Hans Joachim Iwand, Die Neuordnung der Kirche und die konfessionelle Frage (1946): „Von der Lehre her ist die Kirche immer wieder gefragt, ob sie denn auch für das Evangelium einsteht, ob sie nicht viel­mehr längst gefallen und abgefallen ist. Die Lehre hat, wenn anders sie reine Lehre ist, eine kritische Funktion gegenüber der Kirche und darum kann die Flucht in die ‚reine Lehre‘ geradezu das Zeichen dafür sein, dass die Kirche nicht steht, die Lehre kann zur Abstraktion werden, sie verliert damit ihre konstituierende Kraft. Wenn die Lehre wirklich reine Lehre ist, wenn sie also nicht selbst etwas sein will, dann müsste sie über sich hinausweisen auf Gott und sein Wort, auf seine Offenbarung; aber im Konfessionalismus wird immer wieder die Gefahr liegen, dass es umge­kehrt herauskommt, dass man meint, in der reinen Lehre des Wortes habhaft zu werden.“

Die Neuordnung der Kirche und die konfessionelle Frage (1946)

Von Hans Joachim Iwand

I.

Die Annahme, wir hätten für die Neuordnung der Kirche einen freien Raum vor uns, verführt zu Konstruktionen, die wohl unseren Wünschen und Gepflogenheiten entsprechen, aber nicht aus dem Gehorsam gegen den Herrn der Kirche entspringen.

Wenn im folgenden einiges zur konfessionellen Frage gesagt werden soll, so bin ich mir bewußt, daß das hier zu Sagende in großer Ein­seitigkeit und in einer unumgänglichen Abbreviatur gesagt werden muß. Denn die konfessionelle Frage an sich betrachtet, hat ganz andere Weiten und Tiefen, fruchtbare Gegenstände und eine alte, reiche Tradition in ihrer theologischen Problematik, so daß es scheinen könnte, als wäre dies alles hier nicht gewußt, auch nicht beachtet. In Wahrheit liegt es wohl vor unserm Blick, aber es ist eingeklammert, die Frage, die hier zur Debatte steht, ist, welchen Rang die konfes­sionelle Frage bei der Neuordnung der evangelischen Kirche in Deutschland einzunehmen hat, in dem Deutschland, das den Natio­nalsozialismus erlebte und dessen Kirchen durch die Ereignisse, die mit ihm zugleich auftraten, betroffen wurden. Es geht hier infolge­dessen um die konfessionelle Frage in einer bestimmten Begrenzung. Das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche scheidet aus, denn es hat kein gemeinsames Bekennen der evangelischen und der römisch- katholischen Kirche in der Form eines „gemeinsamen Wortes“ ge­geben. Aber auch das Verhältnis zu den außerdeutschen evangelischen Kirchen muß vorläufig noch außer Blick bleiben, denn das tatsäch­lich gleiche Bekennen und teilweise kräftigere und aktuellere Be­kennen dieser Kirchen ist noch nicht ins Verhältnis gesetzt zu dem, was in der Evangelischen Kirche in Deutschland geschah. Hier sind Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen in einer gemeinsamen Synode zusammengetreten, haben ein Ja und ein Nein gesagt, haben Lehre und Irrlehre gleich verpflichtend für jede dieser Kirchen gleichlautend formuliert und haben erklärt, daß mit der Anerkennung dieser Wahrheiten und mit der Ablehnung dieser Irrtümer die Evangelische Kirche steht und fällt. Und es fragt sich nun, wie weit wir gewillt sind, bei der Neuordnung der Evangelischen Kirche, die uns heute aufgetragen ist, auf diesem Wege zu bleiben und welchen Rang dabei die konfessionelle Frage, die schon in Barmen als Frage auftauchte und deren Problematik sich dann immer mehr steigerte, zu beanspruchen hat. Beide streitenden Parteien, die Männer der Bekennenden Kirche und die Konfessionellen, die Lutheraner in Sonderheit, sind sich über eins einig: daß sowohl die Barmer Erklärung als auch das überlieferte Bekenntnis im höchsten Sinne ernst zu nehmen sind. Es wird nicht wohlgeraten sein, dies einander abzustreiten, es sei denn, daß es ausdrücklich von einzelnen Stellen erklärt wird, aber fraglich ist, was bei der Neuordnung der Kirche und beim Verständnis der Kirche führend sein soll; fraglich ist, von welchem Ort her das eine bzw. das andere ausgelegt und kritisiert wird. Die einen kritisieren Barmen vom Standpunkt der überlieferten Bekenntnisse her, lassen es als Erläuterung, als Zusatz, vielleicht auch als vollkommene „Auslegung“ gelten, die anderen lesen die Bekenntnisschriften der Väter von den Entscheidungen her, die, zunächst noch sehr komprimiert, in Barmen formuliert wurden, hinter denen aber eine reiche theologische Entwicklung und ein einschneidendes Geschehen innerhalb der Evangelischen Kirche von heute steht. Es soll versucht werden, im folgenden einiges dazu zu sagen und von da aus den Prozeß der Neuordnung, der sich innerhalb der Evangelischen Kirche vollzieht, zu beleuchten.

Daß die Evangelische Kirche um die Frage einer neuen Ordnung nicht herumkommt, wird kaum bestritten werden können. Durch den Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates und der darin zum Ausdruck gekommenen Idee, die ja auch eine bestimmte Auffassung über Kirche und Staat involvierte, sind auch diejenigen Institutionen zusammengebrochen, die der Staat der Kirche als Fessel auferlegt hatte. Es ist weiterhin in diesem Kampf ein Riß durch die ganze Kirche gegangen, eine Spaltung, von der nicht feststeht, ob sie noch einmal zu heilen ist oder ob sie zu einer vollen Trennung führen wird. Es waren eben nicht nur einige Irrtümer, die innerhalb der Evangelischen Kirche aufgebrochen sind, sondern es waren zwei Kirchen, die sich gegenüberstanden, und es war nicht mehr ein und derselbe Geist, der beide regierte. Es dürfte heute am Tage sein, daß man mit diesem Problem nicht dadurch fertig wird, daß man einzelne Personen der Bekennenden Kirche in die freigewordenen Plätze des Kirchenregiments einsetzt, sondern daß es eine Reform an Haupt und Gliedern sein müßte, wenn der aufgebrochene Schaden wirklich zu einer segensreichen Erneuerung führen sollte. Nur wenn die Neu­ordnung der Kirche der Ausdruck einer solchen, in rechter Buße – und diese Buße müßte bei allem Schmerz etwas Fröhliches und Zuversichtliches sein – vollzogenen Entscheidung ist, wird sie eine freie und gesicherte sein. Sonst könnte es leicht so scheinen, als‘ handelte es sich bei der Neuordnung um eine Art Machtergreifung der Bekennenden Kirche, und das wäre nicht nur von Nachteil für die Ordnung, sondern das wäre das Ende der Bekennenden Kirche selbst. Hat doch diese Kirche nicht gekämpft, gestritten und ge­litten, um an die Macht zu kommen, sondern weil sie sah, daß das Wort Gottes in der Kirche nicht zur Macht kam und daß darum die Kirche ihrer eigenen Weisheit, Diplomatie und Ohnmacht aus­geliefert war. Das Verdrängtwerden, Verstummen und Ausgelöschtwerden der Bekennenden Kirche und ihrer sichtbaren Institutionen war ja nur das Zeichen dafür, daß das Evangelium verdrängt wurde, verstummen und ausgelöscht werden sollte, und daß die kirchlichen Institutionen die Entscheidungen vermieden, zu denen das Evange­lium uns rief und in denen die Kirche als Kirche sich erweisen sollte. Darum haben wir uns immer wieder dagegen gewehrt, als Gruppe innerhalb der Kirche gewertet zu werden, als eine theologische Richtung, die zufrieden sein müßte, einen Platz und einen gewissen Einfluß neben anderen Richtungen zu erhalten. Die theologische Erklärung von Barmen war und ist nicht der Ausdruck einer theo­logischen Richtung, sondern war und ist eine Entscheidung der ganzen Kirche, die nicht verglichen werden kann mit dem, was einmal zwischen Liberalen und Positiven, zwischen Pietisten und Weltkindern, zwischen Reformierten und Lutheranern gestritten und bezeugt wurde, denn niemals ist in diesen früheren Entscheidun­gen die Frage so radikal gestellt worden, wie sie hier gestellt werden mußte, niemals ging es hier in dem Maße um die Existenz der Kirche als Kirche. Das Gegenüber, das die Bekennende Kirche vor sich sah, war ein anti-christliches Gegenüber und es kam dar­auf an, dieses antichristliche Gegenüber in seinen wahren Ansich­ten zu entschleiern. Daß ihr das nicht gelungen ist, vor allem in dem Maße nicht gelungen ist, wie es zum Heil unseres Volkes und zu dem der ganzen abendländischen Welt wünschenswert gewesen wäre, ändert nichts an der Tiefe des Bruches. der hier deutlich geworden ist. Darum hat die Bekennende Kirche immer gemeint, und, wie wir glauben, mit Recht gemeint, daß die in ihr aufgebrochene Entscheidung alle anginge, die Christum ihren Herrn sein lassen wollen, alle Menschen, die sidi innerhalb der geistigen Atmosphäre des Dritten Reiches ent­scheiden muhten, was es heißt, Christ zu sein. Die Kirche wurde auf einmal wieder zu dem Ort, an dem diese Entscheidung fiel und wurde damit zum Zeugnis des Lebens und des. Todes mitten in einer Welt, die von solchen letzten Fragen längst nichts mehr wissen wollte.

Wir werden also nicht aus dem Auge verlieren dürfen, was hinter dem Kampf und dem Leiden der Evangelischen Kirche in Deutschland stand: nicht nur die vorläufig gestürzte Gewalt des totalen Staates, ohne daß auch da sicher wäre, ob dieser Sturz ein echter war, sondern dahinter ein weltanschaulicher Glaube, ein Mythos, der vielen zum Ausdruck ihrer eigenen völkischen und ethischen Gesinnung geworden war, zur Rechtfertigung ihres schweigenden Gewissens und ihrer himmelschreienden Taten. Daß viele dieser Menschen dabei nicht die letzten Konsequenzen zogen, nicht aus der Kirche austraten, sondern ihre Mitgliedschaft in der Volks­kirche aufrechterhielten, spricht nicht dagegen; sie meinten eben, das noch im Kompromiß vereinigen zu können, wovon die ernsten Christen sowohl wie die überzeugten National­sozialisten längst erkannt hatten, daß es nicht zu vereinigen war. Eine Gegenkirche war im Werden, und wenn dieser Prozeß nicht gewaltsam aufge­halten worden wäre, hätte sich jeder entscheiden müssen, so oder so, zu welcher „Konfession“ er gehörte. Die Partei als Konfession, das war das Neue, das im politischen Leben der Deutschen Realität wurde, und das war die Tatsache, zu der die Evangelische Kirche mit der Konstituierung der Bekennenden Kirche Stellung nahm. Als in den letzten Jahren das christliche Ethos grundsätzlich und praktisch in seinen letzten Resten eliminiert wurde, begriffen wir und begriff auch die Welt, wie ernst und wie richtig jene in Barmen getroffene Entscheidung gesehen hat. Es handelt sich also um mehr als um das bloße Verhältnis von Kirche und Staat, ein neuer Glaube war im Werden, ein Glaube, der in erschreckender Weise dem Zustand des modernen Menschen entsprach, der auch seine Symbole, seinen Kult, seine Dogmen und seine Apostel hatte, dem es auch um das Heil ging, aber um das Heil im Namen eines Menschen, der von unten war, ein Glaube, der auch an Wunder glaubte, angefangen von der Auferstehung des Volkes bis hin zur Unverwundbarkeit des Messias selbst. Befangen in alten Vorstel­lungen und Mythen, in einem Atavismus sondergleichen, haben wir immer wieder gemeint, es müsse doch noch einen Weg geben, den Tempel Gottes und den der Götzen irgendwie zu vereinigen. Das war die gemeinsame Hoffnung der sogenannten Mitte und auch der Deutschen Christen. Es wurde versucht, Formulierungen für eine solche Synthese zu finden, sei es auf dem Wege über eine Theologie der Schöpfung oder der vorchristlichen Lebensordnung, sei es durch ein erneutes Hervorholen und gänzlich unlutherischen Gebrauch der Lehre von den beiden Reichen, um so die Ungerech­tigkeit, die im Namen des Staates und seiner Omnipotenz auf dem Plan war, zu rechtfertigen gegenüber der Gerechtigkeit Gottes, die damit jeden Sinn und jede empirische Bedeutung verlor. Der Staat, so sagte man etwa, der den Willen des Volkes als souveräne Macht repräsentiert, sei damit der Herr über die Existenz des Menschen, da ja der Mensch von seinem Volk seine Existenz habe. Es wurde die Eigengesetzlichkeit des völkischen Gesetzes proklamiert, wobei dann noch Luther Pate stehen mußte, und es wurde Brauch, zu behaupten, daß auf dem Gebiet der Sitte und der Sittlichkeit die Kirche keinen Anspruch auf Selbständigkeit machen könne. Es ist falsch, wenn wir die Wurzeln dieser Erscheinungen heute verges­sen, es könnte sein, daß aus ihnen neue, noch viel schrecklichere Verwüstungen hervorgehen, wenn wir dieses Denken, das sich in so furchtbarer Weise enthüllt hat, heute nicht einer klaren und grundsätzlichen Kritik unterziehen.

