Der „Pfarrer“ als Spanische Wand (1855)
Von Søren Kierkegaard
Wie in der Geschäftswelt jemand einen Gesellschafter hat, im Grunde eine vorgetäuschte Größe, eine reine Form — aber wenn davon die Rede ist, vielleicht ein wenig uneigennützig zu handeln, ein wenig schonungsvoll, nicht allzu eigensüchtig zu sein, ja, dann heißt es: „Mein guter Mann, seien Sie sicher, was mich betrifft, so würde ich Ihnen mit Vergnügen helfen, ich habe ein weiches Herz; aber mein Gesellschafter, es ließe sich gar nicht daran denken, ihn zu bewegen.“ Das Ganze ist natürlich ein Gaunerstreich, darauf berechnet, daß man so hartherzig, so krämerisch wie möglich sein kann und sich doch zugleich den Anschein gibt, man sei etwas ganz anderes … wenn man nur den Gesellschafter nicht hätte.
Wie man im alltäglichen Leben eine Ehefrau hat — und wenn da ein Anlaß kommt, wo man die Schuldigkeit hätte, ein wenig mutig und beherzt zu handeln, wie man da sagt: „Ja, meine Freunde, seid sicher, was mich angeht, so habe ich das Herz auf dem rechten Fleck, ich wäre schon bereit; aber meine Frau, es hätte gar keinen Sinn, daß ich an so etwas dächte“. Natürlich ist das Ganze ein Gaunerstreich, wodurch man beides erreichen will: Daß man ein Lump ist und den Vorteil davon im Leben genießt, und daß man zugleich ein beherzter Kerl ist … wenn man nur das Pech nicht hätte, die Frau zu haben.
Genauso hat das Dasein des „Pfarrers“ die Bedeutung, die Heuchelei der Gesellschaft zu decken. „Wir haben keine Verantwortung, wir sind Laien; wir halten uns an den Pfarrer, der ja einen Eid abgelegt hat.“ Oder: „Wir dürfen über den Pfarrer nicht urteilen, wir müssen uns an das halten, was er sagt, er, der Gottesmann, der einen Eid auf das neue Testament abgelegt hat.“ Oder: „Wir wären schon bereit, allem zu entsagen, wenn das gefordert würde; aber wir dürfen uns nicht herausnehmen, darüber zu entscheiden, ob das gefordert wird, wir sind nur Laien, der Pfarrer aber die Autorität, der wir uns nicht entziehen dürfen, und er sagt: Das ist eine Übertreibung“ usw.
Aller Scharfsinn des „Menschen“ strebt auf Eines hin: daß er ohne Verantwortung leben könne. Des Pfarrers Bedeutung für die Gesellschaft sollte darin bestehen, daß er alles tut, um jeden Menschen ewig verantwortlich zu machen für jegliche Stunde, die er lebt, auch für das Geringste, was er sich vornimmt, denn das ist Christentum. Seine tatsächliche Bedeutung für die Gesellschaft aber ist die, daß er die Heuchelei deckt, indem die Gesellschaft die Verantwortung von sich weg dem „Pfarrer“ zuschiebt.
Quelle: Sören Kierkegaard, Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, aus dem Dänischen übersetzt von Hayo Gerdes, Gütersloh: GVH, 21994, S. 337f.