In Sachen politische Pathologie ist der Begriff des Thymos (Zornmut) unverzichtbar (vgl. Fukuyama und Sloterdijk). Nemesios von Emesas Begriffsbestimmung aus seiner Perí physeōs anthrōpou (Über die Natur des Menschen, um 400 n. Chr.) ist – trotz verfehlter Physiologie – immer noch erhellend:
Über den Zornmut (Perì thymou)
Zornmut (thymós) aber ist ein Sieden (zésis) des um das Herz befindlichen Blutes aus einer Dampfung (anathymiásis) der Galle (cholḗ) oder aus einer Aufwallung (anabolôsis) entstehend; weshalb er auch Galle (cholḗ) und Bitterkeit (chólos) genannt wird. Es ist aber auch manchmal so, dass der Zornmut ein Verlangen (órexis) nach Vergeltung (antitimōrēsis) ist; denn wenn wir Unrecht leiden oder meinen, Unrecht zu leiden, werden wir zornmütig, und dann wird die Seelenstimmung (páthos) eine Mischung aus Begierde (epithymía) und Zornmut. Die Arten (eídē) des Zornmütigen (thymikón) sind drei: Zorn (orgḗ) – auch Galle (cholḗ) und Bitterkeit (chólos) genannt –, [anhaltender] Grimm (mēnis) und [auf Vergeltung lauernder] Groll (kótos). Denn Zornmut, sobald er einen Anfang und eine Bewegung hat, wird Zorn (orgḗ) – auch Galle und Bitterkeit genannt. – Grimm (mēnis) aber ist eine zur Veralterung (palaíōsis) gebrachte Galle, denn es ist so genannt von „bleiben“ (ménein) und dadurch, dass sie dem Gedächtnis (mnḗmē) überliefert wird. – Groll (kótos) aber ist ein Zorn (orgḗ), der den geeigneten Zeitpunkt zur Vergeltung (timōría) überwacht; auch dieser ist so genannt von „liegen“ (keîsthai). Der Zornmut aber ist die Leibwache (doryphorikón) der Berechnung (logismós); denn wenn diese das Geschehene für etwas der Entrüstung Würdiges beurteilt, dann tritt der Zornmut hervor, sofern sie gemäß der Natur die ihnen eigene Ordnung wahren.
Περὶ θυμοῦ
Θυμὸς δέ ἐστι ζέσις τοῦ περὶ καρδίαν αἵματος ἐξ ἀναθυμιάσεως τῆς χολῆς ἢ ἀναβολώσεως γινομένη· διὸ καὶ χολὴ λέγεται καὶ χόλος. ἔστι δὲ, ὅτε καὶ ὁ θυμὸς ἐστὶν ὄρεξις ἀντιτιμωρήσεως· ἀδικούμενοι γὰρ ἢ νομίσαντες ἀδικεῖσθαι θυμούμεθα, καὶ γίνεται τότε μικτὸν τὸ πάθος ἐξ ἐπιθυμίας καὶ θυμοῦ. εἴδη δὲ τοῦ θυμικοῦ τρία, ὀργή (ἥ καὶ χολὴ καὶ χόλος καλεῖται), μῆνις, κότος. θυμὸς μὲν γὰρ ἀρχὴν καὶ κίνησιν ἔχων ὀργὴ καὶ χολὴ καὶ χόλος λέγεται· μῆνις δὲ χολὴ εἰς παλαίωσιν ἀγομένη, εἴρηται γὰρ παρὰ τὸ μένειν καὶ τῇ μνήμῃ παραδεδόσθαι· κότος δὲ ὀργὴ ἐπιτηροῦσα καιρὸν εἰς τιμωρίαν, εἴρηται δὲ καὶ οὗτος παρὰ τὸ κεῖσθαι. ἔστι δὲ ὁ θυμὸς τὸ δορυφορικὸν τοῦ λογισμοῦ· ὅταν γὰρ οὗτος ἄξιον κρίνῃ τὸ γενόμενον ἀγανακτήσεως, τότε ὁ θυμὸς ἐπεξέρχεται, ἐὰν κατὰ φύσιν τὴν οἰκείαν τάξιν φυλάττωσιν.
Quelle: Moreno Morani (Hrsg.), Nemesii Emeseni de natura hominis, Leipzig: Teubner, 1987, Kap. 20, S. 81, Z. 1-13.