Entwurf eines Friedenswortes für die Synode der EKD in Berlin-Weißensee 1950
Von Hans Joachim Iwand
Auf der Bruderratssitzung vom 9./10. Februar 1950 in Darmstadt wurden Hans Joachim Iwand, Hermann Ehlers, Eduard Putz sowie Kurt Scharf beauftragt worden waren, als Vorbereitung für die erste Synode der EKD ein Wort zum Frieden … für die nächste Bruderratssitzung vorzubereiten. Daraufhin verfasste Iwand als Vorsitzender des theologischen Ausschusses des Reichsbruderrats diesen Entwurf für die Synode von Berlin-Weißensee (23.-27. April 1950).
Entwurf eines Friedenswortes für die Synode der EKD von Berlin-Weissensee (1950)
Von Hans Joachim Iwand
I.
Ach, daß ich hören sollte, was Gott der Herr redet; daß Er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf daß sie nicht auf eine Torheit geraten. (Ps 85,9)[1]
Es sind jetzt 5 Jahre vergangen, seitdem einer der schrecklichsten aller Kriege sein Ende fand. Wir reden von der Stelle aus, von welcher er ausging und an der er endete; je länger er währte, desto verwüstender wirkte er auf den Geist der Menschen und auch materiell auf ihre Jahrhunderte alten zivilisatorischen Leistungen. Hier in Berlin entfaltete er in seiner letzten Phase noch einmal den ganzen Schrecken und die totale Gesetzlosigkeit, die Sieger und Besiegte lange Zeit nicht vergessen werden. Die ehemalige Hauptstadt des nunmehr geschlagenen Deutschen Reiches ist bis zur Stunde ein unübersehbares Zeichen, das vornehmlich uns Deutschen, aber darüber hinaus den Völkern und Staatsmännern der Welt kund machen könnte, daß Gott sich nicht spotten läßt [Gal 6,7], daß, wer Wind säet, Sturm ernten wird [Hos 8,7], und daß Macht und Glanz irdischer Reiche auf Sand gebaut sind, wenn sie nicht den Frieden suchen [Ps 34,15] und der Gerechtigkeit dienen. Denn beide, Frieden und Gerechtigkeit, sind nicht voneinander zu trennen. »Wenn du die Gerechtigkeit nicht liebst, kannst du den Frieden nicht haben« (Augustin) (Migne SL XXXIII 1078).
Wir leben in einer Zeit, in der Glück und Glanz sehr schnell umschlägt in Elend und Jammer. Darum sollten wir nicht säumig werden in unseren Maßnahmen und uns vor allem nicht dem falschen Wahn hingeben, daß die Dinge, unter denen wir leiden, von selbst in Ordnung kommen könnten. Wenn der Krieg erst einmal – gleich unter welchem Vorwande – vorbereitet wird, wird er auch ausbrechen, und wenn er von neuem ausbricht, wird er mit unvorstellbarem Schrecken über die ganze Welt ergehen, ohne daß jemand in der Lage ist, dem Ungeheuer Zügel anzulegen. Die Mittel der modernen Technik, die Beeinflussung des Denkens der Massen durch die Propaganda, die damit in Gang gesetzte Herabsetzung und Entrechtung des Gegners, dem das Men-/35/schenrecht genommen und jeder Anspruch auf Schonung abgesprochen wird, die totale Führung des Krieges, die sich in erster Linie an den wehrlosen Bewohnern des Landes, Arbeitern und Bauern, Bürgern und Gelehrten, Frauen und Kindern auswirken muß, lassen es notwendig erscheinen, daß wir das bisher übliche, auch von der christlichen Kirche vertretene Urteil über den Krieg als das »kleinere Übel« revidieren. Der moderne, totale Krieg nähert sich in besorgniserregender Weise einem von oben her organisierten Mord, so daß auch die Staaten, die ihn führen und radikalisieren müssen, dadurch die sittlichen Grundlagen ihrer eigenen Autorität verlieren. Nie war der Ruf nach echter Demokratie gerechtfertigter, nie war er aber zugleich größeren Hindernissen ausgesetzt als heute.
