Predigt über 1. Johannes 1,5-9 (1937)
Von Hans Joachim Iwand
Und das ist die Verkündigung, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, daß Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis. So wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. So wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsre Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht und reinigt uns von aller Untugend. 1. Joh. 1,5-9
Liebe Brüder!
In dieser Stunde sind unsere Gedanken von dem einen bewegt, daß die Gemeinschaft des Lebens und der Arbeit, die auch eine Gemeinschaft der Not und des Kampfes gewesen ist, ihrem Ende zugeht, daß wir nun von einander scheiden müssen und bald der Augenblick naht, da wir uns zum letztenmal die Hand reichen werden. Und gerade weil wir die Gemeinschaft dieser Tage als ein echtes und großes Geschenk erfahren haben, sind wir heute gefragt ob wirklich kein Schatten und kein Dunkel zwischen uns steht, ob wirklich kein Schatten und kein Dunkel zwischen uns steht, ob wir wirklich einander das Beste gegeben haben, das wir konnten, ob wir nicht dies oder jenes bester machen oder bester sagen oder auch nicht tun und nicht denken und nicht sagen sollten? Und darum, weil diese Frage uns alle trifft und niemand sagen kann, er sei seinem Bruder nichts schuldig geblieben, — darum stehen wir hier vor Gottes Angesicht mit der herzlichen Bitte und dem aufrichtigen Wunsch, es möchte jeder dem anderen durch die Vergebung in Jesus Christus sein Gewissen frei und fröhlich machen, damit wir getrost und gestärkt durch die Vergebung unserer Sünden, die einer dem anderen schuldig ist, unseres Weges ziehen können.
Gerade wenn das unser aufrichtiges Verlangen ist, werden wir gut tun, das zu hören, was der Apostel Johannes hier geschrieben hat, und gut tun, herauszuhören, wie er, der Apostel, von dieser Vergebung der Sünden redet. Denn da ist nicht zuerst von uns die Rede, von der Gemeinschaft, die wir miteinander haben, sondern da ist zuerst — ebenso wie zuletzt! — von Gott die Rede, von dem, was Gott ist und was Er tut und von der Gemeinschaft mit Ihm, und alles, was wir sind und tun und gerade auch in der Gemeinschaft sind und tun, ist eingeschlossen in Gott. Gott ist Licht, auch gerade das Licht auf unserem Wege, Gott ist treu, Gott ist gerecht, Gott reinigt, Gott vergibt, Gott, Gottes Sein und Gottes Tun, das ist die Antwort, die wir auf unsere Klage und Anklage hier zu hören bekommen, als sollten wir vorerst einmal unsre Not und unsre Reue und unser Leben ganz vergessen und allein das in uns aufnehmen und uns von dem ganz erfüllen lassen, was uns von Gott kundgemacht ist. Denn das ist uns von ihm kundgemacht, „daß Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis“.
Das ist es, was wir von keinem Menschen sagen können. Je enger die Gemeinschaft ist, in der wir leben, desto klarer wird es uns, daß der Mensch kein Gott ist, desto klarer heben sich hinter den Lichtseiten unsres Lebens die Schattenseiten ab und desto brennender wird die Frage, gerade bei den Besten und Aufrichtigsten, wie weit das echt ist, was anderen an ihnen wahr und klar und licht und gut erscheint. Denn jeder von uns weiß: auch der lichteste Lebensweg hat Hintergründe, die in dunkle Nacht getaucht sind; jeder weiß: hier bei uns mischt sich Licht und Finsternis in einer gefährlich-verführerischen weise. Darum soviel Irrewerden und Verzagen der Menschen aneinander, weil hinter dem Licht, das uns aus Menschen, aus menschlichem Geist und Wesen entgegenleuchtet — und in der Cat oft in bezaubernder weise entgegenleuchtet — eines Tages die Finsternis hervorbricht, die sich dahinter verbirgt.
