Hans Joachim Iwand: Predigt über 2. Korinther 2,14-17 (1935): „Da hilft nur, dass man da stehen bleibt, wo man hingestellt wird, wenn man in Christo redet. Aus Gott, Gott gegenüber. Das heißt: Gott im Rücken und Gott im Angesicht, so dass es keine Flucht gibt, keinen Rückzug und kein Überlaufen zum Gegner. Gott selbst ist unser Auftraggeber, und Gott selbst ist unser Hörer. Wer sein Wort reden muss, der gerät in den Lichtkegel seiner Wahrheit und wird durchleuchtet bis in die verborgensten Fasern seines Herzens.“

Predigt über 2. Korinther 2,14-17 (1935)

Von Hans Joachim Iwand

Aber Gott sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christo und offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten. Denn wir sind Gott ein guter Geruch Christi unter denen, die selig werden, und unter denen, die verloren werden: Diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben. Und wer ist hierzu tüchtig? Denn wir sind nicht wie die vielen, die das Wort Gottes verfälschen, sondern als aus Lauterkeit und als aus Gott reden wir vor Gott in Christo. (2. Korinther 2,14-17)

Wir sind heute zusammengekommen, um in Dankbarkeit gegen Gott des Tages zu gedenken, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Schloßkirche von Wittenberg anschlug. Wenn wir uns rückblickend der Entscheidung bewußt werden, die damit für die Geschichte der Kirche fiel, dann können wir kaum noch ver­stehen, in welcher Demut und in welch schlichtem Gehorsam die Reformation der Kirche Ereignis wurde. Und darum neigen wir leicht dazu, Menschen zuzuschreiben, was Gott allein wußte und wollte, und mit menschlicher Größe zu erklären, was allein als un­begreifliche Gnade und Güte Gottes angebetet und gepriesen wer­den kann. Denn es ist Gottes Art, das Große im Kleinen zu ver­bergen und die Entscheidungen seitab von der großen Straße reif werden zu lassen; es ist seine Art, in der Stille zu beginnen, was von sich reden machen soll, und in Ohnmacht herauszustellen, was der Macht und Gewalt aller Welt trotzen wird. So bettete er seinen Sohn in einen Stall und begann das Gericht über die Welt im un­scheinbarsten Winkel der Erde; so nahm er hier einen Mönch und trieb ihn, wohin er nicht wollte und gebrauchte ihn, wozu er ihn ersehen hatte.

Es war nicht Luthers Absicht, mit diesem Thesenanschlag die kir­chengeschichtliche Stunde heraufzuführen, die damit hereinbrach; er hat diese Thesen in lateinischer Sprache zum Zwecke einer gelehr­ten Disputation über die Grundschäden der Kirche angeheftet; er hat sie am nächsten Tage, als niemand von den maßgebenden Leu­ten sich ihm stellte, ebenso unauffällig und still wieder abgenommen und geglaubt, es sei auch dies in den Wind geredet gewesen. Daß es anders kam, daß sie bald darauf in deutscher Sprache land­auf, landab liefen, daß sie der Weckruf wurden, der Erlösungsruf für eine zerstörte und am Abgrund taumelnde Welt, der Gerichts­ruf für eine üppige und ehrfurchtslose Kirche, der Sammelruf für alle, denen Not und Anfechtung und Sehnsucht des Herzens die Ohren geöffnet und die Herzen bereit gemacht hatte — wer hätte das wissen können, wer hätte es ertragen können, wenn er es gewußt hätte? Aber das dürfen wir wohl an Luther rühmen: Als es so­weit war, hat er nicht zurückgeschaut, hat den Pflug nicht mehr aus der Hand gegeben, hat gewußt, wer ihn rief und ist dem gefolgt, der vor ihm herging wie eine Feuersäule in dunkler Nacht.

