Von Willy Kramp
1.
Wer vom Worte Gottes in seinem Verhältnis zum Wort des Dichters spricht, der kann dies rechtmäßig – in diesem wie in jedem anderen Zusammenhänge – nur tun, indem er sich bedingungslos unter das Zeugnis der Heiligen Schrift stellt. Die Heilige Schrift aber versteht unter dem Wort Gottes wesentlich zweierlei: Das „Gott sprach“ am Anfang und die Erscheinung Jesu Christi (der „des Vaters ewigs Wort“ ist) im Fleisch, das heißt: in der abgefallenen Schöpfung, zu der du und ich gehören.
Beide Male offenbart sich mir Gottes Wort nicht als etwas, das – um von mir gehört und verstanden zu werden – bestimmte geistige, ästhetische oder „religiöse“ Sonderveranlagungen voraussetzte, sondern es spricht zu mir in die Lage hinein, die ich mit allem, was Geschöpfesantlitz trägt, teile. Es spricht in meine Sünde hinein. Das Wort von der Schöpfung sagt mir, daß ich mein Leben nicht aus mir selber, sondern aus Gott dem Vater habe und daß ich es ihm darum danke und schulde: im Hinhören aber auf das zweite Wort Gottes, das in Christus erschienen ist, begreife ich, daß all mein falsches, willkürliches, selbstherrliches, gottleugnendes, also sündiges Leben ausgestrichen sein soll, wenn ich das neue Leben in Christus, dem kreaturgewordenen Worte Gottes, gläubig ergreife und mich damit der neuen Schöpfung teilhaftig mache, die Gott unter uns begonnen hat. Gottes Wort, wie es die Schrift bezeugt, ist zunächst und zuletzt Schöpfung, reine heilige Schöpfung, auf der die Verheißung ruht: Kein Tod, keine Sünde. Erst durch meinen und deinen Ungehorsam ist diese Schöpfung mitsamt ihren herrlichen Verheißungen verdorben worden, und wenn in diese ungehorsam gewordene, abgefallene Schöpfung hinein dann Gottes Wort durch den Mund der Propheten und Prediger auch als Gerichtswort ertönt, das von der Grenze und dem schrecklichen Ende allen von Gott gelösten Lebens spricht, so besteht das wahre göttliche Gericht über unsere Sünde endlich doch nicht darin, daß das ungehorsame und abgefallene Geschöpf vernichtet wird, sondern vielmehr darin, daß Christus ins Fleisch gekommen ist und mit seinem Kommen ein neues Strömen der göttlichen Gnade angehoben hat, also daß nach Gottes Willen das Ende des abgefallenen Geschöpfes nicht wahrhaft der Tod, sondern das neue Leben in Christus ist mit all den Verheißungen, die auf denen ruhen, die Gottes Kinder bleiben wollen.
Gottes Wort kommt also aus der Wirklichkeit Gottes – der einzigen Wirklichkeit, die es gibt – und wo es ertönt, da schafft es wiederum Wirklichkeit, weil Gott nicht lügen, d.h. nicht so aus dem Nichts heraus sprechen kann wie der Mensch. Trotzdem wird durch das Menschenwort der Heiligen Schrift von diesem wahren Sprechen Gottes Zeugnis abgelegt; und weil mir die Wahrheit dieses Zeugnisses vom Heiligen Geist offenbart worden ist, kann ich es wohl ohne Widerspruch anhören, wenn da im Gottesdienst gesagt wird: „Wir hören aus Gottes Wort …“ Denn das Geschehen, in dem Gott sich selbst uns offenbart hat, und das Menschenwort, in dem von diesem Geschehen berichtet wird, ist hier zu einer unauflöslichen, leibhaften Einheit geworden. Diese Einheit bleibt das Geheimnis der Bibel.
2.
