Nahum Goldmann, Sein Schicksal gestalten: „Dem Schicksal der Inhaftierung durch die Nazis entging ich aus Liebe zu meinem Vater, der damals in Palästina wohnte. Einige Tage nach Hitlers Machtantritt wurde ich telegrafisch informiert, dass mein Vater in Lebensgefahr sei, worauf ich sofort, alles was ich besaß zurücklassend, mit meiner heuti­gen Frau, damaligen Verlobten, über Italien nach Palästina eilte. Drei Tage nachdem ich Berlin verlassen hatte kam die Gestapo in mein Büro, sich nach mir zu ‚erkundigen‘. Wäre ich nicht auf dem Wege zu meinem Vater gewesen, weiß ich nicht, was mit mir geschehen wäre; jedenfalls wäre ich wohl nicht in der Lage, heute diesen Aufsatz zu schreiben.“

Sein Schicksal gestalten

Von Nahum Goldmann

Wir leben in einer Zeit, die keine festen moralischen, intellek­tuellen und politischen Fundamente hat, einer Zeit, span­nungsreich wie selten eine Periode in der Geschichte, in der die alten Gebote, Axiome und Werte in Zweifel geraten und neue noch nicht im Entstehen begriffen sind. Wir leben in ei­ner der schwierigsten Übergangsperioden, vor allem dadurch erschwert, daß die Welt in Folge der modernen Technik eine Welt geworden ist, und was immer irgend­wo vor sich geht, gewollt oder ungewollt Einfluß hat auf alle anderen Vorgänge in der Welt. Bis zum 20. Jahrhundert war das anders. Was zum Beispiel vor 100 Jahren noch in Frankreich passierte – Revolutionen oder Staatsstreiche – blieb im größten Teil Asiens unbekannt, und große Kulturländer wie China waren durch solche Vorgänge in Europa völlig unberührt. Durch den modernen Flugverkehr, das Radio und die anderen Me­dien wird heute jedes Geschehnis, wo immer es auch vor sich geht, sofort überall bekannt und übt seinen Einfluß auf paral­lele oder entgegengesetzte Tendenzen und Entwicklungen in ganz anderen Erdteilen aus. Dies macht die moralische und psychologische Existenz aller Menschen des 20. Jahrhunderts schwerer, problematischer und komplexer, gilt aber beson­ders für die Jugend, die noch nicht die nötige Erfahrung hat, aus der sie selbst Erkenntnisse und Stellungnahme beziehen kann, die ihre Entscheidungen in wichtigen Fragen erleich­tern würden.

Das Leben eines jeden Menschen setzt sich im wesentli­chen aus drei Komponenten zusammen. Einmal die Gaben, die er durch seine Geburt, seine Abstammung, als Erbe von einer jahrhundertlangen Entwicklung seiner Ahnen als Roh­produkt mit auf den Weg ins Leben bekommen hat. Die zweite Komponente wird durch Art und Zeit der Geburt des Menschen bestimmt, in welchem Land er geboren und in wel­cher Kultur er aufgezogen wird, in welchen Zeitumständen er sein Leben beginnt und was alles ihm widerfährt. Beide Kom­ponenten sind unabhängig vom Willen des Betreffenden. Er ererbt oder erwirbt sie, ob er will oder nicht, und beide bieten sozusagen das Rohmaterial, aus dem er sein Leben gestalten und formen muß. Und hier tritt die dritte Komponente ins Werk, in gewissem Sinne die entscheidende, die einzige, die dem Menschen das Recht gibt, von freier Willensbestim­mung, wenn auch durch die zwei ersten Komponenten be­grenzt, zu sprechen, die ihm die Freiheit gibt – die nur der Mensch unter allen Lebewesen hat – aus dem, was er ererbt und erworben hat, oder das ihm widerfahren ist, sein Leben zu gestalten. Diese allgemeine These will ich, wie es in die­sem Buch vorgeschlagen wird, an meinem eigenen Leben kurz illustrieren.