Wir sollten daraus etwas lernen: daß nämlich die Erneuerung der Kirche Gottes Sache ist, daß wir zwar die groben Schäden abstellen, die schlimmsten Mißbräuche bekämpfen, der Verhöhnung des Evan­geliums entgegentreten können und sollen — daß aber das Letzte und Entscheidende nicht bei uns liegt, sondern bei Gott! Wenn er sein Wort senden wird, dann — und wirklich erst dann, werden die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein wer­den; dann werden wir alle neu und wie vom Himmel her die frohe Botschaft hören; dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan! Die Reformation der Kirche, und das heißt ja die Rückkehr der Kirche in den Gehorsam gegen den einen Herrn, ist Gottes Werk. Dabei bleibt es trotz allem, was wir dazu getan haben und dazu noch tun wollen, dabei bleibt es ebenso, trotz allem, was andere — oder wir selbst! — dagegen getan haben oder vielleicht gerade jetzt dagegen zu tun im Begriffe sind. Unser Kampf und unser Ringen um die Erneuerung unserer Kirche fin­det hier seine Grenze: nicht am Widerstand der Menschen — Men­schen sind in diesem Geschehen nur vorgeschobene Figuren —, son­dern an Gott selbst. Vor ihm ist all unser Arbeiten und Mühen, unser Drängen und Treiben, unser Nachtwachen und unser Tage­werk nicht mehr als ein inständiges Rufen und Bitten, daß er selbst die Sache in die Hand nehmen und die Heiligkeit seines Tempels wiederherstellen möge. Vielleicht muß unser Drängen noch viel dringender, unser Rufen noch viel ungeduldiger, unser Kämpfen noch viel härter werden; vielleicht müssen wir noch viel stiller, ge­troster, zuversichtlicher werden; vielleicht sind noch zuviel Ängst­liche unter uns, die mutig werden müssen, zuviel Verwegene, die Furcht und Zittern lernen müssen. Das eine jedenfalls ist gewiß: Die Zeiten, da Gott sich verbirgt, sind Zeiten, da es gilt, zu harren und zu hoffen, zu schweigen und zu dulden, zu bitten und zu wa­chen und nicht davon zu lassen, daß der Tag vor der Türe steht, da er sein Schweigen brechen wird und sein Recht offenbar werden wird wie Wasser und seine Gerechtigkeit wie ein starker Strom. Wohl uns, wenn wir darüber nicht müde werden! Wohl uns, wenn wir unser Sorgen und Mühen nicht ausspielen gegen seine Sorglosig­keit und Ruhe! «Der im Himmel sitzt, lacht ihrer.» Wohl uns, wenn sein Lachen unser Trost ist, wenn wir dieses Lachen verneh­men mitten in unseren Tränen und hinter dem Hohngelächter un­serer Feinde: Wohl uns, wenn wir wissen, daß die dunklen Täler auch zu den Wegstrecken gehören, die Gott seine Kirche führt, und daß Tränen die Aussaat sein müssen, wenn die Erntezeit Freudezeit sein soll! Denn gerade heute, im Gedenken an die Reformation, dürfen wir es einmal sagen, was uns das Herz so schwer macht: Gewiß, wir haben gespürt, daß der Boden, auf dem wir stehen, erbebte, aber der Durchbruch des Wortes ist nicht erfolgt. Es glimmt allerorten unter der Decke, aber der Windstoß, der die Glut zum reinigenden, verzehrenden Feuer entfachen könnte, ist ausgeblieben. Der Wind Gottes weht, wo er will — nicht, wo und wann wir es wünschen. Darum ist unser ganzes Tun so jämmerlich anzusehen, ein Stehen, gewiß, aber darum gerade immer in Gefahr zu fallen; ein Bekennen, gewiß, aber darum gerade immer in Gefahr zu ver­raten; ein Weg der Entscheidung gewiß, aber die Lust zu Kompro­missen begleitet uns wie unser eigener Schatten. Das, was uns fehlt, können wir uns nicht geben; wir können nicht die Stunde bestim­men, da es Zeit ist; wir können nicht Weise und Weg bestimmen, wie Gott uns helfen will. Es geht uns nicht anders, als es im Prophe­ten Jesaias geschrieben steht: «Wie eine Schwangere, wenn sie schier gebären soll, sich ängstet und schreit in ihrem Herzen, so geht’s auch uns, Herr, vor deinem Angesicht.» Reformationsfeier? — Wenn doch die heut ein Wort des Trostes vernehmen möchten, die schier darüber zerbrechen, daß die Reformation der Kirche, nach der sie Ausschau hielten, uns nicht geschenkt worden ist! Oder soll ich sagen, noch nicht? Wer weiß, ob dies Nicht ein Nicht-mehr oder ein Noch-nicht bedeutet? Das weiß allein der, dessen Wege nicht unsere Wege und dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind.

