Paul Schempp über Karl Barth 1947: „Wie Barth vor aller Flucht in Weltanschau­ungen warnt, so schiebt er auch im Glauben an die Weltherrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus alle optimistischen oder pessimistischen Perspektiven beiseite. Nüchterne Besonnenheit, Ge­duld, sachliche Arbeit, Absage an reaktionäre Träume, an Sehnsucht nach Führertum und Befehl, an die Sucht, immer andere haftbar zu machen, und dafür ein verantwortliches Ja zum Menschen in den gege­benen und aufgegebenen Formen und Möglichkei­ten der Gemeinschaft, das sind Forderungen Barths, die eine allgemeine Wegrichtung anzeigen. Unermüdlich ermuntert und erinnert Barth die Kirche der Reformation, ihre einzigartige, unentbehrliche, fröhliche und siegreiche Sache recht zu treiben und sich nicht zu verlieren an allerlei gutgemeinte ‚Bewegungen‘, an Bedürf­nisse und Belange und Selbstempfehlungen. Indem sie ganz für Christus da ist, ist sie auch ganz da für die Welt, für die wirkliche Not und für jede Not des Menschen, gerade auch für seine politische Not und Verlegenheit.“

Karl Barth und der Protestantismus (1947)

Von Paul Schempp

Es werden noch viele Bücher geschrieben werden über den Professor der reformierten Theologie in Basel, Karl Barth, sehr viel mehr noch als schon über ihn geschrieben sind. Hier soll nur ein kurzes Wort über seine Stellung und Bedeutung im Pro­testantismus der Gegenwart gesagt werden. Als Barth nach dem ersten Weltkrieg seine Auslegung des Römerbriefs veröffentlichte, geschah in der Welt der deutschen Theologie etwa das, was in einem Ameisenhaufen geschieht, wenn ein Stock in ihn gebohrt wird. Die Skala der Urteile über ihn war groß. „Es ist ein Prophet unter uns aufgestanden“ — „Was er Richtiges sagt, ist nicht neu und was er Neues sagt, ist nicht richtig“; zwischen diesen Polen bewegte sich die Diskussion. Er hat im Lauf der Jahre wechselnd Ketzerhüte und Ehrendoktorhüte bekommen. Ein überall beliebtes Mittel, Lob und Ablehnung zu vereinigen, war und ist dabei die Vivisektion, d. h. die Aufteilung in einen Theologen, einen Kirchenmann und einen Politiker, wobei der gebührend Belobte immer auf ein Abstellgleis zu stehen kommt.

Daß der Protestantismus zugleich eine theologi­sche, kirchliche und politische Wirklichkeit war und ist, sollte nicht zu bestreiten sein. Die Frage, die Barths Wirksamkeit immer wieder stellte und be­jahte. ist die, ob der moderne Protestantismus das Ergebnis einer theologischen, kirchlichen und poli­tischen Fehlentwicklung sei. Dabei muß sogleich ge­sagt werden, daß in der gesamten Arbeit Barths das Positive der Neubesinnung und Neuentfaltung der protestantischen Lehre und Verkündigung im­mer im Vordergrund steht und alle Kritik nur die unvermeidliche Kehrseite seiner neuen Positionen ist. Es wäre ein leichtes, in Barths Entwicklung eine biographische Dreiteilung vorzunehmen von der theologischen Lehrtätigkeit in Göttingen, Münster und Bonn zu der kirchlichen Aktivität seit dem Auftreten der Deutschen Christen im Dritten Reich bis zu den politischen Reden, Aufsätzen und Brie­fen gegen den Nationalsozialismus und zu den heu­tigen Stellungnahmen zu den kirchlichen und politi­schen Zuständen und Ereignissen in Deutschland und Europa. Aber man darf nicht vergessen, daß nicht nur die theologische Arbeit dabei im Zentrum blieb und Barth auch in diesem Sommersemester wieder Gastvorlesungen in Bonn hält, sondern daß der Kirchenmann und der Politiker Barth nur die Konsequenzen aus seiner, theologischen und christ­lichen Erkenntnis gezogen hat und zieht, so daß bei ihm, der immer wieder als Schöpfer der „dia­lektischen Theologie“, als Theologe des Wider­spruchs gelobt oder getadelt wurde, gerade eine seltene Einlinigkeit und Geradlinigkeit in der rei­chen Gedankenwelt und Produktion festzustellen ist.

