Johann Christoph Blumhardt über den Heiligen Geist als Lehrmeister und Tröster (Johannes 14,26): „Es ist keine Möglichkeit, dass ein Mensch getröstet wird, bloß durch natürliches Überlegen der göttlichen Wahrheit. Ein natürliches Bedenken, ein begriffliches Auffassen der göttlichen Wahrheit, tröstet keinen Menschen, der um seine Seligkeit verlegen ist und für seine Sünden keine Hilfe weiß; da muss eine Kraft des heiligen Geistes ausgegossen werden, es muss das Wort getragen werden von der Gotteskraft, die ihm erst die rechte Bedeutung und Weihe und Klarheit gibt.“

Über den Heiligen Geist als Lehrmeister und Tröster (Johannes 14,26)

Von Johann Christoph Blumhardt

Der Tröster, der heilige Geist, welchen Mein Vater senden wird in Meinem Namen, derselbe wird es euch alles lehren, und euch erinnern alles dessen, was Ich euch gesagt habe. (Johannes 14,26)

Hier redet der Heiland von dem verheißenen heiligen Geist, der auf Seine Jünger fallen sollte und nicht etwa bloß auf sie, sondern auch auf alle, die durch ihr Wort glauben würden, der überhaupt auf alle einwirken sollte, damit sie empfänglich würden für den Glauben und der sie in Kraft stellen sollte, damit sie befestigt würden in ihrer Seligkeit. Es war dies der Haupttrost, den der Herr Jesus Seinen Jün­gern vor Seinem Abschiede geben konnte, denn indem Er diesen Geist verheißt, läßt Er einen Ersatz für Seine Person zurück, den Er so sehr seinen Jüngern wünscht. Er sieht wohl, wie schwach sie sind, Er kennt die Gebrechen der menschlichen Natur, Er weiß auch, daß ohne eine besondere Hilfe von oben, ohne eine besondere Kraft, die vom Vater ausginge, sie sich nicht in der versuchungsvollen Welt wür­den halten können. Ihm wäre es daher selbst etwas Trost­loses, scheiden zu müssen und Seine Jünger ohne eine Kraft zurückzulassen, welche Seine Lieben stärken und aufrichten könnte in dem schweren Lebensgang, der nun ihrer wartete. Es wird uns in den vorgelesenen Worten hauptsächlich zweierlei vor Augen gestellt, nämlich wie dieser Geist: er­stens lehrt, und: zweitens wie Er tröstet oder Frieden gibt. In diesen beiden Stücken sollten die Menschen eine Hilfe von oben bekommen und in beiden kommt ein Mensch mit dem, was er von Natur hat, nimmermehr zurecht.

Zuerst wird also dieser heilige Geist sozusagen ein Lehr­meister genannt. Er soll lehren oder auch an das Gelehrte erinnern, Lehren offenbaren, Aufschlüsse geben, neue Ge­danken erwecken, Klarheit verleihen, Ungewöhnliches we­nigstens ahnen, erfassen lassen, neue Dinge, die in dieser Welt nicht begriffen werden, deutlich machen; so sollte der heilige Geist die Jünger lehren. Wir wissen, daß es oft heißt, wenn der Herr etwas zu Seinen Jüngern sagte, sie hätten Ihn nicht verstanden, sie hätten es nicht begriffen, und ein andermal sagt der Herr selbst: «Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen; wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.»[1] Zum Lehren gehört nämlich auch ein ge­öffneter Sinn, ein geöffneter Verstand; man kann oft viel lehren und nichts dabei herausbringen, weil ein Verstand nicht da ist, eine Fähigkeit fehlt, es aufzufassen. Das geht schon im Äußerlichen so, vielmehr denn im Geistlichen. Von Natur ist der Mensch gewohnt, nur irdisch zu denken, alle seine Gedanken beziehen sich aufs Sichtbare, aufs Zeitliche und Vergängliche, da kann er oft viel Verstand haben und oft unbegreiflich viel, daß man sich nur wundern muß, wie viel doch ein schwacher Mensch aus seinem Kopf je und je herausbringt. Aber im Geistlichen, da steht er hin, besinnt sich, und weiß nicht, was mit dem anfangen, was das Evan­gelium, die Bibel ihm sagt; das sind ihm lauter fremde Dinge, in die kann er sich nicht finden, die wollen sich nicht reimen zu seinen sonstigen Gedanken, er hat wie verblendete Augen, es ist gleichsam eine Decke über seinen Verstand gehüllt, er begreift es nicht, er faßt es nicht, er weiß nicht was damit anfangen, so lange er nur mit seiner natürlichen Kraft denkt und überlegt. So muß ein jeder, nur um unsere gewöhnlichen Kindersprüchlein zu verstehen, wie: «Das Blut Jesu Christi, Seines Sohnes macht uns rein von aller Sün­de!»[2] — schon ein geöffnetes Herz durch den heiligen Geist ha­ben, man mag es ihm sonst noch so vielmal vorsagen, er kann es nachlallen, aber ohne nur die geringste Empfindung davon zu haben. Erst der heilige Geist muß den Worten Eingang geben, muß ihre eigentliche Bedeutung klar machen, der natürliche Mensch vernimmt es nicht.

