Paul Althaus, Kirche und Volkstum (1927) und die Ambivalenz seiner Volkstumstheologie: „Jedes Volk — auch das unsere, findet in der Geschichte, die dem Reiche Gottes entgegengeht, seinen Lebenssinn, seine gott­gegebene Stelle und darum unendliche Verantwortung, Verant­wortung auch dafür, das eigene Leben stark, frei, rein zu halten für den Dienst am Reiche Gottes. Die Völker bekommen verschiedene Sendung von dem Herrn der Geschichte. Unserem Volke ist durch seine Geschichte von Gott gezeigt, daß er ihm Besonderes anvertraut hat.“

Kirche und Volkstum (1927)[1]

Von Paul Althaus

1.

„Kirche und Volkstum“ — einer Versammlung des deutschen evan­gelischen Kirchentages im deutschen Osten drängt dieser Gegen­stand sich auf. Will der Kirchentag die ostpreußische Kirche, das ostpreußische evangelische Volk auf seinem Vorposten stärken, so muß er ein Wort haben für das lebendige Verhältnis von Kirche und Volkstum. Ostpreußen stellt uns dieses Thema- Und die deutsche Ostmark hat zugleich zu ihm viel zu sagen. Die Ostmark zeugt davon, wie im Grenzdeutschtum weithin evangelische Kirchentreue und deutsche Volkstreue sich durchdringen, ja zusammenfallen. Aber die Ostmark mahnt uns auch, das Verhältnis von Kirche und Volkstum nicht zu einfach zu nehmen. In der gleichen Kirche sind deutsches und masurisches Volkstum verbunden zur Gemeinschaft des Glaubens. So erinnert die Ostmark zugleich an die Selbständigkeit der kirchlichen Gemeinschaft gegenüber der Volkstums-Einheit: die kirchliche Ge­meinschaft greift über Volkstumsgrenzen über.

Indessen unser Thema wird uns doch nicht nur, nicht erst durch Ostpreußen gestellt. Die geschichtliche Stunde unseres Volkes stellt es. Seit dem Kriege geht durch unser Land als mächtige Bewegung, elementar geboren aus der Schicksalsstunde, neue Liebe zum Volks­tum, neue Besinnung auf seine Art und Verantwortung, leiden­schaftlicher Wille zur Wiedergeburt unseres Volkes aus der Zeugungs­macht des Volkstums. Die Wurzeln der Bewegung sind deutlich: vor allem das hohe, ergreifende Volkserlebnis des August 1914; was vor dem Kriege schon hie und da geahnt wurde und lebendig war, z. B. in der Jugendbewegung, das wurde mit einem Male verbindendes, hinreißendes Erlebnis für viele. Die volkliche Verwurzelung und Gebundenheit unseres Lebens wurde als unmittel­bare Lebenswirklichkeit neu entdeckt und bewußt ergriffen. An der Not und Krankheit unseres Volkes hat die Bewegung sich dann recht eigentlich entzündet, als Reaktion gegen das äußere und innere Schicksal deutschen Volkstums. Als solche greift sie weit über die Grenzen bestimmter politischer Parteien hinaus. Bei der Jugend z. B. ist sie in allen Lagern eine Macht, von der im engeren Sinne „völkisch“ genannten Jugend an bis hinein in die Reihen der sozi­alistischen, mehr oder weniger verhüllt oder bewußt, im besonderen natürlich überaus verschieden.

Welches ist ihr Herzschlag? „Volkstum“ — das Wort leuchtet neu im Glanze leidenschaftlicher Liebe. Volkstum nennen wir das besondere, von anderem unterschiedene Seelentum, das in aller einzelnen Volksgenossen Fühlen, Werten, Wollen, Denken als das Gemeinsame erscheint; den Mutterschoß arteigenen geistig-seelischen Wesens; eine übergreifende Wirklichkeit, ursprünglich für uns alle mit unserem Leben gegeben, vor unserem Entscheiden und Wollen. Eine ursprüngliche Gegebenheit — und doch nicht einfach ein Stück Natur. Blutsgemeinschaft, Zusammenwohnen im Lande, Einheit der Lebensbedingungen, des staatlichen Schicksals — das alles kann von hoher Bedeutung für das Werden eines Volkstums, ja z. T. unentbehrlich für es sein; aber nichts von alledem braucht für sich allein oder auch mit den anderen Bedingungen zusammen Volkstum schon zu begründen. Volkstum ist eine geistige Wirklichkeit, durch geistige Urzeugung geheimnisvoll geboren und, unbeschadet der Wichtigkeit der genannten Bedingungen, vor allem der natürlichen Fortzeugung von Geschlecht zu Geschlecht, geistig weiterzeugend in der Geschichte, durch die Liebe, die es entzündet. Niemals freilich wird ein Volkstum ohne die Voraussetzung z. B. der Blutseinheit. Ist aber das Volkstum einmal gezeugt, so kann es als geistige Wirklich­keit, durch seine Geistesmacht, auch bei dem Fortfallen dieser oder jener der obengenannten natürlichen Bedingungen sich lebendig erhalten, ja weiterzeugen. Es vermag, wie wir das in unserer deutschen Volksgeschichte reichlich erlebt haben, auch fremdes Blut sich anzueignen. Wie groß immer die Bedeutung des Blutes in der Geistesgeschichte sein mag, das Herrschende ist doch, wenn einmal als Volkstum geboren, der Geist und nicht das Blut. In der Ge­schichte entwickelt und entfaltet sich das Volkstum, in ihr, durch sie. Seinen deutlichsten Ausdruck findet es in der Sprache. Da schlägt sich die geistige Eigenart eines Volkes nieder. Aber darüber hinaus erscheint sie in seinem Dichten und Denken, Bilden und Bauen, Singen und Sagen, Mythen und Märchen, in Sitte und Brauch, Recht und Verfassung.

Dann ist das Volksleben gesund, wenn es in völkischer Treue gelebt wird, in Verantwortung gegen das hohe Erbe, gegen die Volksart, die in ihm erscheint; wenn das Denken und Gestalten aus den tiefen Quellen des Volksgeistes schöpft; wenn alles Leben der Einzelnen und der Gruppen gliedlich vom Ganzen getragen wird, sich als Glied am Ganzen weiß und ihm dient.

Von hier aus erscheint nun die deutsche Gegenwart weithin als schmerzliche Entartung. Unser Volk, so hören wir, Hat sich selbst verloren. Verloren an die Zivilisation, verloren an die Fremde. An die Zivilisation: sie bedeutet rationale Organisation statt des gewachsenen Organismus, Zersetzung zur Masse statt Gliedlichkeit am Volksleibe, „Gesellschaft“ unverbundener Einzelner statt organischer Gemeinschaft, Entwurzelung und Entheimatung, äußerlich und innerlich, statt äußerer und innerer Bodenständigkeit; Ent­erbung statt Leben aus dem Erbe der Väter; in vieler Hinsicht kann man sagen: „vaterlos, mutterlos, ohne Stammbaum,“ ohne Ge­schichte, statt der Verwurzelung in tragender Überlieferung, Sitte und Form — die Großstadt ist doch das Sinnbild unserer ganzen Zeit! — Dazu aber verloren an das Fremde. Man denkt dabei zunächst an die Deutschen unter fremder Herrschaft, denen die Frei­heit, in Kirche und Schule Deutsche zu sein, bedroht und geschmälert wird — die Nöte und Sorgen des Ausland- und Grenzlanddeutsch­tums empfindet man in der Volkstumsbewegung stark. Aber die Fremde ist eine Macht auch in der Heimat: die Überfremdung unserer Literatur, des Theaters, der Künste, der Mode und der Feste, des Parteiwesens und der öffentlichen Dinge, die Preisgabe an volklose Geldmächte ist quälend zum Bewußtsein gekommen. Zivilisation und Überfremdung miteinander sind schließlich auch schuld an der Zerrissenheit unseres Volkes, an dem Geist des Klassenkampfes, der die Volksgemeinschaft zersetzt.

Angesichts alles dessen wird nun die Losung ausgegeben: unser Volk soll sich wiederfinden! Abwehr gegen die Mächte der Fremde und Zerstörung, Wiedergeburt des Volkslebens aus seinen eigenen Quellgründen! Die Hoffnungen und Losungen sind so umfassend wie die erkannte Not: Wiedergeburt der Arbeits-, Wirtschafts-, Geldverhältnisse aus dem Geiste echter Volksgemeinschaft; eine Ordnung des gemeinsamen Lebens, die unser großstädtisch werdendes Volk wieder fester bindet an Familie, Beruf, Arbeit, Boden, Heimat; Überwindung der Zersetzung durch ein neues Erleben der Gliedlichkeit, durch Weckung opferwilligen Brudergeistes; Horchen auf die alten Meister im Dichten und Denken, Schrifttum, Kunst, Musik; dadurch Kräftigung der eigenen Art, so daß unser Volk es dann besser erträgt, Fremde unter sich zu haben und ihnen nicht mehr erliegt; Erneuerung echter alter Sitte, würdigen Brauches; in allem aber: Erziehung zum Heimat- und Volksbewußtsein, zur Verant­wortung vor der Vergangenheit und Zukunft des eigenen Volkes, zur Volkstumstreue, angefangen von der Eheschließung bis hin zu Zeitung und Buch, Festen und Formen.

