Was heißt Gegenwart Christi in der säkularen Welt? (1964)
Von Johannes Hamel
I. Die Frage nach Gottes offenbarem Handeln im Weltgeschehen
Im ökumenischen Gespräch wird in immer stärkerem Masse die Meinung vertreten, dass Gott bzw. Christus nicht nur „im Raum der Kirche“, sondern auch in den Räumen bzw. Geschehnissen außerhalb der Kirche wirke und durch Ereignisse oder Menschen aus diesem Raum (also nicht nur durch die Verkündigung) uns gegenwärtig werde und zu uns spreche:
„Der auferstandene Christus handelt in souveräner Freiheit durch seinen Geist sowohl in der Kirche als in der Welt … Man kann der Gegenwart Christi und dem Handeln des Geistes weder innerhalb des eigenen Lebens der Kirche noch außerhalb der sichtbaren Gemeinde Grenzen setzen … Wir müssen vielmehr positiv von den Werken Christi und des Geistes außerhalb der Kirche reden. Oder finden wir sie nicht in mannigfaltigen Zeichen des Erbarmens und der Versöhnung, in dem vielfältigen Bemühen, die Wahrheit zu suchen und zu entdecken, in der schöpferischen Kraft der Menschen und auf unzählige andere Weise? …“ (Bericht der Nordamerikanischen Sektion der Theologischen Kommission über „Christus und die Kirche“ für die Vierte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung 1963).
II. Zwischen alter und neuer Verführung
Mit diesen und ähnlichen Äußerungen im gegenwärtigen ökumenischen Gespräch wird zunächst einmal protestiert – insofern sind sich alle noch einig – gegen eine weitverbreitete Anschauung (samt dem ihr entsprechenden Verhalten) über das Verhältnis Christus-Kirche-Weltgeschehen. Nach dieser Anschauung ist die Gegenwart Christi in der Kirche, d.h. in dem kirchlichen Geschehen und im „Raum der Kirche“ selbstverständlich und laufend gesichert. Dieser Sicherheit (securitas) in der Antwort auf die Frage „Wo ist Christus gegenwärtig?“ einerseits entspricht die Ungewissheit darüber, ob wohl – und wenn ja, wie – Christus auch außerhalb des Kirchenraumes und Kirchengeschehens im Weltgeschehen und unter den Menschen wirke und sich enthülle? Im radikalen Widerspruch zu jener „Sicherheit“ hört man deshalb heute da und dort Stimmen, die im Grunde – meist sprechen sie das nicht so deutlich aus – sagen wollen: „Gott redet zu den Christen vor allem in der Begegnung mit den Zeitgenossen und dem Gegenwartsgeschehen, vielleicht auch, aber das ist ungewiss, im Gottesdienst“.
Jene erwähnte Anschauung finden wir heute vornehmlich in drei Ausprägungen: Man stellt sich „Kirche und Welt“ als zwei sich bekämpfende Heerhaufen oder Reiche vor, klassisch vorgeführt in dem mittelalterlichen Ringen zwischen Kirche und Kaisertum. Oder man denkt sich die „Kirche in der Welt“ als eine Art Zufluchtsburg, in die sich Menschen vor dem Ansturm zurückziehen und in der die Dämonen, die draußen sind, keine Macht haben. Zu dieser Vorstellung gehören etwa Wasserspeier unserer alten Dome (die bösen Geister müssen aus der Kirche flüchten), aber auch die bis ins 18. Jahrhundert weitverbreitete Sitte, sich gern im Kirchenschiff begraben zu lassen. Schließlich stellt man sich die „Kirche für die Welt“ unter dem Bild zweier konzentrischer Kreise mit dem Mittelpunkt Christus vor: aus dem „Raum der Kirche“, in dem Christus gegenwärtig ist, gehen die Boten ihres Herrn in die „Welt“ hinaus.
