Flaschenpost mit ungewisser Zukunft
Von Albrecht Grözinger
Ich gebe es zu, die in Johannesburg beschlossene „Erklärung zu Palästina und Israel: Ein Aufruf zur Beendigung von Apartheid, Besatzung und Straflosigkeit in Palästina und Israel“ des Ökumenischen Rates der Kirchen hat mich kalt erwischt. Dabei sind es vor allem zwei Dinge, die ich nicht verstehe: Die einseitige Verurteilung allein Israels und das völlige Verschweigen der Verbrechen der Hamas an Israelitinnen und Israeliten sowie die Verwendung des Begriffes „Apartheid“ zur Charakterisierung der Politik des Staates Israel. „Mein“ ÖRK (auf die Bedeutung des „mein“ komme ich weiter unten zurück) hat eine Botschaft versandt, die mir so rätselhaft wie unheimlich ist.
All die Jahre christlich-jüdischer Gespräche, all die Bemühungen, das Verhältnis von Christentum und Judentum theologisch neu zu bedenken und zu bewerten – all das dahin? In meiner ersten Trauer kam mir die Metapher Walter Benjamins von der Flaschenpost in den Sinn. Es schwimmt eine Flaschenpost ungewisser Zukunft auf dem Meer der weltweiten Christenheit. Und das Einzige, was sicher ist, dass sich in dieser Flaschenpost auch ein „Herzstück meiner Theologie“ befindet.
Von diesem theologischen Herzstück möchte ich hier erzählen. Bewusst biografisch, aber doch in der Überzeugung, dass meine Theologie exemplarisch für den Weg eines Teiles einer ganzen theologischen Generation steht. Einer Generation, die um das berühmte Jahr 1968 herum mit dem Studium der Theologie begonnen hat.
Dass Israel und das Judentum, zu einem Herzstück unserer Theologie werden sollte, war uns nicht in die Wiege gelegt. Bei Ernst Käsemann in Tübingen lernten wir, dass das, was wir mit Sicherheit vom historischen Jesus von Nazareth wissen können, darüber zu erheben sei, was Jesus vom Judentum unterscheidet. Und in Mainz, wo ein großer Teil unserer Lehrer dem radikalen Flügel der Bultmann-Schule angehörte, war die Frage nach dem Judentum kein Thema. Dagegen hörten wir in den Vorlesungen von Herbert Braun manche antijudaistische Spitze. Der Begriff des Spät-(!)Judentums für die Zeit Jesu ging ganz selbstverständlich über unsere und unserer Lehrer Lippen. Und für den „Star“ unserer theologischen Jugendzeit, die frühe Dorothee Sölle, war das Judentum allenfalls literarisch, aber nicht theologisch bedeutsam. Nur in den Lehrveranstaltungen von Luise und Willi Schottroff deutete sich zaghaft die Einsicht an, dass über das Judentum theologisch nicht das letzte Wort gesprochen sei.
Wir Mainzer theologische 68er machten in diesem Zusammenhang durchaus unsere Entdeckungen. So entdeckten wir das Denken derer, die ab 1933 ins Exil gezwungen wurden: Walter Benjamin, Lion Feuchtwanger, Hannah Arendt, Nelly Sachs – um nur ganz Wenige exemplarisch zu nennen. Jüdisches Denken war bei „uns“ also durchaus präsent – philosophisch, literarisch, die theologische Dimension fehlte jedoch.
Die Frage nach der theologischen Bedeutung des Judentums war eindeutig ein Import aus Berlin. Wir Studierenden versuchten, Friedrich Wilhelm Marquardt auf eine damals freigewordene Professur für Systematische Theologie zu bekommen. Und so luden wir ihn zu einem Vortrag und Gesprächsabend nach Mainz ein. Und er sprach – zu unserer Verblüffung – weniger über „Theologie und Sozialismus“ (das hielt er wohl bei uns hochpolitisierten Mainzern für ein Eulen-nach-Athen-Tragen), sondern er stellte das Thema „Die Juden und ihr Land“ in den Mittelpunkt. An diesem Abend ging Vielen von uns buchstäblich ein Licht auf hinsichtlich der theologischen Bedeutung des Judentums. Und über das zufällig Biografische hinaus kann meines Erachtens die deutsche Theologie Friedrich Wilhelm Marquardt nicht dankbar genug dafür sein, mit welcher Hartnäckigkeit er dieses Thema auf die Tagesordnung der Theologie setzte.
