Antwort. Ein Brief an Josef L. Hromádka zu dessen 70. Geburtstag am 8. Juni 1959
Von Hans Joachim Iwand
Lieber Freund und Bruder!
Zunächst eins: ich danke Dir, daß ich so an Dich schreiben darf und das aus der tiefen Verbundenheit des Glaubens und der Aufgabe, die uns in den letzten Jahren so oft zueinander geführt und miteinander verbunden hat. Es begann mit Deinem Besuch in Bonn, Deinem ersten Besuch in Deutschland nachdem die Herrschaft des Nazismus zerbrochen und der furchtbare Krieg zu Ende gegangen war. Ich werde diese Begegnung nie vergessen. So geht es auch den anderen, die dabei waren. Heute sind ja solche Begegnungen zwischen »Ost und West« fast schon alltäglich geworden, aber damals war das noch nicht so. Damals fragten wir uns noch, wie es wohl gehen würde. Ob wir voreinander und miteinander bestehen könnten. Du warst uns ja nicht nur bekannt durch den berühmten und umstrittenen Brief Karl Barths in der damaligen Krise Eures Landes und Eurer Regierung in den Tagen von München, sondern wir wußten auch, daß Du mit den Deinen hattest fliehen müssen und erst nach vielen Jahren in Deine Heimat und das geliebte Prag zurückkehren konntest. Wir konnten uns freilich in der wieder normal gewordenen Sphäre bürgerlicher Anständigkeit begegnen. Man gibt dann einige Fehler und Mängel zu, man gibt zu, daß auf beiden Seiten gefehlt wurde, man ist bereit, daraus zu lernen und glaubt, man sei über die Vergangenheit hinweg. Das war die Frage, die mich bewegte, als wir Dich vom Flugplatz abholten, um im Rahmen unserer ganzen Fakultät, zu der damals noch Helmut Gollwitzer gehörte, miteinander zu sprechen. Würde es so ein allgemeines, ein letzten Endes unverbindliches Gespräch werden? Und dann sprachen wir. Und an jenem Abend wurden wir Brüder. Wir wurden Brüder über dem, was hinter uns lag und was zwischen uns stand. Was war geschehen? Es waren nicht nur die Hitlerjahre, die mahnend und fragend hinter uns standen, es war viel, viel mehr. Es war die Frage, ob wir bereit wären, bestimmten Dingen, Wertungen, Vorstellungen ein Ende zu setzen und einen neuen Anfang zu machen. Eben jene Frage hat uns damals bewegt, die aus Deinem Briefe an Karl Barth herausklingt, der ja nebenbei ein Brief an die Bekennende Kirche und da wieder an die geheimen politischen Residuen der Deutschen unter ihnen ist. Es war mehr als eine der üblichen Begegnungen, die wir hier miteinander hatten. Damals schon saßen wir um diese Fragen herum, und wir waren alle vor ihnen offen. Wir waren gewiß, daß nichts und niemand das reparieren konnte, was geschehen ist. Hier ist etwas geschehen, was als solches stehen bleiben muß und stehen bleiben wird. Hier ist mehr als ein Jahrhundert abgelaufen. Hier kann nur eins gesagt werden: Nostra maxima | 127 | culpa. Es geht bei der Schuld nicht in erster Linie darum, wer schuldig ist. Manche Menschen kommen hinter den geschichtlichen Ereignissen her wie der Staatsanwalt, um festzustellen, wer Schuld hat und wer nicht. Bei der Schuld im geschichtlichen, also im irreparablen Sinne geht es um etwas anderes, da geht es darum, wer sie übernimmt. Sie ist die enge Pforte, durch die der Weg nach vorn führt. Sie ist an und für sich etwas, das wie ein Stein am Wege liegt. Niemand will ihn aufnehmen. Niemand will ihn tragen. Jeder, der nicht auf frischer Tat ergriffen wird, distanziert sich. So entlaufen wir unserer eigenen Geschichte, entziehen uns den Heimsuchungen Gottes und seiner Verheißung. Was an Deinem Brief so bedeutsam und so wohltuend ist – das muß ich Dir einmal sagen – war genau dasselbe, das auch an jenem Abend mitten unter uns lebendig war. Es fielen keine Anklagen in dem üblichen Sinne, gegen die oder jene Gruppe, gegen die Militaristen oder gegen die Nationalisten, gegen die Rechte oder gegen die Linke, das Unglück war viel zu groß, die Aufgabe seiner Bewältigung viel zu drängend, die Minuten zu kostbar, die Gelegenheit zu einzigartig, als daß wir uns mit solchen Klischees hätten befassen können. Hier war etwas geschehen, was nach menschlicher Bewältigung verlangte, wenn die Geschichte, die europäische Geschichte weitergehen und nicht in einem öden Marasmus ersticken sollte, um von dem Schlimmeren, einem neuen Kriege, ganz zu schweigen. Das stand bei unserem ersten Gespräch in der Mitte, die Schuld und ihre Bewältigung und unsere Bruderschaft, die sich an diesem Abend wie ein Geschenk anbot, das längst reif war, ehe wir noch einander kannten und jene Begegnung hatten.