Weil eben hierbei Mächte und Kräfte im Gange waren, die aus einer totalen, nicht nur aus der politischen Sicht des Daseins ent­sprungen sind, ist der Sturz dieser Macht ein Ereignis im Himmel und auf Erden. Ein Ereignis, von dem der Glaube nur mit den Worten der Schrift reden kann, etwa so wie im 73. Psalm davon geredet ist. Wir, und nicht nur wir, sondern die ganze Welt ist noch einmal herausgerissen worden aus dem Grauen dieser Bilder und Möglichkeiten, aber nicht infolge eines geistigen Erwachens, jedenfalls nicht bei uns, sondern infolge politischer, wirtschaft­licher und militärischer Vorgänge. Nicht an der Kirche ist diese Macht zerbrochen, nicht um des Evangeliums willen ist vieles gelitten, was gelitten worden ist, sondern wie ein Gericht ist es über uns gekommen, und darum sind wir heute wie gelähmt und sinnen nach Mitteln und Möglichkeiten, wieder gewisse Schritte zu tun, um auf den Trümmern dieser Katastrophe unser Leben neu auf­zubauen. Es hätte auch anders kommen können. Es hätte ein Erwachen geben können, an dem dieser ganze Spuk verflogen wäre, ehe denn er sich zu solchem Unheil anwuchs. Das wäre die volle Gnade gewesen. Und es hätte auch umgekehrt geschehen können, daß uns Gott keine Zeit mehr ließ zur Besinnung, zur Buße und zur Umkehr, und daß die weltpolitischen Ereignisse einen anderen Verlauf genommen hätten, als sie ihn diesmal noch genommen haben. Und das wäre die volle Ungnade gewesen. Eins ist uns aber geschenkt, es ist uns eine Pause geschenkt, es ist, als ob das Gleichnis von dem unfruchtbaren Baum, der eigentlich abgehauen werden sollte, an uns wahr gemacht wäre und die göttliche Barmherzigkeit das drohende Gericht noch einmal auf­hielte: „Laß ihn noch dieses Jahr.“ Das steht über allem und sollte über allem stehen, was jetzt in Kirche und Staat bei uns und viel­leicht auch bei anderen Völkern geplant und an neuer Ordnung versucht wird. Wir sollten wissen, wohin uns die göttliche Lang­mut führen will und daß im Begreifen ihrer der Weg zur Buße leidet ist. Wir könnten heute mancherlei sehen und wir könnten heute das, was wir sehen, auch sagen, im Unterschied dazu, daß wir es damals nicht sahen, oder wenn wir es sahen, nicht sagen konnten. Wir könnten sehen, daß der Mensch ein ohnmächtiges Wesen ist, wenn Sitte und Tradition zuschanden werden, die ihn noch mühsam von dem Letzten zurückhalten, wir könnten sehen, daß es einen Hunger gibt, der noch schlimmer ist, als der Hunger nach Brot, und daß es offenbar niemand in der Macht hat, hier das rechte, das lösende Wort zu finden, noch weniger als es die Völker offenbar in der Macht haben, den leiblichen Hunger zu befriedigen. Wir könnten sehen, daß ein Christentum, das die Lehre von den beiden Reichen so verfälscht, daß Gottes Reich und dieser Welt Reich beziehungslos auseinandertreten, das dumm ge­wordene Salz ist, das in der Welt zu nichts nütze ist. Wir könn­ten sehen, daß man alles, was man hat, nur dann recht hat, wenn man wieder versteht Ernst zu machen mit der Bemessenheit und Zeitlichkeit aller Gaben: „Haben als hätte man nicht.“ Dann wird den Menschen seine Habe nicht mehr hindern, Gott über dem allen die Ehre zu geben, und er wird wieder beten lernen: „Es vergehe die Welt, es komme dein Reich.“ Wir könnten wieder sehen, daß der Traum einer von Gott gelösten Humanität eben ein Traum ist und daß der Mensch zum Ungeheuer wird, wenn er anfängt, sein eigener Herr zu sein. Wir könnten wieder begreifen, daß allein in Christus die Menschheit – die humanitas – in Gott angenommen und vor Gott wohlgefällig erschienen ist. Und wir könnten schließlich wieder sehen, daß die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht ohne Folgen überschritten und aufgehoben wird. An seinem Willen zur Macht ist die Krankheit zum Tode beim Menschen ausgebrochen.

Das mußte erst einmal gesagt werden, ehe wir fragen, was wir eigentlich vorhaben, wenn wir daran gehen, die Kirche zu ordnen. Eins ist jedenfalls sicher, daß diese Ordnung eine Scheinordnung bleiben wird, wenn sie sich lediglich auf den kirchlichen Apparat bezieht. Dessen Ordnung ist zwar etwas, was wir machen können, und darum sind wir hier so gern dabei mit Projekten und Taten und Hoffnungen. Aber der Witz bei der ganzen Sache ist ja der, daß das, was heute zu ordnen ist, so ist, daß wir es nicht machen können. Das, worauf es ankommt und was wirklich nottut, müßte erbeten sein, müßte erst wieder geglaubt und gelehrt, erkannt und gepredigt werden, ehe die Ordnung im rechten Sinn uns geschenkt wird, die uns heilen könn­te. Die Ordnung der Kirche müßte eine Heilsordnung sein, im letzten, uneingeschränkten Sinne des Wortes. Sie müßte der Ausdruck dessen sein, daß das Heil in Christus liegt, das „Heil“, das wir alle im Munde führten und das sich als Unheil offenbart hat, weil es eben nicht in Christus gesucht wurde. Die Ordnung der Kirche müßte der Ausdruck dafür sein, daß Gott die Welt geliebt hat, auch diese so empörte, mit Blut und Tränen überschwemmte Welt, und daß diese Liebe Gottes heute noch gilt. Daß Gott die Welt geliebt hat in seiner Weise, die wir ihm nicht vorschreiben können, sondern die uns vorgeschrieben, nun in der Tat in der Hingabe seines Sohnes uns vorgeschrieben ist, und nach der wir uns richten können, denn Gott hat die Welt geliebt, „auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. Das ewige Leben! Etwas Überflüssiges, wie viele meinen werden, etwas, das die Ordnung des irdischen Daseins übergeht, das die Probleme der kirchlichen Verwaltung weit hinter sich läßt, aber eben doch das Eine, was not tut und ohne das alles andere, aller Dienst, alles Bemühen, alles Besorgen, der wahren Sorge Gottes um den Menschen nicht gerecht wird. Eine Ordnung wird von der Kirche verlangt, die wirklich Haupt und Glieder betrifft, Sinn und Tun, die in allen ihren Stücken nicht in erster Linie Gebot und Gesetz ist, sondern Angebot wäre dieser Gnade Gottes in Jesus Christus an den Menschen, sich retten zu lassen vor sich selbst, und damit das Angebot an die Welt, sich zur Um­kehr rufen zu lassen von Gottes Güte. Wir sind ja wirklich heute da angelangt, wo der verlorene Sohn angelangt war, da es von ihm heißt: „Er kam zu sich.“ Dieses Zusichkommen ist der erste Schritt, auf den wir warten müssen, ehe wir alle anderen Schritte machen können. Es wäre der erste Schritt, der alle anderen Schritte verheißungsvoll und sinnvoll machen würde, wir würden lernen. unsere Ansprüche preiszugeben, die wir meinen an Gott und Men­schen noch stellen zu können, wir würden aufhören, Gott und das Schicksal anzuklagen, wir würden uns anklagen und die anderen um Vergebung bitten. Wir würden da stehen, wo der Prophet sein Volk stehen sehen wollte, wenn er ihm zurief: „Wie murren denn die Leute also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde.“ „Lasset uns erforschen und prüfen unser Wesen und uns zum Herrn be­kehren.“ Wir wissen nicht, was alles geschehen könnte, was Wun­derbares, Heilendes und Gutes geschehen könnte, wenn wir das Andere Gott überließen. Denn Gott ist eben nicht ein Prinzip, das sich nicht wandelt, sondern der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, hat bezeugt, daß er es sich gereuen läßt und daß Zorn und Gnade, beide, in seiner Hand stehen. Gott kann uns neu kleiden, Gott kann das Grauen von uns fernhalten, das immer noch hinter uns herjagt. Sein Wort kann ein Ende machen mit dem Dialog der sich entschuldigenden und verklagenden Gedan­ken, die öffentlich und heimlich die Luft des Neuanfangs in unserm Volk vergiften und verpesten. „Bei ihm ist die Vergebung, daß man ihn fürchte.“ Wüßten wir um diese Vergebung, dann wür­den wir uns wohl etwas mehr fürchten, einander zu richten und zu verdammen, wie wir uns heute gegenseitig richten und zu­grunde richten. Wir merken, daß wir ohne Gott und ohne seine Vergebung nicht vergessen können. Wir merken, daß wir das ge­rettete Leben nicht zur Basis des Neuanfangs machen können und daß die Tatsache, daß wir Überlebende sind, nicht ausreicht, um davon weiterzuleben. Darum sollten wir vorsichtig sein, „Gnade“ zu nennen, daß wir übriggeblieben sind, daß wir noch einen Rest von Kirche übrigbehalten haben, daß hier und da noch unzerstörte Dörfer und Städte, heilgebliebene Gotteshäuser und Versammlungsräume vorhanden sind. Das ist die Gnade nicht, die uns hilft, die uns im letzten Grunde froh machen und einen neuen Anfang geben wird. „Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren.“ Wir könnten gelernt haben, daß dieses Wort buchstäb­lich wahr ist, und wir können auch das andere gelernt haben, was zwar nicht in der Bibel steht, was aber doch aus dem Geist des Christentums heraus gesprochen ist: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Die Kirche könnte wissen, daß ihr das Vermächtnis anvertraut ist, den Men­schen die enge Pforte zu zeigen, um in das Himmelreich verge­bener Schuld einzutreten, um Feinde wieder Brüder werden zu hissen. Die Kirche könnte wissen, daß man dazu weder in den Himmel klettern muß noch in die Hölle herunterzusteigen braucht, daß es also weder geraten ist, über das, was geschehen ist, hinwegzuflattern, um sich in eine neue Träumerei zu verlieren, noch das Gräberfeld der Geschichte zu öffnen und die Toten auf die An­klagebank zu setzen. Die Kirche würde dann wieder Kirche sein und überall da Kirche Jesu Christi, wo durch sie das Wort, das lebenschaffende, umgestaltende, vergebende, der Nähe Gottes gewiß machende Wort uns nahe ist.

„Das Wort ist dir nahe.“ Dafür soll die Kirche Zeugnis sein. Das ist ihre Botschaft, die Botschaft der erniedrigten Berge und der eingeebneten Täler, eine Adventsbotschaft, wie es keine andere auf Erden gibt. Gott ist nahe, das heißt, daß der nahe ist, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Christus ist da, als der für uns Gestorbene und Auferstandene, der uns vertritt, und mit ihm ist eine Gerechtigkeit da, die mehr ist als alle irdische Gerechtigkeit, die sich uns an­bietet als unsere neue Gerechtigkeit, damit wir in ihr leben sollen. Das ist das neue Kleid, das dem verlorenen Sohn ohne Verdienst und Würdigkeit winkt, der Fingerring Gottes, das Zeichen neuer Würde und neuer Freiheit. Von dieser Gerechtigkeit her würden wir wohl nicht mehr in den Wahn verfallen, die Welt noch ein­mal aufzuteilen in Gute und Böse, in Gerechte und Ungerechte. Bei diesem Freudenmahl muß der Pharisäismus draußen bleiben, der Pharisäismus in jeder Form, ob er nun als Rassen-, Klassen- oder sonst ein Wahn auftreten möchte. Die Gemeinde Gottes ist die Gemeinde der begnadeten Sünder, die sich weder schämt das Wort Gnade noch das Wort Sünde auf sich zu beziehen, weil in diesen beiden Worten ihre neue Freiheit und ihr neuer unverlier­barer Stand der Gotteskindschaft ausgesprochen ist.