Dieses Wissen begleitete uns dann ins Württembergische Vikariat, das ich zusammen mit einer Mainzer Studienfreundin und einem Mainzer Studienfreund im Dreier-Team in Stuttgart antrat.
In diese Zeit – es war die bleierne Zeit des „deutschen Herbstes“ mit dem RAF-Terror und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer – fielen zwei Ereignisse, die auch unser theologisches Denken beeinflussten: im Deutschen Fernsehen lief die amerikanische Filmserie „Holocaust“, und am 8. November 1978 jährte sich der Tag der grossen Judenpogrome in Deutschland zum 40. Mal. Die deutsche Vergangenheit und insbesondere der Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen war nach dem langen Beschweigen während der Adenauer-Republik plötzlich im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit präsent.
Vor allem entdeckten wir das Verflochtensein „unserer“ Württembergischen Landeskirche mit Mut und Versagen in dieser Zeit zugleich. Da gab es den mutigen Pfarrer Julius von Jan in Oberlenningen, der an dem der Reichspogromnacht folgenden Buß- und Bettag offen gegen die Verfolgung der Juden und Jüdinnen predigte, dann aber sogleich vom Stuttgarter Oberkirchenrat pathologisiert wurde. Der damalige württembergische Landesbischof Wurm schrieb einen mutigen Brief des Protestes gegen die Reichspogromnacht an den Reichsinnenminister, begründete aber das Recht, gerade jetzt zu protestieren, mit seinem gleichsam „normalen“ Antisemitismus, da er schon in der Weimarer Republik versucht habe, den jüdischen Einfluss auf die diakonische Arbeit in Stuttgart zu begrenzen. Die Shoah und ihre Vorgeschichte – das alles war nun nicht mehr bloß Vergangenheit: Als Vikar/innen und junge Pfarrer/innen waren wir mit unserer Kirche darin verstrickt.
Ich habe die letzten beiden Tage in den Predigten während meiner Vikariatszeit in Stuttgart und meiner ersten Pfarrstellenvertretung in Kircheim-Ötlingen am Fuße der Schwäbisch Alb gestöbert. Und ich war erstaunt, wie präsent das Thema des Antisemitismus und der Shoah in meinen Predigten war. Allerdings eher in ihrer politischen Dimension, die im engeren Sinne theologische Dimension habe ich in meinem Predigen damals kaum erreicht.
Der ÖRK war auch präsent – auch damals schon eine strittige Präsenz, besonders in der Württembergischen Landeskirche. Es ging um den Streit um eine theologische Positionierung gegenüber dem Apartheid-System in Südafrika. „Apartheid ist Sünde“ – diese Aussage war damals in der Württembergischen Landessynode hoch umstritten, und ganz besonders die politischen Wege hin zu einer Veränderung. War politische Gewalt zum Sturz des Apartheid-Systems legitim oder nicht? Der ÖRK schloss gewaltsamen Widerstand nicht aus, was den Vertretern des Württembergischen Pietismus mit seiner lutherischen Prägung zu tief suspekt war.
Es hatte dann durchaus den Charakter eines kleinen Bekenntnisses (das allerdings keinen Mut abverlangte – sage ich heute aus der Rückschau), dass unser Vikarsjahrgang zu einer Studienwoche zum ÖRK nach Genf aufbrach. In einer eindrücklichen persönlichen Begegnung mit Paulo Freire empfingen wir Impulse aus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Und in der Begegnung mit dem damaligen Generalsekretär Philipp Potter, der sowohl durch seine gewaltige körperliche wie geistige Präsenz beeindruckte, war der Kampf gegen „Apartheid“ das zentrale Thema. Damals wurde der ÖRK definitiv zu „meinem“ ÖRK. Deshalb wühlt es mich die letzten Tage auf besondere Weise auf, dass nun der Begriff in ganz anderem Sinne als damals wieder umstritten ist. Mein Verhältnis zu „meinem“ ÖRK wird nun auf eine Probe gestellt, deren Brisanz ich mir vor wenigen Wochen nicht vorstellen konnte.