Das hat nun seitdem gehalten und darum darf ich mit unter denen sein, die Dir dafür ihren Dank sagen. Aber noch ein Wort zu diesem seltsamen, heute freilich wieder etwas abgeklungenen Phänomen der Bruderschaft. Wir haben sie gelernt, oder wenigstens die ersten Anfangsstufen dessen gelernt, was sie bedeutet in der Formierung und im Kampf der Bekennenden Kirche. Ihr habt die Bruderschaft ja sogar im Namen Eurer altehrwürdigen, durch viel Kampf und Leiden erprobten »Brüderkirche«. Auch bei uns ist dieser Name und seine Anwendung heute verbreiteter als früher, wir haben etwas miterlebt in unserem Jahrhundert, das war wie eine Neufassung und Wiederentdeckung derselben. Vor 30 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Da war »Bruder« eine pastorale Redeform, eine Standeseigentümlichkeit. Heute ist dieses Wort wieder in Gefahr, das von neuem zu werden. Viele, die sich Brüder nennen, wissen gleichwohl nicht mehr, was es damit auf sich hat. Sie haben es nie erfahren, wie man von der Bruderschaft getragen sein und auch, wie tief man sich gegen sie versündigen kann. Das haben wir gelernt. Bruderschaft beinhaltete damals eine Gabe und eine Verpflichtung zugleich, sie besagte, daß man bereit war, Ehre und Schmach miteinander zu tragen oder genauer gesagt, daß man nicht bereit war, den Bruder der öffentlichen Verurteilung und Herabsetzung preiszugeben. Mit der Bruderschaft als solcher war eine Realität gesetzt, die von etwas anderem lebte als den Werten der bestehenden Gesellschaft, ihren Tugend- und Lasterkatalogen. Wir waren in der Bindung dieser Bruderschaft die wahrhaft Freien. Auch die »außen« begriffen etwas davon. In einer Zeit, die uns alle prüfte, wie es denn mit uns stünde angesichts des Entweder-Oder der Wahrheit Gottes und des nackten Lebens – erst wenn die Frage an diesen Punkt kommt, merkt man, wie wenig wir durch unser Wissen und unseren Verstand auf dieses examen vitae vorbereitet sind – damals ahnten wir etwas von der biblischen Wahrheit, daß | 128 | das Wort Bruder etwas zu tun hat mit dem von den Toten Auferstandenen, daß es ein Osterwort ist, daß es uns alle heraushebt und aussondert aus dieser Todeswelt und der Erstgeborene unter allen Brüdern eigentlich unseren Zusammenhalt ausmacht unter uns hier auf der Erde und mitten in den Aufgaben und Anfechtungen, die es zu bestehen gilt. Viele, die unserer Bruderschaft und ihrer Zielsetzung spotteten, die nichts anderes als unsere Ohnmacht und unsere Niederlage sahen, haben damals nicht geahnt, daß sie selbst – ohne es zu wissen, aber darum eigentlich um so schlimmer und tragischer, denn sie konnten es wissen! – mit allem, was sie taten, in der gleichen Zeit das Reich des Todes aufbauen halfen, daß sie die Bühne aufstellten, auf der der schrecklichste und furchtbarste Totentanz gespielt werden sollte, den die christlich-abendländische Zivilisation je sah und der in gewisser Hinsicht – da hast Du einfach recht – ihr Ende geworden ist. Es mag kein Zufall gewesen sein, daß die Baumeister dieses grandiosen Totenreiches, in dem der »Fürst dieser Welt« seine Herrschaftsformen entfaltete – am Ende selbst den Tod wählten. Er war immer schon das Vis-à-vis ihres Daseins und ihrer Entscheidungen. Die Todeskapsel war ihre letzte Medizin. Wo der Tod regiert, da gibt es keine Gemeinschaft. Der Tod lebt vom Eigennutz. In diesem unheimlichen Reich lebte unsere Bruderschaft, hier lernten wir, Brüder zu sein und – an das Leben zu glauben, nicht nur an das ewige, sondern auch für das irdische uns einzusetzen.
Eben um diesen Einsatz für das Leben geht es nun heute, auch hier wird eine verschworene Bruderschaft nötig sein, in anderer Zusammensetzung und in anderem Rang, um dem immer noch drohenden Tod das Leben abzuringen. Denen, die Ost und West unversöhnlich gegeneinander setzen, wird diese Bruderschaft entgegen stehen als eine reale, lebendige Kraft. Sie wird wissen und wissen müssen, daß wir das Leben nur im Miteinander von Ost und West wieder gesunden lassen können. Bei dieser Bruderschaft wird vor allem eins geächtet sein müssen: der Kalte Krieg. Er wird dort keinen Raum finden, wie eine Täuschung, eine Lüge, etwas wirklich Böses dort fehl am Platze ist, wo das Leben und der Frieden einziehen sollen. Im Kalten Krieg kann es das nicht geben, was es in unserer Gemeinschaft von morgen geben wird und was schon hier und da am Wachsen ist: die wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch und das Sehen der Realitäten. Der Kalte Krieg hat die entgegengesetzte Wirkung. Er mutet einen heute an wie eine Zerteilung des ganzen Leibes der einen Menschheit. Für Europa ist er tödlich. Aber können wir als Christen die Menschheit zerteilen lassen? Können wir da mitmachen, können wir das geschehen lassen? Das wäre für die Kirche ebenso verderblich wie wenn wir uns im Dritten Reich von der Wurzel Israel hätten absprengen lassen. Damals ging es um den Gnadenbund, jetzt geht es um den Schöpfungsbund. Bei uns hier wundern sich die Leute, oftmals auch gut orientierte und im Kirchenkampf bewährte, daß Karl Barth, Niemöller und wir alle nicht auf die Formeln des »Kalten Krieges« zu bringen sind. Die Gedanken- und Sprachgleichschaltung gelingt wieder einmal nicht! Aber sie haben keinen Grund sich zu wundern. Es geht um dieselbe Frage wie damals. Hier wie dort wird eine künstliche Spaltung vollzogen, hier wie dort das Zusammengehörige zerrissen, hier wie dort ein Teil als Ganzes gesetzt. Doch wie der Frieden in der Kirche der Frieden ist zwischen Israel und den Heiden, so wird der Frieden auf Erden darin seine reale Wurzel haben, daß wir die Spaltung der Menschheit wegen ihrer Systeme und Ideen nicht zulassen. Es kann frei- | 129 | lieh ein Entweder-Oder geben, das den Frieden zu einer verkehrten Sache macht, aber so wie die Dinge in Europa liegen, wie sie vor allem von Deutschland her gesehen liegen, ist der »Kalte Krieg« eine Erbschaft, etwas, das aus jenem fürchterlichen Gestern stammt, als Hitler den Antikommunismus zur Grundlage der deutschen Innen- und Außenpolitik erhob. Darum – weg damit. Der Kalte Krieg kommt nicht aus dem Glauben, er ist gegen die frohe Botschaft von Jesus Christus.