Wohl drückt diese Anschauung in ihren drei Ausprägungen das bleibende Gegenüber der Christenheit zu ihrer jeweiligen Umwelt, zum jeweiligen Weltgeschehen, zu den noch nicht oder nicht mehr glaubenden Menschen aus. Sie führt aber zugleich die Christenheit dann in die Irre, wenn diese sich einbildet, dass Christus wohl ein für alle Mal in dem einen „Raum“ oder in bestimmten „Handlungen“ (Predigt, Liturgie, Sakramente) anwesend sei, in dem anderen Raum (der „Welt“) aber erst durch uns, die Christen, hinüber transportiert werden müsse, wenn man nicht gar glaubt, dass nur die Auswanderung aus der „Welt“ in die „Kirche“ in die Gegenwart des Herrn führe. Weithin ist dann vergessen, dass Christus seine bleibende Gegenwart den Seinen versprochen hat, d.h. dass sie im Trauen auf diese Zusage nur Ihn bitten und anflehen können, er möge in seinem Wort und Mahl zu ihnen als der freie und gnädige Herr kommen … Seine Anwesenheit („Parusie“) ist immer seine wunderbare, gütige Zuwendung zu Menschen, die Zorn verdient haben, und birgt eine nicht vorausdenkbare Geschichte mit den Menschen in sich, in der Er ruft, beruft, erleuchtet, Sünde aufdeckt und vergibt, rechtfertigt und heiligt zur Hoffnung auf seine kommende Herrlichkeit. Seine verheißene und geschehende Gegenwart überrascht gerade die, die an Ihn glauben! Und gerade die, die Ihm nachfolgen, wissen sich unter die Drohung gestellt, sie könnten, wo sie sich nicht zu Ihm kehrten, aus seiner Gegenwart entfernt werden – siehe Offenbarung 2 und 5! Gerade die um Christus sich Sammelnden bekennen, dass Er sich aus Gnaden in seinem Wort den Sündern zuneigt – und was könnte mehr „Welt“ sein, als es Sünder sind? Wie oft aber ist die Kirche der Versuchung verfallen, Gottes gegenwärtige Gnade ganz selbstverständlich für die Gerechten in Anspruch zu nehmen, die „anderen“ aber für Menschen zu halten, die Gott ferne sind und ausgeschlossen von seinem Erbarmen! Das ist die eine Versuchung.
Die andere Versuchung, die sich in der gegenwärtigen Diskussion über die Gegenwart Christi meldet, ist ganz anderer Art. Sie tritt als Reaktion immer dann auf, wenn sich die bestehende Christenheit selbstherrlich im Besitz der Gegenwart Christi wähnt. Abgestoßen von dieser lästerlichen Sicherheit im „kirchlichen Raum“ beginnt dann jeweils ein Teil der Christenheit – nicht immer der schlechteste Teil! – Gott bzw. Christus im Weltgeschehen, statt in der lebendigen Stimme des Evangeliums zu suchen und – vermeintlich – zu finden. Dieses Suchen und angebliche Finden endet dann, wie so manches Mal in der alten und neuen Kirchengeschichte, in der Aufrichtung eines Götzen, des Moloch, der diejenigen verdirbt, die ihn einst enthusiastisch aufgefunden hatten. So werden wir im Bericht der Sektion „Zeugnis“ – wenn m. E. auch nicht ausreichend genug – davor gewarnt,
„die Hand Gottes genau in denjenigen geschichtlichen Entwicklungen zu erkennen, die wir persönlich gutheißen, oder seinen Segen für jede Angelegenheit in Anspruch zu nehmen, die uns im Augenblick gerecht erscheint … Wir müssen entschlossen alle revolutionären Bewegungen in allen Teilen der Welt zurückweisen, die eine halbreligiöse Sanktionierung für politische oder nationalistische Zwecke beanspruchen und sich eine ‚messianische‘ Bedeutung anmaßen, welche sogar ihre Auswüchse rechtfertigt.“
Die bitteren Erfahrungen der Kirchen in Deutschland lehren uns, schon den Anfängen solcher „religiöser“ Anschauungen zu wiederstehen, ehe es – wie bei uns im Frühjahr 1935 – zu spät ist! Die unklaren und vieldeutigen Formulierungen an vielen Stellen der Reden und Berichte in Neu Delhi – der Vortrag von Joseph Sittler ist ein Musterbeispiel dafür –, aber auch die späteren Beiträge zur Diskussion über die missionarische Struktur der Gemeinde zeigen, dass die Weltchristenheit da und dort dran geht, wieder einmal den „Herrn der Geschichte“ – mit dem man zunächst ehrlich keinen anderen als Jesus Christus meint – im Welt- oder Einzelgeschehen (und sei es im Geschehen der Mitmenschlichkeit!) zu suchen und zu finden und damit den alten Moloch in neuer Form zu verehren.
