Abschiedspredigt gehalten in der Notkapelle von St. Marien
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein.
Wer überwindet, der wird es alles erben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Offenbarung Johannes 21, 4 und 7.
Im Gedenken an alle, die überwunden haben.
H. J. Iwand, Pfarrer an St. Marien.
Dortmund, den 21. Oktober 1945
Zuletzt, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Um deswillen ergreifet den Harnisch Gottes, auf daß ihr an dem bösen Tage Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget. So stehet nun, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angezogen mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, als fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösewichts; und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Epheser 6, 10—17.
Wenn ich heute, liebe Freunde, Abschied nehme von dem mir aufgetragenen Dienst an dieser Gemeinde und von Ihnen allen, die wir uns immer wieder in guten und bösen Stunden um Gottes Wort versammeln konnten, und oft waren die bösen Stunden doch wieder durch das Licht von oben, das über sie fiel, unsere besten und unvergeßlichsten, dann ist mein Herz bewegt von dem Gedenken an all das, was wir erfahren haben und was hinter uns liegt, und mein Gewissen ist erfüllt von der Frage, ob und wie weit wir den Kampf bestanden haben, der uns verordnet war. Denn Kampf war das Zeichen, unter dem ich hier diesen Dienst übernahm, ein schwerer, fast unmöglich scheinender Kampf, in dem wir oft mehr dem Besiegten als dem Sieger glichen, in dem alles darauf ankam, der Wirklichkeit nicht zu glauben, die wir sahen, sondern dem zu glauben, der uns mit seinem Wort führte und tröstete. Und Kampf ist auch wieder das Zeichen, in dem ich jetzt von Ihnen scheide. Eine neue Phase des Kampfes für die Christenheit ist angebrochen, aber wieder gilt dasselbe, es gilt zu stehen und nicht zu fallen. Es gilt nun das Wort des Propheten: Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein (Jes. 30, 15). Aber in diesem Kampf werden wir nun verschiedene Wege geführt werden, Ihr werdet hier aufbauen dürfen, Ihr werdet das Fundament legen dürfen für einen Aufbau, der besser sein soll, als der war, der nun nicht ohne Gottes Willen in Schutt und Asche gelegt worden ist, während ich zurückkehren darf in jenen Dienst, von dem ich damals herkam, in den Dienst an den jungen Theologen und an der Lehre der Kirche, der ebenso notwendig ist für den Aufbau des Ganzen wie das, was hier in den einzelnen Gemeinden geschieht.
Das darf ich darum sagen, damit Sie nicht meinen, ich verließe Sie jetzt in diesen Zeiten schwerster innerer und äußerer Not und achtete der vielfältigen Bande des Vertrauens und der Liebe nicht, die sich zwischen uns, gerade in den letzten Jahren des Leidens und Sterbens, des Standhaltens und Bewährens geknüpft haben. Wenn eins mir den Abschied leicht macht, so ist es die Tatsache, daß gerade jetzt, nach mehr als 7jähriger Trennung, der Mann wieder heimgekehrt ist, für den ich immer geglaubt habe, hier mitstehen, verkündigen und wachen zu dürfen, mein lieber Freund und Bruder, in dessen Hände ich nun die Fürsorge dieser schwergeprüften Gemeinde wieder legen darf. Als ich damals kam, mußte er von uns gehen. Nun, da der langersehnte Augenblick gekommen ist, daß er wieder hier wirken darf, muß ich scheiden. So darf ich meinen Dienst als ein Stellvertreten ansehen, den ich, wie so viele andere, in der Zeit der Not und des Kampfes unserer Kirche ausüben durfte. Freilich, wir dachten uns das Ende dieses Kampfes anders. Was ich übergeben darf, ist wenig genug: Unsere Kirche ist zerstört, unsere Gemeinde ist verkleinert, unsere Angesichter