Die theologische Bedeutung Karl Barths soll hier nur unter drei Gesichtspunkten kurz an­gedeutet werden.

1. Barth fordert und treibt im strengsten Sinn Theologie des Worts. Im Wort allein offenbart sich Gott, und zwar in voller Freiheit ohne An­knüpfung an irgendein als Empfangsgerät für diese Offenbarung anerschaffenes Organ des Menschen, etwa die Vernunft, das Gefühl oder eine religiöse Veranlagung, und Gott, offenbart sich ganz im Wort ohne Aufteilung in eine Vielheit zusammen­setzbarer Wahrheiten und ohne gradweisen Auf­stieg von anfangs- und teilweiser zu wachsender und sich in der Geschichte immer mehr entfalten­der Offenbarung. Dieses Wort der Offenbarung ist Jesus Christus, auf den das Alte Testament vor- und das Neue Testament zurückweist und der im bibelbezogenen Zeugnis der Kirche konkret und gegenwärtig durch seinen Geist sich selbst bezeugt.

2. Barth treibt und fordert im strengsten Sinn Theologie der Gnade. Offenbarung heißt Begna­digung des Menschen, und zwar des ganzen Men­schen, nicht etwa bloß eines minderwertigen oder gottlosen Teils des Menschen, und Offenbarung heißt ganze Begnadigung, welche die Geburt, das Leben, den Tod und das Endgericht umfaßt und bestimmt ohne alle Bedingung der vorangehenden oder nachfolgenden Würdigkeit des Menschen. Nur die Abwehr der Gnade, die verbotene und doch immer wieder geschehende Selbstrechtfertigung des Menschen in allen möglichen Formen der Lebens­klugheit, der Weltanschauungen oder der Flucht in Gesetze und Freiheiten moralischer und unmorali­scher, religiöser und antireligiöser Art betrügt den Menschen um die Seligkeit und verschafft ihm ge­mäß seinem eigenen Willen Verblendung, Schuld und Gericht.

3. Barth treibt und fordert im strengsten Sinn Theologie der Kirche. An der Offenbarung ist und wird der Mensch beteiligt. Ei‘ wird zum Bun­despartner Gottes. Aber so, daß er dabei wirklich als Mensch zu seiner Einzigkeit und Natürlichkeit kommt, indem er verantwortliches Glied der vom Wort lebenden und es begehrenden Gemeinde und Kirche und Christenheit wird. Diese Kirche hat eine Herkunft und ein Ziel, also eine Geschichte; sie kommt her von Israel und geht entgegen dem Reich Gottes, der Wiederkunft Christi, dem Ende und der Erneuerung der Welt. Sie unterscheidet sich trotz aller verbotenen Abkehr von der Welt und aller verbotenen Gleichschaltung mit der Welt im­mer wieder in echter Weise durch die geschehende Offenbarung selbst von der Welt, aber sie scheidet sich nicht von ihr, sondern ist für sie da als Trä­gerin, Angebot und Schützerin der menschlichen Freude, Würde, Freiheit, Verantwortung und Menschlichkeit gegenüber dem Leid, der Schuld und dem Tod auch in deren furchtbarsten Gestal­ten.

