Peter Stockmeier über Athanasius: „Zum Fanal kirchlicher Freiheit gegenüber staatlicher Obmacht wurde Athanasius durch seine lebenslange Auseinandersetzung mit den Herrschern, um das Bekenntnis von Nicaea zur Geltung zu bringen. Es ist bekannt, dass der Bischof von Alexandrien hierbei nicht zimperlich vorging, doch lässt sich sein Kampf nicht auf eigensüchtige Motive zurückführen. Der Fall Athanasius machte vielmehr die grundsätzliche Problematik jener kaiserlichen Kirchenpolitik offenbar, die im Zuge der ‚konstantinischen Wende‘ das Christentum als religiöse Institution in das Imperium zu integrieren trachtete. Dem Widerstand des Athanasius kommt vor diesem Hintergrund über seine Zeit hinaus eine beispielhafte Wirkung zu.“

Athanasius (ca. 295-373)

Von Peter Stockmeier (1925-1988)

Die Kirchen- und Reichsgeschichte des vierten Jahrhunderts, durch die Religionspolitik Kaiser Konstantins des Großen (306-337) in neue Bahnen gelenkt, ist über Jahrzehnte hinweg mit der Gestalt des Athanasius von Alexandrien gekoppelt. Wie in einem Prisma bündeln sich in ihm die politischen und theologischen Kontroversen der Zeit, und zwar so sehr, daß seinetwegen in der alten Christenheit tiefe Gräben aufbrachen. Der Zwiespalt trennte freilich nicht nur die Zeitgenossen; noch in der Gegenwart schwankt das Urteil über Athanasius vom Bild des machtbesessenen Hierarchen bis zum spirituellen Hirten seiner Gemeinde. Auch das Urteil über ihn als Theologen ist uneinheitlich, die Tatsache jedoch, daß er die Schlüsselfigur in der arianischen Kontroverse darstellt, weist ihm einen hervorragenden Platz in der Geschichte- der Theologie zu. Den Anlaß zum theologischen Konflikt bot die Diskussion um das biblisch-christliche Gottesbild, das in Arius eine unzureichende Deutung erfahren hatte. Das erste ökumenische Konzil von Nicaea (325), eine Demonstration kirchlich-staatlicher Einheit, vermochte zwar gegen seine Lehre von der Unterordnung des Logos das Bekenntnis zur Wesensgleichheit mit dem Vater zu verabschieden, aber weder die Sympathisanten gleichzuschalten noch die theologische Diskussion abzuschnüren. In den aufbrechenden Wirren verkörperte Athanasius die unerschütterliche Treue zum Nicaenum gegen alle Umdeutungsversuche, das Festhalten am biblischen Glauben gegen rationale Auflösung. Diesen theologischen Streit führte er aber nicht auf der Basis eines simplifizierenden Biblizismus, sondern im Verbund mit dem rationalen Argument; als Wegbereiter der Begegnung von Glaube und Vernunft hat man ihn deshalb schon als „Vater der wissenschaftlichen Theologie“ bezeichnet. Ihre eigentümliche Note gewann diese Auseinandersetzung im politischen Rahmen des konstantinischen Zeitalters, das dem Kaiser gemäß antiker Tradition nun auch in der Kirche erheblichen Einfluß ermöglichte. Das Ringen des Athanasius gestaltete sich so unversehens zu einer Kraftprobe zwischen Kirche und Staat, wobei der Bischof von Alexandrien in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch war. Dieser Hintergrund verdeutlicht erst Handeln und Argumentationen eines Mannes, der viereinhalb Jahrzehnte den bischöflichen Stuhl der Hauptstadt Ägyptens innehatte.

I. Leben

Für die Darstellung der wechselvollen Lebensgeschichte des Athanasius läßt sich aus mehreren zeitgenössischen Quellen schöpfen, die es erlauben, sein Wirken und seine Schicksale auch historisch nachzuzeichnen. Neben einigen Schriften von seiner eigenen Hand, wie der Apologia secunda, oder der Apologia ad Constantium enthält der Vorbericht zu den Osterfestbriefen wichtige Daten; außerdem liegt eine lateinische Lebensbeschreibung vor, die freilich am Anfang verstümmelt ist (Historia acephala). Weitere Nachrichten alter Kirchengeschichtsschreiber ergänzen das Bild. Da es sich bei diesen Quellen teilweise um Zeugnisse einer Partei handelt, ist bei ihrer Auswertung Vorsicht geboten, ein Umstand, der freilich weniger den biographischen Ablauf betrifft als das unterschiedliche Urteil über das Verhalten dieses Kirchenmannes. Lebensmittelpunkt des Athanasius war Alexandrien, Ägyptens Metropole, die eine lebendige Tradition griechischer Gelehrsamkeit repräsentierte und den Boden für eine Begegnung des christlichen Glaubens mit antiker Paideia bereitet hatte. Zwar liegen die Anfänge des Christentums am Nil weitgehend im Dunkeln; aber schon im Laufe des zweiten Jahrhunderts verrät das Ägypterevangelium bodenständige Eigenheit neben gnostischen Tendenzen, und gegen Ende tritt die alexandrinische Gemeinde ins Licht der Geschichte, sei es in seiner berühmten Katechetenschule oder auch in der Gestalt ihrer Bischöfe.