sind gezeichnet von Todesnähe, Not und Entbehrung. Und doch ist in alledem etwas Neues geworden, doch stehen wir heute, wie ich wohl sagen darf, gegründeter da, geschlossener, einiger, als wir es je zu hoffen wagten. Wir haben etwas davon erkannt, daß Gottes Wort Schutz und Trost ist in aller Not, wir haben etwas davon erkannt, daß sein Wort unsere Speise ist, ohne die wir nicht leben können. Mitten im äußeren Zerfall unserer Kirchen sind Gemeinden gewachsen, die es nicht lassen können, sich zu sammeln, zu loben und anzubeten, zu danken und zu bekennen. Sie stehen mitten in dieser wüsten Welt wie ein Wunder Gottes, ein lebendiger Tempel des Herrn, den die Pforten der Hölle nicht überwältigen können. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn wir uns in dieser Stunde das eine bezeugen dürfen, daß wir etwas geschmeckt haben von dem Frieden, der von oben ist, daß wir etwas begriffen haben von der Wahrheit jenes Satzes, daß uns nichts scheiden kann von der Liebe Gottes, keine Trübsal, keine Angst, keine Verfolgung, auch nicht der Hunger, auch nicht die Blöße, nicht die Gefahr und nicht das Schwert. Und eben darum sind wir bereit, weiter zu marschieren; wir wollen nicht zurückschauen, sondern wir wollen dem Tag entgegengehen, dem einen und einzigen Tag, in dem unser Leben sein Ziel findet, sein Ziel und seinen gerechten Richter. Freilich, daß das geworden ist, ist uns selbst sehr wenig einsichtig, wir haben darum gerungen und es kam nicht, wir haben darauf gewartet und sind müde geworden, und dann ist es doch gekommen, durch manches Mißverstehen, durch manche Irrungen und Verfehlungen, als ein großes Geschenk der Gnade Gottes, in den Stunden, in denen er uns alles andere nahm, ist so gekommen, daß wir nur danken können dem, der selber seine Herde sammelt, der der eine, treue, uns alle bewahrende Hirte ist.
Soll ich noch davon reden, wie das geschah? Soll ich Euch erinnern an all die Anfechtungen und Verfolgungen, in denen die Spreu vom Weizen gesondert wurde, soll ich reden von den Nächten des Grauens, in denen wir uns trösteten mit der Gewißheit der Auferstehung, soll ich davon reden, wie wir einander neu begegneten, als wir erkannten, daß dieses Lebens Güter nichts sind, soll ich davon reden, welch eine Befreiung es für uns war, als uns offenbar wurde, daß das Vergängliche eben vergänglich ist, daß Volk und Vaterland nicht die letzten Werte und nicht die letzten Größen sind, als wir erkannten, daß Gott recht hat und seine Gerichte wahr sind, als wir uns ihm wieder beugen lernten und gerade darin zu neuer Hoffnung geboren wurden, soll ich davon reden, wie die Scheidung unter den Menschen unserer Tage offenbar wurde, wie die einen all das, was sie erlebten, in den Satz zusammenfaßten: „Es gibt keinen Gott“, während wir es wagten, auch über die Trümmer und durch die zerstörten Fenster unserer Kirche sein Lob neu zu singen und um das Kommen seines Geistes neu zu bitten. Gott hat uns viel genommen, aber indem er uns vieles nahm, gab er uns mehr, Gott hat den Weg zu ihm ganz freigelegt. Nun bleibt nichts anderes mehr, als ER, der treue, barmherzige Gott, und wir, ganz auf ihn gewiesen, in uns ratlos und verlassen, an den Rand der Verzweiflung gedrängt, immer in der Entscheidung, entweder ihn anzuerkennen, von seinem Wort zu leben, in seinem Dienst zu handeln, oder im Nichts zu zerschellen. Das ist unser Reichtum, der neue Ansatzpunkt unseres Lebens. So dürfen wir auch von uns sagen, wie es die ersten Christen taten: Wir, die wir nichts haben und die doch viele reich machen (2. Kor. 6, 10). Eben von diesem Reichtum Gottes, der nun griffbereit vor uns liegt, soll heute in dieser Abschiedsstunde die Rede sein.
