Johann Baptist Metz, Im Angesicht der Gefahr (1984): „Was verstehen wir eigentlich vom Neuen Testament, wenn in unserer modernen Deutung die Gegenwart von Gefahr systematisch ausgeblendet ist? Was, wenn wir – aufklärungsbeflissen und auf strikte Entmythologisierung bedacht – den Horizont der Gefahr einfach wegwischen oder übertünchen, jenen Horizont der Gefahr, der die biblische, speziell die neutestamentliche Geschichte umspannt und zusammenhält? Was steckt hinter unserer Kritik an den apokalyptischen Bildern: Der Wille zur Aufklärung über die unbegriffene Macht der Mythen in diesen Traditionen oder der Wille, dem gefährlichen Chri­stus auszuweichen und die Gefahr stillzustellen, sie allen­falls in die fast schon exterritoriale Situation des Todes abzudrängen?“

Im Angesicht der Gefahr (1984)

Von Johann Baptist Metz

In einem »außerkanonischen Wort«, das uns von Origenes überliefert ist, sagt Jesus: »Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe; wer mir fern ist, ist dem Reiche fern.« Dies ist für mich ein geraffter Kommentar zu den beiden apokalyptischen Texten aus dem 21. Kapitel des Lukas­evangeliums und aus der Geheimen Offenbarung des Johannes.

Es ist gefährlich, Jesus nahe zu sein, feuergefährlich, brandgefährlich. Und nur im Angesicht der Gefahr leuch­tet die Vision vom Reich Gottes, das in ihm nahegekom­men ist. »Gefahr« ist offensichtlich eine Grundkategorie zur Wahrnehmung seines Lebens und seiner Botschaft und zur Bestimmung christlicher Identität. Der Blitz der Gefahr durchleuchtet die ganze biblische Landschaft, speziell die neutestamentliche Szene. Gefahr und Gefähr­dung durchziehen alle neutestamentlichen Aussagen. So sind die Nachfolgegeschichten der Synoptiker keine unterhaltsamen Geschichten, auch keine belehrenden, sondern Geschichten im Angesichte der Gefahr, kurzum »gefährliche Geschichten«. Sie laden nicht einfach zum Nachsinnen ein, sondern zum Nachgehen, und nur im Wagnis dieses Weges offenbaren sie ihr rettendes Ge­heimnis.

Das bestätigt auch Johannes: »Wenn die Welt euch haßt, dann wißt, daß sie mich schon vor euch gehaßt hat … Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen« (15, 18f.). Und Paulus bekennt: »Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein, verzweifeln aber nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen, niederge­streckt und doch nicht vernichtet« (2. Korinther 4, 8f.).

Dem gefährlichen Christus ausweichen?

Was verstehen wir eigentlich vom Neuen Testament, wenn in unserer modernen Deutung die Gegenwart von Gefahr systematisch ausgeblendet ist? Was, wenn wir – aufklärungsbeflissen und auf strikte Entmythologisierung bedacht – den Horizont der Gefahr einfach wegwischen oder übertünchen, jenen Horizont der Gefahr, der die biblische, speziell die neutestamentliche Geschichte umspannt und zusammenhält? Was steckt hinter unserer Kritik an den apokalyptischen Bildern: Der Wille zur Aufklärung über die unbegriffene Macht der Mythen in diesen Traditionen oder der Wille, dem gefährlichen Chri­stus auszuweichen und die Gefahr stillzustellen, sie allen­falls in die fast schon exterritoriale Situation des Todes abzudrängen?

Vermutlich ist beides am Werk. Immer aber auch dieses Ausweichen; und es fehlt ja nicht an Versuchen, die Geschichte post Christum natum als ein großes Aus­weichmanöver vor dem gefährlichen Christus zu interpre­tieren. Im Zuge dieses Ausweichens entsteht ein Chri­stentum – und ich sage das nicht denunziatorisch, sondern mit einem Anflug von Trauer und Ratlosigkeit –: ein Christentum nach Art einer bürgerlichen Heimatreligion, die der Gefahren ledig ist, aber auch des Trostes. Denn ein ungefährliches und ungefährdetes Christentum tröstet auch nicht. Sollte ich mich da täuschen?

In manchen Regionen des Christentums sehe ich Ge­genbilder zu einer bürgerlich beruhigten Religion auf­tauchen. In jenen armen Kirchen etwa, die ihre Treue zu Christus auch als Befreiung verstehen und als Befreiung suchen im Angesichte höchster Gefahr. Ist es vermessen anzunehmen, daß dort eine neue, eine deutlichere Ahnung dessen aufbricht, was Nähe zu Jesus ist, was also die Nachfolge dessen verspricht und fordert, der von sich gesagt haben soll: Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe?