In solchen Stunden verwandelt sich nur allzu leicht und allzu oft das Gesicht der Menschen, wo die Liebe waltete, keimt der Haß auf; wo Vertrauen und Offenheit zu finden war, beginnt die Hinterhältigkeit und die Kunst der leeren Worte Schule zu machen. Mit der hereinbrechenden Finsternis ziehen jene Mächte in die Gemeinschaft der Menschen ein, die alles, was daran echt erschien, Mitleid und Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Offenheit, Liebe und Wahrhaftigkeit ins Gegenteil verkehren. Dann verlöschen die freundlichen Lichter, die unseren Lebensweg hell machen, und die Nacht des Lebens zieht herauf.
Darum ist es eine so große und trostreiche Kunde, daß es nun eben doch ein Licht gibt, das ohne Finsternis ist, ein Licht, das bleibt, was es ist, vom ersten bis zum jüngsten Tag, ein Licht, das, wo es aufleuchtet, auch wirklich weiterleuchtet in alle Dunkelheit und sinkende Nacht hinein, das darum den nicht betrügt und irreführt, der es erblickt und ihm nachgeht. Nur eine Bedingung ist mit dieser frohen Kunde verbunden: wer den Menschen hinführen will zu diesem Licht, der muß ihn hinführen zu Gott, zu dem wahren, lebendigen, ewigen Gott. Denn Er allein ist das Licht, in das die Finsternis nicht eingedrungen ist. Und wer die Kunde von diesen: Licht hören will, der muß sich das sagen lassen, was Gott uns kundgemacht hat, der muß sich ganz schlicht und einfältig das Evangelium von Jesus Christus sagen lassen. Denn dies Evangelium ist die Kunde an alle Welt, daß das Licht, das von Gott ausgegangen ist, die Finsternis besiegt hat, ja mehr noch, daß dies Licht mitten in der Welt vor den erstaunten und geblendeten Augen der Menschen aufgeflammt ist und diese seinen Glanz und seine Herrlichkeit schauten, ja noch mehr, daß dies Licht seitdem nicht aufgehört hat und nie aufhören wird zu leuchten und zu brennen, ob auch alle Welt versuchen wollte, das Feuer zu ersticken, das von Gott her in die Welt hineingesenkt ist.
Und nun sind wir gefragt, ob wir das auch wirklich glauben, daß dieses ewige Licht uns so nahe ist, so nahe wie Gott in seinem Wort, so nahe wie Gott in seinem Evangelium, so nahe wie uns allen und aller Welt Gott in Jesus Christus ist. wir sind gefragt, ob wir in alledem das Licht erblicken, das von Gott selber ist, das unvermischte, reine Licht der Wahrheit und Klarheit Gottes. Denn dann erst glauben wir an das Licht, wenn wir bekennen können: Gott, der sich uns kundgemacht hat in dem Evangelium von Jesus Christus, ist nicht gleichzeitig die Quelle des Lichtes und der Finsternis, dieser Gott ist nicht zweideutig, er ist nicht der Gott des Codes und der Gott des Lebens, in ihm ist nicht Ja und Nein, sondern er ist das Licht und die Wahrheit und das Leben, und sein Wort ist das Ja, das endgültige, unumstößliche Ja, das Wort seiner Treue zu allen, die es so hören und so glauben. Darum weil Gott das Licht ist — und darum allein — ist auch Sein Wort das Licht auf unserem Wege, darum weil Gott das Licht ist, ist auch Sein Sohn das Licht der Welt. Gott muß in dem allen geglaubt, erfaßt und gehört werden, Sein Licht muß uns treffen, damit uns Auge und Ohr aufgetan werden.
Denn gerade wir, meine Brüder, die wir dazu berufen sind, Gottes Wort zu verkündigen und auszulegen und die wir darüber in nicht geringe Zweifel und nicht leichte Fragen geraten, wir sollten über allem Irren und Verzagen an dem einen fest- halten: In Gott hat diese Unklarheit und dieser Zweifel keinen Grund. Gewiß, nur zu oft liegt ein Dunkel zwischen uns und Gott, aber ebenso wie sich Wolken zwischen uns und die Sonne schieben, die Sonne selbst aber licht und klar bleibt, so bleibt auch Gott und sein Wort wahr und rein mitten in unseren Zweifeln und Nöten. Darum, je näher wir an Gott herankommen, je mehr wir uns an sein Wort halten und je aufrichtiger wir um seinen heiligen Geist bitten, desto mehr wird sich der Nebel zerteilen, der uns den Blick trübt, desto heller wird sein Wort und desto gewisser unser Geist werden. Denn dann beginnen wir ja zu denken, was Gott über uns gedacht hat, und beginnen auf das zu hören, was er zu uns gesagt hat und erfahren vielleicht etwas von dem, was der Apostel in die Worte faßt: wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zur anderen. Das heißt glauben, daß Gott Licht ist: in dem Zwielicht, in dem unser Leben und unser Geist befangen sind, nicht davon lasten, daß in Gott keine Finsternis ist und darum nicht stehen bleiben oder gar weichen, sondern Hindurchbrechen, damit unsere Fragen und Nöte in das Licht seines Wortes treten. Denn, so sagt der Herr: Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.