Aber gerade von hier aus gesehen wird mir nun etwas bange zumute, wenn ich sehe, wie die Kirche sich heute ordnet. Vor allem darum, weil vieles Selbstverständliche so breit und vielfältig erör­tert wird, und das, was breit und vielfältig, in mancherlei Weisen und mancherlei Form erörtert werden müßte, wie eine Selbstver­ständlichkeit behandelt wird. Es ist mir darum bange, weil es bei diesem Ordnen in der Kirche trotz allem Streit und Lärm letzten Endes so totenstill zugeht, weil das Wort des Lebens, das uns in den letzten Jahren auch noch in der Zerstreuung erreichte, leitete, sammelte und tröstete, dabei so zurückgetreten ist. Wir ordnen, als gelte es, einen Apparat wieder in Gang zu bringen, aber der Motor steht still; es klappert, aber es bewegt sich nichts. Es ist so, als ob man versucht, sich umzustellen, ähnlich wie man sich in den Kirchenleitungen im Jahr 1933 umstellte, auf einen zeitlichen Wandel, auf einen Wandel, der sich in den politi­schen und gesellschaftlichen Verhältnissen vollzogen hat, wäh­rend wir doch wissen, daß dieser Wandel erst dann echt wäre, wenn jener andere Wandel Ereignis wird, der Wandel des Menschen, wenn wir wieder lernen könnten, was es heißt, in guten Werken zu wandeln, die Gott schon zuvor bereitet hat denen, die dazu berufen sind. Das Evangelium tritt zurück, im Vorder­grund stehen „Gesetze“, Wahlgesetze, Gesetze zur Reinigung des Pfarrerstandes, Gesetze zur Neuordnung kirchlicher Groß- und Kleinräume, Gesetze über Bekenntnisschule, Ordnung über Litur­gie und kirchliche Lesungen, Ordnungen des Gebetes, ein ins Unbegrenzte fortzusetzendes Ordnungswerk, ohne daß irgendein Mensch im deutschen Volk den Eindruck hat, daß dadurch das, woran wir kranken, in Ordnung käme. Es fehlt ein Wort von der Qualität, wie wir es einmal geschmeckt haben, als jene Entschei­dungen fielen, durch die sich die Gemeinde Gottes wirklich sam­melte. Es fehlt das Wort von der befreienden und bindenden Kraft, wie wir es in den letzten Jahren hier und da in den Kirchen zu hören bekamen. Wir bringen die Kirche in Ordnung, aber wer bringt uns in Ordnung? Wir sind Tag und Nacht dabei, die Schäden zu reparieren, die wir an den causae secundae bemerken; aber wie steht es denn mit der prima causa? Ist die Havarie des Schif­fes, in dem wir sitzen, wirklich nur die Folge seiner schadhaften Außenseite? Würden nicht alle diese Dinge, an denen wir nun schon anderthalb Jahre sitzen, viel leichter in Ordnung kommen, viel einfacher und unkomplizierter als wir es uns machen, wenn das andere, was sich eben nicht von uns ordnen läßt, wieder zu­nächst einmal erbeten und empfangen, geglaubt und verkündet würde? Die Voraussetzung aller Ordnung ist, daß der Vater den Sohn wieder einsetzt in seine Sohnschaft, dann erst ist die Freiheit wieder gewonnen, die uns zum Herrn aller Dinge und zum Diener edler Menschen macht. Dann wird das Ordnungmachen in der Ge­meinde, in der ganzen Kirche, im ganzen deutschen Volke, eine fröhliche und schöne und leichte Sache sein, weil es unter dem Glanz der Freude steht und unter der Aufrichtigkeit der Bruder­schaft, „dann wird man sagen unter den Heiden, der Herr hat Großes an ihnen getan“.

Sonst aber, wenn das nicht geschieht, wenn an Stelle des Einen, was not tut, die Polypragmosyne[1] bei uns überhandnimmt, wer­den wir einander richten und reglementieren, aber wir werden nicht mehr brüderlich beieinander wohnen. Wir werden uns um Gegensätze streiten, die keine sind, die einen werden die Kirche episkopal, die anderen werden sie synodal ordnen wollen, die-Konfessionellen werden sich gegenüber den Unierten, die Unierten gegenüber den Konfessionellen im Recht fühlen, die unglückselige Frage des Amtes und der Ämter wird mit allem theologischen Scharfsinn neu und ergebnislos diskutiert werden, wir werden wieder liberal und orthodox sein, und jeder wird in dem, was er selber ist, seine eigene Gerechtigkeit und sein eigenes Redit be­haupten und verteidigen. Was in den vergangenen Jahren Gnade war, bewahrende und behütende Gnade, trotz aller unserer Schwachheit und in allem Unglauben, wird zum Verdienst umge­bogen werden und die Gefahr des Rühmens wird unser Zeugnis trüben und uns seiner Kraft berauben. Aus einer Kirche, die vom Wort des Herrn lebte, wird eine Institution werden, die über dem Bekenntnisstand wacht, und dieser Wächterdienst, der einmal sein gutes Recht hatte, als es galt, den Feind zu besiegen und das schlafende Heer zu wecken, wird sich in Zwang und Unfreiheit verwandeln, wir werden bald entdecken, daß wir munter dabei sind, Münze, Dill und Kümmel zu verzehnten, aber das Schwerste am Gesetz, das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben da­hinten zu lassen.

Wenn das geschieht, und es geschieht weithin bereits, wird von einer solchen Ordnung kein Geist ausgehen, der der Welt deutlich macht, daß hier das Heil zu finden ist. Wir haben im Grunde ge­nommen die fragliche Entwicklung, die in den letzten Jahren des Kirchenkampfes einsetzte, als die Bezeugung des Evangeliums hin­ter der Sorge um den äußeren Bestand der Kirche zurücktrat, noch nicht überwunden. Dabei erliegen wir der Illusion, zu meinen, wir hätten einen freien Raum vor uns, in den hinein wir nun, wie noch nie zuvor, das Idealbild einer kirchlichen Ordnung einzeich­nen könnten, um dann an die innere Ausstattung dieses Gebäudes zu gehen. Das ist dieselbe Illusion, die alle jene kirchlichen Kon­struktionen entstehen ließ, die 1933 so große Verwirrung anrich­teten. Ob man das mit rechter oder falscher Lehre macht, ist dabei ganz gleich, denn diesen „freien Raum“ gibt es nie, und alles, was in ihn hinein entworfen wird, ist darum eitel. Der Raum, in dem wir uns befinden, ist durch die grauenvolle Wirklichkeit des Zusammenbruchs gekennzeichnet und ist gekennzeichnet durch das Elend der Heimatlosigkeit, durch die Daseinsnot der Verjagten und Entrechteten, durch die aus allen Himmeln gestürzte Jugend, die keine Zukunft mehr vor sich sieht und der man es darum auch nicht verdenken kann, wenn sie noch einmal den Idealen von gestern nachgeht. Er ist erfüllt von dem namenlosen Leiden der Mädchen und Frauen, die so Furchtbares erlitten haben, daß nur noch der unvergeßliche Eingang von Augustins Buch über den Gottesstaat in diese Tiefe der Not und des Jammers heranreichen dürfte. Meinen wir etwa, daß da, wo der Hunger Mütter ihre Kinder begraben ließ, wo Männer in Verzweiflung über den Zu­sammenbruch des Vaterlandes ihrem Leben ein Ende setzten, wo umgekehrt charakterlose Selbstsucht, Raub und Denunziation zur Tagesordnung geworden sind, wo wir überall den Gestalten be­gegnen, die nach dem Worte leben: „man kann auch am Untergang eines Landes verdienen“, meinen wir, daß es da viel auf sich hat, wenn es heißt, die Kirche ordnet sich. Leben wir nicht an alledem vorbei? Müssen wir nicht fragen, warum das geschah? Was heißt das Schuldbekenntnis anderes, als daß wir hier zu einem ganz neuen Anfang gerufen sind? Nein, dieser vermeintlich leere Raum ist nicht leer, er ist voll von Jammer, Elend, Schuld und Not, er ist voll von neuem Pharisäismus und ödem Schriftgelehrtentum. Enttäuscht hat schon mancher den Kirchgang wieder aufgegeben, über unserer Predigt droht das Wort von Amos 8,11-12 vom Hun­ger nach Gottes Wort, das nicht mehr zu finden sein wird. Der Raum, in dem wir leben, ist voll von Bemühung und Anpreisung aller möglichen Heilkünstler, die sich am Lager des sterbenden Volkes produzieren. Und unter der Decke des öffentlichen Lebens schwelt die Frage, wo ist Gott, wo ist Gerechtigkeit, wo ist Liebe? Was bedeutet die Christenheit heute? Wie bezeichnend war das große Entsetzen, das sich in christlichen Blättern widerspiegelte, als Wiechert sein neuestes Buch herausgab: „Die Jeromin – Kinder“, denn da stand der Satz: „Das Denken ist der Tod Gottes. Und er hat ihn uns in die Hand gegeben, seinen eigenen Tod. Er möchte ihn wieder zurückhaben, aber es ist zu spät, wir geben nichts mehr zurück.“ Noch flüstert dies alles unter der Decke, aber es bildet eine gefährliche Unterschicht, über die hinweg wir „ordnen“. Es ist zur Flüsterpropaganda degradiert, aber es wäre seltsam, wenn aus diesem Raunen nicht wieder ein lauter Protest aufsteigen sollte. Das Nichts hat noch nicht aufgehört, sich als letzter Ausweg aus der Not anzubieten; diese Philosophie des Nichts, die im Mo­ment etwas heimatlos ist, aber wer weiß, wann dieser böse Geist wiederkommen wird, mit siebenfacher Verstärkung, um das geord­nete Haus neu zu besetzen. Hier muß die Kirche ordnen. Dieses vom Nihilismus angefochtene Dasein hat sie zu bewahren, weil sie es bewahren kann. Den Menschen, der drauf und dran ist, noch einmal, aus Unglauben und Verzweiflung heraus, einen Bund mit der Hölle zu schließen, muß sie einladen in den Bund Gottes, der für alle Mühseligen und Beladenen offensteht. Das wird die Kirche nicht können, wenn sie nicht wieder begreift, daß in ihr Leben und Lehre eins sind. Die Ordnung der Kirche ist die Heiligung und die Heiligung ist nichts anderes, als die Bewahrung vor dem Bösen. Ist mit allem, was bisher geordnet ist, nach dieser Richtung hin etwas Entscheidendes geschehen? Ist nicht im Gegenteil vieles wieder abgebaut und aufgelöst, was eben in den Jahren der An­fechtung innerhalb der Bekennenden Kirche an Sammlung der Gemeinde, an neuer Form der Gemeinschaft, der Bruderschaft, auch Bruderschaft innerhalb der Leitung der Kirche, an ungekünstelter selbstverständlicher Form der gottesdienstlichen Feier, gewonnen war? Waren nicht die Entschließungen von Dahlem ein Fingerzeig, wie eine rechte Heiligung, und zwar in dieser modernen Welt, aussehen konnte. Die Anordnungen, die dort beschlossen wurden, waren darum echt, weil sie Kampfordnungen waren und alle An­weisungen zur Heiligung sind in der Bibel von da aus zu ver­stehen, daß sie Kampfordnungen sind und daß die Schar der Christen, die sich in diesen Ordnungen sammelt, die Verheißung hat, am bösen Tag zu widerstehen, weil sie in der Waffenrüstung Gottes ins Feld zieht. Wir fragen noch einmal: sind die Ordnungen der Kirche, die wir bisher schaffen konnten, dieser Art, daß sie uns aufmerken lassen, daß sie den verlorenen, angefochtenen, heimatlosen Menschen in Deutschland heute aufmerken lassen, daß sie ihn rufen, hier sich zu sammeln, weil hier der Sieg verheißen ist, der Sieg über das Böse, aus der Teilnahme an dem Sieg, den der Herr der Kirche über den Bösen gewonnen hat? Gerade das ist nicht geschehen. Gewisse Kreise unter uns neigen dazu, die letzten Jahre als eine Episode zu empfinden, nachdem die Bedrohung von außen verschwunden ist. Wundern wir uns, daß ein Christentum, welches zurückschaut, zur Salzsäule erstarrt? Kann das anders sein? Wenn wir mit diesen Ordnungen nichts anderes tun, als auf die alten Vor­bilder zurückzuschauen, die sich als ungeeignet erwiesen haben, und über die der Feuerregen vom Himmel gefallen ist – kann es dann an­ders sein?