Banalität als tödliche Krankheit

Die tödliche Krankheit der Religion ist nicht Naivität, sondern Banalität. Banal kann Religion werden, wenn sie in ihren Kommentaren zum Leben nur das verdoppelt, was ohne sie – und nicht selten gegen sie – ohnehin zum modernen Konsens wurde. Die Naivität der Religion lau­ert diesen Selbstverständlichkeiten auf. Sie tut es dadurch, daß sie bei Texten und Bildern wie denen aus dem Lukas-Evangelium und der Johannes-Apokalypse einen Augenblick länger verweilt und ihnen wenigstens um ein Geringes länger standhält, als dies der moderne Konsens erlaubt. Sie will sich ja mit diesen Texten und Bildern nicht mit Hilfe von tausend subtilen Modifikatio­nen schiedlich-friedlich versöhnen, sondern sich an ihnen »ärgern«. Denn daß diese Worte ein Ärgernis sind, haben gerade auch jene gewußt, die sie zuerst gesprochen und nachgesprochen haben.

Mit ihren apokalyptischen Bildern will die Religion das Menschenbild der Moderne ärgern und ihm, zumindest für Augenblicke, widerstehen. Der Widerstand gilt jenem Menschenbild, das heute quer durch alle Blöcke vor­herrscht, dem prometheisch-faustischen Menschenbild, jenem Bild, in dem der kommende Mensch ohne den dunklen Hintergrund der Trauer und des Leidens, der Schuld und des Todes entworfen ist. Der Aufstand der apokalyptischen Bilder wendet sich gegen das Bild vom geheimnisleeren Menschen, der unfähig ist zu trauern und unfähig, sich trösten zu lassen; dessen Lebensräume zwar erfolgreich abgedichtet scheinen gegen alle Gottesstürme, der sich aber immer wehrloser der Dämmerung der Bana­lität ergibt und dem langgestreckten Tod der Langeweile und dessen Glücksträume am Ende sich wie Bilder eines sehnsuchts- und leidensfreien Unglücks ausmachen.

Mit ihren apokalyptischen Bildern will die Religion schließlich auch das Zeit- und Geschichtsverständnis der Moderne ärgern und ihm, zumindest für Augenblicke, widerstehen. Dieser Widerstand, diese Art der Unterbre­chung unserer Selbstverständlichkeiten, ist noch schwerer zu fassen und kaum zu befreien vom Verdacht des Abwegigen. Was Wunder, daß auch die Theologen längst in den modernen Konsens einstimmen und in diesen apokalyptischen Texten und Bildern kaum etwas anderes sehen als die Projektion archaischer Ängste, die dem modernen Menschen schlecht anstehen. Wenn die Religion gleichwohl diese Texte und Bilder tradiert und in ihnen Elemente einer gefährlichen Erinnerung vermutet, dann tut sie das nicht, um den Gang der Weltgeschichte mit apokalyptisch gestimmter Schadenfreunde zu kommentieren, sondern um die Quellen unserer Angst aufzu­spüren.

Angst vor dem Unendlichen

Mag sein, daß der archaische Mensch immer geängstigt war vom Gefühl des nahen Endes seines Lebens und seiner Welt. Etwas davon schlägt auch in den gegenwärti­gen Katastrophenängsten durch. Doch für den modernen Menschen gibt es nicht nur eine Angst davor, daß alles zu Ende gehen und der Planet dem Untergang geweiht sein könnte, sondern eine Angst davor, daß nichts mehr zu Ende geht, daß es überhaupt kein Ende gibt, daß vielmehr alles hineingerissen ist in das Gewoge einer antlitzlosen Evolution, die schließlich jeden von hinten überrollt wie das Sandkorn am Meer, und die alles gleich-gültig macht wie der Tod.

Es gibt heute einen Machbarkeitskult: Alles ist mach­bar. Ja, aber es gibt auch einen neuen Schicksalskult: Alles ist überholbar. Der Wille zur Machbarkeit ist unter­strömt von Resignation. Der Kult der Schicksalsbewälti­gung einerseits und der Kult der Apathie anderseits: Beide gehören zusammen wie zwei Seiten einer Münze. Dai Wirklichkeitsverständnis, das die wissenschaftlich-technische Naturbeherrschung leitet und aus dem der Kult der Machbarkeit seine Reserven zieht, ist geprägt von einer Vorstellung von Zeit als einem leeren, evolutio­när ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das alles gnadenlos eingeschlossen ist.

