Dieser kleine Seufzer. Über das Gebet
Von Karl Barth
Gibt es einen Menschen, der sagen dürfte: Ich kann beten? Ich fürchte, der Mensch, der das sagen wollte, der könnte in Wahrheit gerade nicht beten. Umgekehrt wäre dem, der klagt: Ich kann nicht beten! zuzurufen: Gerade so bist du ganz nahe daran, in Wahrheit zu beten! Das wirkliche Beten ist ja etwas, was wir nicht machen können, sondern was geschieht – nicht auf Grund einer Fähigkeit, sondern auf Grund dessen, daß Gott uns angenommen hat als seine Kinder. Wenn wir seine Kinder sind, dann schreien wir auch zu ihm. Das Gebot der Bibel befiehlt uns: Bittet! Halt dir unseren Herrn Jesus Christus vor Augen, der am Kreuz auch für uns gebetet hat! Dir bleibt nichts anderes zu tun, als seine Gnade anzunehmen. Wenn du ja sagst zur Gnade Gottes, dann gehorchst du jenem Befehl, dann betest du. Dieser kleine Seufzer, mit dem wir zu Gott sagen: Ach ja! das ist das Gebet und die Quelle aller Gebete. Da steckt das ganze Vaterunser darin und jedes Miserere und Gloria, das die Kirche je gebetet hat. In diesem kleinen Seufzer steckt Alles, und Alles muß auch immer wieder zu diesem kleinen Seufzer werden. Da gibt es keine Kunst des Betens. Da gibt es nur das ganz schlichte Dürfen des Kindes Gottes. Daß du von diesem Dürfen Gebrauch machst, das ist es, was du tun sollst, wenn du nicht beten kannst.
Karl Barth, Augenblicke. Texte zur Besinnung, hrsg. v. Eberhard Busch, Zürich: TVZ, 2005, S. 61 (aus: Karl Barth, Gottes Gnadenwahl, 1936 [TEH 47], S. 56)