II.

Dei- Versuch, bei der Neuordnung der EKiD. die konfessionelle Frage zum Ausgangs- bzw. Zielpunkt zu machen, setzt die Illusion vom freien Raum voraus. Wer heute den Versuch macht, die EKiD. unter Zugrundelegung der konfessionellen Unter­scheidungslehre „zu ordnen“, wird das Gegenteil davon errei­chen. Er geht damit hinter die in Barmen gefallene Entscheidung zurück. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß er sich die dort gefällten theologischen Entscheidungen als Abwehr gegen bestimmte Irrlehren zu eigen macht.

Damit soll gesagt sein, daß es nicht an geht, ja zu sagen zu der Theologischen Erklärung von Barmen, aber im selben Atem zur Evangelischen Kirche als Kirche Jesu Christi nein zu sagen·. Es geht nicht an, so zu tun, als wäre die Entscheidung, die in Barmen fiel, und die die Kirche in ihrer Existenz als Kirche Jesu Christi betraf, im Raum der lutherischen Kirche oder der reformierten oder in sonst einem nachträglich konstruierten Raum gefallen. Sie ist von der DEK. für die DEK. vollzogen und alle im Kirchenbund zusammengeschlossenen Kirchen wurden damit dieser Entscheidung unterstellt. „Die Bekenntnissynode der DEK. erklärt, daß sie in der Anerkennung dieser Wahrheit und in der Verwerfung dieser Irrtümer die unumgängliche theologische Grundlage der DEK. als eines Bundes der Bekenntniskirchen sieht.“ Damit ist dieser Bund in einem neuen Sinn konstituiert. Von den Irrlehren, die hier genannt werden, heißt es: „Bei deren Geltung hört die Kirche auf, Kirche zu sein.“ Das ist so klar, daß es keines Kommentars bedarf, und weil es so klar war, hat es auch zur Klärung in Gemeinden und Einzelkirchen geführt. Aber es sollte nicht lange dauern, da konnte man nun in der Tat hören, die DEK. sei gar keine Kirche, denn sie habe kein Bekenntnis. Es sollte nicht lange dauern, da konnte man das „Interim“ akzeptieren, die Umwandlung der Deut­schen Christen und der Bekennenden Kirche in „Gruppen“, die unter der Leitung der Kirchenausschüsse zusammenarbeiteten. Das war die „Union“, gegen die man in Wahrheit hätte stehen müssen. Aber das wurde auf konfessioneller Seite nicht gesehen und konnte dort auch nicht gesehen werden. Wenn nämlich die DEK. keine Kirche ist, dann kann man sich auch eine solche Konstruktion in ihr gefallen lassen, da ja die Leitung einer solchen Kirche auch nicht anderes ist als ein unverbindlicher Aufsichtsapparat. Auf der Synode von Barmen aber, so mußte man auch diesen Vorgang jetzt interpretieren, ist nicht die Kirche als Kirche in Erscheinung getreten, sondern hier ist im besten Falle eine Mahnung an die einzelnen Bekenntniskirchen erfolgt, in ihrem Gebiet mit diesen Erkenntnissen Ernst zu machen. Wenn die Bekennende Kirche mehr sein will als das, wird sie zum Schwärmertum und verdient dementsprechend dessen Schicksal. Die wahre Kirche aber steht „zwischen Erasmus und Carlstadt“. Schon im Jahre 1936 konnte man das alles hören und lesen. Es ist die Begründung des kirchenpoli­tischen Kurses, der jetzt eintrat und der zum Zerfall des kirch­lichen Widerstandes führte. Hier wurde die Bekennende Kirche verdächtigt, „in ihr sei das Bewußtsein ‚lebendig‘“, zu der einen – dem Sinne nach fiktiven – evangelischen Kirche zu gehören“. „Die Bekennende Kirche ist ebensowenig Kirche wie die DEK., auch wenn letztere in der denkbar besten Form gedacht wird. Denn auch die Bekennende Kirche hatte und hat kein alle ihre Glieder verpflich­tendes Bekenntnis.“ Während in der Welt die Stimme der Beken­nenden Kirche als das einzige Zeichen des erwachenden christlichen Glaubens und christlichen Gewissens vernommen und verstanden wird, während die Brüder für dies Bekenntnis leiden, während sich unter ihr Gemeinden sammeln, während sich, dadurch be­stimmt, die Kirche von der Gegenkirche absetzt, wird aus dem Lager der konfessionellen Gruppe erklärt: Kirche sei das nicht, was da rede, es seien einzelne, ihr Anspruch Kirche zu sein, sei darum Schwärmerei. Man konstruiert sich eine Mitte, die man zwischen Erasmus und Karlstadt, zwischen dem Liberalismus und den Dahlemiten sucht, und glaubt damit den rechten Ort des Be­kenntnisses fixiert zu haben. Man sieht nicht, daß Barmen damit grundsätzlich preisgegeben und ausgelöscht ist. Man läßt Barmen gelten, soweit darin eine Grenze gegen die Irrlehre gezogen ist. Aber im Grunde steht damit die theologische Erklärung von Barmen im System der Konfessionellen nicht anders, als die lutherische Rechtfertigungslehre im Tridentium. Der Obersatz bleibt stehen, daß die Evangelische Kirche eine Fiktion ist, eine „Erfin­dung der Theologen am Schreibtisch“ (Sasse). Wir lesen jetzt, daß man in Barmen besser von einem Bund Bekennender Kirchen ge­sprochen hätte, daß Barmen die „Bekenntnisse der zwei Kirchen“ – gemeint sind das lutherische und reformierte – „nicht aufhebt, sondern sie bestätigt in ihrer kirchen- und nicht schultrennenden Bedeutung“. Darnach ist also in Barmen die kirchentrennende Be­deutung der reformatorischen Bekenntnisse bestätigt worden. Das ist die Groteske, die sich einige Jahre nach dem einmütigen Bekenntnis von Barmen vollzieht. Und weiter: In dem Moment, wo deutlich wird, daß Kirchen, die eben noch das gemeinsame Wort von Barmen gesprochen haben, nun ihrerseits erklärten, daß es hier eben nicht um die Kirche ging, und diese Synode in Wahrheit keine Synode der Kirche sein könnte, muß der Öffentlichkeitsanspruch der Bekennenden Kirche, verantwortlich für die ganze Kirche zu reden, hinfällig werden und die Sekte der Dahlemiten mit ihren Bruderräten in selbstgewählter Vermessenheit dastehen. Das Bekenntnis der Kirche hat ja nur noch innerkirchliche Bedeu­tung; der Leib der Kirche, der zu diesem Bekenntnis dazugehörte, war zerbrochen, die Einheit des Leibes preisgegeben. Dem ent­spricht durchaus die äußere Lage, die Trennung der Bekennenden Kirche in Bad Oeynhausen, die Isolierung der Bruderräte zur „Gruppe“ und deren dann sofort einsetzende Auflösung und orga­nisatorische Vernichtung durch den Staat.

Von der lutherischen Kirche aber heißt es: „Sie lebt in Deutschland in einem ‚Interim‘, denn es hat sich als unmöglich erwiesen, die Kirchengemeinschaft mit den Irrlehrern aufzuheben.“ Der Reichskirchenausschuß müsse, „nach seiner Herkunft und Zusammen­setzung, von gleichberechtigten, nebeneinanderstehenden Gruppen reden“, er sei also nicht „Kirchenregiment gemäß dem lutherischen Bekenntnis“. Mehr wird nicht gesagt und mehr ist zu sagen nicht nötig. Der Ausschuß wirkt ja „jenseits der wahren Kirche“. Das wahre Regiment der lutherischen Kirchen liegt bei den rechtmäßig im Amt stehenden Bischöfen, die sich an das lutherische Bekennt­nis gebunden wissen und darüber zu wachen haben, „damit es in Ehren in diesen geschwinden Zeitläuften bewahrt“ werde. Daß die Bekennende Kirche zugrunde geht oder, besser gesagt, daß der Mund verstummt, der da eben noch für die Wahrheit und Gerechtig­keit redete, daß sich ein großes Schweigen über Deutschland legt, daß außer dem Landesbischof D. Wurm und außer einem katholischen Bischof keiner mehr so vernehmlich redet, daß er die Gläubigen in den entscheidenden Fragen tröstet und stärkt, die Gerechtigkeit Gottes wider die Ungerechtigkeit proklamiert, den Staat anspricht in seinem Verfall, alles das bedeutet im Grunde genommen keine Anfech­tung der Kirche mehr, das lutherische Bekenntnis als solches ist nicht in Gefahr, und solange das nicht in Gefahr ist und kein neuer Unionismus droht, ist die Kirche in sich in Ordnung.

Wir werden diese Dinge darum so ernst nehmen müssen, weil diese Entwicklung nicht nur von schwerwiegenden Folgen inner­halb der Kirche und vielleicht auch der politischen Ereignisse war, sondern weil, was wir wohl alle nicht für möglich gehal­ten haben, heute aus dieser Perspektive heraus, ungebrochen und unrevidiert, weitergearbeitet wird. Hinter dem Plan der Bildung der lutherischen Kirche Deutschlands steht die Sorge, es könnte die neue EKiD., die nach den Verfolgungen und Drang­salierungen sich in Treysa neu konstituierte, um nun auf Grund der Kenntnisse und Erfahrungen, die sie hinter sich hatte, an die Neuordnung ihres Lebens heranzugehen, als Kirche ernst genom­men werden. Wir haben früher gemeint, die in Oeynhausen zer­brochene Gemeinschaft würde wie selbstverständlich nach all den trüben Erfahrungen und Erkenntnissen von uns allen brüderlich bejaht und als Frucht vieler Leiden und Kämpfe mit Dank gegen Gott neu ergriffen und geglaubt werden. Wir haben gemeint, nur die äußeren Verhältnisse hätten eine praktische Revision jenes Zerfalls gehindert. Wir sahen mit Schrecken, daß das nicht der Fall ist. Wir müssen bekennen, daß wir verständnislos dem gegenüber­stehen. Verständnislos vor allem darüber, daß die hingestreckte Bruderhand nicht gewollt wird. Muß denn noch mehr geschehen in Deutschland, muß denn noch mehr geschehen im Zerfall der Evangelischen Kirche, bis es dahin kommt, daß wir die Einheit der Evangelischen Kirche bejahen. Eine Geschichte von mehr als tau­send Jahren wird heute von uns in ihrer tiefsten Krise erlebt, wir sind als Volk in Situationen hereingeführt, wie sie so seit Völkerwanderung wohl noch nie über uns gekommen sind. Antichristentum hat sein Haupt erhoben, wie es das in der Geschichte des Abendlandes noch nie gegeben hat, aber für die seit Oeynhausen ihren eigenen Weg wandelnden lutherischen Kirchen gibt es offenbar nur eine Sorge: die Union. Es gibt offenbar nur eine Frage für sie: ist jetzt nicht die Gelegenheit gekommen, das Unrecht von 1817 wiedergutzumachen. Es gibt nur ein kirchenpolitisches Ziel: der Zusammenschluß der Lutheraner im Weltluthertum. Es soll nicht geleugnet werden, daß diese Aufgaben und Ziele sehr ernst zu nehmende Fragen sind, an denen wir nicht vorübergehen dür­fen, aber sie werden dadurch falsch, daß ihnen ein ausschließlicher Rang bei der Neuordnung der EKiD. zugemessen wird. Weil auch wir Lutheraner sind, aber Lutheraner, die sich gerade heute durch Luther und die Reformation zur Umkehr und zur Buße gerufen wissen, weil wir nicht glauben können, daß die Väter der Refor­mation das hingenommen hätten, was wir hingenommen haben. und das gerechtfertigt hätten, was wir gerechtfertigt haben, weil wir also in Luthers Theologie und unseren Bekenntnissen nicht nur ein traditionelles Erbe sehen, das uns rechtfertigt, sondern ein Wort, das uns anklagt, weil wir uns nicht nach den Fragestellun­gen von 1529 und 1817 die gegenwärtigen Probleme in ihrer neuen und besonderen Form vereinfachen können, darum können wir nicht dazu schweigen. Gerade dann, wenn uns Luther theologisch, wenn uns die Augustana, die Apologie und auch die F.C. etwas bedeuten, geht es nicht an, das Zeugnis der Väter in dieser Forde­rung der Separation der Konfessionen wiederzuerkennen. Im Ge­genteil, das hier kundgewordene Zeugnis wird sich zu bewähren haben im Kampf um die Echtheit der Kirche in der Evangelischen Kirche Deutschlands. Es wird sich zu bewähren haben am Wort der Schrift, an der norma normans, und wir wollen und dürfen und können uns darum nicht dazu verstehen, daß die Evangelische Kirche eine „Fiktion“ ist. Ehe diese Sache nicht ausgesprochen und klar ist, kann es keinen Neubau der Kirche in Deutschland geben, der erfolgversprechend wäre. Das bedeutet aber praktisch, daß die Lutheraner den Weg, den sie theologisch und kirchenpolitisch seit Oeynhausen gegangen sind, revidieren müssen, weil sonst der Zusammenhang mit der Bekennenden Kirche nicht denkbar ist.

