Theophil Wurm, Brief an die durch Fliegerangriffe schwer betroffenen Gemeinden in Rheinland und Westfalen (1943): „Wir sind durch die Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes gelehrt, dass alles von Gott kommt und dass kein Haar von unserm Haupte fällt ohne den Willen unseres himmlischen Vaters. Auch wenn Menschen uns Leid zufügen und Tod und Verderben über uns bringen, tun sie es nicht, ohne dass der heilige Gott sie gewähren lässt. Für den, der den Vater Jesu Christi nicht kennt aus der Heiligen Schrift und aus den Führungen seines Lebens, ist dies ein schrecklicher Satz; er wird ihm zur Ursache heftigster Anklagen gegen Gottes Weltregiment. Ein solcher mag fragen: War es nicht eine verdorbene Einbildungskraft, die ein solches Ungeheuer erfand und Gott hieß?“

Brief an die durch Fliegerangriffe schwer betroffenen Gemeinden in Rheinland und Westfalen

Von Theophil Wurm

Stuttgart, 20. Juni 1943

Liebe Brüder und Schwestern!

Aus der Verbundenheit des evangelischen Glaubens heraus möchten wir Euch ein Wort sagen, das Euch in Eurer furchtbaren Not ein wenig aufrichten und trösten kann. Da wir selbst, wenn auch bis jetzt in geringerem Ausmaß, die Schrecken der Zerstörung der Häuser und Vernichtung der Menschen durchgemacht haben und jederzeit darauf gefasst sein müssen, dass wir dieselbe Steigerung der Leiden und Nöte erleben müssen wie Ihr, so werdet Ihr unser Wort nicht als unverbindliche Redensart Außenstehender, sondern als den Zuspruch der in gleicher Lage um Klarheit und Ruhe ringenden Brüder aufnehmen.

Wir sind durch die Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes gelehrt, dass alles von Gott kommt und dass kein Haar von unserm Haupte fällt ohne den Willen unseres himmlischen Vaters. Auch wenn Menschen uns Leid zufügen und Tod und Verderben über uns bringen, tun sie es nicht, ohne dass der heilige Gott sie gewähren lässt. Für den, der den Vater Jesu Christi nicht kennt aus der Heiligen Schrift und aus den Führungen seines Lebens, ist dies ein schrecklicher Satz; er wird ihm zur Ursache heftigster Anklagen gegen Gottes Weltregiment. Ein solcher mag fragen: War es nicht eine verdorbene Einbildungskraft, die ein solches Ungeheuer erfand und Gott hieß? Ganz anders denkt, wer das oft wunderliche und doch selige Führen Gottes bei sich und andern anbetend hat wahrnehmen dürfen. Ihm ist es die erste Beruhigung in schwerem Unglück, dass er auch das Schwerste aus den Händen dessen nehmen darf, dessen heilige Liebe zu ihm selbst und zu allen Menschen ihm eine tägliche Quelle der Erhebung und Zuversicht ist. „Es kann mir nichts geschehen, denn was Gott hat ersehen und was mir selig ist!“ Wenn Christen einander trösten wollen im Unglück, dann ist dies das Erste, dass sie füreinander bitten: Herr, hilf uns erkennen, dass es Deine Hand ist, die schwer auf uns liegt.

Ja, sie liegt schwer auf Euch, auf uns allen und auf unserem ganzen Volk. Was wird noch alles zugrunde gehen? Und wie sollen die Überlebenden nach dem Verlust all ihrer Habe und ihrer Lieben, nach dem Zusammenbruch ihres ganzen Lebensglückes wieder von vorn anfangen? Welch schwerer Weg liegt vor der so hart mitgenommenen Jugend! Woher sollen betagte Menschen, die ein Recht auf einen ruhigen Feierabend gehabt hätten, die Freudigkeit und Kraft bekommen, ihren Weg weiterzuwandern?

Darauf gibt es von der Heiligen Schrift und von der Erfahrung der Gemeinde Jesu her nur eine Antwort: Aus dem Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen, aus der Anrufung seines Namens, wie die Urchristenheit und wie die Väter in schweren Kriegs- und Verfolgungszeiten ihr Geschick getragen haben. Sie haben immer beides getan: sie haben die Trübsal als eine Heimsuchung aufgefasst, als eine Läuterung und Zubereitung der Gemeinde zu besserer Ausrichtung ihres Dienstes, und sie haben mit ganzer Zuversicht Gott angerufen um die Rettung für sich und das ganze Volk, in dessen Mitte sie lebten. Und dazu noch ein Drittes: sie haben den Aufruf zum Dienst der Liebe an den Schwachen und Elenden gehört und befolgt.