III. Durchbruch zu besserer Erkenntnis Christi
Aber das ist doch nur die eine Seite! In der Tendenz, die Gegenwart Christi im Weltgeschehen zu bezeugen, kommt auch die reuevolle Erkenntnis zum Durchbruch, Jesus Christus weithin wie einen kanaanäischen Ba’al verehrt und sich in die Religion geflüchtet zu haben.
Man kann aber dem lebendigen Herrn nicht in irgend einem künstlich geschaffenen, privaten, religiösen oder kirchlichen Reservat, sondern nur an dem uns jeweils zugewiesenen Platz innerhalb der gesamten Schöpfung gehorchen, deren sündigen Menschen Gott gnädig sein will:
„Der Gott, der in seiner Mission erkannt wird, bleibt ein nicht ansässiger (non-residential) Gott; er ist nicht einer der Ba’als … Eine der gefährlichsten Versuchungen im Vollzug von Mission ist sicherlich der immer wiederkehrende Versuch einer Re-Ba’alisierung Gottes – die Verschwörung, ihn wieder zu einem ansässigen Gott in einer bestimmten Lokalität zu machen“ (Hoekendijk).
Oder:
„Tatsächlich ist die heimwehkranke Rückwendung zur verlorenen Mitte für viele an die Stelle des neuen Hörens auf Gottes Wort getreten. Tatsächlich hat das religiöse Leben, da wo es ernst ist, oft einen süchtigen Charakter … Tatsächlich liegt über der religiösen Welt eine heimliche Resignation, ein tiefer Unglaube an die Möglichkeiten Gottes, eine Hoffnungslosigkeit, die nur vorsichtig ein paar Bereiche, dem eigentlich demolierten Dasein meint entziehen zu können und nun auch entziehen zu müssen … Die Kirche rückt nicht in den Raum der Anfechtung, der Angst und Schuld der Welt … Die religionslose Verkündigung muss standhalten im Niemandsland des Todes, und sie. soll den Menschen begleiten können in das Niemandsland seines wirklichen Lebens. Man kann in unserem Dasein allerhand Unterstände und Zufluchtsorte erbauen, die über die Härte des auf uns alle-wartenden Gerichts täuschen … Man täuscht damit Menschen um ihr Dasein … Man richtet seine Sehnsucht auf einen Gott, der keine Zukunft: hat Und keine Zukunft eröffnet auf Erden. Man überlässt die Eschatologie den Ideologen, die noch Liebe genug haben, um tätig zu hoffen, und. sieht’ sich durch deren Scheitern in seiner gottlosen Hoffnungslosigkeit bestätigt. Hier setzten die Blumhardts an mit ihrer aufreizend zuversichtlichen Predigt: ‚Christus ist Sieger!‘“ (Martin Fischer in dem Sammelband „Evangelium und mündige Welt“, Berlin 1962, 83 f).