Um das Jahr 295 scheint hier Athanasius geboren worden zu sein. Leider geben die Quellen kaum Auskunft über Herkunft und Jugendzeit; gewisse Hinweise lassen auf eine heidnische Familie griechischer Zunge schließen. Eine Nachricht erzählt von dem Bemühen der Mutter, ihren Sohn der Familie zu erhalten; dieser jedoch habe sich ihren Plänen verweigert und sich dem Christentum zugewandt.[1] Hierin wird ein früher Zug zur Askese sichtbar, der seine Verbindungen zum aufkommenden Mönchtum aufschlußreich beleuchtet. In einem Enkomion (Lobrede) berichtet Gregor von Nazianz († um 390), daß Athanasius „bald in den göttlichen Sitten und Wissenschaften unterwiesen worden sei, nachdem er kurze Zeit die enkyklischen Fächer studiert hatte“.[2] Maßgeblich für seine Entwicklung wurde wohl der Dienst als Anagnost (Lektor) in der Gemeinde sowie seine Sekretärstätigkeit beim Ortsbischof Alexander (313-328), der ihn um 319 zum Diakon weihte. Die scharfe Verfolgung der Christen unter Diokletian (284-305) hat der junge Athanasius noch erlebt, freilich mehr an ihren Folgen getragen, entstand doch daraus das melitianische Schisma. Dem Zugriff staatlicher Verfolgungsmaßnahmen hatte sich Bischof Petrus († 311) durch Flucht entzogen, und er leitete aus sicherem Versteck heraus die alexandrinische Gemeinde. In dieser Situation begann aus nicht recht ersichtlichen Gründen der oberägyptische Bischof Melitius († nach 325) Weihen außerhalb seines Sprengels vorzunehmen, ein Vorgehen, das bald den Protest inhaftierter Bischöfe auslöste. Zugang zu der alexandrinischen Gemeinde scheint ein gewisser Arius verschafft zu haben. Als Melitius freilich selbst zur Zwangsarbeit verurteilt wurde und so das Ansehen eines Konfessors gewann, konnte er nach Entlassung gegen die milde Praxis der Wiederaufnahme von Abgefallenen, wie sie von Bischof Petrus geübt wurde, Sturm laufen, eben als Vertreter der „Märtyrerkirche“. Schon im Jahr 306 schloß eine Synode Melitius aus der kirchlichen Gemeinschaft aus und besiegelte damit ein Schisma der ägyptischen Kirche. Zwischen den Parteien schwankend machte Arius schließlich seinen Frieden mit dem Ortsbischof Achillas († 313), wurde von ihm sogar zum Presbyter geweiht und zum Pfarrer an der Baukaliskirche bestellt. Als solcher konnte er auch unter dessen Nachfolger Bischof Alexander seine Anschauungen vortragen. Arius, von Geburt Libyer und in Antiochien theologisch gebildet, genoß in breiten Kreisen Alexandriens Ansehen wegen seiner asketisch geprägten Persönlichkeit und seines gewinnenden Auftretens. Seit 318 trug er als geschulter „Dialektiker“ Auffassungen über das christliche Gottesbild vor, die, mittelplatonischen Spekulationen verhaftet, eine Unterordnung des Logos gegenüber dem Vatergott propagierten. Die beachtliche Resonanz für seine Ideen erklärt sich neben dem innewohnenden moralischen Impuls wohl nicht zuletzt aus der Wiederbelebung origeneischen Gedankengutes. Bischof Alexander, von solchen Lehren beunruhigt, lud Arius zu einer Art Religionsgespräch ein, bei dem der Pfarrer von Baukalis seine Thesen vorlegte, daß nämlich der Sohn Gottes aus dem Nichtseienden geschaffen sei, daß es eine Zeit gab, da er nicht existierte, daß er in seiner Selbstmächtigkeit fähig sei, das Böse wie die Tugend aufzunehmen, und daß er ein Geschöpf sowie eine geschaffene Wirklichkeit sei.[3] Entschieden betonte gegen eine solche Unterordnung die anklagende Partei, darunter enttäuschte Melitianer, die Gleichewigkeit und die Homousie des Sohnes mit dem Vater, eine Meinung, die auch Alexander guthieß, nicht zuletzt weil damit das Erlösungsverständnis aufgrund der Vergöttlichung der menschlichen Natur gewährleistet war. Arius freilich beharrte auf seiner Meinung und gefährdete so erneut die kirchliche Einheit Ägyptens. Um diese Gefahr einzugrenzen, schloß Bischof Alexander Arius aus der Gemeinschaft aus, der nun seinerseits durch rege Propaganda unterstützt bei seinen zahlreichen Studienfreunden (Syllukianisten) um Sympathien warb. Diese Ausweitung der Angelegenheit beantwortete Alexander mit der Einberufung einer ägyptischen Synode (wohl 319), die den früheren Ausschluß bestätigte, ein Urteil, das allen katholischen Bischöfen mitgeteilt wurde. Damit war der lokale Rahmen des Falles Arius endgültig gesprengt. Mit dem alexandrinischen Presbyter identifizierten sich zudem plötzlich einflußreiche Kirchenmänner wie Eusebius von Nikome­dien († 341/342), und nicht zuletzt sie verliehen dem Streit eine neue Dynamik. Eine heftige publizistische und synodale Aktivität zog die Fronten quer durch die östliche Christenheit immer schärfer aus, und zwar in einer Zeit, da gegen Ende der Herrschaft des Licinius (308-324) erneut eine Verfolgung der Gläubigen einsetzte. Konstantins Sieg über seinen Mitherrscher im Jahre 324 führte zur Universalmonarchie, als deren religiös-geistige Grundlage sich das Christentum anbot. Die Zwistigkeiten im Osten widersprachen dem kaiserlichen Einheitskonzept, so daß er alsbald nach seinem Triumph in Alexandrien intervenierte. Die Mission des Ossius von Córdoba († 357/58) verlief angesichts der aufgeworfenen Gräben jedoch erfolglos, so daß sich der Kaiser ähnlich wie in Sachen des Donatismus zur Einberufung eines Konzils entschloß, das in Nicaea stattfinden sollte. Auf dieser ersten ökumenischen Synode (325) begegnen wir wieder Athanasius, und zwar als Begleiter seines Bischofs Alexander. Nach seinen eigenen Worten bekämpfte er schon dort „freimütig die Gottlosigkeit der Ariomaniten“,[4] obwohl nur Diakon. Diese Bemerkung rechtfertigt die Annahme, daß er bereits in den vorausgehenden Jahren eng mit den Problemen vertraut war, auch wenn entsprechende Nachrichten darüber fehlen. Durchaus glaubwürdig ist eine Notiz des Apollinarius († nach 385), wonach Alexander ihn als Nachfolger wünschte. Jedenfalls wurde Athanasius am 8. Juni 328 zum Bischof geweiht, obwohl die nach Kanon IV von Nicaea erforderliche Zustimmung aller Bischöfe der Eparchie nicht vorlag. Offensichtlich wollte man einer melitianischen Initiative zuvorkommen, ein Vorgehen, das sich mit dem Wunsch des Kirchenvolkes deckte. Mit Übernahme des ebenfalls von Nicaea (Kanon VI) in seinem patriarchalen Rang bestätigten Stuhles von Alexandrien trat Athanasius ins volle Licht der Geschichte. Die überstürzte Ordination des Athanasius löste auf seiten der Melitianer bald Proteste aus, da sie ihre Interessen übergangen sahen. Mit Verleumdungen und Tätlichkeiten gingen sie gegen den neuen Bischof vor, der seinerseits um Anerkennung warb und durch Visitationsreisen den Zusammenhalt stärkte, nicht zuletzt beim Mönchtum. Die ersten Osterfestbriefe bekunden den Willen des neuen Bischofs, seine Herde zu lebendiger Einheit im Glauben und in der kirchlichen Ordnung zu führen. Gegen die Beschwerde über Gewalttaten zögerte er freilich nicht, die Melitianer pauschal des Glaubensabfalls zu verdächtigen. Mit einem glatten Nein wies er die Aufforderung des Kaisers zurück, den verbannten Arius wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen, und er demonstrierte so dem Herrscher von Anfang an seine Kompromißlosigkeit. Theologische und kirchenpolitische Erwägungen hinderten Athanasius an einem solchen Schritt; über alle Verschleierungsversuche hinaus war ihm der im Erlösungsverständnis wurzelnde Gegensatz zu Arius bewußt und maßgeblich für sein Handeln. Der Bischof von Alexandrien sah sich jedenfalls den Angriffen zweier Parteien ausgesetzt, die nun mit Anklagen wie denen der Bestechung beim Kaiser eine Art Kriminalprozeß anstrengten, um den mißliebigen Gegner endgültig auszubooten. Furchtlos reiste Athanasius im Winter 331/32 an den Hof von Nikomedien, um sich vor Konstantin persönlich zu verteidigen. Dies gelang ihm vollauf, obwohl zudem seine umstrittene Bischofsweihe zur Sprache kam, und er konnte während der Karwoche 332 nach Alexandrien zurückkehren. Die Melitianer setzten aber ihre Angriffe gegen Athanasius fort, ja man behauptete sogar, er habe einen ihrer Bischöfe, Arsenius, umbringen lassen. Dem Angeklagten gelang es freilich, den Totgesagten ausfindig zu machen und die vom Kaiser eingeleitete Untersuchung einstellen zu lassen. Trotzdem entwickelte sich die Auseinandersetzung im Osten immer mehr zu einem „Fall“ Athanasius, den Konstantin auf Betreiben seiner Gegner von einer Synode klären lassen wollte. Als der Alexandriner sein Erscheinen vor einer in Caesarea (Palästina) anberaumten Versammlung verweigerte, berief der Kaiser anläßlich seiner Tricennalien im Jahre 335 nach Tyrus erneut eine Synode ein, der Athanasius sich nicht mehr entziehen konnte.