Wir werden uns darum zunächst einmal vergegenwärtigen müssen, was denn auf der Synode in Barmen über die Evangelische Kirche gesagt worden ist und wie man sich von dort aus das Verhältnis der verschiedenen Bekenntniskirchen zueinander zu denken hat. In Barmen heißt es: „Uns fügt dabei zusammen das Bekenntnis zu dem einen Herrn der einen heiligen, allgemeinen und aposto­lischen Kirche.“ In der Tat, mehr kann man eigentlich nicht sagen, wenn man die Einheit der Kirche zum Ausdruck bringen will. Wenn hier nicht die Kirche geredet hat, dann weiß ich nicht, wie man sich das Reden der Kirche denken soll. Hier ist offenbar er­kannt, daß die Kirche weiterreicht als die Konfession, hier ist in schwerster Stunde die wahre Ökumenizität der Kirche von der Kirche bezeugt worden. Es ist weiter erkannt, daß, wenn beken­nend geredet werden soll, es nur so geschehen kann, daß etwas Grundsätzliches, Unbegrenztes, Letztes gesagt wird, daß alles, was sonst gilt, neu überprüft und in Frage gestellt wird. Notwendiger­weise wird zwischen Kirchen, die ein solches Bekenntnis zusam­menfügt, alles, was bisher zwischen ihnen stand, in einem neuen und anderen Licht erscheinen. Es ist eine neue Basis gefunden, um in neuer, hoffnungsvoller Weise über die alten Streitpunkte zu verhandeln. Es soll bei diesen Verhandlungen eins nicht mehr in Frage gestellt werden, daß diese Kirchen unter einem Herrn, in einer Gemeinschaft des Glaubens stehen. Wenn darüber auch das konfessionsmorphologische Konzept früherer Zeiten eine Wandlung erfährt, das Leben der Kirche ist mächtiger als diese „statischen Begriffe“. Bonhoeffer wird so unrecht nicht haben, wenn er sagte, daß die zwischen verschiedenen Kirchen bestehenden Gegensätze durch das Ereignis eines gemeinsamen Bekenntnisses in actu – also nicht eines unverbindlichen Religionsgesprächs – eine Degradie­rung erfahren könnten, und man könnte sich an Luther selbst halten, wenn er sagt, was heute Geist ist, sei morgen Buchstabe, oder wenn er erklärt: „in sensu, non in verbis est haeresis“. So kann es durchaus sein, daß wahre Kirchengemeinschaft in einem solchen status confessionis offenbar wird, die zu einer Revision früherer Bekenntnisentscheidungen zwingt, und es kann sein, daß solche Gemeinschaft weiter reicht und echter ist, als die mit sogenannten konfessionsverwandten Kirchen. Darum müssen wir auch in An­spruch nehmen, daß wir als Lutheraner nichts Unrechtes, gerade auch im Blick auf die Abendmahlsentscheidung von 1529 nichts Unrechtes taten, wenn wir in gemeinsamer Anerkennung der Real­präsenz Jesu Christi im Abendmahl auf diesen Synoden gemein­sam mit unseren reformierten Brüdern zum Tisch des Herrn gingen.

Es hat auch sonst in der neueren Kirchengeschichte Beispiele dafür gegeben, daß im Martyrium Kirchen erkannten, wie falsch es war, daß sie sich gegenseitig bekämpften, und daß sie infolge dieser Erkenntnis das aus früheren Zeiten stammende Anathema strichen. Soll es so etwas nicht geben, muß durchaus erst eine totale Revi­sion der Lehre stattfinden? Sollen wir so lange warten, bis sich eine Kommission über die Lehrdifferenzen einigt und eine Synode diese Einigung akzeptiert? Ist das nicht überhaupt ein falscher Weg? Wir können doch Lutheraner bleiben und wir wollen Luthe­raner bleiben und unsere Brüder werden Reformierte bleiben und werden nicht so bald ihr andersartiges Verständnis von der Real­präsenz aufgeben, und doch können wir die Kirchengemeinschaft, die über uns mächtig geworden ist, nicht mehr aufgeben. Die Ein­heit der Kirche ist selbst ein Glaubensartikel und Luther kann auch hier wieder das Rechte getroffen haben, wenn er sagt: „certum est, omnia vocabula in Christo novam significationem accipere in eadem re significata“. Es könnte auch der Abendmahls­streit eine solche neue Entscheidung annehmen, wenn wir ihn neu „in Christo“ überdenken. Es könnten sich überhaupt an Stelle gegensätzlicher Streitigkeiten fruchtbare Möglichkeiten, neue Er­kenntnisse eröffnen und da, wo wir bisher wie in einer Sackgasse festsaßen, könnten sich theologische Wege von einer Tiefe und einem Reichtum erschließen, von dem wir uns heute noch nichts träumen lassen. Wenn aber dagegen gesagt wird: „Die lutherische Kirche, die an ihr Bekenntnis gebunden ist, lehnt eine neue Kirche mit einem neuen Bekenntnis ab, weil sie eine erneuerte Kirche erstrebt und erbittet“, dann ist dies in Wahrheit doch nur ein Spiel mit Worten, denn es denkt niemand bei uns daran, eine neue Kirche zu machen, die jetzt erst zu Stand und Wesen käme. Im Gegenteil, wir denken viel mehr an jenes Wort von Luther, das er in seinem Alter sagte, als man ihm vorwarf, daß er eine neue Kirche wolle: „Die alte Kirche leuchtet wieder herfür.“ Es geht liier nur um die Erneuerung, die aus der Umkehr erwächst, aus der Umkehr von allen Modernisierungen, die der Neuprotestantismus auch ins Luthertum hereingetragen hat, aus einer Umkehr, bei der aus dem Rechthabenwollen wieder ein Aufein­anderhören wird, weil wir um den einen Herrn wissen und um die eine Kirche.

Dieses Wissen um den einen Herrn ist in Barmen in bestimmten Worten, mit bestimmtem Ja und Nein in einer Entscheidung be­zeugt worden, bei der es um Heil oder Unheil ging. Hier war nicht der Wunsch nach Einigkeit der Vater des Gedankens, wie das bei allen Unionsplä­nen zu geschehen pflegt, sondern die Tatsache, daß sich alle hier vertretenen Kirchen dieser Entscheidung unterstellten, erinnerte sie an ihre Einheit. „Weil wir unseren verschiedenen Bekenntnissen treu bleiben wollen, können wir nicht schweigen, da wir glauben, daß uns in einer Zeit gemeinsamer Not und An­fechtung ein gemeinsames Wort in den Mund gelegt ist.“ Mehr ist nicht gesagt. Man hat sich nicht hingesetzt, um eine Union zu machen, man hat nicht die Differenzpunkte der Bekenntnisse revi­diert, sondern man ist dessen innegeworden, daß diese auf ein „gemeinsames Wort“ hinzielen, daß die Tendenz der reformato­rischen Bekenntnisse im Sinne des Evangeliums eine konvergie­rende und nicht eine divergierende ist. Von einer höheren Ebene her, vom Bekennen in actu her, ist ein neuer Standpunkt gewon­nen. Was das für das Verhalten der Bekenntniskirchen unterein­ander bedeutet, wird nicht weiter untersucht: „Das überlassen wir Gott“, heißt es dazu. Man kann nur sagen: Hätten wir es ihm doch überlassen und nicht selbst die unglückselige konfessionelle Frage in die Hand genommen. „Wer die Hand an den Pflug legt“ – und eben das war doch hier geschehen – „und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.“ Die konfessionelle Frage aufwerfen, heißt aber doch, wie man es auch drehen und wenden mag, den Blick zurückwenden und die Geschichte, die Tradition als richtung­weisend neben dem Wort ins Auge fassen. „Das überlassen wir Gott“ bedeutet doch wohl, wir dürfen nun in dieser einen DEK. oder EKiD., wie es heute heißt, als lutherische, reformierte und unierte Kirchen, als lutherische, reformierte und biblizistische Theologen miteinander leben. Die Linien laufen aufeinander zu, was widereinander war, ist nun Freund, eine grundsätzliche neue Wendung ist in Gang gekommen, ein Geist geht durch dies Ganze. Darum kann auch äußerlich alles beim alten bleiben – nur hier jetzt keine Reform, als ob das wichtig und wesentlich wäre. „Ist jemand beschnitten berufen, der halte an der Beschneidung, ist jemand unbeschnitten berufen, der lasse sich nicht beschneiden.“ Die Sache der Evangelischen Kirche, das Evangelium von Jesus Christus selbst, muß auf den Plan, wer es bezeugt mit Wort und Tat, ist damit gerechtfertigt und ist damit geheiligt. Der konfes­sionelle Stand rechtfertigt uns nicht, er wird gerechtfertigt durch das Evangelium. Er kommt jetzt und so zu neuem Recht. Umge­kehrt aber kann dem Worte Gottes gegenüber die Tatsache, daß man sich in seiner christlichen Existenz aus der Tradition versteht, zur völligen Blindheit werden. Das Problem der Abrahamskindschaft ist gerade für Lutheraner ein höchst ernsthaftes Problem. Es kann die Berufung auf die „Abrahamskindschaft“ gerade zur Ver­fehlung der heute an uns ergehenden Entscheidung werden. Und das ist das Problem des Konfessionalismus, wie wir es empfinden und sehen. Müssen wir nicht von da aus unseren lutherischen Brüdern zurufen: „Unsere Väter freuten sich, da sie diesen Tag sahen.“ Müssen wir ihnen nicht bezeugen, daß es gerade von der hier getroffenen Entscheidung her zu einem neuen Lesen und Ver­stehen der Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche unter uns in der Union gekommen ist. Müßte nicht die Weltweite des luthe­rischen Bekenntnisses gerade von da aus neu geglaubt, gehofft und gewollt werden? Man wird es Gott nicht verbieten können, sich seine Zeugen auch in der Union zu erwecken, und man wird es ihm nicht abtrotzen können, seinen Geist an einen gesicherten Bekenntnisstand zu binden. So ist denn auch das rechte Bekennt­nis überall aufgebrochen, in lutherischen und in unierten Kirchen haben evangelische Christen einmütig bekannt, und sie haben nicht bekannt als Lutheraner, sondern sie haben bekannt als Christen. Das Bekenntnis wurde wieder, was es eigentlich sein Mill, norma normata, die Schrift aber wurde die norma normans. Andererseits hat es nicht gefruchtet, einzelne Konfes­sionskirchen zu beschwören, mit ihrem rechtlich verankerten Bekenntnis Ernst zu machen, da ist eben kein Feuer vom Himmel gefallen und da wird keines fallen.

Versuchen wir nun das Fazit aus dem allem zu ziehen. Die Sache der Bekennenden Kirche bleibt dem Bestand der Evangelischen Kirche verbunden. Die gemeinsame Wurzel der Reformation, die Kirche vom Evangelium her bezeugt, trug das Ganze. Ihr galt die Entscheidung. Es wurde nicht die Kirche der Lutheraner oder der Reformierten bezeugt, sondern es wurde die eine, heilige, aposto­lische Kirche bekannt und geglaubt. „Wenn die Kirche Kirche ist, da ist sie schon gerettet“, hieß es damals, „keine noch so schwere Gewalt wird sie anrühren.“ Das aber ist dasselbe, worum es einst den Reformatoren gegangen ist.