Die Menschen unseres Zeitalters haben erfahren, wie Feuer vom Himmel fiel, ihre Augen haben gesehen, was der Prophet über Jerusalem sagt: »Es lagen in den Gassen auf der Erde Knaben und Alte; meine Jungfrauen und Jünglinge sind durchs Schwert gefallen. Du hast erwürgt am Tage Deines Zornes; Du hast ohne Barmherzigkeit geschlachtet« (Klgl 2,21). Wenn wir uns über die Niederungen eines nationalistischen Denkens erheben und mit den Augen der Engel Gottes die blutige Wahlstatt überschauen könnten, die der letzte Krieg in Europa und Asien hinterlassen hat, wir würden nicht Menschen sehen, getrennt nach Nationen, sondern Menschen, die Unrecht tun und Menschen, die Unrecht leiden. Die einen werden an den anderen schuldig und verstecken sich hinter dem Vorwand nationaler Verantwortung. In Wahrheit versündigt sich dieser Nationalismus gegen die Menschlichkeit des Menschen. Ein Nationalismus, der die Voraussetzung echten Volkslebens und friedlichen Zusammenlebens der Nationen in dieser Weise aufhebt, ist aber in Wahrheit reif, von uns als überständig angesehen und hinter uns gelassen zu werden. Er ist morsch und faul und taugt nicht als Ausgangspunkt für eine neue gesellschaftliche, völkerrechtliche und wirtschaftliche Ordnung. Die Menschen unserer Zeit, zumal aber die, welche die Schrecknisse des Krieges am unbarmherzigsten erlitten ha-/36/ben, neigen dazu, an den sittlichen Idealen zu verzweifeln , die unser Leben auf Erden lebenswert machen, und sich einem verantwortungslosen Nihilismus zu überlassen. Die Kirchen kämpfen einen verzweifelten Kampf gegen diesen Defaitismus, der bis tief in ihre eigenen Reihen hineinreicht. Angesichts dieser Gefahr müssen wir unserer Überzeugung Ausdruck geben, daß die Voraussetzung für den Wiederaufbau innerlich wie äußerlich der Friedenswille und die faktische Sicherung des Friedens durch Abrüstung ist, ohne die die menschheitlichen Ideale leer bleiben und zu Schlagworten in der Propaganda der sich bekämpfenden Systeme wer den. Lassen wir die Dinge so weitertreiben, kommt es erst dahin, daß von neuem de facto der Krieg der Endzweck aller geistigen und wirtschaftlichen Maßnahmen, leben wir unbußfertig und unbekümmert in diesen unwiederholbaren Jahren der Besinnung, dann wird es bald zu spät sein, dem neuen, dritten Ausbruch des Wahnsinns und der politischen Unfähigkeit ein Halt zu gebieten. Es werden dann Dinge geschehen, die die Menschen mit endzeitlichem Schrecken erfüllen, so daß sie zu den Bergen sagen werden: decket uns! und zu den Hügeln: Fallet über uns [Lk 23,30]!
Darum erheben wir noch einmal unsere Stimme, heute vernehmlicher als im Jahre 1938, als die wenigen noch freien Führer der Bekennenden Kirche jenes Gebet für den Frieden anordneten, wofür sie dann auch in Haft und Kerker gingen. Inzwischen haben sich die Aussichten, gehört und verstanden zu werden, gebessert. Wenn wir 1948 auf unserer ersten Synode in Eisenach dem Kriege absagten und erklärten, daß wir mit den Vertretern der vier Besatzungsmächte den Frieden suchen, wenn die ökumenische Versammlung in Amsterdam kurz hernach die Entscheidung zwischen Frieden und Krieg als eine solche des Bekenntnisses zu Jesu Christus verstand und proklamierte, dann sind das Zeichen, die uns voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft erscheinen. Dazu kommt, daß in Deutschland die Abkehr vom Krieg in einem weit mehr als hundert Jahre nicht mehr gekannten Maße zunimmt. Die Motive sind dabei verschieden, aber hier dürfte Jesu Wort gelten: »Wer nicht wider mich ist, ist für /37/ mich« [vgl. Mk 9,40]. Alle, die den Frieden suchen, und an ihm arbeiten, stehen unter seiner Seligpreisung [Mt 5,9]. Selbst die Kreise unseres zerschlagenen Volkes, die am meisten durch den Ausgang des Krieges gelitten haben, die 12 Millionen Flüchtlinge, welche ihre Heimat verloren, eine Heimat, in der sie seit mehr als 800 Jahren gewirkt und geschaffen haben, wissen, daß der Frieden über alles geht. Der Friede ist die einzige Möglichkeit, auch das Problem der Vertriebenen zu lösen. Er allein läßt die Vernunft wieder zu Wort kommen. Es kann darum nur einen Weg zur Umkehr und des Aufbaus geben, den Weg zu einem gerechten und dauerhaften Frieden, dem keine sachlichen, wohl aber viele und schwere ethische und psychologische, sowie ideologische Hindernisse entgegenstehen. Aber der Mensch und seine Wohlfahrt sollte uns höher stehen als alles andere.
