Von Friedrich Heer
Sergej Nikolajevic Bulgakow, geboren am 29. Juli 1871. Studierte von 1890—94 Jura in Moskau, hatte während seines Aufenthalts in Westeuropa (1898—1900) mit K. Kautsky und R. Luxemburg Kontakt, wurde 1901 Professor für Nationalökonomie in Kiew und 1906 in Moskau. 1918 Teilnahme am allrussischen Kirchenkonzil zur Erneuerung der orthodoxen Kirche auf der Grundlage einer vom Staat unabhängigen „Gemeinschaftlichkeit“, wurde dann Priester und Mitglied der Höchsten Kirchenverwaltung und ging 1923, nach der Ausweisung aus Rußland, nach Prag und 1925 nach Paris, wo er als Professor der Dogmatik am russischen Institut für orthodoxe Theologie tätig war. Gestorben am 13. Juli 1944 in Paris.
Hauptschriften (russ.): Kapitalismus und Landwirtschaft, 2 Bde. (1900); Vom Marxismus zum Idealismus (1903); Philosophie der Wirtschaft (1912); Das abendlose Licht (1917); Die Tragödie der Philosophie (1927); L’Orthodoxie (1932); Über die Gottmenschlichkeit, 3 Bde. (1933—45).
Sergej N. Bulgakow ist seinem Freunde Berdjájew (1874-1948) um wenige Jahre vorausgestorben — und zwar, wie er überzeugt war: aufgenommen in die Herrlichkeit des kosmischen Christus, der den ganzen Kosmos am Ende der Zeiten, in der Vollendung, heimführen wird.
Das wirkliche „ökumenische Gespräch“ zwischen Ost und West, zwischen dem griechischen Genius (den, erschüttert, Bulgakow 1923 in der Hagia Sophia in Konstantinopel inkarniert erfährt), und dem römisch-lateinischen Genius, steht erst in den Anfängen: trotz der bekannten spektakulären Begegnungen hoher Kirchenfürsten dieser beiden Reichshälften der okzidentalen Christenheit. Evangelischerseits zieht sich von den Tagen Luthers, Melanchthons und des David Chytraeus eine Linie bis nahe zur Gegenwart, auf der eine Bemühung um ein kirchenpolitisches Bündnis mit der Ostkirche gegen das papistische Rom oft das spirituelle Bemühen um eine Wahrnehmung des Anders-Seins des östlichen Partners verdeckt und überlagert. Auf römisch-katholischer Seite übersah man fast bis zum heutigen Tage in einem bitteren Ringen um eine „Wiedervereinigung“, hier als Unterwerfung der Ostkirche verstanden, daß die Ostkirche, als gelebtes (und erlittenes) Leben, und als Theologie, mehr zu bieten hat als museale Werte, Ikonen, volkhaft-provinzielle Erstarrungsprozesse — und eben einen obstinaten Widerstand gegen Rom.
Bulgakow hat sich in seiner westeuropäischen Zeit besonders um eine Begegnung mit der anglikanischen Kirche bemüht: anglikanische kirchliche Kreise dürfen für sich beanspruchen, lange Zeit am offensten, generös, verzichtend auf machtpolitische Spekulationen, sich um Partnerschaft mit der Ostkirche bemüht zu haben. Bulgakow hat — vermittelt nicht zuletzt durch einen litauischen katholischen Priester, den er in Jalta kennenlernte — sich in den Jahren um 1923 bemüht, die petrinische Römische Kirche kennenzulernen: er stößt sie dann zurück als eine Versuchung, Versuchung zum Abfall von der Fülle der Gottheit, der Sophia.