Zuletzt, meine Brüder, so beginnt unser Text. Es ist ein letztes Wort, das hier der Apostel sagt, und wir dürfen ihm entnehmen, daß solch ein letztes Wort immer ein starkes, ermutigendes, auf den Endsieg ausgerichtetes Wort sein muß. So sollen und so wollen auch wir von einander scheiden, es soll alles auf den einen Ton eingestellt sein: Seid stark, stehet, bestehet bis ans Ende. Es ist der Marschbefehl Jesu Christi, den sein Apostel weitergibt, es ist die Erinnerung daran, daß der Sieg da ist, daß das Evangelium als Siegesbotschaft verkündet sein will und daß es schmachvoll wäre, zu meinen, es könnte noch irgend etwas diesen Sieg uns streitig machen. Eben darum muß das letzte Wort unter uns Christen immer solch ein starkes, mutiges und klares Wort sein, denn so wichtig es ist, die Macht des Gegners nicht zu unterschätzen, so ist es doch noch viel wichtiger, die Macht dessen zu erkennen, der größer ist als er, und sich ihr zu unterstellen. Denn das ist allerdings die Vorbedingung des Sieges, daß wir nicht auf eigene Faust diesen Kampf unternehmen, sondern daß wir in den Kampf gehen, nachdem wir uns der Macht Gottes unterstellt haben. Er ist der Herr und wir sind die Knechte, er ist der Sieger und wir sind nur die Zeugen seiner Überlegenheit. Aber wenn wir erst einmal damit anfangen zu rechnen, daß Gott Gott ist, wenn wir nicht auf uns allein sehen, auf uns und unsere matten, verzagenden Kräfte, dann können wir ja nicht mehr glauben, daß der Tod und das Böse, daß die Sünde und die Schuld, daß Leid und Not und Drangsal letzte Wirklichkeiten sind. Dieselbe Macht Gottes, die in Jesus Christus auf dem Plan erschienen ist, dieselbe Macht, die Ostern triumphiert hat, soll auch in unserm Leben wirksam werden. Das, nicht mehr und nicht weniger, ist das letzte und wohl auch das erste, was der Apostel zu sagen hat, und eben das soll auch das letzte sein, was wir uns zu sagen haben. Erst wenn wir mit dieser Macht so rechnen, daß wir auch uns und unser Leben ihr ganz unterstellen, werden wir etwas wagen, erst dann werden wir dem Gegner nicht mehr ausweichen, erst dann werden wir uns nicht mehr fürchten, erst dann werden wir bestehen. Denn man muß schon getragen sein von der Gewißheit, daß wir es schaffen, wenn man im rechten Sinne antreten will zu dem Kampf, der uns verordnet ist.
Wir sollen nämlich antreten zu dem Kampf gegen den Satan selbst, gegen das Satanische und seine Macht in der Welt. Wir, Menschen mit all ihrer Schwachheit, Menschen, die preisgegeben sind an die Todverfallenheit dieses Lebens, wir sollen der Wall sein, an dem sich diese satanische Macht und Gewalt bricht. Gott sucht Menschen, die dazu bereit sind, und Gott fragt uns, ob wir ihm das zutrauen, daß er uns dazu ausrüsten kann. Es könnte ja leicht sein, daß wir Zuschauer spielen möchten in diesem Kampf, daß wir abwarten möchten, bis das Gute von selber siegt, und es ist weithin unsere Schuld gewesen, daß wir träge und untätig, im Grunde unseres Herzens ungläubig abseits gestanden haben, während das Böse in der Welt wuchs und wuchs. Wir haben Richter gespielt und haben scheinbar sehr kluge Reden gehalten über die Ohnmacht Gottes dem Bösen gegenüber und haben offenbar gar nicht gemerkt, wen wir damit richteten. Wir haben gar nicht gemerkt, daß wir uns selbst damit richteten. Wie kann Gott Sieger sein, wenn wir in diesem Kampf der Entscheidung ausweichen, wenn wir die Waffen nicht ergreifen, die er uns anbietet, wenn wir nicht eintreten in seinen Heerbann und so seinem Rufe nicht folgen. Nein, der Kampf zwischen Gott und Satan, der Kampf zwischen Gut und Böse, wie man auch sagen könnte, wird durch Menschen ausgetragen, hier wird keiner neutral sein können, „wer nicht für mich ist, der ist wider mich.