In Zweifel gezogen dehnt sich der Glaube aus. Variationen über ein verlorenes Thema[1]
Von Elazar Benyoëtz
Ich will vom Glauben sprechen, habe ich ihn? Von Gott reden, bin ich dazu befugt? Warum soll ich vom Glauben sprechen, und was hat Gott davon, wenn ich gesprochen habe?
Im Jahre 1962 begann in Tel Aviv die Zeitschrift ‚Prozdor‘ (= Vorhalle) zu erscheinen. Sie machte nicht den erhofft großen Eindruck, nicht desto weniger stellte sie etwas noch nicht Dagewesenes dar: Sie war Gott gewidmet. So etwas hat es im Volke Israel noch nicht gegeben. Wohl gab es einen Wald von Zeitschriften, welche die Thora abhandelten, die Propheten auslegten, Maimonides kommentierten, über die Pflichten des Menschen vor Gott predigten, Gott mitunter anriefen, gelegentlich alarmierten. Verlangt war vor allem das Breittreten, bevorzugt das Kleinhacken, bewundert das Haarspalten. Das machte Freude. Eine Zeitschrift um Gott herum, den Glauben anstachelnd, seinen Wortbestand erschütternd, das hatte man nicht gewollt und das hatte es nicht gegeben; das war neu.
Als Herausgeber zeichneten: Schmuel Hugo Bergman, Dov Sadan, Yizchak Zimmermann. Eröffnet wurde das erste Heft mit einem Text von Martin Buber „Der Glaube“, weitere Mitarbeiter waren Alfred N. Whitehead, Kierkegaard, sogar Christian Fürchtegott Gellert mit einem Gedicht, um dessen Übersetzung ich gebeten wurde. Erstaunlich, doch nicht von ungefähr.
Zimmermann war der schäumende Mund; es brannte in ihm und in seiner Rede; er war der eigentliche Gründer, er schaffte auch die Mittel herbei, das pochende Herz war aber ein anderer, nicht genannter, von dem jede Nummer einen Beitrag brachte, pseudonym: Ploni Almoni, was heißt: „der und der“, oder P. Almoni, P., der Unbekannte. Das war er tatsächlich, der Schreiber in dem hebräischen Zeitschriftenmilieu; für sein Pseudonym hatte er aber einen besseren Grund, den besten: die Scheu davor, öffentlich von Gott zu sprechen, mit dem Anspruch also aufzutreten, ein bündiger Zeuge Gottes zu sein.
Die Glaubwürdigkeit der Aussage setzt voraus, daß der Zeuge sich als würdig erweise. Wir kennen vom Glauben ja nur den letzten Rest, die Glaubwürdigkeit eben; wer aber, und wäre er noch so rechtschaffen, ist glaubwürdig genug?
Wir wollen die Wahrheit, die Sprache will die Dichtung. Gott will etwas anderes.
Öffentlich und druckgeschwärzt von Gott zu sprechen, den Glauben zu fordern, die Worte auf ihre Buchstäblichkeit zurückzuführen oder wenigstens zu verweisen, das eben getraute sich P. Almoni, der Namenlose nicht ohne weiteres. Der von dieser Scheu Durchdrungene war ein vielgewitzter, geistreicher Mann, der durch seine Freundschaft mit Ludwig Wittgenstein bekannte Architekt Paul Engelmann. Das Haus in der Kundmanngasse trägt beider Namen. Aus seinem Nachlaß erschien sein kleines Buch über Wittgenstein, und wer dieses liest, erkennt auch darin die Scheu im Trefflichen und das nicht zu Erschütternde dieser Haltung, die keine Demut ist. Er war mein Freund in seinen alten, meinen jungen Jahren, und seine Haltung machte auf mich Eindruck. In seinem Geist, nur leider nicht anonym, versuche ich nun, die großen Worte, die so locker sitzen, in den Mund zu nehmen.
Anfang ist nicht da, wo es beginnt, sondern wo man steht, zu beginnen bereit.
„Es ist leichter ‚mit Gott‘ einzuschlafen als ,mit Gott‘ zu erwachen“, schreibt Ferdinand Ebner.
Öffne ich meine Augen, ist es der Anfang meines Tages; öffne ich meinen Mund, ist es der Anfang meiner Geschichte; öffne ich mein Herz, ist es eine Metapher. Gott sucht mein Gehör. Aus der Tiefe wird gerufen, nicht geglaubt.