Wenn Bulgakow intentionell einem bedeutenden religiösen Denker der westlichen Welt von innen her nahesteht, dann ist es Pierre Teilhard de Chardin. Die beiden Menschen haben nie voneinander erfahren. Der vierundzwanzigjährige Bulgakow fährt — er ist damals irgendwie noch Marxist, auf jeden Fall „Atheist“ — durch die südrussische Steppe in den Kaukasus. In der riesenhaften Einsamkeit erfährt er die Liturgie der Schöpfung, den Kosmos. „Jetzt klang es und sang und tönte zusammen in feierlichem, wundervollem Choral. Vor mir leuchtete der erste Tag der Weltenschöpfung auf. Alles schien mir klar, alles voll Harmonie, erfüllt mit klingender Freude. Das Herz wollte schier vor Glückseligkeit zerspringen. Leben und Tod existieren nicht, es gibt nur ein einziges ewiges, unbewegliches Heute… Es herrschte… ein unermeßliches und mächtiges Es, und dieses Es machte allein durch sein Dasein, durch seine Offenbarung in jenem Augenblicke alle Schranken, alle Kartenhäuser meiner ‚Wissenschaftlichkeit‘ zunichte. Und dieser kurze Augenblick einer Begegnung erlosch nicht mehr in meiner Seele, diese ihre Apokalypse, das Hochzeitsmahl, das erste Zusammentreffen mit der Sophia. Ich wußte und begriff damals nicht, was diese Begegnung versprochen hatte.“
Diese Sätze lesen sich wie eine psychische (nicht einfach nur: psychologische) Vorstufe zu den Lobgesängen des Pierre Teilhard de Chardin, die er in mongolischen Yurten, in Zentralasien und China, singt und am großartigsten in seiner „Messe über der Welt“ festhält. Pierre Teilhard erfuhr sich selbst als Denker und Beter einer Katholizität von morgen: alle Freundlichkeiten von „orthodoxen“ römischen Theologen im Heute, ihm gegenüber, können nicht verdecken, daß dieser große Einsame nicht nur bei Lebzeiten schweren und schwersten Feindschaften in seiner römisch- katholischen Kirche ausgesetzt war. Sergej Bulgakow erfährt sich selbst als Theologe, Denker und Beter einer Ostkirche, die er aus der Enge provinzieller Verhältnisse und zaristischer imperialistischer Versuchungen herausführen möchte, in die Helle eines kosmischen Gottes- und Menschentages. Bulgakow weiß sich gleichzeitig in seiner Kirche angegriffen als „der kleine russische Luther“, man denunziert seine Theologie als „Luthertum“ und ihn als „Häretiker“, zwei orthodoxe Patriarchen, der Moskauer und der Karlowitzer, verurteilen seine Sophia-Theologie als häretisch.
Pierre Teilhard und Sergej N. Bulgakow ersehnen visionär eine größere Kirche, einen größeren Christus, einen größeren Gott, eine größere Menschheit als die Vertreter der östlichen und westlichen Mauerkirche. Beide schließen sich, je auf ihre Weise, an Origenes an und verkünden eine große Heimholung der Welt, des Universums, in die Fülle der Gottheit. Das Denken und Beten beider ist eine — wenn es wirklich ernstgenommen wird — unübersehbare Einladung, ja Aufforderung an die Kirchen, sich positiv zu liquidieren, zu verflüssigen in den Prozeß der Trinität, in den Produktionsprozeß der dreifältigen Gottheit — mitten hinein.
Da in der Gegenwart eine fragwürdige „ökumenische“ Bewegtheit gerne diesen letzten, wahrhaft apokalyptischen Ernst beider Denker zu „übersehen“ geneigt ist, meist im Bemühen, sie für die Kirchenbeamten ertragbar, wenn nicht schmackhaft zu machen, sei dies hier in geziemender Offenheit angesagt.
„Ich wurde in einer Priesterfamilie geboren, in meinen Adern fließt Levitenblut seit sechs Generationen.“ Ein Popensohn also. Popensöhne entlaufen (ähnlich wie evangelische Pastorensöhne im 18. bis 20. Jahrhundert) ihren leiblichen und geistlichen Vätern, werden, als zornige junge Söhne, Revolutionäre, Philosophen, Naturwissenschaftler: erbittert über die schlechte Einpassung ihrer Väter, die das Regiment ihrer Landesfürsten, Superintendenten, Zaren, Metropoliten mit dem „Regiment Gottes“ identifizieren und mit Predigt und Weihrauch die Völker der Christenheit auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges führen.
Der junge Bulgakow erhält als Priestersohn seine Ausbildung in einer geistlichen Schule und verläßt mit vielen anderen Popensöhnen (auch Dschugaschwili, Stalin, begann in einem Seminar!) das Seminar: er wußte es damals — mit seinem Oberbewußtsein — nicht, daß er in die Welt ging, „weltlich“ wurde, um fromm, religiös bleiben zu können. Sergej studiert an der juridischen Fakultät der Universität Moskau, bereitet sich dann auf eine Professur für politische Ökonomie vor. Die beiden letzten Jahre des 19. Jahrhunderts bereist er Westeuropa, sieht (ähnlich, aber doch nicht so erbittert wie Dostojewskij) London, Paris, Berlin. Der junge Marxist Bulgakow lernt da Bebel, Kautsky, Liebknecht und andere führende Persönlichkeiten des westeuropäischen Sozialismus kennen. Zurückgekehrt nach Rußland, wird er Dozent am Politischen Institut in Kiew und, 1906, an der Universität Moskau.