Wo Freunde hüben und drüben bereit sind, das Untier »Kalter Krieg« von beiden Seiten zu packen und dorthin zu werfen, wohin es gehört, dann muß Raum werden für das andere – oder bin ich da ein Utopist – das, was wir seit mehr als einem Menschenalter in seiner wahren Gestalt nicht mehr kennen: den Frieden. Wirklich Frieden auf Erden, – nicht nur innerlich, nein, auch äußerlich. Nicht ein ewiger Friede, aber doch Frieden nach all dem Entsetzlichen, was unsere Zeit gesehen und was nicht ohne unsere Schuld in ihr Ereignis wurde. Es geht heute alles um den Frieden. An ihm hängt Leben und Recht, Wohlfahrt und Kultur. Wer weiß, daß der jetzige Zustand kein Friede ist, daß dieser in erster Linie ein geistiger Prozeß ist und dann auch ein politischer, der wird im Kalten Krieg sein verführerisches Gegenbild erkennen. Wir haben zu wählen zwischen dem Frieden und der Fortdauer des Kalten Krieges. Ein Drittes gibt es nicht. Wird die Bekennende Kirche hierin einen neuen Faktor bilden können, wird sie diesmal Brüder von der anderen Seite zur Hilfe haben, wird sie umfassend und groß sein, oder wird sie wieder scheitern an der Unaufmerksamkeit und Härte der Menschen, an ihrem Doktrinarismus, an ihrem Wohlleben, an dem Haften an nichtssagenden Erfolgen, an der ganzen Immoralität, in der wir immer noch drin stecken. Diese Frage geht durch Deinen ganzen Brief. Laß mich jetzt dazu kommen und zu drei Punkten Stellung nehmen, die Du dort hervorhebst.
Zunächst: Du sagst sehr überzeugend »Der Kampf der Bekennenden Kirche hat mit einem Sieg geendet«. Laß uns diesen Satz ein wenig näher ansehen. Du hast in gewisser Hinsicht recht. Aber dann schränkst Du den Satz ja selbst gehörig ein. Freilich, es war schon ein Sieg da mitten in unseren Niederlagen. Es wäre undankbar gegen Gott, wollten wir vergessen, was er uns geschenkt, wollten wir nicht sehen, daß er uns in der Stunde höchster Gefahr mutige und klarsehende Männer gab, die uns sagten, wo der Weg der Kirche ging. Es war eine große bewegende Zeit und man kann sie nicht aus dem Sinn bekommen, auch wenn man sich heute wieder an den Alltag der Kirche zu gewöhnen hat. Und doch, es gibt einige gewichtige Faktoren, die es uns schwer machen, vom Sieg zu reden. Theologisch – vielleicht war es da wirklich ein Sieg, aber praktisch? aber ethisch? Es ist kein Zufall, daß die Fragen der Theologen, die aus der Bekennenden Kirche kommen, nach diesem Krieg in erster Linie auf dem Felde der Nachfolge, des Ethos, der praktischen Bewährung liegen. Da ist unter den bedenklichen Punkten zuerst einmal die Judenfrage zu nennen, die uns innerlich bis heute zu schaffen macht. Wir haben nicht klar genug gesehen, was erst langsam in uns allen – mit wenigen Ausnahmen, die es vorher wußten – gedämmert hat, daß der Angriff auf die Juden Ihm galt, Jesus Christus selbst. Wir haben theologisch zwar an der Menschheit Jesu Christi festgehalten, aber daß dieser Mensch ein Jude war, das haben wir dogmatisch oder im Sinne eines allgemeinen Humanismus ethisierend für irrelevant erachtet. Wir haben den inneren Zusammenhang zwischen dem alten und dem neuen Bund weniger klar und scharf gesichtet als es der Gegner tat, der die schwächste Stelle in unserem modernen Christen- | 130 | tum erspäht hatte. In diesem Falle lag die Decke eher vor den Augen der Kirche als über der Synagoge. Wir haben nicht gesehen, daß wir mit der Entwurzelung aus Israel unsere Ökumenizität als Kirche verlieren sollten und verloren hätten. Und die Leiden, über denen uns hernach die Augen aufgegangen sind, sind zum geringsten Teil unsere Leiden gewesen. Alles das mußte erst aus unserem Versagen heraus erkannt und uns eröffnet werden und wenige waren so klar wie Karl Barth, der damals den Satz prägte, daß Antisemitismus heute die Sünde gegen den Heiligen Geist sei. Sie war es auch. Wer damals seine jüdischen Freunde nicht preisgab, den behütete dieses Bekenntnis an seiner Seele. Es war ein erstaunliches Geheimnis, dem wir damit auf die Spur gekommen sind. Aber der Preis! Ist er nicht allzu hoch? Wer wird diese Schuld einmal von uns und unseren Vätern – denn dort begann es – nehmen? Hier liegt der Grund, warum viele Menschen bei uns heute abgedrängt werden und sich abdrängen lassen in den bloßen Genuß, in das Geld, in die Arbeit, in die Leistung, kurzum in allerlei Dinge des Verges- sens. Die Opfer der anderen sind unsere unbewältigte Vergangenheit und es ist ein Weniges, was die Bekennende Kirche theoretisch erkannt und praktisch geleistet hat, um diese Menschen zu retten, die dem Tode und der Qual zugeführt wurden. Was muß geschehen, damit wir das hinter uns bekommen? Wie kann ein Volk rein werden, das den – freilich vergeblichen – Aufstand gegen Israel und seinen Gott hinter sich hat? Verstehst Du, daß diese Frage immer wieder aufbricht, sobald wir etwas tiefer zu graben beginnen?
