Hans Graf von Lehndorff, Neuanfang des Glaubens im Insterburger Männerkreis der Bekennenden Kirche in Ostpreußen (1941/42): „Wie konnte es geschehen, dass ich 31 Jahre alt werden und in dies schäbige Gemeindehaus kommen musste, um zu erfahren, dass es noch etwas anderes gab als meine kleine Existenz, nämlich eine Welt, die nach allen Sei­ten offensteht, in der man leben und atmen kann und die eine Fülle von Entdeckungen für mich bereithält? Ich saß vornübergebeugt, vergaß meine Umgebung und staunte nur über das, was aus diesem Menschen zu mir sprach. Zu mir ganz allein – denn wer sonst unter den Anwesenden hätte seine Worte so verstehen können, wie ich sie verstand? Ich holte immer wieder tief Luft und wusste, dass die enge Wand, die mich umgab, an einer Stelle durchstoßen worden war.“

Neuanfang des Glaubens im Insterburger Männerkreis der Bekennenden Kirche in Ostpreußen (1941/42)

Von Hans Graf von Lehndorff

Wenn man mich fragt, was ich unter evangelischer Kirche verstehe, dann denke ich weder an ein repräsen­tatives Gebäude noch an eine ehrwürdige Institution noch an ein theologisch zu definierendes geistiges Ge­bilde; sondern es ziehen Menschen an meinem Blick vor­über, lebendige Menschen, mit denen ich in einer Stern­stunde meines Lebens in Berührung gekommen bin. Und während ich jeden einzelnen von ihnen bei seinem Na­men nenne, entfaltet sich vor meinen Augen jene mit nichts zu vergleichende oder zu verwechselnde Land­schaft, die mir durch den Umgang mit diesen Menschen vertraut geworden ist und die ich Kirche nenne, weil wir darin alle miteinander und jeder für sich am eigenen Leibe ein Stück der Geschichte Gottes mit den Menschen erfahren haben. Diese Geschichte, die Heilsgeschichte, wie wir sie nennen, ist zwar sehr alt, so alt wie die menschliche Sprache; und auch das, was ihren Inhalt aus­macht, kreist von jeher um die gleichen elementaren Fra­gen. Dennoch gibt es keine zwei Menschen, die sie in ge­nau der gleichen Weise erleben. Denn niemals ist der Mensch so sehr Individuum, so sehr Persönlichkeit, wie in dem Augenblick, wo Gott ihn fragt und er zu antwor­ten hat. Darum hat auch das, was ich hier zum Thema Kirche beitragen möchte, den Charakter eines ganz per­sönlichen Abenteuers, und es bleibt jedem überlassen, ob er daraus im Hinblick auf seinen eigenen Kirchenbegriff ein Fazit ziehen will oder nicht.

Da ich von Namen gesprochen habe, möchte ich mei­nen Bericht damit beginnen, daß ich einige von ihnen ausspreche: Andreas und Gertrud Pfalzgraf, Ernst und Else Duschmann, Erich Kramp, Johannes Singer, Renate Menzel, Erich Moll, August Bernotat, Fritz Heisel, Heinz Millert, Max Kuhlweit, Bruder Martin. Manche ihrer Träger liegen schon in der Erde. Aber was macht das aus bei Menschen, die für die Ewigkeit aufgehoben sind und die schon zu Lebzeiten etwas von ihrem Glanz ge­sehen haben! Nichts, als daß sie uns, den Lebenden, noch Geforderten, noch Gefährdeten, noch Angefochtenen schon ein Stück voraus sind.

Wie kam es dazu, daß mein Weg mich in Beziehung zu diesen Menschen brachte? Es war gegen Ende des Jah­res 1941. Ich war damals Assistenzarzt der Chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses in Insterburg, einer mittleren Stadt meiner ostpreußischen Heimatprovinz. Wir hatten viel zu tun, denn die Mehrzahl meiner Kol­legen hatte Kriegsdienst zu leisten und uns standen fast nur ungeübte ärztliche Hilfskräfte zur Verfügung. Der Krieg hatte bereits weltweites Ausmaß angenommen. Aber immer noch befanden sich unsere Soldaten im Vor­marsch, und trotz aller Verluste an Menschen war die Stimmung der Bevölkerung derart optimistisch, daß auch die stillen Gegner des Hitlerregimes innerlich resi­gnierten und zu der Ansicht kommen mußten, die Welt habe es nicht anders verdient, als von Hitler liquidiert zu werden, wenn sie sich diesen Siegeszug gefallen ließ.

