischen Christi Gnade und die glaubende Gemeinde stellen wollen. Die galatischen Christen, die von hohen jerusalemischen, vielleicht apostolischen Autoritäten in einer Christus verdunkelnden Weise abhängig geworden sind, erinnert er daran, daß sie zur Freiheit berufen sind, zur Freiheit auch von Aposteln, die sie wiederum »in das knechtische Joch fangen« wollen, Gal. 5,13. Das Amt der Apostel bringt der Gemeinde »die Predigt vom Glauben« und durch sie den Geist, Gal. 3,2; »wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit«, 2. Kor. 3,17. Deshalb stellt die Kirche der zweiten Generation auch keine neuen Apostel auf; in die Nachfolge der Apostel tritt niemand ein— niemand als die durch das apostolische Christuszeugnis frei gewordene Gemeinde. Dieser Gemeinde kann gesagt werden: »Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und wisset alles«, 1. Joh. 2,20.
Die Freiheit der apostolischen Kirche bedeutet im Neuen Testament freilich nicht den Verzicht auf die Organisation der Kirche mittels neuer Ämter. Im Gegenteil, weil durch das apostolische Zeugnis alle zur Verkündigung des Worts und zum Dienst der Liebe berufen sind, darum schaffen die Gemeinden nun selbst neue Ämter, deren Auftrag es ist, die Arbeit aller recht zu leiten — nicht aber, sie allein zu tun! Für den besonderen Dienst der Apostel, zu zeugen von dem, was sie gesehen und gehört haben, schuf der Herr der Kirche selbst allein das Amt; für den Dienst der apostolischen Gemeinde, mit Wort und Tat zu zeugen von dem, an den sie glaubt, schafft die Gemeinde — verbunden mit dem Herrn im heiligen Geist — die jeweils nötigen neuen Ämter. Es ist auch mit der Verfassung und Organisarton der Kirche im Neuen Testament nicht anders als mit ihrem ganzen Sein und Wirken: der Grund ist gelegt, und nun ist die Gemeinde dazu berufen, auf diesem Grund weiterzubauen in der Gemeinschaft mit dem Herrn, der baut. In vollster Unbefangenheit berichtet uns Lukas Apg. 6 von der Errichtung des ersten neuen Amts in der Urkirche zu Jerusalem durch die Gemeinde selbst. Es ist das Amt der Diakone. das die Apostel zusammen mit der Urgemeinde zunächst einmal für Jerusalem geschaffen haben, nicht mit Berufung auf eine von Jesus hinterlassene Gemeindeverfassung, auf irgendeine göttliche Stiftung dieses Amts, sondern auch hier — wie wir im zweiten Vortrag sahen — im Blick auf Gottes Gabe in Christus, durch die alle zum Dienst der Liebe berufen sind, und zugleich im Blick auf die besondere Lage in Jerusalem, in der bei der Größe und Zusammensetzung der Gemeinde der Dienst an den Fischen nicht mehr durch die Apostel getan werden kann ohne Schaden für ihr eigentliches Amt, für das Gebet und »das Amt des Worts«. Deshalb überträgt die Gemeinde diesen Dienst jetzt »sieben Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind«, Apg. 6,3. Für dieses Amt war also Geistbegabung unerläßlich, aber gerade damit offenbar nichts, was die Gemeinde nicht insgesamt empfangen hätte. Wenigstens hat derselbe Lukas, der einen dieser Sieben, nämlich Stephanus, als »einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes«, Apg. 6,5, bezeichnet, nicht lange vorher in der Pfingstgeschichte von der ganzen Gemeinde zu Jerusalem erzählt: »sie wurden alle voll des heiligen Geistes«, Apg. 2,4. Die »Ordination« der Diakone Jerusalems zu ihrem Diakonenamt gründet sich also nicht anders als unsere heutige Ordination zum evangelischen Predigtamt auf die Berufung jedes Glaubenden zum Dienst an Gottes Werk und auf die Begabung aller Glaubenden mit dem heiligen Geist, wobei freilich Art und Maß der Gnadengabe Gottes nach dem Zeugnis des Neuen Testaments bei jedem Einzelnen in der Gemeinde wieder anders ist, »wie der Herr einem jeglichen gegeben hat«, 1. Kor. 3,5.
Wie hier die Urgemeinde für den Dienst an den Tischen und für die damit zusammenhängende Verwaltung des Gemeindevermögens das neue Amt der Diakone eingerichtet hat, so muß an einem anderen Ort der Kirche und zu anderer Zeit erstmals das Amt der »Bischöfe« errichtet worden sein, der »(Bau)aufseher«, wie wir das griechische episcopos übersetzen müßten, ein Titel, der ursprünglich also sehr bescheiden war und zu dem vielgebrauchten Bild vom Bau des Hauses Gottes trefflich paßte. Was freilich die besonderen Funktionen dieser »Bischöfe« waren, deren es in einer Gemeinde mehrere geben konnte, vgl. Phil. 1,1, ist aus dem Neuen Testament jedenfalls nicht sicher zu erkennen. Es beginnt nun bald — anfangsweise auch schon im Neuen Testament in den »Vorstehern«, »Hirten«, »Lehrern«, »Ältesten« usw. sichtbar werdend — die reiche Entwicklung der Ämter in der Kirche und der Verfassung überhaupt, auf die hier weder eingegangen werden muß noch kann. Nur soviel sei hier im Gegensatz zu den oben berührten Aufstellungen Rudolf Sohms und anderer nochmals nachdrücklich hervorgehoben: die Fehlentwicklung in der Geschichte der Kirche, der Abfall vom Neuen Testament und seiner »Geistkirche« zur »Amtskirche«, beginnt nicht mit der Bildung von Ämtern in der Kirche überhaupt, auch nicht mit der Entstehung des Bischofsamts, nicht einmal mit dem Aufkommen des »monarchischen Bischofsamts« an sich, sondern damit, daß die an sich durchaus berechtigten neuen Ämter der Kirche sich nicht unter, sondern über oder neben das einzigartige und bleibende Königsamt des Christus und über oder neben das Botenamt seiner Apostel oder gar an ihre Stelle setzen wollen; damit, daß das Amt für sich allein den Geist in Anspruch nimmt, der doch der Gemeinde im Glauben geschenkt ist, oder gar den Geist durch die Organisation ersetzt; und endlich damit, daß das Amt aus einem Dienst zur Herrschaft, zur Hierarchie, das Priestertum aller Gläubigen zum Monopol einer Priesterkaste wird. Damit ist dann freilich die Linie der freien Geistkirche des Neuen Testaments verlassen; denn dieses kennt neben dem Amt des Christus und dem der Apostel kein Amt in der Kirche, das nicht Grund und Ziel in der Berufung aller zum Dienste Gottes und in der Begabung aller mit dem Geiste Gottes hätte und das anders regierte als durch das »Vorstehen« im allgemeinen Dienst. Jesus hat seinen Aposteln klar vorgezeichnet, was das Kirchenregiment von allem weltlichen Regiment, was geistliche und weltliche Gewalt unterscheidet und aller kirchlichen Verfassung ihr Wesensmerkmal gibt: »Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Oberherren haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch.
Sondern, so jemand will unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener; und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht — gleichwie des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele«, Matth. 20,25-28. Mit diesen Worten wird alle Amtsgewalt in der Kirche ausgerichtet an dem Amt des Christus.
III.
Wie Geist und Amt, so sehen wir auch Freiheit und Rechtsordnungen in der Kirche des Neuen Testaments verbunden. Mitten in der freien Glaubens- und Liebesgemeinschaft dieser Kirche beobachten wir die Entstehung von festen, für alle verbindlichen Ordnungen, und zwar von Gottesdienst- und Lebensordnungen mannigfaltigster Art, die Anfänge einer kirchlichen Gesetzgebung, durch die doch die Freiheit vom Gesetz, die Christus bringt, nicht preisgegeben werden soll. Nur ein Beispiel soll dies veranschaulichen, das allerdings von jeher besonders auffallend war und für das Vorurteil einer von jedem Recht freien Liebesgemeinschaft immer anstößig sein mußte, nämlich der eigentümliche Beschluß des sog. Apostelkonzils nach Apg. 15,28 f, wo es in dem offiziellen Bescheid an die Gemeinde von Antiochien am Ende heißt: »Denn es gefällt dem heiligen Geiste und uns, euch keine Beschwerden mehr aufzulegen, denn nur diese nötigen Stücke: daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Hurerei; so ihr euch vor diesen bewahret, tut ihr recht.« Das Verständnis dieser vier Bestimmungen, besonders der beiden mittleren, ist sehr schwierig, da der Ausdruck äußerst knapp und die Veranlassung zu diesen Forderungen unbekannt ist. Wir können das, was dunkel ist an dieser Stelle, in unsrem Zusammenhang dahingestellt sein lassen. Soviel ist auch ohnedies deutlich: bei dieser Apostelzusammenkunft in Jerusalem machte der judenchristliche Teil der Kirche dem heidenchristlichen die Auflage von Lebensordnungen, die für die ganze Kirche verbindlich sein sollten, und der heidenchristliche Teil hat sich durch Paulus und Barnabas auf diese Bestimmungen verpflichten lassen, wodurch diese Ordnungen rechtsgültig, also »Kirchengesetz« geworden sind. Der erste jener Rechtssätze bestimmte, daß niemand, der zur Kirche gehören und die Zugehörigkeit zu ihr nicht verlieren wolle, etwas von dem essen dürfe, was einem heidnischen Gott geopfert worden war; der letzte, daß auch der Verkehr mit Dirnen aus der Kirche ausschließe. Von Paulus erfahren wir im Galaterbrief zwar nichts von diesen Rechtssätzen, aber davon, daß er sich für den heidenchristlichen Teil der Kirche zu einem allgemeinen Kirchenopfer für die Erhaltung der von Not bedrängten Gemeinde in Jerusalem verpflichtet hat. Wir werden kaum fehlgehen in der Annahme, daß Paulus die Aufbringung dieses Opfers nicht dem Zufall überlassen, sondern mit dem freien Einverständnis seiner Gemeinden angeordnet hat. War mit solchen Gesetzen und Verordnungen die Freiheit verraten, zu der die Gemeinde in Christus berufen ist? Im Gegenteil, die Freiheit wurde so gesichert gegen den Mißbrauch, durch den sie sonst verloren würde. Die in Jerusalem beschlossenen Gesetze schützen den heidenchristlichen Teil der Kirche gegen die bei ihm mächtige Versuchung, mit den Göttern und der Dirne den Verkehr fortzusetzen, und schützen ebenso die Urgemeinde in Jerusalem vor dem ihr drohenden Untergang infolge völliger Verarmung. Hier sind Rechtsordnungen von besonderer Art, die der Freiheit der Liebe nicht widerstreiten. Sie sind vielmehr geschaffen von der Liebe, mit der ein Teil der Kirche den anderen vor dem sittlichen Fall bzw. vor der Verelendung bewahrt, und sie sind anerkannt worden von denen, für welche sie verbindlich waren, weil sie darin eine wirksame Hilfe zum rechten Gebrauch ihrer christlichen Freiheit bzw. ihres Vermögens erkannt haben. Damit war diesen und ähnlichen Kirchengesetzen die tötende Kraft des «Gesetzes« genommen und die lebenschaffende Kraft des »Geistes« mitgegeben.
Das Recht in der Kirche des Neuen Testaments ist ein wirkliches »Kirchenrecht«, geschaffen von der Gemeinde, in der alle Dinge aus dem Glauben und in der Liebe geschehen, und gültig gemacht durch den befreiten Willen der Gemeinde, die alles dankbar gebraucht, auch das Recht, das ihr hilft, Gott und den Brüdern zu dienen. Dieses Kirchenrecht ist seinem ganzen Wesen nach verschieden von dem staatlichen Recht. Es wird nicht getragen von der Macht des Staates, sondern von dem Geist in der Gemeinde; es ist auch nicht starr, sondern beweglich, weil die Liebe nicht nur Altehrwürdiges konserviert und auch nicht uniformiert, sondern darauf achtet, was jetzt und hier dem Aufbau der Gemeinde dient.
So sind auch die Anfänge der Verfassung und Rechtsbildung in der Kirche des Neuen Testaments ein Zeugnis von der Kraft Christi, die in den Schwachen mächtig ist, von der Gerechtigkeit Gottes, die im Evangelium über alle Ungerechtigkeit den Menschen geoffenbart wird und bewirkt, daß schwache und ungerechte Menschen hier in der Kirche den Anfang wirklicher Ordnung und wirklichen Rechts für ihr Zusammenleben schaffen. Das Gesetz, durch das die Kirche ihre Gestalt bekommt, ist »das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus«, Röm. 8,2.
Quelle: Martin Haug, Die Kirche des Neuen Testaments. Drei Vorträge, Stuttgart: Quell Verlag, 1932.