Das zweite, was uns im Augenblick der Entscheidung gefehlt hat, war unsere mangelnde Solidarität mit den Sozialisten. Ich meine das nicht im weltanschaulichen Sinne, das ist eine Frage für sich, aber im Praktischen, im Handeln. Hitler sah uns als Einheit an wie Nietzsche, Christen und Sozialisten sind das Tschandalahgesindel, das verschwinden muß, wenn der höhere Mensch, der Übermensch geboren werden soll. Beide, so meinte er als Prophet der Herrenmoral – die dann auch danach aussah! – seien Träger des Ressentiments, der Moral der Schlechtweggekommenen und der Kleinen. Es war wie eine Gigantomachie zwischen Nietzsche und Marx, was wir damals erlebt haben. In dieser Sache waren wir nicht heiß oder kalt, sondern sind lau geblieben. Das hängt uns bis heute nach. Wir haben zwar versucht, im Sinne der bürgerlichen Humanität und im einzelnen zu helfen, was oftmals bedeutsam und nicht immer ungefährlich war, und seine Frucht getragen hat, aber es genügte nicht. Hier ist schon 1933 etwas falsch gelaufen. Wir mußten, als die ersten Konzentrationslager eröffnet und deutsche Menschen, ungeachtet ihrer bürgerlichen Ehre und ihrer Unschuld, dort hineingeworfen wurden, um gebrochen und vernichtet zu werden, nur weil sie Marxisten waren, ein lautes, klares Nein sagen als Kirche im Ganzen, ganz gleich, wie diese Menschen und ihre Bewegung zur Kirche stand. Hier ging es um das Recht der rechtlos Gewordenen. Hier nahm eine »Klasse« Rache an der anderen. Hier hätten wir nach Martin Luthers Wort eigenes Ansehen und eigene Gerechtigkeit stellvertretend wirksam sein lassen müssen, gerade als Glieder der bürgerlichen Schicht gegen diese grausame Perversion. Bis heute schwelt diese Schuld weiter und steht immer noch zwischen den Deutschen hier und den Deutschen drüben, zwischen den sogenannten »kirchlichen« Kreisen und den Sozialisten. Ich sage das nicht erst heute und nicht post festum. Angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus und seiner ersten Taten habe ich zu zweifeln begonnen an der Redlichkeit meines Standes und | 131 | an der sittlichen Tragfähigkeit der politischen Parteien, die rechts stehen. Was nützte es, daß man der Kirche soviel versprach, daß man Schulgebete und Gottesdienste staatlicherseits einführte – auch der Tag von Potsdam wurde im Zeichen dieser neu geschaffenen Lage begangen! – es stellte sich bald für die Kirche heraus, daß sie betrogen war. Was hätte es bedeutet und was hätte es unter Umständen verhindert, wenn die Kirchen, und zwar die katholische wie die evangelische, hier nicht an ihre Existenz gedacht hätten, sondern an die Gerechtigkeit Gottes und das Recht, auch und gerade in dieser Situation, wo es nicht die bürgerlichen Stände anging und wo die Kirche zeigen konnte, daß sie glaubt, was sie verkündigt, daß Gott das Schreien der Elenden hört. Er hat’s gehört. Das ist der zweite verpaßte Augenblick, der schwer auf uns lastet.