Alle diese Gedanken, die ich hier nüchtern aufgezählt habe, sind nun beseelt, durchblutet von einer heißen Liebe, von fast religiöser Inbrunst. Man hat mit Recht gesagt, daß eine solche Flamme der Liebe zum Volkstum seit hundert Jahren in unserem Lande nicht gelodert habe. Wir finden einen Verantwortungsernst, an dem Jünglinge vor der Zeit zu Männern reifen. Möchten wir nur Ohren haben, durch die viele Verworrenheit, durch das laute Eifern mit Unverstand hindurch in die Tiefe zu horchen, den gesunden Herz­schlag zu spüren! —

Muß ich erst noch sagen, daß und warum diese Bewegung unsere Kirchen unmittelbar angeht; daß wir hier eine Verantwortung haben; daß die Kirchen an dieser elementaren, breiten Laienbewegung — neben der sozialistischen die stärkste und breiteste Welle — nicht vorübergehen dürfen? Es ist keine Frage: die Kirchen- und die Volkstumsbewegung begegnen sich. Diese hat längst ernste Glieder unserer Kirchen ergriffen und ihnen ein hinreißendes Ziel, hohe Begeisterung gegeben, nicht selten vielleicht mehr als die Kirchen bisher. So ist die Begegnung als persönliche Tatsache im Leben vieler einzelner offenkundig. Aber auch die innere Notwendigkeit einer Auseinandersetzung im großen: Kirche und Volkstums­bewegung — beide wollen das ganze Volk; beide wollen die Menschen ganz binden, durch einen letzten Imperativ. Beide wollen Reinigung, Wiedergeburt. Auch die Volkstumsbewegung weiß von dem Gerichte über eine alte Welt und sucht die neue. Beide erheben Ansprüche aneinander. Die Kirchen zeugen von der einen Bindung, neben der es keine andere geben darf, der Bindung an den lebendigen Gott. So müssen sie zu aller anderen Bindung, auch zu der völkischen. Stellung nehmen und ihr Recht prüfen. Der Gehorsam gegen Gott ist von unbedingtem, ausschließlichem Anspruch; welches Recht kann angesichts dessen dem Ansprüche des Volkstums zukommen? Und von der anderen Seite: sie Volkstumsbewegung pocht an die Tore der Kirche und fordert Umstellung: es sei unerträglich, daß die Kirche für das höchste Gut, die Volkheit, so wenig Sinn und Raum habe.

Also: zur Begegnung zwischen Kirchen- und Volkstumsbewegung kommt es notwendig. Das nur ist die Frage, wie die Begegnung ausgeht; als gegenseitige Konkurrenz, Verdrängung, Verachtung oder als ein wirkliches Verstehen und Finden. Kirche und Volkstums­bewegung müssen miteinander reden über das Verhältnis von Kirche und Volkstum. Und wenn die Begegnung heilvoll sein soll, dann muß zweierlei geschehen: es gilt zuerst den Weg zu finden, der vom Volkstum zur Kirche führt, und dann den Weg zu zeigen, der die Kirchen zum Volkstum führt. Wir reden also zuerst von der Bedeu­tung der Kirche für das Volkstum, vom Volkstum her gesehen; sodann von der Pflicht der Kirchen gegen das Volkstum, von den Kirchen her gesehen.

2.

Führt ein Weg vom völkischen Wollen zur Kirche? (Daß wir im folgenden den Ausdruck „völkisch“ mehrfach verwenden, kann nicht mehr mißverstanden werden, nachdem gesagt ist, daß die Bewegung weit über eine Partei übergreift.) So viel steht von vornherein fest: die Volkstumsbewegung selber weiß mit Paul de Lagarde, daß sie religiösen Tiefgang haben, daß sie zugleich eine religiöse Bewegung sein muß. Die völkische Frage führt in religiöse Tiefe. Inwiefern?

Der Volkstums-Imperativ, so sagt man uns, bindet den Men­schen ganz und unbedingt. Unbedingte Treue! Aber wem? Dem „Wesen“, dem Lebensgesetz des Volkes (Goethe hat uns dafür den Ausdruck „Volkheit“ geschenkt). Aber die Volkheit, der wir die unbedingte Treue schulden, ist doch nicht dasselbe wie die jetzige Wirklichkeit unseres Volkes oder irgendeine frühere. Treue — aber einfach der Vergangenheit unseres Volkes? Niemals! Jedes Erbe ist zweideutig, trägt in sich Gabe und Schuld. Die Volkheit ist uns nie gegeben. In dem, was als Erbe oder als gegenwärtige Art unseres Volkes gegeben ist, sind Wesen und Unwesen, Art und Entartung beieinander. Woher der helle Blick, beides zu sondern? Wo finden wir den Maßstab? Volkheit ist niemals das, was ist, sondern das, was werden soll, die Norm. Wo wird sie erkannt? Wir können nur sagen: wo immer in der deutschen Geschichte Männer unserem Volke sein „Wesen“, seine Volkheit gedeutet haben, da hatte ihr Gewissen vor Gott gestanden. Volkheit ist der Wille Gottes über ein Volk. Wenn ein Volk sich vor dem unbedingten heiligen Herrn besinnt, dann leuchtet ihm seine Volkheit auf, seine Sendung, seine Idee, als Synthesis des ewigen Gotteswillens über allem Menschentum und der besonderen Volksart. Vor Gott erlebt das Volk unweigerlich das Gericht über seine jeweilige Wirklichkeit, auch über seine Vergangenheit, aber doch zugleich Berufung. Wer das nicht wahr haben wollte, wen die Frage nach der deutschen Volkheit nicht vor Gottes Auge führte, unter sein Sichten und Nichten, der käme notwendig zu einer Verfälschung des Gewissens: er vergött­lichte das ungeheiligte Volkstum; er gäbe ein Irdisches, Fehlsames als unbedingt bindend aus.

Aber nicht nur die Frage nach der Volkheit stellt notwendig vor Gott. Es kommt die andere große Frage: wo findet das Volk die Glut des Willens, seine Sendung zu erfüllen, seiner Volkheit treu zu bleiben? Es ist, wie Lagarde es schön ausgesprochen hat, die Frage nach der wahren Freiheit des Volkes, werden zu können, was es soll. Wo quillt die Kraft der Freiheit? Gewiß, das Volkstum fordert nicht nur, es schenkt auch Kräfte. Wir wissen um die Gewalt ursprünglicher Hingabe an das tragende Leben des Volkes, welche Natur ist ebenso wie die Mutterliebe. Wir kennen die Macht hoher Begeisterung für die völkische Wiedergeburt. Aber reicht das alles weit genug?

Es sei nur an weniges erinnert. Der völkische Kampf geht wider die Überfremdung. Aber sind die Fremden nur die Andersblütigen? Wir unterschätzen die Bedrohung unseres Volkes durch den jüdischen Geist und die jüdische Macht nicht — nachher wird davon noch einmal zu reden sein. Aber — wir dürfen es nicht verschweigen — wieviel Pharisäismus birgt sich in der bequemen Anklage Fremdblütiger! Würde das Fremde unter uns Macht gewinnen, wenn wir uns nicht preisgäben? Das Fremde findet Bundesgenossen und Verräter bei uns selbst. Die Frontlinie zwischen Geist und Geist geht mitten durch unser deutschblütiges Volk hindurch, ja durch jede Brust. Mitten unter uns wirken die zerstörenden Mächte, vollzieht sich die innere Volksentfremdung. Das Problem der Volksentartung ist das Problem des Bösen. Sind denn die anderen schuld daran, daß wir Deutsche das sechste Gebot nicht mehr halten?! Glaubt man aber im Ernste, daß der völkische Wille allein, daß die Gesichts­punkte der Eugenik und Rassenhygiene unseres Volkes Ehe und Sittlichkeit wieder gesund machen werden? Man unterschätze doch die Gewalt der Dämonen nicht, die auch in deutschem Blute rasen! Dann erst ist Hoffnung, wenn die Einzelnen, die Familien wieder in der Gewalt Gottes stehen. Nicht hohe Worte völkischer Imperative werden uns aus dem Schmutze emporreißen, sondern allein das Wachsen der unsichtbaren Gemeinde derer, die vor dem allmächtigen Gott wandeln!

Ein anderes: völkisches Wollen heißt Wille zu neuer Volks­gemeinschaft. Die Gemeinschaft unseres Volkes ist zerrissen durch Schicksal und Schuld, durch Maschine und Menschen. Das Bewußt­sein „sintemal ihr untereinander Glieder seid“ im Sinne der ursprüng­lichen Volksverbundenheit vermag sicher Großes, kann, wenn es, wie in unseren Tagen, von vielen neu erlebt wird, die Herzen warm machen zu völkischem Opfergeist, zu freudiger Solidarität. Wir denken darüber nicht gering. Aber — eine sehr ernste Frage — wird solche natürliche Liebe nicht erlahmen angesichts der geistigen und sachlichen Widerstände, um uns und bei uns selber? Ruft sie nicht nach der Macht überweltlicher Liebe, die aus Gott ist, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet? Der Volkskörper blutet aus zahl­losen Wunden, auch solchen, die häßlich eitern. Wo ist der Opfergeist, sich der siechen Volksglieder, der verzweifelten Volksnot ganz ernst, ganz barmherzig anzunehmen, das ganze Leben hinzugeben an solchen Dienst? Das Wort von der Volksgemeinschaft wird heute so oft in hohem Tone verkündet — aber wissen alle, was im Kleinen und im Großen not ist an persönlichster Selbstverleugnung, an unscheinbarem Heroismus, an reiner Kraft, zu heben, zu reinigen, zu versöhnen, wenn die „Volksgemeinschaft“ nicht eine billige, beruhigende Phrase für Festtage bleiben soll? Hier ist wahrlich „neue“ Liebe vonnöten. Sie wird gewiß an die natürliche Verbundenheit und Liebe, die deutsches Blut Zu deutschem Blute zieht, anknüpfen, sie durchbluten, mit ihr zusammenschmel­zen — aber sie wächst nicht einfach aus ihr heraus, ist mit ihr nicht schon gegeben. Auch „Nationalerziehung“ kann die neue Liebe nicht zeugen. Wieder stehen wir vor der Gottes­frage.