So geht es auch mit vielen Lehren der heiligen Schrift, von der Menschwerdung Christi, von dem Kreuzestod Christi und Seiner Auferstehung und Himmelfahrt; von den wun­derbaren Lehren von der Dreieinigkeit, von der Person Christi, von dem Weg der Seligkeit durch den Glauben, von der Wiederkunft Christi, von der Auferstehung der Toten und vielem anderem, an das kann der natürliche Mensch gar nicht hin, und oft, wenn er nicht gerade spotten will, legt er es beiseite und sagt: das verstehe ich nicht, mit dem kann ich mich nicht abgeben, das geht über meine Sinne, für das habe ich gar keinen Sinn. Ach, man kann heutzutage viele solche Leute finden, wenn sie nicht von Kind auf eingeweiht sind in die Lehre des Evangeliums, so sind sie auch in der Christenheit oft blinder als Heiden und können viele Mühe kosten dem, der für sie sorgen will, weil er keine Türe fin­den kann, um zu ihrem Herzen einzukommen. Daß es solche Menschen noch gibt und viele gibt, muß wohl darum sein, daß wir es begreifen, wie ohne diesen heiligen Geist nie­mand Jesum einen Herrn heißen kann, niemand das, was Gottes ist, eigentlich recht verstehen kann. Es ist auch das merkwürdig, daß Menschen, die gelehrt sind und viel ge­lernt haben, die einen scharfen Verstand haben und unter die Klugen und Weisen gezählt werden, daß die am einfäl­tigsten sind, wenn es sich um geistliche Dinge handelt, so daß das Wort sich erfüllt: «Ich danke Dir Gott, daß Du es verborgen hast den Weisen und Klugen und hast es den Unmündigen offenbart»,[3] denn wenn die es mit ihrem Ver­stand erfassen könnten, würden sie wunder meinen, was sie wären; nun müssen sie Toren heißen und müssen denken: mit ihrem Verstand können sie sich nicht in den Himmel hineinbringen, können sie sich nicht durchschlagen durch Tod und Hölle. Auch die gelehrtesten Leute müssen arm im Geiste werden, von einer anderen Seite her unterrichtet sein, als sie bisher es gelernt, oder sie fallen neben hinaus und können nie in den eigentlichen Bereich des Reiches Gottes kommen. So hat es Gott eingerichtet, durch törichte Predigt selig zu machen alle, die an Jesum glauben, daß es um so mehr an den Tag komme, wie der Mensch nichts ist und es lauter Erbarmen ist, das ihn aus seinem elenden, kläglichen Zustand herausbringt.

