Ende gut – alles gut? Die letzten Dinge
Von Johannes von Lüpke
Von einer Predigt, die bei einer Bestattung gehalten wird, erwartet die Gemeinde vor allem eines: Trost. Wenn uns ein vertrauter Mensch durch den Tod entrissen wird oder auch wenn wir uns selbst auf das Ende des Lebens einzustellen suchen, dann brauchen wir nichts so sehr wie tröstende Worte. Durch sie hoffen wir eine Gewissheit zu finden, die uns trägt, auch und gerade dann, wenn sich alles andere als zerbrechlich und endlich erweist. Erfüllt sich diese Erwartung so ist das Grund zur Dankbarkeit.
Aber auch Enttäuschungen bleiben nicht aus. Pfarrer A. hat es sich gewiss nicht leicht gemacht. Seine Predigt brachte die Härte und Unbegreiflichkeit des Todes zur Sprache und setzte dagegen in scharfem Kontrast die Botschaft von der Auferstehung der Toten. Am Grabe wurde diese doppelte Botschaft noch einmal in den fest geprägten Worten zusammengefasst:
»Wir geben den Leib unseres Bruders dahin, dass er wieder zur Erde werde, davon er genommen ist.« Und dann nach dem dreimaligen Erdwurf: »Wir befehlen unseren Bruder in Gottes Hand. Unser Herr Jesus Christus wird ihn auferwecken am Jüngsten Tag, er sei ihm gnädig im Gericht und nehme ihn auf in sein ewiges Reich!«
Den Angehörigen stößt insbesondere die Rede vom Gericht unangenehm auf. Muss denn auch davon geredet werden? Der Verstorbene sei doch ein guter Mensch gewesen, das sei viel zu wenig zur Sprache gekommen. Besteht nicht die Gefahr, dass mit der Rede von dem, was nach dem Tode mit uns geschehen wird, Angst gemacht wird? Es scheint eine sehr zweifelhafte Hoffnung zu sein, wenn ihr eine solche ungewisse, wenn nicht gar beängstigende Aussicht beigegeben ist. Und was weiß der Mensch überhaupt von diesen »letzten Dingen«? Der Eindruck stellt sich ein, dass die richtige Lehre, die Pfarrer A.s Predigt zugrunde lag nur unsere Unwissenheit überspielt und daher hohl und hart klingt, alles andere als tröstlich!
Ist es also »geraten, zu trösten statt zu lehren« (so Mascha Kaleko in ihrem Gedicht »Wie sag ichʼs meinem Kinde?«)? Womit aber können und sollen wir einander trösten? Welche Trostmittel haben wir? Pfarrerin B. hat den Ratschlag beherzigt: In ihrer Ansprache nimmt sie vieles von dem auf, was für die Verstorbene und ihre Angehörigen bedeutsam war und ist. Nicht nur biblische Worte, auch Poesie, die Lieblingsmusik, Bilder und Erfahrungen der Natur werden als Quellen des Trostes herangezogen. Aber auch eine aus diesen Quellen schöpfende Predigt kann enttäuschen; denn, so kann man fragen: War das die Botschaft des Evangeliums? Was war daran das Christliche? Von ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrern darf doch erwartet werden, dass sie mit den Trostmitteln sorgsam umgehen. Mit ihnen gemeinsam stehen wir vor der Frage nach der Wahrheit: Welcher Trost bewährt sich? Welcher hält der Erfahrung des Todes wirklich stand? Und wenn hinter den verschiedenen Trostangeboten verschiedene Götter oder Götzen stehen: Wer hält, was er verspricht?