Und doch: «Gott sei gedankt, der uns allezeit den Sieg gibt in Christo.» Was für ein anderer Klang! Was für eine andere Stimme! Mitten hinein in unsere Niederlagen und Niedergeschlagenheit diese Gewißheit: Allezeit ist der Sieg unser. Wir würden uns täu­schen, wenn wir glauben würden, der Mann, der diese Worte nieder­schrieb, hätte äußerlich gesehen Grund zu einem derartigen Aus­spruch gehabt. Selten ist die Lage des Apostels Paulus auswegloser, bedrängter, verzweifelter gewesen als in jenen Tagen, da er seinen letzten Brief an die Gemeinde zu Korinth abfaßte. Wir spüren die Kämpfe, die hinter ihm lagen und die ihm bevorstanden, aus jeder Seite dieses bewegten Schreibens heraus. Da waren dramatische Aus­einander­setzungen mit falschen Brüdern, ehrgeizigen Rivalen, die das Ernten liebten, wo sie nicht gesät hatten; da waren Spaltungen und Parteiungen, da arbeitete man mit gemeinsten Unterstellungen und tat schon damals, was sich ja bis heute als erstaunlich praktisch erwiesen hat, man beschuldigte den Apostel alles dessen, was man selbst tat: Ihm sollte es allein auf Ruhm, Ausbeutung, Geld, tyran­nisches Regiment ankommen, er sollte hinterhältig sein, er sollte die Macht der Verführung haben und was dieser Dinge mehr sind. Aber Paulus, obschon fast zerbrechend unter diesen Anfeindungen und ihren Auswirkungen, setzt alledem eins entgegen: Gott ist Sie­ger! Ihm dankt er, auch hier und auch für alles, was ihm wider­fährt. Das ist das allererste in solchen Situationen, daß wir eins nicht vergessen: Gott bleibt der Sieg! Ganz gleich, wie unsere äußere Lage sich ansehen mag, jeder Schritt auf diesem Wege muß, mit Gottes Augen gesehen, ein Fortschritt sein. Auch die Zeiten der Mißerfolge und Niederlagen stehen im Zeichen seines Sieges. In die Enge getrieben, zu Boden geworfen, zum Schauspiel geworden für Engel und Menschen, sehen wir, was die Welt — sehr zu ihrem Schaden! — nicht sieht: daß über uns hinweg der Sieg Gottes geht. Wir mögen fallen, aber er steht, wir verlieren, aber er gewinnt, wir gehen zurück, aber eben damit geben wir ihm das Feld frei zum Gegenstoß. Und darum ruft der Apostel allen, die in solcher Be­drängnis verzagen möchten, mit letzter Kraft das eine zu: «Diese Siege der Welt über uns Christen sind ja in Wahrheit ihre Nieder­lage; unser Fall ist unser Aufstieg, unser Rückzug unsere Rettung; wenn wir am Ende sind, hebt Gott erst an, und wenn wir geschlagen sind, schlägt die Stunde seines Triumphes.» Denn Gott allein ge­bührt die Ehre. Darum muß deutlich werden, wer für wen streitet, damit sich niemand überhebe und sage: Meine Hand hat mich er­löst. Wer für wen streitet! Wie vermessen, wenn Menschen sich ein­bilden, sie könnten für Gott den Sieg erringen. Eifer für Gott, aber ohne Erkenntnis nennt Paulus eine solche Haltung. Streiten wir denn für das Evangelium oder das Evangelium für uns? Singen wir: Wir streiten für den rechten Mann — oder singen wir nicht vielmehr: Es streit’ für uns der rechte Mann? Wollen wir nicht auch glauben, was wir singen? Und wollen wir nicht auch einmal nach dem handeln, was wir glauben: uns von Gott retten lassen?! Wie töricht von der Welt, zu meinen, wenn sie mit uns fertig wird — und sie wird eben doch immer wieder mit uns fertig —, dann sei sie auch mit dem Evangelium des lebendigen Gottes fertig. Aber um wieviel törichter, wenn wir nicht klüger sind als die Welt in ihrem Wahn und nun auch unsererseits meinen, unser Untergang sei der Untergang des Evangeliums! Sehen wir denn nicht, was doch heute wahrlich nicht so schwer zu sehen ist, daß in unserem Leiden der Sieg des Evangeliums offenbar wird, daß das Leben Jesu Chri­sti nicht offenbar werden kann durch uns, wenn wir das Sterben Jesu nicht an unserem Leibe zu spüren bekommen? Darum — wie es auch immer mit unserem Leben bestellt sein mag, ob wir nach mensch­lichem Ermessen schon untergepflügt sind, zu den Toten, den Ver­gessenen, den Erledigten geworfen — es wird in jedem Falle ein Schritt vorwärts sein in dem Triumphzuge, den Gott angetreten hat. Es gibt im Leben der Zeugen Gottes keine toten Punkte, wie merkwürdig verworren und zerrissen ihr Dasein von außen gesehen auch erscheinen mag; jeder Tag ist eingeordnet in den Siegeslauf der Botschaft, der sie dienen — denn Gott gibt ihnen nicht dann und wann Erfolge, sondern «allezeit den Sieg».

