Günther Anders, Die Antiquiertheit des Hassens (1985): „Was ich nun auszusprechen im Begriff stehe, wird in den Ohren Friedliebender (auch in meinen) furchtbar klingen, aber es ist unverschweigbar: Gerade die Hasslosigkeit, die Hassunfähigkeit der In­strumente, gerade dieser Defekt ist es, an dem wir zugrunde gehen werden. Gute Zeiten waren das, als Krieger einander noch bedrohten und abschlachteten und als Kriege noch von Hassfähigen geführt wur­den. Die waren noch immerhin Menschen gewesen. Und die einander Hassenden konnten unter Umständen auch einmal aufhören, zu has­sen; und damit auch aufhören, zu kämpfen; und damit auch aufhören, zu vernichten; oder vielleicht sogar anfangen, einander zu lieben.“

Die Antiquiertheit des Hassens

Von Günther Anders

Erstes Stück: Vorgedanken

I

«Sie hassen nichts?»

«Doch», antwortete Zeno. «Etwas schon.»

«Und was?»

«Das Hassen.»

«Sonst nichts?»

«Doch. Noch etwas.»

«Und was?»

«Daß ich trotzdem verpflichtet bin, zu hassen.»

II

Nur unter Ächzen und Stöhnen habe ich es erlernt. Vor nahezu 60 Jah­ren. Durch die Lektüre von Hitlers ‹Mein Kampf›. Das zu lernen, war notwendig gewesen. Denn wer das Infame nicht haßt, der beweist da­mit nicht nur Feigheit, der bringt sich damit auch in den Verdacht, mit dem Infamen unter einer Decke zu stecken. Und der stellt eines Mor­gens ungläubig fest, daß er mit dem Infamen tatsächlich unter einer Decke steckt, als dessen Freund gilt und nicht mehr zurück kann; und der macht sich dadurch selbst verhaßt und wird dann sogar mit Recht gehaßt. Nämlich von denjenigen, auf die es ankommt: die, obwohl sie es hassen, zu hassen, doch hassen.

III

Antisemiten hassen diejenigen, die ihnen das Hassen, nämlich den Genuß des Hassens, mißgönnen. Sie hassen also doppelt.

IV

Wahrer als der berühmte «Ergo-Satz» des Descartes ist der vulgäre, fast allgemein anerkannte: «Ich hasse, also bin ich.» Oder genauer: «Also bin ich ich.» Oder schließlich: «Also bin ich wer.»

Haß ist nämlich nicht nur die (vortheoretische) Urform der Vernei­nung, nicht nur die (sadistische) Vorlust auf die Vernichtung des ande­ren, sondern zugleich auch die Selbstbejahung und Selbstkonstitution durch Verneinung und Vernichtung des anderen. Mindestens ebenso richtig wie Fichtes Satz, daß «das Ich das Nicht-Ich setze», ist der Satz, daß das Ich durch die Ver­nichtung des Nicht-Ich sich selbst ‹setze›. Das gilt sogar schon im physiologischen Sinn. Denn es gibt kein tierisches Wesen, das nicht, um zu überleben, durch seine Not genötigt wäre, andere Wesen als Beute und Nahrung zu verwenden.1

Weniger tierisch oder weniger kannibalisch formuliert: Durch den Haß auf den anderen – auf den Feind oder den Nebenbuhler – und durch deren effektive Auslöschung bestätigt man sein eigenes Dasein. Das «Er soll nicht sein, damit ich sei» des Hassens kulminiert dann nach dem Vernichtungsakt in dem Satz: «Er ist nicht mehr, also bin ich, und zwar als einziger übrig.» Das ist der dritte «cartesianische», der dritte «Ergo-Satz»: Sobald der in dieser Formel formulierte Triumph erreicht ist, legt sich der Haß, um im Schlaf des Gerechten vollends zu verebben.

V

Je länger sich der Akt der Vernichtung hinziehen und je öfter dieser sich wiederholen läßt, um so länger hält auch die Lust des Hassens an und mit dieser auch die Lust am Selbstsein. – Dies der Ursprung des Fol­terns, auf das der Hassende Anspruch erheben zu dürfen glaubt.

Nichts ist dem Hassenden unangenehmer, nichts scheint ihm unfairer als der Blitzsieg. Diesen empfindet er als ebenso frustrierend und blamabel wie die ejaculatio praematura, die ihn um den eigentlichen Spaß betrügt.

Modell für den Folternden ist vielmehr das «Katz-und-Maus-Spiel», da er in diesem nicht nur die «Maus» als Speise genießt, sondern außer­dem sein «Hinter-der-Maus-Hersein», das als Gier halb Liebe und halb Haß ist, und das durch Aufschub der Lust an – und dessen Verwand­lung zu Lust auf – neue Lust erzeugt; und da er auch das Angstpiepen und die Qual des geplagten Tieres – gewissermaßen als Hors d’oeuvre – genießen kann.

Am Ende steht dann freilich nicht nur der Spaß an der bloßen Ver­nichtung des verfolgten Tieres, sondern eben dessen Genuß im buch­stäblichen Sinn – also das «Fressen» – ein Wort, das nicht zufällig das «Auffressen» und den «Fraß» bedeutet, weil eben durch den Akt des Verspeisens Täter und Opfer eines werden. In der wilden Gier des Zer­fleischens und Herunterschlingens wird Haß und Lust ebenfalls eines. Die Redensart des Lustmörders bei de Sade, er habe die Umgebrachte «zum Fressen gern gehabt», war nicht unbegründet.

In anderen Worten: der Hassende verzehrt den Gehaßten und ver­wandelt dessen Leib in seinen eigenen Leib. Der letzte «Ergo-Satz», den der Mörder, seine Lippen leckend, ausspricht (ausspräche, wenn er in der ‹satisfactio post› zum Sprechen aufgelegt wäre), würde daher lauten: «Er ist ich geworden – also bin ich (oder ist) nur ich.» Darin besteht, wie vorher angedeutet, das Finale des Hassens.

Daß Haß und Lust zusammengehören, stammt also aus der Situation der Jagd, in der der Jagende, gleich ob Tier oder Mensch, den Gejagten deshalb verfolgt, weil er diesen «haben möchte», mithin «mag». Nicht zufällig halten sich die mit geladenen Gewehren die Wälder durchstrei­fenden Förster durchweg für Tierfreunde, und das auch dann noch, wenn sie, den bluttropfenden Rehbock auf dem Rücken, Feierabend machen. Verfolgung, Vernichtung und Genuß sind, nicht nur im de Sadeschen Einzelfall, ein Syndrom.

Zweites Stück: L’appétit vient en mangeant

«Hassen Ihre Untertanen», fragte der Philosoph Pyrrhon den Präsidenten Traufe, «ihre Feinde wirklich so rabiat, daß sie es nicht aushalten, diese nicht umzubringen? Mindestens nicht zu foltern?»

Präsident Traufe war nicht nur gemein, gewissenlos und machtsüch­tig; trotz seiner Inferiorität war er so ungewöhnlich schlau, daß er die von ihm Trivialisierten und ihm ähnlich Gemachten bis in den letzten Winkel ihrer Seelen hinein kannte und daß er zuweilen Worte aus­sprach, die philosophisch tiefsinnig klangen. Einsichten nisten sich sonderbarer- und bedauerlicherweise gerne in den Schädeln von Vulgä­ren ein.

«Die meisten Menschen hassen gerne», antwortete er. «Je weniger sie lieben oder je mehr sie es hassen, zu lieben, um so mehr lieben sie es, zu hassen. Durch Hassen, das ja auf die Verneinung, und das heißt eben: auf die Vernichtung anderer aus ist, gelingt es ihnen – dies ist die einfachste Methode der Selbstbestätigung —, sich ihrer eigenen Exi­stenz zu versichern. Ihre Parole lautet (oder würde lauten, wenn ihnen etwas an Parolen läge): ‹Ich hasse, also bin ich›.» Er lächelte nach seiner gescheiten Einsicht süßlich, wie er es als ehemaliger Tenor gewöhnt gewesen war. «Ihre Frage», schloß er, «war entsetzlich naiv.»