Schließlich: Völkisches Wollen ist Lebenswille — es nimmt teil an der Unbändigkeit, Grenzenlosigkeit alles natürlichen Lebens­willens. Es ist nicht ausgenommen von dem Banne, der auf allem natürlichem Wollen liegt, von der Gefahr, den Dämonen zu verfallen. Die edle Glut der Volksliebe kann zum wilden, unreinen Feuer werden. Alle Bejahung des Volkstums führt in den Kampf, und gerade im Kampfe erheben die Dämonen des Hochmutes, des Hasses, der Verachtung der anderen ihr Haupt. Der heiße völkische Wille ist schon der Reinigung bedürftig. Wo findet er sie? So fragen heißt wieder nach Gott fragen.

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Angesichts des schweren Ernstes dieser Fragen bedarf es kaum eines Wortes, daß der Versuch „völkischer Religion“ als Lösung der Gottesfrage des Volkstums einen Kurzschluß und eine Unmöglich­keit bedeutet. Man geht hier von einem allgemeinen Grundsätze aus und trifft auf Grund seiner eine bestimmte Wahl. Den Grundsatz hat Paul de Lagarde, an Gedanken der Romantik an­knüpfend, so ausgesprochen: Jeder Nation ist eine nationale Religion notwendig. Jedes Volkes innerstes Geheimnis, die Seele seiner Kultur ist sein Glaube; er muß daher so eigengeartet sein wie das Volkstum selber. Die deutsche Religion muß aus der deutschen Volksseele geboren werden. Von diesem Gedanken aus sucht man die Grundzüge der völkischen Religion in dem Glauben unserer ger­manischen Vorfahren.

Wir nehmen zuerst zu dieser bestimmten Wahl, sodann zu dem Grundsatze, von dem sie geleitet ist, Stellung.

Dabei mag ganz davon geschwiegen sein, wie dilettantisch und kritiklos man in jenen Kreisen die doch nur dürftig, in unsicheren Umrissen erkennbare altgermanische Religion mit Phantasie als eine sichere Größe behandelt, ergänzt, umdeutet. Was für grobe Züge der Selbsterlösung, der Naturmystik, des Pantheismus werden als „deutsche Religion“ verkündigt! Wir ehren den Glauben unserer Vorfahren. Er hat große, tiefe Züge. Unsere Schulen sollten davon einen lebendigen Eindruck geben. Aber wie könnten wir je dahin zurück! Soll aus dem Heidentum — ein anderes Wort kann um der Wahrheit willen nicht gebraucht werden — soll aus dem Heidentum unserer Vorväter die Reinigung des völkischen Willens, die Kraft der Liebe, der Volksgemeinschaft kommen? Vollends: heißt das noch Ehrfurcht vor dem Volkstum, wenn man die Augen verschließt vor der Hoheit und Unwiderruflichkeit seiner christlichen Geschichte?

Wie sinnlos, das deutsche Wesen zu denken abgesehen von dem Evangelium und es am vorgeschichtlichen Anfange in seiner Reinheit zu suchen! Volkstum wird erst in der Geschichte. Das deutsche Wesen ist durch das Evangelium wesentlich mitgeprägt. Gewiß, das Evan­gelium ist unserem Volke von außen her gebracht, verbunden mit einer fremden, der römischen Kultur und dadurch zuerst wie ein fremdes Gesetz. Aber wie hat deutsches Volkstum dann das Evan­gelium in Freiheit ergriffen! Sein Edelstes und Schönstes hat es herzugebracht, um von ihm aus das Evangelium und es vom Evan­gelium aus neu zu verstehen: Führertum, Gefolgschaft, freie Hingabe, Vertrauen, den ganzen persönlichen Zug der germanischen Lebens­ordnung. Aus seinem Eigensten heraus, kraft einer gottgeschenkten Wahlverwandtschaft hat deutsches Volkstum das Evangelium ganz tief erfassen dürfen, vom Heliand an zu Luther hin. Und wiederum: was hat es von dem Evangelium genommen und gewonnen! Seine beste Tiefe und Kraft — von dieser Segensgeschichte kann ich heute nichts Einzelnes sagen. Jedenfalls: das Evangelium ist bis heute unseres Volkes größtes Erlebnis gewesen. Und es ist sein eigen ge­worden. Die Einheit „deutsch-christlich“, „christlich-deutsch“ steht als klare, helle, breite Tatsache da. Für sie zeugen die größten Stunden, die herrlichsten Männer unserer Geschichte. Für sie zeugt das christliche Lied, das unvergleichlich ursprünglich, im echten Volkston immer aufs neue aus der Seele unseres Volkes quoll. — Es ist auch unmöglich, in dieser Seelengeschichte der Deutschen etwa eine Linie wie die „mystische“, von Meister Eckhart über Jakob Böhme zu Fichte und Paul de Lagarde als den Weg „deutscher Frömmigkeit“ auszu­zeichnen. Ist Sebastian Franck wirklich deutscher als Martin Luther?

Hier wäre jedes weitere Wort zuviel. Auch wer wie Lagarde nationale Religion fordert, müßte, mit ihm, die Einheit von Christen­tum Und Deutschtum sehen. Aber jetzt gilt es, den Grundsatz selber zu prüfen. Wir können uns noch nicht dabei beruhigen, die geschicht­liche Tatsache freier Verwurzelung deutschen Wesens im Evangelium festgestellt zu haben. „Völkische Religion“ — das Stück Wahrheit in dieser Forderung werden wir später noch zur Geltung bringen. Zunächst aber ist zweierlei zu sagen.

1. Bei vielen bedeutet die Losung „völkischer Religion“ nichts anderes, als daß die Religion nur Ausdruck des völkischen Lebens­willens ist: der „deutsche Gott“ das Symbol deutschen Lebens­anspruches. Das Volkstum ist dann Grund, Quell, Maßstab für die Wahrheit des Glaubens. Nicht der Glaube ist Meister, sondern das Volkstum. Aber was kommt dabei heraus? Nicht die Begegnung mit dem unbedingten Herrn, der Völker auch sterben heißt, der sie richtet und reinigt; nicht die Anbetung Gottes, des Lebendigen, sondern die Benutzung eines Götzen für menschlichen Lebensanspruch, Größe und Herrschaft. Ein bedingtes, des eigenen Volkes Leben, wird hier unbedingt gesetzt; es wird heilig gesprochen statt geheiligt zu werden. Man ist also bei jenem Typus der Nationalreligion angelangt, um deswillen man das Alte Testament gerade ablehnt, bei der nationalen Abgötterei. Von solcher völkischen Religion ist die wahrhafte Begründung und Erlösung des völkischen Wollens nicht zu erwarten. Setzt das Volkstum in einer völkischen Religion sich selber absolut, so verliert es die letzte Bindung wahrhafter Treue und echter Liebe.

2. Wächst die Offenbarung wirklich in des Volkes Seele, als die innerste Schöpfung des Volksgeistes? Hier stehen wir nun vor nichts Geringerem als vor dem ganzen Ernste der Offenbarungs­frage selber. Die völkische Frage als religiöse ist ein Sonderfall der Frage nach der Offenbarung Gottes überhaupt, nach dem Ver­hältnis des Evangeliums zu den Religionen. Darum geht es: bedeutet Offenbarung das Gleiche wie das quellende Leben eines Volkstums, das sich in immer neuen Gedanken und Gestalten ver­wirklicht? Ist das Volkstum in seiner Tiefe selber Offenbarung?

Auch in dem Volkstum, in den Bindungen, mit denen es uns umgreift, erkennen wir eine Selbstbezeugung des Schöpfergottes an uns. Aber so ernst wir das betonen — wir kommen darauf noch zurück —, so ernst setzen wir hinzu: die Heilsoffenbarung Gottes ist wirklich ein „Fremdes“ (mit Absicht wähle ich für die Auseinander­setzung mit den „völkischen“ Gedanken gerade dieses Wort!), ein neues fremdes Wort, nicht aus der Tiefe des eigenen Volkstums quellend, sondern aus der Ferne, aus der Höhe gesprochen. Das versteht nicht, wer noch nicht erkannt hat: alle natürliche, gewachsene Religion steht unter einem Zornesgesetze der Zerteilung und Ent­stellung der Wahrheit. Was organisch wächst, was in den Tiefen eines Volkstums an göttlicher Selbstbezeugung ergriffen werden kann, das hat alles teil an dem Fall der Menschheit, ist Bruchstück, vereinsamte Teilwahrheil, von Lüge überschattet und überfremdet, ein Träumen statt des Wachseins vor Gott — die altgermanische Religion Nicht ausgenommen. Die Wahrheit Gottes kommt in die Geschichte gewiß als die Erfüllung aller Menschheitssehnsucht (und die Kirchen mögen Christus auch einmal zeigen als den Erfüller germanischer Sehnsucht, der tiefen Ahnungen des Mythos — sie sind in aller Entstellung doch auch ein Schrei des Verlangens, das Christus stillen will!). Aber die Wahrheit Gottes ist niemals nur Erfüllung der Menschheitssehnsucht, sondern zugleich das Gericht über sie, über die Enge und den Trug dessen, was Menschen als Stillung der Sehnsucht erdacht, was sie aus Gottes Selbstbezeugung gemacht haben. Nun verstehen wir, daß die rettende Offenbarung Gottes nicht überall da ist (wie unser natürliches Denken so gerne fordern möchte), sondern, gerade weil sie Durchbruch Gottes durch den Trug menschlicher Religion bedeutet, in einer bestimmten, einmaligen, besonderen Geschichte ergeht, auf Grund von Erwählung eines Ortes und Volkes — nicht als Geburt der Offenbarung aus dem Volksgeiste, sondern als Hören eines einmaligen konkreten Wortes aus der Höhe, aus der Fremde, die aller Völker letzte Heimat ist.