Darum könnten wir schon ein wenig trotziger, unbekümmerter, zuversichtlich inmitten all unserer Bedrängnisse stehen.

Was haben wir denn zu fürchten? Wir sollten der Welt und ih­ren Schleppenträgern unser Siegeslied ein wenig lauter in die Oh­ren singen und uns auf den Adlerflügeln des Dankes ein wenig hö­her über die Enge unserer Lage erheben; wir sollten dafür sorgen, daß alle, die über uns frohlocken, das Lied zu hören bekommen, das ihren Mutwillen dämpft, kein Klagelied, sondern ein Siegeslied, da­mit bei uns wahr werde, was gesagt ist: «Man singt mit Freuden vom Sieg des Herrn in den Hütten der Gerechten.»

Und worin besteht unser Sieg? Der Apostel sagt: «Gott offen­bart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten.» Durch diesen Kampf um das Evangelium von Jesus Christus geschieht näm­lich etwas sehr Seltsames. Es entsteht ein Gerücht um die Dinge Gottes. Es ist dann nicht mehr so, wie die Welt das gern hat, daß Gottes Sache einigen Pfarrern und ernsten Christen überlassen wird und sie davon unberührt bleibt. Gerade sie selbst muß Handlanger­dienste leisten, daß dies Gerücht von Gottes Tat in Jesus Christus durch alle Gassen und Häuser läuft, daß es Ohren und Herzen er­reicht, die es solange nicht erreichen konnte, daß es dem «Raum der Kirche» entspringt und die Welt unsicher macht! Vor Statthal­ter und hohe Richter wird der Apostel geführt, Leute, die es sich nicht hätten träumen lassen, müssen auf einmal Entscheidungen fäl­len in der Sache des Jesus von Nazareth. So dringt der Geruch der Er­kenntnis Gottes durch alle Türen und Ritzen; man mag sich noch so hermetisch dagegen abdichten, der Auferstandene geht durch verschlossene Türen und der Totgeglaubte wird zur unheim­lichen Unruhe für die Lebenden. Alle müssen sich an ihm entschei­den: heute, die oben sind, und morgen, die unten sind, heute die Frommen und morgen die Gleichgültigen, heute die Nachdenklichen und morgen die Spötter. Das mag ärgerlich sein, eine sinnlose Stö­rung in den dringenden Angelegenheiten der Politik und der Wirt­schaft, eine lästige Plage für den Realisten von heute — was kön­nen wir dagegen tun? Wer hat denn diese Sache in Umlauf gebracht? Die Frage «wie dünkt dich um Christus» ist nun einmal aus dem Faß, und es ist fast neckisch zu sehen, wie Kirchenmänner und Weltleute sich um die Wette bemühen, sie noch einmal einzufan­gen. Wird es ihnen gelingen? Wird sie nicht schneller laufen, als daß wir sie einholen, geheimnisvoller, als daß wir sie unter Auf­sicht stellen können?

Sie läuft nicht eigentlich als Frage, sondern als Anfrage und Be­hauptung, als Gewißheit und Kunde, als Erkenntnis, wie unser Text sagt, als Licht, das durch die Dunkelheit bricht. Denn das ist die Botschaft des Evangeliums, daß es nichts ist mit dem, was wir für Gott und für göttlich halten, was wir über Gott denken und dichten, raten und vermuten. Gott hat sich von ihm selbst her zu erkennen gegeben, er selbst hat dem Geheimnis, das ihn umgibt, ein Ende gemacht; er hat seinen Namen kund gemacht und seinen Wil­len vollbracht. Die Zeit des unbekannten Gottes ist dahin. Das Zwielicht, da Gott und die Götzen ineinander verschwimmen, ist gewichen. Ein Name allein gilt und in ihm sollen selig werden alle Völker. Denn das heißt Jesus Christus: Gott mitten unter uns! In seinem Wort redet Gott mit uns, in seinem Leben ist er bei uns, in seinem Tode stirbt er für uns. «Und ist kein anderer Gott.»

Darum wollen wir nicht müde werden. Es sind nicht die Men­schen, die uns bedrücken und bedrängen, umhertreiben und uns keine Ruhe lassen, bald vor die Gewaltigen führen, bald wieder ins Dun­kel abschieben möchten; es ist Gott selbst, der in seiner List die Welt gebraucht, daß sie die Kunde von ihm in Umlauf setzen muß; der in dem allen und hinter dem allen steht und dahin wirkt, daß seine Erkenntnis ausgebreitet werde und die, die nichts vernommen haben, die Kunde von dem Heil in Christo vernehmen müssen. Unsere Drangsal — das ist seine Mission. Volksmission, wenn wir so wollen, nur ganz anders, als wir sie betreiben und darum zum ersten Mal segensreich, unabsichtlich, verheißungsvoll. Hier wird das Samenkorn in die Erde gesenkt, und das bringt Frucht. Was machts, wenn wir darüber aufgerieben werden, wenn Gott über uns hin­weg den Weg zu unseren Brüdern findet und sie zu ihm?

Freilich, wenn Gott die Ausbreitung seines Evangeliums selbst in die Hand nimmt, dann geht es anders, als wenn wir Menschen das nach unseren Plänen, Ideen und Missionierungsabsichten in­szenieren. Bekehrungsversuche macht Gott nicht. Gott macht eine Frage groß, die sonst nur klein geschrieben wird; Gott macht eine Frage dringend, die sonst Zeit hat; Gott stellt den Menschen an den einen Punkt, um den dieser sonst herumgeht. Wenn Gott ihm in den Weg tritt, dann muß er gerade da anhalten. Heil oder Ver­lorensein nennt der Apostel diese Frage, Leben oder Tod heißt die Entscheidung. Gerade die Frage, die wir aus unserem Dasein gestrichen haben, weil wir so klug — oder weil wir so sicher sind, gerade den Punkt, den wir für erledigt hielten, an dem wir, die aufgeklärten, allwissenden Menschen von heute, unvorbereitet und so ratlos sind — gerade ihn greift Gott auf. Warum haben wir eigentlich diese Frage gestrichen? Haben wir das getan, weil uns andere Fragen wichtiger erschienen? Oder erscheinen uns nun zur Strafe die anderen Lebensfragen so wichtig, weil wir die wichtigste hintangesetzt haben? Sind vielleicht darum die kleinen Sorgen zu großen, gespenstisch großen Sorgen geworden, weil die eine Sorge, die Sorge um das Heil der Seele dem Leichtsinn zur Beantwortung überlassen wurde? Was sind wir für erbärmliche Kreaturen dar­über geworden! Merken wir nicht, daß bald eine Frage alle anderen verdrängen wird, die Magenfrage? Die Frage, die wir mit dem Tier gemein haben! Merken das vielleicht auch schon die unter uns, die sich geistige Menschen nennen? Begreifen sie die erschreckende Perversion, die in dieser Entwicklung liegt?

Aber vielleicht haben wir diese Frage nach dem Heil, nach dem wahren Leben, nach dem Frieden darum ausgeschieden, weil wir an ihr verzweifelten, weil ein unausgesprochenes Einverständnis dar­über herrscht, daß unser Leben doch nichts anderes ist als ein lichter Augenblick in ewiger Nacht! Oder wagen wir darum nicht mehr, dieser Entscheidung ins Gesicht zu sehen, weil sie uns längst ent­schieden erscheint? Heil oder Verderben — was fragen wir noch? Wie kann ein Reiner kommen von den Unreinen? Tod oder Leben — wer hats in der Hand? Denn unser Leben ist wie Gras und wie des Grases Blume. Wie dem auch sei, ob es die Sorge um das tägliche Brot ist oder die Verzweiflung, mit der wir die Welt und uns selbst durchschauen, oder die Skepsis, die uns abhält, mit Fra­gen erneut anzufangen, an denen sich die Jahrtausende müde ge­dacht haben — wenn Gott uns anhaucht mit seiner Erkenntnis, dann ist auf einmal diese Frage da, als einzige, als die Frage, der gegen­über alle anderen in einem bangen, ehrfurchtsvollen Schweigen ver­stummen. Dann ist der Herr in seinem heiligen Tempel und stille vor ihm ist alle Welt.

Wenn Gott die Frage von Heil oder Verderben an uns stellt, dann ist das etwas anderes, als wenn wir sie uns selbst oder anderen stellen. Dann bleibt es nicht bei der Frage, sondern dann entscheidet sich, wohin wir gehören. Denn diese Botschaft von Gott, das Wort von seiner Gnade in Jesus Christus, ist den «einen ein Geruch des Todes zum Tode, den anderen aber ein Geruch des Lebens zum Leben». Es ist nicht nur so, daß mit dem Wort vom Kreuz in un­serem eigenen Leben eine Entscheidung fällt, sondern es tritt auch eine Scheidung unter den Menschen ein. Die Menschen reagieren ver­schieden darauf. Es gibt Leute, die riechen hier das Leben. Es wird nicht gesagt, was das für Leute sind, davon redet die Schrift an anderer Stelle genug. Hier sagt sie nur das eine: Es sind Leute, die sozusagen für diese Botschaft prädestiniert sind, es sind die Adres­saten, die Gott mit seiner Botschaft im Auge hatte — sie wissen, worum es sich handelt und wissen, daß sie gemeint sind. Es ist ein unbegreifliches Wunder, daß es in der Welt immer wieder Men­schen gibt, die in dem Wort vom Kreuz den Lebensgeruch wittern, der sie anzieht und nicht mehr losläßt. Sie glauben dem Wort, noch ehe sie’s verstehen, und umfangen den Mann am Kreuz, als gäbe es nichts anderes auf der Welt, nichts anderes im Himmel und auf Erden, das ihm gleich käme. Solche Menschen nennt die Schrift «Heilige», obschon sie vor sich und anderen oft sehr unheilig sind, und wir haben uns daran gewöhnt, solche Menschen Christen zu nennen. Wohl uns, wenn wir dazu gehören! Denn es gibt hier nur ein Entweder-Oder: entweder diese Botschaft von Christus ist uns Leben und Seligkeit oder sie ist uns lediglich die Kunde von einem Toten, vielleicht von einem der großen Unsterblichen, wie man heute sagt, aber dieser Euphemismus ist ja nur der gebildete Aus­druck dafür, daß Jesus vielleicht noch unter die Großen der Ver­gangenheit, jedenfalls aber unter die Toten gehört. Diese Leute nen­nen die Botschaft vom Kreuzestod die Negation des Lebens; ohne es zu wissen, sprechen sie sich selbst ihr Todesurteil. Das ist das Geheimnis dieser Frage Gottes an uns, daß wir, ohne es zu wissen, uns selbst das Urteil sprechen. Wir meinen, wir fällten ein Urteil über Jesus Christus; wir sagen vielleicht, daß wir bestimmte Ge­danken seiner Lehre sogar positiv werten — heutzutage scheint man das ja schon als einen Erfolg für das Christentum zu buchen — aber die Axt, die wir werfen, kommt zurück und trifft den, der sie schleudert. «Ein Geruch des Todes zum Tode». Wer nicht anbetet, der muß urteilen, und wer urteilt, der muß sich selbst da­mit das Urteil sprechen — ein Drittes gibt es nicht, so wenig wie es ein Drittes gibt zwischen Leben und Tod.