“ Aber auch das andere muß gesagt werden, daß wir es eben in diesem Kampf nun doch wieder nicht nur mit Menschen zu tun haben, daß wir irren, wenn wir meinen, es handele sich bei dem Bösen und seiner Macht nur um die Summe menschlicher Pläne und menschlicher Überlegungen, denen wir unsere Pläne und unsere Überlegungen entgegensetzen könnten, eben darum heißt es ja hier: Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen. Wenn die Ereignisse der hinter uns liegenden Jahre und ebenso die Ereignisse der vor uns liegenden Entscheidungen sich auf diesen Nenner bringen ließen, dann kämen wir vielleicht aus mit dem Aufruf zu Moral, Vernunft und Anständigkeit. Aber gerade davor werden wir hier gewarnt. Wir werden davor gewarnt, die großen und letzten Entscheidungen zwischen Gut und Böse auf dieser nur menschlichen Ebene zu sehen. Menschen sind in diesem Kampf immer nur die erste Linie, dahinter stehen ganz andere Gewalten, dahinter stehen die Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen. Es gibt nicht nur gute Geister, auch die bösen Geister unter dem Himmel sind eine Realität. Und was sie für eine Realität sind, das haben wir ja zur Genüge erlebt. Wollen wir siegen, dann müssen wir die ganze Front des Gegners aufrollen, dann müssen wir seine Kommandostelle erkennen und sie zum Ziel unseres Angriffs machen. Das ist eben eine der großen Blindheiten unserer Zeit, daß wir uns immer noch nicht dazu verstehen können, dies Dahinter zu sehen. Darum bleibt uns an den Menschen von Fleisch und Blut so vieles unerklärlich, rätselhaft und unbegreiflich, darum werden wir das Geheimnis unserer Zeit nie ergründen können, wenn wir es nur politisch oder ethisch oder wirtschaftlich sehen, wenn wir nicht wahrhaben wollen, daß die Menschen selber gegängelt sind von einer Macht, die über ihnen steht, von der sie selbst befreit werden müßten, wenn es besser werden sollte. Darum bleibt auch das ganze Gerede von Moral und Vernunft und Anständigkeit weithin nur Gerede, nur Phrase, weil in diesem Gegenüber von Gott und Satan Moral und Vernunft ohne letzte Kraft sind, weil dann, wenn es zwischen der Macht des Herrn und der Herrschaft der Finsternis zur Entscheidung kommt, sich niemand mehr stützen kann auf das, was an Moral und Recht und Menschlichkeit uns angeboren ist. Das sind nicht die scharfgeschliffenen Waffen, die den Sieg verbürgen.
Weil wir weithin nur allein mit diesen Waffen gekämpft haben, haben wir den Kampf gegen das Satanische verloren, sind wir selbst der Strategie des Bösen erlegen. Der böse Tag, von dem hier die Rede ist, hat eben weithin solche Christen vorgefunden, die nicht widerstehen konnten, nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil die Ausrüstung, mit der sie in den Kampf gezogen waren, nichts taugte. Man sollte meinen, es könnte die Zeit nicht mehr ferne sein, da alle Christen in der Welt das einsehen und daraus die Konsequenzen ziehen müßten. In dem Kampf jedenfalls, den die Kirche Jesu Christi in Deutschland hinter sich hat, haben wir das begriffen, und darum glauben wir nicht, daß irgend jemand anderes mit diesen menschlichen Waffen weiterkommen wird, als wir mit ihnen gekommen sind.