Die Fremde, die Heimat ist: darin nämlich besteht nun das Wunder der Offenbarung, daß sie, die einmalige, bestimmte, ge­schichtlich vergangene, Perfectum praesens ist. Das heißt: das fremde Wort, nicht aus den Tiefen unserer Seele, trifft uns doch durch Gottes heiligen Geist als das eigens für uns bestimmte, wird uns „Ereignis“. Jeder Zeit wird das einmal in der Ferne des Heiligen Landes gesprochene, gehandelte Wort Gottes zur Gegen­wart, jedem Volke das in Israels Geschichte von Gott her Geschehene ein eigenes und neues. Die Geschichte der Bibel, der Mission ist des Zeugnis. Das semitisch-hellenistische Buch, die Bibel, wird Menschheitsbuch, Völkerbuch, Volksbuch. Der Herr aller Völker wird — nicht zwar „der deutsche Gott“, aber unser Gott, der Gott unserer Furcht, unseres Vertrauens.

Hierhin muß die Volkstumsbewegung dringen, wenn sie unserem Volke wahrhaft dienen will. Das heißt aber: sie muß Kirche des Evangeliums wollen, Volkskirche. Was bedeutet das Evangelium der Kirche dem Volkstum?

Hier findet das Volkstum sich selber. An dem Gotte der Bibel, an seinem Handeln mit Israel erfährt es das Gericht, die Scheidung von Wesen und Unwesen — wie brauchen wir, gerade unter „völ­kischem“ Gesichtspunkte, das Alte Testament als Zeugnis der Gottesgeschichte eines Volkes, wie brauchen wir die Propheten der Bibel! Hier findet ein Volk seine Volkheit, hier seine Sendung. Denn nun leuchtet über aller Völker Geschichte und daher auch über der unseren der Helle Schein des kommenden Reiches Gottes, und jedes Volkes Leben tritt in das Licht dessen, daß die Geschichte dem Reiche Gottes entgegengeht. Nun erkennt ein Volk seine Sendung — es ist zuletzt keine andere als diese: als Träger des vorn Evangelium entzündeten Lebens in besonderer Gestalt zu zeugen für das kommende Reich Gottes, Christophoros zu sein. Das wird als die eigentliche völkische Verantwortung erkannt.

Wie wird hier der Lebenswille eines Volkes gereinigt! Nun ist hie Hingabe an das Volkstum vor zweierlei bewahrt. Auf der einen Seite vor dem Übermut, in dem ein Volk sich als Edelrasse aufbläht und sein Selbstbewußtsein nur damit nähren kann, daß es die anderen gering macht und verachtet — als gäbe es auf die Frage „warum liebst du dein Volk?“ eine andere Antwort als die ganz schlichte „weil es mein Volk ist“! Nicht etwa: „Weil es herrlicher ist als andere,“ sondern einfach: „Weil es mein Volk ist!“ Wir wissen ja jetzt: Gottes Reich ist größer als jedes Volkstum, als jede völkische Sendung, und Gottes Reich ist auch an uns nicht gebunden. Auch das gesundeste, herrlichste Volk kann Gott zerbrechen und in den Staub des Todes legen. Kein Volk hat das Recht wider ihn, den Herrn, Ansprüche auf Leben und Gelingen zu machen oder wider sein Zerschlagen zu murren. Das lernen wir, wenn wir als Deutsche vor dem Gott der Bibel leben.

Andererseits aber sind wir geschützt gegen die Schlaffheit und Verzagtheit, vor dem Kleinmut, der den besonderen Beruf des eigenen Volkes nicht zu bejahen und nicht zu ergreifen wagt und an ihn nicht alles setzt, Leidenschaft und Opfer, als läge nichts an uns. Nein! Jedes Volk — auch das unsere, findet in der Geschichte, die dem Reiche Gottes entgegengeht, seinen Lebenssinn, seine gott­gegebene Stelle und darum unendliche Verantwortung, Verant­wortung auch dafür, das eigene Leben stark, frei, rein zu halten für den Dienst am Reiche Gottes. Die Völker bekommen verschiedene Sendung von dem Herrn der Geschichte. Unserem Volke ist durch seine Geschichte von Gott gezeigt, daß er ihm Besonderes anvertraut hat. Die deutsche Reformation, der deutsche Idealismus, das deutsche Not- und Kampfesschicksal im Ringen um Einheit und Freiheit durch Jahrhunderte hindurch — das gehört trotz allem, trotz aller Spannungen zwischen Reformation und Idealismus, die wir gerade heute wieder durchkämpfen in der Theologie, doch zusammen. Es ist, als habe unser Volk tiefste Menschheitsfragen schmerzlicher und mehr bis aufs Blut als andere durchleiden müssen und sei dadurch zu besonderem Priestertum an der Erkenntnis letzter Dinge gehalten und geweiht. Wir reden davon wahrhaftig nicht im Übermut. Wir kennen die Last deutscher Einsamkeit.

Durch die Gewißheit um Gottes kommendes Reich empfängt alles völkische Wollen erst tiefsten Sinn, damit Demut und Kraft in einem. Da gehen unsere Brüder hin und suchen mit heißen Herzen das neue Land, das reine Volk, den wahrhaften Staat. Aber kein irdischer Tag kann doch dieses Hoffen ganz erfüllen, jede geschichtliche Wiedergeburt eines Volkes hat ihre Flecken — wie bangt uns in dem Gedanken, daß das Sehnen, Harren und Wollen jener Männer, jener Jugend auch von dem herrlichsten neuen Tage unseres Volkes doch enttäuscht werden muß! Darum ist dies unser Dienst an der Volkstumsbewegung: sie besser zu verstehen als sie selber sich versteht und ihr das Auge dafür zu öffnen: alles völkische Wollen „meint“ zuletzt, sich selber unbewußt, in, über, hinter dem erneuerten deutschen Volke, der zur Bruderschaft wiedergeborenen Gesellschaft, hinter der neuen Welt das Gottesreich. Alle Reinigung des Volkstums geschieht hin auf das Reich Gottes.

Aber das Evangelium bedeutet dem Volkstum noch mehr. In der vom Evangelium bewegten Gemeinde brennt die Flamme der Liebe. Von der Gemeinde aus muß die Gewalt, in opfernder Liebe Abgründe zu schließen, durchs Volk gehen. Unser Volk ist wahrhaftig wie ein Feld voller Totengebeine. Wie will es leben, wenn nicht aus dem pfingstlichen Hauch der Liebe Gottes, aus dem Geiste des heiligen Kommunismus, in dem Luther das Wesen der Kirche als Gemeinde sah, aus der Bruderschaft stellvertretenden Tragens! Das Schicksal unseres zerrissenen Volkes hängt zuletzt an der Macht Christi, durch verstehende und eintretende Liebe Gräben zu schließen, Brücken zu bauen; an der Macht Christi, das heißt aber, soweit es um unsere Verantwortung geht: die Zukunft unseres Volkes hängt an der Lebendigkeit unserer deutschen Kirchen.

Wir fassen zusammen: Das Volkstum bedarf des Evangeliums, um seine Sendung zu verstehen, am Willen gereinigt und aus der Liebe wiedergeboren zu werden. Die Kirchen aber sind dazu gerufen, diesem Dienste des Evangeliums am Volkstum Werkzeuge zu werden. Das Volkstum bedarf einer Kirche, die den Mut hat, mitten in der Not unseres Volkes zu stehen, ihm seine Sendung zu deuten, es immer wieder unter das Gericht Gottes und zu dem Quell wirklicher Ge­meinschaft zu rufen.

3.

Das ist der Weg, der von dem Volkstum zur Kirche führt. Diesem Wege zur Kirche muß nun aber der Weg der Kirchen zum Volkstum begegnen. Das Volkstum muß die Kirche suchen, aber auch Hie Kirche das Volkstum. Zu diesem zweiten gingen unsere Gedanken zuletzt unwillkürlich schon über; jetzt will es ausdrücklich und vollständig gesagt sein.

Die Kirchen können nicht anders, als die neu erwachte Liebe zum heimischen Volkstum, alle ernste Selbstbesinnung auf seine besondere Art, Gabe, Verantwortung mit Freuden begrüßen. Denn evangelisches Christentum erkennt und liebt in dem Volkstum Gottes Schöpfergabe und Schöpferwillen. Haben wir es hier mit Gottes Gabe zu tun, so tritt das Wort des Apostels Pau­lus in Kraft: „Ich erinnere dich, daß du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist,“ — das gilt ja nicht erst vom Charisma des Heiligen Geistes, sondern schon von der natürlichen Gabe, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Völker. Weil wir nicht einen Zufall, nicht ein Zornes­gesetz, sondern Gottes guten Willen darin erkennen, daß wir Heimat und Volk haben und an sie gebunden sind, darum ist das Volkstum uns etwas Heiliges — Gott ist es, der uns hier band! — nun hat die Bindung unbedingten Ernst.

Das führt die Kirchen mit der Volkstumsbewegung zusammen. Aber sie haben noch einen besonderen Grund, die Bewegung zu grüßen. Die neue Erfahrung der Volksgebundenheit unseres Lebens kann Vorstufe, Brücke, Hilfe zu neuer Erfahrung Gottes werden. Es ist doch wahrhaftig nichts Geringes, daß für Unzählige unserer Volksgenossen heute die bindungslose Vereinzelung, die so lange das Lebensgefühl beherrschte, abgetan ist. Zusammenhang, vor allem unserem Wollen und Denken wirklich und verbindlich, wird erfahren; das Schicksal konkreter Verbundenheit, das uns bestimmt bis in die Tiefen der persönlichen Geistigkeit hinein; tragendes Leben, dem der Einzelne sich schuldig ist, weil er äußerlich und innerlich von ihm lebt. Keinen Augenblick vergessen wir, daß das Erleben des Volkstums wahrhaftig noch nicht die Erfahrung Gottes, des Herrn ist, wie völkischer Kurzschluß bisweilen meint. Aber wenn wir glauben, daß Gott uns begegnen will in der erfüllten Wirklichkeit unseres Lebens, dann kann es, menschlich angesehen, für die Frage, ob er uns begegne, nicht gleichgültig sein, wieweit ein Geschlecht für jene Wirklichkeit offen ist, wieviel von ihr es sieht oder nicht sieht. Das bindungslose selbstherrliche Ich der eben zu Ende gehenden Auf­klärungszeit, des individualistischen Zeitalters, das sich die Augen zuhielt für die konkrete Abhängigkeit und Bindung des persönlichen Lebens, hatte jedenfalls einen viel weiteren Weg zur Ehrfurcht vor der freien Schöpfermacht des Herrn über uns. Die Geschichte ist in ihren Grundformen voll der Gottesfrage, der Selbstbezeugung des Herrn: in dem Zusammenhänge der Gegenwart mit der Vergangen­heit und der Zukunft; in der Verflechtung des Einzellebens in das Gesamtleben eines Volkes, zur Gemeinschaft des Schicksals und der Schuld. Ein Geschlecht, das von aller dieser Wirklichkeit der Ge­schichte mit der Gewalt ursprünglicher Wahrheit neu ergriffen wird, ist offenbar reifer für die Verkündigung des lebendigen Gottes der Bibel, seines Willens, seiner Schöpferfreiheit, seiner Zornesgesetze als ein individualistisches Zeitalter.