Meine Familie war damals schon durch schwerste Verluste betroffen worden und ich wäre selbst gern zu den Soldaten gegangen, schon um dem unerträglichen Ge­schwätz der siegesgewissen Umwelt zu entgehen. Aber höherem Befehl zufolge hatte ich der Zivilbevölkerung zu dienen und tat es gern, obgleich es unsrer mühevollen Arbeit an den Kranken geradezu Hohn sprach, daß drau­ßen an den Fronten täglich Tausende von jungen, gesun­den Menschen sinnlos in den Tod geschickt wurden. „Es ist nicht unser Deutschland, für das unsere Brüder fal­len“, schrieb ich damals in mein Notizbuch. Je weiter das unheimliche neue Deutschland sich ausbreitete, um so enger zog der eigene Lebensraum sich zusammen, und ich zweifelte nicht daran, daß von der Welt, in die ich hineingeboren war und für die ich mich mitverantwort­lich fühlte, nicht das Geringste mehr übrigbleiben würde, ganz gleich, ob der Krieg schließlich mit einem Sieg oder mit einer Niederlage enden würde.

In solcher inneren Verfassung wurde ich eines Tages in das Haus eines Pfarrers eingeladen, um an einer Bibel­stunde teilzunehmen. Um nicht unhöflich zu sein und weil es sonst auch keinerlei Ablenkung gab, sagte ich zu und fand an jenem Abend eine Gruppe von 8 oder 10 Personen versammelt, wie es schien, in der Hauptsache Lehrer und Lehrerinnen. Man war dabei, die Offenba­rung Johannis zu lesen, das letzte Buch der Bibel. Dies ging so vor sich, daß zunächst ein Kapitel verlesen wurde, um dann festzustellen, was die verschiedenen Kommen­tare, unter ihnen insbesondere Hanns Lilje, zu diesem Kapitel zu sagen hatten. Als das geschehen war, wurden noch einige mehr oder weniger fromme Redensarten ge­macht, und damit war die Sache im wesentlichen ausge­standen. Es war also genau das, was ich mir nach Erinnerungen aus meiner Kinderzeit unter einer Bibelstunde vorgestellt hatte. Die Offenbarung Johannis jedenfalls schien für mich das bleiben zu wollen, was sie ohnehin schon war, nämlich ein Buch mit sieben Siegeln.

Nun war da aber an den folgenden Abenden unter den Teilnehmern ein Mann, der sich mit dieser unver­bindlichen Art des Bibellesens nicht zufriedengab, son­dern immer wieder den Versuch machte, das Gespräch auf aktuelle kirchenpolitische Fragen zu bringen. Daraus ergab sich jedesmal eine peinliche Spannung, denn natür­lich befand sich die offizielle Kirche damals in einer weit­gehenden Abhängigkeit von den Wünschen des Staates und es war gefährlich, sich anderen Menschen gegenüber auf eine Kritik an ihren Kompromissen einzulassen. Der Leiter des Bibelkreises war infolgedessen ständig bemüht, derartige Themen zu unterdrücken und pflegte dann etwa folgendes zu sagen: „Ja, natürlich ist das, was Sie da vorbringen, eine Frage, über die man sich unterhal­ten könnte. Aber schließlich sind wir ja hier zusammen­gekommen, um Gottes Wort zu hören, und nicht, um uns mit Problemen zu beschäftigen, auf deren Lösung wir gar keinen Einfluß haben.“ Eine dieser peinlichen Fragen habe ich noch genau in Erinnerung. Sie lautete etwa so: „Wie man hört, will der Staat die Kirche dazu zwingen, die sogenannten Judaismen aus den Gesang­buchliedern zu entfernen, also Redewendungen, wie ‚Abrahams Same‘ oder ‚Freue dich, Israel‘. Müssen wir uns diesem Ansinnen nicht mit aller Schärfe widerset­zen?“ Auch mir erschienen solche Fragen reichlich provo­katorisch. Aber sie kamen keineswegs von ungefähr. Wenn man nämlich den Bibeltext, den wir vor uns hat­ten, auf die Gegenwart bezog, dann ergaben sich daraus manchmal erstaunliche Parallelen zu unsrer eigenen Si­tuation, und ich fing an zu begreifen, daß die Offenba­rung Johannis ein Buch ist, das auch heute noch Men­schen zu eindeutiger Stellungnahme und zu verantwort­lichem Handeln herauszufordern vermag.