Nein, nein, es geht hier nicht um einen Kampf von Fleisch und Blut, sondern es geht um die Herren der Welt, um die bösen Geister unter dem Himmel, es geht um die Macht der Finsternis, die mit Hunger und Gewalt, mit Schändung von Menschenehre, mit Furcht und Todesschrecken über die ganze Welt sich auszubreiten droht. Hier wird uns der Sieg verheißen, hier sollen wir stehen, hier sollen wir kämpfen, und hier sollen wir Sieger bleiben. Alles, was wir treiben, wenn wir uns sammeln zum Gottesdienst, wenn wir das Wort hören und ihm nachdenken, wenn wir die Jugend rufen, wenn wir das Alter mahnen, wenn wir singen und beten, ist darauf ausgerichtet, daß wir uns rüsten lassen für diese Schlacht, die ringsherum um uns bereits im Gange ist. Wir sollen, wir dürfen die Welt nicht dem Feinde überlassen, wir dürfen uns nicht trösten mit dem Wort, daß die Welt im Aigen liegt, wir dürfen uns nicht zurückziehen in jene Unangefochtenheit, in jenen Seelenfrieden, den ein mattes Christentum lange genug und aller Welt zum Schaden gepredigt hat, sondern wir sollen antreten, um den Gegner zu schlagen. Der böse Tag ist da; wo sind die, die Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten?
Eins ist jedenfalls klar, sie sind nur da, wo Gott ist. Alles, was von ihnen gesagt wird, wird im Grunde von Gott gesagt. So tritt Gott auf den Plan: „Denn er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt“ (Jes. 59, 17). Ihm gilt es den Weg zu bereiten, er will erscheinen in denen, die seinen Namen tragen. Wie wenn die Sonne aufgeht und ihre Strahlen über die Erde laufen, so soll in denen, die seines Namens sind, Gerechtigkeit und Wahrheit die Welt durchwirken, damit die Macht der Finsternis gebrochen wird. Nicht mit dem, was wir sind, sondern in dem, was Gottes ist, sollen und wollen wir erscheinen. Unsere Siege sollen seine Siege sein. Wir bleiben unnütze Knechte, er bleibt der König aller Könige. Vielleicht, daß wir nun das folgende verstehen, die einzelnen Anweisungen zur Ausrüstung für diesen Kampf, vielleicht, daß wir nun davor gefeit sind, die Rüstung Gottes zu verwechseln mit dem, was wir an Ausrüstung für diesen Kampf mitzubringen meinen, vielleicht, daß wir gewillt sind, unsere Rüstung abzulegen, um uns von ihm neu rüsten zu lassen. Da ist zuerst die Wahrheit. Das muß ja wohl die Wahrheit sein, für die zu zeugen Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Wahrheit, die von oben ist, die niemand in sich selber hat und findet und bewahren kann. Es muß die Wahrheit sein, die vom Kreuz her aufleuchtet, das Offenbarwerden dessen, daß wir alle ohne Ausnahme Gottes Feinde sind, daß wir erst Ruhe haben in unserem Stolz und unserer Rechthaberei, wenn wir Gott totgeschlagen, wenn wir diesen Mund zum Schweigen gebracht haben. Wollen wir uns nicht einmal in das Licht dieser Wahrheit stellen? Was bleibt hier noch übrig von dem Satz, daß der Mensch gut sei, daß man nur an seinen guten Willen appellieren müsse, an seine Kräfte, Absichten und Einsichten? Davon wird sehr wenig übrig bleiben. Aber etwas anderes bleibt übrig, das bleibt übrig, daß Gott die Welt geliebt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß es Versöhnung gibt, Versöhnung zwischen Gott und Mensch, und darum auch Versöhnung zwischen dir und deinem Bruder. Und das bleibt übrig, daß es Frieden gibt, die Wahrheit des echten, großen Gottesfriedens, den nichts und niemand mehr stören kann. Im Lichte dieser Wahrheit können wir uns eigentlich gar nicht mehr entsetzen über alle Bosheit und Unmenschlichkeit, die wir an uns und anderen bemerken, hier hört alles Richten auf, hier ist alles Pharisäertum zu Ende, hier gibt es nur noch eins: das lautere, wahre Gegenüber von Gott und Mensch und das Geborgensein dieses Menschen in Gottes unbegreiflicher Gnade. Und vielleicht mußte diese Wahrheit auf unserer Seite erst einmal wieder ganz deutlich werden, vielleicht mußte erst wieder einmal dieser falsche Wahn, daß der Mensch gut sei, an der furchtbaren Wirklichkeit seines Tuns und Lassens unübersehbar deutlich werden, damit wir das andere begreifen, das ganz und gar Gnadenvolle, das Unverdiente der Liebe Gottes. Nun gibt es ja niemanden und nichts mehr, dem diese Liebe Gottes nicht gilt, alles, auch das Schlimmste, alle Bosheit, alle Teufelei ist in dieser Liebe aufgehoben, es gibt nichts mehr, was nicht vergeben werden könnte, es gibt keinen Glauben an Gott, der nicht mit dieser Vergebung rechnen müßte, es gibt nichts Böses, vor dem wir kapitulieren müßten. Das ist die große, tiefe, alles umfassende Barmherzigkeit, das ist die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist.