Oder man nehme das völkische Grundwort der Treue! Die Kirchen können doch nicht vergessen, daß weithin — gewiß nicht ausnahmslos — die Volkstreue und die Glaubenstreue Zusammen­hängen; jene kann einen Weg zu dieser, aber auch eine Weise ihrer Bewährung bedeuten. Wer um seines Volkstums willen nicht Opfer zu bringen vermag, wie sollte der bestehen können in der Glut der Glaubensverfolgung? An der Volkslumstreue übt sich die Treue im Ewigen. Sind wir dort flatterhaft, ist uns das eigene Volkstum feil, ist uns dann nicht vielleicht auch das Gewissen und Gottes Gebot feil? Es ist wahrhaftig nicht ohne Bedeutung für die Geschichte eines Volkes mit Gott, ob es im Ernste des völkischen Willens das A-B-C der Treue gelernt hat, ob es weiß, daß geistige Wirklichkeiten da sind, die immer aufs Neue Opfer an Behagen, Gut und Leben fordern und wert sind, denen das Leben hinzugeben dem Leben erst Sinn und Größe gibt.

Kein Zweifel also: die Kirche hat allen Grund, sich der Volks­tumsbewegung zu freuen und die geschichtliche Stunde, die sie bedeutet, sehr ernst zu nehmen. Die Kirche läßt sich dann aber durch die Volkstumsbewegung aufs neue an ihre Pflicht erinnern, den Weg zum Volkstum zu gehen. Dieser Weg bedeutet: die Kirchen müssen darum ringen, wahrhaft Volkskirche zu werden oder zu bleiben. Darin liegt nun ein Dreifaches. Volkskirche — das heißt zunächst: dem Volke als Volke, als Gesamtleben dienend; sodann: ihm in seiner Art dienend, worin wieder zweierlei beschlossen ist: wahrhaft deutsche Verkündigung des Evangeliums und das Eingehen der Kirche in die organischen Lebensformen und die lebendige Sitte des Volkstums.

Volkskirche! Immer wieder ist kirchlicher Arbeit die Gefahr nahe, einem volklosen Individualismus oder Separatismus zu ver­fallen: als gehe es nur um einzelne Seelen, die zu retten sind, oder nur um eine aus dem Volke zu sammelnde Gemeinde der Glaubenden, die Abstand hält gegenüber dem Volksganzen. Darin liegt gewiß eine niemals zu verleugnende Wahrheit. Das Bekenntnis zu Jesus ist Entscheidung, und die Entscheidung ist in unserer Lage Sache zu­nächst des Einzelnen. Das Neue Testament bezeugt weiter, daß der Gehorsam gegen Jesus bedeuten kann: Vater und Mutter verlassen, Bruch mit Familie und Volk, Verlassen der Heimat und Freund­schaft! Indessen wir dürfen doch nicht aus der ernsten Möglichkeit, von der das Neue Testament redet, daß jemand nur im Bruche mit seiner natürlichen Gemeinschaft Jesus gehorchen kann, die Regel machen. Vor allem: die Kirche ist allerdings die Gemeinde der „Herausgerufenen“, aber Gott ruft heraus, um dann erst recht in die natürlichen Verbände hineinzuweisen. Und Gott will nicht nur die Einzelnen heiligen, sondern um die Familien und Völker als Ganzheiten ringen. Die Völker als ganze haben ihren Beruf in der Gottesgeschichte. Völker sündigen, Völker richtet Gott. So ist den deutschen Kirchen das ganze Volk anvertraut, und zwar nicht nur als Inbegriff einzelner Seelen, sondern als Volkstum, als Stämme, in seinen Lebensordnungen, in seinem Gesamtgeiste.

Kirche des Volksganzen! Daher sollen die Kirchen an allein schwer tragen, was ihnen den Zugang zum Volksganzen erschwert. Die freie Kirche im freien Staate ist keine glückliche Losung, wenn diese Freiheit bedeutet, daß der Kirche die Öffentlichkeit und Sichtbar­keit ihres Dienstes erschwert wird. Die Kirchen müssen aber auch — ich sage etwas noch Ernsteres — tief darüber erschrecken, daß ihnen ganze Stände unseres Volkes so gut wie verschlossen sind. Sie müssen sich in großem Ernste fragen, ob sie vielleicht mit anderen Ständen, vielleicht gar mit Parteien, so verwachsen sind, daß dadurch ihre freie Bewegung und Werbekraft gehemmt wird. Sie müssen diese Frage stellen, unbeschadet aller Dankbarkeit, sie dürfen nicht ruhen in dem Ringen, wieder jenseits der Parteirisse Heimat des ganzen Volkes zu werden.

Volkskirche — die Kirchen dürfen nie vergessen, daß sie in ihrer Verkündigung nicht nur das persönliche, das Familien-, das Ge­meindeleben in das Licht des Wortes Gottes zu rücken haben, daß das Evangelium vielmehr das ganze Volksleben richten will. Die Kirchen haben die Idee der Volkheit zu verkündigen, sie sollen die Heiligkeit der Bindung an des Volkes Leben bezeugen, sie müssen dem Volke seine Geschichte zu deuten suchen mit prophetischem Geiste, stellvertretend ringen um Erkenntnis des immer neuen Willens Gottes. Die Fragen und Sünden des Volkes als Gesamtheit, seines öffentlichen und seines verborgenen Lebens, dürfen nicht übergangen werden — Kanzel und christliche Presse haben hier ihre großen, drängenden Aufgaben. Es sei nur zweierlei angedeutet. Unser Volk erwartet heute ein deutliches Wort her Seelsorge zu den brennenden Ehefragen, zum sechsten Gebote, ein deutliches Wort öffentlich und in der persönlichen Seelsorge. Was da bisher geschah, genügt nicht! Die Stunde drängt! Dazu das andere: die Kirchen müssen — unbeschadet dessen, was vorhin über antisemitischen Pharisäismus und über die von Deutschen selber ausgehende Ent­artung und Überfremdung des Volkstums gesagt ist — ein Auge und ein Wort haben für die jüdische Bedrohung unseres Volkstums. Man überwindet den wilden Antisemitismus, der so viele in unserem Volke heute blind hinreißt, nicht dadurch, daß man das Problem, die hier wirklich vorhandene Volksnot überhaupt nicht sehen will oder verschweigt. Mir scheint, unser Volk darf erwarten, daß die Kirche hier deutlicher und ernster als bisher das Wort nimmt. Es ist ohne Frage richtig, was der Zentralausschutz für Innere Mission in seinen Leitsätzen zur völkischen Frage sagt: „Auch an dem Kampf um die negativen Ziele (d. h. Abwehr der Überfremdung) haben Kirche und Innere Mission heute das stärkste Interesse insofern, als der Durchdringung unseres Volkes mit den Kräften des Evangeli­ums heute überall eine durch jüdischen Einfluß in Wirtschaft, Presse, Kunst und Literatur geschaffene Gesinnung entgegensteht.“ Die Christen sind aufzurufen, „gegen solche entsittlichenden Einflüsse bewußt zu kämpfen“. Die berechtigte Sorge davor, ja nicht die politische Neutralität der deutschen Kirchen zu verletzen, darf die Kirchen nicht hindern, hier offen zu sprechen und tapfer zu handeln. Es geht dabei nicht um Judenhaß — man kann an diesem Punkte gerade mit ernsten Juden Übereinkommen —, es geht nicht um das Blut, auch nicht um den religiösen Glauben des Judentums, sondern um die Bedrohung durch eine ganz bestimmte zersetzte und zer­setzende großstädtische Geistigkeit, deren Träger nun einmal innerster Linie jüdisches Volkstum ist. Die Kirchen müssen wissen und zeigen, wo die Mächte stehen, die immer wieder unser Volk aufhalten in seiner Selbstbesinnung und Reinigung. Erst wenn die Kirche hier die Dinge beim rechten Namen nennt, hat sie die innere Vollmacht zur wirksamen Seelsorge am Antisemitismus.

Volkskirche sollen die Kirchen sein auch in dem Sinne, daß sie das Evangelium unserem Volke in seiner Sprache und Art verkün­digen.

Hier ergehen nun an die Kirche laute Wünsche und Forderungen von völkischer Seite. Nicht mehr mit den Versuchen „völkischer Religion“ in Gestalt eines neugermanischen Heidentums haben wir es jetzt zu tun, sondern mit den Gedanken des „Bundes für deutsche Kirche“ und der ihm nahestehenden Kreise wie etwa der „deutsch­christlichen Arbeitsgemeinschaft“. Hier will man ernstlich das Christen­tum, das „Evangelium vom Weltheiland Jesus Christus“, aber „deutsch erfaßt“; „ein deutsches Christentum, vom Juden-Christentum gereinigt, deutsch-verinnerlicht“, wie einer der Führer es ausdrückt. Ein anderer schreibt so: „Das muß sich die Kirche von der so elemen­taren Laienbewegung der Völkischen sagen lassen, daß sie in der Ari der Darbietung des allen Völkern gegebenen Evangeliumsgutes auf die deutsche Volksart keine Rücksicht nahm und daher in fremden Zungen redete, daß sie im Sinne einer Buchstabenreligion den Buchstaben des Alten Testamentes herrschen ließ über das im Neuen Testamente in Jesu Christo geschenkte, völlig neue Leben aus Gott.“

Was haben wir dazu zu sagen? Wir halten uns an den Haupt­gedanken. Die beträchtlichen Unterschiede innerhalb der Bewegung müssen wir beiseite lassen. Wir wollen auch nicht reden über die viele Verworrenheit in den bisherigen Äußerungen des „Bundes für deutsche Kirche“, wir übergehen die mancherlei Kleinlichkeiten und Peinlichkeiten, die unverkennbare Gefahr einer germanisch-christlichen Mischreligion, das unkritische Ineinsschauen der alt­germanischen Mythologie und des Evangeliums in manchen Äußerun­gen, das unscharfe Reden von dem „Gottesworte“, das überall in der Geschichte rede, die naturalistischen Züge in den Vorschlägen zum Kirchenjahr und für die Sonntagsnamen, die seltsame „Reini­gung“ der Gesangbuchverse von „Jehova“, „Israel“, „Amen“ usw. Das alles lassen wir beiseite. Es kommt nur auf das Zentrum der Bewegung an.

Da setzen wir nun mit einem entscheidenden Satze ein. Er lautet nicht: die Verdeutschung des Evangeliums ist bis auf Luther und in Luther ein für alle Male geschehen. Es ist freilich richtig, was Martin Wilde in seinem Buche „Deutsches Evangelium“ sagt: „Luther hat das Evangelium deutschredend gemacht durch seine Übersetzung und durch seine Lehre.“ Lebten wir nur mehr in Luther! Alle Ver­deutschung fußt auf Luther. Aber in der Tat, sie ist für jedes Ge­schlecht wieder eine neue Aufgabe. Und Überfremdung droht auch immer wieder.

Das aber ist dann unser entscheidender Satz: die Verdeutschung des Evangeliums steht unter dem Gesetze: Wer sein Leben verliert, der wird es finden. Das heißt: man kann das Evangelium nicht ver­deutschen wollen. Luther wollte nicht deutsches Evangelium, sondern die Wahrheit des Evangeliums, den Römerbrief, Paulus; aber indem er, der Deutsche, an seiner geschichtlichen Stelle ganz persönlich rang um das Evangelium, wurde es ihm und seinem Volke deutsch. Die deutsche Art hat in ihm das Evangelium wirklich neu erfaßt. Wir spüren als Deutsche in seiner Art, von dem Herrn Christus zu reden, Blut von unserem Blut, Geist von unserem Geist. Diese Verdeutschung aber, wir wiederholen es, ist nicht bewußt unternommen, sondern als Geschenk geworden. Das gibt auch uns heute das Gesetz: es gilt, Auge in Auge mit dem Evangelium zu ringen um Verständnis und Gehorsam, bis es uns das uns treffende Wort wird, zu ringen mit von uns und unseren völkischen Anliegen weggewandtem Angesicht, selbstvergessen. Dann, gerade dann wird das Evangelium uns ein eigenes, neues, deutsches. Dann folgen von selber neue eigene, deutsche Worte, Gedanken, Lieder. Die krampfhafte Bewußtheit der Deutschkirchler verletzt das zarte Ge­heimnis, das Unbewußte aller Aneignung, vollends in dem Zu- eigen-werden des Evangeliums an eine Volksart.

Das mußte unser erstes Wort zur Sache sein, aber es ist noch nicht das ganze. Bleibt die Verdeutschung des Evangeliums als bewußtes Tun immer fragwürdig, so will die Abwehr der Über­fremdung doch mit Willen und Bewußtsein geschehen. Es hat, um ein Beispiel zu nennen, gutes Recht, wenn die deutsche Christenheit sich gegen angelsächsische Überfremdung in Verkündigung und Lied, in den christlichen Lebensformen und Gemeinschaftsbildungen, in der Mission usw. auflehnt. Freilich muß hier zweierlei bedacht werden. Einmal: mit der bloßen Abwehr des Fremden ist es nicht immer schon getan. Das Einströmen des englischen und amerikanischen Liedes erinnert uns doch auch an eine Lücke unserer Gesangbücher. Dänemark hat im 19. Jahrhundert seinen Grundtvig gehabt — wen hatten wir, der uns große neue Lieder schenkte? Wie schmerzlich fehlen uns neue Lieder der Kirche, des Dienstes, der Tat, der Gemeinschaft! Wir haben — das gilt auch für andere Gebiete — Recht, wider das Fremde uns abzusperren und zu wehren nur in dem Maße, als die Wahrheit in ihm bei uns selber, aus dem Eigenen, wirklich wird.

Damit hängt das andere schon zusammen. Ich darf es an der Frage der Fremdwörter gleichnisweise klarmachen. Jeder Purismus, der die Fremdwörter gänzlich ausschalten wollte aus unserer Sprache, wäre nicht nur unmöglich, sondern auch ein Ungehorsam gegen die Wirklichkeit, weil er verbergen wollte, was andere uns gegeben haben. Fremdwörter sind Fußspuren der Kultur aus ihrem Wege von einem Volke zu dem anderen. Sie verbinden zugleich — wir merken es immer wieder bei internationalen Tagungen. Fremd­wörter sind der unbewußte Dankeszoll, den ein jüngeres Volk dem älteren Lehrmeister schuldet, Zeichen einer Gemeinschaft der Kultur. Solche Denkzeichen der Geschichte tilgen zu wollen wäre kindisch. Das sollte im Augenblicke nur ein Gleichnis sein. Ein Volk beschenkt die anderen, eine Kirche die anderen — wir tilgen die Spuren dessen nicht aus, sondern halten sie in Ehren. Ich wünschte, es übersetzte uns jemand z. B. einige Lieder Grundtvigs. Unsere Gesangbücher könnten sich durch manches nordische, aber hie und da auch durch ein angelsächsisches Lied bereichern.

Indessen ich bin mir bewußt, daß dieses alles den Deutsch­kirchlern nicht in erster Linie wichtig ist. Sie schauen auf das Alte Testament: von hier drohe die schwerste Überfremdung der deutschen Seele, sie drohe nicht nur, sie sei längst Ereignis. Unser Gegen-Satz lautet: Nein, hier droht eine wirkliche Gefahr nicht!

Aber darf denn überhaupt das Problem des Alten Testamentes und die Frage der etwaigen jüdischen Überfremdung unseres Glau­bens in dem gleichen Atemzuge mit dem eben Gesagten, mit der angelsächsischen Gefahr, genannt werden? Nein, sagen die einen, denn Israel war das Volk Gottes. Doch, sagen die anderen, denn auch Israel ist ein individuelles Volk, dessen Religion andere Völker Nicht vergewaltigen darf; Christus ist, wie Johannes Lepsius es einmal ausdrückte, auch „des Messias Ende“. Ja und Nein, sagen dritte, denn es gilt das Judentum („Juda“) und das Israel Gottes, die jüdische Religionsgeschichte und Gottes Offenbarungsgeschichte von­einander zu trennen.

Hier ist nun sorglich zu scheiden. Luther gibt uns das Vorbild. Auf der einen Seite lehnt er ein biblisches Buch ab, weil es „judenze“, bezeichnet er das levitische Gesetz als der Juden „Sachsenspiegel“, d. h. als ein geschichtlich bedingtes Volksgesetz, das die Deutschen nicht binde. Auf der anderen Seite aber ist ihm das ganze Alte Testament voll von Christus, sein Buch, von ihm aus zu deuten, ihn selber deutend. Bei Luther kann man lernen, worin die kanonische Bedeutung des Alten Testamentes besteht und worin nicht.

Zuerst: hätten die Kirchen immer deutlich gesagt, auch in ihrem Unterricht, was das Alte Testament jedenfalls nicht ist, die Torheit des völkischen Ansturms gegen das Buch wäre gar nicht möglich gewesen. Die Torheit der Antithese klagt auch die These an. Was ist das A. T. jedenfalls nicht? Nicht Musterbuch christlicher Ethik, nicht einfach Norm für christlich-deutsches Gemeinschaftsleben; auch nicht in aller seiner Erwartung einfach Wort Gottes, das er einlöste — der kühne Satz „Christus ist des Messias Ende“ trägt ein Stück Wahr­heit in sich, und das deutliche Wort Jesu an die Jünger, die des Elia Zornesstrenge wiederholen wollen: „Wisset ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?“ (Luk. 9, 55) verbietet ein für alle Male, das A. T. ungeprüft, ungesichtet, für sich genommen als Autorität der Christen­heit hinzustellen. Wer könnte denn übersehen, daß die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, auch eine Freiheit im Alten Testamente, ja von ihm einschließt?

Aber — und das ist das andere — diese Freiheit ist dann zugleich eine solche zu diesem Buche. Warum können wir es aus unserer Bibel nicht heraustrennen? Mein alttestamentlicher Lehrer in Göttingen, Rudolf Smend, sagte uns in den Tagen des Bibel-Babel-Streites einmal: „Was machen sich die Leute denn viele Mühe, den Vorzug Israels vor den anderen Völkern des Orients lange zu beweisen? Israel ist doch wie das einzig wache Volk unter lauter Schlummernden, Träumenden!“ Das ist es. Wo in aller Welt ist so wider Gott gekämpft, so gesündigt an ihm wie in Israel? Wo ist durch Gottes Geben und Nehmen so herausgekommen, was es heißt, daß Gott der Herr ist, der Heilige, was Schuld ist und daß Gott straft und verwirft; was die wahre Menschheitsnot ist und was das Heil sein muß? Wenn wir etwa „Weissagung“ in einem weiteren Sinne alle Menschheitssehnsucht, aller Mythen Ahnungen von der Erlösung, auch wo sie noch so fern und entstellt sind, nennen wollten, die Geschichte Israels ist dann jedenfalls Weissagung in durchaus unvergleichbarem Sinne. Das Alte Testament — darin besteht seine einzigartige Bedeutung in der Geschichte Gottes mit der Menschheit — läßt den Abgrund aufklaffen, in den Christus sprang.

