Von Paul Althaus
1. Auferstehung bezeichnet das von Gott gewirkte eschatologische Geschehen, in dem er kraft seines Geistes die Toten aus dem Todeszustande heraus zu dem Leben in der Herrlichkeit seines ewigen Reiches führt (Auferweckung). Die Auferstehung ist also Gegenstand der christlichen Hoffnung. Diese gründet in der Erfahrung der Liebe Gottes: sie beruft jeden einzelnen zur Teilnahme an ihrem Leben und gilt ihm daher über den Tod hinaus (Mk 12, 26 f.). Diese theologische Begründung der Hoffnung auf Auferstehung ist in sich selbst christozentrisch. Denn die dem einzelnen unverbrüchlich zugewandte Liebe begegnet dem Menschen in Jesus Christus. Daß sie durch den Tod durchhält und hindurchführt in ein Leben der Doxa, wird an der im Evangelium bezeugten Auferstehung Christi offenbar: Christus, Gottes Liebe in Person, gibt den Seinen an seinem durch den Tod hindurchgebrochenen Leben schon heute Anteil, aber noch verborgen (Kol 3, 1 ff.), voll wirklich erst jenseits des leiblichen Todes.
2. Der Begriff Auferstehung oder Auferweckung schließt die volle Wirklichkeit des Sterbens und des Todeszustandes ein und widersetzt sich jeder Abschwächung. Das Sterben besteht nicht darin, daß eine unsterbliche Seele sich von ihrem Leibe trennt und sich durch den Tod durchhält, sondern die jetzige leiblich-seelisch-geistige Daseinsgestalt des Menschen wird als ganze zerbrochen. Die Auferstehung betrifft also den ganzen Menschen; es geht um Auferstehung der Toten, nicht nur des Leibes! Man könnte einwenden, ob denn nicht das durch Christus in den Seinen begründete geistliche Leben den Tod überlebe, weil es in sich selbst schon jenseits des Todes ist (Joh 5, 24 u. ö.). Aber das neue Leben aus Christus haben wir auf Erden immer nur in der Gestalt eines sehr irdischen, anfälligen, schwankenden, der Ohnmacht und Sünde verhafteten Seelenlebens: dieses kann nicht in Gottes Reich eingehen und muß daher im Sterben enden. Der Christ ist dessen gewiß, daß Gott das von seinem Geiste bestimmte Ich durchhält, aber dieses ist für ihn völlig verborgen unter seiner leiblichen und seelischen Hülle, die abgetan werden muß. So wird auch der Christ im Sterben sich selber ganz genommen.
Das Bekenntnis zur Auferstehung der Toten steht demgemäß in ausschließendem Gegensatze zu allem platonisch-hellenistischen Denken, das die »Unsterblichkeit der Seele« behauptet. Hier wertet man den Leib als Kerker der Seele ab und lehrt das Sterben als Befreiung der Seele aus ihm verstehen. Gegenüber solchem dualistischen Seelen-Glauben betont das christliche Denken mit der Heiligen Schrift die leib-seelische Einheit des Menschen. Bei der Frage des Sterbens und des Lebens aus dem Tode sind nicht Seele (bzw. Geist) und Leib zu unterscheiden, sondern die Person und ihre jeweilige Daseinsgestalt. Sterben besagt: die irdische Daseinsgestalt der Person wird ganz zerbrochen; Auferstehung besagt: Gott gibt der Person die neue, ewige, todüberlegene leiblich-seelische Daseinsgestalt.
3. Diese Erkenntnis ist in der christlichen Dogmatik nicht immer festgehalten worden. Schon im Neuen Testament wirken am Rande Vorstellungen des hellenistisch-gnostischen Dualismus ein (z. B. 2Kor 5, 1 ff.). Auf sie konnte die kirchliche Lehre sich berufen, als sie ihre Eschatologie ausgestaltete. So entstand eine Synthese zwischen der aus dem Judentum kommenden zentralen neutestamentlichen Hoffnung der Auferstehung des ganzen Menschen aus vollem Todeszustande und dem griechischen, in das Spätjudentum und das Neue Testament zum Teil hineinwirkenden Gedanken einer leiblosen Lebendigkeit der Seele nach dem Tode. Die kirchliche Eschatologie verbindet beides so, daß sie erklärt: die Seelen, die sich im Tode vom Leibe trennen, leben ohne Leiblichkeit an vorläufigen Orten der Seligkeit oder Verlorenheit oder eines Mittelzustandes, also im Himmel oder in der Hölle oder im Fegfeuer und erfahren dort schon Seligkeit oder Qual oder Schmerzen der Läuterung. Aber erst am jüngsten Tage bekommen die Seelen ihren Leib, in der Auferstehung der Toten, und damit wird ihre Seligkeit bzw. Unseligkeit erst voll. So lehrt die kath. Dogmatik im ganzen bis heute, so – abgesehen vom »Fegfeuer« – auch die evangelische Lehrtradition (vgl. die meisten Sterbe- und Auferstehungslieder). Dabei verliert die Auferstehung ihren Ganzheits-Charakter. Sie gilt nur noch dem Leibe, nicht mehr dem ganzen Menschen. Es wird verkannt, daß wir ein Jenseits des Todes allein durch die Auferweckung haben.