Pyrrhon war baß erstaunt über die Klugheit des niederträchtigen Mannes. «Warum naiv?»

«Weil Sie offenbar voraussetzen, daß zuerst das Hassen komme, und dann erst, durch dieses, das Kämpfen.»

«Sondern?»

«Umgekehrt. Zwar sind auch meine Untertanen von der Wahrheit Ihrer irrigen Voraussetzung überzeugt. Aber eben zu Unrecht. Denn wer als zu bekämpfender und zu hassender Feind zu gelten hat, das bestimme ausschließlich ich. Und das tue ich sogar schon Jahre, bevor sie diesen Feind hassen, nein, bevor sie von dessen Existenz überhaupt etwas gehört haben. Jeden ihnen von mir offerierten Feind fressen sie mir aus der Hand. Da sie, wie gesagt, so gerne hassen, ist ihnen jeder recht. Wirkliche Juden benötigen sie gar nicht. Jeden kann ich für sie im Handumdrehen in einen ‹Juden› verwandeln. Es hat mir noch nie­mals eine Schwierigkeit bereitet, ihnen Haß, gleich auf wen, einzufüttern. Und das geht, wie gesagt, deshalb um so mehr, als sie ja das Has­sen als solches mehr lieben, als sie den jeweils Gehaßten hassen. Wenn J sie aber erst einmal brav hassen, dann schlagen sie auch brav zu.» Er zwirbelte seinen Schnurrbart.

«Wollen Sie damit etwa andeuten: Ihre Leute bekämpfen ihre Feinde nicht deshalb, weil sie diese hassen? Sondern sie hassen umgekehrt diese, weil und während sie diese bekämpfen?»

«Damit haben Sie völlig recht. Aber doch etwas zu voreilig. Zwar trifft es schon zu, daß sie ‹ihre Feinde› deshalb bekämpfen, weil sie diese hassen. Nur bricht eben dieser Haß auf «ihre Feinde› weder durch Selbstzündung aus, noch deshalb, weil diese ihnen etwas angetan hät­ten. Sondern allein dadurch, daß (und deshalb, weil) ich ihnen den je­weils fälligen Haß liefere. Den erhalten sie von mir frei Haus. Genauso wie Wasser, Gas und TV. Und diesen ihnen zugestellten Haß konsumie­ren sie dann, und das eben in meinem Sinn: denn nun ziehen sie in der Tat haßerfüllt in den politisch gerade opportunen Kampf. Woraufhin dann nun auch dasjenige wirklich einsetzt, wovon Sie soeben gespro­chen haben: die zweite Phase des Hassens. Dann hassen sie nämlich wirklich durch das Faktum, daß sie kämpfen. Die Regel des Hassens lautet: ‹lch bekämpfe jemanden —dadurch gerate ich ins Hassen. L’appétit vient en mangeant, la haine vient en luttant. Ich hasse ihn – dar­aufhin bekämpfe ich ihn noch wilder. Die zwei: Hassen und Kämpfen steigern sich gegenseitig.»

Pyrrhon war, obwohl an manches gewöhnt, moralisch verdutzt: «Und diesen Mechanismus in Gang zu setzen, das stört Sie überhaupt nicht? Das tun Sie mit gutem Gewissen?»

«Was heißt ‹mit gutem Gewissen›? Im Gegenteil: moralisch ver­pflichtet bin ich dazu!» Er warf sich – ob wirklich oder ironisch, war Pyrrhon nicht klar – in Positur.

«Moralisch verpflichtet?»

«Ja, natürlich! Trauen Sie mir vielleicht zu, daß ich meinem Volk zumute, einfach so zu kämpfen? Sein Leben so zu riskieren? Und so …»

«Was verstehen Sie eigentlich unter ‹so›

«Daß es das motivlos tue. Und lustlos. Einfach ‹for the hell of it›. Und ohne irgend etwas dabei zu fühlen.»

«Also ohne Haß?»

«Na endlich! Und ohne Lust am Hassen. Würde ich nicht meine Leute dadurch mißbrauchen? Zu einem ganz würdelosen Benehmen veranlassen?»

«Wollen Sie damit sagen: dadurch, daß Ihre Leute auf Ihren Wunsch oder auf Ihr Kommando hin Haß verspüren, dadurch bewahren sie ihre Menschenwürde? Oder dadurch gewinnen sie diese sogar erst?»

«Mindestens auf die Illusion von Haß haben sie Anspruch! Damit sie sich nicht einfach als Schlächter fühlen.»

Diese Begründung verblüffte Pyrrhon tief.

«Haben Sie schon einmal ein Schwein geschlachtet?» fragte Präsi­dent Traufe, der es aus populistischen Gründen liebte, sich eine bäuer­liche Herkunft zuzulegen.

«Gott sei Dank noch nie.»

Verächtlich: «Wenigstens ein Huhn?»

«Auch nicht.»

«Sie sind völlig erfahrungslos, mein Lieber», meinte Präsident Traufe, der die Anrede ‹mein Lieber› immer nur aus Verachtung ver­wendete. «Fehlt nur noch, daß Sie auch noch niemals geangelt haben.»

«… und das auch künftig nicht vorhabe», antwortete Pyrrhon, ohne sich im mindesten zu schämen.

«Wer noch nie was getötet hat» (‹Was› nannte er die Tiere, was selbst einem Töten gleichkam), «der weiß überhaupt nichts vom Leben.»

«Möglich. Aber ich reiße mich nicht darum, die Vollständigkeit des Wissens zu erreichen. Ich bin halt nur ein bescheidener Philosoph.»

Präsident Traufe zuckte mit den Schultern. «Kurz und gut: der Metz­ger, der Schweine schlachtet, der haßt diese Schweine nicht. Denn Schweine verdienen noch nicht einmal, gehaßt zu werden. Und der Metzger braucht sie auch nicht zu hassen. Kann sie vielleicht noch nicht einmal hassen. Und er wünscht es auch gar nicht, sie zu hassen.»

Dazu äußerte sich Pyrrhon nicht.

«Die Metzger dürfen also unmenschlich sein.»

«Und?»

«Sollen meine Leute vielleicht solche unmenschlichen Metzger sein?»

Auch darauf antwortete Pyrrhon natürlich nicht.

«Nein! Nicht Menschen gegenüber!»

«Hut ab vor Ihrer Humanität, Herr Präsident!»

«Deshalb benötigen sie das Hassen. Deshalb gönne ich ihnen das Hassen. Deshalb biete ich ihnen das Hassen. Deshalb gebiete ich ihnen das Hassen.»

«Es fehlt nur noch», ergänzte Pyrrhon, «daß Sie das Hassen zur hu­manen Regung deklarieren und als solche mir andrehen!»

«Warum nicht? Widerspräche nicht das emotionslose und kalte Kil­len allen unseren abendländischen Wertvorstellungen?»

«Ich hatte gar nicht gewußt», gab Pyrrhon zu, «eine wie große Rolle die abendländischen Wertvorstellungen» (worunter ich mir übrigens nur wenig vorstellen kann) für Sie spielen. Und die Rücksichtnahme auf Ihre Untertanen.»

Diesmal war der Präsident nicht sicher, ob nicht Pyrrhon ihn verhöhnte.

«Sie meinen, Leute in den Kampf zu schicken, um ‹reine (das heißt: haßlose) Metzgerarbeit› zu verrichten, das hieße, sie entwürdigen?»

Er nickte.

«Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, Ihnen dieses Motiv zu glauben. Wenn Sie Ihren Leuten Haß injizieren, dann ausschließlich deshalb, weil Sie wissen, daß diese, ohne zu hassen – und Hassen ist eben stets mit Lust verbunden, mit Lust auf Vernichten und am Vernichten – nicht gerne kämpfen würden. Und deshalb auch nicht verläßlich kämpfen würden.»