Die überlieferte Lehre und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Lautete der Ratschlag zunächst, es gelte »zu trösten statt zu lehren«, so haben wir doch auch nach der rechten Lehre zu fragen, um den wahren Trost zu finden. Vordergründig betrachtet, scheint jedoch die verbindliche Lehre, wie sie im 17. Artikel des Augsburger Bekenntnisses zum Ausdruck gebracht ist, mit Trost herzlich wenig zu tun zu haben. Unter der Überschrift »Von der Wiederkunft Christi zum Gericht« heißt es dort: »Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tag kommen wird, zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen. Deswegen werden die Wiedertäufer verworfen, sofern sie lehren, dass die Teufel und verdammte Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden. Ebenso werden hier auch etliche jüdische Lehren verworfen, die sich auch jetzt ausbreiten, dass vor der Auferstehung der Toten bloß Heilige, Fromme ein weltliches Reich haben und alle Gottlosen vertilgen werden.«
Diesen Sätzen ist der geschichtliche Kontext, in dem sie entstanden sind, deutlich anzumerken. Ohne kritische Prüfung ist ein heute zu verantwortendes Bekenntnis nicht zu gewinnen. Dabei geht es nicht nur um einzelne unglückliche und verfehlte Formulierungen wie die Etikettierung einer der verworfenen Irrlehren als »jüdisch« oder auch die Auslegung der ewigen Strafen im Sinne eines »ohne Ende Gekreuzigtwerdens« (so die lateinische Fassung); in Frage steht grundsätzlich, ob die Lehre nicht einem überholten Weltbild verhaftet ist. Das gesamte Szenarium, die Rede von Teufeln, von der Hölle und von ewigen Strafen, wirkt befremdlich in unserer Zeit, die durch die wissenschaftliche Aufklärung bestimmt ist. Schnell sind wir geneigt, diese Vorstellungen der Vergangenheit als einer dunklen Vorzeit zuzuweisen, um dann im scharfen Kontrast unsere Gegenwart im Licht der Vernunft und der Humanität zu sehen. Aber die Geschichte konfrontiert uns immer wieder mit der Realität der bösen, gottfeindlichen und menschenverachtenden Mächte. Nicht ohne Grund wird dann von der Hölle gesprochen, nun eben von der Hölle auf Erden. Wer darum weiß, was Menschen einander antun können, wird die Rede von »gottlosen Menschen und Teufeln« für durchaus realistisch halten. Man bedenke hier insbesondere, wie viele Verbrechen verborgen und ungesühnt bleiben: Opfer verstummen. Zeugen werden aus dem Wege geschafft oder in heimtückischer Weise in das Verbrechen hineingezogen. Kaum einer macht sich zum Anwalt der Stummen, der Vergewaltigten und Vernachlässigten. Und nicht zuletzt: auch Richter sind fehlbare Menschen.
Mit diesen Hinweisen ist die Vorstellung vom Jüngsten Gericht, das den einen ewiges Leben, den anderen aber ewige Strafen zuteilt, noch nicht gerechtfertigt. Wohl aber wird der Wunsch, ja die Sehnsucht verständlich, die dieser Vorstellung zugrunde liegt. Weil sich die menschliche Gerichtsbarkeit immer wieder als unzulänglich erweist, halten wir nach einer Gerechtigkeit Ausschau, die irgendwann einmal wirklich alles aufklärt. Wir verlangen nach einer Gerechtigkeit, die unsere Geschichte so ins rechte Licht rückt, dass unmenschliche Verbrechen und ihre Täter verurteilt, die Opfer aber ins Recht gesetzt werden. Wenn Jesus in der Bergpredigt diejenigen selig preist, »die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit«, und ihnen zusagt, sie sollten »satt werden« (Matthäus 5,6), so macht er sich diese Perspektive zu eigen. Er verbürgt sich geradezu für die noch ausstehende Gerechtigkeit. Und deren vollkommene Verwirklichung ist auch bei ihm ohne Gericht nicht zu denken. Die überaus harten und anstößigen Worte, in denen er Menschen wegen scheinbar harmloser Vergehen »des Gerichtes schuldig«, ja »des höllischen Feuers schuldig« erklärt (Matthäus 5,21f.), sind wohl nur die Kehrseite jener entschiedenen, rückhaltlosen Anwaltschaft für die Armen, Leidtragenden und Sanftmütigen, denen das Reich Gottes verheißen ist (vgl. Matthäus 5,2-12). Ebenso verhält es sich in seiner Erzählung vom Weltgericht (Matthäus 25,31-46): Auch hier verbindet sich die tiefe Solidarität, ja die Identifikation mit den Rechtlosen, mit der Ansage des Gerichtes, das den Willen Gottes in kompromissloser Härte endgültig durchsetzt.
