Ernst Cassirer über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise (Vom Mythus des Staates, 1945): „Der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen.“

Über das Wiederkehr des Mythus in der Gesellschaftskrise

Von Ernst Cassirer

Die mythische Organisation der Gesellschaft scheint von einer vernünftigen Ordnung überlagert zu werden. In ruhigen und friedlichen Zeiten, in Perioden relativer Stabilität und Sicherheit, wird diese rationale Organisation leicht aufrechterhalten. Sie scheint gegen alle Angriffe gesichert zu sein. Aber in der Politik ist das Gleichgewicht nie vollständig etabliert. Was wir hier finden, ist eher ein labiles als ein statisches Gleichgewicht. In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens des Menschen sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den Mythus wieder gekommen. Denn der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen.

Quelle: Ernst Cassirer, Vom Mythus des Staates, Hamburg: Meiner, 2015, S. 364.

Hinterlasse einen Kommentar