Nur Eines gibt es hier nicht, ein weg ist uns versperrt, und zwar darum versperrt, weil eben Gott die Finsternis nicht bei sich duldet: daß wir nämlich versuchen Gott zu erkennen und Gemeinschaft mit Ihm zu haben, aber ohne uns aufzumachen, ohne in das Licht Gottes zu treten, vielmehr so, daß wir bleiben mochten was wir sind, und in dem bleiben möchten, wo wir sind. Aber hören wir, was unser Text über diese Unmöglichkeit, die doch immer wieder von uns versucht wird, zu sagen hat: „So wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.“
Hier wird uns mit schonungsloser Offenheit gejagt, daß die Gemeinschaft mit Gott, die Menschen zu haben behaupten, Lüge sein kann. Und wir können gleich hinzufügen, die schlimmste und verderblichste Lüge, die es gibt, die Lüge, die den Pharisäer zum Pharisäer macht, die mit dem Schein des Guten das Böse verdeckt, die Gottes Namen gebraucht, um damit zu decken, was wir Menschen an Bösem und Gottwidrigem tun. Danach sind wir gefragt, ob wir hier wachsam sind, wachsam gerade gegenüber dieser geistlichen Sünde, gegenüber dieser Heuchelei, von der niemand mehr bedroht ist als die Frommen, wer diese Gefahr nicht kennt, der kennt auch in Wahrheit den Ernst und die große Sache nicht, die in der Gemeinschaft mit Gott liegt.
Meine Brüder, von hier aus kommen die schwersten Anfechtungen über uns in unserem Amt, in unserem Christentum, in den Kämpfen und Nöten, in denen wir jetzt stehen, und oftmals fragen wir uns, ob wir wirklich von Gott her zeugen, von Gott her leiden, von Gott her den Kampf führen, der uns verordnet ist, ob nicht vielleicht gerade wir, wir mit unserer nun eben doch immer wieder und immer noch sehr menschlichen, sehr fehlsamen Art die stärkste Belastung für die Sache sind, die wir zu vertreten glauben, ob es nicht besser wäre, Gott hätte andere Bundesgenossen in der Welt als gerade uns. Und der Apostel nimmt diese Frage auf und unterstreicht sie noch: Jawohl, es gibt dies, diesen Widerspruch zwischen dem Reden und dem Tun, und dafür gibt es nur ein Wort, ein richtendes, vernichtendes Wort: Lüge. Lüge ist dieses Christentum, Lüge ist dieser Dienst am Wort, Lüge ist diese Art von Gottesgemeinschaft, unentschuldbare, Gott und Menschen lästernde Lüge, Lüge, die nun doch wieder zu vereinen sucht, was unvereinbar ist, den Gott, der das Licht ist, und einen Wandel, der das Licht scheut, weil Gott das Licht ist, darum ist die Gemeinschaft mit Gott für euch nur unter einer Bedingung möglich, daß auch ihr die Entscheidung Gottes anerkennt, daß auch ihr dem Licht das Angesicht und der Finsternis den Rücken zukehrt. Denn Gott will Umkehr. Gott will Buße und wirklichen Neuanfang des Lebens, Gott will, daß wir in der Gemeinschaft mit ihm — den Kampf mit der Finsternis auch wirklich wagen, damit auch in unserem Leben, so wie in Gott selbst, Licht und Finsternis auseinandertreten. Gemeinschaft mit Gott in Wahrheit haben heißt also nicht nur, daß wir das Licht erkennen, sondern heißt mehr: daß wir Gott stille halten, wenn er Licht und Finsternis scheidet, so wie es vom ersten Schöpfungstage heißt: „Da schied Gott das Licht von der Finsternis.“