Es bietet reiner als irgend eine andere Religion die Wirklichkeiten und Wahrheiten, innerhalb deren allein Christus recht verstanden werden kann. Das bindet uns an das A. T-, darin ist diese gewiß individuelle Volksgeschichte von alle betreffender Bedeutung. So oft die Kirche das A. T. vergaß oder Zurückstellte, verstand sie Christus nicht mehr echt; dann entstand der hellenisierte oder der mystische oder der anthroposophische Christus. Wer die Deutung Jesu im Lichte des A. T. ablehnt, der muß auch Paulus ablehnen — Lagarde war folgerichtig genug dazu. Aber ist wirklich „Rechtfertigung“, dieser zweifellos jüdisch-biblische Gedanke, eine Überfremdung des schlichten Evangeliums Jesu? Ist er nicht vielmehr, mit Karl Holl zu reden, das evangelium aeternum selber —- so gewiß kein Volk vergessen darf, daß die ernsteste Frage in aller Welt die ist, was Gott von uns halte in seinem gerechten Gericht? Es ist auch unmöglich, Paulus zu verwerfen und vor Jesus stehen zu bleiben. Man kann das Evangelium Jesu nicht herauslösen aus dem übrigen Neuen Testa­mente. Die es versuchten, sind alle gescheitert: sie verloren den wirklichen Christus.

Freiheit und Bindung gegenüber dem Alten Testamente — beides liegt uns lebendig in eins. Das A. T. ist selber ein mit sich kämpfendes Buch: semitisch und doch zugleich, wie jemand gut gesagt hat, das antisemitischeste Buch der Welt, so voll Kampf wider „Juda“, wie kein völkischer Zorn so ernst, so tief kämpfen kann; zeugend von echter Erwählung, von der Gewißheit heiliger Sendung, aber auch von der Entstellung demütigen Erwählungsglaubens zu fleischlichem Anspruch. Man kann das beides nicht äußerlich vonein­ander trennen. Gott hat die Geschichte seiner Offenbarung unlöslich gebunden in eine Volksgeschichte voll Beschränktheit und Fehlsamkeit und Sünde, voll Entstellung der Gotteswahrheit. Das Wort ward wahrhaft Fleisch!

Auch wir wollen kämpfen gegen alle, die in irgend einer Art der Christenheit die Autorität des Wortes Gottes zu der gesetzlichen Autorität eines Buches entstellen. Aber wir führen den Kampf nicht mit dem kuror tsutonions wider das „Judenbuch“, sondern im Namen der Christenfreiheit, im Namen der recht verstandenen Autorität des lebendigen Gottes.

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Schließlich gilt die Losung „Volkskirche“ noch in einem letzten Sinne. Volkskirche seien die Archen auch darin, daß sie an die ge­wachsenen Formen des Volkslebens, wo sie Träger gesunden Lebens sind oder sein können, sich anschließen, sie erfüllen, heiligen, durchdringen.

Eines ist uns ja von vornherein selbstverständlich: die Arche benutzt die Gliederung des Volkes für ihre eigene Gliederung. Die Grenzen der Ortsgemeinden, Stämme, Landesteile, Länder haben im Aufbau der Kirchen ihre Bedeutung, Überhaupt schafft die Arche ihre Lebensformen nicht einfach aus dem Evangelium oder aus dem Geiste. Immer ist sie genötigt, an vorhandene Lebens- und Gemeinschaftsformen anzuknüpfen. Evangelisches Denken sieht darin keine Schwache, sondern den Willen Gottes. Evangelisches Christentum anerkennt und besitzt ja nicht eine unfehlbare hierarchische Gliederung der Arche, mit der die Archen die natürlichen organischen Lebensbeziehungen und -formen des Volkes zu überhöhen hätten; sondern es ist der Geschichte offen und nimmt die gewachsenen Ver­hältnisse der Bindung, Autorität, Gefolgschaft ernst und nützt sie, wenn sie noch lebens- und für christlichen Gerst aufnahmefähig sind Die Zelle der Arche ist die Familie, nicht der kirchliche Verein. Wir kennen „wsmbra, praaoipua“ in den natürlichen Verbänden, denen nun auch besonderer Dienst in der Arche übertragen werden kann. Was ist es Großes um das Priestertum des Hausvaters, des Gutsherrn, des Führers einer Gefolgschaft! Was konnte das Priestertum emes Kompagnreführers rm Kriege seinen Leuten bedeuten, viel mehr oft als das Wort des Feldgeistlichen, der nicht in der Lebensverbundenheit mit der Truppe stand! Welche Be­deutung kann der Dorfverband oder etwa das natürliche Verhältnis der Nachbarschaft auch für die kirchliche Gemeinschaft gewinnen! Die Archen dürfen die natürliche Gliederung des Volkes nicht gering achten, sondern sollen sie sich einordnen, in die natürlichen Verbände und Beziehungen hineinweisen, dre Gemeinschaft in Christus, den Beruf zum Dienste zuerst in den natürlichen Verbänden ergreifen lehren. Der Leipziger Missionar D. theol. Gutmann hat, in seinem eindrucksvollen Buche über den „Gemeindeaufbau aus dem Evangelium“ auf Grund der Erfahrungen bei den Wadschagga daran kräftig erinnert. Ähnlich die Neuendettelsauer Südseemissionare von ihren Erlebnissen in der Papuamission aus. So ist aus der Mission unserer „Dorfkirchenbewegung“ starke Unterstützung geworden. Der Grundgedanke ist immer der eine: Volkssitte und Volksverbände warten auf ihre Erfüllung von dem her, das allem den Sinn gibt, von dem Reiche Gottes her, und das Reich Gottes will Gestalt ge­winnen eben in den natürlichen Beziehungen und Verbänden. Diese wollen ein Stück Kirche, die Kirche will Volkstum, Volksgemeinde werden. Wir brauchen nicht erst bis zu den Wadschagga oder Papua zu gehen, um etwas davon verwirklicht zu sehen: die nordischen Brudervölker mit ihrer stärkeren Durchdringung von Kirche und Nation, Gemeinde und Volk geben ein helles Vorbild, ebenso einige Gruppen des Auslanddeutschtums — es sei nur an Siebenbürgen erinnert, wo die Kirche den Genossenschaftszug der Deutschen in Dienst genommen hat und die Burschenschaft und Mägdeschaft auch in der Kirchengemeinschaft selbständige Glieder von besonderer Verantwortung sind.

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Das alles ist gemeint, wenn wir die Volkskirche fordern. Aber bei alledem sind nun doch die Grenzen der Durchdringung von Kirche und Volkstum nicht zu übersehen. Es bleibt zwischen beiden Größen eine Spannung, die wir nicht verschweigen dürfen.

1. Die Kirche darf nie so in das Volkstum eingehen, daß sie in ihrer Eigengestalt untergeht. R. Rothes Gedanken, das kirchliche Bewußtsein müsse in ein allgemein christliches Volksbewußtsein übergehen, lehnen wir als eine Illusion ab. Die Kirche muß ihre Glieder zum ganzen Ernste des Gehorsams gegen Jesus verbinden. Der Gehorsam gegen Jesus aber ist nicht jedermanns Ding. Zwischen der Volkssitte und der Norm der Gemeinde Jesu wird immer wieder der Unterschied, der Abstand bleiben. Das Bekenntnis zur Un­auflöslichkeit der Ehe steht immer wieder hoch über der Wirklichkeit und den Möglichkeiten des gesamten Volkslebens. Der Anspruch des Evangeliums an die Menschen greift noch tiefer in das persönliche Leben ein als der völkische Imperativ der Hingabe und Zucht. Völkische Zucht und die Zucht in der Gemeinde fallen nicht zusammen.

Nun könnte man freilich einwenden: die Landeskirchen sind doch selber nicht einfach „Gemeinde“ in allen ihren Gliedern; die Span­nung zwischen Volkstum und Gemeinde Jesu Christi geht also durch die Kirchen selber hindurch — von da aus liehe sich demnach gegen das Aufgehen der Kirchen im Volksverbande nichts sagen. Indessen dabei ist ein Entscheidendes übersehen. Gewiß, es ist die Not der Volkskirchen, daß Ihr Kirchenvolk niemals einfach Gemeinde Jesu genannt werden kann. Aber sie kämpfen in ihrer ganzen Arbeit darum, diese Spannung aufzuheben. Zum Ernste des Ringens werden sie nun gerade dadurch gerufen, daß sie Kirche heißen und sich vom Volksverbande deutlich abheben. Daß die Kirchen, auch als Volkskirchen, selbständig gegen die Volksgemeinschaft dastehen, daß sie nun doch „Kirche“ heißen, das erinnert sie immer wieder an den Abstand zwischen Gemeinde und „Welt“, an den Ernst des Ringens um Erfassung des ganzen Volkes; das bewahrt sie vor der Gefahr, die Höhe des Evangeliums herabzustimmen zu christianisierter volkshafter Weltlichkeit. Die Kirchen wollen das ganze Volk und das ganze Volksleben für Gott; aber gerade weil sie um dieses Ziel mit vollem Einsätze kämpfen wollen, können sie ihre Freiheit gegenüber Volksverband und Volkssitte, können sie ihr Eigensein nicht preisgeben. Doch was mühen wir uns mit theoretischer Begründung dessen? Die Frage des Aufgehens der Kirche im Volksverbande ist leider in Deutschland in keiner Weise aktuell. Wo hätten wir denn die Volks­gemeinde, die willens wäre» sich als christliches Volk, als Kirche in diesem Sinne zu erfassen?