Wer kann und darf richten? Dieses Gericht aber ist nicht unsere Sache. Wenn das Augsburger Bekenntnis diejenigen verurteilt, die vor der Wiederkunft Jesu ein Gottesreich aufrichten wollen, so geht es darum, menschliches Urteilen in seine Grenzen zu weisen. Die Lehre richtet sich gegen die Anmaßung derer, die dem Jüngsten Richter sein Urteil vorschreiben wollen oder die sich selbst dazu ausersehen wähnen, hier auf Erden das Gericht durchzuführen — als ob wir endgültig scheiden dürften und könnten zwischen Guten und Bösen, also zwischen den Heiligen und Frommen, denen sich jeder gern selbst zurechnen möchte, einerseits und den Gottlosen, die man am liebsten vom Erdboden vertilgen möchte, andererseits.
Dass eine solche Scheidung nicht in unserer Macht liegt, war schon im Blick auf die Wirklichkeit der Kirche (vgl. Artikel 8 des Augsburger Bekenntnisses) zu bedenken: Die Kirche gleicht ja jenem Ackerfeld, auf dem neben den guten, fruchtbringenden Pflanzen auch mancherlei Unkraut wächst, das auszujäten dem kommenden Richter vorbehalten bleibt (vgl. Matthäus 13,24-30.36-43). Und sie ist in dieser Gemengelage ein Teil der Welt, in der auch beides ineinander liegt und gegeneinander kämpft: Was die Kirche der Welt voraus hat, ist allenfalls dieses, dass in ihr das Wort Gottes gepflegt und verbreitet wird. Sie dient diesem Wort gerade dadurch, dass sie sich ihm unterordnet und auf seine schöpferische und richtende Kraft vertraut. Die Vorstellung einer Kirche, die ihren Verkündigungsauftrag mit dem Amt des weltlichen Richters und Herrschers verwechselt, wird im evangelisch-lutherischen Bekenntnis entschieden verworfen.
Man versteht diese Entschiedenheit nur auf dem Hintergrund jener illusionslosen Sicht des Menschen, die im Begriff der Sünde zum Ausdruck gebracht ist (vgl. Artikel 2 des Augsburger Bekenntnisses). Die Sünde, die Ferne von Gott, treibt ihr Unwesen auch in der »Gemeinschaft der Heiligen«, ja in jedem Christen, ist doch keiner so heilig, dass er nicht immer wieder neu der Vergebung bedürfte. Die Sünde aber hat ihren Grund im Herzen. Und in dessen Tiefe bleibt sie unserer Erkenntnis und Beurteilung entzogen. Beurteilt und verurteilt werden können lediglich Äußerungen der Sünde: einzelne Taten, Worte und, soweit wir von den Äußerungen auf sie zurückschließen können, auch Gedanken; aber das Herz, aus dem Gutes und Böses hervorgeht, können und sollen wir nicht unserem Urteil unterwerfen (auch nicht in der Selbstbeurteilung!). Wir sollen es vielmehr offen halten für die klärende und zurecht bringende Kraft des Wortes Gottes, von dem es Hebräer 4,12 heißt: »Es ist lebendig und kräftig und schärfer al jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.«
Das letzte Wort, das alles zu durchdringen und über Leben und Tod zu entscheiden vermag, ist, so sehr es uns betrifft, doch nicht unser Wort. Es ist das Wort Jesu. Genauer: Jesus, der Christus, ist Gottes erstes und letztes Wort. Er ist »der Erste und der Letzte und der Lebendige« und hat »die Schlüssel des Todes und der Hölle« (Offenbarung 1,17f.). Der kommende Richter ist kein anderer als der, durch den alles geschaffen ist (Johannes 1,3; 1. Korinther 8,6); er ist kein anderer als der gekreuzigte und auferstandene Christus, der als Sieger über die Mächte des Todes und der Hölle verkündigt wird (1. Korinther 15,55). Ob wir dem Gedanken des Jüngsten Gerichts in unserem Glaubensbekenntnis einen Platz einräumen können — und manche neueren Bekenntnisse haben ihn stillschweigend getilgt oder abgeschwächt—, spitzt sich also auf die Frage zu, ob wir diesen Richter für vertrauenswürdig halten und ob wir ihm ein gerechtes Gericht zutrauen.