Diese Reichssynode setzte sich samt dem kaiserlichen Vertreter Flavius Dionysius weitgehend aus Bischöfen des arianisch-melitianischen Lagers zusammen, so daß Athanasius und sein Anhang von vornherein als Angeklagte erschienen. Aus den Verhandlungspunkten – neben einem zerschlagenen Kelch hob man auf den Widerstand ab – ließ sich freilich kaum ein Verfahren gegen den Bischof von Alexandrien einleiten, zumal auch der angeblich ermordete Arsenius unter den Synodalen identifiziert werden konnte. Trotzdem verließ Athanasius den Gerichtsplatz und begab sich nach Konstantinopel, um seine Sache am Hofe persönlich zu vertreten. Während die versammelten Bischöfe über den Flüchtigen die Absetzung aussprachen und mit Konstantin am 17. September 335 die Grabeskirche in Jerusalem einweihten, gelang es Athanasius nach dessen Rückkehr in die Hauptstadt bis zu ihm vorzudringen und zu intervenieren. Zur Klärung der Angelegenheit rief Konstantin die Synodalen von Tyrus zu sich, deren Vertreter, voran Eusebius von Nikomedien, an den Hof reisten und gegen Athanasius neue Anklagen vorbrachten, darunter den politisch schwerwiegenden Vorwurf, er verhindere die Getreideversorgung der Hauptstadt aus Ägypten. Ohne diese Anzeige zu überprüfen, verbannte der Kaiser Athanasius nach Trier (335). Im Orient triumphierten nun die Anhänger des Arius, der es schon ein Jahr früher verstanden hatte, durch ein verhaltenes Glaubensbekenntnis die ihm angelasteten Irrtümer als Entstellungen seiner Gegner umzudeuten. Konstantin verwies ihn zur Erledigung der Angelegenheit an eine Synode, die ihn vom Bann lossprechen sollte. Die in Jerusalem versammelten Bischöfe kamen dem Wunsch des Kaisers nach; ehe Arius freilich in seine kirchlichen Rechte eingesetzt werden konnte, starb er plötzlich auf einem Abort in Konstantinopel, ein Tod, den Athanasius in de morte Arii tendenziös ausmalte. Seine Anhänger, an der Spitze der gewandte Eusebius von Nikomedien, wurden durch dieses Ereignis keineswegs zerstreut; sie formierten sich vielmehr zur herrschenden Partei im Orient, als auch Kaiser Konstantin an Pfingsten 337 starb.

Athanasius, in Trier von Bischof Maximinus († 346) als Sachwalter der Orthodoxie aufgenommen, vermittelte durch seinen Aufenthalt dem Westen nicht nur die Strömungen der östlichen Theologie, er bestärkte vor allem auch die traditionellen Verbindungen zwischen Alexandrien und Rom, eine Achse, die sich in den kommenden Wirren bewährte. Jedenfalls konnte auf Weisung Konstantins II. (337-340) Athanasius noch im Laufe des Jahres 337 Trier verlassen und sich mit einem Empfehlungsschreiben des westlichen Herrschers an die Gemeinde von Alexandrien auf den Weg in die Heimat machen. Er selbst hatte dorthin einen Osterfestbrief geschickt, in dem er seiner triumphierenden Freude Ausdruck gab und erstmals als Seelsorger vor Arius und dessen Anhängern warnte. „Sie greifen Christus an und vergreifen sich mit ihren Argumenten am Erlöser; sie reden falsch von unserem Retter und hören nicht auf, Stellung zu beziehen gegen den Urheber des Heils.“[5] Es scheint, daß die Aufhebung des Exils aller nicaeatreuen Bischöfe dem Wunsch des großen Konstantin entsprach. Tatsächlich traf der Bischof von Alexandrien auf einer umständlich angelegten Rückreise über Kleinasien mehrmals mit dem Augustus des östlichen Reichsteiles, Constantius II. (337-361), zusammen, ein Zeichen dafür, daß beide eine Befriedung der kirchenpolitischen Situation anstrebten. Natürlich reagierten die arianisierenden Bischöfe um Eusebius von Nikomedien sofort auf diesen Umschwung und protestierten sogar bei Papst Julius (337-352), da Athanasius in Tyrus rechtmäßig abgesetzt worden sei und deshalb den Bischofsstuhl von Alexandrien nicht wieder einnehmen könne. Ihre Argumentation höhlten sie freilich selbst aus, insofern sie dem römischen Bischof eine synodale Überprüfung der Angelegenheit anheimstellten. Der umstrittene Heimkehrer sammelte jedenfalls eine Synode ägyptischer Bischöfe (388), die ihm das Vertrauen aussprach und gegen den Entscheid von Tyrus die Rechtmäßigkeit seines Anspruchs bestätigte. Ihr Rundschreiben[6] macht deutlich, daß Athanasius nun zusehends seine eigene Person mit der Sache der Orthodoxie identifizierte.

Nachdem die Eusebianer in Antiochien (338) von ihrem melitianischen Kandidaten Pistus abgerückt waren und den Kappadokier Gregor in unkanonischer Form zum Bischof von Alexandrien bestimmt hatten, mußte Athanasius erneut dem kaiserlichen Druck weichen (339). Ehe er sich auf die Flucht nach Rom begab, stärkte er seine Gemeinde. Publizistisch wirksam geißelte er in einer Epistula encyclica das Vorgehen der staatlichen Macht mit scharfen Wor­ten und schnitt an seinem Fall wiederum die Grundsatzfrage nach dem Verhältnis von Kirche und Staat an: „Wenn bei Euch“, so schrieb er den Mitbischöfen, „während Ihr ohne Tadel in Euren Kirchen sitzt und Eure Gemeinden versammelt, plötzlich auf Befehl der Regierung ein Nachfolger eindringt, würdet Ihr dann nicht entrüstet nach Sühne rufen? Deshalb fordert die Gerechtigkeit, daß Ihr auch jetzt Euren Unwillen bekundet, damit nicht, wenn Ihr schweigt, dieses Übel binnen kurzem sich über alle Kirchen ausbreite und unsere Stätten der Glaubenslehre fortan ein Markt und Handelsplatz werden.“[7] Sosehr in diesen Auseinandersetzungen das Ansehen des alexandrinischen Bischofsstuhls auf dem Spiele stand und dementsprechend das Eingreifen der „weltlichen“ Macht parteilich beurteilt wurde, Athanasius hat damit fraglos ein schwelendes Problem der Reichskirche aufgerissen. Als Flüchtling fand der ägyptische Bischof in Rom natürlich Gehör. Zwar verweigerten nun die Eusebianer eine Teilnahme an der Synode, die Papst Julius 340/341 veranstaltete, weil sie darin eine Anmaßung Roms erblickten. Jedenfalls kam sie zu dem Ergebnis, daß Athanasius der rechtmäßige Oberhirte Alexandriens sei, wie sie auch die Gemeinschaft mit dem wegen sabellianischer Tendenzen umstrittenen Marcell von Ankyra († um 374) bestätigte, der offensichtlich seinen ägyptischen Amtsbruder zur theologischen Auseinandersetzung mit dem Arianismus anregte. Ein selbstbewußtes Schreiben in den Orient eröffnete freilich weder dem Flüchtigen die Rückkehr nach Ägypten, noch änderte es etwas am Kurs der Eusebianer. Diese trafen sich (341) anläßlich der Weihe der „Großen Kirche“ in Antiochien mit Constantius und verabschiedeten auf einer Synode ein Rundschreiben, worin sie sich gegen die Bezeichnung als Arianer verwahrten, andererseits aber in den drei verabschiedeten Glaubensformeln jene Begriffe aussparten, die für das Symbol von Nicaea charakteristisch waren; gerade weil Athanasius selbst um diese Zeit das nikänische homoúsios noch vermied, können auch die antiochenischen Formeln der Eusebianer nicht rundweg als arianisch gedeutet werden.