Das dritte Moment unserer Verfehlungen ist der Krieg. Als der Krieg ausbrach, wußte ich, daß ein wesentliches Anliegen der Bekennenden Kirche verloren war. Nun wurde mit Blut diese entsetzliche Weltanschauung ins Buch der Geschichte eingetragen. Es war zwar eine große Sache, daß 1938 eine Gebetsliturgie herauskam, die alle Schrecken des künftigen Krieges beim Namen nannte. Aber sie wirkte nicht mehr. Ihre Verfasser wurden der Freiheit beraubt. Die Bischöfe der intakten Kirchen und die kirchlichen Behörden rückten mit Entsetzen von dieser Liturgie ab und sagten das öffentlich. Die Bruderräte standen allein, verfemt, galten als Feinde der Nation. Niemöller war verhaftet, die Organisation der Bekennenden Kirche zerschlagen und auf die Provinzen abgedrängt. Der Krieg stand vor der Tür, die Bekennende Kirche war stärker der Verfolgung freigegeben als je vorher. Aber gleichwohl: es ließe sich doch der Fall denken, daß wir dem Krieg eine ganz andere Barriere in den Weg gelegt hätten, als es so geschehen ist. Denn man kann etwas gegen den Krieg tun. Viele Menschen denken auch heute noch, daß Kriege Naturereignisse sind und übersehen, daß sie von Menschen gemacht und auch von Menschen verhindert werden können. Martin Niemöller hat einmal gesagt, wenn 4 000 oder 5 000 Pfarrer damals »gesessen« hätten, dann wäre vielleicht Chamberlain nicht nach München gekommen. Wie man auch über so etwas denken mag, es zeigt nur, daß wir in der Bekennenden Kirche gegenüber dem letzten Krieg kein gutes Gewissen haben können. Wir haben nicht rechtzeitig genug und nicht klar genug dagegen Stellung bezogen. Die Hoffnung auf die Haltung der Reichswehr gegenüber der Partei war von vornherein falsch. Das eben war die Schwäche des 20. Juli. Die Bekennende Kirche war die eigentliche Hoffnung gegen den Sieg des Nazismus in Deutschland, das haben damals nur wenige gesehen. In den großen geschichtlichen Katastrophen sind die Menschen blind. Wahrscheinlich hat sich der nazistische Staat den Weg nach vorn schon vorher freigekämpft, indem es ihm gelang, die Einheit der Bekennenden Kirche zu zerbrechen. Nach der Synode von Oeynhausen waren wir nicht mehr in der Lage, wirklich einen geschlossenen Widerstand gegen den Aufmarsch des Staates zum Krieg und zum Überfall der Nachbarstaaten zu leisten.
Wir stehen heute wieder vor einer ähnlichen Lage. Kann die Kirche etwas dazu beitragen, daß Kriege verhindert werden? Gehört das zu ihren Befugnissen? Man wird kein allgemeines Gesetz darüber aufstellen können, aber in concreto, und wenn ich rückblickend sehe, wie man die Bekennende Kirche zermürbte, um sich den Weg zu dem freizukämpfen, was man dann Krieg nannte und was schlimmer war als ein normaler Krieg, dann ist mir | 132 | klar, daß die Kirche sich nicht soweit privatisieren lassen darf, daß die großen Fragen sozialer Gerechtigkeit, Krieg und Frieden, Völkerrecht und Völkergemeinschaft sie nicht mehr tangieren. So ist das Evangelium nie gemeint gewesen. An diesem Punkte sind wir bis heute geteilt in unserer evangelischen Kirche Deutschlands. Hier sind ganz unverständliche Rückfälle in ein Denken eingetreten, das wir vor 20 Jahren für völlig unmöglich gehalten hätten. Das kommt daher, daß wir das Versagen der Christenheit angesichts des letzten Krieges noch längst nicht in seiner Tiefe begriffen haben. Hat also die Bekennende Kirche gesiegt? Wir werden Ja und Nein sagen müssen und das Wort vom Platzregen, der bald wieder von der Sonne aufgeleckt wird, bekommt erneut sein Recht. Nur indem wir unser Versagen von damals ernst nehmen, werden wir den Weg, den wir geführt wurden, wieder finden. Die mächtige Tatsache, daß wir »weiterleben« ist noch kein Beweis, daß die Weise, wie wir weiterleben, die rechte ist und in ein verheißungsvolles Morgen führt.
Das führt mich zu dem zweiten Punkt, den ich aus Deinem Brief als so wesentlich entnehme und der zudem im Augenblick durch die Bemühungen der großen Mächte um den Frieden mit Deutschland eine Dir vielleicht damals noch kaum bewußte Aktualität erlangt hat. Du schreibst: »Es ist alles anders gegangen als man in Deutschland seit einigen Jahrzehnten, vielleicht seit einem Jahrhundert erhofft hatte. Der Drang nach Osten ist in einer fast unvorstellbaren geschichtlichen Katastrophe zusammengebrochen. Dieser Zusammenbruch … hat wie ein Erdbeben gewirkt… aber auf den Ruinen der so nahen Vergangenheit, wo Millionen, ja Zehnmillionen Menschen grausam vergingen, wo menschliche Schuld zum Himmel schreit, muß man sich, so denke ich, mit der nationalpolitischen und sozialkulturellen Lage anders auseinandersetzen, als wenn es sich bloß um geläufiges Recht und Unrecht in normalen Zeiten handelte. Der osteuropäische Mensch steht an der Elbe. Er wurde – kann man fast sagen – wider seinen Willen hingeführt.« Es sind in diesen paar Sätzen einige Wahrheiten gesagt und Probleme angerührt, die in die letzte Tiefe führen und die auch in unserer Bruderschaft eines Tages sich zu Worte melden werden, ob wir hier Rat und Hilfe wissen. Ich selbst weiß mich durch diese Sätze ebenfalls persönlich betroffen. Denn ich stamme ja nicht nur aus dem deutschen Osten, sondern ich habe dort begriffen und erlebt, was Heimat bedeutet und werde das gewiß nie vergessen können wie unzählige andere, die einstmals als Bauern, Gelehrte, Pastoren, Kaufleute und was weiß ich in diesem deutschen Osten zu Hause waren. Heimat ist eine große Sache und die sie noch haben, können an uns lernen, wie man sie verspielen kann, obschon einen niemand bedroht. Ich muß einmal etwas sehr Persönliches hinzufügen. Ist es nicht seltsam, daß wir in den schönen und fruchtbaren Jahren nach dem ersten Kriege – die Weimarer Republik hat ja wirklich etwas aufgebaut und die geistige Leistung jener Epoche steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir heute haben, – nichts ahnten von der Wetterwolke, die sich über uns zusammenzog? Daß eine ganze Epoche, eine ganze Generation so ahnungslos sein kann, nicht zu begreifen, daß da an der Wand die Geisterschrift des Untergangs sichtbar wird. Ob es nicht heute ähnlich ist, wenn wir nicht bald eine ganz entscheidende Wendung vollziehen?