Es ist klar, daß man eine Arbeit von drei Jahr­zehnten, die in ein paar Dutzend Büchern, insbe­sondere in einer erst halbfertigen, aber schon fünf Bände umfassenden Dogmatik vorliegt, nicht in eini­gen Sätzen einwandfrei wiedergeben kann,, aber das Gesagte kann doch zur Verdeutlichung der kritischen Anliegen Barths gegenüber der Tradition und der heutigen Gestalt des Protestantismus dienen. Der Protestantismus ist seit drei Jahrhunderten krank. Er krankt hinsichtlich des Wortes an der Angst, in der er die Offenbarung in ein orthodoxes Lehr­gebäude der Buchstabengläubigkeit einzuschließen sucht. Er krankt an der erwachenden Ehrfurcht vor der sich als Offenbarungsquelle ausgebenden Ver­nunft der Aufklärung er krankt an der Erwählung der idealistischen Philosophie zur Bundesgenossin, die er erst beschenkte, dann anpumpte und schließ­lich als untreu entlassen mußte. Er krankt an geschichtsfremdem Biblizismus und an bibelfrem­dem Liberalismus. Er krankt hinsichtlich der Gnade an allerlei Sehnsucht nach Konkurrenz­fähigkeit mit imponierender persönlicher Frömmig­keit und Tugend, nach Ansehen und Leistung oder nach stiller Einkehr und Abkehr von der bösen Welt. Er krankt hinsichtlich der Kirche an Sorge um drohenden Ehrverlust vor der selbstsicheren Naturwissenschaft, der Technik und dem Sozialismus und er krankt, an der goldenen Kette der Staatsgunst, am Bruch zwischen verfaßter Rechtsordnung und selbständigem Leben, an der Auflösung in Betrieb und Vereinswesen, an Zer­splitterung und Selbstkonservierung. Nöte über Nöte die man von außen heilen wollte, Gegen­sätze über Gegensätze, die man mit viel Wärme und künstlicher Diebe überbrücken wollte. Barth war aber alles andere als ein Geschichts- und Zeitkritiker im wilden Konzert der Jahre nach 1918. Es ging ihm darum, im Lichte der Offenbarung die Wirklichkeit zu sehen und aufzuzeigen in ihrer Not und Hoffnung, in ihren Fesseln und in ihrer Frei­heit, und der Kirche einen Schritt weiterzuhelfen in der Rückgewinnung der Gewißheit und Ent­schlossenheit, der Ruhe und Tatkraft, der Buße und Freude, die ihrem Glauben angeboten, für ihre Ar­beit nötig und ihrer Würde entsprechend ist. Als Theologe die Kirche zu ihrer Sache, nämlich zur rechten Verkündigung zu rufen, blieb immer Barths erste Aufgabe.

Er fand als Lehrer und Prediger Hörer. Er wurde auch mit Schülern gestraft und mit Gegnern ge­segnet. Aber der Protestantismus war 1933 im Be­griff, sich mit ganzem oder halbem Willen in die Arme des Nationalsozialismus zu werfen, von dem auch er Rettung erwartete gemäß- der lockenden Parole des „positiven Christentums“. Karl Barth zeigte sich bald in Synoden, Reden und Aufsätzen in nüchterner, energischer und überlegener Weise als beratendes Glied der Bekennenden Kirche in der Abwehr der Deutschen Christen und ihrer „Glaubensbewegung“, aber auch in der Kritik fal­scher Eigen-“Bewegungen“ aus Enthusiasmus oder aus taktischer Klugheit und Sorge. Er konnte al­lerdings, besonders nach seiner Ausweisung aus Deutschland, ein Abgleiten in eine Strategie der Halbheit und der Doppelgleisigkeit von kirchlicher Freiheit und politischer Unterwerfung nicht verhin­dern. Aber er konnte der Bekennenden Kirche in Deutschland gerade in der Periode ihrer Schwäche und Krise von der Schweiz aus gute Dienste tun, vor allem indem er für sie durch die weltweiten Beziehungen, die er längst hatte, unter den Chri­sten in Ungarn. Frankreich, England, Holland, in der Tschechei und Amerika erfolgreich um Ver­ständnis und Freundschaft warb.

Aber Barth blieb nicht nur der Theologe und Kirchenmann, sondern er tat den Schritt, der von der Kirche nicht nur im Lauf ihrer Entstehung und in der Reformationszeit, sondern immer durch ihre Begegnung mit dem Staat zugleich von innen und von außen her gefordert ist, und den sie oft genug in falscher Richtung getan hat, den Schritt zu poli­tischen Entscheidungen. Während der Tschechenkrise des Jahres 1938 schrieb er an einen Kollegen in Prag: „Mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt heute nach menschlichem Ermessen die von Europa und vielleicht nicht nur von Europa.“ Und weiter: „Jeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch für uns — und ich sage es heute ohne Vorbehalt — er wird es auch für die Kirche Jesu Christi tun. die in dem Dunstkreis der Hitler und Mussolini nur entweder der Lächerlich­keit oder Ausrottung verfallen kann.“ Barths ent­schiedene Sprache in der Öffentlichkeit gegen den „neuen Türken“ des Dritten Reiches trug ihm in den folgenden Jahren sogar in der Schweiz von Zensur, Behörde und Regierung manchen Tadel ein, bis mit dem Ende der Invasionsgefahr und dem wachsenden Erfolg der Alliierten der Deutschenhaß geradezu zum Beweisstück echten Schweizertums wurde. Daß er in Deutschland auch von früheren Freunden verfemt wurde, ist wohl eines der vielen Zeichen der politischen Unfreiheit des deutschen Protestantismus. Aber als die Besiegung Hitlers nur noch eine Frage der Zeit war, hat Barth bewiesen, daß seine politische Parteinahme gegen das Nazideutschland Folge seiner christlich-theologi­schen Voraussetzungen war, fern von persönlicher Leidenschaft oder Verbitterung, denn er trat dann auch mit gleicher Aufrichtigkeit und Entschieden­heit für das besiegte Deutschland als Freund‘ und offener Werber für Freundschaft und Hilfe ein.