Zweitens wurde bekannt, daß hier ein gemeinsames Wort „uns in den Mund gelegt wurde“. Das soll doch wohl heißen, daß hier etwas geschah, was seit den Jahren der Trennung der beiden Kirchen in diesem entscheidungsvollen Ernst nicht mehr geschehen ist. Es wurde kein Religionsgespräch geführt, keine Konkordie dabei Beabsichtigt, aber es wurde der Grund gelegt, solche Gespräche neu aufzunehmen zwischen den Kirchen, die dies gemeinsame Wort sprachen. Könnte nicht der Konfessionalismus innerhalb der Reformationskirchen dadurch entstanden sein, daß bestimmte Fragen im Ansatz stecken geblieben sind, daß unerledigte Dinge hier vorliegen, die zwar nicht völlig zum Bruch, aber auch nicht zur völligen Einigung führten. Also der Konfessionalismus selbst verstan­den als Saat auf Hoffnung, als Aufgabe und Erinnerung an die Einheit der Kirche, als Mahnung, die Begrenztheit der eigenen Kirche nicht zu übersehen, wach zu bleiben für die Möglichkeit der Verständigung, ist das nicht die neue, nicht mehr beklagens­werte, sondern zu begrüßende Rechtfertigung des Konfessionalismus? Dann aber muß die EKiD. als Kirche bejaht werden im Sinne eines Bundes bekenntnisbestimmter Kirchen. Es ist ja auch keineswegs gesagt, daß die Verständigung gerade an dem Punkt gesucht werden muß, wo sie früher nicht gefunden wurde, daß das Gespräch da fortgeführt werden muß, wo es einmal stecken- blieb. Es könnte doch sein, daß es darum steckenblieb, weil es sich in eine Sackgasse verrannte. Es war Löhe, der prophezeit hat: „Die Gottlosen müssen kommen, und die Kirche einigen.“ Das Gegenüber zu dieser Situation hat uns ganz neue Möglichkeiten der Erkenntnis erschlossen. Es wird dienlich sein, zur Erläuterung dessen einige Worte in Erinnerung zu rufen, die 1925 ausgespro­chen wurden, also in einer Zeit, als die späteren Ereignisse noch keineswegs im Blick der meisten unter uns standen. Bei der Erör­terung der Frage nach der Möglichkeit eines allgemeinen refor­mierten Glaubensbekenntnisses sagte Karl Barth: „Credo sagt man erst, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, wenn man auf den Mund geschlagen nichts anderes mehr sagen kann, als eben credo. Jedes andere credo ist ein fröhlicher Zauber und vom Teufel und sollte es das Aposto­licum selbst sein. Es müßte das Bekenntnis der von Gott Verlassenen und als solche von Gott Heimgesuchten sein“, und weiter: „Wenn die Kirche ein Bekennt­nis ablegen wollte, so müßte es universal sein, so müßte es alle angehen, hineingesprochen in die Fragen, die alle Welt bewegen. Heute zum Beispiel, um nur eins zu nennen, zu dem seit dem Kriege in allen Ländern in gleichförmiger Weise auftretenden völkischen Nationalismus. Sagt die Kirche ja oder nein? Sagt sie zum Antisemitismus ja oder nein? Sagt sie zum Kriege prinzipiell und bewußt ja oder hat sie etwa aller praktischen Vorbehalte ungeachtet, ein letztes prinzipielles Nein gegen den Krieg auf den Leuchter zu stellen?“ Wenn man heute diesen Vortrag nach­liest, so liest er sich wie ein Präludium zu dem, was tatsächlich später in der Bekennenden Kirche geschehen ist. Hier ist die Sache besser erfaßt, als sie in allen hernach gekommenen Beschreibungen gesehen ist. Es kann ja auch nicht anders sein, denn alle Ereignisse erfüllen nicht ganz das, was sie erfüllen sollen. Aber es ist so gewesen, es blieb der Kirche in ihrer Not und Verlassenheit nichts anderes übrig, als eben Credo zu sagen, und es bleibt ihr auch , heute nichts anderes übrig. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als das Licht auf den Leuchter zu stel­len, um so das Ineinander von Licht und Finsternis zu entwirren, in dem alle Welt befangen ist. Aber es muß festgehalten werden, daß dieses Wort in Barmen nicht vom Luthertum gesprochen wurde und nicht mit verpflichtender Kraft für die lutherische Kirche, auch nicht im Namen der Reformierten und nicht im Geist und Sinn der Unierten, sondern als ein Wort, das durch alle Konfessionen innerhalb der evangelischen Kirche Deutschlands hindurchging und alle gleichmäßig in die Entschei­dung rief. Wie Jahrhunderte alte Gemeinsamkeiten in dieser Ent­scheidung sich auf einmal als brüchig erwiesen, so sind jahr­hundertealte Trennungen durch sie aufgehoben worden. Wenn gesagt wird, daß dies Schwärmerei sei, dann müßte nun freilich jedes Geschehen der Heimsuchung Gottes an seiner Kirche, dann müßte jede Reform, die nicht im Rahmen der bisherigen Konfes­sionstrennungen bleibt, Schwärmerei sein. Niemand wird im Ernst solche Dinge behaupten wollen.

Das dritte betrifft den schon erwähnten Satz: Daß man die Weiter­entwicklung der Bekenntnisse innerhalb der so bekennenden Kirche Gott überlassen wolle. Damit ist an eine fruchtbare neue Entwick­lung gedacht, die wir nicht verzögern sollen. Gewiß werden hier wichtige Dinge zu klären sein, und im Verfolg dieser Belehrungen werden wir auch in Erkenntnis und Tat, in Lehre und Ordnung die Neugestaltung der Evangelischen Kirche vollziehen müssen. Hierher gehört die Frage nach dem Abendmahl, hierher gehört die Lehre vom Gesetz und Evangelium, die Lehre vom Amt, die Lehre von der Kirchenzucht, auch die Lehre von der Synode. Alle diese Fragen sind jetzt aus ihren konfessionellen Erstarrungen gelöst, erlöst könnte man geradezu sagen, das Eis beginnt zu schmelzen, sie sind ihrer eigentlichen Bewegung zurückgegeben. Alle diese Fragen bekommen jetzt eine Weite, die sie zuvor nicht hatten, sie werden nicht mehr erörtert aus irgendeiner konfessio­nellen Tendenz heraus, sie erlangen wieder die Geltung, die sie ursprünglich hatten, die Geltung, die sie in der Kirche Jesu Christi haben. Daß wir darin im Anfang stehen, daß wir noch keine festen Lösungen bieten können, soll man uns nicht verargen. Wo sollen wir anders stehen, als am Anfang? Wie könnten wir heute anders weiterkommen also so, daß wir alle zugleich Gerichtete und Neu-Anfangende sein wollen?

III.

Die wesentlichen Fragen, die uns heute durch das konfessionelle Problem aufgegeben sind, können durch folgende drei Punkte herausgestellt werden:

  1. Die EKiD. hat kein Bekenntnis, eine Kirche ohne Bekenntnis sei keine Kirche.
  2. Die Rekonstruktion der Kirche durch die Wiederherstellung eines bekenntnisgebundenen Kirchenregiments und die Lehre vom Amt.
  3. Die Frage nach dem Abendmahl und der damit gegebenen Kirchengemeinschaft.

Bevor wir zu den einzelnen Fragen übergehen, soll ein Wort zu dem Gesamtgespräch gesagt werden, das nun schon einundeinhalb Jahr so regellos und weithin den wirklichen Aufbau der Kirche verzögernd geführt wird. Es ist gewiß nicht gut, wenn versucht wird, ohne in eine besonnene Erörterung der vorliegenden Fragen einzutreten, durch Aufrechterhaltung kirchenpolitisch erstarrter Fronten die Rechtfertigung der eigenen Grundsätze zu erzielen. Theologische Arbeit und brüderliches Gespräch sollten voran­stehen. Die kirchenpolitischen Praktiken dagegen sollten ausge­schaltet sein, damit die Möglichkeit bleibt, den gewonnenen Ein­sichten gemäß zu handeln, und nicht durch irgendwelche vor­schnellen Entscheidungen ein Präjudiz geschaffen wird. Wir sollten doch wissen, daß die uns aufgegebene Problematik nicht nur durch die mannigfaltige Führung der Kirche im 19. Jahrhundert geschaf­fen wurde, sondern daß sie ihre Wurzeln schon in dem Bekennt­nisbegriff des Luthertums und in dem Lehrbegriff der Orthodoxie hat und daß ohne eine gründliche Aufarbeitung der dort vorlie­genden Fragen eine Fortentwicklung der sachlichen Themen nicht möglich ist. Es rächt sich heute, daß viele Fragestellungen, vor allem im Hinblick auf das Amt, die Sakramente, die Lehre von der Kirche, wie sie vor einem Jahrhundert zwischen Löhe, Harleß, Th. Harnack, Hofmann, Vilmar, Kliefoth so ergiebig und leiden­schaftlich verhandelt worden sind, nie recht zur Entwicklung kamen, weil durch die gewaltsamen Eingriffe, hier ganz ähnlich wie im politischen Leben, ein wirkliches Ausreifen dieser Erkennt­nisse verhindert wurde. Nicht eigentlich die Entstehung der Union, sondern vielmehr ihre Auswirkung ist das Bedenkliche gewesen, die Abkapselung der Kirchen gegeneinander, die Inzucht einer spezifisch lutherischen Theologie, die Verflachung des Kirchen­rechts durch die konsistoriale Bürokratie in der Union und die Selbstgenügsamkeit, in der die Landeskirchen lebten. Es gehörte darum zu den großen und bedeutsamen Ereignissen innerhalb der EKiD., daß es auf Grund der ersten Barmer Bekenntnissynode zum Zusammenwirken der Kirchen miteinander und zum Offen­sein der Kirchen füreinander kam. Es begann ein Dienst aneinan­der mit den Gaben, die jede Kirche hatte, so wurde die Zusammen­arbeit fruchtbar und großer Reichtum wurde uns geschenkt. Die Synode von Oeynhausen bedeutete das Ende dieses Offenseins für­einander und den Rückfall in neue Erstarrung. Das ist ein Unrecht an der Sache der Evangelischen Kirche und wird auch dem Luther­tum nicht dienlich sein, es gerät in Gefahr, in die Abkapselung zurückzusinken, in der es jahrzehntelang lebte, und vor allen Dingen verbaut es sich damit selbst die Möglichkeit, den Kontakt aufzunehmen mit den Lutheranern, die in den Unionskirchen leben und die an ein ganz anderes Offensein für das Zusammenleben mit konfessionell anders eingestellten Brüdern gewöhnt sind. Unser Ziel muß sein, jene Gemeinschaft wieder herzustellen, die in den guten Jahren der Bekennenden Kirche bestand und die sowohl für das lutherische Bekenntnis als auch für die Evange­lische Kirche so fruchtbar gewesen ist. Hier ist eine natürliche Ent­wicklung sichtbar geworden, die ungewollt, aber von Gott gefügt, über uns kam und die wir dadurch verloren haben, daß wir im Glauben schwach wurden. Nur im Rahmen der Evangelischen Kirche wird auch das Luthertum die Weite und Beweglichkeit ge­winnen, die es nötig hat, nur hier wird es auf die Mannigfaltigkeit der Fragen stoßen, die uns heute gestellt sind, nur hier wird es fruchtbar werden können für den Aufbau der Gesamtkirche, ohne in einen falschen Anspruch auf Ausschließlichkeit zu geraten. Wo­hin sonst die Entwicklung treibt, kann man mit Sorge schon jetzt erkennen an einzelnen Bestrebungen, die hier und da laut ge­worden sind. Was soll man dazu sagen, wenn allen Ernstes be­hauptet wird, daß der Episkopalismus in der lutherischen Lehre gegründet sei, daß die Synoden im wesentlichen nur von Amts­trägern der Kirche beschickt sein dürfen, daß ein strenges Gegen­über von Amt und Gemeinde durchgeführt werden müsse, oder wie neulich in einem Berliner Flugblatt zu lesen war, daß wir sogar in die lutherische Kirche getauft seien. All dies sind ten­denziöse Darstellungen, bei denen der Name Luthers herhalten muß, die aber nicht in Wahrheit in Luthers Theologie oder in den Bekenntnisschriften begründet sind. Die Situation, von der wir herkommen, in der eine Entscheidung fiel zwischen der wahren und der falschen Kirche, entsprach viel eher der Situation der Reformation. Nach der wahren Kirche haben Luther und Calvin ge­fragt. Aber Luther hat in Beantwortung dieser Frage niemals die Kirche vom Bekenntnis her bestimmt, wie das die Epigonen des Luthertums taten, sondern allein vom Wort. Wo das Wort ist, da ist die Kirche, denn das Wort schafft die Kirche. Das ist von Anfang an – von der noch heute wichtigen Rede, die Luther für den Probst von Leizkau ausarbeitete, bis zu seiner Schrift „Wider Hans Worst“ – von Luther festgehalten worden. Die Kirche ist die Schöpfung des Wortes und auch die „rechte Lehre“ muß so verstanden werden, daß sie die Kirche schafft. Die Kirche und das Evangelium stehen zueinander im Verhältnis des Geschöpfes zum Schöpfer. Die Kirche lebt vom Evangelium, nicht umgekehrt.