Mit allem, was ich bin und was ich kann, gehöre ich Gott. Was die Heilige Schrift als Sünde bezeichnet, ist nichts anderes als die Tatsache, daß ich dies vergessen habe oder gegen besseres Wissen leugne. Indem ich mich aber – aus welchen Gründen und mit welchen Begründungen auch immer – von meinem Schöpfer abgelöst habe, um aus eigener Kraft, Vernunft und Göttlichkeit zu leben, sind alle meine Kräfte und Fähigkeiten, mögen sie noch so groß sein, doch nicht mehr die Auswirkungen dessen, der mich geschaffen hat, und dienen nicht mehr seinem göttlichen Willen, sondern sie treten in den Dienst meiner eigenen Willkür, die bei aller menschlichen Zielstrebigkeit aufs Letzte gesehen doch ins Nichts zielt. Unter Sünde versteht die Bibel – anders ausgedrückt – dies, daß der Mensch nicht mehr aus dem Geiste seines wirklichen Vaters heraus in kindlicher Art handelt, denkt und lebt, sondern daß er – im Banne des Vaters der Lüge – aus „seinem“ eigenen Sein heraus eine Wirklichkeit zu schaffen strebt, die diejenige des Vaters zu leugnen, ja zu verdrängen und zu übertreffen vermöchte. Da es aber nur die eine Wirklichkeit gibt, die aus dem göttlichen „Es werde“ kommt, und außer dieser nur den Schein einer Wirklichkeit, so bleibt dem abgefallenen Menschen nichts anderes übrig, als den Schein für Wahrheit zu nehmen, sein eigenes Wesen für Gottes Wesen zu setzen, sein von Gott verlassenes Leben dennoch für Leben zu halten und sein in Wahrheit zerstörerisches Tun mit dem schöpfungskräftigen Handeln Gottes zu verwechseln. Je größer die Gaben und Kräfte eines Menschen sind – und gerade im „Geistigen“ –, desto leichter wird ihm dieser uralte Selbstbetrug der Kreatur fallen; desto verhängnisvoller wirkt sich aber auch solcher Abfall aus.
3.
Gerade die menschliche Sprache nun – und das Dichterwort stellt ja die Menschensprache in ihrer letztmöglichen Tiefe und Wirkungsweite dar – gerade die Sprache ist dasjenige Element, darin der Mensch am allerleichtesten von dem verführerischen alten Wahn gefangen wird, er könne sein und tun wie Gott selbst. Denn mittels des menschlichen Worts, des Dichterworts insbesondere, scheint sich ja ganz Ähnliches, sogar ganz Gleiches zu vollziehen wie mittels des göttlichen Schöpfungswortes. Denn erschafft nicht auch der Dichter allein durch sein Wort eine neue Welt, die reiner, schöner und wirklicher ist als die äußerlich sichtbare Welt? Und erlöst nicht auch der Dichter durch die Liebe und Weisheit, mit der sein Wort die Geschehnisse und Einzelheiten menschlichen Lebens zueinander in Beziehung setzt, den Menschen von der Abgefallenheit und Vordergründigkeit eines sinnlos und tot gewordenen Existierens, so wie Gott die Welt aus ihrem sündigen Abfall und Ungehorsam erlöst hat durch sein in Jesus Christus gesprochenes Gerichtsund Liebeswort?
Wahrlich, die radikale Scheidung zwischen dem, was im strengen Sinne Wort Gottes und dem, was selbst im tiefsten und höchsten Sinne Wort des abgefallenen Menschen ist, diese Scheidung gehört zu dem Schwersten und Bittersten, was menschlicher Wahrhaftigkeit aufgegeben werden kann. Denn zwar ist das Menschenwort ebenso sehr das Mittel der Wahrheit wie der Lüge, des Heilens wie des Vernichtens geworden und offenbart in dieser seiner Vieldeutigkeit am stärksten die Verlorenheit alles von Gott abgefallenen Wesens überhaupt; aber dennoch offenbart sich auch das eindeutig wahre, göttliche Wesen doch wohl nicht zufällig in dem Menschenwort der Bibel, dennoch haben die Apostel, Propheten und Prediger Gottes zur Verkündigung Seiner Wahrheit nie etwas anderes zur Verfügung gehabt als ihr armes, schwaches Menschenwort. Der Zusammenhang zwischen dem „Gott sprach“ und dem Sprechen des Menschen ist somit in ein Geheimnis gehüllt, das anzurühren oder gar enthüllen zu wollen die Vernunft sich wohl hüten sollte.