Im Anfang war das Wort, die Rede aber erwachte im Garten Eden. Gott würde gern durch die Blume gesprochen haben.
Wer mit der Bibel erwacht, kann zu Gott durch die Blume nicht sprechen
Die Bibel – eine fortlaufende Geschichte vom Paradies
Die Geschichte der Menschheit und die Geschichte des Glaubens haben die gleiche Geburtsstunde und den nämlichen Grund – den Sündenfall. Nicht Gottes Rede, die Wendungen der Schlange gaben den Ausschlag. Zwischen Rede und Wendung ist die Theologie geboren, das Denken an Gott in der Abwendung von ihm; das endlose Getüftel um das ewige Grün eines nur einmal in seiner Frucht gekosteten Baumes. Ein Baum der Erkenntnis, der reinen Zugänglichkeit, kaum verwirrender als es der Baum des Lebens gewesen wäre, ließe seine Frucht sich nur einmal kosten.
Und doch gibt es sie beide, das Leben und die Erkenntnis; nur gibt es das Leben ohne Erkenntnis nicht, und es gibt die Erkenntnis nur ohne Baum; sie fruchtet ewiglich und grünt nimmermehr.
ER mußte rufen (Gen 3,9) und widerrufen (6,7).
Wendung und Abwendung, Ruf und Widerruf: Das war die Sprache und davon ist die Rede
Ich bediene mich des Wortes: Seines? Meines?
Aus, durch, mit Gott etwas erklären zu wollen, heißt sich seiner zu bedienen.
Nichts ist geeigneter, Gott zu umgehen, als der begründete Glaube. Der Glaube im Judentum ist nicht das Begründete, sondern das schlechthin nicht zu Erschütternde. Wir kennen den Grund für Abrahams Glauben nicht, wir wissen nur, daß er auch durch Gott selbst nicht zu erschüttern war.
„Was einer weiß, ist immer das Beste“, heißt es in der Edda; „Einer war Abraham“, sagt Ezechiel (33,2).
Kein Riese, der am Anfang steht mit der Kraft eines Weltenlastträgers, auch kein Utnapischtim, der sich göttlich überleben darf – ein alter Mann, der nichts im Sinne hatte als Beginnen, absehend von allem Anfang beginnen und nur aufgrund noch nicht dagewesener Red- und Gegenredlichkeit.
Ein alter Mann, der nichts begehrte, der nichts verlangte, dem nichts vorzumachen war, dessen Eintreten in die Geschichte seine eigene vergessen machte.
Wahrlich, er hat sein Alter verdient: es war der Lohn aller Tage und eines jeden Augenblicks; er bedachte es mit Würde und schweigsamem Schweigen. Ein Fels, fest genug, Gott und seine Welt zu stützen
Was Gott betrifft, das läßt sich nur von uns aus sagen, nur ohne uns denken. Dieses „Ohne uns“, bei Leib und Seele, war Abrahams Vermögen; doch sein Vermächtnis, aus Fleisch und Blut, war stärker. In der Tat: unsere Gedanken bleiben auch in Ton und Papier gut aufbewahrt, die Gedanken Gottes aber nur in Fleisch und Blut
Ließen sich Offenbarungen im Auge behalten, es gäbe keine Erscheinungen mehr.
Zurück zu Gott!, muß hier gerufen werden; zurück zu Gott und zu seinem einzigen Freund.
Die Zeit nach Schöpfung und Sintflut war weltreif geworden, reif auch fürs Recht und nicht für das beschlossene allein.
Die Gerechtigkeit lehnte sich gegen den Richter auf. Der Richter suchte seinen Ankläger und fand ihn. Er ließ ihn ins Unbekannte aufbrechen. In diesem Aufbrechen Abrahams wurde die Schöpfung zur Welt, die keine Bestimmung als die zu bestimmende kennt; mit Grund und Abgrund, mit dem Sinn nach Gerechtigkeit, dem Blick auf Sodom
Er machte nur einen Schritt,
allein, er ist aufgebrochen
aus der Fremde,
aus der Sprache,
aus Ur;
nur eines mehr mündlich
denn sprachlich gehegten
Wortes
mächtig –
hinneni:
Hierbinich
Wer gedenken will und sich erinnern kann, der braucht aus der Geschichte nicht zu lernen. In der Erinnerung nimmt auch Geschichte ihren Anfang.