Gott sucht den Menschen![2]
II.
»Was toben die Völker und sinnen die Nationen Eitles?« (Ps 2).
Sehen wir uns aber die politische Wirklichkeit an, in der die Welt heute wieder steht, sehen wir die Wirklichkeit, wie wir sie hier in Deutschland erleben, so zeigen sich unverkennbare Zeichen neuer, gefährlicher Spannungen. Wir müssen sie nennen, denn wer den Frieden will, darf die Wahrheit nicht scheuen. Noch stehen die Besatzungen der Siegerheere in Deutschland. Die Einigkeit der vier Besatzungsmächte hat einem offen eingestandenen Antagonismus Platz gemacht, der gerade für die unsauberen Elemente Unterschlupf, Erwerbsmöglichkeit und servile Hörigkeit bedeutet. Eine Seite begründet dabei ihr Verbleiben in Deutschland mit der Gefährlichkeit der anderen. Beide Seiten begründen die neu in Gang gebrachte Aufrüstung defensiv, aber anders sind Aufrüstungen nie begründet worden. Diese Art von Begründung ist nur ein Vorhang, hinter dem sich neues Unheil zusammenbraut. Genauso begründete /38/ Hitler sein Tun, die Abschließung Deutschlands, den Bau des Westwalls, die Konzentrierung der politischen Gegner, die Knebelung der Presse, die Installierung von linientreuen Parteigenossen in führenden Stellungen, die Rechtfertigung des Gewaltrechtes anstelle der parlamentarischen Verfassung und der damit gegebenen Freiheit der Legislative.
Man spricht, ohne schamrot zu werden, in der ganzen Welt vom »kalten Krieg», und macht sich kaum klar, daß man eben damit wieder den Krieg in das Denken, die Politik, die Rechtsprechung und Beeinflussung einer ohnehin sehr abhängigen Presse einführt. Der Schritt vom kalten zum warmen Krieg kann durch jede Unbedachtsamkeit ausgelöst werden. Dann hat man den Krieg geistig wieder ins Recht gesetzt. »Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totenschläger« [1 Joh 3,15].
Deutschland selbst, dieses um ein Drittel seiner Größe eingeengte Land mit seiner Überfülle von Menschen, leidet darunter außerordentlich. Politische Unfreiheit und wirtschaftliches Elend sind gefährliche Bundesgenossen jeder Desperadopolitik. Jede Partei meint, im Lager des Anderen einen Bundesgenossen zu haben. Auch die Kirche hat es schwer, ihren Weg hier geradeaus zu gehen. Es entsteht eine allgemeine Besorgnis vor Spionage, welche die Gemeinschaft in Stadt und Land, von Deutschen gegen Deutsche zersetzt und Furcht und Lüge hochkommen läßt. Während die Männer, die ein Volk leiten, ein Vorbild der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit sein sollen, verdichten sich die Verhältnisse nach oben zu immer mehr, so daß auch der, der guten Willens ist, sich dieser Nötigung nicht entziehen kann. Der Mensch wird vom System verbraucht.