Wir wissen, daß erst nach der Himmelfahrt oder Ver­klärung des Herrn die Jünger Verstand im Wort bekamen; bei seiner Auferstehung waren sie noch einfältig. Der Hei­land mußte ihnen die ganze Bibel auslegen vom Anfang bis zum Ende und ihnen sagen, wie so klar in der Bibel stehe, daß der kommende Heiland müßte durch Leiden zur Herr­lichkeit eingehen; dann ging ihnen schon ein Licht auf, und in der Folge hat der heilige Geist alle die Worte wieder in ihnen wachgerufen, die sie früher nicht verstanden hatten, und wie herrlich klang es ihnen jetzt! Welche Tiefe konnten sie darinnen finden! Das alles kam daher, weil nun in Fülle der heilige Geist auf sie wirkte. Bisher hatte der Herr Jesus mehr nur äußerlich gelehrt und deswegen konnten sie den tieferen Verstand in allem nicht bekommen; jetzt aber sollte es in ihrem Innern hell werden und sollte, was gelehrt wurde, nicht durch Worte geschehen, sondern es sollte ein innerliches Licht sein, das ihnen die Wahrheit aufschloß. Das ist nun etwas ganz anderes als der natürliche Verstand, den wir haben; wir können uns nicht denken, wie das zugeht, daß auf einmal in einem Menschen eine Türe aufgeht, um etwas zu verstehen; aber so muß es werden, im Geistlichen muß der heilige Geist aufschließen, oder wir werden nimmer­mehr die Tiefe der Weisheit Gottes zur Erlösung der Men­schen begreifen können.

So erhellt klar, daß der heilige Geist allein der Lehrmeister ist. Der heilige Geist heißt aber auch der Tröster. Er wird Tröster genannt, das wissen wir; Er ist aber kein Tröster, der nur Worte vorsagt, wie wir es oft machen. Da kommt oft ein Tröster zu traurigen Leuten, daß man sagen möchte, er ist ein leidiger Tröster, weil er oft nur den Kopf voll schwatzt, ohne einem etwas zu geben. Nicht also sollte der heilige Geist ein Tröster sein, daß Er etwa mit schönen Wor­ten die Menschen vorderhand beruhigte, die Sachen zu­deckte, — nein, der heilige Geist soll ein Tröster sein, so­fern Er wirklich beruhigt, sofern Er eine wirklich kräftige, wohltuende, heilende Einwirkung hat auf die Menschen. Daß in dieser Weise der Geist trösten soll, liegt in den folgenden Worten des Heilandes: «Den Frieden lasse Ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch»,[4] also Sein Trösten ist ein Geben, ein Mitteilen, es wird ein Frieden dem Herzen mitgeteilt, ein inneres Wohlsein. Der Heiland hat das im Auge, daß die Menschen nicht bloß einen Wort-Tröster brauchen, sondern daß sie tatsächlich Hilfe nötig haben. Worte und nichts als Worte haben die Menschen in Menge, aber was helfen ihnen Menschenworte, sie müs­sen Hilfe haben und der heilige Geist kann diese geben, denn Er ist kein bloß redender, sondern ein helfender Trö­ster. Denke man sich einen armen Sünder; seine Sünden quälen ihn, das böse Gewissen regt sich bei ihm, Tag und Nacht hat er eine Qual, die ärger ist als irgendeine andere Qual, die er sonst auszustehen hat, — nun komm einer her und tröste ihn! wie soll man jetzt trösten? Da gibt es Leute, die sagen: du mußt dir das aus dem Sinn schlagen und nicht So viel dran denken, du kannst es doch nimmer anders ma­chen! — Schöner Trost! da wird es ihm schnell wohl wer­den! Oder andere Leute trösten auch so: du bist nicht der Einzige, das wäre noch nicht so arg, wenn es niemand Schlimmer ginge wie dir, es geht Tausenden auch so und Gott weiß ja auch, wie schwach wir sind, Er wird es nicht so genau nehmen, du mußt dich nicht so abgrämen! — Das sind Tröstungen, wie es die Menschen vermögen, wenn sie nichts von einem Heiland wissen. Aber nun möchte ich doch einmal den armen Menschen sehen, der dadurch wirk­lich getröstet würde. Durch solche Tröster können die Wun­den nur noch mehr aufgerissen werden, da wäre es besser, sie schwiegen lieber ganz, denn dadurch ist den Elenden reicht geholfen. Ohne den Heiland kann niemand trösten, wenn man noch so viele Worte macht, es hilft alles nichts, der Jammer wird immer größer, statt daß die Seele Frieden findet. Da werden wir wieder inne: selbst die Predigt des Evangeliums nur nach dem äußeren Wortklang den Men­schen gebracht, bringt keinen Trost, wenn nicht der Tröster, der heilige Geist, für den Trost empfänglich macht. Es ist keine Möglichkeit, daß ein Mensch getröstet wird, bloß durch natürliches Überlegen der göttlichen Wahrheit. Ein natürliches Bedenken, ein begriffliches Auffassen der gött­lichen Wahrheit, tröstet keinen Menschen, der um seine Seligkeit verlegen ist und für seine Sünden keine Hilfe weiß; da muß eine Kraft des heiligen Geistes ausgegossen wer­den, es muß das Wort getragen werden von der Gotteskraft, die ihm erst die rechte Bedeutung und Weihe und Klarheit gibt.