In diese Zeit fiel dann der epochale Beschluss der Synode der Rheinischen Kirche vom Januar 1980 „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“, die die theologische Dimension explizit in dem Mittelpunkt von Kirche und Theologie stellt. Die Blickrichtung des rheinischen Synodalbeschlusses mit dem Theologoumenon der „bleibenden Erwählung Israels“ war keineswegs unumstritten. Im Repetentenkollegium – ich war inzwischen Repetent im Tübinger Stift – diskutierten wir sehr kontrovers. Und wenn ich mich recht erinnere, überwog bei den KollegInnen die Skepsis. Und „unser Lehrer“ Ernst Käsemann formulierte noch im Jahre 1992 in der Zeitschrift „Evangelische Theologie“ unter dem Titel „Protest!“ einen geharnischten Artikel gegen die rheinische theologische Linie.
Das Alles nahm ich mit nach Mainz, als ich dort eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter antrat. Im einstmals fakultär zerstrittenen Mainz war es merklich ruhiger geworden. Die theologischen Aufgeregtheiten und schrillen Töne Tübingens gab es dort nicht. Deshalb legte ich den Schwerpunkt auf den Abschluss meiner bereits in Tübingen begonnenen Habilitationsschrift „Praktische Theologie und Ästhetik“. In den letzten Tagen wurde mir noch einmal wichtig, dass in der formalen und noch mehr inhaltlichen „Mitte“ der Exkurs zu „Walter Benjamins messianische Ästhetik“ steht. Benjamin ist ja der große deutsche Intellektuelle der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dessen Denken sich die philosophischen und theologischen Spuren jüdischen Denkens am intensivsten miteinander verbinden. Noch einmal: Es ist kein Zufall, dass sein Denken die Mitte meiner zweiten akademischen Qualifikationsschrift darstellt.
Die Berufung an die Kirchliche Hochschule Wuppertal führte mich dann gleichsam in die theologische Herzkammer derjenigen Landeskirche, die mit ihrem Synodalbeschluss zum Verhältnis von Judentum und Christentum Theologiegeschichte geschrieben hat. Obwohl ich dort als Württemberger stets etwas fremdelte, entwickelte sich eine enge Vertrautheit mit dem Kollegen Berthold Klappert und im nahen Bochum mit dem Kollegen Klaus Wengst. Beide waren Wegbereiter und Apologeten des Rheinischen Synodalbeschlusses gleichermaßen. Ganz wichtig waren auch die Begegnungen mit Edna Brocke, die in dieser Zeit die Begegnungsstätte „Alte Synagoge Essen“ leitete. Sanft, aber entschlossen wies sie mich immer wieder auf antijudaistische Reste in meinem Denken und meiner Sprache hin. Es war eine oft nicht einfache, aber lehrreiche Schule für die Weiterentwicklung meines Denkens.
Das letzte und unabgeschlossene Kapitel meiner theologischen Biografie ist dann die Berufung an die Universität Basel. In Basel begegnete mir eine ganz andere -vielleicht könnte man sagen: selbstverständlichere – Präsenz von Juden und Jüdinnen. Aber auch eine sehr viel offenere Präsenz antisemitischer Stereotypen, bis in manche Stuben Basler Bürgerlichkeit hinein. Die Schweiz ist eben nicht das Land des „Holocaust“. Dies war für mich eine sehr wichtige – eben ganz lebenspraktische – Erfahrung.
An der Fakultät begegnet ich Ekkehard Stegemann, dessen Zwillingsbruder Wolfgang Stegemann ich bereits aus der Zeit des Mainzer Studiums kannte. Die beiden „Stegemänner“ stehen ähnlich wie Friedrich-Wilhelm Marquardt für eine Theologie, in deren Zentrum das Verhältnis von Christentum und Judentum steht. Das große Verdienst von Ekkehard Stegemann (mit dem ich in anderen Punkten nicht selten auch in kritischem Streit stand) besteht darin, dass er – beinahe in einer Solo-Aktion – die Einrichtung eines Instituts für Jüdische Studien an der Universität Basel vorangetrieben hat. Ich selbst arbeitete dann im Stiftungsrat des Instituts mit, zuletzt bis zu meiner Emeritierung als dessen Präsident.