Und das zweite ist die Gerechtigkeit. Wir brauchen wohl kaum noch zu sagen, daß wir hier nicht an unsere menschliche, sehr fadenscheinige, höchst problematische Gerechtigkeit zu denken haben, daß das nicht jene Gerechtigkeit ist, die daraus folgt, daß die einen ein bißchen besser und die anderen ein bißchen schlechter sind, nicht die Gerechtigkeit, die die Welt zerteilt in Klassen und Rassen, in vermeintlich Gute und vermeintlich Böse, sondern daß es jene andere Gerechtigkeit ist, nach der wir alle verlangen, weil wir wissen, daß ohne sie kein Leben möglich ist. Die Gerechtigkeit, die das Leben der Menschen miteinander lebens- und liebenswert macht, die Zuflucht der Verfolgten, der Einsamen, der Angefochtenen, die Erquickung der Armen, die hilfreiche, reitende, zum Guten hinführende Gerechtigkeit. Als diese Gerechtigkeit Gottes offenbar wurde in der Welt, als sie Fleisch und Blut wurde in Jesus Christus, da zeigte sich, wie wohltätig Gerechtigkeit ist, da wagten sich die Menschen wieder hin zu Gott, die ihm längst den Rücken gekehrt hatten, da wurde Umkehr wirklich Freude, da hatten die Menschen auf einmal wieder Lust zum Guten, da lernten die Blinden sehen, die Augen gingen ihnen auf dafür, wie sie eigentlich von Gott gemeint sind, da lernten die Lahmen gehen, sie lernten wieder wandeln in seinen Geboten, die Fesseln des Bösen fielen von ihnen ab, sie begriffen ein wenig von der Freiheit der Kinder Gottes, das Gute zu tun. Solche Menschen sollten wir sein, die mit ihrer Gerechtigkeit nicht die anderen in den Staub drücken, die sich nicht zu den 99 halten, um über den einen Sünder zu Gericht zu sitzen, sondern die die anderen mit heraufziehen, daß auch sie wieder Lust gewinnen zum Guten, zum Tun der Barmherzigkeit, zum Dienst der Wahrheit. Es müßte eine Befreiung ausgehen von eurem Gerechtsein für alle Gebundenen und Erniedrigten, es müßte etwas aufleuchten von der Gerechtigkeit Gottes, die alles verwandelt, die das Krumme wieder schlicht macht und das Höckerige gerade, die uns allen wieder dazu verhilft, mit uns und anderen wieder zurecht zu kommen.