Die beiden ersten Komponenten meines Lebens waren un­gewöhnlich. Ich bin der Abstammung nach der Erbe einer tausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes, habe die­ses Erbe bewußt übernommen und immer eine positive Ein­stellung zu ihm genommen. Wenn es auch wenig Sinn hätte, von Stolz zu reden, da ich ja wenig Verdienst habe, an dem, was meine Vorfahren jahrhundertelang getan und geleistet haben, so habe ich von je her eine positive Beziehung zu mei­nem Judesein gehabt, schon weil mein Vater zionistisch aktiv war, habe in meiner frühen Kindheit die sehr reiche und schöpferische ostjüdische Kultur aufgenommen, und vom fünften Lebensjahr an die große Kultur des deutschen Juden­tums der Weimarer Republik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und habe stets versucht, beides miteinander zu verschmel­zen. In meiner Jugend hatte ich jedoch nicht die Absicht, die jüdische Komponente zu dem Hauptinhalt meines Lebens zu machen. Ich bin von Haus aus weder sehr religiös eingestellt noch ein extremer Nationalist, bin viel mehr an internationa­len und allgemein historischen Problemen interessiert, und dachte eher daran, entweder eine akademische Karriere oder diejenige eines freien Schriftstellers einzuschlagen.

Meine erste größere Leistung nach meiner Studienzeit, als die erste Phase einer Berufstätig­keit, bestand in der Schaffung einer jüdischen Enzyklopädie, die „Encyclopaedia Judaica“. Während ich in Berlin, zusammen mit einer Gruppe von Freunden, als einer der Direktoren dieses Unternehmens ar­beitete, begann sich die nationalsozialistische Bewegung in Deutschland zu entwickeln. Ich war ihr schon früher begeg­net, als ich eine gewisse Zeit in Murnau, in Bayern, lebte, und mich mit einem Freund nur jüdischen und allgemeinen Stu­dien widmete. Da ich häufig in jüdischen und zionistischen Versammlungen Reden hielt, hatte ich oft Zusammenstöße mit dem „Deutschen völkischen Schutz- und Trutzbund“ – wie die Nazis damals hießen -, die manchmal zum Eingreifen der Polizei führten. Als Hitler zur Macht kam, wurde ich von vielen zionistischen Freunden im Ausland gebeten, Deutsch­land sofort zu verlassen. Obwohl ich und eine Reihe meiner Kollegen die Gefahr des Nazismus für das jüdische Volk deutlicher und schärfer erkannten als die große Majorität der Juden, die diese Drohung nicht zu ernst nahmen und sich da­mit mitschuldig an der Tragödie des europäischen Judentums im „Holocaust“ machten, war auch ich optimistisch oder leichtsinnig genug, die Gefahr für nicht so unmittelbar drin­gend zu halten, mich zu veranlassen, das große Unternehmen der „Encyclopaedia Judaica“ ohne weiteres fallenzulassen. Dem Schicksal der Inhaftierung durch die Nazis entging ich aus Liebe zu meinem Vater, der damals in Palästina wohnte. Einige Tage nach Hitlers Machtantritt wurde ich telegrafisch informiert, daß mein Vater in Lebensgefahr sei, worauf ich sofort, alles was ich besaß zurücklassend, mit meiner heuti­gen Frau, damaligen Verlobten, über Italien nach Palästina eilte. Drei Tage nachdem ich Berlin verlassen hatte kam die Gestapo in mein Büro, sich nach mir zu „erkundigen“. Wäre ich nicht auf dem Wege zu meinem Vater gewesen, weiß ich nicht, was mit mir geschehen wäre; jedenfalls wäre ich wohl nicht in der Lage, heute diesen Aufsatz zu schreiben. Von 1933 kam ich erst 1952 nach Deutschland zurück, als ich Bun­deskanzler Adenauer in Bonn – nach einem ersten Treffen in London – besuchte, zu Beginn der Verhandlungen über die Entschädigung der Nazi-Opfer.

Die Tatsache, daß ich das Projekt der „Encyclopaedia Ju­daica“ einstellen mußte (eine Reihe von Artikeln mißfiel den nationalsozialistischen Kulturverwaltern, und sämtliche vorhandene Bände, die bei der Druckerei lagerten, wurden auf behördlichen Befehl vernichtet), und auch keinerlei Chancen mehr hatte, in Deutschland eine akademische oder schriftstellerische Karriere einzuschlagen, brachte mich, zusammen mit dem Gefühl von „noblesse oblige“, zu dem Entschluß, daß es meine Pflicht gegenüber dem jüdischen Volk sei, die Rich­tung meines Lebens zu ändern und meine Haupttätigkeit auf die Hilfeleistung für bedrohte Juden in Europa auf der einen Seite und auf die Schaffung einer Situation, in der solche An- ! griffe sich nicht wiederholen könnten, durch die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina andererseits, zu konzen­trieren. In dieser Karriere, die ich praktisch gegen meinen Willen eingeschlagen habe, hatte ich – wie ich rückblickend sagen kann – ziemlichen Erfolg: Ich war jahrelang der Präsi­dent der wichtigsten jüdischen internationalen Organisatio­nen (Jüdischer Weltkongreß, Zionistische Weltorganisation, „Claims Conference“ für Forderungen zu Gunsten der Opfer des Nazismus), habe einiges dazu beigetragen, einen jüdi­schen Staat zu errichten, und habe die Verhandlungen ge­führt, die in dem Luxemburger Abkommen endeten, als Folge dessen die Bundesrepublik bis heute über 60 Milliarden DM an Israel und an individuelle jüdische Nazi-Opfer gezahlt hat.