Es geht also vor allem anderen darum, dass wir in Überwindung allen Ba’alskultes und Molochkultes die liebende und sieghafte Zuwendung des Herrn zur ganzen Menschheit und Schöpfung in seiner lebendigen und freien Aktion neu hören und erkennen, die uns in die Bewegung seines Regierens mit hineinzieht, durch das alles Weltgeschehen verborgen, aber wirklich im Dienste seines Wortes gelenkt wird. Gerade das die Gemeinde sammelnde Evangelium bezeugt den das All umfassenden Charakter dieser Zuwendung Gottes zur ganzen Schöpfung. Die Einzigartigkeit des erhöhten Herrn ist die Einzigartigkeit des Sohnes, der für alle dahingegeben ist und aller Richter und Herr sein wird. Diesen „Retter des Kosmos“ hören wir im Zeugnis der Apostel und Propheten und wir sollen seine Stimme in diesem und in keinem anderen Zeugnis oder Geschehen suchen. In ihm begegnet uns der redende Gott in einzigartiger Weise, so dass neben dieser Gegenwart Gottes die Behauptung, „Gott redet zu den Christen … auch in der Begegnung mit den Zeitgenossen und dem Gegenwartsgeschehen“ nur verwirrt: Der Satz „Gott redet zu uns“ ist nämlich – recht verstanden – keine Chiffre und kein Symbol für ein Geschehen; in dem sich die Transzendenz meldet oder für Vorgänge, die uns etwas Wichtiges, vielleicht Entscheidendes zu sagen haben. Solche Geschehnisse und Vorgänge gibt es, und sie sollten an ihrem Ort beachtet und gewürdigt worden. Wenn aber die Heilige Schrift bezeuge „Und Gott sprach“ und hat „in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn“, so werden wir im Glauben alle und alle in unvergleichlicher Weise vor den lebendigen Herrn gestellt und in einen neuen, unvergleichlichen Dienst genommen. Immer dann, wenn die Redeform von anderen Anreden Gottes auf uns aufkommt, ist zu vermuten, dass das biblische Zeugnis vom Wort Gottes uneigentlich als Chiffre oder Symbol missverstanden und verkehrt wird. Den Zusammenhang des sich selbst verkündigenden Herrn mit dem Weltgeschehen bezeugt uns die Schrift nämlich in einer sehr anderen Weise: Nämlich: Das Urbekenntnis „Jesus der Herr“ wird in der Begegnung der einzelnen Zeugen und der Gemeinden mit sehr verschiedenen Menschengruppen in sehr wechselnden äußeren und inneren Situationen und Anfechtungen durch allerlei Mächte in eine bestimmte Richtung hin entfaltet. In allen Überlieferungsschichten wird die Totalität der Zuwendung Gottes zur Schöpfung in diesem Jesus verkündigt und mit mancherlei theoretischen oder praktischen Bestreitungen der unendlichen Reichweite des Herrentums Jesu konfrontiert, mögen solche Eingrenzungsversuche nun aus dem Richtgeist der Frommen oder einer hochmütigen Theologie, aus Verzagtheit inmitten des Weltgeschehens oder Angst vor Todesmächten und anderen ungreifbaren, aber realen Gewalten, oder aus der Verzweiflung über unsere Schuld stammen. In allen denkbaren Formen ist die Christenheit versucht, den Gnadenruf Gottes an alle an irgendeiner Stelle nicht mehr gelten lassen zu wollen. In diese Versuchungen hinein wird Jesus Christus vom Neuen Testament verkündigt als der,
- der aller Sünde getragen hat und alle in seinen Gehorsam ruft, vor dem wir alle, die Toten und die Lebenden, offenbar werden müssen im Gericht;
- durch den das All geschaffen ist und der uns‘ alle geduldig trägt, der will, dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden;
- der die ganze Regierungsgewalt Gottes ausübt und alle für sein Werk auf die Vollendung hin gebraucht;
- der Himmel und Erde neu schafft und sich allen als der Herr enthüllt, dem sich alle Knie beugen werden zur Ehre Gottes, des Vaters aller.
Immer dann, wenn die erste Christenheit mit einer neuen Versuchung fertig werden musste, neben und gegenüber Jesus, dem Herrn, andere Ereignisse, Mächte oder Erkenntnisse auf den Plan zu führen-, hat sie das alte Bekenntnis neu erkannt und in gewandelter Sprache das überlieferte Evangelium weitergegeben, gleichsam den gleichen Kampf unter demselben Herrn auf neuen Schauplätzen fortführend. Auch wir werden’s nicht anders halten können, wenn wir uns durch die Schrift weisen lassen wollen.