«Da haben Sie nicht ganz unrecht», gab Traufe zu. «Das spielt natür­lich für mich gleichfalls eine Rolle. Darum würde ich auch einräumen, daß meine Leute gar nicht so genau zu wissen brauchen, warum sie ihre Feinde bekämpfen; und wofür sie kämpfen. Und ebensowenig, warum sie diejenigen, die sie bekämpfen, hassen. Hauptsache, sie tun. es. Weil sie dann mit Gusto kämpfen können.»

«Das ist alles nur halbwahr», widersprach Pyrrhon da ungeniert. « Was Sie wirklich meinen, ist, daß Ihre Leute nicht wissen dürfen, daß Sie es ihnen gar nicht erlauben, zu wissen, warum sie ihre sogenannten Feinde hassen und bekämpfen.»

«Ganz unrecht haben Sie nicht.»

«Und warum sprechen Sie eigentlich wieder von ‹ihren Feinden›?Obwohl Sie vorhin doch mit so sympathisch zynischer Offenheit die Wahrheit zugegeben, also erklärt haben, um wessen Feinde es sich han­delt, wer der Produzent der Feindschaften ist. In anderen Worten: das ‹ Warum» ihres Kämpfens kennen, das dürfen die so wenig, daß sie schon gar nicht mehr wünschen, dieses zu kennen. Schon gar nicht mehr wissen, daß sie das nicht wünschen. Weil sie schon gar nicht mehr wissen, daß sie das eigentlich wissen müßten.»

Der Präsident schien amüsiert. Diese Aufzählung der Stadien der Entwürdigung gefiel ihm.

«Sie haben vorhin das Wort ‹ würdelos» in den Mund genommen. ‹ Und behauptet, Sie würden Ihre Leute dadurch entwürdigen, daß Sie diesen zumuteten, zu kämpfen und zu töten, ohne zu hassen. Das Has­sen dürfe man ihnen nicht mißgönnen.»

«Und? Das paßt Ihnen nicht?»

«Nein. Mir würde das Gegenteil passen.»

«Was ist in Ihren Augen also entwürdigend?»

«Daß Ihre Leute hassen sollen oder müssen, ohne zu wissen, warum ‚ sie das sollen oder müssen. Also hassen müssen, ohne die von ihnen zu Hassenden auch nur zu kennen.»

«Aber ich bitte Sie! Das ist doch wahrhaftig kein so großes Malheur!

Daß sie die nicht kennen, das fällt denen doch überhaupt nicht auf! Das wissen die doch nicht einmal!»

«Sie verdienen wahrhaftig eine Medaille für Verachtenkönnen!» meinte Pyrrhon.

«Danke! – Wenn ich denen den Haß erst einmal eingeimpft habe, dann glauben sie nämlich, die Gehaßten auch zu kennen. Die hassen doch Personen oder Gruppen nicht deshalb, weil sie deren hassenswerte Züge kennen. Umgekehrt glauben sie, wenn sie jemanden has­sen, diesen vermittels ihres Hassens auch zu kennen. Und auf Grund dieses angeblichen Kennens hassen sie die dann noch mehr. Es gibt ein nettes Gesetz: angeblicher Haß und angebliche Kenntnis steigern sich gegenseitig. Auf dieses Gesetz können Sie sich verlassen!»

«Ich?»

«Schön. Man kann sich darauf verlassen.»

Diese Gemeinheit brachte Pyrrhon erst einmal zum Verstummen. «Die Kulmination fehlt mir noch», sprach er dann verdüstert.

«Was meinen Sie damit?»

«Schließen müßten Sie nämlich so: Wenn einer den, den er gehaßt hat, erst einmal wirklich umgebracht hat und dessen blutenden Leib nun vor sich sieht, dann weiß er noch besser als vorher, daß er ihn gehaßt hat. Und am nächsten Tag, wenn der Leichnam zu stinken beginnt, dann wird die Rechtfertigung endgültig. Denn der Ekel vor dem I Kadaver beweist dem Mörder vollends, wie recht er gehabt hatte, den Umgebrachten zu hassen und daraufhin umzubringen: Der Kadaver macht alles legitim.» Sprach’s und stand auf.

Der Präsident war fassungslos über diese Kenntnis Pyrrhons. «Wo-1 her wissen Sie denn das?» fragte er, und der Ton seiner Stimme verriet, daß er dem Philosophen eigentlich kein Recht auf diese Einsicht zugestand.

«Weil die Anständigkeit die Gemeinheit durchschaut», antwortetet Pyrrhon. «Aber nicht umgekehrt.»

Drittes Stück: Zweites Gespräch mit Präsident Traufe
Jeder Platz liegt an der Front

«Unser gestriges Gespräch über die Herstellung des Hasses war eigent­lich Unsinn», begann Pyrrhon.

«Warum?»

«Weil Ihre sogenannten Soldaten…»

«I beg your pardon. Warum ‹sogenannte›?»

«Als wenn Sie das nicht selber wüßten!»

«Nein! Das weiß ich nicht selber.»

«Ihre Leute sehen doch diejenigen, die sie auf Ihren Befehl und in Ihrem Interesse hassen und umbringen, überhaupt nicht. Nennt man so was ‹Soldaten›?»

«‹So was›!»

«Jawohl. Die bleiben doch von ihren sogenannten Feinden so weit entfernt, die haben doch in solche Fernen zu zielen, daß sie schon gar nicht mehr wirklich ‹zielen›, daß sie ihre Opfer schon gar nicht mehr wahrnehmen, von ihnen schon gar nichts mehr wissen, nein: sie schon gar nicht mehr meinen können. Weder vorher noch währenddessen noch nachher. Nennt man solche Wesen «Soldaten›? Und wie sollte es diesen Leuten möglich sein, gegen Menschen, denen sie niemals begeg­net sind, und denen (da sie sie ja vernichten) niemals begegnen werden, Haß zu empfinden? Und wozu sollten diese Leute, die ja gar nicht mehr Mann gegen Mann kämpfen, die ja auch gar kein Schlachtfeld mehr mit ihren Feinden teilen, sondern im besten Fall irgendwo, wo weit und breit keine Feinde mehr zu entdecken sind, irgendwelche Geräte bedie­nen – wozu sollten die eigentlich noch Haß benötigen? Ist das nicht, wäre das nicht ein ganz überflüssiges Gefühl? Ein ganz antiquiertes? Und warum legen Sie einen so großen Wert darauf, dieses überflüssige Gefühl künstlich herzustellen?»

«So unrecht haben Sie da vielleicht nicht», gab Präsident Traufe, offenbar etwas unsicher gemacht durch das gestrige Gespräch, zögernd zu.

«Unser technischer Fortschritt», stieß Pyrrhon nach, «hat es ja mit sich gebracht, daß es sogenannte Schlachtfelder …»

«I don’t like that word!»

«Wie zartbesaitet Sie heute sind! – Daß es – bedaure – ‹Schlachtfelder› nicht mehr gibt. Den Ausdruck, auf den Sie heute so allergisch reagieren, werden wir uns wohl fürderhin verkneifen dürfen. Was ich Sie und auch mich selbst frage, ist ja: wozu Ihre sogenannten Soldaten …»

Wiederum zuckte der Präsident zusammen.

«… eigentlich noch hassen sollten, da sie sich ja, um ihre Feinde zu finden, zu bekämpfen und säuberlich auszumerzen, auf kein sogenann­tes ‹Schlachtfeld› mehr zu begeben brauchen. Wozu also?»

Nach einer Pause kam statt einer Antwort eine ganz lahme Ausrede: ««Schließlich», beteuerte Traufe, «kann man denen doch nicht zumuten, einfach so, ich meine: ohne alle Emotionen …»

«Ach was! ›» schnitt Pyrrhon ihn ab. «Diese Sentimentalität haben Sie gestern schon behauptet. Sie wissen sehr genau, wie gut man das kann. Im übrigen muten Sie selbst denen das ja täglich zu.»