Aber Du hast recht: es gab sofort nach dem ersten Weltkrieg bei uns diesen Drang nach Osten. Englische Historiker, die einige kluge Bücher über das Dritte Reich geschrieben haben, dürften richtig sehen, wenn sie sagen, daß der | 133 | Drang nach Osten das eigentliche und auch von den Nicht-Nazis bejahte Ziel in der deutschen Politik gewesen sei. In diesem »Drang nach dem Osten« lebte Gutes und Böses hart nebeneinander. Es lebte da im guten Sinne eine Art Neugier, ein Interesse und eine Offenheit für das, was im Osten geschehen war und noch geschah. Gerade der Sozialismus – und die dialektische Theologie! – hatten beide einen neuen Sinn für den Osten in unserem Volk erschlossen. Man sehe sich nur einmal an, was an Übersetzungen besonders von russischer Literatur aus dem 19. Jahrhundert, aber auch von Revolutionsliteratur damals erschienen ist. Daneben aber stand schon damals der Antikommunismus und Militarismus. Das sehen wir von rückwärts deutlicher. Was für ein klares Licht liegt heute über den Fehlern, die wir nach 1918 gerade dem Osten gegenüber gemacht haben. Was gibt es hier zu tun und aufzuklären. Auch hier ist Umkehr und Buße der einzige Weg, um wirklich Geschichte zu verstehen, um uns in unserer Geschichte zu verstehen. Aus den abstrakten Begriffen — da hast Du ganz recht – wie Heimat, Menschenrecht, geschichtliches Erbe und was dieser Dinge mehr sind, ist nichts zu gewinnen. Wer durch dieses Glas die Lage ansieht, und so tun es ja vielfach unsere Historiker und Juristen, der wird nur neue Verkehrtheiten zu den alten häufen. Das ist Gesetz und nicht Evangelium. Denn man muß in der Tat bedenken, was der heutigen Situation voranging. Gesät, geistig vorbereitet, wurde das alles durch den ersten Weltkrieg und den Nationalismus, der bei uns übrig blieb. Uns blieb aus der Bismarckisch-Wilhelminischen Epoche ein Nationalismus ohne Realität. Er versuchte sich am Osten schadlos zu halten, nachdem ihm im Westen Grenzen gesetzt waren. Das ist heute noch unsere Not. Hier hat noch nicht die rettende Wendung eingesetzt. Wir leben geistig immer noch in einem Gefüge, das nach außen keine Realität besitzt. Die Bilder, die uns von innen her bestimmen, auch unsere Politik festlegen und in den Reden unserer Parlamentarier aufblitzen, stimmen mit wenigen Ausnahmen nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Sie sind Träume und Dogmen. Es ist ungeheuer schwer für einen Deutschen, zu sehen, was mit ihm passiert ist. Es geht uns wie einem Manne, dem ein Bein amputiert wurde, der aber nicht weiß, daß dem so ist und den seine Nerven täuschen, so daß er glaubt, er werde eines Tages wieder richtig laufen können. Das werden wir im Sinne unserer bisherigen Geschichte nie wieder vermögen, trotz allem, was uns freundliche Leute aus Ost und West dazu ins Ohr sagen. Das eben ist die Schwierigkeit. Einmal, wer sagt uns so vollmächtig, daß es wahr und doch nicht ohne Liebe, ohne wirklich echte Liebe zu Deutschland und dem deutschen Volk ist, was wirklich mit uns geschehen ist? Wer führt uns brüderlich, menschlich verstehend an die Realität heran, die unsere Realität geworden ist? Die Wahrheit allein, die nackte, kalte Wahrheit tut es nicht. Das weiß jeder Leidende und – jeder gute Arzt. Wer zerbricht das illusionäre Gebäude, in das wir uns nach der ungeheuren Katastrophe geflüchtet haben? Heute betrügen wir uns durch allerhand Nebensächlichkeiten und Erfolgschancen. Wir drücken uns vor der Geschichte bezw. wir versuchen das, aber es wird nicht gelingen.
Dabei schiene mir dreierlei wirklich hilfreich zu sein. Einmal die Erkenntnis, was die Nationen und was die Menschen im Osten unter uns gelitten haben. Wir wissen viel zu wenig darum. Ich habe immer wieder in Erfahrung gebracht, daß, wenn ich einiges davon unseren Menschen aus dem Osten berichtete, ein tiefes Verstehen durch die Reihen ging. Das Leid, das Millionen | 134 | von Menschen unseres Volkes hernach traf, hat den Boden eines echten Verstehens bereitet, wenn sich nur rechte »Seelsorger« finden, die aus solcher Tiefe heraus die Wunden zu heilen beginnen, die der Krieg und sein Ausgang geschlagen hat. Vor allem, wir müssen mehr wissen und wir müssen tiefer, verstehender, besser davon reden. Es ist vor kurzem das Buch eines amerikanischen Historikers erschienen: Alexander Dallin ›German Rule in Russia 1941-1945. A study of occupation policies‹. Das ist nur den Akten deutscher Befehlsstellen bei der Occupation der UdSSR entnommen und zeigt u. a. die Absichten, die wir mit den Bewohnern Rußlands hatten. Es ist furchtbar zu lesen, und würde so hilfreich sein, wenn mehr Menschen davon wüßten, dann hätten wir wirklich ein Bild von dem, was man »den Drang nach dem Osten« nennt, was sich bei uns Gauleiter und andere Befehlsgewaltige darunter vorstellten.