Die Zertrennung Deutschlands hält aber auch jenen Riß weiter offen, den Hitler als Mittel seiner Parteibildung erstmalig methodisch angewandt hat, den zwischen zwei politisch verfeindeten Lagern. Wenn im Osten heute der Kommunismus die Führung beansprucht, kann man sich nicht wundern, daß die nationalsozialistischen Ideen im Westen – und nicht nur im deutschen Westen – fröhliche Urständ feiern. Dadurch bekommt unser ganzes Leben etwas Ge-/39/spensterhaftes. Ein Gegensatz, der längst hinter uns liegt, der sittlich und praktisch nicht nicht zu halten ist, wird künstlich auf dem Thron erhalten. Die Entscheidung ist keine Entscheidung. Hier neutral sein, ist christliche Entschiedenheit. Darum muß auch die Entnazifizierung als Farce wirken, weil der Westen uns gegen den Osten und der Osten uns gegen den Westen entnazifiziert. Es muß das Urteil über die Kriegsverbrecher in Nürnberg als eine willkürliche Justiz anmuten, wenn man heute wieder die Aufrüstung Deutschland verlangt und betreibt, die einen, ohne davon zu reden, die anderen, nicht ohne ihren Schritt moralisch zu begründen. Dabei fühlen sich beide Parteien als Befreier – aber die Freiheit selbst kommt nicht wieder. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Deutschen in ihrer gemeinsamen Not und gemeinsamen Verantwortung ist noch nicht vorhanden, es wird künstlich gestört und behindert. Dadurch sind uns die ersten ethischen Voraussetzungen für eine Mitarbeit am Frieden genommen. Auf der Basis des Satzes: »Wes Brot ich esse, des Lied ich singe« kann [man] keine Demokratie und keine gesunde Wirtschaftsethik aufbauen, denn beide setzen voraus, daß die Bürger eines Staates die innere und äußere Freiheit als ihr höchstes Gut ansehen und zu schätzen wissen. Ein Friede, der nicht von dem freien Willen der Bürger getragen wird, ist ein unsicherer Zustand. Es kommt noch hinzu, daß die Befürchtung besteht, in einem kommenden Krieg könnten Deutsche gegen Deutsche stehen.[3] Es ist heute schon so weit, daß im Osten die deutsche Jugend aufgefordert wird, Berlin zu »erobern« und im Westen geschrieben wird – ganz kalt und ohne daß die Leser protestieren – daß dann eben geschossen würde. Das sind die geistigen Voraussetzungen, aus denen neue KZs entstehen müssen und durch die die alten weiter in Gebrauch bleiben. Angesichts all dieser inneren und äußeren Nöte ist die Haltung des deutschen Volkes bisher bestimmt gewesen von dem Willen zur Einsicht, zur Geduld und zur Zusammenarbeit. Wir bitten darum die beiden deutschen Notregierungen, die Wege zur Bildung einer einheitlichen, durch freie Wahlen zustande gekommenen Regierung frei zu geben und bitten /40/ die Besatzungsmächte, einheitliche freie Wahlen in ganz Deutschland zu gestatten. Das würde der erste solide Schritt zur Aufhebung des kalten Krieges sein.
Wir bitten weiter, nicht wieder solange zu warten, wie man mit gewissen fälligen Maßnahmen nach 1918 wartete, bis wir erleben, daß einer alles bekam, der den Mut hatte, die Sprache von List und Gewalt zu sprechen. Wir haben schwere Schuld auf uns geladen, aber internationale Katastrophen sind auch gegenseitig bedingt und wir können heute nicht aus dem Chaos herausfinden, wenn nicht auch bei den anderen beteiligten Nationen die Einsicht in gravierende Fehler und Zuversicht zu neuen Wegen Platz greifen. Wir sehen nur einen Weg, das deutsche Problem zu lösen, die Räumung Deutschlands und seine Eingliederung in die europäische Völkerfamilie, die nicht mehr durch einen eisernen Vorhang um ihre natürliche Zusammengehörigkeit gebracht ist. Wenn die Staatsmänner der Welt heute den Mut und den Glauben fänden, schnelle und revolutionäre Schritte in dieser Richtung zu machen, sie würden das Gebet und die Gefolgschaft aller Menschen, die guten Willens sind, hinter sich wissen dürfen. Denn bei diesem Weg wird Gott mit uns sein, wir werden seine Verheißung über uns haben: »Alle Rüstung derer, die mit Ungestüm rüsten und die blutigen Kleider werden verbrannt werden. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Er heißt Wunderbar, Rat, Ewig-Vater, Friedefürst« [Jes 9,4f]. Wollte Gott, daß, wenn das Jahr sich rundet, es mit Recht unter uns heißen könnte: Friede auf Erden [Lk 2,14]. Es könnte dies Wirklichkeit werden, wenn wir das andere Ernst nehmen und tun: Ehre sei Gott in der Höhe [Lk 2,14].