Die Versuchung, die an diesem Wege lauert, kann indessen ganz doch wohl nur der ermessen, der sich vom dichterischen Wort immer wieder selbst in die Tiefe reißen lassen muß und niemals weiß, ob er von da unten eine Perle oder einen garstigen Frosch heraufbringen wird, ja der nicht einmal weiß, ob er nicht eines Tages ganz vom Strudel verschlungen bleiben wird. Denn es liegt ja auf der Hand, daß am echten Dichterwort auch heute noch ein irrationaler Zauber haftet, der gleichsam aus Paradiesestagen zu stammen scheint. Immer noch geschieht das Unerklärliche, daß das Dichterwort am Antlitz der Menschheit bildet und wandelt, daß es in Schicksale und in Menschenseelen real eingreift – zum Guten oder zum Bösen; oder wer wollte leugnen, daß das Dichterwort, so wie es in hohem Maße der Träger heilender sowohl als auch dämonischer Kräfte sein kann, gleicherweise auch in jene Sphäre zu führen vermag, darin alles Vordergründige der Welt als Schein entlarvt ist?
Es ist die tiefste Schwierigkeit unseres Menschenlebens überhaupt, die hier in besonderer Weise zutage tritt: Die Schwierigkeit, dasjenige, was machtvoll zu uns spricht, zu scheiden von dem, was aus Vollmacht zu uns spricht. Es ist insbesondere die Schwierigkeit, zu erkennen, daß das Dichterwort darum noch nicht näher bei Gott ist, weil es stärker der geistigen als der materiellen Welt angehört. Denn die „geistige“ Welt, mit der es dies Wort zu tun hat, ist beileibe nicht als solche schon die Wirklichkeit des lebendigen Gottes; sie kann ebenso wohl eine geistige Scheinwirklichkeit dämonischen Ursprunges sein. In alles menschliche Wort hat sich ja jene Zweideutigkeit eingeschlichen, mit der wir unser „Freisein“ von Gott bezahlen müssen; das menschliche Wort ist seit den Zeiten des Abfalls nicht mehr unbedingt an den gebunden, der allein binden kann. Wo aber das Menschenwort „frei“ wird, da wird es in Wahrheit wild und rast ins Nichts mit einem jeden, der nicht von stärkerer Hand gehalten wird. Wir haben Beispiele für solche Wahnsinnsfahrten.
Was aber sollen wir tun? Wie werden wir unser Menschenwort, unser Dichterwort, wieder den Grund finden lasten, aus dem es als gutes reines Brot hervorzuwachsen vermag? Sollen wir nicht lieber auf alles schöpferische Leben in und aus unserer Menschensprache ganz verzichten, nachdem wir einmal die Gefahren erkannt haben, die in solchem Leben lauern?
4.
Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Wahrheit über den Menschen und über Gott wieder ans Licht zu bringen. Er verkündet uns nicht nur das Wort dieser Wahrheit, sondern er selber ist dieses Wort. Das gleiche Wort Gottes, mittels dessen einst Himmel und Erde erschaffen wurden, ist in ihm Mensch geworden. Dieser Mensch Jesus von Nazareth spricht zwar auf menschliche Weise und in Menschenworten zu uns; Gott aber zeugt für die Wahrheit seines Wortes auf göttliche Weise, indem er ihm Vollmacht gibt über Leben und Tod, uns allen sichtbar. Es gibt keinen anderen Weg, der über unsere Sünde hinweg wieder zur Wahrheit unseres Seins und damit auch unseres Wortes führen könnte, als den, daß wir uns an dieses neu offenbarte und uns zur Erlösung angebotene Wort Gottes in Christus halten. Denn in ihm endet unsere Sünde. In ihm endet unser Ungehorsam, unser Selbst-sein- und Selbst-wissen-wollen. Darum endet in ihm auch unsere Lüge. Die Lüge unseres Seins wie die Lüge, die sich in unser Menschenwort eingeschlichen hat.