Barths Blickfeld ist dabei nicht nur Deutschland, sondern Europa, mit seinen heutigen politischen und geistigen Problemen und Aufgaben. Hier geht es ihm um die große politische Verantwortung der Kirche. Wie der deutsche Protestantismus ein nach Licht- und Schattenseiten besonders beispielhaftes, nach seinem Schicksal besonders warnendes, aber auch besonders verheißungsvolles Glied des euro­päischen Protestantismus ist, so ist die deutsche Situation nur ‚ein im vergrößerten Maßstab sicht­bares Bild der europäischen.

Und wie Barth vor aller Flucht in Weltanschau­ungen warnt, so schiebt er auch im Glauben an die Weltherrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus alle optimistischen oder pessimistischen Perspektiven beiseite. Nüchterne Besonnenheit, Ge­duld, sachliche Arbeit, Absage an reaktionäre Träume, an Sehnsucht nach Führertum und Befehl, an die Sucht, immer andere haftbar zu machen, und dafür ein verantwortliches Ja zum Menschen in den gege­benen und aufgegebenen Formen und Möglichkei­ten der Gemeinschaft, das sind Forderungen Barths, die eine allgemeine Wegrichtung anzeigen. Aber ihren Sinn, ihre Kraft und Begründung erhalten sie von der treuen Ausrichtung des der Kirche aufgetragenen Dienstes. Unermüdlich ermuntert und erinnert Barth die Kirche der Reformation, ihre einzigartige, unentbehrliche, fröhliche und siegreiche Sache recht zu treiben und sich nicht zu verlieren an allerlei gutgemeinte „Bewegungen“, an Bedürf­nisse und Belange und Selbstempfehlungen. Indem sie ganz für Christus da ist, ist sie auch ganz da für die Welt, für die wirkliche Not und für jede Not des Menschen, gerade auch für seine politische Not und Verlegenheit. Sie hat nicht hintennach und dann so vorsichtig als möglich, auch nicht als In­teressenvertreterin von nationalem oder bürger­lichem Gedankengut oder gar einer Partei, sondern sachlich und konkret für die Armen vor den Rei­chen, für den Frieden vor dem Krieg, für die Frei­heit vor dem Zwang, für das Recht vor der Ge­walt. für die Gleichheit vor der Ungleichheit, für die Menschlichkeit vor den Ansprüchen der Sachen und Ordnungen einzutreten und in der Bescheiden­heit menschlicher Möglichkeiten, Irrtümer und Feh­ler in den Gemeinden beispielhaft für ein wahrhaft gemeinsames und menschenwürdiges Dasein mitten in der bedrohten und gefährlichen Welt zu existie­ren.

Daß Barth in dem bisher eingeschlagenen Weg der evangelischen Kirche in Deutschland seit dem Zu­sammenbruch des Dritten Reiches zwar einiges Er­freuliche, aber auch sehr viel Unerfreuliches, vor allem viel unevangelischen Klerikalismus und Sakralismus, viel Flucht in liturgischen Zauber und in Führertum zu sehen glaubt und offen darauf hin­weist, hat in der letzten Zeit zu bemerkenswerten Spannungen geführt und zu auffälligen Versuchen, ihn und seine Freunde in Deutschland zu isolieren und vom kirchlichen „Wiederaufbau“ fernzuhalten. Ob die wachsende Zahl seiner Kritiker, die ihn als Ausländer, als linksgerichteten Demokraten, als seiner Vergangenheit untreu gewordenen Politiker oder gar als allzu reformierten Protestanten, der kein Verständnis für die heiligsten Anliegen der Kirche habe, achtungsvoll und schonend, aber auch manchmal in wenig fairer Weise beiseite schieben, mit ihrer Kritik ebenso erfolgreich sein werden wie mit der etwas rasch erfolgten Flottmachung der kirchlichen Betriebsamkeit, ist abzuwarten.

Quelle: Schwäbisches Tagblatt, 3. Jg., Nr. 47 vom 13. Juni 1947, S. 3.

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