Dieses Zeitverständnis treibt jede substantielle Erwar­tung aus und erzeugt so jene heimliche Identitätsangst, die an der Seele des modernen Menschen frißt. Sie ist schwer entzifferbar, weil sie unter den Chiffren von Fort­schritt und Entwicklung längst erfolgreich eingeübt ist, ehe wir sie, für Augenblicke, auf dem Grund unserer Seelen entdecken.

Die apokalyptischen Texte sprechen vom Ende der Zeit und der Geschichte, rücken die Unterbrechung nahe heran. Dabei muß man diese Texte und Bilder genau besehen. Sie enthalten nicht müßige Spekulationen über den Zeitpunkt einer Katastrophe, sondern bildhafte Kommentierungen zum katastrophischen Wesen der Zeit selbst. Im subversiven Blick der Apokalyptik ist die Zeit selbst voll Gefahr. Sie ist nicht einfach jene evolutionär zerdehnte, leere und überraschungsfreie Unendlichkeit, in die wir widerstandslos unsere Fortschritte projizieren. Sie gehört nicht Prometheus oder Faust, sondern – Gott.

Für den Apokalyptiker ist Gott das noch nicht herausgebrachte, das anstehende Geheimnis der Zeit. Gott wird nicht gesehen als das Jenseits zur Zeit, sondern als ihr andrängendes Ende, ihre Begrenzung, ihre rettende Unterbrechung. Denn im Blick der Apokalyptik erscheint die Zeit vor allem als Leidenszeit. Die Apoka­lyptik ordnet umstandslos die Naturzeit der Passionszeit der Menschen unter. Für die Apokalyptik meldet sich in den Leidenserfahrungen der Menschen ein Identitätswis­sen, das sich dagegen wehrt, auf die triviale Identität der naturzeitlichen Beharrung zurückgeführt zu werden.

Die Kontinuität der Zeit ist für den Apokalyptiker nicht das leere Kontinuum der Evolution, sondern die Spur der Leiden. Und der Respekt vor der Würde des in der Zeit angehäuften Leidens treibt den Apokalyptiker dazu, die Naturzeit von der Leidenszeit her zu verstehen, also Evolution von Geschichte her, und die Milliarden Jahre der Naturzeit gegenüber der Leidenszeit der Menschen zwar nicht zu ignorieren, sie aber als eine Art »Inflations­zeit« (E. Bloch) zu werten.

Empfinden und leben wir aber nicht eigentlich alle so? Wer bringt schon seine Lebenszeit in ein Verhältnis zu den Milliarden Jahren Evolutionszeit? Wer richtet und wertet sein Handeln danach? Sind wir also alle in einer gnädigen Illusion befangen? Oder gibt es eine noch nicht herausgebrachte, eine verdrängte Wahrheit in den apoka­lyptischen Bildern?

Von Hölderlin stammt der viel zitierte Satz: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Seine apokalyptische Umkehrung, die schon Ernst Bloch angedeutet hat, müßte lauten: Wo Rettung naht, wächst auch die Gefahr. Die Vision der Rettung, wie sie uns aus den biblischen Geschichten entgegenleuchtet, ist nicht ohne endzeitliche Dialektik. Von ihr sprechen unsere beiden Texte über­deutlich. Was ich aus ihnen, vielleicht allzu kurz und bündig, ableiten will?

Den Krisenbildern treu bleiben

Wo das Christentum immer beheimateter, immer erträglicher wird, wo es immer lebbarer wird und für viele zur symbolischen Überhöhung dessen gerät, was ohnehin geschieht und was so den Lauf der Welt bestimmt, ist seine messianische Zukunft schwach. Wo es schwer erträglich wirkt, widerspenstig und dabei mehr Gefahr verspricht als Sicherung, mehr Heimatlosigkeit als Geborgenheit, da ist es offensichtlich dem nahe, der von sich gesagt haben soll: Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe; wer mir fern steht, steht dem Reich fern.

Es wird schon so sein: Nur wenn wir in diesen schwer erträglichen apokalyptischen Bildern der Gefahr und des Untergangs etwas von der Situation christlicher Hoffnung wiedererkennen, werden auch die anderen Hoffnungsbil­der, die Bilder vom Reich Gottes, nicht wie längst durch­schaute archaische Wunschträume zerfallen. Nur wenn wir den Krisenbildern treu bleiben, werden auch die Ver­heißungsbilder uns treu bleiben: die Bilder vom großen Frieden der Menschen und der Natur im Angesichte Gottes, von der Heimat und vom Vater, vom Reich der Freiheit, der Versöhnung und der Gerechtigkeit, von den abgewischten Tränen und vom Lachen der Kinder Gottes.

Quelle: Evangelische Kommentare 17 (1984), Heft 5, S. 267f.

Hier der Text als pdf.

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