Aber wie? Dann sollte der Dichter mit seiner geheimnisvollen Macht und Kunst genau so auf die Reinigung von der Sünde durch das Kreuz Christi und auf die Rechtfertigung aus Glauben angewiesen sein wie der ärmste Schächer? Dann sollte auf dem schmalen Wege, der nach Gottes Willen uns wiederum in die Fülle führen wird, all dieser Reichtum des Worts eher eine hemmende Bürde denn ein starker Stab sein? Das geht dem Herzen bitter ein. Wahrlich. Denn der dichtende Mensch kennt ja wie keiner die verführerische Gewalt jener Einflüsterungen, die da seit Adam und Eva dem Menschen sagen: Ihr werdet sein wie Gott. Was kann der Dichter doch nicht alles durch die Magie seines Wortes vollbringen! Er kann erhöhen, was gering ist, und er kann erniedrigen, was hoch ist. Er kann dem Sinnlosen einen Sinn geben. Er kann das Stumme sprechend machen. Er kann die Wahrheit seiner Welt mittels seiner Gestaltungen verwirklichen, statt wie der Prediger des Evangeliums unter der Last eines fremden, übermenschlichen und kaum verständlichen Auftrages nur Worte zu stammeln. Er kann den Ungläubigen zum Glauben zwingen, denn er „beweist“, wo der Prediger des Evangeliums nur Hinweisen kann. Er vermag die Widerstrebenden zum Glauben zu verführen, wo der Prediger des Evangeliums durch sein Zeugnis lediglich die zum Hören bereiten Herzen dem Glauben entgegenführen kann. Er verkündigt nicht nur das neue Leben in einer künftigen Welt, sondern er bietet dieses neue Leben bereits sichtbar an.
Viel, sehr viel vermag das Dichterwort, und die von ihm heimgesucht werden, sollten sie darum nicht zu Recht sich als die berufenen Priester der Gottheit fühlen, deren schaffendem Wesen das ihre doch so verwandt ist? Sollten sie sich nicht um so mehr die priesterlich Berufenen dünken, als sie in der furchtbaren Not des Heimgesuchtwerdens, im langen quälenden Warten auf das Wort und in der reinen Seligkeit des Empfangens und Gebärens des Wortes auf andere, gottähnlichere Art zu leiden und sich zu freuen meinen denn andere Menschen? Sind sie es nicht, die es ertragen müssen, daß die sichtbare Welt der Dinge sich immer wieder vor ihrem erschauernden Blick auflöst und der furchtbare göttliche Herzschlag hinter dieser äußerlich gewordenen Scheinwelt sie vor Angst schwindeln macht? Sind sie nicht herausgerissen aus allem Trost, den die vielen haben, die in der sichtbaren Welt die wirkliche sehen? Heißt es nicht wahrlich genug gelitten, wenn alles Feste sich immer wieder gespenstisch auflöst und der im Nichts ertrinkenden Seele nichts anderes bleibt als das Wort, daraus sie stets erneut die neue Welt gebären muß, in der sich für ein paar Atemzüge Ruhe finden läßt? And das alles sollte vor Gott nicht gelten? Sondern wie alle anderen, die Kleinen, die Armen, ja die Verworfenen, so sollte auch er, der Dichter, vor Gott gerechtfertigt sein allein durch den Glauben an die weltüberwindende Opfertat Jesu Christi, obwohl er doch in jedem echten Schaffensakt die in Todeskälte erstarrte Welt überwunden zu haben und ihr durch sein priesterliches Wort neues Leben geschenkt zu haben meint? Empört er sich nicht mit Recht dagegen, daß einzig in Christus, dem Sohne Gottes, das erlösende und neumachende Wort des Vaters ins Fleisch gekommen sein soll, da doch er, der Dichter, sein eigenes Fleisch und Blut rückhaltlos immer wieder dem heimsuchenden Wort zum Opfer bietet – „zur Erlösung für viele“? Was soll denn da ein „Mittler“, wo das Mittel zu stetig neu vollzogener Erlösung auch ohnedies gefunden scheint und wo der Weg nach der Mitte – kein leichter Weg! – auf eigene Verantwortung kühn und bedingungslos beschritten ist, jener Weg, der „Wort“ heißt und über den bodenlosen Abgrund des Nichtseins führt?