Dazu äußerte er sich nicht.

«Und natürlich gilt das auch von den anderen.»

«Was?»

«Das Nichthassen.»

«Von welchen anderen?»

«Von welchen? Offenbar ersparen Sie es sich nicht nur, Ihre soge­nannten Feinde zu hassen, sondern auch an diese überhaupt Gedanken zu verschwenden. Auch die haben nämlich aufgehört, ihre Feinde (also Ihre Soldaten) zu hassen. Das können die sogar gar nicht. Und zwar deshalb nicht, weil Ihre Soldaten so weit entfernt, daher unwahrnehm­bar, bleiben. Das gilt vor allem von der bedrohten oder effektiv an­gegriffenen Zivilbevölkerung. Kein Zivilist benötigt ja noch ein – verzeihen Sie bitte diese letzte Wiederholung des Ihnen so zuwidern Wortes – ein Schlachtfeld, um seine Pflicht zu erfüllen. Auch die kön­nen ja ihre Pflicht sehr bequem zu Hause absolvieren.»›

«Welche Pflicht?»

«Welche! Nun, natürlich die, Ihnen zu Gefallen zu krepieren. Auch die Zivilisten können sich ja die Mühe ersparen, sich auf Spezialplätze (deren Namen ich nun nicht mehr ausspreche) zu begeben, um auf die­sen ihre Feinde zu treffen bzw. von diesen, im wahrsten Sinn des Wor­tes, ‹getroffen› zu werden. So sind ja schon die meisten Vietnamesen aufs bequemste zu Hause verbrannt. Nein, unseren Tod außerhalb ‹ein­zuholen›, so wie wir Lebensmittel im Laden einholen, solche Umstände werden uns Heutigen nicht mehr zugemutet. Genauso wie Wasser, Gas und elektrischer Strom wird uns heute auch der Tod frei Haus gelie­fert.»

«Wie Sie das nur vergleichen können!»

«Das nicht zu vergleichen, wäre reine Zimperlichkeit!»

Dieses Wort liebte der Präsident natürlich gar nicht.

«Und das gilt nun eben auch vom Haß. Womit ich nicht nur meine – darauf werde ich noch zu sprechen kommen daß das Hassen uns gebrauchsfertig geliefert wird; was ich hier erst einmal meine, ist, daß Wir heutigen Zivilisten uns die Mühe, die uns Angreifenden, also un­sere prospektiven Mörder, eigens zu hassen, ersparen können. Nein, ich gehe ja, wie Sie seit gestern wissen, sogar so weit, zu behaupten, daß Wir gar nicht mehr fähig sind, sie zu hassen. Schon seit vierzig Jahren nicht mehr. Daß wir sogar post festum…»

«Bitte?»

«Nach dem Angriff. Daß wir sogar dann noch unfähig sind, unsere Mörder zu hassen.»

«Woher wollen Sie das denn wissen?»

«Ich will nicht. Ich weiß es. Aus der verläßlichsten Quelle, die es gibt. Nämlich aus den Mündern der zufällig noch Überlebenden von Hiro­shima. Keinem von denen ist es nämlich nach der Katastrophe eingefal­len, die Amerikaner zu hassen. Sie hatten auch gar keine Zeit dafür und keine Lust dazu. – Kurz: dieses Gefühl können wir streichen.»

«Streichen?»

«Jawohl, streichen. Gefühle sind nicht weniger geschichtlich, nicht weniger veränderbar, nicht weniger vergänglich als Ideen, deren Wech­sel in Philosophie- und Religionsgeschichten dargestellt wird. Nur ist die Geschichte der Gefühle nie aufgezeichnet worden – eines der schlimmsten Desiderata der sogenannten Geistesgeschichte. Gleich­viel: das Gefühl des Hassens liegt im Sterben.»

Das war natürlich neu für Präsident Traufe. Und nicht nur neu, son­dern natürlich auch höchst unangenehm. Die Antiquiertheit des Has­sens und Gehaßtwerdens wollte er nicht wahrhaben. Er blickte Pyrrhon sonderbar an.

«Sie blicken mich so an, als mißgönnte ich Ihnen etwas.»

«Mindestens meinen Leuten.»

«Von ‹Mißgönnen› kann gar keine Rede sein, dieser Ausdruck unter­stellt ja, daß Ihre Soldaten eigentlich Anspruch auf Hassen hätten. Den diese natürlich nicht haben. Im übrigen hat die Tatsache, daß Ihre Leute ihre sogenannten Feinde, also die Millionen, die sie zu vernichten lernen und unter Umständen wirklich vernichten, nicht hassen, noch einen weiteren Grund.»

Auf den hatte er natürlich wenig Lust – worum Pyrrhon sich aber nicht kümmerte. «Dieser Defekt rührt nämlich nicht nur daher, daß sie aus zu großer Entfernung kämpfen; sondern auch daher, daß sie, Strenggenommen, nicht mehr kämpfen, also gar nicht mehr Soldaten sind.»

«Was heißt das? Was tun sie denn?»

«Sie arbeiten.»

Traufe schwieg eine Weile, um das Wort zu verdauen. Dann fragte er:

«Und was meinen Sie damit wieder?»

«Daß sie die Ziele und die Resultate ihrer Tätigkeiten und die Er­zeugnisse ihrer Produktion …»

«Welche Erzeugnisse?»

«Welche Erzeugnisse! Nun, die Millionen von Leichen und die Wü­steneien, die sie herstellen – daß sie die während ihrer Beschäftigung ebensowenig vor sich sehen und post festum …»

«Nach welchem Fest?»

«Nach der durchgeführten Vernichtung. Und post festum ebensowenig hinter sich sehen, wie Fabrikarbeiter die Endprodukte ihrer Fließ­bandarbeit vor sich oder hinter sich sehen.»

«Millionen von Leichen als Arbeitsprodukte! Heikel sind Sie in Ihrer Wortwahl nicht gerade.»

«Dear Sir, ist es Ihnen denn nicht klar, daß ich von Ihren Prinzipien spreche?»

«Aber diese beim Namen zu nennen!» Er schüttelte seinen Kopf.

«So zimperlich im Sprachlichen sind immer nur diejenigen, die als Tuende überhaupt keine Zimperlichkeit kennen.»

Dazu äußerte sich Traufe nicht.

«Sie meinen: das, was Ihre Soldaten anrichten, das sei nicht so ab­scheulich; ‹the spade› zu benützen, nicht so schockierend; abscheulich und schockierend sei allein, ‹to call a spade a spade›

«Aber daß es endgültig aus sein soll mit dem Hassen, das kann ich nicht fassen.»»