Hier sollten einmal diejenigen unter den Theologen und Predi­gern ihre Kunst versuchen, die aus dem Christentum eine allge­meine Wahrheit, eine allumfassende, menschheitsbeglückende Reli­giosität machen möchten; die Leute, die nicht wahr haben wollen, daß dasselbe Wort den einen zum Leben und den anderen zum Tode gereicht, weil sie sich das nicht denken können! Wenn wir die Christusbotschaft dahin reformieren wollten, daß sie auch diesen Köp­fen eingeht, dann wird es gar bald unserer Kirche gehen wie jenem Toren, der schließlich nichts anderes tun konnte, als sich einen Mühlstein um den Hals zu legen und sich in den Brunnen zu stür­zen. Denn haben wir erst das Ärgernis preisgegeben, dann werden wir auch alles andere preisgeben oder preisgeben müssen, was uns Gott in seiner Offenbarung geschenkt hat; und beginnen wir erst, Gottes Wahrheit nach den hohlen Köpfen zurechtzuschneiden, die darüber räsonnieren, dann wird mit Recht von uns gelten, was Je­sus über seine Zeitgenossen gesagt hat: «Die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern.»

Das Ärgernis ist ja in sich selbst viel süßer und gnadenreicher als alles, was jene Heilspropheten sagen und bieten können. Man muß nur die bittere Schale zerbrechen und den süßen Kern heraus­lösen. Denn mit dieser Entscheidung an Jesus Christus dem Ge­kreuzigten wird alles aufgehoben und annulliert, was bisher in un­serem Leben entschieden schien. Es ist, als ob Gott einen neuen Tag der Schöpfung ansetzte und jeder Mensch, wer er auch sei, noch einmal die Möglichkeit hätte, von vorn anzufangen: Heil und Un­heil, Leben und Tod sind nun nicht mehr Schicksal und Schuld, Ge­setzlichkeiten und Tatsächlichkeiten, sondern es ist, als ob Gott sa­gen wollte: «Wie es auch um euch steht, an diesem meinen Sohn allein soll sich entscheiden, was euch zukommt, es ist niemand so verloren, der nicht in ihm das Heil empfangen könnte, es ist aber auch niemand so gerecht und fromm und gut, daß er nicht in ihm gerichtet würde.» Es ist, als ob die Ewigkeit mitten in der Zeit auf­bräche, und alles, was ist, darüber ins Wanken geriete, und das, was nicht ist, hervorbräche in einer neuen, unverlierbaren Weise. Denn so heißt es: «Wer in Christus ist, ist ein neues Wesen.» Niemand ist so jung, daß ihm diese Erneuerung nicht not täte, niemand so alt, daß sie ihm nicht widerfahren könnte, niemand so weise, daß er das begriffe, niemand so einfältig, daß darüber sein Herz nicht froh würde, niemand so gut, daß ihm diese Umkehrung erspart bleiben, niemand so verloren, daß sie an ihm nicht kräftig werden könnte. Alle Maßstäbe, mit denen wir messen, sind zerbrochen; nur eins soll gelten vor Gottes Thron und in Gottes Gericht: «Wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu wer­den, die an seinen Namen glauben.»

