Brief an Fritz Kessel, DC-Bischof der Provinz Ostpreußen mit Sitz in Königsberg (1934)
Von Hans Joachim Iwand
Königsberg, den 8. 7. 1934
Hochverehrter Herr Bischof
Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen pflichtgemäß von einigen Vorgängen Meldung erstatte, die meine Stellung als Leiter des Lutherheims [in Königsberg] Ihnen gegenüber angehen. Ich habe in dieser meiner Eigenschaft Herrn Konsistorialrat Professor Keyser in einer öffentlichen Vorlesung erklärt, ich bäte, man möge mir denselben Revers vorlegen, den man den Kandidaten von Neuhof vorgelegt hat, damit ich auf diesen unevangelischen Revers hin ebenfalls mit „Nein“ antworten könne. Auch sehe ich darin geradezu meine Pflicht, meine Studenten so zu erziehen, daß sie sich nicht durch Geld oder anderen Druck in ihrer alleinigen Bindung an die Verkündigung des Evangeliums irre machen lassen. Wenn ich Ihnen, sehr verehrter Herr Bischof, das mitteile, dann tue ich das in dem Glauben, daß Sie als der Bischof unserer evangelischen Kirche eine solche Haltung billigen müssen. Denn ich kann mir nicht denken, daß es Ihnen daran liegt, solche Pfarrer heranzubilden, die um des Brotes und der Gunst des Kirchenregiments willen studieren. Diese Kreaturen werden weder dem Volk noch unserer Kirche den von ihnen geforderten Dienst leisten können.
Ich habe nicht die Absicht, meine Person zum Hindernis einer positiven Klärung dieser für die Erziehung der Theologenschaft lebensnotwendigen Frage werden zu lassen. Da Sie Mißtrauen gegen mich haben, glaube ich, daß durch diese Ausschaltung meiner Person die Klärung der Frage wesentlich erleichtert wird. Aber ich bitte Sie, gerade aus dieser meiner Lage heraus, lassen Sie es nicht zu, daß die besten und hingehendsten unter unseren Studierenden durch derartige, aus der Furcht geborenen Maßnahmen, die dem Evangelium zuwider sind, zum Protest wider das Kirchenregiment gezwungen werden.
Als im vorigen Jahr der Oberpräsident Gauleiter Koch zu uns ostpreußischen Pfarrern sprach, da sagte er, indem er auf die tiefste Not unserer Kirche zu sprechen kam: „Wer von den Pfarrern hat eigentlich noch Glauben?“ Mir ist diese Frage immer wieder aufgeklungen; sie ist die Lebensfrage unserer Kirche, nicht Ordnung und Disziplin. Das kommt von selbst, wo Glauben da ist. Denn der Geist Gottes ist nicht ein Geist der Unordnung. Nur weil dieser Geist fehlt, muß man Ordnung erzwingen und künstlich zu erhalten suchen. Erst wenn wir vor jener Frage bestehen können, sind wir die Kirche, die diesen Namen verdient.
Daß heute ein Geschlecht von jungen Theologen heranwächst, die wieder „aus Glauben reden“ und darum vielleicht denen, die aus der Kirche von ehedem kommen, unbequem sind, ist meine Zuversicht und Gewißheit. Wer wider sie steht, wird nicht auf immer widerstehen können. Ich bitte Sie von Herzen, erhalten Sie die beiden Konvikte als Stätten dieses aus Glauben geborenen aufrührerischen Geistes, denn nur wer mit dem, was heute ist und gestern war, von Grund auf unzufrieden ist, kann ein Werkzeug der Erneuerung sein, die unsere Kirche braucht, wenn sie nicht untergehen soll.
Wo immer der Geist Gottes herrscht, da muß ein Aufruhr sein, denn da bricht ein Neues an, das sich nicht in alte Schläuche füllen läßt. Es stände der Kirche von 1933 schlecht zu Gesicht, wenn sie demgegenüber reaktionär wäre. Aber, was noch wesentlicher ist, es würde ihr wenig nützen; diesem jungen Aufbruch aber würde es sehr viel nützen.
Indem ich Ihnen dankbar bin, daß mir eine Gelegenheit gegeben wurde, diesen meinen Glauben an die junge Generation, mit der ich Jahre zusammen gelebt habe, vor Ihnen, hochverehrter Herr Bischof zu bekennen, verbleibe ich in Hochachtung
Ihr ergebener
gez. H. Iwand
Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke 6: Briefe an Rudolf Hermann, München: Chr. Kaiser, 1964, S. 346f.