IV. Mit der Schöpfung auf dem Wege zum kommenden Herrn
Aus der Erkenntnis dieser Totalität Christi werden die alten Vorstellungen vom Gegenüber Kirche – Weltgeschehen zwar nicht beseitigt – dies Gegenüber wird erst am Jüngsten Tage aufgehoben! –, wohl aber relativiert und korrigiert: Mit allen Menschen, ja mit der ganzen Schöpfung ist die Christenheit zusammen auf dem Wege zu dem Herrn, der erscheinen und alles wandeln wird. Sie gleicht also – und damit würden die oben genannten Bilder korrigiert – wesentlich einer, unter die wandernde Menschheit zerstreuten Schar, die einer Ankündigung traut, die allen gilt und allen weiter gesagt werden muss, solange dieser Äon wahrt. Auf diesem gemeinsamen Wege zur Ankunft des Herrn wird der Herr schon jetzt von dieser, immer wachsenden- Schar verherrlicht, der doch Herr aller ist und sich als solcher enthüllen wird und will, obwohl jetzt noch nicht alle, mitunter sogar erst sehr wenige oder nur noch wenige in diesen Lobpreis einstimmen. Das gilt auch dann, wenn sich diese dem Herrn entgegenwandernde Menschheit da oder dort widernatürlicherweise – sie lebt ja jede Sekunde unter ihrem Schöpfer – als ein „Kosmos“ voller Hass (siehe Johannes 7,7; 15,18 f; 17,14) auflehnt. Auch in derartigen Erfahrungen, die in irgendeiner Form keiner Generation erspart bleiben, ist die Gott lobende Christenheit mit allen Menschen fest und untrennbar verbunden, weil der Herr über alle seine Gnade allen ausrichten lässt, und weil alle auf seine Gnade angewiesen sind und bleiben.
Diese „Solidarität“ mit allen Menschen wird dann von der Christenheit in ihrer Wurzel zerstört, wenn sie sich nicht als diese, in und mit der ganzen Menschheit dem kommenden Herrn entgegeneilende Botenschar seiner Gnade versteht. Sie wird in einem solchen Fall entweder sich selbst gerecht, vielleicht auch nur verzagt und feige – siehe, dazu Offenbarung 21,8! – von den anderen isolieren, um sie ihrem Schicksal zu überlassen, oder aber programmatisch eine – dann immer nur unechte – „Solidarität mit der Welt“ fordern, die sehr bald in eine Weltförmigkeit, den Konformismus umschlägt: Aus der echten Solidarität der Sünder, die von Gnade leben, mit allen Sündern, denen Gottes Gnade verkündigt wird, wird ein Mitsündigen, damit die Gnade desto größer werde (siehe Römer 3,5-8 und 6,1).
Die schmerzlichen Grenzen zwischen der Christenheit und der übrigen Menschheit, der das Evangelium gilt, werden also jeweils nur dann gezogen, wenn die Christenheit ihren eigenen Herrn verkennt oder wo immer sich der in sich selbst verkrümmte Mensch Gottes Gnadenruf verschließt und nun leichtsinnig oder schwermütig, enthusiastisch oder nihilistisch, gleichgültig oder feindselig dem Richter aller entgegentreibt. Wo immer die Christenheit aber ihrem Herrn folgt und nicht einen Ba’al verehrt, richtet sie keine Mauern gegen die Menschen im Weltgeschehen auf: Alle sind an allen Orten zu aller Zeit eingeladen, dankbare Menschen zu werden und den kommenden Richter als Retter zu preisen. Dabei gilt die Rangordnung des Evangeliums: Denen, die Gott trauen, spricht es Gottes barmherzige Strenge, den anderen seine strenge Barmherzigkeit zu.