In den auch an der Universität Basel stürmischen Monaten seit dem mörderischen Überfall der Hamas auf Israel hat die Präsenz des Instituts im Corpus der Universität eine wichtige Rolle gespielt. Zum einen war es Ziel von Attacken. Einige Lehrveranstaltungen konnten nur unter Schutz von Wachpersonal durchgeführt werden. Auf der anderen Seite hatte der sachliche und informative Charakter der Veranstaltungen des Instituts durchaus auch eine befriedigende Funktion in einer emotional aufgeheizten Stimmung.
Wo stehe ich heute? Ich schrieb eingangs, dass mich der Beschluss des ÖRK von der vergangenen gleichsam kalt erwischt hat. Es sind vor allem zwei Dinge, die mich daran empören: Israel steht in diesem Beschluss ausschließlich als Aggressor da, die Palästinenser ausschließlich als Opfer. Und dann vor allem die Aussage, dass Israel ein Staat sei, der Apartheid ausübe. Ja – dies hat mich kalt erwischt. Aber ich hätte es anders wissen können. Bei meinen Besuchen in Indien stieß ich nicht selten auf eine vitale antijudaistische Theologie, oft gepaart mit den steilsten antisemitischen Schauergeschichten. Dies ist kein Grund zur Anklage. All die Stereotypen, die mir dort begegneten, kam aus dem europäischen Arsenal des Antijudaismus und Antisemitismus. Es gibt eben auch eine koloniale Spur des Antisemitismus-Exports. In Südafrika musste ich zur Kenntnis nehmen, dass gerade die, die jahrzehntelang unter dem System der Apartheid litten, also wussten, was Apartheid ist, diesen Begriff in ganz selbstverständlicher Weise auf die Politik des Staates Israel anwandten.
Und trotzdem hat es mich kalt erwischt hat. Das, was zum Herzstück meiner theologischen Biografie gehört, ist offensichtlich in der weltweiten Pluralität protestantischer Theologien und Kirchen nur eine kleine, marginale Minderheitenperspektive. Diese knallharte Erkenntnis stellt für mich die eigentliche Herausforderung der letzten Tage dar.
In gewisser Weise wurde mir das auch gleichsam aus dem eigenen Hause wiedergespiegelt. Der Kommentar einer Kollegin, die ich sehr schätze, lautete: Es seien jetzt eben die woken alten Männer, die den ÖRK kritisieren. Und ein Synodaler der Reformierten Kirche des Kantons Zürich sprach von „teutonischer Nibelungentreue“ (offensichtlich zu Israel). Das kann ich nicht so einfach wegstecken, das gestehe ich hoffen. Aber zugleich sagen diese beiden Kommentare durchaus auch Wahres: Ja, ist bin ein alter Mann, das ist sowieso offensichtlich. Und ja, ich halte ein „Wachsein“ gegenüber Verletzungen von persönlicher Integrität – egal wo und wie auch immer – nicht unbedingt für eine Untugend. Und ja, meine Theologie hat mit Deutschland und den Erfahrungen dort zu tun. Es ist die Theologie einer – wenn man so will – „ersten Generation“ der Bundesrepublik Deutschland der um das Jahr 1949 Geborenen. Zwei Sätze waren für Viele von uns beinahe kategorische Imperative: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste…“ (Theodor W. Adorno) und „Wie man nach Auschwitz den Gott loben soll, der alles so herrlich regieret, das weiß ich nicht“ (Dorothee Sölle).
Heute sehe ich der Tatsache ins Auge, dass das, was für uns das zentrale Motiv unseres theologischen Denkens darstellte, „kulturelles Sondergut“ ist. Das ist eigentlich selbstverständlich. Jede kontextuelle Theologie ist Sondergut. Und zugleich ist jede Theologie kontextuell. Wir handeln also alle mit „theologischem Sondergut“. Spannend ist die Frage, welche Bedeutung jeweiliges theologisches Sondergut für Theologien anderer Kulturen und Erfahrungswelten hat. Wahrscheinlich hat meine Generation dem Erfahrungswert unseres theologischen Sondergutes zu selbstverständlich eine universelle Bedeutung unterstellt. Heute zeigt es sich, dass eine Theologie, die sich pointiert als „Theologie nach Auschwitz“ versteht, nicht mehr ist als eine Flaschenpost, die im weiten Meer christlicher Theologien und Denominationen schwimmt. Aber jeder und jede, die eine Flaschenpost ins Meer werfen, hoffen darauf, dass diese doch gefunden, geöffnet und gelesen wird.
Albrecht Grözinger ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Universität Basel.