Halten wir uns an das biblische Zeugnis, so legt sich zunächst eine paradoxe Antwort nahe: Jesus Christus ist als Richter gerade deswegen vertrauenswürdig, weil er in seinem irdischen Wirken alles andere als ein Richter ist. Das Ansinnen, er möge als Richter Konflikte entscheiden, weist er ausdrücklich zurück (vgl. Lukas 12,14). Er verweigert sich den vorschnellen und oberflächlichen Urteilen, mit denen wir bei anderen verdammen, was wir bei uns selbst doch nicht zugeben wollen (vgl. Matthäus 7,1-5; Johannes 8,3-11). In den Prozessen der menschlichen Gerichtsbarkeit tritt er als Anwalt an die Seite der Angeklagten; er macht sich die Sache der Rechtlosen zu eigen; und in dem Prozess, der ihm selbst gemacht wird, verzichtet er darauf, sein eigenes Recht durchzusetzen. Er erleidet unschuldig das über ihn gesprochene Todesurteil. So ist er, um sein Wirken in einem Begriff zusammenzufassen, der Zeuge, der für die Wahrheit eintritt. Als der »treue und wahrhaftige Zeuge« (Offenbarung 3,14) kennt er uns Menschen tiefer, als wir uns selbst erkennen können. Er kennt unsere Widersprüche, unsere Schuld. Er erkennt uns im Licht des Wortes Gottes. Und sofern in diesem Wort eine richtende Kraft liegt, mag man nun doch sagen, dass sich durch Jesus, der das Wort Gottes in Person ist, das Gericht vollzieht. Es gibt mithin Gründe, gerade von Jesus, der am Kreuz hingerichtet worden ist, ein Urteil zu erwarten, das uns in Wahrheit gerecht wird. Das um so mehr, als ja das Ereignis des Kreuzes im Neuen Testament als Ereignis des Friedens und der Versöhnung verkündigt wird. Am Kreuz endet jener selbstzerstörerische Prozess, in dem Gewalt immer nur mit Gewalt beantwortet wird und Böses immer nur wieder neues Böses hervorruft.
Wäre es daraufhin nicht konsequent, auch von der Wiederkunft Jesu nichts anderes als Frieden und Versöhnung zu erwarten? Die Lehre von der Allversöhnung, die sich durchaus auf biblische Aussagen stützen kann (vgl. Römer 11,32; Kolosser 1,20) und die in der Geschichte der Kirche zahlreiche Fürsprecher gefunden hat, wird jedoch in den Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche ausdrücklich verworfen. Ist am Ende also doch nicht alles gut? Wird die unversöhnte Menschheit verewigt? Entpuppt sich der Richter, der uns zunächst als barmherziger, mitleidender Bruder, als Tröster in unserer Not vor Augen gestellt ist, am Ende doch als gnadenloser Richter, der das Gesetz der Vergeltung nur befristet ausgesetzt hat, um es am Ende um so grausamer zu exekutieren?
Rechtfertigung und Gericht
Die Spannung zwischen der im Evangelium verkündigten Gnade Gottes und der Ansage eines gnadenlosen Gerichts ist offenkundig. Es handelt sich freilich um eine nicht aufzuhebende Spannung. Wie die beiden Pole gerade in ihrer Gegensätzlichkeit aufeinander verweisen, lässt sich verdeutlichen, wenn wir uns noch einmal auf das Zentrum des lutherischen Bekenntnisses besinnen. Im Zentrum steht die Botschaft von der Rechtfertigung. Wir würden sie missverstehen und ihre Macht unterschätzen, wenn wir Rechtfertigung im Sinne unseres Sprachgebrauchs lediglich als Verteidigung und Bestätigung verstehen würden. Nur allzu oft erwarten wir, dass Menschen Verständnis für uns haben, und denken dabei daran, dass sie uns Recht geben und unsere Einstellungen, unsere Meinungen und Verhaltensweisen billigen. Diese Erwartung wird im Hören auf das Evangelium heilsam enttäuscht. Nicht dass Jesus kein Verständnis für uns hätte! Aber gerade weil er uns so tief versteht, überlässt er uns nicht uns selbst. Gerade weil sein Ja-Wort so tief greift, ist es nicht ohne das harte Nein zu unserem Leben, sofern dieses Gottes Willen widerspricht. Der Vergleich des Wortes Gottes mit einem zweischneidigen Schwert (Hebräer 4,12) ist hier noch einmal zu bedenken. Vergebung der Sünde bedeutet auch Trennung von der Sünde, ja Tötung des der Sünde verfallenen Lebens. In der Sprache des Kleinen Katechismus gesagt: Der »alte Adam in uns« soll »ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten« (Kleiner Katechismus, Taufe). Wo der Mensch allzu stark auf sich fixiert ist und alle Kritik, die ihm gesagt wird, als Verurteilung seiner selbst versteht und von sich weist, da treibt das Wort Gottes, als Gesetz und Evangelium gleichsam einen Keil in unsere Existenz: Es scheidet zwischen dem alten Menschen, der den Tod verdient, und dem neuen Menschen, der sich der Gnade verdankt. So löst es uns von uns selbst. Und das ist, so wahr wir als Sünder an uns selbst hängen, immer auch ein schmerzlicher Prozess.