4. Die Auferweckung aus dem Tode – das wird an der Auferstehung Jesu deutlich – ist nicht Schöpfung aus Nichts, sondern sie geschieht an der von Gottes Liebe durch den Tod hindurchgehaltenen Person. Nicht ein anderes Ich als das meine wird gesetzt, sondern im »Erwecken« bewahrt Gott mein Ich, um es zu vollenden. Meine, des irdischen Ich Geschichte mit Gott kommt an ihr Ziel. Die Auferstehung erhält die Individualität der Person, z. B. auch die persönlichen Geschlechtscharaktere, das Mannsein und das Frausein. Aber die Selbigkeit der Person wird zugleich nur gewahrt in völliger Andersheit der Daseinsgestalt; die Bewahrung geschieht nur in Verwandlung; die Kontinuität nur durch Abbruch hindurch. Die Bestimmtheit unserer jetzigen Geistleiblichkeit durch Sünde und Sterblichkeit wird abgetan; wir werden aus ihr in die Doxa, die Ganzheit des Lebens im Reiche Gottes versetzt. Der Abbruch der hiesigen Lebensgestalt tritt an der leiblichen Seite des Daseins unmittelbar vor Augen; die Leiblichkeit löst sich auf in das allgemeine Leben der Natur. Deshalb ist es nicht statthaft, die neue Leiblichkeit jenseits des Todes in organischer Kontinuität mit der jetzigen zu denken. So hat freilich die urchristliche Theologie gedacht, selbst Paulus trotz aller Betonung der Andersartigkeit der neuen Leiblichkeit gegenüber der jetzigen, und ebenso die Lehrtradition der Kirche fast durchweg bis heute: Gott erweckt den ins Grab gelegten Leib zu neuem verklärtem Sein. Aber das kann man nur als einen bildhaften, uneigentlichen Ausdruck dafür werten, daß Gott in der Auferstehung den Menschen als eben diesen in der Ganzheit seines Seins herstellt und vollendet, daß also seine künftige Leiblichkeit eben seine sein wird, so gut wie die jetzige die Gestalt seines individuellen Seins ist. Über die in der Auferstehung bereitete Leiblichkeit läßt sich nichts Konkretes aussagen. Aber das schließt das Bekenntnis nicht aus, daß Leibhaftigkeit nicht eine jetzige Not-Gestalt menschlichen Daseins ist, sondern als dessen ursprüngliche und bleibende Gestalt von Gott gesetzt ist. Der Christ sehnt sich daher nach Erlösung von dem jetzigen Leibe nicht anders und nicht mehr als nach Erlösung von seinem jetzigen gebrechlichen und anfälligen »inneren Leben«, seiner »Seele«. Beide werden dahin erlöst werden, daß sie ohne Schranke und Bruch Wohnung und Ausdruck des Geistes Gottes sind.
5. Der Christ erwartet die Auferstehung »am jüngsten Tage«, d. h. von der Parusie, dem Kommen des Reiches, das zugleich Verwandlung des Kosmos sein wird. Diese Verknüpfung der Auferstehung mit der Parusie und der Befreiung aller Kreatur ist keine preiszugebende Mythologie, sondern ein angesichts des Zusammenhanges von Person und Kosmos notwendiger Gedanke. Dann tritt aber zwischen das Sterben der einzelnen und die Auferstehung offenbar eine Zwischenzeit. Daher hat das eschatologische Denken vom Spätjudentum an bis heute immer wieder über einen »Zwischenzustand« zwischen Sterben und Auferstehung Aussagen gemacht. Aber vielleicht ist Gottes Zeit für die Toten eine ganz andere als unsere irdische und vielleicht ist das, was wir, der irdischen Zeitgestalt verhaftet, als eine lange Zwischenzeit sehen, ein einziger Augenblick (Luther). Will man dennoch über den Zustand der Toten etwas sagen, so kann es nur dieses sein, daß er Todes-Zustand (»Schlaf«) ist. Jede Behauptung einer Zwischen-Lebendigkeit der »Seele« bei Christus bricht die Ganzheit der Auferstehung. Jenseits des Todes wartet der Toten in der Tat Christus. Aber Christus ist selber der »jüngste Tag« und die Auferstehung und die Gegenwart des ewigen Reiches.
Lit.: TH. KLIEFOTH, Christl. Eschatologie, 1868 – C. STANGE, Die Unsterblichkeit der Seele, 1925 – DERS., Das Ende aller Dinge, 1930 – P. ALTHAUS, Die letzten Dinge, (1922) 19566 – DERS., Luthers Gedanken über die letzten Dinge (LuJ 1941, 9-34) – W. KÜNNETH, Theol. der Auferstehung, (1933) 19514 – E. BRUNNER, Das Ewige als Zukunft u. Gegenwart, 1953, Kap. 15.
Quelle: RGG3, Bd. 1 (1957), Sp. 696-698.