Im Vertrauen auf diesen Herrn darf die Christenheit fest damit rechnen, dass sie in der säkularen Welt das gütige Handeln des sich ihr allein im Wort erschließenden Herrn staunend erfahren wird. Der verkündigte Herr, dem ihre Aufmerksamkeit und ihr Hören ausschließlich zu gelten haben, lenkt das Geschehen im Großen und Kleinen, in den Bewegungen der Völker und den sich wandelnden Strukturen der modernen Gesellschaft ebenso wie in der Lebensgeschichte des einzelnen Menschen so, dass alles dem Lauf seines Wortes zu dienen und Gott zu verherrlichen hat, bis sein Tag kommt. Die Apostelgeschichte hat diese lebendige Zuordnung alles Geschehens zur gnädigen Zuwendung des Herrn auf jeder Seite proklamiert. Wo dem Wort des Herrn getraut wird, hilft allenthalten die Hand des verborgenen Herrn, bis die Vollendung kommt.
Ein Mann wie Dietrich Bonhoeffer hat in dieser Gewissheit gelebt. Ein Beispiel für viele: Er schreibt am 11.9.1934 aus London an seinen Schweizer Freund Erwin Sutz, dass sich Hitler ganz klar als der gezeigt hat, „der er ist, und die Kirche muss wissen, mit wem sie zu rechnen hat. Jesaja ist auch nicht zu Sanherib gegangen. Wir haben oft genug versucht – zu oft – vor Hitler vernehmlich zu machen, worum es geht … Hitler soll und darf nicht hören, er ist verstockt und soll uns gerade als solcher zum Hören, zwingen – so herum liegt die Sache. Die Oxfordbewegung war naiv genug, den Versuch zu machen, Hitler zu bekehren – eine lächerliche Verkennung dessen, was vorgeht – wir sollen bekehrt werden, nicht Hitler“. (Ges. Schriften, I, 42 f). Wo immer also die Christenheit den Herrn des Alls allein im Gekreuzigten sucht und im Glauben findet, wird sie – ihr selbst zum Wunder – Schritt für Schritt erleuchtete Augen dafür bekommen, dass alles Geschehen von dem zielbewusst gelenkt wird, auf dessen Offenbarung die Schöpfung und sie mit ihr zugeht. Diese, seine Gegenwart im Evangelium begleitende Anwesenheit des Herrn entzieht sich freilich einem Sehenwollen, das das Künftige vorwegnehmen möchte: wir werden Ihn sehen, wie Er ist. Wo immer aber Christen der Versuchung erliegen, den gegenwärtigen Gott im Weltgeschehen zu finden und haben zu wollen, werden sie mit Blindheit geschlagen und blind durch die Geschichte tappen, weil sie das Skandalon des Kreuzes nicht wahrhaben wollen. Sie werden dann heute mit allen Verblendeten jubeln „Hier ist Christus“ und „Dort ist Christus“, um morgen schon „fluchen ihrem König und ihrem Gott, und werden über sich gaffen und unter sich die Erde ansehen, und nichts finden als Trübsal und Finsternis: denn sie sind im Dunkel der Angst, und gehen irre im Finstern“ (Jesaja 8,21 f). Alle, die den Wunder tuenden Gott haben wollen, bekommen das Nichts und werden zunichte; die aber, die dem im geringen Wort verborgenen Herrn trauen, werden in allem Weltgeschehen die wunderbare Hand des Herrn merken und darum vernünftig geworden handeln!
V. Gemeinsames Handel
Gehorsame Christen halten „vernünftigen Gottesdienst“ (Römer 12,1 f) und prüfen laufend, was der jeweils gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille sei, bei dessen Tun sie sich mit vielen zusammenfinden, die Gottes Namen noch nicht bekennen, denen aber ein größeres, kleineres öder gleiches Maß an Erkenntnis des fälligen Tuns in der Welt und an Tatkraft zur Durchsetzung des Erkannten gegeben – auch ihnen gegeben wird.