«Da Schießende», erklärte Pyrrhon, «schon seit der Erfindung des Pulvers von ihren Opfern weit entfernt blieben, entwickelten sie – dar­über haben wir ja bereits gesprochen – viel weniger Haß als die ehema­ligen Nahkämpfer. Es wäre geschichtsphilosophisch naiv, zu glauben, ‹der Mensch» bleibe «emotional konstant». Davon kann gar keine Rede sein. Emotionen hängen vielmehr von jeweiligen geschichtlichen Si­tuationen ab, namentlich von den technischen Instrumentarien. Die Affekte eines Mannes am MG (gar eines Bomberpiloten, sofern der überhaupt noch Emotionen hat bzw. benötigt) ähneln nicht mehr im mindesten denen eines bei Salamis kämpfenden Hopliten, gar denen eines Steine schleudernden Homo Pekinensis. Und das gilt eben nament­lich vom Haß, der im Zeitalter weitreichender Artillerie zum Anachro­nismus geworden ist. Die schon im Ersten Weltkrieg millionenfach ver­breiteten Vulgärreime «Jeder Brit ein Tritt, jeder Franzos ein Stoß» waren schon damals anachronistisch, denn getreten und gestoßen wurde auch damals schon kaum mehr; durch die, namentlich den im Hinter­land Zurückgebliebenen, injizierte Illusion, daß sich der Krieg aus Nahkämpfen zusammensetze, versuchte man, die automatisch nicht mehr entstehende aber gewünschte Haßlust, die emotionale Moti­vierung für den Krieg und für die durch diesen verursachten Nöte nachzuliefern. Daß das alles schon im Ersten Weltkrieg so gewesen ist, das weiß ich aus den Mündern von Männern, die vor 1917 vor Ver­dun Maschinengewehr-Einheiten angehört hatten. Wenn die einen Sektor mit einem schweren MG zu ‹bestreichen› hatten – «bestreichen» nennt man das, als wenn es sich um Semmeln handelte um den Durchbruch einer feindlichen Infanteriekompanie aufzuhalten, dann war, was sie taten, schon eigentlich kein «Kämpfen» mehr. Im besten Fall – ich wiederhole den Ausdruck – «arbeiteten» sie. Etwa so, wie Feuerwehrmänner arbeiten, die in eine vordringende Feuersbrunst ih­ren Wasserstrahl hineinschießen. Und selbst wenn sie (die deutschen MG-Schützen) gleichzeitig von ihnen unsichtbar bleibenden französi­schen Maschinengewehren beschossen worden wären, hätten sie doch nicht eigentlich ‹im Kampf» gelegen, denn dann hätte es sich ja um ein Dreiecksverhältnis gehandelt: Sie wären ja von einer fernen Gruppe beschossen worden, die sie selbst nicht bekämpfen konnten; während sie auf eine Gruppe schossen, die, vorstürmend, verhindert war, auf sie zu schießen. In dieser komplizierten Situation konnte Haß nicht entstehen. Ob Haß aufkommt oder nicht, hängt also von der Konstel­lation ab: nicht allein von der weiten, die Gegner voneinander tren­nenden Distanz, sondern auch von der Art der Konfrontierung; da­von, ob Konfrontierung überhaupt stattfindet. Wer hätte in dieser Situation wen hassen sollen und hassen können?»

«Woher wissen Sie denn das alles?»» fragte Präsident Traufe ver­wundert und in einem Ton, als hätte Pyrrhon kein Recht auf seine Einsichten. «Sie sind zwar reichlich alt, aber den Ersten Weltkrieg können Sie doch nicht schon mitgemacht haben. Und den Zweiten nicht mehr.»

«Richtig. Aber wer den Triumph des Drecks verhüten will, der muß über den Dreck Bescheid wissen.»

«Ich bin im Krieg gewesen», erklärte Präsident Traufe, «aber das… woher wissen Sie denn das alles?»

«Sie haben das alles eben nur gesehen. Und sich mit Ihren Augen begnügt. Aber Sie haben sich das Gesehene nicht klargemacht, es ist ein blinder Fleck geblieben.»

«Und Sie?»

«Ich dagegen habe es mir, obwohl ich es nicht gesehen habe, vorge­stellt. Und darum weiß ich es.»

Traufe schüttelte seinen Kopf, und das sah so aus, als wollte er Pyrrhons Worte als inakzeptabel von sich abschütteln: «Das alles paßt mir nicht», erklärte er schließlich.

«Was paßt Ihnen nicht?»

«Nichts paßt mir. Weder, daß Sie der Vorstellung den Vorrang geben vor der Wahrnehmung. Noch, daß Sie die Kriegstoten als Produkte einer Soldatenarbeit bezeichnen.»

«Sie fallen immer wieder zurück. Ich hatte Ihnen doch gesagt: zim­perlich gegenüber Einsichten und Wörtern sind vor allem diejenigen, die gegenüber den barbarischen Effekten, die diese Wörter bezeichnen, ganz unzimperlich bleiben; die sogar diese barbarischen Effekte, zum Beispiel die Ausrottungen von Bevölkerungen, selbst durchführen las­sen. Truman bleibt das klassische Beispiel. Gegen das Wort «mass killing› verwahrte er sich ärgerlich. Aber eben nur gegen das Wort.»

Er blickte Pyrrhon erstaunt an.

«Im übrigen», sagte der und machte nun einen neuen Schritt, «ist das Wort ‹arbeiten›, das Sie so unerträglich zynisch finden, weil sie nicht die Toten als ‹Produkte› anzuerkennen wünschen, selbst noch ein Euphe­mismus. Eine Verhübschung des Tatbestandes. Denn, was im Krieg morgen vor sich gehen wird und was Sie heute schon eindrillen lassen, das ist nicht nur kein Kämpfen mehr, sondern auch kein Arbeiten mehr.»

«Sondern?»

«Ein bloßes Auslösen. Die morgen entscheidenden Tätigkeiten wer­den als bloßes Auslösen von Effekten vor sich gehen, die dann, welten­weit von den Auslösern entfernt, passieren werden. Sofern die Auslöser überhaupt noch aus Menschen bestehen werden. Denn oft – das ist zumindest die Forderung (um nicht zu sagen: das Ideal) – sind es ja bereits Geräte, die das ‹Losgehen› der Krieg führenden Geräte auslösen werden, Geräte zweiter Ordnung, mit denen wir armen zurückbleiben­den oder zurückgebliebenen Menschen, Sie eingeschlossen, nur noch wenig zu tun haben. Auslöser lösen die Auslösung von Auslösern aus. Diese Iteration tendiert endlos zu werden; aber in Wahrheit steht am Ende – die Vernichtung. Was heute gilt, ist ein Numerus clausus für Menschen, die, Tausende von Meilen entfernt vom Bereich des Unheils, sich (sofern noch selbst am Leben) im besten Fall damit beschäftigen, ihre Hände in Unschuld zu waschen, also völlig haßlos zu bleiben, während die von Geräten gesteuerten Geräte sich pflichttreu tummeln, um ahnungslos millionenfach Leben auszurotten. Die meisten, Sie inklusive, wissen gar nichts (‹wissen› im Sinn von ‹sich vorstehend und brauchen auch gar nichts zu wissen von dem, was da vor sich geht, also zum Beispiel von der radioaktiven Veraschung von Millionen, die sie auf einem ihnen unbekannten antipodischen Kontinent durchführen. Und selbst dann, wenn sie es wünschten, könnten sie sich die Effekte weder vorstellen, noch erkennen, noch, wenn geschehen, erinnern oder gar bereuen oder gar wiedergutmachen. Denn die Effekte sind über­schwellig. Wer, frage ich Sie von neuem, soll unter diesen Umständen noch hassen! Noch hassen können? Wer sollte Kampfgier noch benöti­gen oder des Hassens fähig sein? Oder sollte vielleicht auch das Hassen von Geräten geleistet werden? Wenn es schon Geräte gibt, die, wie Denkunfähige behaupten, denken können, warum sollten nicht andere Apparate zu fühlen erlernen? Wie wär’s, Herr Präsident, mit Haßapparaten?»

Pyrrhons Miene verriet nicht, ob er im Ernst sprach oder im Scherz.

«Ich weiß: soweit ist man auch in Ihrem Land noch nicht. Gleich­viel: solange in verflossenen Zeiten Soldaten Order erhalten hatten, den Feinden, mit denen sie handgemein wurden, den Schädel einzu­schlagen oder ihre Bajonette in deren Bäuche zu rammen, wenn sie nicht wünschten, daß ihnen selbst.das zustoße – solange war es ihnen gewiß leichtgefallen, in ihren Feinden nicht nur ‹Feinde› zu sehen, son­dern sie mußten diese (sowohl vorher wie währenddessen wie nachher) auch wirklich hassen. Die Nähe wirklichen Kampfes erfordert in der Tat Haß. Und nur sie macht Hassen möglich. Schon 1914 wurde, ob­wohl wirklicher Nahkampf bereits zu den Seltenheiten gehörte, zum Zweck der Haßerzeugung der Bevölkerung die Illusion von Nahkämp­fen eingeredet, die emotionale Motivierung für ihre Loyalität wurde ihnen gewissermaßen nachgeliefert. Die so beliebten und weit verbrei­teten Vulgärparolen Jeder Franzos ein Stoß, jeder Brit ein Tritt› gaben vor, daß es sich in diesem Krieg noch um ‹lustiges› Stoßen und Treten handelte; mit Hilfe dieser Reime wurde der Haß und die Haßlust, die durch die Mechanisiertheit der Kriegstechnik schon damals schwer aufkommen konnten, angeheizt.»

