Jürgen Roloff über die Hölle in der Bibel: „Beim Endgericht wird Christus nicht nur die Toten aus dem Hades befreien, sondern er wird Tod und Hades zusammen vernichten. Die feurige Gehenna (auch »Feuerpfuhl«, »ewiges Feuer«, »Abgrund«) erscheint als Bereich ewiger und endgültiger Gottes- und Heilsferne. Ihr werden im Endgericht alle widergöttlichen Menschen und Mächte überantwortet. Das Neue Testament verzichtet jedoch auf jede spekulative Ausmalung von Hölle und Höllenstrafen.“

Hölle in der Bibel

Von Jürgen Roloff

Die Bibel spricht zwar vielfach von unterweltlichen Aufenthaltsorten der Toten bzw. endzeitlichen Straforten, doch fügen sich diese Aussagen weder zu einer einheitlichen Vorstellung von der Hölle zusammen, noch kommt ihnen zentrale religiöse oder weltbildhafte Bedeutung zu. Das liegt an der in ihrem Ansatz mythosfeindlichen biblischen Gottesvorstellung [222], der die verschiedenen, z. T. aus der religiösen Umwelt übernommenen Motive dieses Themenkreises streng untergeordnet blieben, so daß sie nicht zu Bausteinen eines in sich geschlossenen mythologischen Weltbildes werden konnten, sondern etwas seltsam Unverbindliches und Offenes behielten.

1. Das Alte Testament kennt als Aufenthaltsort der Verstorbenen die Scheol (»Totenreich«; griech. hadēs). Sie ist ein Bereich der Finsternis und Öde, in dem die Toten als kraftlose Schattengeister hausen (Jes 14,7ff.). Die Scheol kann zwar lokalisiert werden: Sie liegt unter der Erde als unterster Bereich der Welt und bildet so den Gegenpol des Himmels (Am 9,2; Ps 139,8). Entscheidender als diese Lokalisierung ist jedoch ihre theologische Ortsbestimmung: Sie ist der Bereich, wo man von Jahwes Kult und Geschichtshandeln ausgeschlossen ist (Jes 38,18; Ps 6,6), obwohl Jahwes Allmacht sich auch über die Scheol erstreckt. Sie wird bereits während des Lebens da als gegenwärtig erfahren, wo sich Gottesferne und physische Lebensminderung durch Krankheit, Not usw. einstellen (Ps 88,4; 116,3 u. ö.).

2. In nachexilischer Zeit entwickelte sich daneben die Vorstellung eines endzeitlichen Strafortes, der Gehenna. Ihr Ausgangspunkt war vermutlich die Drohung Jeremias, daß das Hinnom­tal (hebr. ge hinnom, aram. ge hinnam) südl. von Jerusalem, das einst durch den Molochkult entweiht worden war (2Kön 23,10; Jer 7,31), Ort des kommenden Strafgerichts über Judäa werden solle (Jer 7,30ff.). In der Apokalyptik wurde aus dieser geographisch lokalisierten Stätte eines innergeschichtlichen Gerichtes der Strafort der im Endgericht Verdammten, die endzeitliche Feuer-Hölle (Hen 90,26f.; 4Esr 7,36 u. ö.).

Zwischen beiden Vorstellungen kommt es mit der Zeit im Judentum zu einem weitgehenden Ausgleich: Die Scheol, der »Hades«, gilt nunmehr als vorübergehender Aufenthaltsort der Toten zwischen Tod und Auferstehung, während die Gehenna der ewige Strafort der im Endgericht Verdammten ist.

3. Das Neue Testament knüpft hier an, setzt jedoch beide Vorstellungen in Beziehung zum Heilswerk Christi. So ist Christus als Sieger über den Tod der, welcher die »Schlüssel des Todes und des Hades« hat (Offb 1,18). Seine Niederfahrt zu den »Geistern im Gefängnis« (d.h. im Hades) läßt die vor seinem Kommen verstorbenen Gerechten dieses Sieges teilhaftig werden (1Petr 3,19). Allerdings gilt der Hades weniger als Ort denn als die dem Tod zugehörige Machtsphäre. Beim Endgericht wird Christus nicht nur die Toten aus dem Hades befreien, sondern er wird Tod und Hades zusammen vernichten (Offb 20,14). Die feurige Gehenna (auch »Feuerpfuhl«, »ewiges Feuer«, »Abgrund«) erscheint als Bereich ewiger und endgültiger Gottes- und Heilsferne. Ihr werden im Endgericht alle widergöttlichen Menschen (Mt 25,41) und Mächte (Offb 20,10.14) überantwortet. Das Neue Testament verzichtet jedoch auf jede spekulative Ausmalung von Hölle und Höllenstrafen.

An mehreren Punkten zeigt sich darüber hinaus die Uneinheitlichkeit der neutestamentliche Höllenvorstellung. So finden sich einerseits eine Reihe von Aussagen, nach denen die Gerechten nicht in den Hades eingehen, sondern unmittelbar in die Gemeinschaft Christi gelangen (Phil 1,23; Lk 23,43). Andererseits gibt es Stellen, an denen die Grenze zwischen Hades und Gehenna aufgehoben wird und der Hades bereits als zwischenzeitlicher Strafort für sündige Menschen (Lk 16,24) oder als Kerker für gefallene Engel (2Petr 2,4; Jud 13) erscheint.

Quelle: Reclams Bibellexikon, hg. v. Klaus Koch, Eckart Otto, Jürgen Roloff und Hans Schmoldt, Stuttgart 51992, 221f.

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