Von Klaus Koch und Jürgen Roloff
In der Bibel wird Leben nicht biologisch, sondern existentiell verstanden. Das hebräische chajim beinhaltet das Vermögen, sich frei zu bewegen und »Licht zu sehen«, d. h. sich wohl fühlen. Deshalb eignet Leben Menschen wie Tieren, aber auch fließendem Wasser, während es Pflanzen nicht zugesprochen wird. Schon ein Mensch, den bleibend Schmerz, Entbehrungen und Krankheit überfallen haben, hat kein Leben mehr, ein Genesen heißt entsprechend »Wiederaufleben«. Träger der Lebenskraft ist einerseits das Blut, in dem sich eine Seele befindet, andererseits der Atem, der letztlich mit Geist identisch ist. In beiden Fassungen ist für das Alte Testament Leben ein hohes, wenn nicht höchstes Gut, es rührt her von Jahwe als Grundkraft des Wirklichen. Er ist – im Unterschied zu ohnmächtigen Götzen – lebendiger Gott, Quelle des Lebens für jedes einzelne Geschöpf, er bestimmt seine Lebens-Dauer (Ps 104,29f.). Da Gott über Leben letztlich verfügt, dürfen Menschen fremdes Leben, auch tierisches, nur bedingt antasten, wildes Töten gilt als schwerer Frevel (2Mose 20,13; 1Mose 9,4f.). Während Gottes Leben unendlich währt, hat er menschliches Dasein auf 70, 80 Jahre begrenzt (Ps 90,10; umstritten ist, ob die Schöpfungserzählung in 1Mose 3,22 eine ursprüngliche Bestimmung zu immerwährendem Leben voraussetzt für den Menschen). Gott schenkt bei der Geburt das Leben, er unterstützt und erhöht es fernerhin, indem er Segen mitteilt. Das Leben des einzelnen hängt ebenso von seinem sittlichen Verhalten ab. Gemäß der hebräischen Auffassung vom Tat-Ergehen-Zusammenhang untergräbt ein Sünder auf die Dauer sein Leben, während es der Gemeinschaftstreue für sich und seine Umgebung befördert. Die von Gott als Lebensweisung verkündeten Gebote wollen dem Hörer dazu verhelfen, sein Leben zu mehren und vorzeitigem Tod zu wehren, »auf daß du lange lebest im Lande« (2Mose 20,12; vgl. 5Mose 30,15-20).
Das Alte Testament beklagt an vielen Stellen die Kürze des menschlichen Lebens, das vergänglich ist wie ein Windhauch, ein Rauch oder eine Blume. Auch traut es Gott die Macht zu, Totes wieder ins Leben zurückzuholen (1Kön 17,17ff.; Ez 37). Dennoch hat sich die israelitische Religion ein Jahrtausend lang entschieden gesperrt, die in den Umweltreligionen (z. B. Ägyptens, Griechenlands) selbstverständliche Überzeugung vom Weiterleben nach dem Tod zu übernehmen. Einzig ein kollektives Weiterleben in den Nachkommen, die den Namen des Verstorbenen über seinem Erbland aufrichten, wird erwartet. Erst im 2. Jahrhundert v. Chr. finden sich in der Apokalyptik Aussagen, die zwar nicht ein sofortiges Weiterleben nach der Todesstunde, wohl aber Auferstehung am Ende der Tage erwarten. Erst in der griechisch sprechenden Diaspora werden später Vorstellungen von einer Unsterblichkeit der Seele übernommen (Weish 2,23; 3,1-4).
Das Neue Testament stimmt mit dem Alten Testament im grundsätzlichen theozentrischen Ansatz seines Lebensverständnisses überein. Gott ist der Lebendige (Mt 16,16; 26,63). Er hat nicht nur in sich Leben (Joh 5,26; Offb 4,9f.) bzw. Unsterblichkeit (1Tim 6,16), sondern kann Menschen lebendig machen wie auch töten (Röm 4,17; 1Tim 6,13). Er ist »nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen« (Mk 12,27); in seiner Gemeinschaft sein heißt leben, aus ihr herauszufallen bedeutet den Tod (Lk 15,24). Wie im Alten Testament wird natürliches menschliches Leben als etwas Ganzheitliches verstanden; Krankheit gilt als lebensmindernd, ihre Heilung als Rettung von Leben (Mk 3,4).
Neu im Neuen Testment ist dagegen, daß Leben hier als eschatologisches Heilsgut verstanden wird. Jesus Christus hat dadurch, daß er den Tod überwand, »Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht« (2Tim 1,10). Dieses ewige Leben zu erringen wird Ziel aller Glaubenden. Was gegenwärtiges menschliches Leben fragwürdig werden läßt, ist nicht seine physische Begrenztheit, sondern seine Minderung durch gottfeindliche Mächte, vorab die Sünde. Wer unter der Herrschaft der Sünde lebt, gilt als »tot«, weil aus der Leben gewährenden Gemeinschaft mit Gott herausgefallen (Röm 8,10; Kol 2,13). Umgekehrt wird das von Christus vermittelte Leben nicht wegen seiner Unbegrenztheit und noch weniger wegen seiner Jenseitigkeit zum erstrebten Heilsgut, sondern allein deshalb, weil es die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft mit Gott bringt. Die totale Verwirklichung dieses Lebens wird erst jenseits des Todes möglich sein. Deshalb wird die Furcht vor dem Tod von der Gewißheit abgelöst, daß er Eingang in das Leben sein werde (Röm 8,38; Phil 1,23).
Aber entscheidender als der Ausblick auf ein Jenseits ist für den neutestamentlichen Glauben die Bindung an Christus. Anders als in den Auferstehungshoffnungen des nachbiblischen Judentums ist im Neuen Testament das erhoffte Leben nicht nur ein zukünftiger Zustand, sondern eine gegenwärtige Erfahrung, die inmitten der Gebrochenheit gegenwärtigen Daseins durch Christus erschlossen wird (Röm 8,10f.). Besonders nachdrücklich macht das Johannesevangelium diesen Gesichtspunkt geltend: Christus selbst wird hier als »das Leben« (Joh 14,6), als »die Auferstehung und das Leben« (Joh 11,25) bzw. als das »Brot des Lebens« (Joh 6,35) bezeichnet. Wer an ihn glaubt, ist bereits jetzt »vom Tod zum Leben hinübergegangen« (Joh 5,24).
Lit.: H. W. Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, 1973; U. Schnelle, Neutestamentliche Anthropologie, 1991.
Quelle: Reclams Bibellexikon, hrsg. v. Klaus Koch, Eckart Otto, Jürgen Roloff und Hans Schmoldt, Stuttgart: Reclam, 51992, 304f.