Liebe Brüder und Schwestern, es liegt uns vielleicht nahe, darauf hinzuweisen, dass Gott, der Herr, der menschlichen Überheblichkeit, die die Grenzen des menschlichen Könnens so leicht vergisst, wieder einmal begegnen und den Menschen in seine Schranken zurückweisen musste. Aber wäre der Abfall von Gott und die Verständnislosigkeit für die Botschaft der Kirche so groß geworden, wenn in der Gemeinde allezeit Glaube und Liebe mächtig gewesen wären? Haben wir nicht auch im Raum der Kirche viel zu viel von Menschen und menschlichen Maßnahmen erwartet? Ist ein rechthaberischer und herrschsüchtiger Zug nicht auch mit dorthin gekommen, wo Christus als der einzige Herr geglaubt und angebetet werden soll? Der Herr will, dass wir glaubwürdigere Zeugen seines Wortes werden. Er will, dass wir, entblößt von allem, was wir zum Lebensbedarf und Lebensglück rechneten, dennoch merken lassen, dass seinen Frieden und seine Freude uns niemand nehmen kann; er will, dass wir mit all den herrlichen Glaubensliedern, die wir im Gottesdienst singen, Ernst machen in unserem Leben. Wir merken jetzt, wie schwer das ist und dass wir dazu nicht fähig sind ohne die Gabe seines Heiligen Geistes.

Darum treibt uns die Erkenntnis unserer Lage und Aufgabe ganz von selbst zum Gebet. Aus dem Osten, aus dem Wartheland, ist ein Ruf an uns gekommen, den wir weitergeben möchten, dass wir ganz anders als bisher von dem Vorrecht des Christen Gebrauch machen sollten, zu gemeinsamem Beten um die rechte Buße und das Stillesein vor Gott, um die Herrschaft des Heiligen Geistes, um die erste Liebe, um die Einigung im Gehorsam des Glaubens, um die Fähigkeit zu danken auch im Gericht und für das Gericht und uns zu freuen auf die Erfüllung seiner Verheißungen. Dem einmütigen Gebet seiner Jünger in seinem Namen hat der Herr die größte Verheißung gegeben. Lasst uns davon Gebrauch machen! Nicht durch Schelten und Widerreden, sondern durch innige Fürbitte werden wir, wenn Gott Gnade gibt, auch widerstrebende Geister dafür gewinnen können, dass sie erkennen, wo der Schaden liegt und was zu unserem Heile dient. In priesterlicher Vollmacht dürfen wir eintreten für unser ganzes Volk und den Herrn bitten, er möge ihm seine Barmherzigkeit wieder zuwenden, er möge den Sinn der Mächtigen in allen Ländern dahin lenken, dass dem Wahnsinn der gegenseitigen Zerstörung der Völker und ihrer Kultur ein Ende gemacht wird.

Und wie einst nach den napoleonischen Kriegen das Elend der elternlosen Kinder die Vorläufer der Inneren Mission, einen Grafen von der Recke im Rheinland, einen Christian Heinrich Zeller in Süddeutschland, zuerst auf den Plan gerufen hat, so regen sich auch heute viele Hände, um den der Heimat Beraubten Obdach und Nahrung zu gewähren und sie die brüderliche Verbundenheit fühlen zu lassen. Gott segne alle, die unter empfindlichen Einschränkungen und Opfern darin vorangegangen sind, insbesondere unsere altbewährten christlichen Anstalten.

Lasst uns in allen Erschütterungen der Gegenwart festhalten an dem Wort der Verheißung:

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Lasst uns bitten mit dem 80. Psalm:
Herr Gott Zebaoth, tröste uns, lass leuchten Dein Antlitz, so genesen wir!

Im Namen der Pfarrer und Gemeinden der Württembergischen Landeskirche

D. Wurm

Quelle: Joachim Beckmann (Hrsg.), Kirchliches Jahrbuch für die evangelische Kirche in Deutschland 1933-1944, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 21976, S. 417-419.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar