Was Dietrich Ritschl vor mehr als 40 Jahren in „Zur Logik der Theologie“ zur Reform des Theologiestudiums geschrieben hatte, ist immer noch lesenswert:
1. Man muß den Mut haben, zwischen der Ausbildung von Pfarrern/Priestern und Gymnasiallehrern einerseits und zukünftigen theologischen Doktoranden und akademischen Lehrern andrerseits noch stärker als bisher zu unterscheiden.
2. Für das normale Studium müßten vier Jahre ausreichen, wenn während der ganzen Zeit sowohl Hebräisch und Griechisch als auch Philosophie und Psychologie gelehrt und geübt würden im stetigen Zusammenhang mit den exegetischen und theologischen Arbeiten. (Einmalige Sprach- und Philosophieprüfungen sollten als lernpsychologisch veraltete Einrichtungen entfallen). Ernsthafte Lateinkenntnisse sollten nur von Promovenden verlangt werden.
3. Die sogenannte Ausbildungsphase (Vikariatszeit) sollte nach einer einleitenden Basisorientierung von einem knappen Jahr über ca. 15 Berufsjahre hin in der Form von jährlichen Kursen von einem Monat verteilt werden. In diesen Kursen sollte nicht nur die bislang sogenannte Praktische Theologie gelehrt werden. Zur Aufrechterhaltung ihrer Lizenz bzw. Fakultas sollten diese Kurse sowohl von Pfarrern wie vom Gymnasiallehrern im Fach Religion/Theologie verlangt werden.
4. Ein bestimmter Anteil der Praktika in den Gemeinden sowie der jährlichen Weiterbildungskurse sollten in Einrichtungen der jeweils anderen Konfession absolviert werden. (Ich strenge bereits jetzt im »Deutschen Ökumenischen Studienausschuß« (DÖSTA), und in der »Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen« (ACK) eine solche Initiative zum interkonfessionellen Austausch der Vikare an).
5. Promovenden sollten über das normale Studium hinaus eine ganz ihren Interessen und Begabungen entsprechende akademische Schulungs- und Forschungstätigkeit ausüben, die auch obligatorische Praktika in Kirche und Schule, Krankenhaus und Heimen und vor allem auch Aufenthalte im Ausland einschließt.
6. Promovenden aus Kirchen der Dritten Welt (die im Vergleich zu Frankreich und englisch-sprachigen Ländern bei uns bedenklich unterrepräsentiert sind) sollten nicht alle Hürden unserer Examina nehmen müssen, sondern eigens für sie entworfene Prüfungen absolvieren, die ihnen die wissenschaftliche Vertiefung in ihrem Spezialgebiet auf dem von unsern Doktoranden erwarteten Niveau erlaubt.
Quelle: Dietrich Ritschl, Zur Logik der Theologie, München: Chr. Kaiser, 1984, S. 350.