Für Präsident Traufe, der damals noch nicht gelebt hatte, war das hochinteressant.

«Aber heute?» fuhr Pyrrhon fort. «Warum auch heute noch?»

Das konnte Präsident Traufe nicht beantworten.

«Dann können Sie mir vielleicht wenigstens mitteilen, mit welchen Mitteln Sie den total überflüssigen Haß herstellen?»

Auch dieser Frage war Traufe nicht gewachsen.

«Dann werde ich Ihnen die Antwort ins Gesicht sagen: Durch Herstellung von Ersatzfeinden tun Sie das. Durch Verteilung irgendeines Typs, einer Gruppe, vorzugsweise einer wehrlosen Minorität, die zu­meist mit denen, die geschlagen oder ausgerottet werden sollen, nicht das mindeste zu tun hat. Wenn Sie wünschen, daß Ihre Leute einen ihnen unbekannten, von ihnen nicht wahrgenommenen, auch unwahr­nehmbaren und unhaßbaren A bekämpfen oder ausrotten, dann erzeu­gen Sie in ihnen, mit Hilfe sprachlicher oder karikaturistischer Mittel, Haß auf einen B, den sie zu kennen glauben; einen Haß, von dem befeuert oder vergiftet sie dann den A umbringen. Qui pro quo.»

«What’s that?»

«Nur lateinisch. – Warum grinsen Sie?»

«Weil mir das bekannt vorkommt.»

«An was erinnert Sie denn das?»

«An Gis am Feierabend, die sich mit Hilfe von mighty sexy pin up-girls scharf machten, um dann auf die faden girls, die ihnen zur Verfü­gung standen…»

«Scharf schießen zu können?»

«You said it, buddy.»

«Ja. Die Parallele ist perfekt. Es gibt eben auch pin up-Bilder von Hassenswerten, deren Bewandtnis es ist, Haß zu erzeugen, Haßgeilheit und -lust, gleich auf wen. So bestand zum Beispiel der Zweck der vom Stürmer…»

«Von was?»

«Das war ein obszönes antisemitisches Hetzblatt während des Drit­ten Reiches. Also der Zweck der von diesem Stürmer gelieferten Hetz­bilder von Juden und Bolschewisten bestand darin, die sogenannten Volksgenossen aufs Morden als solches scharf zu machen. Aufs Mor­den von wem auch immer. Ganz gleich von wem. Nein, ganz gleich nicht. Denn losschlagen sollten die durch die Obszönitäten Gereizten in erster Linie auf die Russen, zwecks Kolonisierung der Ukraine und des Kaukasus. Indirekt warb der Antisemitismus für die Eroberung von Weizen und Öl.»

Präsident Traufe wischte seine Stirn und machte ein ungewohnt seriöses Gesicht. «Das muß ernsthaft durchdacht werden», sprach er. Dann aber zuckte er plötzlich zusammen. «Sagen Sie», fragte er voller Verdacht, «wollen Sie mich damit etwa mit den Nationalsozialisten vergleichen?»

«Warum schon wieder so zimperlich?» besänftigte ihn Pyrrhon. «Bleiben wir doch bei der Sache selbst: Bei der Herstellung von Ersatz­feinden. Am liebsten stellten die Nazis dem deutschen Volk Ersatz­feinde als angebliche Hauptfeinde zur Verfügung, die mit den wirklichen delendis – mit denen, die wirklich unterworfen oder ausgerottet werden sollten – gar nichts zu tun hatten. Übersehbare Gruppen wie die der Juden oder der Zigeuner, die gefahrlos in einem Aufwasch dann mit zugrunde gerichtet werden konnten, sogar sollten, aber eben nicht die Hauptziele waren; und die außerdem so wehrlos waren, daß sie zu hassen selbst für die Feigsten risikolos blieb, nein: ein Vergnügen darstellte. Anzunehmen, daß Hassen und Bekämpfen dem gleichen ‹Gegenstand›, also dem gleichen ‹Feind›, gelten müsse, ist ein Vorurteil. Jedermann kann man es zumuten, daß er, wenn man ihm Haß auf A injiziert hat, gerne auf B losgehen und diesen liquidieren werde—wobei es sich empfiehlt, dem wildgemachten Angreifer freizustellen, den A auch gleich mit vom Tisch zu räumen.

Im Notfall können als Ersatzobjekte für den Haß sogar «Feinde» die­nen, die überhaupt nicht existieren. Wie gerne hatte man bis ins 18. Jahrhundert hinein Hexen, die es ja schließlich nie gegeben hatte, dem Volk zum gefälligen Fraß vorgeworfen. Und wie freßlustig hatten sich die Bedienten auf den ihnen vorgeworfenen Fraß gestürzt! – Übrigens sind auch die Ersatzodiosi und Ersatzopfer den zum Hassen Verführten oft unbekannt gewesen. Die meisten Deutschen in der Nazizeit waren nicht nur den «eigentlichen» Feinden, den Sowjetrussen, niemals begeg­net, sondern auch den Ersatzfeinden, den Juden, nicht. Aber Haßbegierige sind bescheiden. Sie begnügen sich mit Substituten, von denen sie ebensowenig Ahnung haben wie von den «Originalen›. Und lassen es sich nicht zweimal sagen, die untergeschobenen Ersatzfeinde zu hassen. Und, wie gesagt, sogar wenn es sie gar nicht mehr gibt: der Antisemitismus ohne Juden in Deutschland und Österreich blüht noch immer.»

«Das ist wirklich bemerkenswert», sprach da Präsident Traufe. Und sah dabei zum erstenmal wirklich wie ein erwachsener, denkender Mensch aus. Man hätte es nicht für möglich gehalten.

Viertes Stück: Die lieben Artilleristen

Ich erinnere mich, daß in meiner Kindheit in der Garnisonsstadt Bres­lau während des Ersten Weltkrieges die Artilleristen, weil sie nicht di­rekt kämpften und nicht im Mann-gegen-Mann-Kampf gedrillt wur­den, «unsere lieben Artilleristen» genannt wurden. Und in der Tat wa­ren sie auch, obwohl die Zahl ihrer wirklichen und prospektiven Opfer vermutlich nicht geringer war als die der Infanteristen, vielleicht sogar höher, besonders gutmütige Typen geblieben. Nicht nur die «Banalität des Bösen» gibt es, sondern auch die «des Guten». «Kein Artillerist krümmt einer Fliege ein Haar» (Molussisch).

Kurz: Artilleristen bleiben, da sie ihre Zielobjekte nie wahrnehmen (bestenfalls winzig, da­durch imaginär), also da sie nicht sehen und da­mit «nicht wissen, was sie tun», haßloser als die Mitglieder der anderen ‹Waffengattungen›, die noch 1914 gezwungen waren, im Nahkampf gegeneinander zu wüten, sogar gerne zu wüten; und die, obwohl sie einander zu hassen vorher gar keine Gelegenheit und nicht den gering­sten Anlaß gehabt hatten, es nun nicht vermeiden konnten, durch das Kämpfen in Haß aufeinander zu geraten.

Noch haßloser als diese waren die Bomberpiloten des Zweiten Welt­krieges gewesen, die in den relativ seltenen Fällen von Luftkämpfen sich noch chevaleresk benahmen, mindestens als good sports fürein­ander fühlten. Haßlos blieben sie aber vor allem deshalb, weil sie in ihren allnächtlichen Bebombungsflügen überhaupt nicht mehr kämpften, sondern ‹nur› vernichteten; und zwar nicht ihresgleichen, sondern (ihnen kaum sichtbare) Installationen, Städte, Bevölkerungen. Sie ha­ben mit ihren «Feinden» (sofern man das Rohmaterial, aus dem sie Asche produzierten, «Feinde» nennen darf) überhaupt nicht mehr auf einer und derselben «Ebene» agiert; vielmehr aus einer Dimension an­gegriffen, die sich weit über ihrer «Carthago delenda» ausbreitete: eben aus der Luft. «Schlachtfelder» gab es nicht mehr. Und wird es künftig nicht mehr geben. Die sind antiquiert.