Meine Brüder! Die Gottesgemeinschaft, die diese Entscheidung umgehen möchte, ist gerade keine Gemeinschaft mit Gott, sie ist ein Traum, der eines Tages in seinem ganzen Trug offenbar werden wird. Denn mit den Leuten, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, will Gott keine Gemeinschaft haben. Denen läßt er vielmehr durch den Mund seiner Boten seine Wehe zurufen. Wehe euch, wenn ihr glaubt, Mich in dies Spiel mit hineinziehen zu können. Wehe euch, wenn ihr meint, dieses Mein Entweder-Oder in euer kluges und vorsichtiges Sowohl-als-auch umbiegen zu können, wir denken viel zu gering von der Gemeinschaft mit Gott, wenn wir davor zurückschrecken — und wir schrecken ja oft genug davor zurück — den Kampf mit der Finsternis wirklich aufzunehmen. Denn dazu aufrufen, das heißt eben nicht, vom Menschen zu hoch denken, sondern das heißt vom Menschen so denken, wie Gott von ihm denkt, das heißt die Tatsache in Rechnung stellen, daß Gott mit uns ist, Gott zutrauen, daß er gibt, was wir gebietet, wir sotten ja in diesem Kampf nicht unsere Kraft zeigen, sondern die Kraft dessen kundtun, der uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.
Das macht uns dann auch so zuversichtlich in dem Ganzen. Denn gerade da, wo wir diese Entscheidung zwischen Licht und Finsternis zu unserer eigenen machen, da will Gott mit uns sein, da will er alle Not und Anfechtung mit uns tragen, die daraus folgt. Gewiß, diese Entscheidung wird unser Leben zum schweren, überschweren Kampf machen, zum Kampf mit uns selbst und zum Kampf mit der Welt um uns herum, und es wird immer wieder so scheinen, als ob uns dieser weg mitten ins Verderben führte, und unser Fleisch und Blut wird ihn gar nicht als lichtvoll empfinden und wird uns immer wieder davon abbringen wollen, und doch, meine Brüder, wenn wir dem ausweichen und entweichen in die Finsternis, dann kommt Gott nicht mit. wo immer aber Gott mit uns ist, da sind wir behütet, da wird unsere Hand nicht ins Leere greifen, da wird, allem Augenschein zum Trotz, doch immer wieder das Licht da sein, das wunderbare, helle Licht von oben, das dem Dunkel und der Finsternis wehrt. Darum, wenn Sie jetzt hinausziehen, um das Evangelium zu verkündigen, die Gemeinden zu sammeln und zu bewahren und wenn Sie dieser Auftrag mitten hineinführen wird in den Kampf und die Not unserer Kirche, dann sollen Sie das nicht aus dem Sinn lasten: Dir Gemeinschaft Gottes steht auf dem Spiel, wenn wir uns ab- drängen lasten in die Finsternis, und dieselbe Gemeinschaft Gottes behütet uns, wenn wir dem widerstehen. Sie ist wie ein Lichtkreis, der den behütet, der sich in ihm hält. Denn wem der Herr sein Licht leuchten läßt, dem ist er gnädig.
Doch damit ist es nicht genug. Dieser weg, den Gott uns führen will, birgt noch eine andere, große Verheißung in sich, die Verheißung wahrer, brüderlicher Gemeinschaft. Denn so fährt der Apostel nun fort: „So wir aber im Licht wandeln, so haben wir Gemeinschaft untereinander.“ Es wird uns auffallen, daß der Apostel jetzt nicht sagt: „So haben wir Gemeinschaft mit Gott“, sondern daß er sagt: „So haben wir Gemeinschaft untereinander und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ Dies ist nämlich das Große, daß jeder, der es wagt, seinen Fuß in die Lichtspuren des Weges Gottes zu setzen, erkennt: Ich bin nicht allein. Nicht nur darum nicht allein, weil der Vater mit mir ist, sondern auch darum nicht allein, weil viele Brüder da sind. Das ist das gnadenreiche Geschenk, das uns gewiß ist, die Gemeinschaft mit allen denen, die verbunden und getragen sind dadurch, daß das Blut Jesu Christi sie rein macht von allen Sünden.