5.
Gotteslästerung, Gotteslästerung! – Gewiß. Aber es kann sich wohl leichter ein Mensch als Gotteslästerer erkennen und bekennen, der geflucht, gestohlen, die Ehe gebrochen, gelogen und getötet hat, als ein anderer, der sich in bitterem Ringen um die Reinhaltung dichterischen Worts und dichterischer Gestaltung als eines Ausdrucks des göttlichen Wesens und Willens mühte. Denn dazu muß man ja erst einmal vom Heiligen Geist erleuchtet sein, um erkennen zu können, daß unter Umständen selbst das unter Schmerzen ausgetragene und geborene hohe Dichterwort nicht Gott zu dienen braucht, sondern ebensowohl auch dem Geist des Nichts, dem Vater der Lüge, zugute kommen kann, um erkennen zu können, wie sehr gerade in der Welt der hohen Geister der Abfall von Gott auf die unmerklichste, aber auch unheilvollste Art begonnen hat und sich fortsetzt, und um endlich erkennen zu können, wie gern der Geist des Abfalls, der böse Neinsager vom Anfang, sich mit seinen besten Künsten gerade an diejenigen unter den Menschen heranmacht, die dazu bestimmt sind, dem Vater sein Reich zurückgewinnen zu helfen. Denn der Satan weiß wohl: So schwer es für einen Reichen ist, ins Himmelreich zu kommen, soviel größer wird die Freude und der Segen sein, wenn ein solcher dennoch alles aufgibt und hineingeht.
Daß es indessen für einen Reichen schwer sei, ins Himmelreich zu gelangen, das ist wiederum so recht ein Wort für die Dichter. Ich meine hier nicht die unglücklichen Toren, die ihr dichterisches vermögen in den Dienst des eigenen Ich stellen – obwohl es wiederum nicht zufällig ist, daß gerade unter den Lichtern so viele verführt sind zu jener unerträglichen geistigen Eitelkeit, die an ihnen und ihrem Tun alles verzerrt und verdirbt. Ich meine auch nicht diejenigen, die das dichterische Wort lehrhaft einem religiös-denkerischen Impuls unterordnen, wobei denn meistens beides verdorben wird, die selbsterdachte Religion wie das dichterische Wort. Sondern ich denke schon durchaus an die echten Dichter aller Zeiten, die „ihrem“ Worte bedingungslos untertan sind und sich von ihm bis zum völligen Erlöschen der eigenen Kraft und des eigenen Bewußtseins jagen und treiben lassen, weil ihr Wort größer ist als sie selbst- ich denke an jene „reichen Jünglinge“, die wahrhaft eher als mancher „gute Christ“ sich den Himmel verdient haben würden, wenn anders er durch das verschenken der irdischen Ruhe, Sicherheit und der diesseitigen Güter und Wünsche überhaupt zu verdienen wäre. Ich denke an jene herzbewegenden, so verehrungswürdigen Gestalten unter den Dichtern, deren Verhängnis allein darin bestand, daß sie nicht zu erkennen vermochten, welches in Wahrheit die Macht war, von der sie heimgesucht waren, und die die Götter, von denen sie verzehrt wurden, schon für Gott hielten, für den einen lebendigen Gott und Vater der Welt.
Man muß aber schon wirklich aus Erfahrung wissen, wie schwer es ist, nüchtern und wach zu bleiben, wenn die schenkenden schönen Götter sich für Gott ausgeben und ihre Welt für die göttliche Vaterwelt; wie schwer es ist, solch Beschenktwerden überhaupt als Verführung zu erkennen, geschweige denn zu überwinden, indem man sich vor dem lebendigen Gott auf die Knie wirft und sich mit all seinem vermeintlichen Reichtum als Sünder unter Sündern bekennt; wie schwer es ist, Gott das eigene Wort freudig zurückzugeben und auf dem untersten Bänkchen in seiner Schule jenes andere Wort zu buchstabieren, das nicht aus dem eigenen Herzen gesprochen ist, sondern eher gegen das eigene Herz.
6.
