Bibel, mein Vaterland (Biblio, ojczyzno moja)
Bibel, mein Vaterland,
Bibel, mein polnisches Land,
galiläisch
und franziskanisch,
o ihr Bücher meiner Kindheit,
geschrieben in zweizüngiger Rede,
polnischem Hebräisch,
hebräischem Polnisch,
Doppelrede,
heilig
und einzig.
Wenn es sich neigt zum Abend
und von der Linde vor meinem Haus die Blätter fallen,
sitze ich über dir,
Bibel,
und rufe aus deinen Versen hervor
all die Besten,
die mir unerreichbares Vorbild sind,
all die Schönsten,
die ich bewundere,
all die Edlen,
denen ich nicht gleichzukommen vermag,
Bibel,
die zu mir spricht mit der Stimme der Mahnung
und mit der Stimme des Tadels,
und mit der Stimme des Zorns,
und mit der Stimme der Strafe,
und mit der Stimme der Verurteilung,
und mit der Stimme der Warnung,
und mit der Stimme des Gewissens,
Bibel,
die über mich
Gericht hält.
Wenn es sich neigt zum Abend
und von der Linde vor meinem Haus die Blätter fallen,
blickst du mich an
mit den Augen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,
mit den Augen meiner Ahnen,
mit den Augen meines Großvaters,
mit den Augen meiner Frau,
mit den Augen meiner geliebten Dichter,
mit den Augen Jan Kochanowskis aus Czarnolas, Skargas und Anhellis.
Du rufst mich aus der Tiefe
mit dem Psalm der Krematorien,
mit dem Weinen über den Ruinen des kämpfenden Warschau,
mit der Klage über die Leichen des verbrannten Ghettos,
mit der Erinnerung an Auschwitz,
Treblinka,
Majdanek,
mit dem jeremianischen Stöhnen
meiner doppelt gemarterten
Geschichte.
Alles ist in dir,
was immer ich erlebt habe.
Alles ist in dir,
was immer ich geliebt habe.
Alles.
Das ganze eigene Leben
eines Menschen,
lebend in einem vom Satan heimgesuchten
Zeitalter.
Verstrickt in seine Widersprüche,
in seine Wahnsinne
und seine Lügen,
wie Abschalom in den Zweigen der Galgeneiche hängend,
an dir lernte ich zu leben.
An dir lernte ich zu lesen,
an dir lernte ich zu schreiben,
an dir lernte ich zu denken,
an dir lernte ich die Wahrheit,
an dir lernte ich um Vergebung der Sünden zu bitten,
an dir lernte ich zu lieben,
an dir lernte ich Weisheit,
an dir lernte ich zu vergeben,
an dir lernte ich Demut,
an dir lernte ich zu beten.
Wenn ich aber nicht gelernt habe zu leben,
wenn ich nicht gelernt habe zu lesen,
wenn ich nicht gelernt habe zu schreiben,
wenn ich nicht gelernt habe zu denken,
wenn ich nicht gelernt habe die Wahrheit,
wenn ich nicht gelernt habe um Vergebung der Sünden zu bitten,
wenn ich nicht gelernt habe zu lieben,
wenn ich nicht gelernt habe Weisheit,
wenn ich nicht gelernt habe zu vergeben,
wenn ich nicht gelernt habe Demut,
wenn ich nicht gelernt habe zu beten,
meine Schuld,
meine Schuld,
meine übergroße Schuld.
Schon neigt es sich zum Abend,
von der Linde vor meinem Haus fallen die Blätter.
Die Menschen meines Lebens gehen unwiederbringlich fort,
es gibt mehr Gräber als lebende Freunde,
selbst die Tinte in den Briefen meiner Mutter ist verblichen,
geschrieben nachts an mich
aus dem Viertel des Pogroms.
Und ich sitze über dir,
Bibel,
und lerne zu sterben.
Vielleicht lerne ich am Ende
doch dieses eine.
Roman Brandstaetter (1906–1987)