Vielleicht dürfen wir sagen, daß wir in den Nöten und Sorgen der letzten Monate den Segen solcher Gemeinschaft hin und wieder wie ein ganz großes Wunder verspürt haben, als etwas, was wir nicht schaffen und machen konnten, sondern als eine Gabe, mit der uns Gott geholfen hat. Vielleicht durften wir auch darum immer wieder so fröhlich und zuversichtlich sein trotz aller Kämpfe und Sorgen, weil wir die Wahrheit erproben durften, die hier bezeugt ist: wenn ihr euch nicht abtreiben laßt von seinen: Licht, wird Gott euch Gemeinschaft schenken unter- einander.
Und in der Tat, diese Gemeinschaft ist immer wieder da gewesen wie ein Wunder. Denn den weg aus dem Dunkel ins Licht, den weg aus der Lüge in die Wahrheit, aus der Verleugnung in das Bekenntnis, diesen Weg muß jeder allein gehen. Das ist die enge Pforte. Hier kann nicht einer den anderen anfassen und sagen: Komm mit! Zu dieser Umkehr gehört mehr als daß ein Mensch den anderen bei der Hand faßt. Die Finsternis hat ganz andere Hände und Kräfte, uns zurückzureißen. Und darum erfahren wir auch in der Gemeinschaft, in der wir miteinander leben, immer wieder die Grenzen dessen, was Gemeinschaft ist und vermag. Denn diese Gemeinschaft vermag eben das eine nicht, was allein Gott und die Gemeinschaft mit ihm vermag, einen Menschen herauszureißen aus der Macht der Finsternis. Und doch — wen Gottes Wort ergreift und wen sein Geist erleuchtet, der hat auch immer wieder das andere erfahren, daß er nicht ohne den Bruder ist, daß ihn Gott in eine Gemeinschaft hineinstellt, die keine Not und keine Sünde zerbricht. Und das ist es doch wohl immer wieder gewesen, was wir heute mit Dank bekennen müssen, daß wir, wenn wir sein Wort gefunden haben und seine Erkenntnis aufleuchtete, auch zueinander gefunden haben, und die Hände, die oft ins Dunkel griffen, dann wußten, wo der Bruder steht. Meine Brüder, so wird es auch ferner sein. Vergessen wir das nicht, „so wir im Licht wandeln, haben wir Gemeinschaft untereinander“. So wir sein Wort verkündigen ohne Scheu, so wird uns eine Gemeinde geschenkt werden. So wir treu in unserem Auftrag, nur von Gott geführt, Zeugnis für seine Wahrheit ablegen und nicht Fleisch für unseren Arm halten, so werden wir umgeben sein von einer Schar von Zeugen und erfahren, daß wir niemals verlassen sind, niemals ohne den Bruder, wenn wir Trost brauchen.
Es ist dies eine Gemeinschaft eigener Art, in die Gott uns stellt. Denn: „das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ Weil wir uns das noch einmal sagen lassen wollen, weil wir uns sagen lassen wollen, wo einzig und allein der Halt und die Reinheit christlicher Gemeinschaft liegen, sind wir heute hier zu Beichte und Abendmahl versammelt. Denn wenn unsere Bruderschaft nur begründet wäre auf der Gleichheit des Berufes, des Schicksals oder auch der Überzeugung, wie wäre sie belastet von viel Not. wie wäre sie belastet davon, daß einer am anderen vorübergeht, gerade dann, wenn der andere ihn braucht, daß der eine nur auf seine Sorge sieht und der andere nur auf seine Leistung. Man braucht nur einmal miteinander zu leben, um zu erfahren, wie schwach wir sind, schwach im Geben und schwach im Vergeben, und wie wir uns vereinzeln und von der Not des anderen nichts wissen wollen, weil wir selber ihrer nicht Herr werden. Oder wie hier und da ein unbedachtes Wort oder ein böser Verdacht zwischen uns steht, so daß wir uns nicht mehr offen und frei ins Angesicht sehen können.