Mit der Übernahme der Herrschaft im gesamten Westen durch Kaiser Konstans nach dem Tode Konstantins II. (340) erfolgten hier neue athanasiusfreundliche Initiativen. Zunächst holte sich der Kaiser Auskunft über die Glaubenshaltung der orientalischen Bischöfe, die von einer Abordnung in Trier mit der Vorlage der sogenannten vierten antiochenischen Formel beantwortet wurde; auf Bitten des Papstes Julius nötigte er auch seinen Bruder Constantius II. zu einem Konzil in Sardika (Sofia), zu der Bischöfe beider Reichshälften geladen wurden. Wohl im Herbst 342 versammelten sich dort die westlichen Bischöfe, in ihrer Mitte Athanasius, ein Umstand, der von vornherein die Bischöfe aus dem Orient in Harnisch brachte. Trotz des bezeichnenden Vorschlags des greisen Ossius von Córdoba, Athanasius solle selbst im Falle seiner Unschuld nicht mehr nach Alexandrien zurückkehren – ein Hinweis dafür, daß sich der Streit nicht auf eine bloße Machtfrage zurückführen läßt –, lehnten die Orientalen eine gemeinsame Sitzung ab. Ihren Standpunkt veröffentlichten sie in einem Schreiben an die afrikanische Kirche, während die westlichen Teilnehmer Athanasius erneut rehabilitierten. Gegen den Versuch, ein neues Glaubenssymbol vorzulegen, wehrte sich Athanasius mit dem Hinweis auf die Norm des Bekenntnisses von Nicaea; disziplinäre Bestimmungen sollten hingegen Bedeutung erlangen. Der günstige Ausgang der Synode für den alexandrinischen Bischof und seine Anhänger kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß durch die gegenseitige Exkommunikation der Graben zwischen Ost und West tief aufgerissen wurde. Die Parteinahme der jeweiligen Kaiser für die Bischöfe ihres Herrschaftsbereichs machte sich alsbald auch zugunsten des Athanasius geltend. Zwar konnte eine Delegation des Kaisers Konstans, möglicherweise unter Androhung von Repressalien, zunächst nur die Einstellung von Gewalttätigkeiten im Osten erreichen, doch gestattete Constantius nach dem Tode des Bischofs Gregorius (345) Athanasius die Rückkehr nach Alexandrien, wozu gewiß auch seine Distanzierung von Marcells Theologie beitrug. Ein Treffen mit dem Herrscher in Antiochien entschärfte ebenfalls die gespannte Lage. Athanasius, triumphal in seiner Bischofsstadt empfangen (346), erschien fast wie ein Wegbereiter der kirchlichen Einheit, da selbst ehemalige Gegner wie die Bischöfe Ursacius und Valens aus Illyrien die Gemeinschaft mit ihm aufnahmen.

Diese Entwicklung wurde jäh unterbrochen, als im Gefolge des politischen Umsturzes im Westen Kaiser Konstans das Leben verlor (350), und Constantius nach Niederwerfung des Usurpators Magnentius (353) Alleinherrscher des Imperiums wurde. Zwar hatte Athanasius klugerweise die Anbiederungsversuche des Magnentius abgewiesen, aber die nicht ganz unbegründeten Verdächtigungen zeitigten bald ihre Wirkung. Einer Vorladung an den Hof, bei dem er kurz vorher selbst interveniert hatte, folgte er nicht. So ging der Kaiser, der eben in Gallien weilte, ohne Umstände auf den Vorschlag des Papstes Liberius (352-366) ein und berief eine Synode nach Arles. Der Versuch, auch hier zunächst die anstehenden Glaubensfragen zu behandeln, scheiterte an der vorgefaßten Absicht, den alexandrinischen Bischof zu verurteilen. Unter Androhung des Exils und unter dem Eindruck der nunmehr wieder antiathanasianischen Argumentation des Bischofs Valens von Mursa leisteten die unzureichend informierten Bischöfe aus Gallien ihre Unterschrift; allein Paulinus von Trier weigerte sich und mußte seinen Widerstand mit der Verbannung nach Phrygien büßen. Papst Liberius verlangte erneut eine Behandlung der Angelegenheit, und der Kaiser rief im Jahre 355 die Bischöfe, vorwiegend aus dem Westen, nach Mailand. Dem Plan des Kaisers, wiederum nur die Absetzung des Athanasius zu bestätigen, setzten einige Anhänger des Alexandriners das Verlangen entgegen, die Frage des Glaubens zu behandeln und das Glaubensbekenntnis von Nicaea durch Unterschrift anzuerkennen. Als darüber Tumulte ausbrachen, verlegte Constantius die Synode kurzerhand in seinen Palast und bekam sie so noch mehr in seinen Griff; gegen die Widerstrebenden äußerte er selbstbewußt: „Was ich will, das muß als kirchlicher Kanon gelten.“[8] Unter diesem Druck erreichte der Kaiser auch sein Ziel. Die drei opponierenden Bischöfe, Eusebius von Vercelli, Lucifer von Calaris und den Ortsbischof Dionysius, traf das Exil. Bei dem anschließenden Versuch, die Unterschriften abwesender Bischöfe einzuholen, erwies sich alsbald auch Hilarius von Poitiers († 367) als Wortführer des Widerstandes. Wie er so mußte auch Papst Liberius seine Weigerung, die Synode in Mailand anzuerkennen, mit dem Exil bezahlen. Athanasius selbst konnte sich der drohenden Verhaftung entziehen und in Alexandrien behaupten, mußte aber schließlich den angezettelten Tumulten weichen (356) und floh zu den Mönchen in der ägyptischen Wüste. Für seine Anhänger brach nun eine bedrückende Zeit an; das Militär beschlagnahmte Basiliken, und wiederum wurde ein Gegenbischof, Georgius, eingeführt, dessen Einfluß der Kaiser bis nach Axum und damit in die äthiopische Kirche zu erweitern suchte.

Aus seinem Versteck und mithilfe des verbündeten Mönchtums hielt der untergetauchte Bischof regen Kontakt zu seiner Gemeinde. War zu Beginn der fünfziger Jahre die theologische Auseinandersetzung mit dem Arianismus, und zwar unter Rückbindung an das Nicaenum in den Vordergrund getreten, so trat jetzt angesichts der Aussichtslosigkeit einer Einigung die Mobilisierung der Opposition und die leidenschaftliche Verteidigung gegenüber dem Kaiser als dem „Wegbereiter des Antichristen“ in den Vordergrund. Athanasius’ Einfluß hinderte auch den 357 vom Kaiser eingesetzten Bischof Georgius, sich in Alexandrien zu halten; ihn jagten wegen seiner Gewalttätigkeiten die Anhänger des Untergetauchten fort, der es aber trotzdem nicht wagte, auf seinen Bischofsstuhl zurückzukehren.