Und wenn ihr das einmal begriffen habt, was Wahrheit und Gerechtigkeit heißt, wie allo Welt darauf wartet und alle Welt daran zugrunde geht, daß ihr Gottes Wahrheit und Gottes Gerechtigkeit fehlt, dann könnt ihr ja gar nicht mehr bei euch selbst, in eurem Kreis, in eurer Gemeinschaft bleiben. Das Evangelium des Friedens braucht Boten, es will laufen, ihr müßt hinaus, ihr müßt diese Botschaft hinaustragen an die Statten des Hasses und des Streites. Gott hat euch dies Licht nicht angezündet, damit ihr es wieder unter den Scheffel eurer selbstgenügsamen Frömmigkeit stellt, sondern er hat es darum angezündet, damit es allen leuchtet, die im Hause sind. Wir sind ja alle Kinder des Krieges und des Hasses geworden, wir denken nur noch in den Gegensätzen von Freund und Feind, der alte Wahn, daß der Krieg der Vater aller Dinge sei, ist wieder das A und O unserer Weltanschauung geworden. Das darf nicht so bleiben, wenn das Evangelium wirklich Evangelium ist, wenn wahr sein soll, was von Gott her geschehen ist, was Weihnachten und Ostern bezeugen, daß Gott Friede gemacht hat, Friede im Himmel und Friede auf Erden. Ihr müßt hinaus als Gottes Friedensboten! Mitten hinein in die Furien des Krieges hätten wir längst sein Friedenswort tragen müssen. Es ist jetzt höchste Zeit, es ist Zeit, die Welt vor die Entscheidung zu stellen mit dem Evangelium des Friedens, ob sie leben oder untergehen will.
Denn das ist freilich wahr, eine Entscheidung muß damit fallen. Um die Entscheidung kommt ihr nicht herum, und diese Entscheidung könnt ihr niemand ersparen. Aber die Entscheidung heißt: Glauben. Darum fährt der Apostel fort: Vor allen Dingen ergreifet den Schild des Glaubens. Ihr müßt schon mit einer Welt rechnen, mit einer Wirklichkeit, die man nicht sehen kann, die ganz und gar Verheißung ist. Was ihr seht, sind die Mächte, was ihr seht, ist Gewalt, Finsternis, Bosheit, Unmenschlichkeit. Das sind alles Dinge, an die man nicht glauben kann. Macht sieht man und fühlt man. Man fühlt sie im Rausch der Herrschaft genau so wie im Leiden der Unterdrückung. Das sind alles Dinge, die nie und nimmer mehr den Namen Glauben verdienen. Macht und Reichtum, auch Bosheit und Schlechtigkeit, auch Tod und Lebensangst sorgen schon von sich aus dafür, die Menschen in ihren Bann zu zwingen und sie sich untertan zu machen. Wir sind ja alle, mehr oder weniger, von daher bestimmt und geformt. Die Welt des Glaubens ist die unsichtbare Welt, in der der Mensch mit Gott rechnet, mit dem, was Gott tut, was Gott will, was Gott verheißt. Die Größen dieser Welt heißen Vergebung, Erlösung, Freiheit, Auferstehung und Verwandlung aller Dinge. Der Glaube ist immer ausgerichtet auf das Zukünftige, das Nochnicht, das Kommende. Mit der Entscheidung des Glaubens werdet ihr Kinder dieser zukünftigen Wirklichkeit, geht ihr dem kommenden Tag entgegen. Das, was die anderen Wirklichkeit nennen, ist für euch schon dahin, es ist vergangen, in Jesus Christus ist das Neue Wirklichkeit geworden, auf das hin ihr lebt. Das ist die Entscheidung, die ihr im Glauben vollzogen habt, wodurch ihr dem Bösen so unendlich überlegen seid, daß es ganz umsonst seine brennenden Pfeile auf euch abschießt. Vertraut darauf, sie werden euch nichts mehr anhaben. Es wird sich alles umkehren, das Wirkliche wird sehr unwirklich werden und das Unwirkliche wirklich. Ihr werdet mit hineingezogen in die große Bewegung Gottes, in die Umgestaltung der Welt, die bereits im Gange ist, und das Böse, weil es eben das Böse ist, und der Böse, weil er eben als der Böse sich nicht wandeln kann, wird daran zugrunde gehen.