III.
Verlasset euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: hier ist des Herrn Tempel, sondern bessert euer Leben und Wesen, daß ihr Recht tut einer gegen den anderen (Jer 7,4f). /41/
Wir haben hier als Synode der evangelischen Christenheit in Deutschland nicht die Vollmacht, das politische Geschick unseres Volkes zu bestimmen. Wir können auch nicht sagen, daß wir im Namen der 35 Millionen evangelischen Christen in Deutschland sprechen. Denn eine Synode ist nicht eine Versammlung von Repräsentanten, die die Meinung ihrer Wähler zum Ausdruck zu bringen hätte. Wir reden im Namen unserer Kirchen, aber doch zugleich zu unserer eigenen Kirche, zu unseren Gemeinden diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. Wir bezeugen ihnen, daß wir nicht unseren Wünschen und Hoffnungen das Wort reden, sondern uns unter Gottes Gebot und Verheißung stellen: »Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein [Jes 30,15]. Wir wissen, wie unabsehbar die Leiden des Krieges sind, unter denen Hoch und Niedrig bei uns steht. Wir wissen um die Ausweglosigkeit, der sich die Jugend gegenübersieht. Wir wissen um die Not der Heimatvertriebenen, zumal der Bauern und Landwirte. Wir sehen zudem mit Sorge, daß im Osten die persönliche Freiheit durch staatlichen Druck mehr als gut und nötig beschränkt wird, wir sehen umgekehrt, daß sich im Westen eine wirtschaftliche Restauration vollzieht, die den wirtschaftlichen Aufstieg gefährdet, weil er nicht einer möglichst großen Zahl von Menschen zugute kommt. Wir glauben, daß beide Probleme lösbar sind. Wir glauben, daß der Gegensatz von Kapitalismus und Kommunismus – auch unter reinen Nützlichkeitsgesichtspunkten gesehen einen neuen Krieg nicht wert ist. Wir glauben, daß es ein gemeinsames Drittes gibt, und daß die Völker auf der ganzen Welt heute dieses Dritte suchen – und auch finden werden. Wir bitten euch darum, laßt euch nicht hindern, das Rechte zu tun und zu sagen. Leidet für die Gerechtigkeit und macht euch durch nichts schuldig. Gebt Gott die Ehre und wisset, daß Er den nicht verläßt, der in seinen Geboten wandelt. Wir wünschen den Aufstieg des großen russischen Reiches und unseres östlichen Nachbarn, aber wir müssen gerade darum uns weigern, Dinge zu tun, die wir im Dritten Reich als verwerflich erkannt haben. Andererseits warnen wir alle, die sich heute vom Zauber des Geldes bestechen lassen. /42/ Wirtschaftlicher Aufstieg ist nicht identisch mit der Anbetung des Geldes und kapitalistischen Wirtschaftsformen. Die solideste Grundlage eines wirtschaftlichen Aufstiegs ist soziale Gerechtigkeit und untadelige Lebensführung der maßgeblichen Männer in Ländern und Städten. Armut ist keine Schande, aber Reichtum ist eine große Gefahr. Wir vermissen die Solidarität der Not, auch und gerade in unseren christlichen Gemeinden. Es fangen die starken Gemeinden an, den schwachen und bedrängten zu dienen, aber die Gefahr ist groß, daß sich die Landeskirchen isolieren und so die Gemeinden fern gehalten werden von dem einen großen Kampf der Christenheit, um den Frieden zu gewinnen und das Recht wieder in Kraft zu setzen.