In dieser Zeit erfuhr plötzlich das theologische Denken wieder neue Anstöße. Bischof Sera­pion von Thmuis († nach 362) schlug Alarm wegen der Frage nach dem Heiligen Geist und erbat von Athanasius eine Stellungnahme. Im arianischen Lager hatte ein gewisser Aetius, in Antiochien vom dortigen Bischof Leontius zum Diakon geweiht (um 350), die Thesen des Arius aufgenommen und sie in dialektischer Schärfe radikalisiert. Für seine Auffassung, wonach zwischen Schöpfer und Logos „Unähnlichkeit“ vorliege, gewann er in Alexandrien auch Eunomius, nachmals Bischof von Kyzikos. Angesichts einer solch extremen Position, welche die Aufsplitterung der arianischen Front einleitete, formulierten die bischöflichen Berater um Kaiser Constantius in Sirmium (357) eine (zweite) Formel, die verhaltener klang, aber doch die Kernbegriffe des nicänischen Symbols verwarf. Diese Neuauflage des konsequenten Arianismus, gebilligt vom greisen Ossius und dem schwankenden Papst Liberius, fand allerdings rasch auch Widerspruch aus den Reihen bisheriger Eusebianer; vor allem Basilius von Ankyra († um 365) stemmte sich dagegen und sprach sich auf einer Synode (358) für die Wesensähnlichkeit (homoioúsios) von Vater und Sohn aus, eine Terminologie, die auch Athanasius als Diskussionsgrundlage bedenkenswert erschien. Die Absicht des Bischofs von Ankyra, mit Unterstützung des Kaisers seine Theologie auf einer großen Synode durchzusetzen, scheiterte, als Constantius den Plan einer Doppelsynode aufgriff in der Hoffnung, mit vagen Formulierungen die kirchliche Einheit herzustellen. Die abendländische Versammlung in Ariminum (359) sprach sich in ihrer Mehrheit zunächst für Nicaea aus, trat aber schließlich unter dem Druck kaiserlicher Zermürbungstaktik der letzten sirmischen Formel bei. In Seleucia traten im Herbst 359 die orientalischen Bischöfe zusammen. Dabei gelang‘ es der homöusianischen Partei (Vertreter der Wesensähnlichkeit des Sohnes) unter Basilius nicht, ihre Auffassung durchzubringen; vielmehr fand das homöische Bekenntnis (zur bloßen Ähnlichkeit des Sohnes), das vor allem Akacius von Caesarea († 366) vertrat, beim Kaiser Anerkennung analog dem in Ariminum verabschiedeten Symbolum. Als der Herrscher in Konstantinopel (360) dieses Bekenntnis bestätigen ließ, traf auch die Vertreter der Homöusianer der Bannstrahl. Die Bischöfe Ägyptens und Libyens verweigerten ohnedies ihre Zustimmung, zumal sie Athanasius aus seinem Versteck mit einem Rundschreiben dazu aufgefordert hatte. Vertreter der homöischen Partei nahmen alsbald die wichtigsten Bischofssitze ein; in Alexandrien konnte sogar der Anhomöer (Vertreter der Unähnlichkeit) Georgius wieder den bischöflichen Stuhl besteigen. Die Sache des Nicaenum, mit der sich Athanasius so sehr identifizierte, schien angesichts dieser Entwicklung verloren.

Einen Umschwung der Religionspolitik brachte unvermittelt der Tod des Kaisers Constantius im Jahre 361. Im Gegensatz zu ihm leitete sein Nachfolger Julian (361-63) eine Restaurationspolitik heidnischer Prägung ein. Wohl in Erwartung eines innerchristlichen Zwistes gestattete er allen verbannten Bischöfen die Rückkehr zu ihren Gemeinden. Nun konnte Athanasius nach sechsjähriger Abwesenheit wieder seinen Bischofsstuhl in Alexandrien besteigen und sofort eine rege Aktivität entwickeln. Noch im Jahre 362 berief er ein „Konzil der Konfessoren“ ein, um die anstehenden Fragen zu beraten. Der ständige Wechsel der Bischöfe hatte die einzelnen Ortskirchen vielfach zerrissen; nun sollte die Einheit wiederhergestellt und jener Bischof anerkannt werden, welcher der Häresie des Arius abschwöre, das nicänische Symbolum anerkenne und jene verfluche, die den Heiligen Geist als Geschöpf betrachten. Die praktische Anwendung dieser Kriterien stieß allerdings auf erhebliche Schwierigkeiten, vor allem in Antiochien, wo die Gläubigen in drei Gruppen zerfallen waren. Wie sich hier. das Bemühen abzeichnet, einen Ausgleich zwischen Altnicänern und Homöusianern herzustellen, so haben auch die grundsätzlichen Erwägungen der Synode von Alexandrien dazu beigetragen, die unterschiedlichen theologischen Standpunkte zu überschreiten. Mit der Bereitschaft, die Redeweise von den drei Hypostasen (Personen) anzuerkennen, sofern sie nicht auf eine arianische Unterordnung zielt, und sie neben dem eigenen Wortgebrauch von der einen Usia (Wesen) bzw. Hypostase zu dulden, war der Weg zur Verständigung mit den Homöusianern bereitet. Wie sich theologisch die Fragestellung erweitert hatte, zeigt das Verlangen, auch den Heiligen Geist dem Bereich der göttlichen Usia zuzuordnen. Gegenüber Tendenzen einer Unterordnung in Kreisen der Homöusianer hatte Athanasius bereits in seinen Briefen an Serapion von Thmuis, die er zwischen 358-362 aus dem Versteck bei den Mönchen schrieb, die Gottheit des Geistes verteidigt und damit der Ausformulierung des trinitarischen Dogmas vorgearbeitet. In gleicher Weise beschäftigte die Synode von 362 auch die aufbrechende Diskussion um den menschgewordenen Logos, deren unterschiedliche Lösungen man gut athanasianisch unter Rückgriff auf nicänische Aussagen von der Mensch- bzw. Fleischwerdung zu harmonisieren trachtete. Wenn dabei der Alexandriner dem Schema Logos-Sarx verhaftet blieb, so zeigt die Synode von Alexandrien doch, daß er mit untrüglichem Sinn anstehende Fragen aufnahm und über alle persönlichen Gegensätze hinweg auf die Einheit im Glauben zielte. Diese Aktivitäten sowie sein zunehmender Einfluß auf Heiden veranlaßten Kaiser Julian, auf seine Ausweisung zu drängen. Vorgewarnt wich Athanasius aus der Stadt, selbstbewußt seinen Freunden ankündigend: „Wir wollen uns nun etwas zurückziehen, es handelt sich um ein Wölkchen und es geht vorüber.“[9] Tatsächlich starb Julian im nächsten Sommer (363) an den Folgen einer Verwundung.

Der christenfreundliche Nachfolger Jovian (363-365) rief Athanasius nach Antiochien und bestätigte ihn als Bischof von Alexandrien. Allerdings gelang es dem Rehabilitierten nicht, einen Ausgleich zwischen den schismatischen Gemeinden in der syrischen Metropole zu schaffen, obwohl die begriffliche Neuorientierung der Synode von 362 dazu die theologischen Voraussetzungen geschaffen hatte.