Von da aus werden wir den rechten Blick gewinnen für die immer wiederkehrende Behauptung, wonach die Evangelische Kirche kein Bekenntnis habe und Kirche ohne Bekenntnis keine Kirche sei. Hierbei ist offenbar an ein formuliertes Bekenntnis gedacht und gemeint, daß in diesem Bekenntnis das Selbstverständnis der ein­zelnen konfessionellen Kirchen enthalten sei. Im Symbol, so meint man, sei das Selbstverständnis der Kirche festgelegt, darum kann man sich die Kirchengemeinschaft auch nicht anders denken, als daß ein gemeinsames Bekenntnis erarbeitet wird; erst dann sei das Selbst­verständnis gesichert. Darum ist für das Luthertum die EKiD. keine Kirche, denn sie kann ihr Selbstverständnis nicht mit einem einhel­ligen Bekenntnis umreißen. Aber es fragt sich doch, ob das Bekenntnis ursprünglich dazu da ist, der Kirche zu ihrem Selbst­verständnis zu verhelfen. Diese Meinung des Konfessionalismus setzt schon das Nebeneinander verschiedener christlicher Kirchen als Ausgangspunkt voraus. Es schließt die Relativität der Standpunkte von vornherein in sich. So wenig aber das Selbstver­ständnis des Menschen in der Theologie Ziel und Zweck der Arbeit und der Lehre ist, so wenig ist das Selbstverständnis der Kirche Ziel und Zweck des Bekenntnisses. Dieser Blick des Narziß in sein eigenes Angesicht ist sein Untergang. Das Verliebtsein in sich selbst ist in Wahrheit das Absehen von der Sache, von der Welt, von der Wahrheit, das heißt vom Dogma, seinem eigentlichen Sinne nach. Die Lehre wird nur noch zur Darstellung und Bewußtmachung des eigenen konfessionellen Seins. Es ist merkwürdig, wie „theologie-feindlich“ im Endzweck dieser Standpunkt wird. „Die Theologie ist eine Funktion der Kirche“, so lesen wir bei Stoll, „nicht aber die Kirche eine Funktion der Theologie.“ Dieser Satz ist an sich ganz richtig, aber er wird dahin interpretiert, daß die Kirche zwar nicht der Theologie entraten könne, wenn sie „Lehre zu beurteilen habe“ (wir fragen: nur dazu?), daß aber die Theologie sich nicht einreden dürfe, „die Kirche höre auf ohne ihren Dienst, womöglich ohne den Dienst einer Theologischen Schule. Die Kirche lebt von den Gaben, die ihr Herr ihr darreicht, vom Wort und Sakrament, sie lebt durch den gegenwärtigen, lebendigen Herrn“. Daß die Kirche vom Wort und Sakrament lebt, soll also keine theologische Angelegenheit sein. Die Theologie ist eigentlich nur nötig zur Abwehr der Irrlehre, soweit ist das „recte docetur“ hier verkümmert. Die Theologie sinkt herab zum kirch­liehen Lehramt, es ist die kirchliche Funktion, die über der kodi­fizierten Lehre wacht. Hier ist die Angst vor der Theologie feder- fiihrend. Dabei scheint völlig vergessen, daß die particulae exclusivae, die in der Reformation eine so entscheidende Rolle spielten, Theologie sind; es scheint völlig vergessen zu sein, daß Luther als Theologe die Kirche reformierte und daß Luther seine Theo­logie jedenfalls nicht im kirchenamtlichen Auftrag betrieben hat. Luthers Verständnis von doctrina ist verlorengegangen und darum ist auch der Begriff von der „reinen Lehre“ nicht mehr der gleiche wie bei den Reformatoren, denn die Lehre ist nie in sich selbst das „Reine“, hier dürfte schon eine Abwandlung des Lehrbegriffes der Reformation in der Orthodoxie vorliegen, sondern sie dient der Reinheit des Wortes. Das Wort steht fest, sie aber ist ständig in Bewegung. Die Lehre hat ihre Reinheit nicht in sich selber, wie einen character indelebilis, sondern daraus, daß sie der Rein­heit des Wortes und dem Zeugnis der Wahrheit, wie es in Gott offenbar wurde, zu dienen sucht, daß sie diese Reinheit als das erweist „quo majus cogitari non potest“. Nur in bezug darauf ist sie rein, nicht an sich, nicht als Gegebenheit, was Luther durch sein immer wiederkehrendes: „facile dictu et auditu, sed difficile in experientia“ deutlich zu machen wußte, und was man aus der ständigen Bewegtheit seiner Lehre leicht ersehen kann. Wenn die Rechtfertigungslehre der articulus stantis et cadentis ecclesiae ist, so ist dieser darum doch kein statischer Satz. Die Kirche soll mit diesem Satz stehen und fallen, das ist allerdings gemeint, aber nicht ist gemeint, daß dieser Satz an sich, wenn er feststeht, die Rechtgläubigkeit einer Kirche garantiert. Nie und nimmer darf die Lehre zur Garantie dafür werden, daß die Kirche „steht“. Im Gegenteil, von der Lehre her ist die Kirche immer wieder gefragt, ob sie denn auch für das Evangelium einsteht, ob sie nicht viel­mehr längst gefallen und abgefallen ist. Die Lehre hat, wenn anders sie reine Lehre ist, eine kritische Funktion gegenüber der Kirche und darum kann die Flucht in die „reine Lehre“ geradezu das Zeichen dafür sein, daß die Kirche nicht steht, die Lehre kann zur Abstraktion werden, sie verliert damit ihre konstituierende Kraft. Wenn die Lehre wirklich reine Lehre ist, wenn sie also nicht selbst etwas sein will, dann müßte sie über sich hinausweisen auf Gott und sein Wort, auf seine Offenbarung; aber im Konfessionalismus wird immer wieder die Gefahr liegen, daß es umge­kehrt herauskommt, daß man meint, in der reinen Lehre des Wortes habhaft zu werden. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir ohne feste Formulierung auskämen, aber wohl soll gesagt sein, daß diese festen Formulierungen sich dessen bewußt sein müssen, daß sie in sich selbst fragmentarisch sind, daß sie hineingehören in die theologia viatorum, daß darum die Bekenntnisschriften nicht eine abschließende und endgültige Erfassung der Schrift im Sinne ihrer lebendigen Wahrheit sein wollen und können.

Damit, daß die Lehre aufhört, teilzunehmen an der Bewegung, die vom Worte Gottes ausgeht, daß sie zu etwas Objektivem, zu einer Vergegenständlichung der Wahrheit wird, tritt eine weitere Wandlung ihres Gebrauchs ein. Sie wird zur Ordnungskategorie, eine von oben bis unten bekenntnismäßig gegliederte Kirche wird das Ideal, das sich von hier aus ergibt. Die Lehre ist Merkmal einer bestimmten Kirche, und es kommt nun darauf an, daß in dieser Kirche alles dieser Lehre entsprechend geordnet wird. Nach dem konfessionellen Schema stehen dann mehrere so geordnete Kirchen in einer gewissen Toleranz nebeneinander, wobei die Lehre auf den Hausgebrauch beschränkt ist. Es wird nicht mehr gefragt, ob die Lehre eine Relation hat auf die Sache, auf das zu Lehrende, sondern es wird gefragt, ob sie sich im Umkreis ihres Lehrganzen hält. Es wird gefragt, ob dieser oder jener Lehrsatz lutherisch ist oder reformiert, und dieses Urteil genügt dann, um eine solche Lehre anzunehmen oder abzulehnen. Damit hat die Lehre ihren eigentlichen Sinn verloren. An die Stelle der Wahr­heit, die ja, wenn sie ernst genommen würde, immer die ganze Kirche angehen müßte, ohne jede konfessionelle Grenze, weil sie aus dem Bekenntnis zum Herrn der Kirche geboren ist und dies Bekenntnis entfaltet, tritt der Wert, der kirchliche, vielleicht auch kulturelle, geistige, geschichtliche Wert einer Aussage. So wie Schleiermacher das Wesen des Christentums durch Religionsver­gleichung ausfindig zu machen unternahm und darauf die Wahr­heit des Christentums basierte, so wird hier, aus einem ähnlichen Geist und in einer ähnlichen Zeitströmung, die Wahrheit der Konfession durch vergleichende Konfessionskunde ermittelt und es wird dann gezeigt, daß die lutherische Kirche im Vergleich zu der reformierten und der katholischen Konfession die vollkommene Kirche sei, weil sie Wort und Sakrament gleichrangig nebeneinan­der hat, während in der katholischen Kirche das Wort zugunsten des Sakraments, in der reformierten das Sakrament zugunsten des Wortes zurückgetreten sei. Die Vollkommenheit tritt an Stelle der Wahrheit. Man möchte fast fragen, ob wir damit nicht aus der theologia crucis unversehens in die theologia gloriae hinüber­geglitten sind: Der vollkommene Bau einer lutherischen Kirche in einem klassischen Stil des Luthertums, eingebaut als ein vorbildliches Modell in den Raum der EKiD., ist das Ziel, das den Plänen der Lutheraner bei ihrer Kirchenreform zugrunde liegt. Zu alle­dem ein Satz von Luther, der schlaglichtartig den Abgrund auf­reißt zwischen der Haltung der Reformation und diesen Konstruk­tionen:

„Merk aber, wer sind die, die diesen Stein verwerfen. Es sind nicht schlechte Leute, sondern die allerbesten, nämlich die heiligsten, die klügsten, die gelehrtesten, die größten, die edelsten. Die müssen sich an dem Stein stoßen – denn die elenden, armen Sünder, die Betrübten, Irrenden, Verachteten, Geringen, Ungelehr­ten werden sein froh und haben ihn herzlich gerne. Jene aber heißen Bauleute, das ist, die das Volk bauen, bessern und regieren zum Besten, mit Lehren und Predigen. Sie haben nicht den Namen, daß sie Verstörer, Schädlinge, Untüchtige wären, sondern Bauleute sind sie, die nötigsten, nützlichsten, besten Leute auf Erden, daß wenn sie nicht wären, der Himmel fiele gewißlich ein, ehe es Abend würde, und Land und Leute verderben. Das sind die Regen­ten, beide in geistlichen und weltlichen Ständen, die mit ihren Rechten Land und Leute gefaßt haben, daß es stehet, und wollen über das auch Gott selbst meistern.
Darum ob Könige, Fürsten, Bischöfe, Herren, Heilige, Weise, Kluge, Reiche, gelehrte Leute das Evangelium verfolgen, was ist’s wunder? Wer sollt’s sonst tun? Kann’s doch niemand tun. Soll’s ver­folgt sein, so müssen’s diese tun. Denn sie sind die Bauleute. Und tun es von Amts wegen, denn sie müssen zusehen, daß ihr Ge­bäude nicht ein Lücken, Riß oder Ungestalt gewinne. Darum sollen und können sie Gottes Wort und die, so es reden, nicht leiden. Denn er verstellt ihr Gebäude, macht Lücken und Riß drin, ist ein Aufrührer und verführt das Volk, welchs sie so schön gebaut haben, geordnet und gefaßt haben, macht’s gar anders denn sie.“[2]

Luther lehrt nicht, um zu ordnen, sondern er lehrt, das haben Bischöfe und Prälaten, das haben Melanchthon und Zwingli, das haben Kaiser und Könige sehr zu ihrem Leidwesen erfahren müssen, nur zu oft auf Kosten der Ordnung. Hier ist die Lehre nicht das Selbstverständnis der Kirche, sondern sie ist das Ver­ständnis des Wortes Gottes, das der Kirche zum Gericht und zur Neuschöpfung wird. Von diesem Gesichtspunkt her wird aber schon sehr viel fragwürdiger, wenn behauptet wird, die Evange­lische Kirche habe kein Bekenntnis, da doch gerade in den Ereig­nissen der letzten Jahre davon wieder etwas spürbar geworden ist, daß die ganze Evangelische Kirche vom Worte Gottes her sich in Gericht und Gnade zum Bekennen der Wahrheit und zur Ent­hüllung der falschen Lehre gerufen wußte.