Meine Brüder, wenn wir da nicht Jesus Christus bei uns hatten, dann wäre all unser Zusammenleben in Wahrheit Schein, wenn es nicht im Allerletzten etwas gäbe, was uns berechtigt, um Verzeihung zu bitten und selber zu verzeihen, zu unserem Bruder zu sagen: Alles, alles ist dir tausendfältig vergeben, was zwischen dir und mir steht, denn auch mir ist überreich vergeben worden, wenn es diesen Grund und Halt nicht gäbe und wir nicht aus der Vergebung leben könnten, dann würden wir uns im Leben nur begegnen, aber niemals behalten, niemals lieb behalten bis ans Ende.
Und seht, meine Brüder, erst von diesem Grunde aus wird offenbar, worin das höchste Vermögen des Menschen liegt, worin er seine verlorene Gottähnlichkeit wieder geschenkt bekommt. Denn alles, was wir am Menschen rühmen, sein Geist und sein Mut, seine Klugheit und seine Schönheit, und wir wissen ja, wie mitreißend in der Gemeinschaft alle diese Kräfte wirken — aber reichen sie wirklich hinein bis in die Einsamkeit dessen, der sich verloren hat, der nicht herausfindet aus sich selbst? Können sie wirklich in die Gefängnisse der Seele reichen? wo aber ein Mensch dem anderen seine Sünde vergibt, nicht nur in Worten, sondern in der Cat, wo er wirklich verzeihen kann, wo ein Bruder dem anderen mit seiner Vergebung Vergessen schenken kann und in solcher Liebe geheilt wird, was zerbrochen war, und gestärkt, was schwach ist, da begreifen wir, was das Höchste ist, das ein Mensch vermag. Da begreifen wir, daß es kein besseres und edleres Werk auf Erden gibt, als wenn ein Mensch dem anderen die Vergebung seiner Sünden schenkt.
Die Gemeinschaft, in der solches Werk zu finden ist, verdient allein den Namen der Gemeinschaft des Blutes Jesu Christi. Denn darum ist Jesus Christus so tief herabgestiegen, damit wir wieder so hoch empor gehoben werden, damit wir so göttlich, so himmlisch, so edel aneinander handeln können, damit wir einander etwas spüren lassen von dem Licht, in dem keine Finsternis ist, von dem Wort der Vergebung, in dem kein Haß, kein Nachträgen, kein Groll, keine Bitterkeit ist, damit wir uns miteinander verbinden in diesem Zeichen, das der Herr mit seinem Blut über Bruder und Bruder gesetzt hat.
Meine Brüder, wenn Sie jetzt herausgehen, um den Dienst am Wort zu übernehmen, dann werden Sie auch das erfahren: Dieser Dienst ist nicht nur ein Kampf und ein Ringen um das Kundwerden des Evangeliums in der Welt, sondern er ist auch zugleich ein Kampf um echte, unzerbrechliche Gemeinschaft. Denn Hand in Hand mit dem Glauben muß die Liebe gehen, die Liebe, die alles verträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet. Und Sie werden erfahren, je enger die Gemeinschaft ist, in der wir leben, desto größer die Not und die Bedrängnis, die sie zu zerstören suchen. Denn es ist nun einmal so, wahre brüderliche Gemeinschaft ist dem bösen Geist dieser Welt ein Ärgernis und er hat viele Mittel und Wege, gerade dieses Gnadengeschenk Gottes zu vergiften und zu zerstören. So wird es manche Not geben in der Bruderschaft, in die Sie jetzt gehen, manche Not auch in der Gemeinde, die sich sammeln wird um Ihre Verkündigung oder auch nicht mehr sammeln wird, weil ihre Gemeinschaft schon entzwei ist. Das ergibt dann immer schwere Kämpfe und große innere Not. Aber wenn das alles über uns kommt, dann wollen wir eins nicht vergessen: Keine Gemeinschaft ist so zerrissen, die nicht geheilt werden könnte durch das Blut unseres Herrn Jesu Christi; und keine Gemeinschaft ist so verdorben, die nicht rein werden könnte durch das Blut unseres Herrn Jesu Christi. Nie und nimmer soll uns das Wort von den Lippen gehen, daß wir mit einem Menschen keine Gemeinschaft mehr haben können, weil er zu sündig ist. Denn damit lästern wir den Tod Jesu und tun eine viel größere Sünde als die, über die wir uns empören, wir machen damit nur offenbar, daß es uns an Glauben und darum auch an Liebe mangelt und daß wir nicht Ernst machen damit, daß das Blut Jesu Christi uns von aller, wohlgemerkt von aller Sünde rein macht, wo wären wir, wenn Christus so gedacht und so gehandelt hätte, wenn er eine Partei der Guten, der Gerechten, der Makellosen und der Heiligen gesammelt hätte? wo wären wir, wenn er nicht gekommen wäre als der „Zöllner und Sünder Geselle“?