Die versöhnliche Entwicklung zu Beginn der sechziger Jahre unterbrach jedoch wieder ein Regierungswechsel. Kaiser Valens (364-378), von seinem Bruder Valentinian I. (364-375) zum Herrscher über den Osten bestellt, neigte erneut „arianischem“ Bekenntnis zu und gewährte seinem Hofbischof Eudoxius große Bewegungsfreiheit. Ihm gelang es nicht nur, eine sich in Lampsakos anbahnende Vereinigung zwischen Homöusianern und Nicänern zu stören; der Kaiser erließ sogar ein Edikt, das die Entfernung aller nicänisch gesinnten Bischöfe verfügte, die unter Julian zurückgekehrt waren. Erneut mußte Athanasius seinen Platz räumen, konnte aber bald wieder das (angebliche) Versteck in der väterlichen Grabanlage verlassen, da Valens wegen aufkommender Unruhen einlenkte (366). Die letzten Jahre seines Lebens hindurch leitete der Heimkehrer mit souveräner Autorität die Kirche von Alexandrien. Das Ansehen des Bischofs war so groß, daß der Kaiser in Ägypten ein rigoroses Vorgehen wie etwa in Syrien nicht wagen konnte. Dank der Unterstützung durch das Volk scheiterte auch der neuerliche Versuch der arianischen Opposition, ihren Kandidaten Lucius auf den Bischofsstuhl zu erheben (367). Über die Leitung der eigenen Gemeinde hinaus widmete Athanasius seine Aufmerksamkeit nach wie vor gesamtkirchlichen und allgemeinen theologischen Fragen. Ein Schreiben an die Bischöfe des westlichen Afrika warnte im Auftrag einer wohl 369 veranstalteten Synode vor den Machenschaften der Arianer. In Rom intervenierte er wegen des Arianerbischofs Auxentius von Mailand, der tatsächlich 371 von einer Synode verurteilt wurde. Das Festhalten des Athanasius an den Anhängern des Patriarchen Eustatius von Antiochien verhinderte jedoch alle Versuche, in Antiochien die kirchliche Einheit wieder herzustellen. Sein Briefwechsel mit Basilius von Caesarea († 379) illustriert diese Aktivitäten, zugleich aber auch die weltweite Autorität des alexandrinischen Bischofs, sowie sein gesamtkirchliches Verantwortungsbewußtsein, das über die Einheit der Ortskirchen hinaus weiterhin die theologische Entwicklung beobachtet, wie uns der Brief an Epictetus von Korinth über christologische Probleme bestätigt. Athanasius starb am 2. (3.) Mai 373.

II. Werk

Aus dem bewegten Lebensgang des Athanasius und den vielschichtigen Auseinandersetzun­gen erwuchs sein literarisch-theologisches Werk. Ständig gefordert von den kirchlichen und politischen Problemen der Zeit, tragen seine Schriften weitgehend den Stempel des konkreten Anlasses und die Züge eines Betroffenen; gerade in die Darstellung zeitgenössischer Vorgänge floß dadurch subjektives Urteil, wenn nicht gar polemische Agitation ein. Ordnet man das Schrifttum des Athanasius nach Schwerpunkten, dann treten neben den theologischen Elementen apologetische Tendenzen, disziplinäre Weisungen und historisch-dokumentarische Nachrichten in den Vordergrund. Mangels konkreter Anhaltspunkte bereitet die Datierung der Oratio contra gentes, einer Schrift gegen die heidnische Götterverehrung, und von De incarnatione, einer Darlegung der Menschwerdung sowie der Erlösung im Sinne der Vergöttlichung, Schwierigkeiten. Da der Arianismus nicht unmittelbar erwähnt wird, ist ein Ansatz vor dem Konzil von Nicaea denkbar; aus der theologischen Gesamtanlage des Doppeltraktats legt sich aber doch eine Abfassung während des Exils in Trier (336/337) nahe. Eine Kurzfassung des Werkes geht schwerlich auf Athanasius selbst zurück. Als Bischof von Alexandrien schrieb er mehrere Osterfestbriefe, d. h. Rundschreiben an die Christen Ägyptens, in denen neben der Bekanntgabe des Ostertermins nach Art der heutigen Fastenhirtenbriefe konkrete pastorale Fragen behandelt wurden; bedeutsam für die Kanongeschichte ist Brief 39 aus dem Jahr 367, weil er ein Verzeichnis der kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments enthält. Immer wieder sah sich Athanasius genötigt, Rechenschaft über sein Verhalten zu geben, so in der 339 geschriebenen Epistula encyclica ad episcopos; hier schildert er den Ablauf der Ereignisse, die zu seiner (ersten) Verbannung nach Trier geführt haben. Mit Beginn der vierziger Jahre setzte die literarische Auseinandersetzung mit den Arianern ein, die ihren Niederschlag in den wichtigen Orationes contra Arianos fand, in denen der Verfasser die Lehre des Konzils von Nicaea über die Wesenseinheit des Sohnes mit dem Vater erläutert und die einschlägigen Bibelstellen wie Sprichwörter 8, 22 auslegt. Eine Verteidigung der umstrittenen Ausdrücke homoúsios sowie ek tes ousias enthält die Epistula de decretis Nicaenae Synodi (um 350), zu der die Epistula de sententia Dionysii möglicherweise einen Nachtrag darstellt; in letzterer sucht Athanasius den Arianern Bischof Dionysius von Alexandrien († 264/265) als Kronzeugen in der Ablehnung der Homousie zu entwinden. Historisch wertvolles Material bietet die Apologia secunda (356) mit ihren Akten und Briefen, die über vorausgegangene Synoden Auskunft geben. Gegen die Vorwürfe politischer Konspiration gegen den Kaiser und andere Verleumdungen setzte sich Athanasius in der Apologia ad Constantium imperatorem (um 357) zur Wehr; die in meisterhafter Rhetorik gestaltete Schrift wollte der Verdächtigte ursprünglich selbst vortragen. Während seines Fluchtaufenthalts bei den Mönchen in der Wüste (356) warnte Athanasius in seiner Epistula ad episcopos Aegypti et Libyae vor den Machenschaften der Arianer. Über deren Greueltaten klagte auch die Apologia de fuga sua (357), zugleich eine Rechtfertigung seiner Flucht in leidenschaftlichem Ton. Eine Information über die Vorgänge zwischen 335-337 bietet der überlieferte Abschnitt der Historia Arianorum ad monachos vom Jahre 358; vom plötzlichen Tod des Arius handelt ausdrücklich ein Brief an Serapion von Thmuis (357/358). In weiteren Briefen (358-362) an diesen Klostervorsteher in Unterägypten griff Athanasius das Thema von der Göttlichkeit des Heiligen Geistes auf, das im Gefolge der arianischen Subordination des Logos in die Diskussion gekommen war. Aus der Begegnung mit dem Mönchtum erwuchsen in diesen Jahren nicht nur Mahnbriefe asketisch-spirituellen Inhalts, sondern vor allem die Vita Antonii, eine nach dem Vorbild antiker Bioi geschaffene „Lebensbeschreibung“ des 356 verstorbenen Mönchsvaters. Anläßlich der Berufung der Synoden von Ariminum und Seleukia drückte der Bischof von Alexandrien seine Unionserwartungen in der Epistula de synodis (361-362) aus. Als Wortführer von Synoden nicaeatreuer Bischöfe schrieb Athanasius den bedeutenden Tomus ad Antiochenos, in dem sich ein Ausgleich der theologischen Begrifflichkeit anbahnte (362). Die Epistula ad Jovianum imperatorem (363) informiert den Herrscher über den nicänischen Glauben und die Lehre vom Heiligen Geist, wie sie auf der Synode in Alexandrien bestätigt worden waren. In den letzten Lebensjahren beschäftigte sich Athanasius mit fortlaufender Bibelauslegung, als deren Frucht eine Genesiserklärung sowie der Psalmenkommentar gelten können; die Grund­sätze seiner Auslegung legte er in seinem Brief an Marcellinus dar. Funde von Überlieferungsstücken bestätigen die Nachricht des Hieronymus, daß er sich auch mehrmals mit dem Thema der Jungfräulichkeit befaßt hat, wenngleich seine Autorschaft von De virginitate noch umstritten ist. Das Aufkommen der christologischen Fragestellung bezeugen die Epistula ad Epictetum episcopum Corinthi (371), ein Werk, das für den Entscheid von Chalcedon Bedeutung erlangte, sowie Briefe an den Bischof Adelphinum und den Philosophen Maximus (372).

