Von Karl Barth
Als im Januar 1952 in Basel die künstlerischen Entwürfe für neue Kirchenfenster im Baseler Münster kontrovers diskutiert wurden, meldete sich Karl Barth in einem Zeitungsartikel zu Wort:
Es war nicht meine Absicht, mich an dieser Diskussion zu beteiligen, weil ich mit ihrer, soweit ich sehe, von beiden Seiten unbestrittenen Voraussetzung nicht einig gehe. Da nun aber mein Name von mehr als einem Versammlungsredner etwas lebhaft und nicht unmissverständlich in die Verhandlung gezogen worden ist, sehe ich mich genötigt, mich kurz zu erklären.
Mich wunderte von Anfang an, dass weder im Kirchenrat, noch in der Synode, noch aus den Kreisen unserer Pfarrer, noch in der bisher geführten öffentlichen Diskussion irgend jemand mit einiger Energie die Frage aufgeworfen hat, ob die Anbringung von Abbildungen Jesu Christi und des nach dem christlichen Bekenntnis in ihm vollbrachten Heilsgeschehens im gottesdienstlichen Raum einer Kirche reformierter Konfession überhaupt und als solche ein mögliches Unternehmen sei. Auch das Manifest des Referendumskomitees gegen die Hindenlangschen Scheiben hat sich diese Voraussetzung, ohne mit der Wimper zu zucken, zu eigen gemacht. Ich weiss, dass sie für viele, vielleicht für die meisten reformierten Kirchgenossen in Basel und anderwärts Geltung hat: die unzähligen Christusfiguren, Kreuzigungen, Auferstehungen, Himmelfahrten, Bergpredigten usw., mit denen man jetzt gerade die Chorfenster auch neuer Kirchen zu Stadt und Land zu schmücken pflegt, sind des Zeugen. Eben diese Voraussetzung ist aber keineswegs selbstverständlich.
Man kann nämlich auch mit gutem Grunde der Meinung sein, das zweite Gebot sei sinnvoll und beachtlich: «Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen» — auf gar keinen Fall nämlich im Zusammenhang mit dem christlichen Gottesdienst. Auch dann nicht, wenn es sich um das einleuchtendste Werk des begnadetsten Künstlers handeln sollte! Die reformierte Kirche war bis weit über die Schwelle der Neuzeit hinaus in aller Bestimmtheit dieser Meinung. Schade um die vielen schönen Dinge, die aus diesem Grunde im «Bildersturm» der Reformation (gewiss allzu konsequenzmacherisch) geradezu zerstört worden sind. Aber warum hatte man sie da aufgestellt, wohin sie nun einmal nicht gehörten: in den Kirchen nämlich? In der Intention haben die viel gescholtenen «Bilderstürmer» eben doch recht gehabt.
«Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber», das ist das Bild, in dem Gott sich selbst zu erkennen gegeben hat. Es ist eben deshalb in keinem von menschlichem Fühlen und Denken entworfenen und durch menschliche Erfindung und Kunst herzustellenden Abbild wiederzugeben. Es will selber für sich selber sprechen. Auch die Predigt und der Unterricht der christlichen Kirche sollten es unterlassen, geistige Christusbilder entwerfen zu wollen. Auch die Theologie darf das nicht tun. Und die Künstler würden besser tun, Versuche in dieser Richtung zu unterlassen. Alles Grosse, was auf diesem Gebiet geleistet worden ist und vielleicht noch geleistet werden kann, ändert nichts daran, dass es sich dabei immer um Versuche an einem untauglichen Objekt gehandelt hat und handeln wird, sicher hätte die Kirche die Kunst niemals zu solchen versuchen ermuntern und geradezu mit solchen beauftragen sollen. Sicher hätte sie sie vielmehr vom Gottesdienst der Gemeinde fernhalten sollen. Kein Mensch hat nämlich die Autorität und das Recht, die Aufmerksamkeit der Gemeinde ausgerechnet an sein Christusbild zu binden, und wenn dieses noch so fromm empfunden wäre. Das geschieht aber durch die Anbringung solcher Darstellungen an dem Ort, wo die Gemeinde zum Hören der Schrift, zum Gebet, zur Feier der Taufe und des Abendmahls versammelt wird. Die Verkündigung von Christus ist ein lebendiges Geschehen: sie kann sich von Sonntag zu Sonntag, von einem Prediger zum anderen, auch von Jahrhundert zu Jahrhundert erneuern, erweitern, vertiefen, klären, von etwa eingedrungenen eigenmächtig geformten Bildern reinigen. Das Christusbild auf der Scheibe aber hat die fatale Eigenschaft, unveränderlich sich selbst gleich zu bleiben, sich der Gemeinde dauernd aufzudrängen und in dieser seiner Beharrlichkeit ein Hindernis der fortwährend notwendigen Neugeburt der Verkündigung und des Glaubens zu sein. Aus dem Gottesbild entsteht notwendig die Abgötterei. Die Kirche zerstört sich selbst, wenn sie ihr Vorschub leistet. Was für Apollo am Casino recht ist, ist darum für Christus im Münster noch lange nicht billig!
Ich würde also am kommenden Sonntag ein Nein einlegen, auch wenn Matthias Grünewald selber wiedergekommen und dann, wie es sich gehörte, in der Konkurrenz den ersten Preis erhalten hätte. Eben darum habe ich aber auch den Aufruf des Referendumskomitees nicht unterschreiben können. Meine Sympathie ist bei denen, die von Anfang an — leider nicht mit der nötigen Standfestigkeit! — für die Anbringung von schönen, allenfalls mässig dekorierten, aber im Ganzen blanken Glasfenstern eingetreten sind. Karl Barth.
Quelle: Baseler Nachrichten, Dienstag, 22. Januar 1952, 2. Beilage zu Nr. 32.