Die Gemeinde Christi ist überall da, wo man des guten Hirten Stimme hört [Joh 10,11.27], seine eigenen und falschen Wege aufgibt und ihm nachfolgt. Sein Wort, nicht unsere fragwürdigen Kirchen- und Konfessionsgrenzen, scheidet die Lämmer von den Böcken [Mt 25,32]. Darum wissen wir uns eins mit der ganzen Christenheit auf Erden, wenn wir jetzt schweigen und IHN das letzte Wort sprechen lassen: »Er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen; Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen« [Mt 5,2.5.9].
Wir bitten Gott, daß der letzte dieser Kriege die Wendung der Menschheit zum Frieden einleitete und daß, was jener zerstörte an Leib und Seele, eine neue und junge Generation aufbauen könne, zur Ehre Gottes und in der Kraft unseres Erlösers, Jesus Christus.
Wir kommen von Ostern her und gehen Pfingsten entgegen. Hinter uns steht die Tat der Versöhnung der Welt mit Gott und der Sieg des gekreuzigten Jesus von Nazareth über den Tod. Wir sind eingeschlossen in seinem Triumph. Vor uns steht die Verheißung des Pfingstgeistes, der den Geist von Babel mit seiner Sprachenverwirrung [Gen 11,9] aufzuheben vermag. Wir wissen, daß wir nichts anderes sein können als Gottes Zeugen in der Welt und vor der Welt. Wir können aber Gott anrufen in unserer Not und alle, die es zu glauben vermögen, daß Gott Wunder tut, sollten sich vereinigen mit uns in dem einen Ruf:
Komm Schöpfer Geist!
Veni creator spiritus.
Quelle: Hans Joachim Iwand, Frieden mit dem Osten. Texte 1933–1959, hrsg. v. Gerard C. den Hertog, München: Chr. Kaiser, 1988, S. 33-43.
[1] Iwand schickt seinem Entwurf für ein Friedenswort genau dasselbe Bibelwort voran, das D. Bonhoeffer seiner Morgenandacht über Kirche und Völkerwelt in Fanö, am 28. August 1934 zugrunde legte (GS I, 216-219); vgl. auch Die Verantwortung und die Aufgaben der Christen in der heutigen internationalen Situation, Anmerkung 4.
[2] Iwand spielt hier auf J. Schniewinds Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn an, die sein Denken über Buße und Umkehr entscheidend geprägt hat (J. Schniewind, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Göttingen 19401; wieder abgedruckt in und zitiert nach: ders., Die Freude der Buße, Göttingen 1960, 34-88). Vermerkt sei noch, daß Iwand sowohl hier als auch in seiner in derselben Zeit verfaßten Predigtmeditation über Lk 15,1-10 (PM I, 229-234) statt Gott sucht uns Menschen zitiert Gott sucht den Menschen (PM I, 230; Zitat bei Schniewind a.a.O., 50).
[3] Nicht Karl Barth hat dieses Wort geprägt, wie B. Klappert behauptet (vgl. in dem von ihm und U. Weidner 1983 herausgegebenen Sammelband: Schritte zum Frieden, 134), wobei er an Barths Brief an W. D. Zimmermann vom 17. Oktober 1950 denkt (jetzt in: Karl Barth, Offene Briefe 1945-1968, hg. von D. Koch, Zürich 1984, 212), sondern es stammt von Iwand, der dann auch am 7. März 1957 auf der Synode von Berlin-Spandau darauf zurückgegriffen hat (vgl. Berlin-Spandau 1957. Bericht über die zweite Tagung der zweiten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 3. bis 8. März 1957, Hannover o.J., 255). Übernommen wurde dieser Ausdruck in das Friedenswort der Synode von Berlin-Weißensee 1950 und einige Monate später in das Wort des Rates der EKD zur Wiederaufrüstung (vgl. W. W. Rausch und Chr. Walther, Evangelische Kirche in Deutschland und die Wiederaufrüstungsdiskussion in der Bundesrepublik 1950-1955, Gütersloh 1978, 27ff; der Ausdruck steht auf Seite 29).