III. Bedeutung

In keiner anderen Gestalt verdichten sich so sehr die theologischen, kirchlichen und politischen Probleme des vierten Jahrhunderts wie in Athanasius von Alexandrien. Mit der Umschichtung der Kräfteverhältnisse, die Kaiser Konstantin eingeleitet hatte, ergab sich für Kirchenmänner seines Schlages die Möglichkeit, die eigene Glaubensüberzeugung in aller Öffentlichkeit vorzutragen, wobei der Fortbestand des Systems religiös-staatlicher Einheit den Konflikt verschärfte.

Den Angelpunkt der athanasianischen Wirksamkeit bildet das Konzil von Nicaea, an dem er als Diakon teilgenommen hat. Das Glaubensbekenntnis dieser Kirchenversammlung ist über die Diskussion hinweg durch ihn zu allgemeiner Anerkennung gelangt. Mit unbeugsamer Zielstrebigkeit setzte er sich für die volle Annahme der dort getroffenen Entscheidung ein, vor allem seit er als Bischof der Kirche von Alexandrien vorstand und damit die Verantwortung für die Christenheit Ägyptens übernommen hatte. Dabei war er keineswegs nur von dem Willen getrieben, der Formel in ihrer Abstraktheit Geltung zu verschaffen; vielmehr zwang ihn sein Glaube an die im menschgewordenen Logos vollzogene Erlösung dazu, nachhaltig auf der vollen Gottheit des Logos zu bestehen, und zwar nach dem Grundsatz: Wir wären nicht erlöst worden, hätte Gott nicht selbst das Menschsein auf sich genommen. Der Versuch, diese Erlösungslehre als“ physisch“ oder“ mechanisch“ zu disqualifizieren, verkennt die biblischen, nicht zuletzt paulinischen Impulse athanasianischen Denkens. Es sei freilich nicht verhehlt, daß seinem Verständnis von Menschwerdung auch Mängel anhaften, insofern er ein Christusbild vom Typus Logos-Sarx entwirft und so für eine menschliche Seele Christi keinen rechten Platz hat. Trotz solcher Mängel, die sich aus der Rückschau bemerkbar machen, hat Athana­sius mit hartnäckigem Widerstand gegen arianisierende Entleerung des Gottesbegriffs dem vollen nicänischen Bekenntnis zum Durchbruch verholfen, indem er statt der Logosspekulation auf das Sohnesverhältnis setzte. Seiner Argumentation mangelt zwar oftmals spekulative Kraft, doch erweist sich seine Fähigkeit zum Ausgleich, als er im Ringen um eine angemessene Begrifflichkeit die trinitarische Sprechweise der Jungnicäner vorbereitet, und zwar einschließlich der Gottheit des Heiligen Geistes. Indem Athanasius die Möglichkeit anerkannte, neben dem homousios auch von drei Hypostasen zu reden, sofern damit kein arianisches Verständnis unterlegt werde, leitete der sonst so kampfbetonte Bischof die Versöhnung zwischen den Parteien ein.

Im Zuge der Auseinandersetzung um die inhaltliche Aussage des Konzils von Nicaea trug Athanasius wesentlich dazu bei, Kriterien für den Rang und die Autorität dieser Kirchenversammlung zu entwickeln, ein Umstand, der angesichts der nachfolgenden Häufung von Synoden der jeweiligen Parteien von höchster Bedeutung war. Indem er der Glaubensaussage der in Nicaea versammelten Väter die Qualifikation göttlicher Überlieferung zuerkannte, suchte er ihre Überlegenheit über ähnliche Veranstaltungen zu erweisen und ihre Verbindlichkeit im gesamtkirchlichen Bewußtsein zu verankern.

Der Einsatz des Athanasius für die Glaubensaussage von Nicaea stellt zugleich ein Ringen um die Autorität und das Ansehen dieses Konzils in der gesamten Christenheit dar. Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung, die der Bischof von Alexandrien im Zuge der Wirren auf das Be­wußtsein kirchlicher Zusammengehörigkeit ausgeübt hat. Zwar bieten die Jahrzehnte seines Lebens zunächst ein Bild bislang nicht bekannter Zerrissenheit; aber gerade dieser Zustand führte zu einer gegenseitigen Anteilnahme der einzelnen Ortskirchen, die über lokale Verantwortung hinaus das Wohl aller Gemeinden im Auge behielt. Der Kampf um Bischofssitze erscheint nicht als bloße Machtpolitik, und die Rundschreiben sind nicht nur als pamphletartige Kampfschriften einzustufen; in diesen Aktionen mobilisierte Athanasius die gesamte Kirche, um das Bekenntnis von Nicaea zu sichern. Ohne die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Alexandrien und Rom zu unterschätzen, ist zu bemerken, daß sich eine Vielzahl von Bischöfen einschaltete. Zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens entfaltete sich so eine gegenseitige Anteilnahme, die über den theologischen Streit hinaus das Bewußtsein ihrer Einheit schärfte. Wenn Athanasius überdies die Gelegenheit ergriff, das junge Christentum in Aethiopien an Alexandrien zu binden, dann geschah dies nicht nur aus machtpolitischen Erwägungen, sondern auch aus missionarischem Impuls, um so die Universalität des Christentums über die Grenzen des römischen Reiches hinaus zu verwirklichen.

Getragen waren diese Aktivitäten von einem theologisch fundierten Kirchenbewußtsein. Mit der Inkarnation des Logos ist dem Menschen Heil angeboten, das ihm durch die Kirche vermittelt wird. Christus eint die ganze Menschheit in seinem Leib, eben der Kirche. Wie nun Christus in der Einheit mit dem Vater steht, so ist auch die Kirche eins, und jeder Versuch ihrer Spaltung durch die Häretiker gilt Athanasius als Angriff auf Christus selbst. Dieser Ekklesiologie, wenn auch nicht ganz ausformuliert, eignet ein starker institutioneller Charakter; deshalb gewinnt darin die der Tradition gemäße Besetzung der Bischofsstühle überragende Bedeutung, ebenso aber auch das Selbstbewußtsein gegenüber der staatlichen Gewalt.

Tatsächlich gestaltete sich das Ringen um das Bekenntnis von Nicaea zu scharfen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen, in denen die Problematik des konstantinischen Modells der Reichskirche offenbar wurde. Gegen die ideologische Gleichsetzung von göttlicher Monarchie und kaiserlicher Alleinherrschaft, wie sie etwa Eusebius von Caesarea propagiert hatte, wurden plötzlich Vorbehalte laut, die aus der Eigengesetzlichkeit der biblisch-kirchlichen Verkündigung erwuchsen und die Distanz zwischen Kirche und Staat bewußt machten. Auch wenn Athanasius sich im Ton seiner Polemik vergriff, so zeigt gerade sein kirchenpolitisches Handeln, daß Konstantins Einheitsmodell nie unwidersprochen blieb; sein Einspruch blieb beispielhaft für die prophetische Kritik an dem schwierigen Verhältnis von Kirche und Staat.