So sei es denn nochmals ausgesprochen, daß auch das Dichterwort als bloß solches sich zurückverweisen lassen muß in das Bereich der gefallenen Schöpfung und daß es damit auch unter den Urteilsspruch Gottes fällt, der da heißt: Diese Welt, die aus dem Willen ihres Schöpfers herausgefallen ist, indem sie sich vermaß, aus eigener Göttlichkeit wissen zu können, was Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Schein und Wirklichkeit sei, diese Welt kann in die Arme des Vaters nur dann zurückkehren, wenn sie mit diesem Wahne Schluß macht, der die verderbliche Trennung bewirkt hat und bewirkt. Erst nach dieser „Bekehrung“, die indessen nichts Geringerem denn einem Sterben des alten, gottfeindlichen Menschenwesens gleichkommt, wird der Mensch mit allem, was er ist und kann, wieder wahrhaft in den Dienst des lebendigen Gottes treten können, der in Jesus Christus zu uns das Wort von der Vergebung aller unserer Sünden gesprochen hat. Dies ist die harte Wahrheit, die wahr bleibt, ob sie gleich noch so oft ins Wehleidige und Selbstbetrügerisch-Sentimentale aufgelöst worden ist. Der Dichter aber, der sich mitsamt seinem Wort in den Dienst Gottes nehmen lassen will, muß dieses sein Wort zuerst einmal verlieren und verleugnen; er muß zuerst einmal „nichts mehr zu sagen haben“, muß gänzlich leer von eigenen Phantasten und Impulsen sein, um in rechter Demut und Kindlichkeit das Wort zu hören, das ihm sein Gericht und seine Erlösung verkündet.
Erst wenn der Dichter dieses Wort Gottes, in Christus für alle Zeiten gesprochen und in der Bibel bezeugt, recht hören und verstehen lernt als die Grenze seines Lebens und zugleich als das Licht, in dem er die Geister zu scheiden vermag, erst dann wird er auch seines ihm neugeschenkten eigenen Wortes wieder recht froh werden können. Denn nun wird sein dichterisches Vermögen nicht mehr eine Dualität sein, die ihn auf besondere Weise religiös heraushebt aus der dumpfen Masse der übrigen Menschen; sondern nun wird er sein Wort vom Geist Gottes selbst erleuchten und in Dienst nehmen lassen, gleich wie er ja nun sein ganzes Sein wieder unter das Gericht und die Verheißung des Gotteswortes gestellt hat, dem gehorsam zu sein vom Anfang der Welt her menschliche Bestimmung ist.
Von hier aus werden wir nun aber auch nicht mehr so ängstlich zu scheiden brauchen zwischen Gotteswort und Dichterwerk, soweit beides uns als Menschenwort begegnet. Denn wenn das Wort des Dichters zugleich das Wort eines im Glauben erlösten Menschen ist, so ist es damit ja schon auf Seiten Gottes getreten und dient ihm auf seine Weise. Martin Luther hat die Bibel uns Deutschen gewiß darum so tief in die Seele schreiben können, weil er ein großer Dichter war; aber daran denkt die Seele nicht, die da in der Bibel liest, weil sie hungert und dürstet nach dem Wort des lebendigen Gottes. Gerade hier am Beispiel der Bibel, genauer am Beispiel der Bibelübersetzung Luthers, wird so recht klar, wie das Menschenwort sogleich und gänzlich aufhört, ein eigenes und selbstsüchtiges Leben zur Schau zu tragen, wo es sich schlicht und demütig in den Dienst des Wortes Gottes begibt. Niemand, der wirklich Hunger nach dem Evangelium hat, wird daran denken, die „Wörter“ der Bibel schon für das „Wort“ Gottes zu nehmen, denn das wäre auf der Linie der Magie gedacht. Aber auch keiner, den der Heilige Geist in den Wörtern der Bibel das Wort Gottes hat finden lassen, wird ehrfurchtslos oder besserwisserisch auch nur den kleinsten Buchstaben an den Wörtern ändern, solange das Wort, das uns allein angeht, noch so voll und klar und gewaltig aus der Schrift heraustönt, wie es der rechtschaffen Hungrige aus der Bibel Martin Luthers ertönen hört.
7.