2. Die Kirchen nehmen sich mit Liebe aller gewachsenen Lebens­formen des Volkstums an. Aber wie, wenn diese Formen sterben? Die Kirchen sollen mit allen, die um die Verjüngung eines schon kranken Volkslebens ringen, tapfer arbeiten an der Bewahrung und Erneuerung alter Sitte, organischer Bindungen, an der Über­windung großstädtischer Volkszersetzung, zurück zu gesundem boden­ständigen Volksleben. Die Kirche kämpft mit, aber sie kämpft ohne Illusion. Die Geschichte kennt ein Sterben des Lebens, nicht an bestimmter Sünde und Zuchtlosigkeit nur, sondern auch am Alter, am Todesgesetze einer fortschreitenden Kultur. Auch die herrlichste gesunde Lebenskraft verzehrt sich, erlahmt und siecht dahin, auch Völker und Kulturen sterben nach biologischer Notwendigkeit, unter der alle Geschöpfe stehen. Es gibt Todesgesetze, die sich nicht rück­gängig machen lassen, auch nicht durch eine sittliche Wiedergeburt inmitten des Volkes, auch nicht durch die erneuernde Macht des Evangeliums. Rom hat das einst erlebt. Das Christentum hat die Alte Welt nicht vor dem Sterben bewahren können. Wie die Macht Christi nicht hindert, daß auch seine Erlösten sterben müssen, so hindert sie auch nicht, daß ein Volkstum sich verbraucht und stirbt. Noch sind wir Deutschen nicht so wett. Aber es muß doch gesagt werden: die Kirche darf sich keiner Romantik verschreiben (wieviel Romantik aber herrscht in der völkischen Bewegung!). Die Kirche sucht lebendiges Volkstum zu bewahren, sich mit ihrem Leben auf ihm zu bauen; aber wo es nicht mehr lebt, sondern sich zersetzt, da wird sie tapfer Großstadtkirche, die im Chaos kleine Gemeinden sammelt und in ihnen den Entheimateten neue Heimat zu schenken sucht; die auch in der Masse evangelisiert, ohne die Masse wieder zu gesundem Volksorganismus umbilden zu können. Gottes Reich will zu einem Volke kommen nicht nur in den Tagen der Lebens­kraft, sondern auch wenn die Zeichen des Todes sich ankündigen. Seine Wirklichkeit und Macht ist nicht zu messen an der natürlichen Lebendigkeit, Jugendkraft, Verjüngungsmacht irdischen Lebens. Der Rhythmus des Lebens der Kulturen und Völker ist ein anderer als der Rhythmus der Geschichte des Reiches Gottes. Als die Alte Welt im Sterben lag, da hat Gott der Kirche Augustinus geschenkt. Weil die Kirche das weiß, darf sie sich niemals mit Lebensformen des Volks­tums so verbinden, in sie so verflechten, daß sie nicht die Beweglichkeit hätte, auch in das Chaos und die Zersetzung unserer Großstädte frei und lebendig einzutreten. Sie muß sich so beweglich halten, daß sie nicht mit sterbendem Volkstum, dem sie dient, selber stirbt, nicht in lauter Treue und Konservatismus die Macht über eine neue Zeit verliert!

3. Kirche und Volkstum fallen nicht zusammen, sondern bleiben selbständig gegeneinander — darauf weist uns zuletzt die Tatsache mit schmerzlicher Härte hin, daß auf dem Boden unseres Volkstums miteinander streitende Kirchen nebeneinander stehen. Umgekehrt: die kirchliche Gemeinschaft reicht über die Volksgrenzen hinaus: deutsche Lutheraner wissen sich nordischem, slawischem, amerikanischem Luthertum eng verbunden, die Reformierten ihren außerdeutschen Schwesterkirchen. Nicht nur also, daß wir über der deutschen kirch­lichen Gemeinschaft die una sancta bekennen — es geht nicht an, daß die nationale Verwurzelung der Kirchen Wirklichkeit sei, die übernationale Einheit der Kirche aber bloßer Gedanke bleibe —, wir pflegen auch eine Bekenntnis- und Kirchengemeinschaft, die quer durch die Landes- und Volkstumsgrenzen hindurchgeht; wie wir umgekehrt die Volksgemeinschaft auch mit Gliedern anderer Kirchen pflegen, quer durch die Kirchengrenzen hindurch.

Darin erfahren wir nun gewiß die Not der Wanderschaft, der noch auf Erlösung und Vollendung wartenden Geschichtlichkeit. An dem Durcheinanderfahren von kirchlicher und Volksverbundenheit erleben wir, daß wir noch auf dem Wege sind. Wir schauen aus nach dem Ta­ge, da das Volk eine Kirche sein wird und da in der weltumfassen­den Kirche die Gemeinschaft der Völker wohnt.

Wir warten auf Gottes Stunde. Aber gerade darum dürfen wir die Spannung nicht vor der Zeit aufheben. Aus heißer Liebe zum deutschen Volkstum heraus wird immer wieder gefragt: können denn die miteinander streitenden Kirchen nicht um der Einheit des Volkes willen sich einander nähern, aus dem Kampfe einen Wettstreit machen, den Gegensatz mildern? Wir teilen die Sorge, der solches Fragen entspringt, wahrhaftig im tiefsten Herzen. Auch wir schrecken als Deutsche vor der ernsten Gefahr für die Einheit des Volkes zurück, die aus dem Übersteigern der Abschließung der Konfessionen gegen­einander z. B. in den Schulen erwachsen muß. Und doch können wir jener Frage nicht anders als bestimmt antworten: Nein, unter keinen Umständen! In den Kirchen soll allerdings die Frage nach der Einheit, nach dem Ende und der Überwindung des Gegensatzes niemals aufhören. Aber wenn sie um Einheit ringen und sich einander nähern, so muß auch das wieder gleichsam mit abgewandtem Angesicht geschehen, d. h. allein im Gehorsam gegen das Evangelium, gegen die Macht des Heiligen Geistes, der in alle Wahrheit leitet. Nicht um des Volkstums willen, sondern allein um des Evangeliums willen! Nur daß freilich die blutende Wunde am deutschen Volks­körper selber die Frage nach der Einheit wachzuhalten mithilft!

Was hülfe es dem deutschen Volke, wenn es die Einheit des Volkstums gewönne und hätte doch Schaden genommen an seiner Seele, d. h. an dem letzten strengen Gehorsam gegen die Wahrheit Gottes und die Kampfespflicht, die sie uns auferlegt? — Vielleicht daß die Deutschen in der Gebrochenheit des Volkslebens durch die Glaubensspaltung Nach Gottes Willen ein Denkmal und Zeugnis darstellen sollen für den hohen und strengen Ernst des Heiligen, an den alles zu setzen ist, auch das Glück und die Einheit des Volks­tums. Zu einer erschüttern­den Predigt hat Gott unser schweres Volksschicksal gesetzt: daß Er allein der Heilige sei, in dessen Ge­horsam uns jedes Opfer abgefordert werden kann, auch der höchsten geschichtlichen Güter. Noch mehr: gerade so vermag die Kirche wirklich Kirche zu bleiben. Daran, daß sich die Hände der Glaubens­gemeinschaft über die Volksgrenzen Hinausstrecken und die Hände der Volksgemeinschaft über die Kirchengrenzen hinaus, daran, daß Volks- und Kirchengrenzen nicht zusammenfallen — daran hat die Kirche immer wieder die Erinnerung an ihre heilige Freiheit. Gerade so ist es ihr leichter gemacht, nicht Sklavin des Volkstums zu sein, sondern freie Dienerin, nicht das Reich Gottes an einen völkischen Willen zu verraten, sondern den völkischen Willen wirklich zu heiligen auf Gottes Reich hin. Das Volk darf um seiner selbst willen die völkische Kirche, d. h. die national einheitliche und abgeschlossene, gar nicht wünschen — eben weil das Volk des echten Dienstes der Kirche bedarf. Indem die Kirche weiterreicht als ein Volkstum, zeugt sie laut von dem nur bedingten Rechte jedes Volkstums, wehrt dem Absolutsetzen des eigenen, verkündet Gottes kommendes Reich, in dem der Gegensatz der Völker aufgehoben ist und kann so zu einer Macht echter Gemeinschaft der Völker werden mitten im geschichtlich unaufhebbaren Widerstreit.

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Evangelische Männer und Frauen! Wir stehen in einer Schicksals­stunde unseres Volkes und unserer Kirchen. Wir fühlen ihre Verant­wortung. Furchtbar, wenn Volkstumsbewegung und Kirche sich ebenso verfehlten wie Arbeiterbewegung und Kirche sich weithin verfehlt haben! Heute droht die Gefahr, daß wir eine Volkstumsbewegung bekommen, die der Kirche verloren ist, und eine Kirche, die ihr Volk als Volk, in seinem heißesten Wollen, nicht wehr findet. Schmerzlicheres könnte uns nicht geschehen. Es wäre das Todesurteil für unser Volkstum, es wäre der Verzicht Der Kirchen aus ihre Sendung, die Welt zu durchdringen, ein ganzes Volk, für das sie vor Gott verantwortlich sind, ihm zuzuführen. Daß es doch nimmer­mehr dahin käme! Uns jedenfalls, die Diener und vor anderen Verantwortlichen der Kirche, lassen Sie Fleiß tun, daß die Stunde, die Gott bereitet hat, nicht vergeblich dahingehe!

Vortrag auf dem 2. deutschen Kirchentage zu Königsberg, 17. Juni 1927.

Quelle: Paul Althaus, Evangelium und Leben. Gesammelte Vorträge, Gütersloh: C. Bertelsmann, 1927, S. 113-143. Als Separatdruck veröffentlicht unter dem Titel Kirche und Volkstum. Der völkische Wille im Lichte des Evangeliums (Gütersloh: C. Bertelsmann, 1928).


[1] Siehe dazu Gotthard Jasper, Paul Althaus (1888-1966). Professor, Prediger und Patriot in seiner Zeit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 22015, S. 177-192.

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