Als wir nach einem solchen Abend auseinandergin­gen, sprach mich der eben erwähnte Störenfried an und sagte: „Kommen Sie doch am nächsten Mittwoch in unse­ren Männerkreis. Da spricht der Schulrat Tarnow über Abraham. Das wird Sie sicher interessieren.“ Das hat gerade noch gefehlt, dachte ich, daß ich jetzt anfange, in jede Bibelstunde zu laufen. Und ich sagte nicht ja, nicht nein. Aber als ich mich dann von dem Hausherrn ver­abschiedete, wurde ich hellhörig, denn er sagte: „Zu den Männerdien brauchen Sie nicht zu gehen. Das ist nichts für Sie.“ So so, dachte, ich, da scheint also doch etwas los zu sein. Und so saß ich denn am nächsten Mittwoch pünktlich um 8 Uhr abends in dem alten baufälligen Gemeindehaus zwischen 30 oder 40 älteren Männern und wartete ohne sonderliche Spannung auf das, was uns der Schulrat über Abraham erzählen würde. Aber siehe da, es sprach an diesem Abend nicht der Schul­rat – er war erkrankt, und ich habe ihn erst später ken­nengelernt -, sondern der Mann, der mich eingeladen hatte, sprang für ihn ein. Nachdem wir ein mir unbe­kanntes, erstaunlich aufmunterndes Lied aus dem Ge­sangbuch gesungen hatten, hielt er uns einen Vortrag mit dem Thema ‚Abraham, der Ruf Gottes‘. Nun war ich ein Mensch, der für damalige Verhältnisse ziemlich viel herumgekommen war. Ich hatte meine ersten Studien­semester in Genf, Paris und England absolviert, hatte meine medizinischen Examina in München und Berlin gemacht und war überall mit Menschen zusammenge­kommen, von denen ich auch außerberuflich manches hatte lernen können. Aber einen solchen Vortrag wie an diesem Abend hatte ich noch nie gehört. Dieser Abra­ham, von dem da gesprochen wurde, das war auf einmal gar nicht mehr jene alte Sagengestalt mit dem lan­gen Bart, die man aus der Schnorrschen Bilderbibel und aus dem Religionsunterricht kannte, sondern es wurde daraus ein Mensch unsrer Tage, einer der von Gott her­ausgerufen wird aus den Bindungen seiner Umwelt, sei­ner Familie, seiner Tradition, seiner Gewohnheiten, um seine Schritte vorwärts zu lenken in ein Land, von des­sen Existenz er noch nichts weiß, das er noch nie betreten hat und das ihm erst gezeigt werden soll. Was drang da für ein neuer Ton zu meinen Ohren? War ich nicht selbst dieser Mensch, der es dringend nötig hatte, herausgeholt zu werden aus der erstickenden Enge seines Daseins? Wie konnte es geschehen, daß ich 31 Jahre alt werden und in dies schäbige Gemeindehaus kommen mußte, um zu erfahren, daß es noch etwas anderes gab als meine kleine Existenz, nämlich eine Welt, die nach allen Sei­ten offensteht, in der man leben und atmen kann und die eine Fülle von Entdeckungen für mich bereithält? Ich saß vornübergebeugt, vergaß meine Umgebung und staunte nur über das, was aus diesem Menschen zu mir sprach. Zu mir ganz allein – denn wer sonst unter den Anwesenden hätte seine Worte so verstehen können, wie ich sie verstand? Ich holte immer wieder tief Luft und wußte, daß die enge Wand, die mich umgab, an einer Stelle durchstoßen worden war.