Der Glaube müßte keine Berge versetzen, wüßte er mit den bereits versetzten etwas anzufangen
In einer Welt, bestehend aus lauter Himmelskörpern, brach Abraham auf und wandte sich vom Himmel ab. Und Gott ging auf ihn zu, verlieh ihm seinen Ausdruck und segnete ihn mit einer nicht auszutreibenden Diesseitigkeit.
„Sieh zum Himmel und zähle die Sterne“, sagte Er zu ihm. Von einem so geistreichen Einfall war Abraham schon weit entfernt. Bereits mit seinem Aufbruch räumte er seinem Herrn den Himmel in seiner ganzen Sicht- und Rufweite ein.
Und Gott sprach: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir weisen werde.“
Mit diesem Auftrag – die Berge zu entgipfeln –, mit seinen beiden Dienern und seinem einzigen Sohn ging Abraham in das Land Morija
„Zu den Bergen hebe ich meine Augen:
Woher wird meine Hilfe kommen?“
So tönt Abrahams Selbstgespräch auf jenem Weg zu uns herüber. Doch während er mit seinem alten ungebrochenen Blick die Berge nacheinander prüft, faßt er mit eben diesem Blick eine erste, aus Stein gehauene Unverbrüchlichkeit:
„Meine Hilfe ist von Ihm her,
Der Himmel und Erde gemacht hat.“
Am dritten Tag riß er seinen Blick von den Bergen weg, hob seine Augen und sah den Ort von ferne. Aus den Augen des Himmelabgewandten schwanden nun auch die Berge. Das in den Himmel Ragende wich dem „Hierbinich“. Abraham löste sein einziges Wort ein und durfte seinen einzigen Sohn freibinden. Alles war nun eben, Erde wie Himmel; weit und breit gab es nichts als Gott und seine Welt.
Und Abraham kehrte unverzagt und ohne Verzückung in diese Welt zurück, für die er einstand, in die Stadt, nach Beer-schewa kehrte er mit seinen Dienern zurück. Da waren Gott und die Welt, die Brunnen, das lebendige Wasser und der lebendige Streit um die Quellen dieses Wassers
Das Hierbinich lernten wir, Kinder Israels, von Abraham, doch war Abraham nicht weniger als der neue Adam, und in einem neuen Sinn Vater vieler Völker und allen zum Segen.
Adam kannte keine Furcht, nur die eine Angst vor der Stimme seines Schöpfers, der ihm das Schönste auf Erden geschenkt, das Allerlieblichste aber verboten, umdroht und mit dem Tod belegt hatte. Eine Bedeutung konnte Adam der Drohung freilich nicht abgewinnen, was sollte auch der Tod, wo das Leben, ein Odem Gottes, ihn, den Menschen, eben erweckte. Gott gerade erst eingeatmet, und schon auch wieder ausgehaucht? Doch waren Odem und Hauch nicht unbestimmt, und die Stimme sprach, und die Drohung war ihr letztes Wort
Nachdem Adam vom todbringenden Baum aß, vernahm er die Stimme wieder und bekam es mit der Angst zu tun, und immer noch nicht mit seiner Seele. Der Garten Eden war eine schlechte Glaubenslehre
Vergebens sprach die Stimme; nun wandte sich Gott dem Menschenantlitz zu. Da sprach ER zu Kajin:
Warum verdrießt es dich und warum sinkt dein Antlitz?
Ist dem nicht so? Du bringest schöne Gaben oder bringest sie nicht, vor der Türe lagert die Sünde, und nach dir ist ihr Verlangen; doch du kannst ihrer Herr werden (Gen. 4,6-7; Übers. Arnheim).
Mit Abraham trat das Hierbinich als Form des Glaubens in die Welt. Mit dem Hierbinich lebten die meisten Juden überall, mit ihm hörten sie auch zu leben auf. Nicht ausweichend auch dort, wo Ausweichen nicht mehr galt. Auch gestellt, muß man sich noch stellen.
Und kommt man auch davon, heißt es nicht, daß man entrinnen kann
Gottes Wege
Um Gott zu suchen, muß man den Weg zu ihm schon gefunden haben
Ein Zitat: „Ich komme nicht mit dem Denken, noch weniger mit dem Schreiben nach. Zu dem Glauben, daß meine Gedanken von Gott kommen, habe ich es noch immer nicht gebracht – ist das aber nicht das stärkste Argument wider sie? Jedoch das ist wahr: mein ganzes Denken sucht Gott. Aber – auch da gibt es ein Aber. Als ob Gott erst lange zu suchen wäre.“ (Ferdinand Ebner)
Gottes Wege sind unerforschlich, nicht aber der Weg zu ihm
Gottes Wille ist verborgen, des Schöpfers Absicht offenbar
Daß Sein Wille geschehe, ist mein Wunsch, nicht mein Wille
Gottes Ferne ist es, die den Menschen so nahe geht
Der gefundene Gott ist der verlorene, nicht der gesuchte
Im Glauben erfährt der Mensch die Nähe und die Ferne Gottes – seine Trennung von ihm
Wo es nichts Festes gibt, sind Feststellungen vonnöten
Zweifel erheben sich über alles, was sich zu setzen neigt.