Es ist hier auch kirchlich das schwerste Stück unserer Arbeit noch ausgespart. Das Schuldbekenntnis, das die Männer der Bekennenden Kirche 1945 ablegten, ist fast einseitig als an die westliche Adresse gerichtet verstanden worden – und hat auch da noch genügend Widerspruch gefunden – aber Schuldbekenntnisse müssen total sein, sie dürfen nicht einen, und zwar den am meisten betroffenen Teil ausnehmen, sie dürfen nicht taktisch verstanden werden, sie müssen wirklich die faktische, die reale, die himmelschreiende Schuld selbst meinen, die am Tage liegt. Sie müssen die Zunge lösen und die Dämonie des Stummseins heilen. So war das Stuttgarter Bekenntnis auch ursprünglich gemeint. Aber es war, solange wir so wenig Kontakte mit dem Osten und den Kirchen des Ostens hatten, schwer zu konkretisieren. Erst seitdem wir uns begegnen, ist das aktuell geworden. Es war aktuell bei allen Besuchen, die von uns bei der russischen Kirche stattfanden, allen voran Martin Niemöller, aber auch wir haben es dann wunderbar und überwältigend erfahren, wie die Christenheit in Rußland uns unser Wort abnahm und wie sie auch unser Leid verstand. Wir müssen große Geduld haben. Ein so furchtbares Geschehen wie der Nationalsozialismus und der zweite Krieg heilen nicht so schnell in der Seele der Menschen. Es wird aber Heilkräfte geben und es wird eine Zukunft geben, die besser ist als die Vergangenheit, die vor unseren Augen versunken ist. Das zweite, was mir hilfreich erscheint, ist Dein lapidarer Satz »der osteuropäische Mensch steht an der Elbe«. Es könnte das doch – ich meine nicht im Sinne einer Ideologie, sondern der geschichtlichen Realität – die Rettung, auch unsere Rettung sein. Ich weiß, daß man mir das hier bei uns noch nicht leicht abnimmt, aber diese Dinge ändern sich. Unser Volk ist keine statische Größe, in der Tiefe unseres Volkes sitzt trotz seines momentanen Strebens nach einem besseren Lebensstandard ein ganz anderes Gefühl und ein echtes Wissen um Leid und eine große Sehnsucht nach Verstehen mit den Menschen im Osten. Eines Tages bricht das durch, gerade aufgrund ähnlichen seelischen Erlebens. Was wir heute weltanschaulich hier bei uns im Westen haben, ist ein Ringen zwischen Echtem und Unechtem. Je näher wir an das Volk und sein wirkliches Erleben herankommen – und das ist die kommende Aufgabe der Dichter, des Schauspiels, der Gelehrten, der Pfarrer – desto mehr wird sich zeigen, daß die Begegnung mit dem »osteuropäischen Menschen« unumgänglich geworden ist, und zu den großen Hoffnungen der Menschen in Europa gehört. Es bereitet sich hier Wesentliches vor, nicht nur in Deutschland.
Der »osteuropäische Mensch« muß ja nicht als unser Feind an der Elbe | 135 | stehen, er könnte auch als der Freund dastehen, der uns hilft, über die Misere des Zusammenbruchs wegzukommen und die neue Epoche im Zusammenleben der Nationen Europas zu beginnen. Was wir von 1918 bis 1933 erlebt haben, war in Wahrheit nur ein Waffenstillstand. Das in den Pariser Vorortsverträgen geschaffene Zwischeneuropa war ein eiserner Vorhang, 1000 km weiter östlich, als er heute liegt. Damit, daß dieser Vorhang so weit westlich, bis an die Elbe gerutscht ist, wird er sich selbst auflösen mit der ganzen, wahrscheinlich fehlsamen Nachkriegskonstruktion, die Europa 1918 gegen Rußland hermetisch abzuschließen trachtete. Es könnte doch sein, daß die Anwesenheit des osteuropäischen Menschen im Herzen Europas für Europa eine neue Zeit bedeutet, und zwar die Zeit eines echten, fruchtbaren Zusammenlebens europäischer Nationen, die immer noch ein großes Erbe zu verwalten haben. Warum sollen wir nicht wirklich am Anfang einer fruchtbaren Epoche stehen, die wir nur verzögern, wenn wir zurückblicken wie Lots Weib es tat. Es könnte freilich sein, daß uns ein Rückblick besonderer Art nottäte, weil es nicht mehr die Geister des 19. Jahrhundert sein werden, die uns dabei helfen, Metternich und die Heilige Allianz und die Bismarcksche Reichsgründung, sondern eher das 18. Jahrhundert mit Lessing und Hamann, Goethe und Herder, mit Kant und Hegel und dem Freiherrn vom Stein. Es muß eine Epoche des Schenkens sein, echtes, geistiges Leben ist immer schenkendes Leben. Ihr werdet uns reich machen und wir werden versuchen, Euch zu geben, was aus dem Schatz unseres Geistes zu geben ist. Du sagst, wir müßten vielleicht 100 Jahre zurückgehen. Es kann sein, daß die Operation an einzelnen Stellen noch tiefer einschneiden muß. Frieden und Neugeburt hieße, daß das Gleichgewicht zwischen Ost und West endlich gewonnen ist und unser Volk in dieser Zwischenlage seine Ruhe findet. Um das zu verwirklichen, müßten wir als Drittes ein konkretes Ziel ins