Auch ihr selbst sollt nicht verloren sein. Ihr dürft nicht verloren sein. Ihr lebt in einer gefährlichen Welt, ihr seid selbst Menschen, verwundbar, verführbar, allen Anfechtungen preisgegeben, in euch selbst lebt der Verräter, der nur allzu gern und allzu leicht mit dem Feinde, der die Festung berennt, paktiert, der nur allzu leicht Gleiches mit Gleichem vergilt und für den und für dessen Praxis die Parole „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ nur zu verständlich ist. Hütet euch. Nehmt den Helm des Heils. Laßt euch beschirmen von der Heilsbotschaft, die über euch erklungen ist. Ihr seid gerettet, ihr dürft darauf vertrauen, daß jene Tat, am Kreuz geschehen, für euch da ist, daß dieses Heil von Christus erwirkt, auch euch umschließt. Nur so, nur wenn ihr als die durch Gottes Gnade Geretteten in diesem Kampfe steht, werdet ihr behütet sein, ihr werdet merken, daß die Liebe, die euch von da umschließt, stärkere Arme hat als die Mächte, die euch in den Abgrund reißen möchten. Heil in Jesus Christus, das ist der Schutz, unter dem ihr steht, Rettung von oben her, das ist die Gewißheit, die ihr mitnehmen dürft.
So nehmt das Schwert. Ja, genau mit diesen Worten wird nun hier zum Schluß vom Geist geredet. Es muß schon etwas aufblitzen und zuschlagen, wo ihr steht und handelt und redet, es muß treffen, wo der Geist mit euch im Bunde ist. Der Feind muß ins Herz getroffen sein und muß das Feld räumen, sonst könnt ihr nicht von Sieg reden. Geist ist das letzte, und Geist ist das igrößte in dieser Mahnung des Apostels. Die Kirche ist nur so viel wert, als das Schwert des Geistes in ihr aufblitzt; darum bekennt ihr ja auch zuerst den Glauben an den Heiligen Geist und dann den an die Kirche. Wehe, wenn es umgekehrt wäre. Wehe, wo der Geist nicht mehr Schöpfer ist, wo das Reich Gottes nur noch in Worten besteht, in frommen Phrasen, in leerer Rechtgläubigkeit. Denn Geist ist nichts anderes als die Begegnung mit dem Worte Gottes, so, daß es heute und jetzt uns trifft, uns richtet, uns zu neuem Leben weckt, uns erlöst und uns der Gegenwart Gottes gewiß macht. Ja, wirklich, heute und jetzt muß das Wort Gottes geschehen, wenn das Böse die Schlacht verlieren soll. Hier, mitten in diesen zerstörten Städten, mitten unter dem von den Furien des Krieges und den Abgründen der Bosheit zerquälten Menschen, mitten in unserem sich in Todeswehen windenden Kontinent. Setzt auf den Geist, dann wird das Wort nicht tot bleiben, und es wird sündige, böse, todgeweihte Menschen neu zum Leben rufen.
Ein Baseler Theologe, der früher in Deutschland war und dem wir, menschlich gesehen, mehr verdanken als den meisten anderen Lehrern unserer Zeit, hat vor kurzem eine Schrift geschrieben: „Die Deutschen und wir”. In ihr ist die Rede von unserer Not und von unserer Schuld. Er weiß um den Weg des Grauens, den wir heute machen müssen und den wir. die Christen, mit unserm Volke gemeinsam gehen. Aber er ruft uns auch eine Mahnung zu, wie wir auf diesem Weg bestehen können, eben das Wort aus dem Epheserbrief, um dessen Auslegung wir uns bemüht haben, und erinnert uns an ein Bild, das wir alle kennen, in dem Albrecht Dürer seine Auslegung unseres Textwortes so einprägsam und großartig gezeichnet hat, das Bild von dem Ritter, der zwischen Tod und Teufel seinen Weg macht, das Auge fest nach vorn gerichtet, nur von dem einen Willen beseelt, den Kampf zu bestehen, das Ziel zu erreichen. Auf dieses Ziel wollen wir unsern Blick richten, nun, da wir von einander scheiden und wollen es neu verstehen, nicht als ein Zeichen menschlicher Kraft, sondern so, wie es gemeint ist: Zuletzt, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.
Wieder abgedruckt in: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke 3: Ausgewählte Predigten, hrsg. v. Hans Helmut Eßer und Helmut Gollwitzer, München: Chr. Kaiser, 1963, S. 171-183.