Dazu kam, daß die «Kämpfe» gar nicht gleich auf gleich vor sich gingen, da ja die Angreifer fast ausschließlich auf Zivilisten oder zivile Zentren abzielten: so daß es zum Hassen (das den wahrscheinlichen Widerstand des Gehaßten voraussetzt) nicht mehr kommen konnte – in der Tat war die Distanz (und Differenz) zwischen Angreifern und Angegriffenen so groß, daß nicht nur die Angreifer die Angegriffenen nicht hassen konnten, sondern (wie ich aus den Mündern von Überle­benden in Hiroshima weiß) auch die Angegriffenen nicht die Angreifer- Der Kampf (wenn bei der grundsätzlichen Wehrlosigkeit der Opfer, die das Wesen der heutigen Kriege ausmacht, von «Kämpfen» noch ge­sprochen werden darf) war so wenig «gleich auf gleich» wie etwa beim Heringsfang, bei dem ja die Heringe keine Chance haben, sich zu weh­ren oder gar zum Gegenangriff anzutreten.

Gleichviel, was uns hier angeht, ist nicht die Wehrlosigkeit der Ange­griffenen, sondern die Haßlosigkeit der Angreifer. Auf meine Frage an Claude Eatherly, ob er die durch seine Rückmeldung nach Tinian («no cloud, go ahead» oder dgl.) zum Tode verurteilten Hiroshimaner auch nur einen Sekundenbruchteil lang (vorher, währenddessen oder nach­her) gehaßt habe, blickte er mich mit Recht wie einen Idioten an und fragte zurück: «Why the heck should I have hated them?»2 Dieser im­merhin nicht unwichtige Teilnehmer am vorigen Krieg kam also schon gar nicht mehr auf den Gedanken, daß im Krieg Haß erforderlich, gar natürlich sei. Und andere Piloten (man kann nicht sagen «seinesglei­chen»), die ich während ihres Urlaubs vom Morden in Ostasien in Kali­fornien kennenlernte, rechneten es sich sogar als tugendhaft, sogar als christlich an, daß sie die «Missionen» haßlos durchführten. Was sie taten, war ihnen gleich. Nur was sie dabei fühlten oder nicht fühlten (eben Haß), zählte. Nur das rechneten sie sich an. Auf den doch eigent­lich nicht so fernliegenden Gedanken, daß Hassen ohne Töten immer noch besser gewesen wäre als Töten ohne Hassen, ist keiner von ihnen gekommen. Durfte keiner von ihnen kommen. Durfte keiner kommen können. Je weiter entfernt der Feind, um so schwieriger und um so unwahrscheinlicher wird «natürliches» Entstehen von Haß.

Daß es noch immer Militärs und Politiker gibt, die Haß als Kampfanimator überhaupt noch für erwünscht oder gar unentbehrlich hal­ten, ist eigentlich nicht einzusehen. Vermutlich tun sie das aus schierer Dummheit. Gleichviel, die an der Vorbereitung und an der Durchfüh­rung von Kriegen Interessierten – und das gilt von den heutigen ameri­kanischen Taktikern genauso wie es vor 40 Jahren von den deutschen gegolten hatte – hielten es für wünschenswert oder nötig, daß die von ihnen zum Kämpfen oder Vernichten Angestellten oder Genötigten (durch Angestelltsein Genötigten) ihre Auftragsarbeiten nicht ohne Haß verrichten. Da, wie nachgewiesen, dieser heute nicht mehr auf natürliche Weise, weder vorher noch en mangeant, d. h.: durch das Kämpfen entstehen kann, muß er künstlich erzeugt und in die Kämp­fenden injiziert werden, und zwar pausenlos. (Nein: von «müssen» kann im Ernst natürlich nicht gesprochen werden.) Gleichviel, die Haßerzeugung vollzieht sich durch Belieferung mit artifiziellen Feind­bildern. Den Haß, der so entsteht, könnte man zwar einen «bloß ideo­logischen» nennen, aber die Benennung macht die Sache nicht harmlo­ser, denn auch ideologische Gefühle (die es genauso gibt wie ideologi­sche Begriffe oder Theorien) funktionieren ja, wie es zum Beispiel die Geschichte des Antisemitismus beweist, ganz ausgezeichnet. –

Freilich ist auch diese durch Einimpfung artifizieller Gefühle charak­terisierte Phase heute eigentlich schon überholt. Denn in Wahrheit ist Hassen eben wirklich nicht mehr erforderlich. Und zwar deshalb nicht, weil Kämpfen heute (sogar auch nur bestenfalls) auf Arbeiten heraus­läuft.

Die Bombenflieger über Vietnam haben ihre (scheinheilig «missions» getauften) Aufträge, Städte, Dörfer, Wälder, Felder, Tiere und Menschen auszurotten, natürlich genauso emotionslos durchgeführt wie Arbeiter oder Angestellte ihre Aufträge in Fabriken und Büros durchführen. Was von diesen gilt: daß sie die Ergebnisse der ihnen auf­getragenen «Handlungen» – die Produkte oder die Ereignisse – kaum je kennen und kaum je sehen und daß sie für deren Durchführung keinerlei Emotionen benötigen, weder Vorlieben noch Haß – das gilt auch von den Soldaten.

Genaugenommen dürften diese sogar nicht mehr als «Soldaten» be­zeichnet werden; dies um so weniger, als sie ja primär auch nicht mehr auf die Besiegung gegnerischer Soldaten abzielen. Vielmehr beschrän­ken sie sich darauf, wie andere Zivilisten, durch Arbeit, nämlich mit Hilfe von Geräten, gewisse Effekte zu bewirken, Effekte, die von ihnen selbst weder geplant, noch vorgestellt, noch post festum wahrgenom­men oder gar bereut werden; ihnen auch niemals angekreidet werden. Wozu kommt, daß diese Effekte ebenfalls jenseits (des Unterschieds) von zivil und militärisch liegen. Bomben oder Raketen haben keine Augen, die Uniformen von anderer Kleidung unterscheiden könnten; die egalite von heute besteht darin, daß alle Zivilisten das gleiche Recht auf Ermordetwerden haben wie Militärs. Und nicht nur diese Unter­scheidung gilt für die heutigen Waffen nicht mehr, sondern auch die zwischen Stadt und Land, Dorf und Wald, Mensch und Vieh – als Ziele bzw. Opfer sind diese alle gleich. Und das bedeutet wiederum: Tätern ist alles gleich, alles gleich gültig, alles gleichgültig, alles gleich ungültig: Ihr Tun ist totale Indifferenz, Nihilismus in Aktion.

Da sie ihr Geschäft «telosblind» ausführen, können sie, wie gesagt eigentlich nicht mehr als «Soldaten» bezeichnet werden, in der Tat ist der Stand «Soldat» heute im Begriff, zu verlöschen. Die Heere bestehen aus Arbeitern oder Angestellten – womit ich natürlich nicht meine, daß Arbeiter und Angestellte eingezogen würden, sondern daß die Eingezo­genen als Heeresangehörige zu Arbeitern bzw. Angestellten werden. Auch mit dem längst schon inaktuellen Ausdruck «Arbeiterheere» hat was hier vorliegt, nichts zu tun, denn gemeint ist ja nicht, daß die unge­heuren Massen von Industriearbeitern «Heere» bilden, sondern umge­kehrt, daß die Heeresmitglieder zu Arbeitern werden.