Nun soll beileibe nicht gesagt sein, daß der evangeliumsgläubige Dichter nach der Weise Luthers sein Wort allein der christlichen Gemeinde dienstbar zu machen habe oder daß er seinen Gehorsam gegen Gottes Wort etwa in der Wahl seiner dichterischen Gegenstände erweisen solle, wie es die christliche Dichtung des Mittelalters oder gewisse christliche Richtungen späterer Zeiten getan haben. Darauf kommt es nicht an. (Im Gegenteil, man kann auf die gottfeindlichste Weise „christlich“ dichten, man kann Kirchenlieder und sogar Bibelübersetzungen durchaus im Geiste dessen schreiben, der der erste Empörer gegen den Herrn war.) Sondern wenn ein Dichter wirklich im Lichte des Wortes Gottes lebt, so mag er mit seinem eigenen Wort ruhig betrachten und gestalten, was immer er will, es wird vor seinem Blick und Mort unter die Wahrheit des Evangeliums treten und wird sichtbar in das Licht Gottes zurückkehren, dahinein er, der Lichter, zuvor durch Gottes Gnade gerufen wurde. Denn wenn der Gott, den die Schrift bezeugt, wirklich der eine lebendige Gott der Welt ist, Schöpfer Himmels und der Erde, und wenn Jesus Christus, an den ich glaube, wirklich der eingeborene Sohn dieses Gottes und als solcher zu meiner Erlösung ins Fleisch gekommen ist, so muß es um so mehr Aufgabe des dichterischen Bemühens sein, die lebendige Wahrheit dieses Glaubens lichtvoll zu erweisen. „Werde eine neue Kreatur, und dann rede und predige, wie dir der Schnabel gewachsen ist“, soll Luther einmal – dem Sinne nach – gesagt haben.
Es ist wahrhaftig auch nicht so bestellt, daß der christliche Dichter damit nun „sein“ Dichten pharisäerhaft dem Dichten derjenigen entgegensetzen dürfte, die nach der Weise des Menschengeistes ihrem eigenen Genius und der anonymen Gewalt jener Götter untertan sind, die im Bereich des ungebundenen Menschenwortes wohnen. Beileibe nicht; sondern er wird ihnen in brüderlicher Liebe und Ehrfurcht zur Seite sein, wo immer sie ihm dies gestatten, er wird sogar beiseite treten, um ihnen die Ehre zu lasten, die ihnen in der Welt gebührt. Auch wird sich der evangeliumsgläubige Dichter durchaus nicht den dichterischen Aufgaben zu entziehen brauchen, deren Lösung sein Volk als solches von ihm wie von allen anderen verlangen muß. Im Gegenteil, gerade er darf hoffen, daß er derlei Aufgaben so lösen werde, wie es im tiefsten Interesse seines Volkes liegt, weil dieses sein Volk ja sich selbst und seine Schicksale nur solange recht zu verstehen vermag, als es dem Wort Gottes gehorsam bleibt.
Es ist aber in Wahrheit so, daß der Mensch, der mitten in seinem dichterischen Tun und vermögen einmal wirklich von der Stimme getroffen wurde, die ihm durch das Zeugnis der Bibel und durch das Wort der Prediger die Botschaft von dem allmächtigen Gott und seiner vergebenden und rettenden Liebe in Jesus Christus verkündigt, – ich sage, es ist so, daß dieser Mensch fortan nichts anderes mehr wollen und ersehnen kann, als diese seine Gabe in den Dienst der Liebe Gottes zu stellen. And nicht sein Wort allein, sondern sein ganzes Leben. Nun aber hoffen wir auf die Zeit, da es einen Unterschied zwischen Gottes Wort und dem Dichterwort nicht mehr geben wird, weil Gott uns dann mit all unserem Sein und Tun in seinen Dienst genommen haben wird. Die Bibel zeugt davon, daß diese Herrschaft Gottes auf Erden bereits begonnen habe. Darum ist sie das Buch derer, die auf Gott hoffen. Darum ist sie das Wort Gottes.
Quelle: Kurt Ihlenfeld (Hrsg.), Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel, Berlin-Steglitz: Eckart-Verlag 1939, S. 110-127.