Insofern mag man sagen: Der rechtfertigende Glaube übt schon jetzt, täglich das Gericht ein. Und er erschließt gerade so die Erfahrung des ewigen Lebens. Dem täglichen »Ersäufen« des »alten Adams« entspricht das tägliche Herauskommen und Auferstehen des »neuen Menschen, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebt« (ebenda). Kurz: »Wo Vergebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit« (Kleiner Katechismus, Abendmahl). Schon jetzt fällt das ewige Leben gleichsam ein in unser irdisches, zeitliches Leben. Die geläufige Vorstellung, der Mensch werde erst im Jenseits, nach dem Tode an ein Himmelstor gelangen, das sich den einen öffnet, den anderen aber verschließt, rückt das ewige Leben allzu weit weg und macht es dann wohl nicht zufällig zum Gegenstand des Witzes und der Karikatur. Das Reich Gottes aber, um dessen Kommen wir bitten, kommt uns so nahe, dass wir Gottes Güte schon in unserem Leben spüren. Wo Gott Menschen anspricht und annimmt, da öffnet sich der Horizont des irdischen Lebens: Wir bleiben nicht eingeschlossen in der Welt, die wir mit eigenen Kräften aufbauen und zu sichern suchen. Wir dürfen vielmehr leben aus dem, was wir empfangen. Auch wenn wir es nicht festhalten können, wir haben das ewige Leben so wie wir das Licht der Sonne haben: als eine Gabe, die uns umfängt und durchdringt, mithin unser ganzes Leben bestimmt, doch niemals unser Eigentum wird. Eben der Wunsch, das Leben Gottes im Sinne der Unsterblichkeit für sich und aus sich heraus haben zu wollen, ist ja der verkehrte Grundwille des »alten Adams«, der das von Gott gewährte Leben verdirbt und dem Tod unterwirft.
Wenn es so etwas gibt wie ein Tor zum ewigen Leben, so öffnet sich dieses allein im Glauben, der sich auf Gottes Zusage verlässt und sich ihm ganz anvertraut. Das uns verheißene Leben ist nicht die Verewigung unserer je eigenen Existenz, sondern die Befreiung zur vollkommenen Gemeinschaft mit dem ewigen Gott. Darauf deutet schon die biblische Verkündigung, wenn sie das ewige Leben unter dem Bild eines festlichen Gastmahls vor Augen stellt (Jesaja 25,6-8; Matthäus 22,1-14 par; Offenbarung 3,20). Das entscheidende Medium der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch aber ist das Wort. So wie Gott zu uns redet, so dürfen und sollen wir auch zu ihm reden. Luther konnte unter diesem Gesichtspunkt den Gedanken der Unsterblichkeit positiv aufnehmen: Wir seien unsterblich eben darin, dass Gott mit uns redet. So wie er uns durch sein Wort geschaffen hat, so liegt in seinem Wort auch unsere Zukunft. Es ist derselbe Gott, »der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei« (Römer 4,17).