Darum ist die christliche Gemeinde nicht die Gemeinschaft derer, die keine Sünde haben, sondern die Gemeinschaft, in der wir Herr werden sollen und können über all das Böse, das uns voneinander trennt. Darum heißt es: wir sind allesamt einer in Jesus Christus, wir leben alle davon, daß uns Vergebung widerfahren ist, damit wir vergeben unseren Schuldigern. Und alle Liebe, alle Lindigkeit und Fröhlichkeit, die in dieser Gemeinschaft zu finden ist und von ihr ausstrahlt in alle Welt — sie ist die Frucht, die auf dem Acker seines Todes wachst, weil sein Tod der Grund ist, in dem wir wurzeln, darum kann das Böse, das sich immer wieder zwischen uns drängt, uns doch nicht trennen. Im Gegenteil, wo Vergebung der Sünden zu finden ist, da stirbt das Böse ab wie ein Unkraut, das in der Wurzel vernichtet wird. Darum laßt uns häufig und reichlich Gebrauch davon machen und viel vergeben. Denn durch unser Vergeben wird das Blut Jesu Christi ausgebreitet und wandelt sich in einen Segen, der die Herzen der Menschen überströmt.
Wo aber Vergebung der Sünden wirksam werden soll, da muß auch das Bekenntnis der Sünden laut werden. Denn wer in das Licht Gottes tritt — und die Vergebung ist ja eben dieses Helle und klare Licht, der neue Tag, der von Gott her über uns aufgeht —, der steht auch selbst im Licht und wird aufgedeckt bis in seine tiefsten Tiefen. Und wenn wir Menschen auch immer wieder die Stirn haben, vor einander und vor uns selbst die Macht der Sünde zu leugnen, wer könnte vor Gott hintreten und in seinem Licht makellos dastehen? Das ist die Wahrheit, die offenbar wird, wenn das Licht der Gnade über uns aufgeht: Das vermag keiner! Und zwar gilt das nicht nur von dem Menschen nach seinem natürlichen Wesen, sondern das gilt gerade von den Christen, das gilt gerade von uns: Hier, mitten in der Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben, soll das Bekenntnis der Sünden nie verstummen, nicht als das Bekenntnis einer Zeit, die hinter uns liegt, sondern als das Bekenntnis dessen, was wir sind. Denn hier, im Lichte Gottes, muß ja beides zu finden sein, die Wahrheit Gottes und die Wahrheit des Menschen. Darum gilt von uns dieses: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Und von Gott das andere: „So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.“ Diese beiden Sätze enthalten das Entweder-Oder unsres Lebens: Entweder der Schein eigener Güte und Gerechtigkeit, wo- mit wir nicht nur uns, sondern Gott, den Gott, der Jesus Christus gesandt hat, der das Evangelium von der Vergebung kundgemacht hat, zum Lügner machen — oder das Bekenntnis: Ia- wohl, hier geht der Graben zwischen Gott und uns; jawohl, wir sind allzumal Sünder; jawohl, wir müssen es bekennen: Unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht, wer das leugnet, der mag sonst Wahrheiten sagen und glauben, soviel er will, — in ihm, in ihm selbst, wohnt doch die Wahrheit nicht. Er mag etwas wissen von Gott oder auch sehr viel wissen von Gott, er redet doch bei dem allen wie der Blinde von der Farbe. Und der Mensch, der einmal von Herzen betet: Gott sei mir Sünder gnädig, oder der Mensch, der den verlorenen Sohn versteht und versteht, was da gesagt ist: „Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße“, ein solcher Mensch ist getroffen von der Wahrheit Gottes, er macht Gott nicht zum Lügner, in ihm ist mehr Wahrheit als in all denen, die von Gott reden und vieles zu wissen vorgeben, aber dies Bekenntnis nicht für das erste und letzte halten, das ein Mensch vor Gott bringen kann.