Und selbst diese Behauptung ist schon im Begriff, unwahr zu werden. Denn die entscheidenden heutigen Kriegshandlungen bestehen ja nicht mehr in «Arbeiten», sondern in bloßem, zumeist ganz anstrengungs­losem, «Auslösen» von Prozessen, die von Geräten durchgeführt wer­den und die dann, ohne daß die Auslöser noch etwas damit zu tun hätten, in «Effekten», zumeist Vernichtungseffekten, münden. Unter diesen Umständen sind – damit kehren wir zum Thema zurück – die Fragen berechtigt: «Wozu sollten ‹Auslöser› noch hassen müssen? Und wie sollten sie noch hassen können? Und warum noch hassen können müssen? Cui bono? Cui malo?»

Und selbst damit – ich bedauere – nicht genug. Selbst diese (Hiroshi­ma- oder Vietnam-)Situation ist heute, sogar schon seit 40 Jahren, überholt, da alles Tun, auch räumlich, nach hinten verlegt ist. Womit ich meine, daß Angestellte, die sich auf dem Luftweg zu den «Feinden», an die «Front», zu begeben haben, um diese zu liquidieren, mindestens zu besiegen, nunmehr nicht mehr erforderlich sind. «Schlachtfelder» sind heutzutage antiquiert. Heute schießt man und bleibt dabei hübsch zu Hause. Schläger und Opfer sind auseinandergerissen. Und zwar Tausende von Meilen. Das Schlagen geht von hier aus, das Sterben findet dort statt. Man dürfte von «Schizopraxie» sprechen. Oder, kon­ventioneller ausgedrückt: obwohl kämpfend, bleibt man als «Etappen­schwein» zurück. Und zwar gehört virtuell jeder Punkt in unserer Erde zu dieser «weit hinten liegenden» Etappe; von jedem aus kann man schießend das Frontziel erreichen und vernichten. Aber obwohl die ganze Erde virtuell als Etappe dienen kann, liegt doch jeder Etappen­punkt (sofern man bei der Flächenwirkung der Geschosse noch von «Punkten» reden darf) auch wieder «vorne» an der «Front», da jeder eben ein erreichbarer, und das heißt: vernichtbarer Zielpunkt ist.

Alles geschieht also einerseits «von fernher» (Hölderlin über das Schicksal). Andererseits aber befinden wir uns alle, da wir pausenlos treffbar sind, pausenlos «an der Front»; und zwar an der «vordersten Linie»: weil es eine Staffelung, also «hintere Linien» überhaupt nicht mehr gibt. (Schon im vorigen Krieg, vom Vietnam-Krieg zu schweigen, nicht gegeben hat.) Dem Luxus des Telefons, des Telegrafen und der Television entspricht der Luxus des «Teleziels». Wir brauchen uns nicht mehr persönlich in die altertümliche Nachbarschaft der delenda zu begeben, um das delere durchzuführen. Und zwar deshalb nicht, weil wir uns immer schon und überall in der Nachbarschaft jedes Punktes dieses Globus aufhalten; weil wir jeden Punkt von jedem aus mit Hilfe interkontinentaler Raketen erreichen und unbewohnbar machen können; weil wir, freilich in einem nie zuvor geahnten, ganz unchristlichen Sinn alle zu proximi, zu Nächsten, geworden sind: eben in dem Sinn, daß sich niemand mehr von der Stelle zu rühren braucht, daß jeder «eh schon» (nämlich ehe er sich fortrührt) jeden erreichen und auslöschen und von jedem unentrinnbar erreicht und ausgelöscht werden kann; damit jedermann mögliches Opfer ist. Unter diesen Um­ständen – und das ist das Schlimmste, was wir über uns Heutige aussa­gen können – erübrigt sich das Hassen endgültig. Abgesehen davon, daß kein Computer fähig ist, zu hassen, gilt: damit ein Computer ein apokalyptisches Geschehen (das) auslöse, ist dieses Gefühl nicht mehr erforderlich. Was ich nun auszusprechen im Begriff stehe, wird in den Ohren Friedliebender (auch in meinen) furchtbar klingen, aber es ist unverschweigbar: Gerade die Haßlosigkeit, die Haßunfähigkeit der In­strumente, gerade dieser Defekt ist es, an dem wir zugrunde gehen werden. Gute Zeiten waren das, als Krieger einander noch bedrohten und abschlachteten und als Kriege noch von Haßfähigen geführt wur­den. Die waren noch immerhin Menschen gewesen. Und die einander Hassenden konnten unter Umständen auch einmal aufhören, zu has­sen; und damit auch aufhören, zu kämpfen; und damit auch aufhören, zu vernichten; oder vielleicht sogar anfangen, einander zu lieben.

Computer dagegen können das Kämpfen nicht einstellen, weil ihnen kein Haß innewohnt, den sie abstellen könnten. Vom Lieben zu schweigen.

Das Ende des Hassens könnte das Ende der Menschheit anzeigen, weil es nun nicht mehr wir Menschen sind, die Menschen (Akkusativ) bekämpfen; und weil es nicht mehr Menschen sind, von denen wir Menschen bekämpft werden.

Wenn aber gewisse «Führerfiguren» meinen, auch unter diesen Umständen den überflüssig gewordenen Haß doch noch herstellen zu müssen, dann entweder aus schierer Dummheit oder aus vulgärer Schlauheit: Weil sie nämlich wissen, daß es Millionen gibt, die zu hassen lieben, um sich – siehe den «cartesischen» Beginn dieses Textes – ihrer selbst gewiß zu werden; und weil sie (vergangene und gegenwärtige Namen zu nennen, erübrigt sich) mit Recht damit rechnen, von denen geliebt oder gar vergöttert zu werden (das Gebrüll von Gernehassern ist mir noch seit 1933 im Ohr), denen sie Haßobjekte schenken und denen sie das Hassen nicht nur erlauben, sondern sogar kommandieren. Wer in solcher Situation versagt oder sich versagt, also nicht mithaßt, der wird als illoyal selbst gehaßt und dafür bestraft. «Judenretter sind Ver­räter an den Ariern», hatte es vor vierzig Jahren geheißen.

(Dieser Beitrag erscheint als Vorabdruck aus Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 3)

Quelle: Haß. Die Macht eines unerwünschten Gefühls, hrsg. von Renate Kahle, Heiner Menzner und Gerhard Vinnai, Reinbek: Rowohlt, 1985, S. 11-32.

1 Nicht im «Gegenstand der Erkenntnis» haben wir den «Urgegenstand» zu sehen. Der «erste Gegenstand» ist vielmehr das auf Grund des Bedürfnisses verfolgte Beutetier. (Was nicht verfolgt zu werden braucht, wie die unentbehr­liche Atemluft, wird nicht zum «Gegenstand».) Daß alles, was als ‹Beute› ge­meint wird, in einem konkreteren Sinn ‹intentionaler Gegenstand› ist als alle Husserlschen «Gegenstände des Wahrnehmens, des Denkens, namentlich des Vorstellens», da die Intendierenden – die verfolgenden Lebewesen – den inten­dierten Opfern nachstellen, um sich dieser wirklich zu bemächtigen und sie einzuverleiben, das wird man wohl überall außer in Uni-Hörsälen zugeben. Husserl redete, zurückbebend vor jedem materialismusnahe wirkenden Gedan­ken, davon, daß sich «die intentionale Vorstellung in der Wahrnehmung er­fülle». Nun, so akademisch spielt sich das Leben nicht ab. Wahr ist vielmehr, daß sich der «Intendierende», nämlich der hungrig Jagende, am Ende der Jagd mit der erjagten Beute den Bauch vollfüllt. Das ist der Grundfall von «Intention und Erfüllung».

2 Dieses «killing without hated» entspricht dem (nicht zufällig geschichtlich gleichzeitigen) «fucking without love». In beiden Fällen sind Akt und Affekt auseinandergerissen. Diese «Diremption» ist charakteristisch für die «Antiquiertheit des Menschen».

Hier der Text als pdf.

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