Was aber war es eigentlich, was mir diese neue Wirk­lichkeit so greifbar nahebrachte? Der Mann da vorn sprach, als gäbe es keinen Terror und keine Angst; als brauchten wir uns nicht zu scheuen, die Dinge beim Na­men zu nennen, unter denen wir damals heimlich und hoffnungslos litten. Wer gab ihm die Vollmacht, vor einem großen Kreis von Zuhörern derart frei zu spre­chen? Ich wußte nur, daß er von Beruf Studienrat war, daß er eine gelähmte Frau und sechs schulpflichtige Kin­der hatte – lauter Gründe, um mit dem, was er sagte, besonders vorsichtig zu sein. Was trieb ihn überhaupt dazu, sich derartig zu exponieren? Glaubte er vielleicht, wir paar armseligen Männerchen in diesem entlegenen Winkel unsres Vaterlandes wären geeignet oder in der Lage, dem Unheil, das uns umgab, in wirksamer Form die Stirn zu bieten? Wiederum aber war seine Art nicht unbedingt die eines Rebellen oder Verschwörers. Son­dern bei aller Leidenschaftlichkeit des Vortrages war da etwas von Gehorsam, etwas von Demut zu spüren, wie ich das bis dahin noch bei keinem Menschen kennenge­lernt hatte. Was er da von sich gab, war offenbar nicht nur seine eigene menschliche Meinung, sondern hatte an­derswo seinen Ursprung. Es war einfach Wahrheit – und das machte diesen Mann nahezu unangreifbar.

Nach Beendigung der Versammlung nahm ich die Ge­legenheit wahr, ihn auf seinem Heimweg zu begleiten. Er hieß Dr. Pfalzgraf und wohnte in dem etwas abgele­genen Vorort Sprindt. Wir gingen nebeneinander auf der nächtlichen, menschenleeren Landstraße, er führte sein Fahrrad, und dieses Stück Weges ist in meiner Er­innerung haften geblieben gleichsam als Symbol für die ersten Schritte in ein neues Dasein. Das Gespräch, das wir führten, ging um etwas, wovon ich bis dahin noch gar nicht wußte, daß es überhaupt ein Gesprächsthema zwischen erwachsenen Männern sein kann. Wir sprachen von nichts mehr und nichts weniger als von der Sünde. Ich hatte bis dahin immer geglaubt, Sünde, das sei eine moralische Angelegenheit und sündigen sei eine Sache der mangelnden Selbstbeherrschung, eine Art Panne, die eigentlich nicht passieren dürfe und die am besten totge­schwiegen würde. Noch nie war ich einem Menschen be­gegnet, der die Kühnheit hatte, ganz offen von diesen dunklen Dingen zu sprechen. Sünde, das war für ihn keineswegs nur eine menschliche Schwäche, sondern im Gegenteil eine Gewalt, die sich des Menschen bemächtigt und über die er nicht Herr zu werden vermag; die ihn zu ungutem Denken und Handeln reizt, die ihn übermütig macht, die ihn in Verzweiflung stürzt, die alles tut, um zu verhindern, daß er zu seinem eigentlichen Ziel gelangt. So hatte ich das noch nie sagen hören. Und während die­ser Mann da neben mir die Gelegenheit ergriff, von sich selber zu sprechen und all dem, was ihm Not machte, er­hob sich in mir wieder dieses Staunen darüber, daß da noch jemand war, der so viel, ja eigentlich alles von mir wußte und der es mir sagen ließ durch den Mund eines anderen. Ich fühlte mich durch und durch erkannt, aber nicht so, wie von Menschen, ertappt, überlistet, sondern aufgehoben wie von starken Armen, die in der Lage sind, einen Menschen aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er geglaubt hatte, versinken zu müssen. Und ich konnte mich nicht genug darüber wundern, daß ich, der ich doch in einem christlichen Hause aufgewachsen war, der ich so viele Bibelsprüche und Gesangbuchlieder auswendig gelernt hatte wie wenige meiner Altersgenossen, nie ge­merkt hatte, daß der Glaube nicht dazu da ist, das Le­ben zu verbrämen, sondern daß er es zu Zeiten überhaupt erst möglich macht. Nun sah ich es deutlich: Sünde, auch die meine, das war im Grunde nichts anderes als ein Teil von jener Macht, die in der Welt das große Zer­stören anrichtete. Und ich bekam eine Ahnung davon, wer Jesus Christus ist und warum er, um diese Macht zu brechen, bis in den Tod hinein gehen mußte – für die Welt und für mich und für den vielgeplagten Mann an meiner Seite. –