Ähnlich dem Amtsverständnis, das einen starken pastoralen Zug hatte, zielte Athanasius betont auf die spirituelle Dimension der christlichen Existenz ab, vor allem in der Gestalt des Mönchtums, das erstmals in Ägypten faßbare Formen angenommen hatte. Verbindungen zwischen den asketischen Kreisen in der Wüste und der Hauptstadt bestanden schon frühzeitig. Als Athanasius, von Constantius verbannt, in Rom weilte, befanden sich zwei Mönche in seiner Begleitung, und der bedrängte Patriarch fand auch später bei den Mönchen in der Thebais Unterschlupf, um seine Gemeinde aus dem Versteck heraus zu leiten. Aus diesen Begegnungen erwuchs die Vita des großen Antonius († 356), die das asketische Ideal weiten Kreisen vermittelte und zum Modell hagiographischer Literatur wurde. Angesichts der kaum überbrückten Spannung zwischen kirchlichen Amtsträgern und Charismatikern ist hier jene Unterordnung des Mönches unter die Kleriker bemerkenswert, die eine Interpretation der „Geistträger“ ins zunehmend hierarchisch geprägte Kirchenwesen förderte.

IV. Wirkungsgeschichte

Als Verteidiger des Glaubensbekenntnisses von Nicaea übte Athanasius über seine Zeit hinaus eine nachhaltige Wirkung aus. Gregor von Nazianz rühmt in seiner 21. Rede den Alexan­driner als den entscheidenden Anwalt der Lehre von der Trinität, die auf dem zweiten ökume­nischen Konzil in Konstantinopel (381) zum Abschluß gebracht wurde. Tatsächlich stellte Athanasius die Tradition des biblischen Gottesglaubens sicher gegenüber rationalistischen Auflösungsversuchen gemäß zeitgenössischen Spekulationen. So unzulänglich auch einzelne Aussagen aus der Rückschau erscheinen mögen, im Beharren auf dem Bekenntnis von Nicaea lag die Wegweisung für die künftige Theologie und die Option für den Glauben.

Seine theologische Autorität bezeugen die häufigen Zitate aus Athanasius-Schriften, mit denen spätere Kirchenschriftsteller ihre Aussagen stützten, wobei sie nach dem Brauch der Zeit Florilegien benützten, d. h. Sammlungen von Väteraussagen zu einem Thema. Es überrascht dabei nicht, wenn unter dem Namen des Athanasius alsbald auch Schriften anderer Verfasser in Umlauf kamen, um so an seinem Ansehen Anteil zu gewinnen. Manch’ mißverständliche Formulierung des Christusmysteriums erschwerte allerdings den Ausgleich zwischen den gegensätzlichen Standpunkten, weil sie fälschlicherweise Athanasius zugeschrieben wurde. Das sogenannte Symbolum Athanasianum ein in Gallien entstandenes Glaubensbekenntnis hat nicht zuletzt unter der werbenden Wirkkraft des Alexandriners sogar Eingang in die Liturgie gefunden. Unabhängig von solchen pseudo-athanasianischen Werken galt jedoch sein Beitrag zur Theologie als Richtmaß, dessen man sich über die byzantinische Zeit hinaus auch im Abendland bewußt blieb. Noch in manchen theologischen Gegenentwürfen der Neuzeit, die sich nicht am „Sein“, sondern an Gottes Handeln orientieren, ist der Alexandriner als Kontrapunkt faßbar.

Die Verbreitung der mönchischen Lebensform hat durch die Vita Antonii einen nicht zu unterschätzenden Anstoß erfahren. Dieses Werk machte nicht nur den Asketen und Einsiedler Antonius berühmt, es trug das asketische Ideal durch die ganze spätantike Christenheit, die ohnedies von Tendenzen der Weltdistanz erfaßt worden war. Das Lob der praktischen Tätigkeit aus dem Glauben gegenüber der schlußfolgernden Vernunft hat hier einen höchst anschaulichen Ausdruck erfahren und nicht zuletzt für die Geschichte der Theologie den Vorbehalt des Glaubens markiert. Der legendäre Ruf des Mönchvaters verbreitete sich hierdurch nicht nur im Orient; wenige Jahrzehnte nach seinem Tod las man die Vita bereits in lateinischer Übersetzung im Westen. Ihre aufrüttelnde Wirkung auf die Leser schildert Augustin († 430) in seinen Bekenntnissen (8, 6); dies eine Beispiel signalisiert schon den Einfluß des Werkes auf die Entwicklung des Mönchtums. Die verschiedenen Zweige des Antoniusordens, darunter die westlichen Hospitaliter, bewahren bis in die Gegenwart diesen Impuls. Daß die Vita Antonii im übrigen als literarisches Muster zahlreicher „Heiligenleben“ diente, unterstreicht nur ihre Zugkraft.

Zum Fanal kirchlicher Freiheit gegenüber staatlicher Obmacht wurde Athanasius durch seine lebenslange Auseinandersetzung mit den Herrschern, um das Bekenntnis von Nicaea zur Geltung zu bringen. Es ist bekannt, daß der Bischof von Alexandrien hierbei nicht zimperlich vorging, doch läßt sich sein Kampf nicht auf eigensüchtige Motive zurückführen. Der Fall Athanasius machte vielmehr die grundsätzliche Problematik jener kaiserlichen Kirchenpolitik offenbar, die im Zuge der „konstantinischen Wende“ das Christentum als religiöse Institution in das Imperium zu integrieren trachtete. Dem Widerstand des Athanasius kommt vor diesem Hintergrund über seine Zeit hinaus eine beispielhafte Wirkung zu. Sein Einspruch gegen die Vermischung der kirchlichen mit der staatlichen Rechtsordnung machte jenen Vorbehalt bewußt, der in der Folgezeit trotz aller Kooperation das Verhältnis von Kirche und Staat begleitete. So wurde Athanasius zum Symbol kirchlicher Eigenständigkeit gegenüber staatlicher Bevormundung. Noch im Gefolge der Kölner Wirren des 19. Jahrhunderts verfaßte Johann Josef von Görres († 1848) seine Protestschrift gegen den Übergriff des Staates unter dem Titel Athanasius (1838), während Ernst Bloch († 1978) in der Rezeption des athanasianischen Christusbildes die Billigung eines revolutionären Impetus erblickte. So bezeugt selbst die Wirkungsgeschichte Leistung und Rolle dieses Kirchenvaters im kirchlichen und politischen Geschehen seiner Zeit, die vielleicht mehr in der Wachheit für das Unveräußerliche der christlichen Botschaft lag als in deren geistiger Durchdringung.

Bibliographie

1. Quellen
Zu den Ausgaben der Athanasiuswerke siehe:

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2. Literatur

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Quelle: Heinrich Fries/Georg Kretschmar (Hg.), Klassiker der Theologie, Erster Band: Von Irenäus bis Martin Luther, C.H. Beck, München 1981, S. 44-61.396.424.


[1] Severus Ibn al-Muqaffa: History of the Patriarchs of the Coptic Church of Alexandria II 8 (Patrologia Orientalis I 4. Paris 1948, 408f.)

[2] Gregor Naz.: or. 21, 6 (PG 35, 1088 B).

[3] Sozomenos: hist. eccl. 1, 15, 3 (GCS 50, 33).

[4] Apol. sec. 6, 2 (Opitz II 1, 92)

[5] Ep. fest. 10, 9 (PG 26, 1401f.).

[6] Apol. sec. 3-19 (Opitz II, 1, 89-101).

[7] Ep. encycl. 6 (Opitz II 1, 176).

[8] Hist. Arian. 33 (Opitz 11 2, 202).  

[9] Sokrates: hist. eccl. III 14, 1 (PG 67, 416 A).

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