Von lutherischer Seite wird dazu nun freilich immer wieder er­klärt, daß der Lehrinhalt der lutherischen Bekenntnisschriften genüge und daß es keiner neuen Formulierung bedürfe, um diese Entscheidungen zu treffen. Zwar ist der Fall denkbar, so sagt man, daß eine Irrlehre aufkäme, „die mit vollem Recht sich auf das lutherische Bekenntnis beriefe und wo denen, die sie doch als Irr­lehre erkennen, aus dem lutherischen Bekenntnis keine Handhabe mehr gegeben wäre, sie abzuwehren, wo also Freund und Feind mit gleichem Recht auf dem Bekenntnis stehen“ (Kinder). In sol­chem Fall, so sagt man, „müßte ein neues Bekenntnis oder ein corrolarium zum alten Bekenntnis da sein, um einen dissensus auf dem Boden des lutherischen Bekenntnisses (!) auszumachen“. So weit geht man also, daß selbst ein solcher dissensus nur noch innerkonfessionell gesehen ist und lediglich eine Reparatur bzw. Ergänzung des Bekenntnisstandes denkbar sein soll. Aber es wird hinzugefügt, dieser Fall ist „hypothetisch“; das wird gesagt, ob­schon vor aller Augen ist, was alles in den vergangenen Jahren vom lutherischen Bekenntnis aus zu rechtfertigen unternommen wurde, daß die Lehre von den beiden Reichen, die Lehre von dem Gehorsam der Obrigkeit gegenüber, die Lehre von der Schöpfung und natürlichen Offenbarung, ja auch die Lehre vom Sündenfall des Menschen, von den Ordnungen, vom leidenden Gehorsam, im­mer wieder herhalten mußte, um den Widerstand der Kirche als nicht vom Evangelium geboten erscheinen zu lassen. Das wird gesagt, obschon auf der anderen Seite Lutheraner gerade auf Grund ihrer Bekenntnisse meinten, widerstehen zu müssen, gerade auch innerhalb der „lutherischen“ Kirchen, weil die Freiheit des Wortes Gottes, zumal die Predigt des Gesetzes, die von Luther proklamierte Freiheit des Christentums, die Freiheit der Gnade Gottes gegenüber allen rassen- und artmäßigen Bindungen diesen Protest gegen den totalen Staat und seinen Paganismus notwendig machten. Es ist doch einfach am Tage, daß der Riß mitten durchs Luthertum durchging. Im Luthertum des Nordens sind ganz reale Entscheidungen gefallen, die zeigen, daß die Notwendigkeit der Fortbildung und evtl. Kor­rektur der lutherischen Tradition keineswegs hypothetisch ist, und wenn wir nicht entschlossen sind, auf Grund des Anschauungsmate­rials, das wir empfangen haben, an eine kritische Sichtung unserer lutherischen Erbschaft heranzugehen, gerade dazu, um das, was wir von Luther empfangen haben, recht zu gebrauchen und recht zu verstehen, dann werden wir der Sache des Luthertums den schlech­testen Dienst erweisen. Es kann durchaus sein, daß wir erkennen müssen, daß die synodale Ordnung notwendig und dem Gemeinde­aufbau gemäß ist, es kann durchaus sein, daß wir die Lehre vom Staat, insbesondere vom totalen Staat, einer sehr ernsten Prüfung und Korrektur unterziehen müssen, daß wir die Lehre von den Ordnungen, die mehr auf Melanchton als auf Luther zurückgeht, überprüfen müssen, und daß auch die Frage nach Gesetz und Evan­gelium neu geklärt werden muß. Wenn von seiten der Lutheraner gesagt wird, „für uns ist dieser Fall nicht gegeben“, dann können wir nur fragen, was muß eigentlich noch geschehen, damit dieser Fall eintritt; offenbar ist der „Fall“ erst dann gegeben, wenn das Problem der Union auftaucht. Dazu noch ein letztes Wort.

Es wäre falsch, die Gemeinsamkeit zu vergessen, die die Bekennt­nisse der lutherischen Kirche und die Lehre der reformierten Kirche miteinander verbindet. In der Rechtfertigungslehre, in dem sola scriptura und dem sola fide sind wir einig. Die Einigkeit reicht noch viel weiter; vergleicht man einmal die Schriftauslegung bei Luther und Calvin, wird man erstaunt sein, wie weitreichend die Einigkeit ist. In der Entscheidung, die gegen die scholastische Theo­logie gefallen ist, sind beide, lutherische und reformierte Kirche, bis heute einig und stehen hier in einer sachlichen Union. Der Lutherischen Kirche hier eine Mitte zwischen Rom und Genf zuzu­weisen, scheint mir nicht angängig und gefährlich zu sein. Wenn eine solche Union, die auf die Lehre der Reformatoren und auf das Wort der Schrift zurückgeht, erstrebt wird, dann sollen wir nicht nein dazu sagen. In diesem Sinne muß die Evangelische Kirche verstanden werden, als eine Kirche, die vom Evangelium her lebt und die bereit ist, sich ständig durch das Wort reformieren zu lassen.

Noch kurz ein Wort über das Amt und die Abendmahlsgemeinschaft. Die damit verbundenen Fragen sind viel zu weitschichtig, als daß sie hier im einzelnen erörtert werden könnten, sie sind zudem durch neue Untersuchungen weitgehend gefördert, die insbesondere in der Abendmahlsfrage so gut und gründlich sind, daß wir nur auf sie zu verweisen brauchen. Es ist auffällig, wie stark die Lehre vom Amt mit jenem Begriff der reinen Lehre verbunden auftritt. Das Amt ist sozusagen der Träger der reinen Lehre. Hier liegt eine Ge­fahr vor, die wir sehen müssen. Es scheint fast so, als ob die reine Lehre nur noch im Amt sich inkarnierte, wie eine Idee, die hier, an dieser besonderen Stelle, ihre Verwirklichung findet. Es scheint fast so, als stünde dahinter die tiefe Resignation, als ob die Gemeinde nicht fähig sei, selbst Träger der reinen Lehre zu sein und die Gabe der Unterscheidung der Geister oder, wie Luther sagt, die Macht über rechte Lehre zu urteilen, ihr nicht mehr zugetraut würde. Wie oft ist in den letzten Jahren gerade das Gegenteil unter Beweis gestellt worden, wie oft haben wir in gut lutherischen Gemeinden erlebt, daß die Gemeinden gegen ihre Pfarrer aufstanden auf Grund der falschen Verkündigung und sich als Bekenntnisgemeinden konstituierten. Da wurde handgreiflich, daß das Amt der Verkün­digung in den Händen der Gemeinde liegt, daß die Gemeinde nicht Objekt, sondern Subjekt ist, und daß damit im Prinzip auch der synodale Charakter kirchlicher Ordnung gegeben ist. Daß dadurch das Gegenüber von Wort und Gemeinde nicht aufgehoben wird, daß das Amt in diesem Sinne ein Dienst ist an der Gemeinde, durch das Wort, in den die Gemeinde selbst beruft, bleibt unbestritten. Die Lehre von den Gnadenmitteln bleibt durchaus gewahrt, auch wenn die synodale Ordnung durchgeführt würde. Hingegen scheint mir nirgends ein Ansatz vorhanden zu sein, um die Überordnung des Episkopats über dem Pfarramt zu rechtfertigen, vielmehr gibt es kein dem Predigtamt übergeordnetes Leitungsamt im Sinne der lutherischen Kirche. Sollte freilich die Lehre vom Amt so verstanden sein, daß allein an dieser Stelle die reine Lehre in Erscheinung tritt, so wäre damit eine Abstraktion vollzogen, von der man nur sagen könnte: „Der Geist, ohne Fleisch und Bein, das ist der Teufel.“ Die Amtskirche ist eine Konstruktion, die darauf verzichtet, den Leib Christi in der Welt darzustellen, von der aus immer wieder die Gemeinde sich verflüchtigt, zum Objekt wird, zum „Volk“, mit all den Gefahren, die von da aufbrechen können und die sich im Begriff der „Volkskirche“ abmalen.

Richtig hingegen ist, daß die Kirchengemeinschaft in der Abend­mahlsgemeinschaft ihren Ausdruck findet, wie überhaupt das Inerscheinungtreten der Gemeinde wesentlich mit der gottesdienstlichen Versammlung Zusammenhängen wird. Hier konstituiert sich die Ge­meinde als der Leib Jesu Christi. Darum ist es eine ernste Frage für die Kirchengemeinschaft innerhalb der EKiD., ob Glieder der verschiedenen Konfessionen das Abendmahl zusammen empfangen dürfen. Daß es auf den Bekenntnissynoden nicht nur zufällig, son­dern bewußt geschehen ist, hat seinen Grund darin, daß Reformierte sowohl wie Lutheraner sich einig wurden in der Anerkennung der Realpräsenz des Herrn in Fleisch und Blut. Es trat das ein, was Luther in Marburg als die Möglichkeit der Verständigung bezeichnet hat: „Wenn sie bekennen, daß er gegenwärtig ist, so wollen wir sie nicht fragen, an welchem Ort und in welcher Gestalt.“ Die Frage nach dem Wie der Gegenwart des Herrn ist offengeblieben und ist different geblieben. Aber der aus dem wörtlichen Verständnis der Einsetzungsworte lebende Glaube verband beide Seiten miteinander. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, die Differenz der Abend­mahlslehren in einer neuen Weise zu erörtern, nämlich so, daß wir uns als Brüder in einer Kirche wissen und daß diese Lehrdiffe­renzen nicht mehr die Kirchengemeinschaft aufheben.

In all diesen Fragen sehen wir ein und dieselbe Entwicklung. Inner­halb der Bekennenden Kirche ist das Bewußtsein vom Wert der überlieferten Bekenntnisse neu entfaltet, aber die Rangfrage hat sich gewandelt. Es nimmt nicht mehr den ersten Rang ein. Die Ein­heit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, wie sie in Barmen bezeugt wurde, sind ein neuer Anfang, innerhalb dessen diese Fragen neu und fruchtbar ihrer Erörterung, Auseinandersetzung und Klärung entgegenstreben.

Wir sind am Ende. Es wird auffallen, daß der erste und der zweite Teil unseres Vortrages in keinem rechten Zusammenhang zueinander stehen. Es ist dies auch beim besten Willen nicht möglich. Es ist nicht möglich, von den Entscheidungen her, die im Kampf der Evan­gelischen Kirche aufgebrochen sind und in denen wir immer noch stehen, die Überleitung zur konfessionellen Frage zu finden. Sie ist „zwischen hinein gekommen“. Sie hat eine Geltung beansprucht, die sie nicht hat, wenn anders sie selbst fruchtbar und dienstbar bleiben soll. Sie droht die Einheit zu sprengen, statt sie zu bereichern, sie droht die gefallenen Entscheidungen und die uns aufgetragenen Reformen zu entkräften, anstatt sie zu fördern. Sie kann nur als untergeordnete, nicht als übergeordnete Fragestellung maßgeblich sein bei der Neuordnung der Evangelischen Kirche. „Jedes Mehr wäre hier ein Weniger.“ Ihr Reichtum und ihre Hilfe wird mehr im Theologischen leben als im kirchlich Konstitutiven liegen. Sie wird sich fruchtbarer auswirken, wenn sie uns in der Verkündigung begegnet, als in der kirchlichen Ordnung, und sie wird von da aus auch ohne Frage die kirchliche Ordnung beeinflussen. Aber ohne daß das Wort uns diese Ordnung schenkt, ohne daß diese Ordnung dem Wort und der Verkündigung dient, ist unser Verfangen nicht nur Restauration, sondern viel Schlimmeres, es ist der Rückfall ins Gesetz, in den Buchstaben, der tötet, und ist die Absage an den Geist, der lebendig macht.

Die Verkündigung des Evangeliums von der freien Gnade Gottes zur Vergebung der Sünden und die Kirche, die diese Verkündigung aus­richtet, hat die Verheißung, daß sie unüberwindlich sei. In diesem Sinne sprechen wir von der Evangelischen Kirche, als der-Kirche, der das Evan­gelium anvertraut ist. Die konfessionellen Unterschiede werden erst dann relevant, wenn durch sie diese Verkündigung betroffen und da­durch die Kirchengemeinschaft bedroht ist. Das soll aber bei den von der Reformation her kommenden Kirchen, die in Barmen ihr Bekenntnis zu Jesus Christus neu bezeugt haben, nicht mehr der Fall sein.

Quelle: Paul Schempp (Hrsg.), Evangelische Selbstprüfung. Beiträge und Berichte von der gemeinsamen Arbeitstagung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg und der Gesellschaft für Evangelische Theologie, Sektion Süddeutschland im Kurhaus Bad Boll vom 12. bis 16. Oktober 1946, Stuttgart: Kohlhammer, 1947, S. 34-68. Wiederabgedruckt in: Hans Joachim Iwand, Um den rechten Glauben. Gesammelte Aufsätze, hrsg. v. Karl Gerhard Steck, TB 9, München: Chr. Kaiser, 21965, S. 138-172.


[1] Vielgeschäftigkeit im Sinne von Wichtigtuerei.

[2] Das schöne Confitemini. Auslegung zu Psalm 118 (WA 31-I, 172,27-173,14).

Hier der Text als pdf.

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