So finden wir es oft in der Apostelgeschichte, wenn die Apostel predigten: die einen haben es verstanden, die an­deren nicht, die einen hatten Ohren, die anderen nicht. Was ist nun das? Auf die einen konnte der Geist wirken, auf die anderen nicht; warum? das hat gewiß seinen Grund, wenn wir diesen auch nicht im einzelnen wissen. Das aber wissen wir: der heilige Geist hat einer Lydia das Herz aufgetan, daß sie hörte und nicht nur hörte, sondern auch verstand, was von Paulus geredet ward. Ehe der heilige Geist das Herz auftut ist alles Predigen, ist alles Trösten, alles Evan­gelisieren umsonst. So scheinen auch in gegenwärtiger Zeit viele Menschen eine gewisse Neigung zu haben, an der be­grifflichen Auffassung des Evangeliums sich genügen zu lassen, daß sie das ganze System der Heilslehre anderen vorsagen und sie es lehren können, mitunter mit großem Eifer lehren als Buchpredigt nach der Schrift und darüber reden können, wohl auch andere damit trösten, aber an ihnen selbst fühlt man auch nicht die geringste Wirkung und Kraft von der Wahrheit, die sie verkündigen. Aber sehen wir auf die erste Zeit, wie vieles ist doch da gesche­hen durch die Kraft des heiligen Geistes! Wie viele Juden und Heiden sind wunderbar schnell erleuchtet und in Glau­ben und Erkenntnis gestellt gewesen! Wie viele Kranke sind getröstet worden, damit daß sie gesund wurden! Wie viele Leidtragende und wie viele Betrübte, wie viele Angefochtene sind getröstet worden, damit daß die Macht der Finster­nis weggenommen wurde von ihnen! In solcher Weise hat auch der Herr Jesus getröstet die Elenden, die Kranken, die Blinden, die Lahmen, die Tauben, die Aussätzigen, die Mondsüchtigen, die Besessenen, Er hat ihnen geholfen ganz einfach, und das ist der rechte Trost. So will das Erbarmen unseres treuen Gottes helfen denen, die im Glauben aus­harren. Darum müssen auch wir allezeit darnach trachten, den Herrn Jesum also zu lieben, daß wir Sein Wort halten und des heiligen Geistes teilhaftig werden. Was aber bei uns noch an Erscheinung des heiligen Geistes fehlt, das sei uns eine Mahnung, daß wir beten, ja beten, daß reichlicher möge wieder Gottes Geist ausgegossen werden, um die Menschen zu lehren und in ihrem Jammer zu trösten. Ja, wir dürfen auf eine Zeit hin beten, in welcher wieder offen­bar vor jedermanns Augen klar wird, was der heilige Geist ist, da dann auch in allem wieder völlige Gewißheit und völlige Hilfe wird denen, die den Herrn Jesum ehren. Ach, daß solche Zeit bald kommen dürfte!

Quelle: Johann Christoph Blumhardt, Ausgewählte Schriften in drei Bänden, Bd. 1: Schriftauslegung, hrsg. v. Wolfgang J. Bittner, Gießen: Brunnen Verlag 21991, S. 1-8.


[1] Joh. 16, 12. 13

[2] 1. Joh. 1, 7.

[3] Luk. 10, 21.

[4] Joh. 14, 27.

Hier der Text als pdf.

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