Sie werden als bescheidene, nüchterne, hörbereite Leute mit allen und unter allen Menschen die Forderung des Tages, wie Goethe formulierte, zu erkennen und zu erfüllen suchen. Gerade sie werden sich von ihren Mitmenschen, aber auch von den Geschehnissen ringsum sagen und belehren lassen, wie es uns sterblichen und irrtumsfähigen Geschöpfen zukommt. Sie werden, sich nicht klüger dünkend, gemeinsam fragen, welche Aufgaben allen heute gestellt sind, welche Erkenntnisse allerlei Art heute auf Anwendung warten, welche Wahrheiten heute dran sind, welche Entwicklungen heute vorauszusehen und also einzuplanen sind, welche Umgestaltungen in Gesellschaft und Wirtschaft zu berücksichtigen, aber auch entschlossen vorzunehmen sind. Wo freilich Ba’al-Christus verehrt wird, werden seine Diener Gehorsam gegen den lebendigen Herrn mit Ergebung in die schicksalhaften Mächte der Natur und Geschichte verwechseln und deren Walten unter dem Namen Gottes hinnehmen, statt zu Gottes Ehre und zum Wohl der Menschen mit ihnen fertig zu werden, wie sie nur vermögen. Glaubende Christen mit erleuchteten Augen werden sich dagegen gern von den anderen beschämen lassen, wenn diese klarere, vernünftigere, sachgemäßere und konsequentere Erkenntnisse bekommen und Taten vollbringen dürfen. Ist der Christenheit doch auf den Kopf zugesagt, dass sie sich weder ihrer Weisheit noch ihres Ansehens, noch ihrer Macht rühmen kann (1. Kor. 1,26-51).
Wer sich aber nicht mehr rühmt,‘ der lernt willig von anderen, lernt zu und lernt auch um!
Sie werden sich an diesen gemeinsamen Aufgaben als vernünftige Menschen beteiligen, d.h. als Menschen, die unter Gottes, des Schöpfers, gnädiger Zuwendung zu allen Kreaturen existieren und sich also nicht als Herrgötter gebärden, die die Wahrheit besäßen und die Gerechtigkeit innehätten. Sie werden sich nicht enthusiastisch, d.h, nicht als „gottlose Selbstgötter“ benehmen, wie Heinrich Heine im Alter seine ehemaligen Freunde aus dem Lager des Philosophen Hegel und – das sollte uns Christen nachdenklich machen! – den Herausgeber der Evangelischen Kirchenzeitung Hengstenberg, das anerkannte Haupt der frommen Partei in Preußen, spottend warnte (in der Vorrede zur 2. Auflage von „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, 1852). Sie werden daher weder fällige Aufgaben im Weltgeschehen als den gebotenen totalen Gehorsam gegen Gott ausgeben, noch im Anpacken dieser Aufgaben sich mit dem Schöpfer verwechseln und ihre und aller Menschen irrtumsfähigen Versuche zum Lösen der Probleme mit dem Anspruch absoluter Gültigkeit umkleiden. Dagegen werden sie offen dafür sein, dass sie außerhalb des Umkreises des in der Kirche verkündigten Evangeliums „wahre Worte“ (vgl. dazu Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, IV,3, 106-153) vernehmen könnten, die sie in einer sie überraschenden Weise auf das oft gehörte, aber nur teilweise oder einseitig verstandene und befolgte Evangelium ihres Herrn aufmerksam machen wollen.
Die Christenheil wird also Erkenntnisse und Wahrheiten im säkularen Geschehen so begegnen, dass sie sie unter dem Evangelium neu zu verstehen sucht. Sie wird als eine betende Schar nach der Weisung des. Herrn suchen, den sie aus der Schrift kennt und der sie auf vielerlei Weise an seinen Willen erinnern lässt, so manches Mal durch Menschen und Ereignisse, die für unsere Augen mit Kirche und allem Kirchlichen nichts zu tun haben oder gar zu tun haben wollen, derer sich aber der bedient, der der Herr aller ist und sein wird.
Johannes Hamel, Naumburg
September 1964
Quelle: Hans Jochen Margull (Hrsg.), Mission als Strukturprinzip. Ein Arbeitsbuch zur Frage missionarischer Gemeinden, Genf: Ökumenischer Rat der Kirchen, 31968, S. 47-54.