Von da an ging ich, sooft ich es irgend möglich ma­chen konnte, zu den Versammlungen des Männerkrei­ses. Die biblischen Themen und die unerschrockene Art, in der sie uns nahegebracht wurden, fesselten mich eben­so wie die einzigartige Atmosphäre der gemeinsamen Anbetung, in der ich mich geborgen fühlte wie sonst nirgends in jener Zeit des Unheils. Die Art und Weise, wie man mir dort begegnete, ließ mich begreifen, welche Wohltat es ist, daß Gott kein Ansehn der Person kennt, sondern jeden, der sich ihm mit Ernst zuwendet, ohne Vorbehalt annimmt. Ich fühlte mich in einer ganz neuen Weise für voll genommen und von der Gewißheit er­füllt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Natürlich machte ich schon sehr bald die Erfahrung, daß es mit dem Besuch der Versammlungen und den da­mit verbundenen Gesprächen nicht getan war. Ich wurde zu zahlreichen Dienstleistungen herangezogen, insbeson­dere zum Besuch hilfsbedürftiger Menschen in der Ge­meinde, und ich sah mich genötigt, meine ohnehin knapp bemessene Freizeit nach den Erfordernissen des Män­nerkreises gründlich umzugestalten. Es wurde recht an­strengend. Aber was tut man nicht alles, wenn man erst einmal festen Boden unter die Füße bekommen hat und es nun darum geht, sich zu bewähren und die anderen nicht zu enttäuschen. Amüsiert haben mich in dieser Zeit oft die Versuche einiger besonders pietistischer Mitglie­der des Kreises, mich zu bekehren. Ich mußte dann im­mer denken: „Liebe Leute, wenn ich nicht wüßte, was ich an euch habe, hättet ihr mich mit diesem unsinnigen Bemühen schon längst aus eurer Nähe verscheucht. Eure Anstrengungen sind wirklich gänzlich überflüssig.“

Daß der Männerkreis für die offizielle Kirche in uns­rer Stadt einen höchst unbequemen Störungsfaktor dar­stellte, hatte ich, wie gesagt, schon bemerkt und war deshalb keineswegs überrascht, als es im Sommer 1942 zu ernsthaften Auseinandersetzungen kam. Akuter Anlaß dazu war die Tatsache, daß der Männerkreis be­schlossen hatte, sich eine nach biblischen Gesichtspunk­ten ausgerichtete Ordnung zu geben. Er wollte auf diese Weise das Bewußtsein einer verpflichtenden Zusam­mengehörigkeit vertiefen. Der Wortlaut dieser Ordnung ist erhalten geblieben, so daß ich ihn hier zu Papier brin­gen kann.

Ordnung des Männerkreises oder Regeln einer christlichen Bruderschaft
(1. Mose 4,9. Markus 3,55. Eph. 4,11-16)

1. Die Aufgabe

Der Kreis sammelt die Männer, die den Ruf des Christus ge­hört haben und entschlossen sind, ihm bedingungslos zu folgen. Er will mit dieser Sammlung der Gemeinde dienen.
(Matth. 12,30)

2. Die Leitung

Der Kreis wird von einem Arbeitsausschuß geleitet, der die Männer mit Gottes Hilfe gesammelt und zusammengehalten hat. Er kann nötigenfalls erweitert werden.
(Matth. 20,25-26. 1. Petrus 5,1-3)

3. Der Weg

Die Glieder des Kreises lesen täglich nach der Bibellese die Schrift. Der Kreis kommt jede Woche einmal zusammen, ver­tieft sich gemeinsam in Gottes Wort, hält Rat über die Not der Gemeinde, betet und handelt für sie. Den Gliedern wird nahe­gelegt, in regelmäßigen Zeitabschnitten – mindestens vierteljährlich einmal – geschlossen am heiligen Abendmahl teilzu­nehmen. Sie verpflichten sich durch ihre Unterschrift, nach Kräften mitzuarbeiten und sich verantwortlich zu wissen für das Wachstum des Kreises. Der Männerkreis sucht mit den übrigen Männerkreisen der Kirche Fühlung und Gemeinschaft.

Insterburg, den 26.6.1942

Quelle: Hans Graf von Lehndorff, Die Insterburger Jahre. Mein Weg zur Bekennenden Kirche, München: Biederstein, 1969, S. 5-15.

Hier der Text als pdf.

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