Neun einleitende Thesen zum Ansatz einer christlichen Theologie (Marburg, 21.1.1970)
Von Ernst Fuchs
- Jede christliche Theologie bezieht sich ihrem Stoff nach auf die sich als Gottesdienst ereignende christliche Verkündigung des als Text ausweisbaren Evangeliums von Jesus Christus.
- Die christliche Theologie muß sich deshalb mit den Voraussetzungen beschäftigen, welche die Teilnehmer am Gottesdienst mitbringen und mitbringen sollen, sobald sie aktiv am Gottesdienst teilnehmen.
- Kriterium der theologischen Vorbereitung des christlichen Gottesdienstes ist das Liebesgebot, wie es von Jesus geltend gemacht und von Paulus und Johannes ausgelegt wurde.
- Jesus, Paulus und Johannes verwenden das Liebesgebot, um den Menschen mit Gottes Gegenwart besonders im Alltag zu konfrontieren.
- Paulus entwickelt aus dieser Konfrontation die Alternative zwischen Glauben und Werkgerechtigkeit.
- Johannes entwickelt aus der gleichen Konfrontation die Überlegenheit einer Raum gewährenden Liebe über eine allen Raum für sich beanspruchende Welt.
- Jesus eröffnet den Raum der Liebe durch sein eigenes liebendes Verhalten in Wort und Tat bis an sein Kreuz.
- Die zentrale Aufgabe einer christlichen Theologie gilt der Auslegung aller am Liebesgebot als Hilfe zur Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus beanspruchbaren Texte, in denen sich die Kraft absoluter Wahrheit als Nähe Gottes in der Liebe zu erkennen gibt.
- Unter dem Gesetz versteht die christliche Theologie dasjenige Sollen, welches beim Menschen das liebende Verhalten hilfreich begleitet. Unter dem Evangelium versteht die christliche Theologie die sich auf den Namen Jesu beziehende Verkündigung der Nähe Gottes sowohl als Liebe als auch in der Liebe.
Quelle: Rein Heijne, Sprache des Glaubens. Systematische Darstellung der Theologie von Ernst Fuchs, Tübingen: J.C.B. Mohr, 1972, S. 178f.