Von Edward Kessler
Weder Stoiker noch christlicher Heiliger,
scheinst du kaum geeignet für den Schmerz.
Und da du offensichtlich kein alter Grieche bist,
hast du dir wohl keine göttliche Strafe verdient.
Was bleibt dir also, als „mit dem Schmerz zu leben“
und den anderen wettergegerbten Floskeln der Leute?
Obwohl die Offenbarung trotzig verkündet:
„Und es wird keinen Schmerz mehr geben“,
liegt das noch in weiter Ferne. Und bis dahin
musst du dein Zuhause teilen
mit etwas Wirklicherem als bloßer Rhetorik –
auch wenn deine offenen Röntgenbilder
keine organische Ursache für deinen Zustand zeigen.
Vielleicht spürst du nur „Phantomschmerzen“,
die noch deine amputierte Jugend heimsuchen.
Selbst wenn du nicht grundlos leidest,
niemanden vermisst, keinen Ort,
nicht einmal darüber nachdenkst, eins mit der Landschaft zu werden –
hast du ständig eines jener
persönlichen, subjektiven Erlebnisse,
die Ärzte langweilen, weil sie
„keine faktische Grundlage“ haben
und kein Krankenbett beanspruchen dürfen.
Hast du inzwischen vielleicht begriffen,
dass schönes Wetter nur eine Laune ist
und die heiteren, sorgenfreien Tage
dich nur auf die Geißelung durch den Wind vorbereitet haben?
Vielleicht ist dein Schmerz wie ein Gedicht,
ein Mysterium, das durch Deutung lebendig bleibt,
aber niemals gelöst werden kann wie ein Puzzle. Ganz sicher
nicht von Ärzten mit der Nase im Empirischen –
als hätte Hiob bloß
ein Schmerzmittel und einen guten Hautarzt gebraucht.
An manchen Tagen wünschst du dir, dein Schmerz
würde sich auf einen Zeh oder Finger zurückziehen,
irgendein entbehrliches Körperteil,
statt durch das ganze Universum zu wandern
und sich mit klangvollen Namen wie Angst zu schmücken.
Auch Künstler helfen dir kaum weiter.
Sie übersetzen Schmerz in eine verständlichere
Sprache – doch machen daraus nur die Idee von Schmerz.
Denk nur an den edlen Montaigne,
der viel Zeit mit einem Nierenstein verbrachte,
der ihm geselliger war als seine Frau.
Seine veredelten Essays konnten nur sagen:
So lebe ich – trotz des Lebens.
Und Mozart, der seine Frau Constanza
bei der Geburt im Nebenzimmer schreien hörte,
komponierte aus ihren Schreien inspirierende Musik,
die dich tröstet – doch für Constanza war sie nutzlos.
Edward Kessler
Das englischsprachige Original „Pain“ erschien in: Poetry, Band 165, Nr. 6, März 1995, S. 327f:
Pain
Neither Stoic nor Christian saint,
You seem unqualified for pain,
And since you’re clearly no ancient Greek,
You probably haven’t earned divine punishment.
So what can you do but “live with pain”
And people’s other weather-beaten clichés.
Although Revelation confidently predicts
“Neither shall there be any more pain,”
That’s some way off. And in the meantime,
You’ll have to share your household
With something more real than rhetoric,
Even though your candid X-rays disclose
No organic cause for your chronic condition.
Perhaps you’re feeling “phantom pains”
That still haunt your amputated youth.
Even when you’re not pointlessly hurting
Or missing somebody or someplace
Or even considering merging with the landscape,
You are continually having one of those
Personal, subjective experiences
That bore doctors because they lack
“Any basis in fact” and won’t command a hospital bed.
Have you somehow come to understand
That fine weather’s an aberration
And those entertaining, halcyon days
Were setting you up for the wind’s flagellation?
Maybe your pain is like a poem,
A mystery to be enlivened by interpretation
But never solved like a puzzle. Certainly
Not by doctors with their noses in the empirical,
As if all that Job really needed
Was a painkiller and a good dermatologist.
There are days when you wish your pain
Would hunker down on a toe or finger,
Some extremity you could do without,
Instead of wandering around the universe,
Calling itself fancy names like Angst.
Creative artists don’t help much either.
They translate pain into a more accessible
Language, but turn it into the idea of pain.
Take, for instance, the noble Montaigne,
Who spent a long time with a kidney stone
More companionable than his wife.
His ennobling essays could only say:
This is how I live, in spite of life.
And Mozart, hearing his wife Constanza
Screaming in childbirth from the next room,
Composed her cries into inspiring music
That consoles you, but did nothing for Constanza.