Das Vaterunser: eine Schule der christlichen Hoffnung. Sich auf dieses Wort einzustellen und ihm zu antworten, ist der Sinn des Gebetes. Wenn wir eben das ewige Leben als Gabe verstanden haben, so heißt das nicht zuletzt: Wir dürfen darum bitten und zwar in der Gewissheit darum bitten, dass unser Bitten erhört wird. Im Gebet spannen wir gleichsam den Mantel weit auf, um viel zu empfangen (Großer Katechismus, Vater Unser). Gottes Ehre liegt geradezu darin, dass er uns mehr geben will, als wir greifen und begreifen können. Er ist »ein ewiger unvergänglicher Quell, der, je mehr er ausfließt und übergeht, desto mehr von sich gibt und nichts höher von uns begehret, denn dass man viel und große Dinge von ihm bittet, und wiederum zürnet, wenn man nicht getrost bittet und fordert« (ebenda, zur 2. Bitte). Demnach dürfen und sollen wir also so unverschämt sein, um nicht weniger als das ewige Leben zu bitten.
Wie wir aber recht darum bitten, ist im Beten des Vaterunsers zu lernen und immer wieder aufs neue einzuüben. In den Worten des Vaterunsers, dessen Auslegung im Kleinen und Großen Katechismus Luthers in die Bekenntnisschriften aufgenommen worden ist, kommt die Lehre von den »letzten Dingen« so zur Sprache, dass zugleich der Trost des christlichen Glaubens hervortritt. Denken wir noch einmal an die Situation, von der wir in unseren Überlegungen ausgegangen sind: Dass die christliche Gemeinde am Grabe eines Menschen gemeinsam das Vaterunser betet, ist geradezu das Erkennungszeichen einer christlichen Bestattung. Hier lässt sich der Inbegriff christlicher Hoffnung finden.
Nicht ohne Grund stehen am Anfang des Vaterunsers die Bitten, die Gott das »Seine« zugestehen: Gottes Name, sein Reich und sein Wille bezeichnen Gottes Freiheit und Allmacht. Sie zu achten, ist das erste Gebot. »Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen« (Kleiner Katechismus, Gebote). Unter diesem Vorzeichen steht alles, was der Mensch für sich erbitten darf. Sich zuerst auf Gottes Reich und seine Gerechtigkeit einzustellen, heißt dann freilich auch, Gottes Willen uns zugute geschehen zu lassen (Matthäus 6,33). In der Bitte um das Kommen des Reiches Gottes ist unser eigenes Leben gut aufgehoben, so wie ja auch sprachlich die Bitten um das was wir brauchen, das tägliche Brot und die die Vergebung der Schuld, eingefasst sind in die Anrufung Gottes, dem das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit gehört. In diese Klammer eingeschlossen ist nicht zuletzt auch das Böse, von dem die Menschen sich aus eigener Kraft nicht zu befreien vermögen. »Wir bitten«, so legt Luther die letzte Bitte als Zusammenfassung des ganzen Gebets im Kleinen Katechismus aus, »dass uns der Vater im Himmel von allerlei Übel des Leibes und der Seele […] erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden […] zu sich nehme in den Himmel«.
»Wie im Himmel so auf Erden« heißt es in der Mitte des Gebets, im Übergang von den »Dein«-Bitten zu den »Unser«-Bitten. Schon jetzt, hier auf Erden dürfen wir teilhaben an den Gaben unseres Schöpfers und Vaters. Gott sorgt für uns, sowohl für den Leib als auch für die Seele. Dürfen wir in den lebensnotwendigen Gaben, zu deren Vermittlung wir als Menschen auch in Anspruch genommen sind, den Willen des Schöpfers und das Kommen seines Reiches wahrnehmen, so lässt sich in dieser Zuversicht auch umgekehrt sagen: »wie auf Erden so im Himmel«. Gewiss wird das himmlische »Festmahl« anders sein als unser »tägliches Brot«. Und ebensowenig ist das Jüngste Gericht mit dem in der Rechtfertigung erfahrenen Absterben des »alten Adam« einfach gleichzusetzen. Was sich aber im Übergang von diesem Leben zum ewigen Leben durchhält, ist die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, wie sie im Wort lebendig ist.
Jürgen Moltmann, Im Ende – der Anfang. Eine kleine Hoffnungslehre, Gütersloh 2003; Oswald Bayer, Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung, Tübingen 22004, insbes. die Kapitel IX, XV und XVI.
Quelle: Klaus Grünwaldt (Hg.), Konfession: Evangelisch-lutherisch, Rheinbach: CMZ, 2004, S. 117-127.