Der Zweifel betrifft das Wissen, der Glaube das Wissenswerte. Der Zweifel ist beim Denken, nicht bei der Wahrheit. Sie ist seine Reichweite, wie soll er sie aber erreichen? Wachsend. Das ist das „Organische“ des Denkens oder in ihm. Der Zweifel ist dem Denken eingegeben, ist gleichsam sein Wachstum. Poetisch ausgedrückt: Der Zweifel wächst, die Wahrheit steht immer auf einem anderen Blatt.
Der Glaube hat immer seinen Zweifel, nicht immer seinen Gott.
Gott ist über alle Zweifel, aber auch über jeden Glauben erhaben.
Der Glaube strahlt seine Zweifel aus; aus diesem bilden sich das Scheinheilige und der Heiligenschein.
Gott läßt alle Zweifel an sich heran, den Glauben aber prüft er.
Man verzweifelt nicht, solange man zweifeln kann.
In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus
Der Glaubensmut übersteigt die Überzeugungskraft
Eines Tages erschien auf einem Platz Jerusalems eine Frau mit einer Fackel in der einen, einem Wasserkrug in der anderen Hand. „Mit dieser Fackel“, schrie sie, „will ich den Himmel anzünden, und mit diesem Wasser die Hölle löschen, um die Phantome zu verjagen, die mir meinen Gott verbergen und mich nicht an ihn glauben lassen.“
„Du bist ganz Glaube“, sagte ein Mann, der auf sie zuging. „Du hast die Fackel, den Krug und den Schrei, du brauchst den Glauben nicht; Gott segne dich“, sagte der Mann im grellgefleckten Gewände und rollte den Himmel zusammen
Ausklang
Gott ist tot? Das ist nicht mehr als der Untergang des Abendlandes. Schlimm ist, daß die Sprache, die einst Gott begreifen konnte, eingeschrumpft ist und nicht einmal zum Epitaph ausreicht. Verwelkt und verjubelt ist alles, was da noch von Gott redet. Und Er war doch das Leben, da Er mit diesem belegt, bezeugt, ja – bezahlt werden konnte. Preis und Preisung vermünzten klein, verklangen. Abraham hieß Er aufbrechen und fortziehen, mußte selbst aber doch immer wieder in Erinnerung und also ins Dasein gerufen werden. Die Stimme von oben verdonnerte, wo bleibt die Stimme, die Gott ins Leben ruft. Es ist aber keine tote Sache, Gott, nur eine tote Rede. Wen rühmt die Seele noch, die in langer Behandlung allen Jubel verlernte. Tot ist, was von Gott spricht.
Ab und zu kommt einer, der noch lebendig von Gott zu sprechen weiß – keine Frage, und doch ein musikalisches Problem, das über das Gehör gelöst werden muß, ohne Engel, Chor und Stufengesang. Eine Schar von Scherben, polyphon klirrend. Diese Vorstellung liegt meinen hier vorgetragenen „Variationen“ zugrunde.
Solange ich mir das denken kann, ist das Verlorene da
PS: Das Hochgehaltene ist noch immer versunken, das Heiliggehaltene noch nie. Doch Rom wie Jerusalem sind nur noch über Auschwitz zu erreichen. Davon war nicht die Rede, sollte davon nicht die Rede gewesen sein?
Quelle: Theo Faulhaber/Bernhard Stillfried (Hrsg.), Wenn Gott verloren geht. Die Zukunft des Glaubens in der säkularisierten Gesellschaft, Quaestiones disputatae 174, Freiburg i.Br. u.a.: Herder, 1998, S. 293-300.
[1] Diesem Beitrag liegen meine folgenden Bücher zugrunde: Treffpunkt Scheideweg, 1990; Brüderlichkeit / Das älteste Spiel mit dem Feuer, 1994; Variationen über ein verlorenes Thema, 1997 – alle im Carl Hanser Verlag, München.