Auge fassen, gerade weil uns von der geistigen Ebene her ein Neues aufleuchtet, muß ihm ein Konkretum entsprechen, da sonst alles Spiel und freie Phantasie bleiben würde. Es müßte so etwas wie das mit dem Rapackiplan Angestrebte verwirklicht werden, es müssen die nämlichen politischen Bedingungen geschaffen werden, die das Miteinander der mitteleuropäischen Nationen ermöglichen. Ein atomwaffenfreier Raum in der Mitte Europas, das wäre ein Anfang und eine große Verheißung. Es wäre der erste Stein einer wirklich praktischen Neuordnung im Sinne eines Friedens, der so weitreichend ist, daß alle Ordnungsbilder, die wir nach 1918 in- und außerhalb Deutschlands entworfen haben, dagegen verblassen. Das ist jedenfalls meine Meinung. Das würde ein vom gemeinsamen Raum aus gestaltetes Zusammenleben ergeben, es würde uns mit der Freundschaft der Nationen im Osten etwas schenken, was mehr ist als alles, was wir verloren haben und das gemeinsame Schicksal, das diese Völker miteinander erlitten haben, bekäme seine geschichtliche Gestalt. Du hast völlig recht. Wir können uns als Christen von diesen Fragen nicht dispensieren. Sie sind nicht Glaubensfragen ersten Ranges, sie sind aber der Lichthof, der um den Glauben herum liegt. Sie sind wirklich ein Lichthof und ich hoffe nur, daß die Prager Konferenz so etwas wie ein Leuchter dazu sein könnte.
Nun muß ich noch kurz und nicht so eingehend, wie er es verdiente, den letzten Punkt anrühren und damit das, was mich in dem Ganzen Deines Wirkens und Schreibens und im Fundament unserer Freundschaft so stark beeindruckt. Das ist das Drängen auf den Glaubensrealismus, das Dir zu eigen ist. Nichts ist schlimmer als die Verbindung von Glaube und Illusion. Und | 136 | wie häufig ist sie? Sie ist wahrscheinlich die Häufigere und war das Anliegen der Heilspropheten gegenüber dem Realismus eines Amos und eines Jeremia. Sie war wohl im Grunde genommen auch das Motiv im Prozeß gegen Jesus, während dieser wußte, was zum Frieden von Jerusalem gedient hätte. Du schreibst: »Mein Anliegen geht dahin, zu zeigen, daß gerade die Kirche Jesu Christi und ihre Theologie mutig der Geschichte ins Auge schauen und die gegenwärtige Wirklichkeit in aller Nacktheit und Unerbittlichkeit erfassen müsse.«
Realistisch nannte Luther seine Theologie gegenüber der Scholastik. Realistisch ist alle Theologie, die nicht hereinfällt auf und nicht verführt wird zu dem erdachten Gott, dem Gott, der seine Gestalt gewinnt aus unseren Träumen und Vorstellungen, Bildern und Wünschen, sondern die sich hält an den wirklichen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart und der sich in ihm anders kund getan hat als wir Menschen hofften und erwarteten. Realismus heute bedeutet für mich Umkehr und denken aus der Umkehr heraus. Es bedeutet, daß wir bereit sein müssen, auch das zu überprüfen, was uns durch manche lieb gewordene Tradition geheiligt erscheint. Wir werden nirgends zu echter Erkenntnis und wirklicher Einsicht gelangen, auch nicht zu der Kraft weltüberwindender Liebe, wir werden nicht sehen, was zu sehen ist, und alles wird vor unserem getrübten Blick verschwimmen, wenn wir nicht jenes metanoeite hören, das Schmerz und Freude zugleich ist. Wir werden viel Geduld gebrauchen, denn das, worauf es bei diesem Realismus ankommt, läßt sich nicht erzwingen. Es muß eines Tages dasein wie die selbstwachsende Saat, als echte Einsicht, als das wirklich Neue unter uns. Vielleicht können wir noch ein wenig säen und andere werden ernten. Aber das glaube ich denn doch, daß mit der Bekennenden Kirche in Deutschland und über Deutschland hinaus ein Same ausgestreut wurde, der seine Frucht tragen wird. Als Professor von Soden auf der Synode von Oeynhausen den Vorsitz niederlegen mußte, weil seine Gesundheit ihm die Weiterführung nicht erlaubte, und wir alle sahen, daß unsere Gemeinschaft, in der wir bis dahin immer noch gestanden hatten, endgültig zerbrach und Hitler eines seiner Ziele erreicht hatte, sagte er von uns scheidend: »Ich glaube, daß die Bekennende Kirche, das Kind sovieler Tränen, nicht verloren ist«. Vielleicht mußten wir darum oft scheitern, damit Gott etwas Neues, etwas von anderer Größe und Weite aus uns macht als es damals war. Und in der Begegnung mit Dir und mit Euch allen von der Comeniusfakultät haben wir erfahren, daß die Bekennende Kirche nicht tot ist und daß ihre Früchte nicht verwelken.
Stets Dein
Hans Iwand
Erstveröffentlichung: Communio Viatorum 2, 1959 [Heft 2/3] 126-136. Zum 70. Geburtstag von Hromádka (8. Juni 1959).
Quelle: Hans Joachim Iwand, Frieden mit dem Osten. Texte 1933-1959, hrsg. v. Gerard C. den Hertog, München: Chr. Kaiser, 1988, 91-96.