Ebenso wie Hitler das Schicksal vieler Menschen bestimmt hat, hat er in diesem Sinne auch auf mein Leben einen ent­scheidenden Einfluß ausgeübt. Der innerliche Beschluß, den ich hier unterstreichen will, ist der Ausdruck des Willens und der Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen, und eine Si­tuation, die man nicht ändern kann, positiv auszunützen, statt mit Unzufriedenheit, Klagen, Nörglerei und Bedauern darauf zu reagieren. Die Existenz vieler überlebender Juden wurde durch die Nazi-Periode ruiniert, weil sie die falsche Einstel­lung hatten; für viele andere wurde gewissermaßen die Vor­aussetzung geschaffen, ihr Leben umzugestalten. Von Natur aus hat jeder Mensch die verschiedenartigsten Begabungen und Eigenschaften und damit die Möglichkeit, verschiedene Karrieren einzuschlagen. Bekannt ist Goethes Wort, daß er unter anderen Umständen leicht ein Verbrecher hätte werden können. Auch ich hatte Neigungen und Einstellungen, die sich ganz anders hätten entwickeln können, wenn ich mich nicht, auf Grund der politischen Lage, entschlossen hätte, meine Karriere ganz der jüdischen Problematik zu widmen; in vielen Eigenschaften war ich sogar, von Haus aus, für eine politische Laufbahn ungeeignet. Ich habe keinen Respekt für Massen und fühle mich unter ihnen nicht wohl, doch hat mich meine Tätigkeit gezwungen, mich mit ihnen zu befassen und mich oft von ihnen feiern zu lassen; obwohl ich von Rhe­torik eine sehr ambivalente Meinung habe, mußte ich die Re­dekunst entwickeln; ich hatte jeher einen Widerwillen gegen Parteidisziplin, doch habe ich mich daran gewöhnt, mit Partei­führern zu verhandeln. Die Tatsache, daß es mir gelungen ist, all dies zu erreichen, beweist, in welch hohem Maße ein Mensch mit einiger Willenskraft im Stande ist, bestimmte Ei­genschaften in ihm zu entwickeln und andere in den Hinter­grund zu drängen.

Der Mensch ist nicht völlig frei und daher trägt er auch nicht die volle Verantwortung für sein Leben, da er mit den Begabungen und Umständen wirken muß, die ihm ausgeteilt werden. Frei ist er, im Rahmen seiner Begabungen oder Man­gel an Begabungen, und auf Grund der Umstände, unter de­nen er operieren kann, das Beste aus allem zu machen und sich positiv einzustellen. Ein bekanntes Wort – dessen Autor ich im Moment vergessen habe – sagt, das Wesentliche an ei­nem Menschenleben sei, „aus den Begebenheiten, die ihm zustoßen, Schicksal zu gestalten“. Dies ist eine andere und sehr gelungene Formulierung dessen, was ich hier zum Aus­druck bringen will. Abgesehen von ungewöhnlichen Un­glücksfällen und tragischen Situationen, gibt es nichts, so ne­gativ es auch erscheinen mag, das man nicht eventuell positiv umgestalten kann. Dazu gehört in erster und entscheidender Linie, Ja zu sagen zu dem, was einem widerfährt, es sei denn, man könnte seine Lebensumstände radikal ändern. Mit Kla­gen, Protesten und Anschuldigungen hat noch nie jemand et­was Konstruktives erzielt. Nur dadurch daß jemand, sofern er weiß, daß er die Gegebenheiten seines Lebens nicht entschei­dend ändern kann, sie bejaht und alles daran setzt, sie positiv auszuschöpfen, kann jeder Mensch, so begabt oder wenig be­gabt er ist, in so günstigen oder ungünstigen Umständen er hineingeboren ist, so leicht oder schwer ihm durch die Um­welt das Leben gemacht wird, etwas positives aus seiner Exi­stenz machen, etwas, das nur er und kein anderer machen kann. In dieser Fähigkeit besteht letzten Endes der Sinn eines jeden Menschenlebens.

Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 57-62.

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