Und wenn wir es auch sagen — wir Theologen sagen es ja oft genug — vom Sagen zum Glauben ist noch ein weiter Weg. Wir müssens aber glauben, sonst taugt das Bekenntnis nichts. Denn es sagt sich leicht hin, aber wissen wir auch, was wir damit sagen? Daß wir damit unser Recht vor Gott preisgeben, daß wir damit bekennen: Jawohl, wir sind ganz ausgeliefert in deine Hand, wir sind solche Menschen, die nichts anderes verdienen, als daß Leid, Not, Verfolgung, Angst, Strafe und Tod sie trifft? Wer nimmt sein Kreuz so hin, wenn es über ihn kommt? Wer fährt nicht heraus, klagt Gott und Menschen an? Wer sagt: Ja, Gott, du kennst mich recht, ich empfange das, was ich verdient habe? Wer hadert nicht mit Gott, wenn er sehen muß, daß der Gottlose herrliche Tage hat und der Fromme leiden muß? Wer, meine Brüder? Der allein, der glaubt, was hier steht, daß Gott treu ist und daß Gott gerecht ist und daß hier, in Gottes Treue und Gerechtigkeit immer wieder, Tag für Tag unsere Rettung liegt. Wir fallen und stehen immer wieder auf; wir sind die Irrenden und Fehlenden, aber Gott bleibt sich treu; Gott zählt die Vergebung nicht; Gottes Hand ist immer ausgestreckt; Gott bleibt sich immer gleich.
Das ist es, was er uns bezeugt hat in Jesus Christus, denn er, Jesus Christus, ist ja das Pfand seiner Treue und Gerechtigkeit. In diese Treue sind wir eingeschlossen, mit dieser Gerechtigkeit sind wir rein gewaschen. Noch mit seinen durchbohrten Händen hält er die Welt in ihrem Jammer und ihrer Schuld und läßt sie nicht. Noch mit seinem Blut reinigt er die, die es vergießen und macht alle zu Gotteskindern, die sich so von ihm überwinden, überkleiden, reinigen lassen. Darum können und wollen wir von Jesus Christus nicht lassen, weil wir ja dann von der Treue und Gerechtigkeit Gottes lassen müßten, weil dann unsere Untreue und unsere Unreinheit das letzte Wort in unserem Leben behielten.
Und darauf kommt es an, daß Gott das letzte Wort behält, daß eben nicht die Sünde und die Schuld und das Böse und der Haß, sondern die Vergebung das letzte Wort behält, daß das letzte Wort nicht von dem redet, was wir getan haben, sondern von dem, was Gott an uns getan hat, daß das letzte Wort Jesus Christus heißt, das ist: Vergebung aller unserer Sünden in seinem Blut. Meine Brüder, die Anfechtungen des Lebens können und werden noch sehr hoch gehen, es werden Zeiten und Stunden kommen, in denen wir glauben, Gott ganz verloren zu haben, aber wenn wir dies, dies letzte, endgültige Wort Gottes nicht loslassen, dann wird es kräftiger sein als alles, was uns von Gott trennen will. Dann wird es wirklich das Wort sein, das Gott über unser Leben setzt und das darum gilt in Zeit und Ewigkeit. Denn dabei wird es bleiben, solange wir hier auf Erden unseren Weg gehen: Was wir als Trost und Gewißheit unseres Glaubens haben, das haben wir darum, weil wir uns flüchten dürfen in die Arme unseres Gottes, der uns krönt mit Gnade und Barmherzigkeit und der zu uns sagt: Sei getrost mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben.
Amen.
Gehalten im Schlussgottesdienst des Predigerseminars der Ostpreußischen Bekenntniskirche in Jordan (Neumark) im Oktober 1937.
Quelle: Hans Joachim Iwand, Von der Gemeinschaft christlichen Lebens. Zwei Reden zur Feier der Beichte und des Heiligen Abendmahls, Theologische Existenz heute 52, München: Christian Kaiser, 1937, S. 4-16.