Das gilt es zu verkündigen, und das gilt es so zu verkündigen, so, daß eine ewige Entscheidung kund gemacht wird, mehr, daß sie Ereignis wird. «Und wer ist hierzu tüchtig? Denn wir sind nicht wie die vielen, die das Wort Gottes verfälschen, sondern als aus Lauterkeit und als aus Gott reden wir vor Gott in Christo Es mag uns ein Trost sein, vielleicht auch eine Mahnung, die unserem Verurteilen Zurückhaltung auferlegt, wenn wir hören, daß die Er­scheinung solcher Prediger, die aus dem Worte Gottes ein Geschäft machen, älter ist, als wir glauben. Das stammt nicht erst von heute. Wir brauchen allerdings auch nicht weitläufig zu erklären, wen der Apostel hier im Auge hat. Das illustriert uns unsere Zeit zur Ge­nüge. Die Leute, die Paulus meint, sind solche, bei denen das Wort Gottes seinen Preis hat, vielleicht einen sehr hohen, aber immerhin doch einen Preis. Gottes Wahrheit wird in einen Wert umgemünzt, dann kann man sie feilbieten. Ob je schon einer mit Gottes Wort betraut wurde, den diese Versuchung nicht umlagerte? Hat doch der Satan Jesus selbst nicht verschont und ihm ein bezauberndes An­gebot gemacht.

Da hilft nur, daß man da stehen bleibt, wo man hingestellt wird, wenn man in Christo redet. Aus Gott, Gott gegenüber. Das heißt: Gott im Rücken und Gott im Angesicht, so daß es keine Flucht gibt, keinen Rückzug und kein Überlaufen zum Gegner. Gott selbst ist unser Auftraggeber, und Gott selbst ist unser Hörer. Wer sein Wort reden muß, der gerät in den Lichtkegel seiner Wahrheit und wird durchleuchtet bis in die verborgensten Fasern seines Herzens. Könnt ihr verstehen, wie furchtbar die Lage ist, in die ein Mensch hineingezwungen wird, jedesmal, wenn er Gottes Wort kund ma­chen soll? Wie ein Gefangener Gottes muß man dann reden, was Gott geredet, gebieten, was Gott geboten, wehren, was Gott ver­wehrt hat. Stehen wir so? Stehen wir zu denen, die so stehen? Steht unsre Kirche so, redet sie so, aus diesem Zwang heraus? Es hat einmal einer so reden müssen und aus seinem Zeugnis wurde un­sere Kirche, die lutherische Kirche geboren, der, dessen wir am An­fang gedacht haben — er konnte nicht anders.

Wenn wir das werden von uns sagen können, von unserem Zeug­nis, wenn unsere Kirche so wird reden müssen, und wo immer sie jetzt schon so redet, da hat das Wort Gottes keinen Preis mehr, sondern da darf es heißen und da wird es heißen: «Wer dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.»

Gehalten am 31. Oktober 1935 (Reformationstag) in Bloestau. Ursprünglich erschienen in: Bekenntnispredigten, hrsg. v. Julius Sammetreuther, Heft 8, Müchen: Chr. Kaiser, 1935, S. 12-23.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, hrsg. v. Hans Helmut Eßer und Helmut Gollwitzer, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 45-56.

Hier der Text als pdf.

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