Bulgakow wird von der spirituellen Welle erfaßt, die um die Jahrhundertwende in St. Petersburg und Moskau eine ergriffene russische Jugend künstlerisch, politisch, religiös zu sehr verschiedenen Experimenten bewegt. Mit Berdjájew und anderen geht Bulgakow den Weg vom Marxismus über einen philosophischen Idealismus zum Christentum. Weltkrieg und Revolution beschleunigen seine Entwicklung. Bulgakow wird 1917/18 Mitglied des kirchlichen Allrussischen Konzils (der von Peter dem Großen aufgehobenen synodalen Kirchenversammlung!), wird Mitarbeiter des neuen Patriarchen Tichon und empfängt 1918 die Priesterweihe, in Moskau, am Tage des Heiligen Geistes, am Pfingstmontag. Eine erlauchte Schar führender Geister wohnt diesem Akt bei: Ivanow, Fürst E. Trubetzkoj, Leo Schestow, Berdjájew und andere.
In den ersten Jahren nach der Revolution der Bolschewiki (der ursprünglich religiöse Sozialist Lunatscharskij ist Kommissar, also Minister, für Kultus und Unterricht, Lenin läßt bis zu seiner schweren Erkrankung zunächst weit mehr Geistesfreiheit zu — und der von Trotzkij erbittert beobachtete Aufstieg der roten Spießbürger als Diener Stalins zeichnet sich eben erst ab —) konnte es noch vorkommen, daß ein Mönch im Mönchsgewand an Debatten der Akademie der Wissenschaften in Moskau teilnahm. Der Kampf um das Erbe Lenins, der bei seinen Lebzeiten einsetzt, die jahrelangen Vorbereitungen zur Machtübernahme Stalins und die großen inneren Schwierigkeiten des vom Bürgerkrieg und von ausländischen Invasionstruppen geschundenen Landes schaffen ein immer unerträglicher werdendes Klima: 1923/24 vollzieht sich der große Exodus, der Auszug der Künstler, Dichter, Maler, Bildhauer, Philosophen, Theologen aus der Sowjetunion.
Bulgakow wird 1923 ausgewiesen, geht ein Jahr nach Konstantinopel (wo später der Ausgewiesene Trotzkij über die Erde als „Planet ohne Visum“ nachsinnen wird), geht dann nach Prag: es schien so, als würde Prag, wo der Gründer des jungen Staates, Thomas G. Masaryk, sich als Gelehrter früh mit den religiösen und politischen Geistern Rußlands befaßt hatte, die Heimstätte der geistig führenden Denker der russischen Emigration werden. Nach und neben Prag stand eine Zeitlang Dresden, dann Berlin in diesem Sinne zur Diskussion. Die wahre Heimstatt wurde jedoch Paris. 1925 beruft der Metropolit Evlogij Bulgakow nach Paris als Leiter des neuen Theologischen Instituts. Sergej N. Bulgakow wird hier als Dekan und Professor eine bedeutende Persönlichkeit, deren Ausstrahlung zunächst in England und Amerika spürbar wird. Seine umfangreichsten Werke werden erst nach seinem Tode veröffentlicht: „Das Lamm Gottes“ (Paris 1945); „Der Tröster“, „Die Braut des Lammes“ und sein letztes Werk „Die Apokalypse des Johannes“. Einen wichtigen Kommentar zu seinen theologischen Werken bilden seine autobiographischen Schriften („Das abendlose Licht“ und „Autobiographische Notizen“).
In Deutschland hat zuerst Hans Ehrenberg in seinem Sammelwerk „Östliches Christentum“, 1925, auf Bulgakow aufmerksam gemacht. Sophia, Sobornost, der kosmische Christus (panchristism), die Offenbarung als ein fortlaufender Prozeß, vom Pneuma des Heiligen Geistes gewirkt (panpneumatism) im „Christusweltall“, im „Weltall des Pneuma“: das sind die Grundmotive im symphonischen Denken Bulgakows, das sich bemüht, in größtmöglicher Offenheit (hier steht er gegen die „provinzielle“ Enge seiner östlichen Orthodoxie und gegen die geschlossene Kuppel der Peters-Kirche in Rom, gegen die „Kuppel des Papismus“) die konkreten wissenschaftlichen Errungenschaften des Westens einzubergen in eine Spiritualität, welche die östlichen Väter der Wüste mit der Zukunft — in der Vollendung des Kosmos — verbindet.
Sophia, sie ist die Urkraft, die Bewegung aller Bewegung, sie ist die Urmacht, welche den Kosmos erhält, reift, verwandelt. „Sie ist weder Himmel noch Erde, sie ist das Himmelsgewölbe über der Erde. Hier ist weder Gott noch Mensch, hier ist die Göttlichkeit selbst, das göttliche Schutzdach über der Welt.“ „Die Sophia ist ein universeller und absoluter Tempel, sie gehört der universellen Kirche und der universellen Menschheit, sie gehört der universellen Zukunft der Kirche.“ Diese Sophia hat Hölderlin erschaut, in der Kirche der Zukunft, der „Jünglingin der Zeit“.
Sobornost: Bulgakow erklärt selbst: das ganz unübersetzbare Wort sobornost kommt vom Verbum „sobirat“, das „vereinigen“, „versammeln“ bedeutet. „Sobor“ ist: Rat, Kirchenversammlung, Vereinigung, Bruderbund. Sobornost bedeutet: das große Beisammen- und Miteinandersein. Bulgakow erklärt: ich habe versucht, sobornost zu übersetzen mit dem französischen „conciliarité“, mit „Harmonie“, „Einstimmigkeit“. Bulgakow beruft sich auf Chomjakow, um seine Auffassung echter Orthodoxie zu umschreiben: wahre Orthodoxie ist sowohl dem (östlichen und römischen) Authoritarianismus (dem „päpstlichen Mythus“ der Hierarchie) wie dem hemmungslosen Individualismus entgegengesetzt: als symphonische Vereinigung, als Zusammenklang, Zusammendenken, Zusammenleben Aller (Brüder) mit allen Mitmenschen: in der Liebeskraft der Gottheit.
Der kosmische Christus, die Offenbarung als ein fortlaufender Prozeß: Bulgakow begegnet sich hier nahe mit Pierre Teilhard. Wenn die Offenbarung ein fortlaufender Prozeß ist, kann die Kirche nicht statisch, petrinisch sich einigeln. Bulgakow: „Gibt es ein Ende der Offenbarung und kann sie jemals aufhören?“ „Die Fülle der Wahrheit ist nicht ein verschlossen gehaltener Schatz, sondern ist ein Überfluß, der immerwährend in das Leben fließt und es bereichert. Daraus folgt, daß die Dogmenentwicklung in der Geschichte niemals aufhören kann. Auch sie ist dem verschiedenen Tempo der betreffenden Epoche unterworfen und von ihrem Charakter abhängig.“ „Gleichzeitig sollten wir die Tatsache niemals aus dem Auge verlieren, daß neben dem ständig fortschreitenden Prozeß der dogmatischen Definition die Geschichte selbst ein Prozeß ständig sich ausbreitender Offenbarung des Lebens ist. Neue Probleme tauchen in der Geschichte auf, und neue Offenbarung wird gegeben.“ — „Geschichte ist wesensgemäß Apokalypse — die Offenbarung Gottes durch das Getöse der Ereignisse. Für jeden Menschen ist sein eigenes Leben solch eine Apokalypse, und gleicherweise birgt jede Epoche ihre eigene Enthüllung. Die Geschichte ruft uns zu einem prophetischen Verständnis, und wir müssen auf ihren Ruf durch prophetische Einsichten und Kühnheit antworten.“
Diesen Satz, dieses Bekenntnis des orthodoxen Theologen Sergej Nikolajevic Bulgakow hat durch sein Denken, Leben und seinen Tod der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer und hat durch sein Handeln der Bergamasker Bauernsohn Giovanni Roncalli realisiert: diese drei so verschieden gearteten Persönlichkeiten überschreiten sehr weit das faktische Selbstverständnis der heutigen Körper der drei Großkirchen — in Richtung auf den sobornost der Zukunft.
Quelle: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, Stuttgart: Kreuz-Verlag 21967, S. 114-119.